Educational
016
Zitternd im Brautkleid wartete sie auf ihre Entlarvung – denn in den Augen aller Gäste war sie nur eine Hochstaplerin aus einer armen Familie. Vera. Ihr Spiegelbild war wunderschön, aber fremd. Es wirkte wie das Titelbild eines Hochglanzmagazins, nicht wie sie selbst, Vera aus dem Arbeiterquartier „Rote Mühle“, die jeden Cent zweimal umdrehen musste. Ihre Hände zitterten verräterisch auf der kalten Samtoberfläche des Schminktischs. In ihrem Inneren wuchs eine eisige Angst. Jeden Moment könnte sich die Tür öffnen und der perfekte, steife Eventmanager sie höflich, aber bestimmt hinauskomplimentieren: „Na, hast du hier etwa einen Platz für deinesgleichen gefunden? Raus, Hochstaplerin.“ Heute würde sie die Frau von Daniel König werden. Sein Name war in Frankfurt ein Synonym für Erfolg – Erbe der Haushaltswarenkette „König“, Absolvent aus Oxford, ein Mann aus einer Welt, die sie nur aus Romanen kannte. Und sie… Vera von der Vorstadt, Tochter einer Putzfrau mit rauen Händen, die nach Chlor rochen, und eines Mannes, dessen Biografie für immer von einem Gefängnisaufenthalt gezeichnet war. Die Kluft zwischen ihren Welten schien bodenlos, und sie fürchtete, hineinzustürzen – mehr noch als den fremden Ablauf der Zeremonie selbst.
Zitternd im Brautkleid stand sie da und wartete beinahe darauf, enttarnt zu werden denn in den Augen
Homy
Educational
010
DU KOMM, JA? Auf dem Weg zur Kirche wird mir schwindlig Schon beim Aufstieg zur alten Dorfkirche in den bayerischen Voralpen versagen Yaras Beine, vor Augen wird alles schwarz. Der schmale Pfad schlängelt sich den Hang hinauf – so steil, und doch fehlt jede Kraft. Yara verlässt den Weg, lässt sich erschöpft ins Gras sinken. Freundin Olga legt ihr den Rucksack unters Haupt. Die Wallfahrer und Ausflügler, teils in Tracht, mustern die ruhende Yara neugierig, steigen aber weiter geduldig zur ehrwürdigen Wallfahrtskirche empor. Jemand reicht eine Tablette. Yaras Augen öffnen sich träge, sie legt sie ohne Nachfragen unter die Zunge. Allmählich wird ihr leichter. Doch der Wille, die Kirche zu erreichen, ist fort. Yara und Olga spazieren stattdessen zum rauschenden Bergbach und kehren, schweigsam, ins Hotel zurück. Yara wirft sich aufs Bett, ohne sich umzuziehen. Traurigkeit mischt sich mit Unverständnis: „Weshalb, Herr, hast du mir den Weg zum Gotteshaus verstellt? Hast mich ausgegrenzt, mich, die Sünderin, auf dem Pfad gelassen, während die Reinen dich besuchen dürfen? Liege ich jetzt hier, mitten im Leben, um über mein Dasein nachzudenken?“ „Yara, magst du einen Tee?“ Olgas Blick ist voller Sorge. „Später, danke, Olga.“ Yara schließt die Augen, seufzt. Und wieder drängen Erinnerungen: Olga, lebenshungrig, voller Geschichten von wechselnden Liebschaften und Exmännern, ohne Kinder, aber furchtlos; stets auf der Suche nach dem Paradies, dem Happy End, vielleicht reuig im letzten Moment. „Guck mal, Yara, dich umschwärmen die Männer. Wag doch mal das Abenteuer, koste das Leben aus. Zu Hause wartet ja immer dein treuer Igor. Gönn dir mehr als Alltagstrott, trau dich was!“ Doch Yara spürt – das will sie gar nicht mehr. Diese Leidenschaft war da, damals, mit Jens. Zwei Jahre voller Rausch und Sehnsucht, mit pochendem Herzen und schmerzhaften Abschieden. Aus Liebe ging sie zurück zu Igor. Das große Glück mit Jens bleibt Erinnerung – mal bittersüß, mal schmerzend. Die Liebe zu Igor ist längst verglüht; geblieben ist Zärtlichkeit, vielleicht Mitleid. Sie sagte nie ein Wort von Jens zu Olga, ließ sie denken, sie sei die Unberührbare, die Brave. War es Gottes Wink, dass sie heute nicht ins Gotteshaus durfte? Noch immer kann sie Jens nicht vergessen, zu tief haben sich die Gefühle eingebrannt. Einmal im Leben so lieben – das reicht doch, oder? Yara seufzt, richtet sich auf. „Olga, lass uns doch Tee trinken.“ Und plötzlich klingt es leise in ihrem Innersten: „Finde Frieden in dir, reinige dein Herz. Ich liebe dich. Fang an, dich selbst zu lieben. Und dann – komm zu mir, Yara…“
DU, KOMM VORBEI Auf dem Weg zur Kirche gings mir echt mies. Die Beine von Katharina wurden ganz wackelig
Homy
Ihr Name war Lena, sie war seine ehemalige Kollegin. Wenige Stunden vor dem festlichen Abendessen rief mein Mann an und sagte: „Wir müssen reden“.
Ihr Name war Heike, sie war seine ehemalige Kollegin. Wenige Stunden vor dem festlichen Abendessen rief
Homy
Educational
010
Die schwierige Entscheidung Gräfin Agrafena Markowna sitzt mit ihrem kleinen Hund Gassi und dem Laptop auf dem Schoß im Wohnzimmer, während sie auf Skyscanner nach günstigen Flügen von Köln nach Chicago sucht. Ihr Mann, Muschik, ist strikt dagegen, dass sie zum runden Geburtstag von Ilona reist – der Frau, mit der einst eine tiefe Freundschaft und heute jahrelanges Schweigen herrscht. Inmitten von Erinnerungen an gemeinsame Jahre in Deutschland und Amerika, alten Freundschaftsgeschenken und neuen Zweifeln fragt sich Agrafena: Soll sie wirklich zum großen Fest ihres Ex-Lebens aufbrechen? Als sie sich doch für die Reise entscheidet, läuft alles schief: Flugverspätung, verlorenes Kleid und eine Hotelsuche mitten in Chicago. Dennoch schafft Begleiterin Lena, die alte Studienfreundin, neuen Mut – und Agrafena steht am Abend der Feier plötzlich vor Ilona. Als ein Notfall die Party überschattet, wächst Agrafena über sich hinaus: ein beherztes Eingreifen, ein Stück Klarheit – und ein endgültiger Abschied von einer vergangenen Freundschaft. Zurück in Köln wird ihr klar: Manche Reisen führen nicht zurück, sondern endgültig weiter.
Schwierige Entscheidung Agnesa Margarethe, in der Nachbarschaft nur Gräfin genannt, saß mit ihrem kleinen
Homy
Educational
05
WEDER MIT DIR, NOCH OHNE DICH… -Niemals schwören. Niemals. Schwörst du ewige Liebe, und das Leben bringt eine neue Liebe, der du dich nicht entziehen kannst. Das Leben ist eben unberechenbar. Also: Liebe einfach, freue dich, lebe einfach – meinte Vera Andresen, dass sie kluge Lebensweisheiten an ihre Tochter weitergibt. – Neue Liebe? Mama, wie soll das gehen? Für mich ist das Verrat am geliebten Menschen, – entgegnete Anna überrascht ihrer Mutter. – Anna, vielleicht ist es Verrat, Betrug. Aber… Wie soll ich es dir erklären? Die Liebe verschwindet. Man kann sie nicht aufhalten. Nicht festhalten. Man wird gleichgültig gegenüber dem Menschen, den man einst so sehr geschätzt, verehrt hat. Einen zurückliegenden Zustand wiederherstellen zu wollen, ist wie Wasser auf Sand in der Wüste zu gießen. Zwecklos. So ist das manchmal, Anna… Dann kommt ein neues Gefühl. Kann wie Stromschlag sein. Die alte Liebe ist vorbei, die neue beginnt zu fließen. Und man versteht nicht, warum. Warum plötzlich der Funke überspringt. Es ist schmerzlich und süß zugleich. Wie mit einer zerstörerischen Leidenschaft umgehen? Man trifft den Menschen, der das Eigene ist, und alles andere wird fad. Es ist Chemie der Gefühle. Wie beschreibt man zum Beispiel die Farbe Rot? Unmöglich. Es gibt keine Worte. Mit Gefühlen ist es genauso, – seufzte Vera schwer. Anna betrachtete ihre Mutter aufmerksam. Es schien ihr, als spricht die Mutter von sich selbst, von einer geheimen Liebe. – Seltsame Dinge sagst du, Mama. Aber ich werde versuchen, dich zu verstehen, – murmelte Anna und verließ den Raum. – Ich hoffe es… – Vera umarmte ihre Tochter liebevoll. …Wie soll ich meiner Tochter, wie mir selbst erklären, dass es nicht zählt, wie lange du mit deinem Mann oder deiner Frau zusammen warst – ein Jahr oder zwanzig… Wie viele Schicksalsschläge ihr gemeistert habt… Wie viele Kinder ihr gemeinsam habt… Es spielt keine Rolle… Plötzlich erscheint dieser eine Mensch. Und du fällst freiwillig in sein Leben hinein. Und du denkst: Wie konnte ich so lange ohne ihn leben? Wie nur? Vera blickte irgendwie resigniert aus dem Fenster. Wie geht es nun weiter? Diesen Mann konnte sie nicht vergessen. Er war da, und das ließ sich nicht ändern. Er war wie ein Splitter im Herzen. Nicht wegzudenken. Keine Psychologen der Welt könnten helfen. Es ist eben Liebe… „Ich bin an nichts schuld. Ich habe niemanden gesucht. Erik hat mich gefunden. Er lässt mich nicht los. Ich bin oft vor ihm weggelaufen. Zwecklos. Seine Berührungen verursachen Gänsehaut. Es ist wohl das Schicksal. Es soll so sein.“ Vera beschloss, ihrem Mann nichts von der Trennung zu sagen. Sie würde heimlich ihre Sachen packen und zu Erik in eine andere Stadt ziehen. Dort würden sie sich ein gemeinsames Nest bauen. Erik bittet sie schon lange zu kommen. Die Liebe ist gereift… Ihr Mann würde vermutlich den Grund für ihre Flucht ahnen. Seit einem halben Jahr legt Vera abends das Handy unter das Kopfkissen, nimmt es sogar mit unter die Dusche, lässt es nie aus der Hand… Ihr Mann ist klug, er wird es verstehen… „Meine Tochter ist korrekt. Sie hat sich ihren Mann ausgesucht, und damit basta. Früh geheiratet. Und sie drängt nicht nach links und rechts. Sie ist wie ein Fels in der Brandung. Anna hängt an ihrem Mann wie das Fädchen an der Nadel. Eine Familie ohne Schönheitsfehler. Sie hat einen Sohn geboren und all ihre Liebe in ihn gesteckt. Er ist zwar weniger nach ihr, eher ein Unruhegeist. Aber das Leben wird ihn schon formen, alles zurechtrücken.“ Vera Andresen machte sich schließlich auf den Weg – zu ihrer großen Liebe. Für immer. Doch das Leben machte ihr einen Strich durch die Rechnung. Hart, unwiderruflich. Als hätte es sie mit Brennesseln geschlagen. Ihr Mann erlitt einen Schlaganfall und war nun hilflos wie ein kleines Kind. Früher war jedes Unglück mit ihm nur halb so schlimm… Vera schwankte zwischen Geliebtem und Ehemann. Erik konnte sie nur anrufen. Es gab Momente bitterer Verzweiflung, völliger Lähmung. Sie hatte keinen Kopf mehr für Liebe, Leidenschaft, für gar nichts… Das Leben stand Kopf… Der Ehemann tat ihr unendlich leid, Erik konnte sie jedoch nicht vergessen (ihre Gefühle für ihn wurden nicht schwächer, im Gegenteil, sie nahmen zu). Die Tochter, die das seelische Leid ihrer Mutter beobachtete, sagte: – Mama, ich kümmere mich um Papa. Du sollst dein Leben leben… Vera weinte, umarmte Anna und flüsterte: – Danke, Anni. Du bist so klug. Noch am selben Abend stand Vera am Bahnhof, wartete auf den Zug. …Das Wiedersehen mit Erik. Tränen der Freude, hungrige Küsse, belanglose Gespräche. – Hallo, mein Schatz, – klammerte sich Vera an Erik, ließ ihn lange nicht los. – Veronika, ich habe so auf dich gewartet, – Erik küsste die Hand seiner Geliebten heiß. …Die Nacht war märchenhaft. Bodenlos. Leidenschaft, Zweisamkeit, Gänsehaut, unstillbare Sehnsucht… Die Laken kennen ihre Seufzer… Wo ist der Himmel? Wo die Erde? Als wäre es das letzte Mal… Ach, wie sehr war dieses flüchtige Treffen nötig! …Doch drei Tage später saß Vera am Bett ihres reglosen Mannes… Wischte ihm und sich selbst die Tränen ab…
WEDER MIT DIR, NOCH OHNE DICH Schwöre niemals etwas. Auf gar keinen Fall. Schwörst du ewige Liebe, und
Homy
Educational
012
Unverhofftes Glück An der Universität hätte niemand auch nur geahnt – und niemand hätte es geglaubt –, dass Valeria Iljinitischna, hochgeschätzte Dozentin und Institutsleiterin mit untadeligem Ruf, mit einem hoffnungslosen Alkoholiker verheiratet war. Dies war ihr trauriges Geheimnis und ihr bitteres Schicksal. … Valeria Iljinitischna, Dozentin, engagierte sich vollkommen in ihrer Arbeit, geschätzt und respektiert von Kolleginnen wie Kollegen. Nach außen hin galt sie als souveräne, glückliche Frau – in jeder Hinsicht. Wie sollte es anders sein, wenn sogar ihr Ehemann sie regelmäßig am Akademieeingang abholte und sie Arm in Arm nach Hause gingen? „Ach, Frau Dr. Iljinitischna, Sie sind wirklich eine glückliche Frau! Ihr Mann – so gepflegt, aufmerksam, gebildet und charmant…“, schwärmten die jüngeren Kolleginnen. „Ach, Mädels, beneidet nicht zu früh…“, wehrte Valeria lachend ab. Doch sie allein kannte die Wahrheit: Zu Hause verwandelte sich der angeblich so kultivierte Viktor in einen völlig anderen Menschen. Er betrank sich regelmäßig hemmungslos, kam, besser gesagt, kroch schmutziger als jeder Dreck nach Hause, schaffte es nicht, den Schlüssel ins Schloss zu stecken, klingelte, fiel vor der Tür um und schlief betrunken ein. Valeria zog ihn fluchend ins Haus, deckte ihn mit einer Decke zu und ging dann an ihre Dissertation – erst die zur Promotion, dann die zur Habilitation. Sie stellte ihm stets einen großen Krug Wasser bereit, sonst würde er nachts durchs ganze Haus brüllen: „Valerka! Wasser! Gib mir Wasser!“ Am Morgen stieg Valeria über den schlafenden Ehemann hinweg, verließ ruhig das Haus und lehrte an der Hochschule Vernunft, Güte und Beständigkeit. Dieses Theater wiederholte sich Woche für Woche, Monat um Monat… An manchen Abenden aber stand Viktor wie ausgetauscht, frisch gewaschen und gebügelt, am Akademieeingang und erwartete seine Frau. Wenn Valeria dann, umringt von Kolleginnen, herauskam, küsste er sie höflich auf die Wange: „Na, wie war dein Tag, Valerija?“ „Ganz in Ordnung, Viktor. Komm, wir gehen nach Hause“, seufzte Valeria leise. Die Kolleginnen blickten ihnen bewundernd nach: „Frau Dr. Iljinitischna hat wirklich Glück…“ Zu Hause schwieg Valeria dann aus Prinzip, denn sie wusste: Schweigen verletzt mehr als Worte. Doch Viktor hatte sich mit den Jahren an diese stumme Strafe gewöhnt und verschwand gleich nach dem Heimkommen „noch kurz weg“. An seiner Trinkerei änderte das nichts. …Valeria und Viktor waren seit 28 Jahren verheiratet. Am Anfang war es eine zärtliche Liebe, doch irgendwann zerrann sie leise, wie Daunen aus einem alten Kopfkissen. …Jahrelang hatten sie vergeblich auf ein Kind gehofft. Als endlich ihr Sohn Dima geboren wurde, wurde er Valerias Lebenssinn. Das Geld war immer knapp, Viktor überließ alle Verantwortung dem Alltag und der Erziehung Valeria, während er nur darauf achtete, seinen Alkohol zu verstecken. Abends war Valeria vor Erschöpfung am Ende, daher fiel ihr das Elend ihres Mannes lange nicht auf. Erst als sie zufällig eine Flasche Wodka auf dem Balkon fand… „Viktor? Wem gehört die?“ – „Rate mal…“, scherzte Viktor. So begannen die Streitereien, Tränen, Bitten, Drohungen…wie aus dem Lehrbuch. …Über die Jahre fand Viktor hier und da eine Anstellung, verlor sie aber stets wegen seiner Trinkerei. Auf ihren Mann war kein Verlass. An Scheidung dachte Valeria nicht, ihre Mutter hatte ihr eingeschärft: „Kind, man heiratet nur einmal! Der erste Mann ist Gottes Wille, der zweite… na, darüber reden wir lieber nicht. Lieber ein Strohmann als gar keiner…“ Valeria konnte sich einen Teufelsmann nicht vorstellen. Sie stieg weiter die Karriereleiter empor, hoffte aber nur noch auf sich. Ihren Sohn Dima liebte sie über alles – ein lebensfroher, charmanter Junge, der viel Liebesglück und Wechsel kannte. Besonders eine, Anja, blieb fünf Jahre lang, sie wurde fast schon zur Schwiegertochter. Valeria hoffte auf eine Hochzeit und Enkelkinder, doch Dima brachte plötzlich eine neue Freundin nach Hause. Als nach einigen Turbulenzen alle gegangen waren, kehrte Dima alleine zurück. Erst dann gestand er seiner Mutter, dass Anja bereits Kinder aus erster Ehe hatte – ein lang gehütetes Geheimnis. …Ein Jahr später starb Viktor an Leberzirrhose. Auf dem Friedhof gestand Valeria ihrem Sohn: „So viel Kummer und Lebenszeit habe ich an deinen Vater verloren… Und doch würde ich alles wieder auf mich nehmen, wenn ich ihn nur zurückholen könnte. So verrückt ist die Liebe…“ Ein weiteres Jahr verging, Valeria ging in Rente. Sie fühlte sich einsam, Dima war mit seinen Frauen beschäftigt. An Silvester saß Valeria allein vor dem Fernseher, als es plötzlich an der Tür klingelte. Anja stand da, an ihrer Seite ein kleines Mädchen. In dieser Nacht wurde für Valeria ein Wunder wahr – sie erfuhr, dass die kleine Veronika ihre leibliche Enkelin war. Anja bat sie, das Kind für eine Weile aufzunehmen – und verschwand am nächsten Morgen. Veronika wuchs bei Valeria auf, nannte sie liebevoll „Oma“ und Dima „Papa“. Die Jahre vergingen, Anja blieb verschwunden, aber Valeria hatte ihr unverhofftes Glück gefunden.
Weißt du, an der Universität hätte keiner der Kollegen auch nur geahnt, dass Marianne Feldmanns Ehemann
Homy
Educational
07
Verloren im Bann der Liebe – Katja, bitte überleg es dir gut! Er ist erst achtzehn, du schon sechsundzwanzig! Was für ein Paar – das wird was zum Anschauen. Was kann er dir bieten? Nur endlose Probleme, das ist klar. Deine Kollegen werden dich auslachen: Die Lehrerin verliebt sich in ihren Schüler, wo gibt’s denn sowas? Kündige lieber von selbst an deiner Schule, bevor man dich wegen Sittenlosigkeit rauswirft, malte meine Mutter das ganze Drama aus. Doch ich konnte nur heulen. Denn so kam es, dass Igor und ich uns verliebten. Ja, er ist deutlich jünger und außerdem mein Schüler. Aber in einem Jahr macht Igor sein Abitur, dann heiraten wir und keiner achtet mehr auf den Altersunterschied. Ich musste einfach nur warten. Ich konnte mich nicht von ihm trennen – Igor war meine erste Liebe. Die Sorge meiner Mutter, dass alle etwas von unserer Beziehung ahnten, war übertrieben. Igor und ich trafen uns heimlich. Trotzdem wusste ich: Wenn das rauskommt, weiß es die ganze Schule sofort. Aber ich konnte nicht anders, schmolz in seinen Armen dahin, genoss jeden seiner Blicke. Ich wusste – als Lehrerin gab ich ein schlechtes Vorbild ab. Gerade meine Mutter, selbst Pädagogin, verstand mein Verhalten nicht. Ich bereute es, ihr von meiner bittersüßen Freude erzählt zu haben – denn Unterstützung fand ich bei ihr nicht. Wie oft schon hatte ich mir in Gedanken eine Trennung von Igor ausgemalt. Doch sobald ich ihn sah, setzte mein Herz aus und der Verstand aus. Verbot hin oder her – ich liebte ihn. Igor war ein Einser-Schüler, sportlich, vernünftig. Die Mädchen aus seiner Klasse himmelten ihn an. Heimlich war ich eifersüchtig – glücklich, aber auch unsicher. Dann, am letzten Schultag, begann für Igor das Studium. Und ich … wurde schwanger. Meine Mutter bemerkte sofort die Veränderung an mir: „Na super, jetzt hast du dein Pärchen. Willst du das Kind etwa bekommen? Du hast nicht auf mich gehört, selbst schuld!“ – „Nein, ich will es behalten“, entgegnete ich. So kam unsere Tochter Swetlana zur Welt. Igor aber drückte sich vor der Verantwortung, das Studium war ihm wichtiger, und er ging auf Abstand. Schließlich trennten sich unsere Wege. Ich fiel aus allen Wolken und blieb mit der Kleinen allein zurück. Erzählen konnte ich davon niemandem – über die Lehrerin und ihren Schüler hätten doch sowieso alle getuschelt und mich ausgelacht. Meine Mutter tröstete mich: „Ich merke, mit Igor läuft es nicht mehr. Kopf hoch, Katja – auch im Aschenglut kann noch eine Funken glimmen. Alles wird gut, du wirst sehen.“ Zwei Jahre vergingen ohne Igor. Dann begegnete mir Alex, der Junge mit dem Dackel. Wir lernten uns beim Spazierengehen kennen – ich mit Kinderwagen, er mit seiner kleinen Hündin Hanni. Ein netter, humorvoller Typ mit besonderer Ausstrahlung. Mit Alex wurde alles leicht. Wir ließen Sweta und Hanni bei meiner Mutter, gingen zusammen ins Kino oder Café. „Geht ruhig aus, ich passe gern auf“, freute sich meine Mutter. Sweta und ich zogen bei Alex ein. Es war ruhig und schön mit ihm, frei von Aufregung. Irgendwann rief meine Mutter an, ganz durcheinander: „Katja, Swetas Vater war eben da. Hat getobt und eure Adresse verlangt. So ist er eben, dein ehemaliger Schüler – außen samtig, innen ein Kratzer.“ Bald stand Igor tatsächlich vor der Tür: „Du hast einen Mann gefunden, der mein Kind erzieht – mit welchem Recht?“ – „Igor, du hast Sweta freiwillig aufgegeben. Was willst du also?“ Igor versuchte die alte Zeit zurückzuholen, aber ich blieb hart: „Alex hat mir geholfen, dich zu vergessen. Danke für alles, aber es ist vorbei.“ Als Alex von Igors Besuch erfuhr, nahm er’s locker und machte mir beim Abendessen einen Heiratsantrag. Im Sommer feierten wir Hochzeit, Alex adoptierte Sweta und bald kam unser Sohn Maxim zur Welt. Igor hörten wir nur noch von Weitem – angeblich hatte ihn eine Kommilitonin, die er geheiratet hatte, mit Kind verlassen. Die Jahre vergingen wie im Flug, wir bekamen graue Schläfen. Sweta heiratete einen Italiener, nahm den Nachwuchs von Dackeldame Hanni mit: „Wenigstens ein Stück Heimat im Ausland.“ Unser Sohn Maxim, nun zweiundzwanzig, ist in seine Literaturdozentin verliebt – offenbar basiert das auf Gegenseitigkeit. Wiederholt sich da etwa meine Geschichte? Akzeptieren oder abraten? Aber aus Erfahrung weiß ich: Liebende sind nicht zu stoppen. „Maxim, entscheide selbst. Wichtig ist nur: Sei ehrlich zu ihr, mach sie nicht lächerlich. Überlege gut.“ – „Mama, ihr seid für mich das beste Vorbild. Danke, dass ihr keine Vorträge haltet“, meinte Maxim und drückte mir einen Kuss auf die Wange. Maxim und Marina heirateten, schon bald kam ihre Tochter Zoya zur Welt. Der Liebe kann man einfach nicht entkommen…
SICH DER LIEBE FÜGEN Anna, komm zur Vernunft! Dein Auserwählter ist gerade mal achtzehn, du bist sechsundzwanzig!
Homy
Die Vorwürfe meiner Mutter, dass ich meinem kranken Bruder zu wenig helfe, trieben mich nach der Schule zur Flucht – wie ich Lyon verließ, um endlich für mich selbst zu leben.
Meiner Mutter vorzuwerfen, ich helfe nicht genug bei meinem kranken Bruder, trieb mich letztlich dazu
Homy
Educational
08
Mein Leid, mein Glück – „Anna, wie lange willst du noch trinken? Ich bin erschöpft vom Retten. Was muss ich tun, damit du dem Alkohol für immer abschwörst? Sieh dich doch an – du bist nur noch ein Schatten deiner selbst!“, flehe ich meine Frau, mal wieder, in unserer Altbauwohnung mitten in Berlin an. Doch wann und wen hat das je aufgehalten? Anna wird mir gleich versprechen, nie wieder einen Tropfen zu trinken – bis alles von vorne beginnt… „Egon, du musst mich nicht retten. Reg dich nicht auf, ich hab doch nur ein bisschen getrunken. Meine Freundin hat angerufen, wir haben gequatscht und eine Kleinigkeit getrunken…“, lallt Anna. Sie kann kaum noch sprechen. Anna taumelt ins Schlafzimmer, stürzt erschöpft aufs Bett. Ich erinnere mich daran, wie ich sie schon oft wie einen nassen Sack in unser Bett getragen habe. Danach wandere ich meist einen Tag lang allein durch unsere Wohnung. Nach dem Aufwachen versucht Anna, sich zu entschuldigen: „Verzeih, Egon. Ich habe mich hinreißen lassen. Meine Freundin hat mich am laufenden Band zu absurden Trinksprüchen gezwungen…” Zuerst bin ich wütend, dann versucht Anna, die Wohnung zu putzen, kocht uns ein köstliches Essen, alles mit dem Charme einer echten Ehefrau. Das Mittagessen ein Fest, abends flanieren wir durch die Stadt, kaufen Leckereien, und nachts gehört sie wieder nur mir. Doch nach ein, zwei Wochen kehrt der Teufelskreis zurück: Anna wird launisch, gereizt und fällt wieder in alte Muster zurück. Dieses Ehe-Drama geht nun schon seit Jahren so. Wir kennen uns, seit wir sieben sind, haben jahrelang dieselbe Schule in Hamburg besucht. In der Oberstufe gestand ich Anna meine Liebe. Sie erwiderte sie. Ein Kind hätten wir haben können, aber Anna ging lieber an die Uni. Unsere Wege trennten sich für zehn Jahre. Beide gingen wir eigene Wege, heirateten andere Menschen. Wiedersehen bei einem Klassentreffen – das alte Feuer lodert sofort wieder. Doch es dauert fünf Jahre, bis unsere Leben sich erneut kreuzen. Anna ruft mich weinend an: „Egon, bitte triff dich mit mir. Ich habe mich scheiden lassen – mein Mann hat mich ständig wegen meiner Kinderlosigkeit gedemütigt.“ Ich tröste Anna, so gut ich kann, und bald ziehen wir zusammen in eine kleine Wohnung in Frankfurt. Mit einem guten Job gelingt es mir, Anna jeden Wunsch zu erfüllen, gemeinsam schaffen wir es zu Wohlstand, kaufen uns eine schicke Eigentumswohnung und einen Neuwagen. Anna muss nicht arbeiten, lebt ihr Leben zwischen Schönheitssalon und Küche – ich bin stolz auf meine gepflegte Frau. Doch dann beginnt sie zu trinken. Immer mehr. Die Familie droht zu zerbrechen. Freunde und Arbeit interessieren Anna nicht mehr, sie trinkt allein weiter. Hinzu kommt der frühe Tod ihres Bruders durch Drogen – ein Schicksalsschlag, von dem sie sich nicht erholt. Ich halte es zu Hause kaum noch aus, Anna weigert sich, sich behandeln zu lassen: „Mach mich nicht zur Alkoholikerin! Du hast wenigstens eine Tochter, aber ich bleibe kinderlos. Niemand versteht mich.“ Ich halte es nicht mehr aus und beginne schließlich eine Affäre mit einer 25-jährigen, lebensfrohen Frau. Zwei Jahre lang bleibe ich bei ihr, doch meine Gedanken und mein Herz sind bei Anna. Niemand außer mir kann sie vor dem Abgrund bewahren. In der Sehnsucht nach meiner zerbrechlichen Frau verlasse ich meine junge Geliebte und kehre zu Anna zurück. Anna ist mein Leid – und mein Glück.
MEIN UNGLÜCK, MEIN GLÜCK Katrin, wie lange willst du denn noch trinken? Ich kann einfach nicht mehr
Homy
Educational
09
Knopf – Rettung am Zebrastreifen Der Schnee an jenem Abend war alles andere als festlich – nass, klebrig, kaum beachtenswert, erschwerte das Gehen und versteckte die Pfützen unter einer dünnen Kruste. Sergej kam von der Spätschicht und dachte nur an eins: heimkommen, den Wasserkocher anschalten, Tee trinken, sich ins Bett legen, das große Licht auslassen. Er hatte längst gelernt, die Reize zu minimieren: weniger Licht, weniger Lärm – dann geht es leichter. Am Straßenkreuz, direkt beim „Edeka“, sah er einen Hund. Sie saß zwischen den Fahrspuren, fast unter dem Scheinwerfer eines Lieferwagens: rostrot, nass, zusammengerollt wie ein kleiner Ball. Die Hündin zitterte und schaute nicht auf die Autos, sondern ins Dunkel – dorthin, wo vielleicht einmal ihr Zuhause war. „Hey“, sagte Sergej. „Hey, du da.“ Die Ampel zeigte Rot, die Autos hielten. Sergej trat auf die Fahrbahn, dann noch einen Schritt. Die Hündin hob den Kopf und versuchte zum Bordstein zu robben, aber ihre Beine verweigerten den Dienst. Sergej zog den Schal ab, wickelte sie fest ein wie ein Kind und drückte sie an die Brust – ein warmer, schwerer Fellknäuel, der nach nassem Fell und Angst roch. Aus einem Auto wurde gerufen: „Nimm sie von der Straße!“, die Autos hupten. Sergej reagierte nicht und ging ruhig zum Gehweg. So trug er sie hinweg, ohne an den nächsten Tag zu denken. Der erste Abend zuhause Im Treppenhaus drehte die Hündin sich bei jedem Schatten um, und vor Sergejs Tür verhielt sie sich so still, als ob sie Angst hätte, zu laut zu atmen. Er trocknete sie mit einem Handtuch ab, stellte einen Napf mit warmem Wasser bereit und ließ ein Stück gekochtes Hähnchenfleisch auf dem Küchentisch – das Einzige, was im Kühlschrank hundetauglich war. Die Hündin fraß vorsichtig, wie eine wohlerzogene Besucherin auf einer fremden Feier. Als der Napf leer war, setzte sie sich Sergej gegenüber und seufzte leise, den Kopf auf seinen Knien. Ihm wurde ganz eng ums Herz – wie eine Hand, die endlich wieder etwas Lebendiges hält. „Du brauchst einen Namen“, sagte er. „Aber nicht ‚Rostie‘, das ist zu langweilig.“ Die Hündin klopfte mit dem Schwanz sanft auf das Linoleum – einmal, zweimal, dreimal – und stupste dann plötzlich mit der feuchten Nase seine Hand. Auf seiner Handfläche: eine alte Schwiele, rund wie ein Knopf. „Knopf“, murmelte er. „Du bist Knopf.“ Der Name war sofort da, und er wollte ihn nicht mehr ändern. In der Praxis Am Morgen brachte Sergej Knopf in die Tierarztpraxis. Im Wartezimmer roch es nach Medizin und Desinfektionsmittel. In den Netzwerken fand er keine Vermisstenanzeige, einen Chip hatte Knopf auch nicht. Der Arzt, grauhaarig und müde, sagte: „Unterkühlt, Pfote geprellt, unterernährt. Temperatur etwas niedrig, leicht dehydriert. Die Augen sind klar, Reaktionen erhalten. Sie wird’s schaffen.“ Sergej nickte: Hauptsache, sie kommt durch. Das reichte. „Vorsicht bei Treppen,“ gab der Arzt ihm mit. „Und das Futter erstmal schonend.“ Sergej ging zu Fuß heim, Knopf in den Armen. Sie wog kaum etwas – zumindest verglichen mit dem, was er das letzte Jahr im Herzen trug. Seit dem Tod seiner Mutter war die Wohnung zu groß und leer geworden, wie ein Mantel im Sommer. Jetzt schien sie wieder zu passen. Neuer Alltag Mit Knopf bekam Sergej einen Stundenplan, den man nicht auf „morgen“ verschieben kann. Früh – raus in den Hof, abends – nochmal, mittags – nochmal zum Tierarzt, die Pfote kontrollieren lassen. Sergej kam öfter an der Kinderspielplatz vorbei, hörte den Bus an der Haltestelle ausatmen, roch frisches Brot vom Kiosk. Im Hausflur wurde er erkannt: „Ist das Ihre Rote? Tolles Mädchen.“ Frau Niemeyer vom sechsten hörte auf, wortlos an ihm vorbeizuschleichen. „Darf ich sie streicheln?“ fragte sie und setzte sich, ohne auf Antwort zu warten, neben ihn, fuhr der Hündin übers Fell. „Meine Enkelin wünscht sich einen Hund, aber mein Sohn ist allergisch. Dann genieße ich wenigstens diesen Moment.“ Sergej schmunzelte nur – der Schmunzler war heiser. Knopf saß neben der Bank, bewegte sich kaum, hörte den Gesprächen zu – über eingelegte Salate, den langen Winter, die neuen Verkäuferinnen bei Edeka: freundlich, aber Preise zum Heulen. Passanten hörten auf, lächelten, fragten nach ihrem Namen. – Knopf, antwortete Sergej. Und je öfter er das sagte, desto klarer wurde ihm: Im kurzen „Knopf“ steckt eine ganze Geschichte. Schritte zu den Menschen Knopf übernahm eine weitere Aufgabe: Sie zog Sergej aus der Wohnung, wenn er sich wieder in endlosen Kleinigkeiten zu verlieren drohte. Das Aufstehen wurde leichter. Der Wasserkocher lief öfter. Auf der Fensterbank standen zwei neue Blumen – Ableger von Frau Niemeyer. Sergej erstellte sich eine Kontaktliste im Handy und rief seine Schwester an, zum ersten Mal seit zwei Jahren. Das Gespräch war kurz und holprig, aber er spürte: Die Verbindung beginnt neu zu wachsen. Abends ließ Sergej den Fernseher aus, Knopf lag neben ihm, den Kopf auf seinem Pantoffel, und ihr genügte, dass er da war. „Du sprichst nicht“, dachte er, „aber mit dir wird die Stille nie drückend.“ Das half auf seltsame Weise. Park und Frühjahrsputz Eines Tages führte Knopf Sergej in den Park. Auf der einen Seite hingen Vogelfutterstellen, auf der anderen tranken Leute warmen Tee und wärmten die Hände an Blechtassen. „Wir machen heute Frühjahrsputz“, erklärte eine junge Frau mit Mütze. „Futter für die Vögel, die Häuschen sauber machen. Kommen Sie ruhig dazu – mit Hund macht’s mehr Spaß.“ Er wollte schon absagen, aber dann sah er, wie Knopf eine Meise auf dem Ast beobachtete. „Wenn ihr das gefällt – bleiben wir“, dachte er und half mit. Streute Körner nach, reinigte Halterungen, begradigte ein Dach. „Da haben wir ja unseren Handwerker“, lachte die Frau. „Sergej,“ sagte er. „Lena,“ antwortete sie. Und der Winter schien plötzlich kürzer. Nachricht von der Tochter Nachts kam manchmal die Einsamkeit. Sie kroch lautlos an sein Bett, ließ die Wohnung gewaltig erscheinen. In einer solchen Nacht hob Knopf plötzlich den Kopf, jaulte leise, ohne aufzustehen – fast wie ein Lied. Sergej legte die Hand auf ihren Hals – dort war’s warm wie am Henkel vom Teekocher. „Ich bin da“, flüsterte er. Am Morgen stand in seiner Kontaktliste eine neue Zeile: „Alina – Tochter“. Er hatte ihr lange nicht mehr geschrieben, die richtigen Worte gefürchtet. Dann jedoch schickte er ein Foto: Knopf im Schnee, dazu – „Das ist Knopf. Zufällig gefunden.“ Die Antwort kam am selben Tag: „Papa, sie ist wunderschön. Darf ich Samstag kommen und sie anschauen?“ Sergej las die Nachricht dreimal. Verschwunden Am Freitag war Knopf plötzlich weg. Sergej hatte sie kurz vorm Haus gelassen, um beim Umtragen eines Schranks zu helfen. Als er zurückkam, war von der Bank niemand mehr da. Der Schnee fiel in dicken Flocken, dort, wo sonst runde Spuren waren, war es glatt, als hätte jemand alles ausgewischt. Sergej suchte den Hof ab, schickte Foto und Beschreibung in die Hausgruppe, schrieb Lena aus dem Park, Frau Niemeyer, sogar dem grimmigen Nachbarn vom fünften. „Rostrote Hündin vermisst, Name Knopf. Freundlich, aber schreckhaft bei lauten Geräuschen. Bitte anrufen, falls gesichtet.“ Das Telefon stand nicht still. Der Hof erwachte: Jugendliche durchkämmten die Garagen, Lena mit Freunden den Park, Frau Niemeyer stand im Eingang, verteilte Merkzettel. „Hunde sind klug, sie findet Sie!“, beruhigte sie Sergej. Sergej durchstreifte die Häuser, horchte bei jedem Geräusch. Plötzlich schrillte es im Kopf – wie eine Autohupe am Zebrastreifen, wenn Fahrer nervös werden. „Ich habe sie nicht beschützt“, schoss es ihm durch den Kopf. Und mit ungeheurer Deutlichkeit wurde ihm klar: Am meisten fürchtete er, wieder allein zu sein. Gefunden beim Kiosk In der Nacht wurde Knopf gefunden – beim Bäcker-Kiosk, wo Sergej jeden Morgen die frischen Brötchen holte. Die Verkäuferin rief Frau Niemeyer an: „Suchen Sie eine Hündin? Da sitzt unter meinem Tresen eine rostrote Prinzessin, geht nicht weg. Sie scheint auf jemanden zu warten.“ Sergej rannte hin, rutschte fast auf dem Eis aus. Knopf kauert unter dem Tresen – zwischen Backwaren und Mehlsäcken. Sie stürzte sich nicht auf ihn, ging einfach zu ihm, drückte die nasse Nase in seine Hand und seufzte schwer. Ihm schnürte es die Kehle zu. Er hockte sich hin, stieß die Stirn an ihre. „Gefunden“, murmelte er. Als sie hinaustraten, fiel dichter Schnee-Regen. Doch unter der nassen Kälte spürte Sergej zum ersten Mal seit langem keinen Frost mehr. Neben ihm lief jemand, der den Heimweg genauso gut kannte wie er. Wiedersehen mit der Tochter Am nächsten Tag kam Alina. Auf der Türschwelle stand eine junge Frau, die Sergej in jung erinnerte – dieselben dichten Brauen, dieselbe Art zu blicken. Knopf kam vorsichtig, beschnupperte ihre Hand und legte sorgsam den Kopf hinein, als wolle sie ihr ein leises „Ich vertrau dir“ schicken. „Das ist Knopf“, sagte Sergej, als hätte seine Tochter kein Bild gesehen. „Sie…“ „Sie ist wunderschön“, sagte Alina. „Und sehr ernst.“ Sie tranken Tee, sprachen über Kleinigkeiten. Den neuen Edeka, Alinas Kaktus, Sergejs neuen Ablauf. Irgendwann fragte Alina, wie das überhaupt passiert sei, und plötzlich erzählte Sergej alles – vom Zebrastreifen, von der Praxis, vom Park, von den Nächten der Leere, von der Suche, von der Erkenntnis vom Vorabend. „Was für eine Erkenntnis?“ „Dass nicht ich sie gerettet habe. Nur an dem einen Abend, vielleicht. Aber dann hat SIE mich gerettet: vor der Einsamkeit, vor dem Schweigen, vor einem leeren Kühlschrank, vor Stille in der Wohnung – wenn ein Tag vergeht, an dem niemand mit dir spricht. Ihr Name ist Knopf – und als sie kam, fühlte es sich an, als hätte jemand das Licht eingeschaltet. Ich wusste wieder, ich bin nicht allein.“ Alina schwieg einen Moment, fragte dann: „Papa, darf ich öfter kommen, mit euch spazieren?“ Sergej nickte. Knopf seufzte leise und rollte sich auf die andere Seite – als gehörte das längst in ihren gemeinsamen Zeitplan. Jeder Tag Der Frühling kam heimlich. Die Schneehaufen schmolzen, der Hof war kahl wie nach dem Friseur. Beim Kiosk wurde kein Tee mehr verkauft – es war warm geworden. Sergej bekam kleine Aufgaben: Wasser im Napf wechseln, im Haus-Chat melden, wenn ein Hund verloren oder gefunden war, Lena bei den Futterstellen helfen – nun zusammen mit Alina. Er kaufte einen großen Futtersack und brachte ihn ins Tierheim. Mit Frau Niemeyer pflanzte er Tagetes vor den Eingang. Knopf lief zwischen ihnen herum, wie eine kleine Brigadierin, und passte auf, dass niemand faulenzte. Manchmal erwischte Sergej sich, dass er laut mit ihr sprach. „Knopf, heute Park oder Fluss?“ – „Meinst du, sie sind da?“ – „Knopf, weißt du, wie toll du bist?“ Die Nachbarn lächelten. „Ganz toll“, bestätigte Frau Niemeyer. Abend vor dem Haus An einem Abend, schon in der Dämmerung, kamen Sergej und Knopf zurück. Im Hof roch es nach feuchter Erde; irgendwo dribbelte ein Junge den Ball; aus einer Wohnung klang immer dieselbe Melodie auf dem Klavier – jedes Mal ein wenig besser. Sergej blieb vorm Haus stehen und stellte fest, dass er den Blick von außen lange vermieden hatte. In den Fenstern brannte Licht; Frau Niemeyer winkte aus dem zweiten Stock; gegenüber erschien Lena mit Tasse. „Das ist meine Welt“, dachte er, „nicht groß, aber bis ins Detail bekannt.“ Er schaute auf Knopf. Sie lehnte sich an sein Bein und gähnte breit und vertrauensvoll. „Na“, sagte er leise. „Nach Hause?“ Knopf zog ihn zur Tür. Im selben Moment kam ein Nachbar heraus und hielt die Tür auf. Sergej nickte, bedankte sich, und sie traten ein. Gegenseitige Rettung Nun hängt an Sergejs Kühlschrank ein Stundenplan – kleine Felder mit „Früh – Hof“, „Nachmittags – Park“, „Alina anrufen“, „Futterstellen“, „Vogelfutter für Meisen“, „Medikamente für Frau Niemeyer“. Dazwischen kleine Sterne: „Knopf einfach so umarmen“. Angst, etwas zu vergessen, hat er nicht – aber er mag es, sich zu erinnern. Wer ihn fragt, wie er den Hund gerettet hat, hört die Geschichte vom Zebrastreifen, dem Schal und dem nassen Schnee. Wer fragt, wie der Hund ihn gerettet hat, bekommt ein Lächeln und: „Ganz einfach. Sie ist geblieben.“ Manchmal ergänzt Sergej: „Und hat Licht angemacht“ – nicht der Redewendung wegen, sondern weil echt alles heller wurde. Rettung ist nicht nur einmal und für immer, sondern jeden Tag ein bisschen – wenn jemand sich an deine Füße legt und durch seinen Atem den Takt für dein Leben vorgibt. Wenn du in den Hof gehst, weil jemand auf dich wartet. Wenn der Punkt „schweigen“ aus deinen Gewohnheiten verschwindet, stattdessen „jemanden mitnehmen“ auftaucht. Wenn nicht mehr leere Tabs auf dem Handy sind, sondern ein Chat mit Alina: „Wann gehen wir spazieren?“ Und wenn Sergej eines Abends wieder ein nasses Fellknäuel am Zebrastreifen findet, dann wird er natürlich den Schal abnehmen. Aber er weiß: Rettung ist ein Weg in beide Richtungen. Und auf diesem Weg läuft sie schon: die rostrote Hündin namens Knopf – mit sicherem Schritt, ohne Eile, und schaut nur zurück, um zu prüfen: Ist mein Mensch bei mir?
Knopf Rettung an der Kreuzung Der Schnee an diesem Abend war alles andere als magisch klebrig, gleichgültig
Homy