Educational
010
Fremd im eigenen Zuhause – Wenn die Liebe meines Mannes zu seiner Tochter mich ausgrenzt
Eine Fremde im eigenen Zuhause Johann, wie kannst du das nicht verstehen, Lisa konnte sich nicht länger
Homy
Educational
020
Das fremde Kleid Damals lebte auf unserer Straße, genau drei Häuser weiter vom Dorfgesundheitsposten, die Nadja. Ihr Nachname war schlicht – Weißenberg, und sie selbst war eine stille, unauffällige Frau, wie der Schatten einer Birke im Mittagslicht. Nadja arbeitete in der Dorf-Bücherei. Monate lang gab es keinen Lohn, und wenn überhaupt, dann wurde er in Gummistiefeln, Korn oder Schnaps ausgezahlt, der schon staubig und voll Käfer war. Nadja hatte keinen Mann. Der war, als die Tochter noch in Windeln schrie, nach Norddeutschland zur Arbeit gegangen und nie zurückgekehrt. Vielleicht eine neue Familie, vielleicht verloren gegangen – niemand wusste es. Nadja zog ihre Tochter Leni allein groß. Sie schuftete, saß nachts an der alten Nähmaschine. Sie war unser Dorftalent – Hauptsache, Leni hatte keine Löcher in den Strumpfhosen und hübsche Schleifen im Haar, wie die anderen Mädchen. Und Leni wuchs heran… hui, ein richtiges Temperamentsbündel. Hübsch – zum Verlieben! Augen blau wie Kornblumen, goldenes Haar, schlanke Figur. Aber stolz war sie – und schämte sich für die Armut. Sie wollte blühen, tanzen gehen, auf die Dorfdisco – aber ihre Stiefel waren schon das dritte Jahr geflickt. Dann kam jener Frühling. Abschlussklasse. Die Zeit, in der Mädchenherzen pochen und träumen. Nadja kam irgendwann zum Blutdruckmessen zu mir. Anfang Mai war das, der Flieder stand in Blüte. Sie saß auf meiner Liege, dürr, die Schultern stachen unter der ausgewaschenen Bluse hervor. „Valentina“, sagte sie leise, mit nervös verschränkten Fingern, „Ich hab ein Problem. Leni will nicht zum Abschlussball. Sie hat einen richtigen Wutanfall.“ „Warum denn?“ fragte ich, die Manschette um ihren dünnen Arm legend. „Sie meint, sie blamiert sich. Lenis Mitschülerin hat ein Kleid aus der Stadt bekommen, ganz schick und ausländisch. Und ich…“ Nadja seufzte so schwer, dass mir das Herz eng wurde. „Ich hab nicht mal Geld für Baumwollstoff, Valentina. Den ganzen Winter die Vorräte aufgegessen.“ „Und was willst du machen?“ „Ich hab eine Idee“, Nadjas Augen glänzten plötzlich. „Erinnerst du dich an die alten Vorhänge aus Mamas Truhe? Guter Satin, schöne Farbe. Spitze vom Kragen nehm ich ab, Perlen sticke ich auf. Das wird ein Traum von Kleid!“ Ich schüttelte stumm den Kopf. Ich kannte Lenis Stolz. Sie wollte kein selbstgemachtes Bild, sondern Glanz, ein Etikett aus dem Westen. Aber ich schwieg. Mütterliche Hoffnung – sie sieht nicht, aber sie ist heilig. Den ganzen Mai leuchteten bis tief in die Nacht die Lichter bei den Weißenbergs. Die alte Maschine knatterte wie ein Maschinengewehr: tak-tak-tak… Nadja zauberte, schlief drei Stunden, hatte rote Augen und verstochen Hände, aber ging glücklich durch den Tag. Das Unglück kam drei Wochen vor dem Fest. Ich wollte Salbe für die schmerzende Lendengegend vorbei bringen. Rein in die Stube – und da lag, nicht ein Kleid, sondern ein Traum auf dem Tisch. Der Stoff schimmerte grau-rosé wie Gewitterhimmel. Jeder Stich, jede Perle war mit Liebe genäht – das Kleid leuchtete von innen. „Na?“ fragte Nadja, das Lächeln schüchtern, die Hände zitternd und voller Pflaster. „Eine Königin bist du“, sagte ich ehrlich. „Leni gesehen?“ „Nein, Überraschung.“ Da knallte die Tür. Leni stürmte herein, rot vor Wut, warf ihre Tasche in die Ecke. „Schon wieder prahlt sie! Die Tochter vom Bürgermeister hat Lackschuhe! Und ich? Soll ich in den kaputten Turnschuhen gehen?!“ Nadja trat zu ihr, hob vorsichtig das Kleid: „Schau mal, Schatz… Fertig.“ Leni blieb stehen, Augen groß, fuhr mit dem Blick übers Kleid. Ich hoffte, sie freut sich. Aber sie explodierte. „Was ist das?“ Eisig. „Das sind doch Omas alte Vorhänge! Die stanken hundert Jahre nach Motten! Willst du, dass ich in Gardinen auf die Bühne geh? Damit das ganze Dorf lacht? ‚Arme Weißenberg, in Vorhängen!‘ Ich zieh das nicht an! Nie!“ Sie riss das Kleid aus Nadjas Händen, warf es zu Boden, trat mit dem Fuß darauf. „Ich hasse das! Ich hasse diese Armut! Ich hasse dich! Jede andere Mutter schafft es, nur du bist ein Waschlappen!“ Stille. Schwere, beängstigende Stille. Nadja wurde leichenblass, eins mit dem Putz an der Wand. Sie schrie nicht, weinte nicht. Sie bückte sich wie eine alte Frau, hob das Kleid auf, streichelte es, drückte es aufs Herz. „Valentina“, flüsterte sie mir zu, den Blick nicht von Leni abwendend. „Geh bitte. Wir müssen reden.“ Ich ging. Das Herz zerrissen, wollte diesem dummen Mädchen ordentlich den Hintern versohlen… Am nächsten Morgen war Nadja verschwunden. Leni kam mittags ins Med-Zentrum gerannt. Keine Spur von Übermut, nur nackte Angst in den Augen. „Valentina… Meine Mama ist weg.“ „Wie weg? Vielleicht in der Bücherei?“ „Da war sie nicht. Und… die Ikone ist verschwunden.“ „Welche Ikone?“ Ich fiel fast vom Stuhl. „Die vom Heiligen Nikolaus, die alte in Silber. Oma hat immer gesagt, die bewahrt uns vor dem Krieg. Mama sagte: ‚Das ist unser letzter Brotkanten, für den schlimmsten Tag.‘“ Mir wurde eiskalt. Ich wusste, was Nadja vorhatte. In diesen Jahren zahlten Händler große Summen für alte Ikonen – und es war gefährlich. Aber Nadja war vertrauensselig wie ein Kind. Sie war wohl nach Hamburg gefahren, wollte verkaufen, alles für Lenis „schickes“ Kleid. „Finde mal den Wind im Feld“, flüsterte ich. „Oh Leni, was hast du angerichtet…“ Drei Tage lebten wir wie im Albtraum. Leni zog zu mir, wollte im leeren Haus nicht schlafen. Sie aß kaum, trank nur Wasser, saß auf der Schwelle, starrte auf die Straße, wartete. Jeder Motor ließ sie aufspringen. Immer fremde Leute. „Ich bin schuld“, sagte sie nachts, zusammengerollt wie ein Kind. „Ich habe sie mit meinen Worten getötet. Wenn sie zurückkommt, knie ich vor ihr. Hauptsache, sie kommt heim.“ Am vierten Tag, am Abend, klingelte das Telefon im Med-Zentrum. Scharf, dringlich. Ich griff zum Hörer. „Hallo! Medizinstelle!“ „Valentina?“ Ein müder, dienstlicher Männerstimme. „Aus dem Kreiskrankenhaus. Intensivstation.“ Mir sackten die Beine weg. „Was?“ „Vor drei Tagen wurde eine Frau eingeliefert. Ohne Papiere, am Bahnhof zusammengeklappt. Herzinfarkt. Kam kurz zu sich, nannte Ihr Dorf und Ihren Namen. Weißenberg Nadja. Ist das Ihre Bekannte?“ „Lebt sie?!“ schrie ich. „Im Moment ja. Aber ihr Zustand ist kritisch. Kommen Sie schnell.“ Wie wir in die Kreisstadt fuhren – das war ein Kapitel für sich. Der Bus war weg, ich kniete beim Bürgermeister, bekam einen alten Transporter mit Fahrer. Leni schwieg den ganzen Weg, klammerte sich an die Tür, die Lippen bewegten sich – sie betete, das erste Mal ernsthaft. Im Krankenhaus roch es nach Unglück. Chlor, Medizin und diese spezielle Stille, wo Leben und Tod kämpfen. Der Arzt kam, jung und übernächtigt. „Zur Weißenberg? Nur kurz. Keine Tränen! Sie darf sich nicht aufregen.“ Wir traten ein. Maschinen piepsten, Schläuche schlängelten. Und da lag unsere Nadja… Gott, im Grab ist man schöner. Ihr Gesicht aschgrau, tiefe Schatten unter den Augen, so winzig unterm Krankenhauslaken – wie ein Kind. Leni erstarrte, fiel auf die Knie, vergrub das Gesicht in der Bettdecke, zitterte stumm, wagte es nicht zu weinen. Nadja öffnete die Lider. Trüber Blick, erst nach kurzem Erkennen. Dann legte sie ihre Hand mit Einstichen sanft auf Lenis Kopf. „Lenchen…“ hauchte sie, blätterdröge. „Du bist da…“ „Mama“, würgte Leni unter Tränen, küsste die kalte Hand. „Mama, verzeih…“ „Das Geld…“ Nadja streichelte übers Laken. „Ich hab verkauft, Kind… In der Tasche… Hol es dir… Kauf dir das Kleid… Mit Glimmer… Wie du wolltest…“ Leni hob den Kopf – Tränen wie Flüsse auf den Wangen. „Ich will kein Kleid, Mama! Hörst du? Gar nichts! Warum hast du das getan?!“ „Damit du schön bist…“ Nadja lächelte schwach. „Damit du nicht weniger wert bist…“ Ich stand an der Tür, die Kehle zugeschnürt. Ich sah sie an und dachte: Das ist Mutterliebe. Die rechnet nicht. Die gibt einfach alles, bis zur letzten Herzens- und Blutstropfen. Sogar wenn das Kind unvernünftig ist, sogar wenn es verletzt. Der Arzt warf uns raus. „Genug – keine Kraft mehr. Die Krise ist vorüber, aber das Herz bleibt schwach. Lange liegen nötig.“ Es folgten lange Wartetage. Fast ein Monat Krankenhaus. Leni fuhr jeden Tag zu ihr. Morgens Schule, nachmittags mit Bahn und Trampen zur Mutter. Sie brachte Brühe, Äpfel, alles selbst gemacht. Das Mädchen veränderte sich – kaum zu erkennen. Stolz war weg, das Haus gepflegt, der Garten gejätet. Abends kam sie zu mir zum Bericht, ganz erwachsen. „Valentina“, sagte sie eines Abends, „Ich hab damals das Kleid heimlich anprobiert. Da… da duftet es nach Mama, nach ihren Händen. Ich war einfach dumm. Ich dachte, wenn das Kleid teuer ist, werde ich geachtet. Jetzt weiß ich: Wenn Mama weg wäre, bräuchte ich kein Kleid der Welt.“ Nadja wurde langsam gesund. Die Ärzte nannten es ein Wunder. Ich glaube, Lenis Liebe zog sie zurück. Einen Tag vor dem Abschlussfest kam sie heim, noch schwach, aber voller Sehnsucht. Abend des Festes. Ganzes Dorf versammelt an der Schule. Musik dröhnt, NDW aus den Lautsprechern. Mädchen stehen – in allem Möglichen. Die Bürgermeistertochter im riesigen Stadt-Kleid, ganz wichtig. Da teilt sich die Menge. Stille. Leni kommt. Sie stützt Nadja am Arm, schwer atmend, aber lächelnd. Und Leni… Ich habe noch nie solche Schönheit gesehen. Sie trägt DAS Kleid. Aus den Vorhängen. Im Licht der untergehenden Sonne glüht „Aschrose“ wie Zauber. Satin schmiegt sich perfekt, das Perlen-Spitze leuchtet. Das Wichtigste: Nicht das Kleid. Sondern LENI. Sie schreitet wie eine Königin, den Kopf hoch, aber mit neuer Stärke und Ruhe in den Augen. Stolz führt sie ihre Mutter, als wäre sie eine kostbare Vase – als wollte sie sagen: „Schaut her, das ist meine Mutter. Ich bin stolz auf sie.“ Der Dorffriseur ruft: „Guckt mal, da läuft die Gardine!“ Leni bleibt stehen. Dreht sich langsam, schaut ihm ruhig, fest und sogar mitleidig in die Augen. „Ja“, sagt sie laut, „Das sind Mamas Hände. Für mich ist dieses Kleid mehr wert als alles Gold der Welt. Und du, Kolja, bist blind, wenn du keine Schönheit siehst.“ Er wird rot und verstummt. Die Bürgermeistertochter in ihrem Kauf-Kleid wird plötzlich blass und unscheinbar – denn nicht Kleider machen den Menschen, oh nein. Leni tanzte wenig an diesem Abend. Sie saß fast nur bei Nadja auf der Bank, deckte sie zu, brachte Wasser, hielt ihre Hand. So viel Wärme und Zärtlichkeit in dieser Berührung, dass mir die Tränen kamen. Nadja schaute ihre Tochter an, das Gesicht leuchtend. Sie wusste, alles war richtig. Sogar die Wunderikone tat ihr Werk – nicht mit Geld, sondern indem sie die Seele rettete. Viele Jahre sind seither vergangen. Leni ging in die Stadt, wurde Ärztin für Herzkrankheiten, rettet Menschen. Sie holte Nadja zu sich, behütet sie wie einen Schatz. Und diese Ikone, heißt es, hat Leni später gefunden – nach langer Suche, für viel Geld zurückgekauft. Sie hängt in ihrer Wohnung an ehrvoller Stelle, mit ewiger Lampe davor… Und manchmal schaue ich auf die heutige Jugend und denke: Wie viele Verletzungen fügen wir den Liebsten zu, nur wegen fremder Meinung, wie oft fordern und trotzen wir! Dabei ist das Leben so kurz wie eine Sommernacht. Und jede Mama ist einmalig – solange sie lebt, sind wir Kinder und haben eine schützende Wand gegen die eiskalten Winde der Ewigkeit. Ist sie fort – stehen wir schutzlos und allein. Behütet eure Mütter. Ruft sie jetzt an, wenn sie noch leben. Und wenn nicht – denkt an sie mit guten Worten. Sie hören es dort oben, ganz gewiss… Hat euch diese Geschichte berührt – schaut auf meinem Kanal vorbei, abonniert gern. Gemeinsam erinnern wir uns, lachen und weinen über die einfachen Dinge. Für mich ist jedes Abo wie eine Tasse heißer Tee an einem langen Winterabend. Ich freue mich auf euch.
Das fremde Kleid Damals lebte auf unserer Straße, gleich drei Häuser entfernt vom Dorfarzt, Hannelore.
Homy
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023
Natascha konnte nicht fassen, was gerade mit ihr geschah: Ihr Ehemann, ihr Ein und Alles, dem sie stets als Stütze und Rückhalt vertraut hatte, sagte ihr heute: „Ich liebe dich nicht.“ Das Entsetzen war so groß, dass sie regungslos stehen blieb, während er hastig seine Sachen packte und die Schlüssel klimpern ließ – genau das fehlte ihr jetzt noch. Erst vor kurzem war ihr Vater plötzlich verstorben und sie musste sich trotz eigener Trauer um ihre ergraute Mutter und ihre kleine Schwester kümmern, die seit einer schweren Schädelverletzung mit 18 Jahren als Invalidin galt; beide wohnten in der Nachbarstadt. Ihr Sohn kam gerade in die erste Klasse und ihr Betrieb wurde im Juni geschlossen – nun war sie auch arbeitslos. Und jetzt verließ sie auch noch ihr Mann… Natascha bedeckte ihr Gesicht mit den Händen, setzte sich an den Tisch und weinte bitterlich. „Gott, was soll ich tun? Wie soll ich weiterleben? Ach, Alex! Ich muss ihn doch noch aus der Schule abholen!“ Die täglichen Aufgaben zwangen sie, aufzustehen. „Mama, hast du geweint?“ „Nein, Alex, nein.“ „Weinst du um Opa? Mama, ich vermisse ihn so!“ „Ich auch, mein Schatz. Aber wir müssen stark sein. Unser Opa war immer ein Kämpfer. Ihm geht es jetzt gut bei Gott, mache dir keine Sorgen! Er hat sich Ruhe verdient, er hat zu Lebzeiten nie wirklich Pause gehabt.“ „Und wo ist Papa?“ „Papa? Wahrscheinlich wieder auf Geschäftsreise. Und wie läuft’s in der Schule?“ Man muss weiterleben. Keine Liebe mehr? Daran lässt sich nichts ändern. Sie hatte wohl etwas übersehen, mitten im alltäglichen Trubel. Während Alex sein Mittagessen aß und mit seinen Spielzeug-Soldaten spielte, schaltete Natascha zum allerersten Mal den Computer ihres Mannes ein. Es war einfach, in die Mails zu gelangen – der Zugang oben links. Er hatte es nicht geschafft, die letzte Korrespondenz zu löschen. Bei ihm war die Liebe voll entbrannt. Nur sie war jetzt die Ungeliebte. Zehn Jahre war sie „ihr Sonnenschein“ gewesen, nach den jahrelangen Kämpfen für ihr Wunschkind sogar „unsere Mama“. Aber jetzt hatte sich alles verändert. Daran musste sie sich irgendwie gewöhnen. Doch vorrangig: Eine neue Arbeit musste her. Keiner kümmerte sich um ihr akademisches Abschlusszeugnis; das wenige Geld vom Arbeitsamt war kein Trost. Was war nur passiert, dass ihr sonst so zuverlässiger, liebevoller, vernünftiger Mann von einem Tag auf den anderen zum Fremden wurde? Ihre Gedanken fanden nur eine Erklärung: Er ist wohl verrückt geworden. Ihr gemeinsames Haus, Stein für Stein erbaut, war noch nicht fertig. Hauptsache, eine Dach überm Kopf und ein nutzbares Zimmer zum Wohnen. „Arbeit, wie brauche ich dich jetzt!“, wollte Natascha wieder losweinen – doch dafür blieb einfach keine Zeit. Die Suche dauerte Tage. Erfolglos! Erstklässler daheim, Einsamkeit – ihre Chancen sanken gegen Null. Eines Abends klingelte ihr Freund Roman: „Natascha, ist der Kerl immer noch nicht zurück?“ „Nein.“ „Willst du als Lagerarbeiterin anfangen?“ „Meinst du das ernst?“ „Natürlich – ich weiß, jetzt ist dir nach Witzen wirklich nicht zumute. Du hättest flexible Pausen, könntest zwischendurch deinen Sohn abholen oder einen Hortplatz beantragen… Gehalt sind zwar nur 2.500 Euro, aber besser als nichts. Ich bring euch morgen Kartoffeln, Zwiebeln und ein Hähnchen vorbei.“ „Roman, ich hab doch Hühner daheim, die uns versorgen – und Eier legen.“ „Gut so, die Hühner bleiben; fürs Fleisch sind sie zu schade.“ „Danke dir. Wie geht’s Galina?“ „Sie schafft das schon, ist meine Heldin.“ So war er immer. Seine Frau Galina hatte schwere Operationen hinter sich und bekam Chemotherapie, doch er klagte nie, trug alles mit Fassung. Bei ihm war immer alles gut. Natascha atmete auf: Es gab Hoffnung! Danke Gott – er ist der zuverlässigste Helfer. Und danke Roman! Die Arbeit lag ihr, sie fand manchmal sogar Zeit, um allein zu sein, zu weinen, nachzudenken – was war passiert? Die Tage vergingen, Wochen, Monate. Nach einem Jahr konnte Natascha wieder essen, schlafen, lachen und sich über Alex’ Erfolg freuen. Der Schmerz wegen des Verrats des Mannes, lebte wieder auf, wenn er Aljoscha fürs Wochenende abholte. Sie zwang sich nicht, es zu behindern – das Kind sollte nicht unglücklich werden. Sie wollte wissen, warum sie nicht genügen konnte, aber verstand auch: Es lag gar nicht daran, sondern an der plötzlichen Leidenschaft des Mannes für eine andere. Sie erinnerte sich an einen Film: „Liebe – sie reicht bis zur ersten Kurve, dann beginnt das Leben.“ Für sie waren Liebe und Leben eins. Und für ihn? Der diesjährige Herbst war wie eine Verlängerung des Sommers: warm, mit grünen Blättern, lachenden Kindern auf der Straße, Astern und Chrysanthemen im Vorgarten. An dem Tag, als Natascha Michaels aufmerksamen Blick bemerkte, war nichts anders als sonst – vielleicht schien die Sonne ein wenig heller, oder Musik aus dem Nachbarfenster erklang lauter; vielleicht war aber auch einfach die Zeit für das Zusammentreffen zweier Einsamkeiten gekommen. „Darf ich Ihnen helfen, junge Frau? Man sollte sich doch nicht so viel aufladen.“ „Ich bin das gewöhnt.“ „Aber schade – eine so hübsche Frau trägt ständig schwere Sachen.“ „Helfen Sie denn allen hübschen Frauen? Oder haben Sie hier an der Ladenstraße einen Dienst?“ „Ja, habe ich lange einen Dienst geschoben, bis ich endlich mal eine Schönheit gesehen habe.“ Da mussten beide herzlich lachen. „Michael“, stellte er sich vor, während sein Blick noch funkelte. „Natascha.“ „‚Natascha, Natascha, du bist doch verheiratet‘ – kennen Sie das Lied?“ „Nein. Aber ich bin nicht verheiratet.“ „Echt? Was für ein Glück! Endlich finde ich eine Traumfrau – und sie ist frei. Sind denn alle verrückt oder blind?“ „Mit Ihrem Humor ist alles bestens; und wie steht’s mit Ernsthaftigkeit?“ „Da ist auch alles in Ordnung. Natascha, wollen wir heute ins Kino? Ein bisschen reden, sich kennenlernen?“ „Nein, geht leider nicht. Muss meinen Sohn aus dem Hort holen.“ „Ich glaube meinen Ohren nicht – Sie haben einen Sohn? Sie sehen aus wie zwanzig, wie soll da ein Hort gehen?“ „Ich bin 35.“ „Ich auch. Was für ein Zufall! Aber ich hätte wirklich gedacht, Sie seien viel jünger.“ „Und jetzt?“ „Jetzt denke ich nach. Jeder Mann träumt von einem Sohn. Und wo ist denn der Vater?“ „Darüber möchte ich jetzt nicht sprechen.“ „Verstanden. Dann nicht. Am Wochenende vielleicht? Mit Ihrem Sohn zum Kinderprogramm?“ „Am Wochenende trifft sich mein Sohn mit seinem Papa.“ „Natascha, ich will Sie nicht bedrängen. Aber wenn mal ein paar freie Stunden sind, rufen Sie mich an. Hier ist meine Visitenkarte. Ich bin übrigens Arzt, Kinderhämatologe.“ „Ernster geht’s wohl nicht.“ „Und keine Zeit, Schönheiten aufzulauern.“ „Gut, Michael. Ich rufe an“, sagte Natascha ehrlich. „Ich warte.“ Was für ein schöner Herbst! Er war wie ein Geschenk für sie beide: Sanfte Sonnenstrahlen, die die Blätter in tausend Farben tauchten. Warme Tage, die ihnen alle Parks eröffneten. Und die Zärtlichkeit, die sich Bahn brach durch den Schmerz der Vergangenheit und sie im wirbelnden Tanz unter dem Laub vereinte. Sie näherten sich so vorsichtig, dass Natascha es kaum glauben konnte, wie sehr sie sich zu diesem besonderen Mann hingezogen fühlte. Fast anderthalb Monate nach ihrer ersten Begegnung schlug sie zum ersten Mal schüchtern vor: „Lust auf eine Tasse Tee?“ „Natascha, würdest du böse sein? Ich komme nicht zu dir. Für mich ist das, was jetzt passiert, zu bedeutsam; ich will mich darum selbst kümmern. Vertrau mir?“ Am folgenden Wochenende fuhren sie zusammen in ein Waldhaus, das Michael gemietet hatte – es erinnerte an ein kleines Schloss. Drinnen war es gemütlich und sauber, doch Natascha sah nichts als die großen braunen Augen ihres Geliebten und verlor sich darin in seinen Armen. Natascha wusste nicht, dass das Tiefste zwischen Mann und Frau so schön sein kann. „Michael, wo bin ich, was geschieht? Ich glaube, ich sterbe – ich liebe dich so sehr! Wie habe ich bloß ohne dich gelebt? Es geht mir so gut mit dir!“ „Wie bist du schön! Ich bin so glücklich mit dir!“ Nach ein paar Monaten fiel ihnen das Abschiednehmen immer schwerer. „Natascha, heirate mich!“ „Michael, mein Scheidungstermin ist doch erst Ende des Monats.“ „Und sofort danach heiraten. Sonst schnappe ich dich mir jemand weg.“ „Die Mädchen wissen selbst, wem sie gehören – ich laufe nicht mit jedem mit. Ich habe meinen Lieblingsmenschen. Aber, Michael, bitte keine große Feier! Nur wir beide, Anmeldung, und dann bringst du mich in unser Schloss, wo ich gleich und für immer deine Frau werde.“ „Wie du willst, meine Liebe!“ Roman und Galina waren die einzigen Zeugen bei der Anmeldung. Mama und Schwester schickten eine begeistert-klopfende Telegramm. Bald zog Natascha mit Michael in die frisch renovierte, gemütliche Zweizimmerwohnung. Besonders sorgfältig plante Michael die Einrichtung für Alex. Sie waren schon lange bekannt. Aber Alex, für den Mama und Papa wie zwei Hälften eines Apfels waren, näherte sich Michael nur zögerlich. „Natascha, erschrick bitte nicht – wir sollten Alex’ Blut testen. Er sieht so blass aus.“ „Ach, Michael, er leidet einfach! Die Trennung war schwer für ihn, er hat gehofft, dass es nicht passiert. Ich habe gelesen, dass eine Scheidung für ein Kind schlimmer ist als der Tod eines Elternteils.“ „Du bist schlau. Ich habe es als Kind auch als Weltuntergang empfunden. Aber wir lassen Blut abnehmen, ja, Alex?“ An diesem Tag kam Michael mit gesenktem Kopf nach Hause; Natascha wusste sofort, etwas stimmt nicht. „Natascha, bitte erschrick dich nicht. Im Blutbild von Alex gibt es Veränderungen. Meine Intuition hat leider nicht getäuscht. Ich nehme ihn morgen mit ins Krankenhaus.“ Das war so unfair. Musste sie für ihr eigenes Glück mit so einem Preis zahlen? Leukämie. Was für ein schreckliches Wort! Und ein neuer Lebensabschnitt begann. Natascha nahm unbezahlten Urlaub – sie konnte nicht ertragen, dass Alex all die Spritzen und Infusionen ohne sie durchstand. Sie hielt seine Hand und flehte: „Halte durch, mein Sohn! Du bist stark! Du warst immer mein bester Freund. Wir waren nie getrennt und werden immer zusammenbleiben.“ Wenn sie vor Erschöpfung nicht mehr konnte, schickte Michael sie zum Ausruhen und blieb bei Alex. Schlafen war oft nicht möglich – sie starrte nur lange an die Decke. Der Ex-Mann rief an und forderte, sie solle aus dem unfertigen Haus ausziehen. „Um meinen Sohn kümmere ich mich selbst. Er wird zu mir kommen.“ „Du solltest ihn mal besuchen.“ „Geht gerade nicht – bin unterwegs.“ Nach dem Gespräch strich Michael ihr liebevoll über die Schulter: „Natascha, wir werden es gemeinsam schaffen. Lass die Vergangenheit los.“ „Schade ist es schon. Ich habe auch gut verdient und alles ins Haus gesteckt. Aber was macht das jetzt? Das mit dem Rauswurf? Das braucht man wirklich nicht.“ „Denk nicht daran. Denk in jeder Sekunde nur an Alex. Ich schaffe das.“ „Michael, was macht die Blutwerte?“ „Wir geben alles. Die Werte sind noch schlecht.“ Natascha weinte leise – Alex sollte auf keinen Fall merken, wie schlecht es stand. „Onkel Michael, was ist mit meinem Blut?“ „Schau, im Blut gibt es rote und weiße Schiffchen. Bei dir kämpfen sie.“ „Und wer siegt?“ „Aktuell die weißen.“ „Und was können wir tun?“ „Hilf den roten!“ „Mama, nehmt mich mit irgendwohin. Ich bin so müde.“ „Natascha, ich wollte dir auch vorschlagen: Wir fahren mit Alex in unser Schloss. Das Wetter ist toll, wir gehen viel in den Wald. Er kann sich erholen.“ Der Frühling tauchte ihren Ort in blühende Büsche und Bäume. Zu dritt spazierten sie durch den Wald. Freuten sich über jede Blume, jedes Grashalm. Es gab aber auch Momente, da konzentrierte Alex sich still auf etwas und verharrte. „Was ist los, Schatz, fühlst du dich schlecht?“ „Mama, nicht stören. Ich habe Seeschlacht.“ Der kleine Urlaub war schnell vorbei. Alex wirkte frischer, sogar seine Wangen röteten sich leicht. „Mama, wo ist Papa?“ „Auf Dienstreise, mein Schatz.“ „Schon wieder? Naja, gut.“ Nach der Rückkehr ins Krankenhaus wurden wieder Werte genommen. Die Laborleiterin kam persönlich. „Herr Dr. Michael, wo waren Sie mit Ihrem Sohn?“ „Ganz nah, im Naturschutzpark. Was ist los? Wie ist das Blut?“ „Alles bestens! Er ist in Remission. Die Blutwerte sind sehr gut.“ Michael sprang gleich in das Zimmer. „Alex, mein Junge, was hast du gemacht? Dir geht’s besser. Nicht weinen, Natascha – er wird gesund! Was hast du gemacht, Alex?“ „Papa, du hast doch von den Schiffchen erzählt? Ich habe jeden Seekampf mit den roten gewonnen.“
Annika konnte kaum fassen, was gerade geschah. Ihr Mann, ihr Vertrauter, ihre einzige Stütze, der Mensch
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010
„Anna, hast du schon wieder das nasse Handtuch an den Haken im Bad gelassen?“ – Wie eine Schwiegermutter versucht, die Beziehung einer deutschen Familie mit subtilen Worten zu zerstören, und warum am Ende die Liebe siegt
Lara, hast du schon wieder das nasse Handtuch im Bad an den Haken gehängt? Die Stimme der Schwiegermutter
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09
„Schon wieder hat sie dir das Hirn vernebelt“ – Tochter, du musst heute noch von ihm weggehen. Hörst du mich? Heute noch! Irina drückte das Handy ans Ohr und schloss die Augen. Draußen summte die abendliche Stadt, im Hörer – das dichte, zähe Entsetzen ihrer Mutter. – Mama, ich … – Was – Mama? – ließ Ludmila Nikolaevna sie nicht ausreden. – Wie lange willst du das noch durchhalten? Erst die Rothaarige aus der Buchhaltung, dann die aus dem Fitnessstudio, und jetzt diese … wie heißt sie … Marina? Willst du dir das weiter gefallen lassen? Irina schwieg. Es gab nichts zu entgegnen. Drei Affären in zwei Jahren Ehe – eine Statistik, die nicht wegzudiskutieren war. – Ich habe so oft ein Auge zugedrückt … – Eben! – schniefte die Mutter. – Und er nutzt es aus. Denkt sich: einmal vergeben, dann auch ein zweites und drittes Mal. Pack die Sachen, dein Zimmer ist fertig. Ich warte. Das Handy war still. Irina saß reglos da und starrte auf ihren Ehering. Matt glänzte das Gold im Licht der Stehlampe – schöner, aber sinnloser Schmuck eines Glücks, das es nicht (mehr) gab. Der Koffer stand offen auf dem Bett wie ein hungriges Maul. Irina packte Pullover, Jeans, Unterwäsche – mechanisch, ohne hinzusehen. Ihre Hände arbeiteten, aber ihr Kopf wollte nicht denken. – Was machst du da? Andreas stand in der Tür, zerzaust, in Jogginghose. Irina drehte sich nicht um. – Ich gehe. – Wohin? – Zu Mama. Er schnaubte. – Hat sie dir schon wieder das Hirn gewaschen? Ira, wie lange hörst du eigentlich noch auf dieses Nervenbündel? Das Hochzeitsfoto lag auf der Kommode. Irina nahm es, strich mit dem Finger über die lachenden Gesichter. Zwei, die nicht ahnten, wie die Geschichte enden würde. Irina legte das Foto zurück, mit dem Gesicht nach unten. – Und wie lange soll ich deine Affären noch ertragen? – Ach komm … – Nichts da. Irina griff nach Tasche, Jacke, Autoschlüssel. – Du kommst zurück, – rief Andreas ihr hinterher. – In einer Woche bist du wieder da. Wen interessiert’s schon, was aus dir wird? Irina antwortete nicht – alle Energie sparte sie für die Fahrt ans andere Ende der Stadt. Ludmila Nikolaevna wartete im Hausflur, dick in einen Wollschal gehüllt. – Du Ärmste, komm rein. Der Duft nach ihren Parfüm und Geborgenheit in der Umarmung. Irina barg das Gesicht in Mutters Schulter und erlaubte sich zum ersten Mal, loszulassen. – Wir trinken Tee, mit Honig. Und ich habe deine Lieblingshörnchen gebacken. Die Mutter-Wohnung umhüllte Irina mit Wärme und Stille. Alles war wie früher: Stickdeckchen auf dem Fernseher, Geranien am Fenster, Zimtgeruch aus der Küche. Ein Rückzugsort nach zwei Jahren Sturm. – Danke, Mama, – flüsterte Irina. – Danke, dass es dich gibt … … Die Scheidung zog sich über vier Monate. Gerichte, Papiere, Streit ums Inventar – diese Bürokratiemühle mahlte das letzte Gemeinsame zu Staub. Irina unterschrieb die Papiere mechanisch – was machte es schon, wer den Mixer oder den Couchtisch bekam? Bitte unterschreiben Sie hier und hier, – zeigte die Justizangestellte. Der Stift flog übers Papier. Unterschrift – Strich – Stempel. Ehe geschieden. Amtlich, unwiderruflich, endgültig. Draußen fiel nasser Schnee. Irina stapfte durch die Straßen. Leer war sie – das tat nicht mal weh, es war einfach so; ein riesiges, hallendes Nichts. Das halbe Jahr nach der Scheidung verschwamm zu einem formlosen, grauen Fleck. Irina aß kaum noch, starrte an die Decke. Die Liebe zu Andreas – dumm, unbegreiflich – war noch da, wie ein Splitter, der nachts bohrte. Ludmila Nikolaevna machte keine Vorwürfe. Kochte Hühnerbrühe, streichelte über Irinas Haare. – Schlaf noch, Kind. Ruh dich aus. Irina schloss gehorsam die Augen. Träume waren nur Nebel – grau, sinnleer, ohne Geschichte. Nur Arbeit lenkte etwas ab … … Im Sommer wich die Apathie langsam zurück. Irina wollte zum ersten Mal seit Monaten raus, Eis kaufen, in den Park. – Wohin gehst du? – fragte Ludmila Nikolaevna im Flur. – Einkaufen. Brot holen. – Brot? Wir haben doch Brot. – Dann einfach spazieren. – Spazieren? Wohin? Wie lange denn? Hast du gefrühstückt? Und warum dieser Rock, der ist doch zu kurz! Irina verharrte mit dem Schlüssel in der Hand. Fünfzehn Jahre alt – fühlte sie sich gerade wirklich so? War sie nicht schon 28 und erwachsen? – Mama, ich will einfach nur raus. – Wann bist du zurück? Irgendwo unter den Rippen kratzte der Ärger. Irina schluckte ihn herunter, lächelte. – In einer Stunde. – Wirklich? Nicht länger? Ich mach mir doch Sorgen! Die Fragen wurden zum täglichen Ritual. Wohin gehst du, mit wem, warum sieben Minuten zu spät? Selbst der Zahnarzttermin verlangte einen kompletten Bericht. – Was hat er gesagt? Welcher Zahn? Füllung oder ziehen? Wann ist der Folgetermin? Warum hast du mich nicht gleich angerufen? Irina hielt still. Mama sorgt sich, Mama liebt, Mama meint es gut. Da sei undankbar. – Mama, ich habe überlegt … vielleicht ziehe ich in eine eigene Wohnung? Ludmila Nikolaevna wurde blass, griff sich ans Herz. – Was? Eine Wohnung? Ist es dir hier nicht gut? – Doch, aber … – Ach … Mein Herz, – die Mutter sackte theatralisch auf den Stuhl. – Mir ist so schlecht, bestimmt ist mein Blutdruck wieder zu hoch … Irina rannte mit Blutdruckmessgerät, Tropfen, Wasser. Der Traum vom Einzimmerapartment löste sich in Mutters Tränen auf. … Der nächste Versuch kam in einem Monat. Irina fand ein günstiges Studio, zahlte die Kaution, packte ihren Koffer. Ludmila Nikolaevna lag theatralisch auf der Couch, Hand aufs Herz, atmete schwer und schwach. – Mama! Was ist los? – Mein Herz … Geh nur, wenn du meinst. Ich schaff das allein. Irgendwie. Irina kniete sich an den Sessel, griff nach Mutters Hand – kalt, feucht. Oder bildete sie sich das nur ein? – Ich geh nicht, hörst du? Ich bleibe. Ludmila Nikolaevna öffnete kurz ein Auge, zur Kontrolle. Irina bemerkte es, verdrängte es aber. Mutter würde niemals so tun … oder etwa doch? Noch am selben Abend sagte Irina das Apartment wieder ab … Einen Monat später neuer Versuch: Irina mietete ein Zimmer nah bei der Arbeit. Der Koffer stand bereit. – Oje oje oje, – Ludmila Nikolaevna krümmte sich in der Küche, umklammerte den Bauch. – Magengeschwür … oder Blinddarm … Irina, ruf den Notarzt! – Gestern hast du Bratkartoffeln mit Speck gegessen. Magengeschwür? – Glaubst du mir nicht? – Die Mutter weinte. – Die eigene Tochter glaubt nicht … Lass mich, geh ruhig. Bleib ich halt hier, fällt ja niemandem auf, wenn was passiert … Irina packte wieder aus. Ein Verdacht regte sich, aber sie schob ihn weg. Schlecht von Mama denken? Das geht nicht! … Dmitrij trat durch Zufall in ihr Leben – neuer Kollege im Nachbarbüro. Groß, Lachgrübchen, ansteckendes Lachen. – Irina, gehen Sie gern ins Theater? – Gern. Eigentlich. War aber ewig nicht. – „Der Kirschgarten“. Samstag. Sind Sie dabei? Erstes richtiges Rendezvous seit einem Jahr. Mit einem Mann, der sie ansah, als wäre sie nicht bloß eine geschiedene Versagerin, sondern etwas Besonderes. Jetzt nur noch Mama Bescheid sagen. – Mama, ich gehe am Samstag ins Theater. Ludmila Nikolaevna sah vom Fernseher auf. – Mit wem? – Mit Dmitrij, einem Kollegen. – Dmitrij … Ist der nett? – Sehr sogar. – Soso, erzähl mal. Irina setzte sich. Zum ersten Mal seit langem wollte sie wirklich erzählen, lachen, sich mitteilen. Mutter hörte aufmerksam zu, fragte aus. Den listigen Glanz in den Augen der Mutter bemerkte Irina nicht – oder wollte ihn nicht sehen. Der Samstag begann wunderbar. Irina wählte ein Kleid, schminkte sich, summte vor sich hin. Noch zwei Stunden bis zur Vorstellung, doch sie fühlte sich schon jetzt leicht und glücklich. – Ich husch kurz zur Apotheke und dann zu einer Freundin, – rief Ludmila Nikolaevna im Flur. – Gut, Mama. Die Tür fiel zu. Irina schminkte sich weiter: Mascara, Rouge, etwas Highlighter. Zwei Stunden später – wollte sie los. Doch die Schlüssel waren weg. Irina griff zum Handy. Freizeichen, Freizeichen, Freizeichen. „Teilnehmer nicht erreichbar“. 14 Anrufe in der nächsten Stunde. Keine Reaktion. Um sieben sollte das Stück beginnen. Um sechs hatte Irina noch Hoffnung. Halb sieben tobte sie durch die Wohnung, trat gegen die verschlossene Tür. Um sieben saß sie im Flur am Boden, die Knie umklammert. Dmitrij wartete vor dem Theater. Blickte nervös auf die Uhr, aufs Handy. Hat sie sich verspätet? Im Stau? Drei Nachrichten schickte er, rief zweimal an. Irina sah die Hinweise. Sie heulte sich aus. … Ludmila Nikolaevna kam um zehn zurück – sie roch nach Kuchen und fremdem Parfüm. – Warum sitzt du hier auf dem Boden? Irina starrte sie wortlos an. Worte blieben im Hals stecken – stachlig, giftig. – Die Schlüssel, – brachte sie hervor. – Welche Schlüssel? Ach, die. Die habe ich versehentlich eingesteckt, wirklich! Ich werde wohl alt. Versehentlich. Natürlich. Versehentlich beide Schlüssel mitgenommen, versehentlich nicht erreichbar gewesen. Irina stand auf. Die Beine zitterten, aber der Kopf war klar – zum ersten Mal seit anderthalb Jahren. … Am nächsten Morgen wartete Irina, bis die Mutter zum Briefkasten ging. Dann packte sie Unterlagen, Stopfte Sachen in denselben Koffer wie damals – und ging, ließ ihren eigenen Schlüsselring im Flur zurück. … Katja öffnete im Pyjama mit Katzen drauf. – Ira? Was ist los? – Kann ich bei dir schlafen? – Klar, komm rein. Keine Fragen, keine Vorwürfe. Nur Tee, Decke, Sofa. Das Handy explodierte: zwanzig, dreißig, vierzig Anrufe. Nachrichten über Nachrichten: „Wo bist du?“, „Wie konntest du nur?“, „Ich bin krank vor Sorge“, „Du kümmerst dich nicht um mich“. … Eine Woche blieb sie bei Katja. Dann – ein Mini-Apartment am Stadtrand, mit Blick auf die Industrie und lauten Nachbarn. Am achten Tag rief Irina bei ihrer Mutter an. – Kind! Endlich! Ich bin halb verrückt geworden, bitte komm zurück! – Nein. – Wie, nein? Ira, ich bin doch deine Mutter, ich liebe dich mehr als mein Leben … – Ich weiß, Mama. Aber ich brauche Abstand. – Abstand? Warum? Ich habe doch alles für dich getan! Irina atmete tief durch. – Wenn du mich in deinem Leben behalten willst, musst du dich ändern. Kein Kontrollieren. Keine verschlossenen Türen. Keine Herzanfälle, wenn ich wegziehen will. – Du bist ungerecht … – Das sind meine Bedingungen. Wenn du sie nicht akzeptierst, hast du keine Tochter mehr. Pause. Lange, klirrende Stille. – Denk drüber nach, Mama. Ich rufe in einem Monat an. Ob die Mutter sich ändert, wusste Irina nicht. Aber sie selbst war nun nicht mehr dieselbe. Ins Theater ging sie mit Dima trotzdem – bei einem anderen Stück. Doch das war dann schon nicht mehr wichtig …
Hat sie dir schon wieder das Gehirn gewaschen? Annchen, du musst noch heute gehen. Hörst du?
Homy
Educational
064
Natascha konnte nicht fassen, was gerade mit ihr geschah: Ihr Ehemann, ihr Ein und Alles, dem sie stets als Stütze und Rückhalt vertraut hatte, sagte ihr heute: „Ich liebe dich nicht.“ Das Entsetzen war so groß, dass sie regungslos stehen blieb, während er hastig seine Sachen packte und die Schlüssel klimpern ließ – genau das fehlte ihr jetzt noch. Erst vor kurzem war ihr Vater plötzlich verstorben und sie musste sich trotz eigener Trauer um ihre ergraute Mutter und ihre kleine Schwester kümmern, die seit einer schweren Schädelverletzung mit 18 Jahren als Invalidin galt; beide wohnten in der Nachbarstadt. Ihr Sohn kam gerade in die erste Klasse und ihr Betrieb wurde im Juni geschlossen – nun war sie auch arbeitslos. Und jetzt verließ sie auch noch ihr Mann… Natascha bedeckte ihr Gesicht mit den Händen, setzte sich an den Tisch und weinte bitterlich. „Gott, was soll ich tun? Wie soll ich weiterleben? Ach, Alex! Ich muss ihn doch noch aus der Schule abholen!“ Die täglichen Aufgaben zwangen sie, aufzustehen. „Mama, hast du geweint?“ „Nein, Alex, nein.“ „Weinst du um Opa? Mama, ich vermisse ihn so!“ „Ich auch, mein Schatz. Aber wir müssen stark sein. Unser Opa war immer ein Kämpfer. Ihm geht es jetzt gut bei Gott, mache dir keine Sorgen! Er hat sich Ruhe verdient, er hat zu Lebzeiten nie wirklich Pause gehabt.“ „Und wo ist Papa?“ „Papa? Wahrscheinlich wieder auf Geschäftsreise. Und wie läuft’s in der Schule?“ Man muss weiterleben. Keine Liebe mehr? Daran lässt sich nichts ändern. Sie hatte wohl etwas übersehen, mitten im alltäglichen Trubel. Während Alex sein Mittagessen aß und mit seinen Spielzeug-Soldaten spielte, schaltete Natascha zum allerersten Mal den Computer ihres Mannes ein. Es war einfach, in die Mails zu gelangen – der Zugang oben links. Er hatte es nicht geschafft, die letzte Korrespondenz zu löschen. Bei ihm war die Liebe voll entbrannt. Nur sie war jetzt die Ungeliebte. Zehn Jahre war sie „ihr Sonnenschein“ gewesen, nach den jahrelangen Kämpfen für ihr Wunschkind sogar „unsere Mama“. Aber jetzt hatte sich alles verändert. Daran musste sie sich irgendwie gewöhnen. Doch vorrangig: Eine neue Arbeit musste her. Keiner kümmerte sich um ihr akademisches Abschlusszeugnis; das wenige Geld vom Arbeitsamt war kein Trost. Was war nur passiert, dass ihr sonst so zuverlässiger, liebevoller, vernünftiger Mann von einem Tag auf den anderen zum Fremden wurde? Ihre Gedanken fanden nur eine Erklärung: Er ist wohl verrückt geworden. Ihr gemeinsames Haus, Stein für Stein erbaut, war noch nicht fertig. Hauptsache, eine Dach überm Kopf und ein nutzbares Zimmer zum Wohnen. „Arbeit, wie brauche ich dich jetzt!“, wollte Natascha wieder losweinen – doch dafür blieb einfach keine Zeit. Die Suche dauerte Tage. Erfolglos! Erstklässler daheim, Einsamkeit – ihre Chancen sanken gegen Null. Eines Abends klingelte ihr Freund Roman: „Natascha, ist der Kerl immer noch nicht zurück?“ „Nein.“ „Willst du als Lagerarbeiterin anfangen?“ „Meinst du das ernst?“ „Natürlich – ich weiß, jetzt ist dir nach Witzen wirklich nicht zumute. Du hättest flexible Pausen, könntest zwischendurch deinen Sohn abholen oder einen Hortplatz beantragen… Gehalt sind zwar nur 2.500 Euro, aber besser als nichts. Ich bring euch morgen Kartoffeln, Zwiebeln und ein Hähnchen vorbei.“ „Roman, ich hab doch Hühner daheim, die uns versorgen – und Eier legen.“ „Gut so, die Hühner bleiben; fürs Fleisch sind sie zu schade.“ „Danke dir. Wie geht’s Galina?“ „Sie schafft das schon, ist meine Heldin.“ So war er immer. Seine Frau Galina hatte schwere Operationen hinter sich und bekam Chemotherapie, doch er klagte nie, trug alles mit Fassung. Bei ihm war immer alles gut. Natascha atmete auf: Es gab Hoffnung! Danke Gott – er ist der zuverlässigste Helfer. Und danke Roman! Die Arbeit lag ihr, sie fand manchmal sogar Zeit, um allein zu sein, zu weinen, nachzudenken – was war passiert? Die Tage vergingen, Wochen, Monate. Nach einem Jahr konnte Natascha wieder essen, schlafen, lachen und sich über Alex’ Erfolg freuen. Der Schmerz wegen des Verrats des Mannes, lebte wieder auf, wenn er Aljoscha fürs Wochenende abholte. Sie zwang sich nicht, es zu behindern – das Kind sollte nicht unglücklich werden. Sie wollte wissen, warum sie nicht genügen konnte, aber verstand auch: Es lag gar nicht daran, sondern an der plötzlichen Leidenschaft des Mannes für eine andere. Sie erinnerte sich an einen Film: „Liebe – sie reicht bis zur ersten Kurve, dann beginnt das Leben.“ Für sie waren Liebe und Leben eins. Und für ihn? Der diesjährige Herbst war wie eine Verlängerung des Sommers: warm, mit grünen Blättern, lachenden Kindern auf der Straße, Astern und Chrysanthemen im Vorgarten. An dem Tag, als Natascha Michaels aufmerksamen Blick bemerkte, war nichts anders als sonst – vielleicht schien die Sonne ein wenig heller, oder Musik aus dem Nachbarfenster erklang lauter; vielleicht war aber auch einfach die Zeit für das Zusammentreffen zweier Einsamkeiten gekommen. „Darf ich Ihnen helfen, junge Frau? Man sollte sich doch nicht so viel aufladen.“ „Ich bin das gewöhnt.“ „Aber schade – eine so hübsche Frau trägt ständig schwere Sachen.“ „Helfen Sie denn allen hübschen Frauen? Oder haben Sie hier an der Ladenstraße einen Dienst?“ „Ja, habe ich lange einen Dienst geschoben, bis ich endlich mal eine Schönheit gesehen habe.“ Da mussten beide herzlich lachen. „Michael“, stellte er sich vor, während sein Blick noch funkelte. „Natascha.“ „‚Natascha, Natascha, du bist doch verheiratet‘ – kennen Sie das Lied?“ „Nein. Aber ich bin nicht verheiratet.“ „Echt? Was für ein Glück! Endlich finde ich eine Traumfrau – und sie ist frei. Sind denn alle verrückt oder blind?“ „Mit Ihrem Humor ist alles bestens; und wie steht’s mit Ernsthaftigkeit?“ „Da ist auch alles in Ordnung. Natascha, wollen wir heute ins Kino? Ein bisschen reden, sich kennenlernen?“ „Nein, geht leider nicht. Muss meinen Sohn aus dem Hort holen.“ „Ich glaube meinen Ohren nicht – Sie haben einen Sohn? Sie sehen aus wie zwanzig, wie soll da ein Hort gehen?“ „Ich bin 35.“ „Ich auch. Was für ein Zufall! Aber ich hätte wirklich gedacht, Sie seien viel jünger.“ „Und jetzt?“ „Jetzt denke ich nach. Jeder Mann träumt von einem Sohn. Und wo ist denn der Vater?“ „Darüber möchte ich jetzt nicht sprechen.“ „Verstanden. Dann nicht. Am Wochenende vielleicht? Mit Ihrem Sohn zum Kinderprogramm?“ „Am Wochenende trifft sich mein Sohn mit seinem Papa.“ „Natascha, ich will Sie nicht bedrängen. Aber wenn mal ein paar freie Stunden sind, rufen Sie mich an. Hier ist meine Visitenkarte. Ich bin übrigens Arzt, Kinderhämatologe.“ „Ernster geht’s wohl nicht.“ „Und keine Zeit, Schönheiten aufzulauern.“ „Gut, Michael. Ich rufe an“, sagte Natascha ehrlich. „Ich warte.“ Was für ein schöner Herbst! Er war wie ein Geschenk für sie beide: Sanfte Sonnenstrahlen, die die Blätter in tausend Farben tauchten. Warme Tage, die ihnen alle Parks eröffneten. Und die Zärtlichkeit, die sich Bahn brach durch den Schmerz der Vergangenheit und sie im wirbelnden Tanz unter dem Laub vereinte. Sie näherten sich so vorsichtig, dass Natascha es kaum glauben konnte, wie sehr sie sich zu diesem besonderen Mann hingezogen fühlte. Fast anderthalb Monate nach ihrer ersten Begegnung schlug sie zum ersten Mal schüchtern vor: „Lust auf eine Tasse Tee?“ „Natascha, würdest du böse sein? Ich komme nicht zu dir. Für mich ist das, was jetzt passiert, zu bedeutsam; ich will mich darum selbst kümmern. Vertrau mir?“ Am folgenden Wochenende fuhren sie zusammen in ein Waldhaus, das Michael gemietet hatte – es erinnerte an ein kleines Schloss. Drinnen war es gemütlich und sauber, doch Natascha sah nichts als die großen braunen Augen ihres Geliebten und verlor sich darin in seinen Armen. Natascha wusste nicht, dass das Tiefste zwischen Mann und Frau so schön sein kann. „Michael, wo bin ich, was geschieht? Ich glaube, ich sterbe – ich liebe dich so sehr! Wie habe ich bloß ohne dich gelebt? Es geht mir so gut mit dir!“ „Wie bist du schön! Ich bin so glücklich mit dir!“ Nach ein paar Monaten fiel ihnen das Abschiednehmen immer schwerer. „Natascha, heirate mich!“ „Michael, mein Scheidungstermin ist doch erst Ende des Monats.“ „Und sofort danach heiraten. Sonst schnappe ich dich mir jemand weg.“ „Die Mädchen wissen selbst, wem sie gehören – ich laufe nicht mit jedem mit. Ich habe meinen Lieblingsmenschen. Aber, Michael, bitte keine große Feier! Nur wir beide, Anmeldung, und dann bringst du mich in unser Schloss, wo ich gleich und für immer deine Frau werde.“ „Wie du willst, meine Liebe!“ Roman und Galina waren die einzigen Zeugen bei der Anmeldung. Mama und Schwester schickten eine begeistert-klopfende Telegramm. Bald zog Natascha mit Michael in die frisch renovierte, gemütliche Zweizimmerwohnung. Besonders sorgfältig plante Michael die Einrichtung für Alex. Sie waren schon lange bekannt. Aber Alex, für den Mama und Papa wie zwei Hälften eines Apfels waren, näherte sich Michael nur zögerlich. „Natascha, erschrick bitte nicht – wir sollten Alex’ Blut testen. Er sieht so blass aus.“ „Ach, Michael, er leidet einfach! Die Trennung war schwer für ihn, er hat gehofft, dass es nicht passiert. Ich habe gelesen, dass eine Scheidung für ein Kind schlimmer ist als der Tod eines Elternteils.“ „Du bist schlau. Ich habe es als Kind auch als Weltuntergang empfunden. Aber wir lassen Blut abnehmen, ja, Alex?“ An diesem Tag kam Michael mit gesenktem Kopf nach Hause; Natascha wusste sofort, etwas stimmt nicht. „Natascha, bitte erschrick dich nicht. Im Blutbild von Alex gibt es Veränderungen. Meine Intuition hat leider nicht getäuscht. Ich nehme ihn morgen mit ins Krankenhaus.“ Das war so unfair. Musste sie für ihr eigenes Glück mit so einem Preis zahlen? Leukämie. Was für ein schreckliches Wort! Und ein neuer Lebensabschnitt begann. Natascha nahm unbezahlten Urlaub – sie konnte nicht ertragen, dass Alex all die Spritzen und Infusionen ohne sie durchstand. Sie hielt seine Hand und flehte: „Halte durch, mein Sohn! Du bist stark! Du warst immer mein bester Freund. Wir waren nie getrennt und werden immer zusammenbleiben.“ Wenn sie vor Erschöpfung nicht mehr konnte, schickte Michael sie zum Ausruhen und blieb bei Alex. Schlafen war oft nicht möglich – sie starrte nur lange an die Decke. Der Ex-Mann rief an und forderte, sie solle aus dem unfertigen Haus ausziehen. „Um meinen Sohn kümmere ich mich selbst. Er wird zu mir kommen.“ „Du solltest ihn mal besuchen.“ „Geht gerade nicht – bin unterwegs.“ Nach dem Gespräch strich Michael ihr liebevoll über die Schulter: „Natascha, wir werden es gemeinsam schaffen. Lass die Vergangenheit los.“ „Schade ist es schon. Ich habe auch gut verdient und alles ins Haus gesteckt. Aber was macht das jetzt? Das mit dem Rauswurf? Das braucht man wirklich nicht.“ „Denk nicht daran. Denk in jeder Sekunde nur an Alex. Ich schaffe das.“ „Michael, was macht die Blutwerte?“ „Wir geben alles. Die Werte sind noch schlecht.“ Natascha weinte leise – Alex sollte auf keinen Fall merken, wie schlecht es stand. „Onkel Michael, was ist mit meinem Blut?“ „Schau, im Blut gibt es rote und weiße Schiffchen. Bei dir kämpfen sie.“ „Und wer siegt?“ „Aktuell die weißen.“ „Und was können wir tun?“ „Hilf den roten!“ „Mama, nehmt mich mit irgendwohin. Ich bin so müde.“ „Natascha, ich wollte dir auch vorschlagen: Wir fahren mit Alex in unser Schloss. Das Wetter ist toll, wir gehen viel in den Wald. Er kann sich erholen.“ Der Frühling tauchte ihren Ort in blühende Büsche und Bäume. Zu dritt spazierten sie durch den Wald. Freuten sich über jede Blume, jedes Grashalm. Es gab aber auch Momente, da konzentrierte Alex sich still auf etwas und verharrte. „Was ist los, Schatz, fühlst du dich schlecht?“ „Mama, nicht stören. Ich habe Seeschlacht.“ Der kleine Urlaub war schnell vorbei. Alex wirkte frischer, sogar seine Wangen röteten sich leicht. „Mama, wo ist Papa?“ „Auf Dienstreise, mein Schatz.“ „Schon wieder? Naja, gut.“ Nach der Rückkehr ins Krankenhaus wurden wieder Werte genommen. Die Laborleiterin kam persönlich. „Herr Dr. Michael, wo waren Sie mit Ihrem Sohn?“ „Ganz nah, im Naturschutzpark. Was ist los? Wie ist das Blut?“ „Alles bestens! Er ist in Remission. Die Blutwerte sind sehr gut.“ Michael sprang gleich in das Zimmer. „Alex, mein Junge, was hast du gemacht? Dir geht’s besser. Nicht weinen, Natascha – er wird gesund! Was hast du gemacht, Alex?“ „Papa, du hast doch von den Schiffchen erzählt? Ich habe jeden Seekampf mit den roten gewonnen.“
Annika konnte kaum fassen, was gerade geschah. Ihr Mann, ihr Vertrauter, ihre einzige Stütze, der Mensch
Homy
Ich erkannte meine Fehler und wollte nach 30 Jahren zu meiner Ex-Frau zurückkehren – doch es war längst zu spät…
Ich habe meine Fehler erkannt und wollte nach 30 Jahren zu meiner Ex-Frau zurück aber da war es längst
Homy
Educational
011
Meine Schwiegermutter lud mich „nur für zwei Stündchen“ zur Jubiläumsfeier ein und erwartete blinden Gehorsam – wie ich zwischen Riesen-Kochtöpfen, unausgesprochenen Familienpflichten und altem Schuldgefühl fast zur kostenlosen Servicekraft wurde
Meine Schwiegermutter rief an und bat mich, nur für zwei Stunden beim Jubiläum zu helfen aber erwartete
Homy
Educational
0280
„Du hast doch keine Familie, lass das Haus deiner Schwester – ihr geht es jetzt schwerer“, meinte meine Mutter. „Für dich ist es leichter, deine Schwester hat eine kinderreiche Familie, das musst du verstehen.“ „Warum bist du denn so schlecht drauf?“ Meine Schwester setzte sich mit einem Glas Saft neben mich auf die Couch. Die Kinder lärmten am Tisch, ihr Mann erzählte der Schwiegermutter eine Geschichte, in der Hand eine Gabel mit einem Stück Kuchen. „Alles in Ordnung“, sagte ich abgewandt. „Ich bin einfach nur müde. Es war ein furchtbarer Tag auf der Arbeit.“ Sie lächelte und warf sich eine Haarsträhne zurück. „Ich wollte ein paar Tage schon mit dir reden. Wegen Papas Haus.“ „Ich höre.“ Sie beugte sich näher zu mir und senkte die Stimme. „Wir haben überlegt… Du und dein Mann – wozu braucht ihr das Haus? Ihr seid zu zweit, habt eure Wohnung. Wir sind zu fünft in einer gemieteten Zwei-Zimmer-Wohnung. Wenn wir umziehen – frische Luft, Garten, Platz für alle.“ Ich schwieg und betrachtete meine Nichte, die gerade die Kerzen auf der Torte ausblies. Sechs Jahre alt. Die Älteste der drei. „Eigentlich braucht ihr das Haus gar nicht“, fuhr sie fort. „Nur Ausgaben. Das Dach undicht, der Zaun schief, überall Baustellen.“ ‚Und wie wollt ihr das alles stemmen?‘ ging es mir durch den Kopf. Aber ich schwieg. „Unsere Mutter findet das auch sinnvoll“, fügte sie hinzu. „Wir wollen nichts geschenkt – gib einfach deinen Anteil ab. Danach werden wir uns schon einig.“ Ich nickte, auch wenn in mir alles eng wurde. Auf dem Heimweg fuhr mein Mann schweigend. „Was war los?“ „Sie wollen, dass ich auf meinen Teil am Haus verzichte.“ „Du sollst ihn einfach abgeben?“ „Ja. Sie sagen, sie brauchen es nötiger. Wir haben ja alles.“ „Alles?“, sein Lächeln war bitter. „Die Wohnung mit Hypothek?“ Am nächsten Tag rief meine Mutter an. „Hast du schon darüber nachgedacht?“ „Da gibt’s nichts nachzudenken. Die Hälfte vom Haus gehört mir.“ „Immer nur Rechte“, antwortete sie. „Was ist mit Familie? Die haben drei Kinder. Und du bist allein.“ „Unsere Wohnung ist auf Kredit. Zehn Jahre müssen wir noch zahlen.“ „Die anderen haben nicht mal das.“ „Ich habe mich in den letzten Monaten um Papa gekümmert. Krankenhaus, Medikamente. Deine Schwester war zweimal da.“ „Du bist die Ältere. Du musst Verständnis haben. Du bist doch frei.“ Frei. Das Wort stach. Am Abend saß ich mit Tee in der Küche. „Besteht sie auch darauf?“, fragte mein Mann. „Ja.“ Am nächsten Tag traf ich mich mit einer Freundin. „Wann hat deine Schwester dir das letzte Mal geholfen?“, fragte sie. Ich hatte keine Antwort. „Wissen sie, wie viel ihr für die Kinderwunschbehandlung bezahlt habt?“ „Nein.“ „Fast eine Million. Keine Schwangerschaft. Und trotzdem denken sie, du hast es leicht.“ Ich entschied, zum Haus zu fahren. Allein kam ich an. Verwilderter Garten. Quietschen der Tür. Geruch von Staub und Erinnerungen. Ich fand ein Notizbuch mit Papas Handschrift – Pläne für Renovierung. Er hatte Pläne. Aber keine Zeit mehr. Der Apfelbaum, den wir zusammen gepflanzt hatten, als ich noch ein Kind war. Das Haus war mehr als Eigentum. Es war Erinnerung. Als meine Mutter kam und sagte: „Du bist ohne Familie, für dich ist es einfacher…“, konnte ich nicht mehr schlucken. „Drei Versuche mit künstlicher Befruchtung. Drei.“ Und zum ersten Mal sagte ich: „Das Haus gehört mir. Ich gebe es nicht ab.“ Es wurde still. Doch diese Stille war nicht leer. Sie war befreiend. Der Frühling kam früh. Die Nachbarin sagte: „Er hat nur auf dich gewartet.“ Ich saß auf der Veranda, mit Tee, Papas Pullover über den Schultern, vor mir der Apfelbaum. Das war mein Zuhause. Nicht, weil ich nachgegeben hatte. Sondern weil ich ein Recht darauf hatte.
Du hast doch keine Familie, überlass das Haus lieber deiner Schwester. Für sie ist es jetzt viel schwerer
Homy
Educational
034
Ich habe eine Frau mit Kind geheiratet. Achtzehn Jahre später hat sie mich verlassen – doch ihre Tochter entschied sich, die Feiertage mit mir zu verbringen.
Weißt du, ich hab ja damals eine Frau mit Kind geheiratet. Achtzehn Jahre später ist sie gegangen aber
Homy