DU KOMM, JA? Auf dem Weg zur Kirche wird mir schwindlig Schon beim Aufstieg zur alten Dorfkirche in den bayerischen Voralpen versagen Yaras Beine, vor Augen wird alles schwarz. Der schmale Pfad schlängelt sich den Hang hinauf – so steil, und doch fehlt jede Kraft. Yara verlässt den Weg, lässt sich erschöpft ins Gras sinken. Freundin Olga legt ihr den Rucksack unters Haupt. Die Wallfahrer und Ausflügler, teils in Tracht, mustern die ruhende Yara neugierig, steigen aber weiter geduldig zur ehrwürdigen Wallfahrtskirche empor. Jemand reicht eine Tablette. Yaras Augen öffnen sich träge, sie legt sie ohne Nachfragen unter die Zunge. Allmählich wird ihr leichter. Doch der Wille, die Kirche zu erreichen, ist fort. Yara und Olga spazieren stattdessen zum rauschenden Bergbach und kehren, schweigsam, ins Hotel zurück. Yara wirft sich aufs Bett, ohne sich umzuziehen. Traurigkeit mischt sich mit Unverständnis: „Weshalb, Herr, hast du mir den Weg zum Gotteshaus verstellt? Hast mich ausgegrenzt, mich, die Sünderin, auf dem Pfad gelassen, während die Reinen dich besuchen dürfen? Liege ich jetzt hier, mitten im Leben, um über mein Dasein nachzudenken?“ „Yara, magst du einen Tee?“ Olgas Blick ist voller Sorge. „Später, danke, Olga.“ Yara schließt die Augen, seufzt. Und wieder drängen Erinnerungen: Olga, lebenshungrig, voller Geschichten von wechselnden Liebschaften und Exmännern, ohne Kinder, aber furchtlos; stets auf der Suche nach dem Paradies, dem Happy End, vielleicht reuig im letzten Moment. „Guck mal, Yara, dich umschwärmen die Männer. Wag doch mal das Abenteuer, koste das Leben aus. Zu Hause wartet ja immer dein treuer Igor. Gönn dir mehr als Alltagstrott, trau dich was!“ Doch Yara spürt – das will sie gar nicht mehr. Diese Leidenschaft war da, damals, mit Jens. Zwei Jahre voller Rausch und Sehnsucht, mit pochendem Herzen und schmerzhaften Abschieden. Aus Liebe ging sie zurück zu Igor. Das große Glück mit Jens bleibt Erinnerung – mal bittersüß, mal schmerzend. Die Liebe zu Igor ist längst verglüht; geblieben ist Zärtlichkeit, vielleicht Mitleid. Sie sagte nie ein Wort von Jens zu Olga, ließ sie denken, sie sei die Unberührbare, die Brave. War es Gottes Wink, dass sie heute nicht ins Gotteshaus durfte? Noch immer kann sie Jens nicht vergessen, zu tief haben sich die Gefühle eingebrannt. Einmal im Leben so lieben – das reicht doch, oder? Yara seufzt, richtet sich auf. „Olga, lass uns doch Tee trinken.“ Und plötzlich klingt es leise in ihrem Innersten: „Finde Frieden in dir, reinige dein Herz. Ich liebe dich. Fang an, dich selbst zu lieben. Und dann – komm zu mir, Yara…“

DU, KOMM VORBEI

Auf dem Weg zur Kirche gings mir echt mies.
Die Beine von Katharina wurden ganz wackelig, ihr wurde schwarz vor Augen. Sie hätte diesen schmalen Pfad zum alten Kirchlein hochlaufen sollen, aber sie hatte einfach keine Kraft mehr.
Katharina ging von dem Trampelpfad weg, setzte sich erschöpft ins Gras und ließ sich dann einfach hinlegen. Ihre Freundin Annegret schob ihr liebevoll den Rucksack unter den Kopf als Kissen.
Menschen liefen vorbei, schauten neugierig auf die am Boden liegende Katharina und stapften trotzdem geduldig weiter hinauf zur kleinen Kapelle aus vergangenen Zeiten.
Irgendjemand reichte ihr eine Tablette. Katharina öffnete wortlos den Mund, ließ sich das Ding unter die Zunge schieben, ohne groß zu fragen, was es eigentlich war. Es war ihr irgendwie egal.
Und tatsächlich, irgendwie wurde es ein bisschen besser.

Aber den Rest des Berges wollte Katharina jetzt wirklich nicht mehr hoch.
Sie und Annegret liefen lieber runter, Richtung Bach. Am Wasser entlang spazierten sie zurück zu ihrem Hotel.

Katharina legte sich, immer noch in Jeans und Pulli, direkt aufs Bett.
Es lag so eine traurige, unverstandene Stimmung in der Luft. Warum nur, warum, lieber Gott, hast du mich heute nicht in dein Haus gelassen? Hast mich gestoppt und gesagt: Ach, Katharina, mach mal Platz. Lass die Unschuldigen zu mir. Du bleibst hier auf halber Strecke liegen, denk mal über dein Leben nach…

Katharina, magst du einen Tee? fragte Annegret sanft und schaute ihre geknickte Freundin besorgt an.

Danke, Anni, später vielleicht, flüsterte Katharina, schloss die Augen und seufzte.

Nimm zum Beispiel die Annegret. Ach, Sündernatur durch und durch Immer neue Männer, Ehemänner und Liebhaber gehen bei ihr ein und aus. Keine Kinder und sie trauert denen absolut nicht nach. Eigentlich könnte man meinen, schlimmer gehts nicht. Aber trotzdem pilgert sie fleißig mit zum Gotteshaus. Wahrscheinlich aus Angst vor der Hölle Klar, jeder will in den Himmel kommen. Aber bitteschön mit Fun im Leben und am Lebensende dann kurz noch Reue zeigen. Am allerbesten auf dem Sterbebett
Nur was, wenn man es nicht mehr schafft?
Mir tut sie leid. Sie ist so ein lieber, hilfsbereiter Mensch, immer auf meiner Seite. Niemand bändigt ihren temperamentvollen Kopf. Sie liebt sich selbst mehr als alles, ein bisschen eingebildet, und wehe, etwas läuft nicht nach ihrem Geschmack dann gute Nacht. Niemand ist unersetzlich, hat sie mal gesagt.
Und doch, manchmal ist ihr Kopfkissen abends nass vor Tränen. Vierundvierzig Jahre und immer noch keinen festen Halt. Immer noch mitten im Sturm, rudert sie gegen die Wellen
Ach, wie sehr sie sich Liebe wünscht! Himmlische, tiefgehende, allesverzehrende Liebe

Mich will sie immer bekehren: Du, Kathi, ein Mann, zwei Kinder, chaotische Verwandtschaft, ständiges Kochen was für ein ödes Leben!
Schau dich um, Katharina, die Männer wären verrückt nach dir. Probiers doch mal mit ein bisschen Leidenschaft! Am Ende gehst du eh zu deinem Markus zurück der nimmt dich immer wieder, wie du bist. Aber dann hast du wenigstens mal das Feuer gespürt!
Du versauerst sonst in deinem Familienmief! Trau dich, Freundin! Glaub mir, du wirsts nicht bereuen.

Ach, ich will das alles gar nicht mehr! Ehrlich gesagt: ICH WILL ES EINFACH NICHT MEHR.
Ich hatte doch meinen Stefan. Hab ihn wirklich geliebt, bis zum Umfallen.
Warum mir das Schicksal diesen Mann geschickt hat, wer weiß Zwei Jahre lang hatten wir dieses wohlgehütete Geheimnis. Mein Mann Markus hat es wohl gespürt, aber nie ein Wort gesagt
Irgendwann habe ich wirklich drüber nachgedacht, alles zu verlassen. Stefan hatte mich so verzaubert, mir war es manchmal unmöglich, mich zu wehren. Ich habe seinetwegen gezittert vor Hoffnung und Sehnsucht. Es hat gebrannt in mir, oh, wie es gebrannt hat
Kaum zu beschreiben.

Und trotzdem hab ichs geschafft, Schluss zu machen. Trotz Liebe.
Bin zurück zu Markus gegangen, zur Familie. Manchmal frag ich mich, wozu eigentlich? Bei Stefan wars ein leises, aber endloses Glück.

Markus
Die Gefühle sind längst vorbei. Damals waren sie da, RICHTIG da! Mir blieb manchmal die Luft weg
Jetzt ist da nur Mitleid. Selber schuld, mein Lieber. Du hast meine Liebe totgetrunken, verzeih mir.

Ich war damals völlig verheddert, aber Annegret hab ich kein einziges Wort von Stefan erzählt. Sie hält mich immer noch für heilig. Na ja

Und die Kirche die hat mir heute die Tür zugemacht
Das hat schon seinen Grund, bestimmt

Es war echt hart, Stefan zu vergessen. Wir waren seelenverwandt, verstanden uns mit einem Blick, einem halben Satz
So etwas gibt es nur einmal im Leben.
Ich krieg ihn wohl nie aus dem Gedächtnis. Es war alles so wild, so gierig, so vollkommen anders

Katharina, willst du das nochmal erleben? WILLST DU? Ach, du dachte die 45-jährige Frau.

Annegret, schenk uns mal einen Tee ein, sagte Katharina plötzlich viel leichter, schlang den Arm um ihre Freundin.

Und irgendwo in ihrem Inneren klang es ganz leise und klar: Werd erst mal mit dir selbst eins, Kindchen. Wasch deine Seele rein. Ich liebe dich. Und jetzt lieb dich selbst. Und dann komm ruhig wieder vorbei.Annegret lachte ein helles, warmes Lachen, das wie ein Versprechen klang. Sie reichte Katharina die Tasse, zog die Decke ein kleines Stück über ihre müden Beine und blieb einfach wortlos da, hielt ihre Hand.

Für einen Moment war da nichts weiter als Tee, Atemzüge, das unvergängliche Summen alter Sehnsucht und die tröstliche Nähe einer Freundin. Katharina lächelte. Nicht jedem schenkt das Leben einen Ort zum Ausruhen ganz gleich, ob auf einem Kirchhof, in einer Umarmung oder bei einer heißen Tasse Tee.

Draußen am Fenster tanzten die letzten Sonnenstrahlen über die Wiese. Irgendwo plätscherte leise der Bach. Und tief in Katharina regte sich ein sanfter Mut, leise, unaufdringlich, aber so, dass sie spürte: Es geht weiter. Auch aus halber Strecke kann ein neuer Weg beginnen.

Sie stieß mit Annegret die Teetassen zusammen, als wäre es ein Schwur: auf das Jetzt, auf das Unfertige, auf alles, was noch kommen mag. Und während über dem Haus die Lichter langsam angingen und Stimmen im Gang zu hören waren, wusste Katharina plötzlich eines ganz sicher: Das Leben würde sie wieder einlassen nicht oben auf dem Berg, sondern hier unten, genau hier, mitten im ganz normalen, wundersamen Alltag.

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Homy
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DU KOMM, JA? Auf dem Weg zur Kirche wird mir schwindlig Schon beim Aufstieg zur alten Dorfkirche in den bayerischen Voralpen versagen Yaras Beine, vor Augen wird alles schwarz. Der schmale Pfad schlängelt sich den Hang hinauf – so steil, und doch fehlt jede Kraft. Yara verlässt den Weg, lässt sich erschöpft ins Gras sinken. Freundin Olga legt ihr den Rucksack unters Haupt. Die Wallfahrer und Ausflügler, teils in Tracht, mustern die ruhende Yara neugierig, steigen aber weiter geduldig zur ehrwürdigen Wallfahrtskirche empor. Jemand reicht eine Tablette. Yaras Augen öffnen sich träge, sie legt sie ohne Nachfragen unter die Zunge. Allmählich wird ihr leichter. Doch der Wille, die Kirche zu erreichen, ist fort. Yara und Olga spazieren stattdessen zum rauschenden Bergbach und kehren, schweigsam, ins Hotel zurück. Yara wirft sich aufs Bett, ohne sich umzuziehen. Traurigkeit mischt sich mit Unverständnis: „Weshalb, Herr, hast du mir den Weg zum Gotteshaus verstellt? Hast mich ausgegrenzt, mich, die Sünderin, auf dem Pfad gelassen, während die Reinen dich besuchen dürfen? Liege ich jetzt hier, mitten im Leben, um über mein Dasein nachzudenken?“ „Yara, magst du einen Tee?“ Olgas Blick ist voller Sorge. „Später, danke, Olga.“ Yara schließt die Augen, seufzt. Und wieder drängen Erinnerungen: Olga, lebenshungrig, voller Geschichten von wechselnden Liebschaften und Exmännern, ohne Kinder, aber furchtlos; stets auf der Suche nach dem Paradies, dem Happy End, vielleicht reuig im letzten Moment. „Guck mal, Yara, dich umschwärmen die Männer. Wag doch mal das Abenteuer, koste das Leben aus. Zu Hause wartet ja immer dein treuer Igor. Gönn dir mehr als Alltagstrott, trau dich was!“ Doch Yara spürt – das will sie gar nicht mehr. Diese Leidenschaft war da, damals, mit Jens. Zwei Jahre voller Rausch und Sehnsucht, mit pochendem Herzen und schmerzhaften Abschieden. Aus Liebe ging sie zurück zu Igor. Das große Glück mit Jens bleibt Erinnerung – mal bittersüß, mal schmerzend. Die Liebe zu Igor ist längst verglüht; geblieben ist Zärtlichkeit, vielleicht Mitleid. Sie sagte nie ein Wort von Jens zu Olga, ließ sie denken, sie sei die Unberührbare, die Brave. War es Gottes Wink, dass sie heute nicht ins Gotteshaus durfte? Noch immer kann sie Jens nicht vergessen, zu tief haben sich die Gefühle eingebrannt. Einmal im Leben so lieben – das reicht doch, oder? Yara seufzt, richtet sich auf. „Olga, lass uns doch Tee trinken.“ Und plötzlich klingt es leise in ihrem Innersten: „Finde Frieden in dir, reinige dein Herz. Ich liebe dich. Fang an, dich selbst zu lieben. Und dann – komm zu mir, Yara…“
Sie lachten über sie, nannten sie “hässliches Entlein” und “Giraffe”, doch Jahre später bei ihrem Klassentreffen…