„Schon wieder hat sie dir das Hirn vernebelt“ – Tochter, du musst heute noch von ihm weggehen. Hörst du mich? Heute noch! Irina drückte das Handy ans Ohr und schloss die Augen. Draußen summte die abendliche Stadt, im Hörer – das dichte, zähe Entsetzen ihrer Mutter. – Mama, ich … – Was – Mama? – ließ Ludmila Nikolaevna sie nicht ausreden. – Wie lange willst du das noch durchhalten? Erst die Rothaarige aus der Buchhaltung, dann die aus dem Fitnessstudio, und jetzt diese … wie heißt sie … Marina? Willst du dir das weiter gefallen lassen? Irina schwieg. Es gab nichts zu entgegnen. Drei Affären in zwei Jahren Ehe – eine Statistik, die nicht wegzudiskutieren war. – Ich habe so oft ein Auge zugedrückt … – Eben! – schniefte die Mutter. – Und er nutzt es aus. Denkt sich: einmal vergeben, dann auch ein zweites und drittes Mal. Pack die Sachen, dein Zimmer ist fertig. Ich warte. Das Handy war still. Irina saß reglos da und starrte auf ihren Ehering. Matt glänzte das Gold im Licht der Stehlampe – schöner, aber sinnloser Schmuck eines Glücks, das es nicht (mehr) gab. Der Koffer stand offen auf dem Bett wie ein hungriges Maul. Irina packte Pullover, Jeans, Unterwäsche – mechanisch, ohne hinzusehen. Ihre Hände arbeiteten, aber ihr Kopf wollte nicht denken. – Was machst du da? Andreas stand in der Tür, zerzaust, in Jogginghose. Irina drehte sich nicht um. – Ich gehe. – Wohin? – Zu Mama. Er schnaubte. – Hat sie dir schon wieder das Hirn gewaschen? Ira, wie lange hörst du eigentlich noch auf dieses Nervenbündel? Das Hochzeitsfoto lag auf der Kommode. Irina nahm es, strich mit dem Finger über die lachenden Gesichter. Zwei, die nicht ahnten, wie die Geschichte enden würde. Irina legte das Foto zurück, mit dem Gesicht nach unten. – Und wie lange soll ich deine Affären noch ertragen? – Ach komm … – Nichts da. Irina griff nach Tasche, Jacke, Autoschlüssel. – Du kommst zurück, – rief Andreas ihr hinterher. – In einer Woche bist du wieder da. Wen interessiert’s schon, was aus dir wird? Irina antwortete nicht – alle Energie sparte sie für die Fahrt ans andere Ende der Stadt. Ludmila Nikolaevna wartete im Hausflur, dick in einen Wollschal gehüllt. – Du Ärmste, komm rein. Der Duft nach ihren Parfüm und Geborgenheit in der Umarmung. Irina barg das Gesicht in Mutters Schulter und erlaubte sich zum ersten Mal, loszulassen. – Wir trinken Tee, mit Honig. Und ich habe deine Lieblingshörnchen gebacken. Die Mutter-Wohnung umhüllte Irina mit Wärme und Stille. Alles war wie früher: Stickdeckchen auf dem Fernseher, Geranien am Fenster, Zimtgeruch aus der Küche. Ein Rückzugsort nach zwei Jahren Sturm. – Danke, Mama, – flüsterte Irina. – Danke, dass es dich gibt … … Die Scheidung zog sich über vier Monate. Gerichte, Papiere, Streit ums Inventar – diese Bürokratiemühle mahlte das letzte Gemeinsame zu Staub. Irina unterschrieb die Papiere mechanisch – was machte es schon, wer den Mixer oder den Couchtisch bekam? Bitte unterschreiben Sie hier und hier, – zeigte die Justizangestellte. Der Stift flog übers Papier. Unterschrift – Strich – Stempel. Ehe geschieden. Amtlich, unwiderruflich, endgültig. Draußen fiel nasser Schnee. Irina stapfte durch die Straßen. Leer war sie – das tat nicht mal weh, es war einfach so; ein riesiges, hallendes Nichts. Das halbe Jahr nach der Scheidung verschwamm zu einem formlosen, grauen Fleck. Irina aß kaum noch, starrte an die Decke. Die Liebe zu Andreas – dumm, unbegreiflich – war noch da, wie ein Splitter, der nachts bohrte. Ludmila Nikolaevna machte keine Vorwürfe. Kochte Hühnerbrühe, streichelte über Irinas Haare. – Schlaf noch, Kind. Ruh dich aus. Irina schloss gehorsam die Augen. Träume waren nur Nebel – grau, sinnleer, ohne Geschichte. Nur Arbeit lenkte etwas ab … … Im Sommer wich die Apathie langsam zurück. Irina wollte zum ersten Mal seit Monaten raus, Eis kaufen, in den Park. – Wohin gehst du? – fragte Ludmila Nikolaevna im Flur. – Einkaufen. Brot holen. – Brot? Wir haben doch Brot. – Dann einfach spazieren. – Spazieren? Wohin? Wie lange denn? Hast du gefrühstückt? Und warum dieser Rock, der ist doch zu kurz! Irina verharrte mit dem Schlüssel in der Hand. Fünfzehn Jahre alt – fühlte sie sich gerade wirklich so? War sie nicht schon 28 und erwachsen? – Mama, ich will einfach nur raus. – Wann bist du zurück? Irgendwo unter den Rippen kratzte der Ärger. Irina schluckte ihn herunter, lächelte. – In einer Stunde. – Wirklich? Nicht länger? Ich mach mir doch Sorgen! Die Fragen wurden zum täglichen Ritual. Wohin gehst du, mit wem, warum sieben Minuten zu spät? Selbst der Zahnarzttermin verlangte einen kompletten Bericht. – Was hat er gesagt? Welcher Zahn? Füllung oder ziehen? Wann ist der Folgetermin? Warum hast du mich nicht gleich angerufen? Irina hielt still. Mama sorgt sich, Mama liebt, Mama meint es gut. Da sei undankbar. – Mama, ich habe überlegt … vielleicht ziehe ich in eine eigene Wohnung? Ludmila Nikolaevna wurde blass, griff sich ans Herz. – Was? Eine Wohnung? Ist es dir hier nicht gut? – Doch, aber … – Ach … Mein Herz, – die Mutter sackte theatralisch auf den Stuhl. – Mir ist so schlecht, bestimmt ist mein Blutdruck wieder zu hoch … Irina rannte mit Blutdruckmessgerät, Tropfen, Wasser. Der Traum vom Einzimmerapartment löste sich in Mutters Tränen auf. … Der nächste Versuch kam in einem Monat. Irina fand ein günstiges Studio, zahlte die Kaution, packte ihren Koffer. Ludmila Nikolaevna lag theatralisch auf der Couch, Hand aufs Herz, atmete schwer und schwach. – Mama! Was ist los? – Mein Herz … Geh nur, wenn du meinst. Ich schaff das allein. Irgendwie. Irina kniete sich an den Sessel, griff nach Mutters Hand – kalt, feucht. Oder bildete sie sich das nur ein? – Ich geh nicht, hörst du? Ich bleibe. Ludmila Nikolaevna öffnete kurz ein Auge, zur Kontrolle. Irina bemerkte es, verdrängte es aber. Mutter würde niemals so tun … oder etwa doch? Noch am selben Abend sagte Irina das Apartment wieder ab … Einen Monat später neuer Versuch: Irina mietete ein Zimmer nah bei der Arbeit. Der Koffer stand bereit. – Oje oje oje, – Ludmila Nikolaevna krümmte sich in der Küche, umklammerte den Bauch. – Magengeschwür … oder Blinddarm … Irina, ruf den Notarzt! – Gestern hast du Bratkartoffeln mit Speck gegessen. Magengeschwür? – Glaubst du mir nicht? – Die Mutter weinte. – Die eigene Tochter glaubt nicht … Lass mich, geh ruhig. Bleib ich halt hier, fällt ja niemandem auf, wenn was passiert … Irina packte wieder aus. Ein Verdacht regte sich, aber sie schob ihn weg. Schlecht von Mama denken? Das geht nicht! … Dmitrij trat durch Zufall in ihr Leben – neuer Kollege im Nachbarbüro. Groß, Lachgrübchen, ansteckendes Lachen. – Irina, gehen Sie gern ins Theater? – Gern. Eigentlich. War aber ewig nicht. – „Der Kirschgarten“. Samstag. Sind Sie dabei? Erstes richtiges Rendezvous seit einem Jahr. Mit einem Mann, der sie ansah, als wäre sie nicht bloß eine geschiedene Versagerin, sondern etwas Besonderes. Jetzt nur noch Mama Bescheid sagen. – Mama, ich gehe am Samstag ins Theater. Ludmila Nikolaevna sah vom Fernseher auf. – Mit wem? – Mit Dmitrij, einem Kollegen. – Dmitrij … Ist der nett? – Sehr sogar. – Soso, erzähl mal. Irina setzte sich. Zum ersten Mal seit langem wollte sie wirklich erzählen, lachen, sich mitteilen. Mutter hörte aufmerksam zu, fragte aus. Den listigen Glanz in den Augen der Mutter bemerkte Irina nicht – oder wollte ihn nicht sehen. Der Samstag begann wunderbar. Irina wählte ein Kleid, schminkte sich, summte vor sich hin. Noch zwei Stunden bis zur Vorstellung, doch sie fühlte sich schon jetzt leicht und glücklich. – Ich husch kurz zur Apotheke und dann zu einer Freundin, – rief Ludmila Nikolaevna im Flur. – Gut, Mama. Die Tür fiel zu. Irina schminkte sich weiter: Mascara, Rouge, etwas Highlighter. Zwei Stunden später – wollte sie los. Doch die Schlüssel waren weg. Irina griff zum Handy. Freizeichen, Freizeichen, Freizeichen. „Teilnehmer nicht erreichbar“. 14 Anrufe in der nächsten Stunde. Keine Reaktion. Um sieben sollte das Stück beginnen. Um sechs hatte Irina noch Hoffnung. Halb sieben tobte sie durch die Wohnung, trat gegen die verschlossene Tür. Um sieben saß sie im Flur am Boden, die Knie umklammert. Dmitrij wartete vor dem Theater. Blickte nervös auf die Uhr, aufs Handy. Hat sie sich verspätet? Im Stau? Drei Nachrichten schickte er, rief zweimal an. Irina sah die Hinweise. Sie heulte sich aus. … Ludmila Nikolaevna kam um zehn zurück – sie roch nach Kuchen und fremdem Parfüm. – Warum sitzt du hier auf dem Boden? Irina starrte sie wortlos an. Worte blieben im Hals stecken – stachlig, giftig. – Die Schlüssel, – brachte sie hervor. – Welche Schlüssel? Ach, die. Die habe ich versehentlich eingesteckt, wirklich! Ich werde wohl alt. Versehentlich. Natürlich. Versehentlich beide Schlüssel mitgenommen, versehentlich nicht erreichbar gewesen. Irina stand auf. Die Beine zitterten, aber der Kopf war klar – zum ersten Mal seit anderthalb Jahren. … Am nächsten Morgen wartete Irina, bis die Mutter zum Briefkasten ging. Dann packte sie Unterlagen, Stopfte Sachen in denselben Koffer wie damals – und ging, ließ ihren eigenen Schlüsselring im Flur zurück. … Katja öffnete im Pyjama mit Katzen drauf. – Ira? Was ist los? – Kann ich bei dir schlafen? – Klar, komm rein. Keine Fragen, keine Vorwürfe. Nur Tee, Decke, Sofa. Das Handy explodierte: zwanzig, dreißig, vierzig Anrufe. Nachrichten über Nachrichten: „Wo bist du?“, „Wie konntest du nur?“, „Ich bin krank vor Sorge“, „Du kümmerst dich nicht um mich“. … Eine Woche blieb sie bei Katja. Dann – ein Mini-Apartment am Stadtrand, mit Blick auf die Industrie und lauten Nachbarn. Am achten Tag rief Irina bei ihrer Mutter an. – Kind! Endlich! Ich bin halb verrückt geworden, bitte komm zurück! – Nein. – Wie, nein? Ira, ich bin doch deine Mutter, ich liebe dich mehr als mein Leben … – Ich weiß, Mama. Aber ich brauche Abstand. – Abstand? Warum? Ich habe doch alles für dich getan! Irina atmete tief durch. – Wenn du mich in deinem Leben behalten willst, musst du dich ändern. Kein Kontrollieren. Keine verschlossenen Türen. Keine Herzanfälle, wenn ich wegziehen will. – Du bist ungerecht … – Das sind meine Bedingungen. Wenn du sie nicht akzeptierst, hast du keine Tochter mehr. Pause. Lange, klirrende Stille. – Denk drüber nach, Mama. Ich rufe in einem Monat an. Ob die Mutter sich ändert, wusste Irina nicht. Aber sie selbst war nun nicht mehr dieselbe. Ins Theater ging sie mit Dima trotzdem – bei einem anderen Stück. Doch das war dann schon nicht mehr wichtig …

Hat sie dir schon wieder das Gehirn gewaschen?

Annchen, du musst noch heute gehen. Hörst du? Heute!

Anna drückte das Handy ans Ohr und schloss die Augen. Draußen pulsierte das abendliche München, im Hörer waberte Mutters Entrüstung, zäh wie alter Honig.

Mama, ich
Was Mama? Ute Kaspar unterbrach sie unbarmherzig. Wie viel willst du dir noch gefallen lassen? Erst diese blonde Buchhalterin, dann die Fitness-Tussi, und jetzt wie hieß sie? Mareike? Sag bloß, du lässt es weiter zu, dass er dich wie einen Fußabstreifer benutzt!

Anna schwieg. Dagegen war kein Kraut gewachsen. Drei Affären in zwei Jahren Ehe eine Bilanz, die nicht mal ein Statistiker schöner rechnen kann.

Ich habe so oft weggeschaut
Genau das ist das Problem! Mutter schniefte. Und er nutzt es schamlos aus. Denkt, wenn man einmal verzeiht, verzeiht man auch zwei- und dreimal. Pack deine Sachen, das Gästezimmer ist bereit. Ich warte.

Das Handy verstummte. Anna saß noch minutenlang wie angewurzelt, das Ehering betrachtend. Das Gold glänzte stumpf im Schein der Stehlampe hübsch, aber so sinnvoll wie ein Schirm im Novemberdriesel.

Ihr Koffer klappte auf wie das Maul eines hungrigen Karpfens. Anna stopfte Pullis, Jeans und Unterwäsche hinein gedankenverloren, mechanisch, damit wenigstens die Hände wussten, was zu tun war.

Was machst du da?

Kai erschien in der Tür, zerzaust, in Jogginghosen. Anna drehte sich nicht um.

Ich geh.
Wohin?
Zu Mama.

Er lachte kurz auf.

Die hat dir doch wieder einen Floh ins Ohr gesetzt. Anna, ehrlich, wie lange hörst du noch auf diese Drama-Queen?

Die Hochzeitsfoto lag auf der Kommode. Anna griff danach, strich mit dem Finger über ihr früheres Ich lachend, glücklich, ahnungslos.

Sie stellte das Bild zurück, mit dem Gesicht nach unten.

Und wie oft soll ich deine Seitensprünge noch hinnehmen?
Ach, komm schon
Nein. Diesmal nicht.

Anna schnappte sich Koffer, Jacke und Autoschlüssel.

Du kommst schon zurück, warf Kai noch hinterher. Spätestens in einer Woche kriechst du wieder an. Wer soll dich denn sonst nehmen?

Anna schwieg sie sparte ihre Kräfte für die nächtliche Fahrt quer durch die Stadt.

Ute Kaspar wartete schon im Flur, mümmelnd in einen dicken Wollschal.

Meine Arme, bist du durchgefroren. Komm her.

Umarmung nach Chanel und Brötchenduft. Anna drückte das Gesicht an Mutters Schulter, ließ endlich locker.

Wir trinken jetzt erst mal Tee mit Honig. Und ich hab Apfelkuchen gebacken, deinen Lieblingskuchen.

Mamas Wohnung empfing sie mit Wärme und Stille. Alles wie früher: Häkeldecken auf dem Fernseher, Geranien auf der Fensterbank, Zimtgeruch aus der Küche. Der sichere Hafen nach zwei Jahren Dauerorkan.

Danke, Mama, hauchte Anna. Einfach danke, dass du da bist

Die Scheidung zog sich vier Monate. Behörden, Anwälte, eine akribische Bürokratie, die das letzte Stückchen Zusammenleben durch ihren Fleischwolf drehte. Anna unterschrieb, las die Unterlagen nicht mehr, wem interessiert schon, wer den Handmixer oder den Ikea-Tisch kriegt?

Unterschreiben Sie hier und hier, schnarrte die Justizangestellte, den Finger in die richtigen Zeilen gebohrt.

Kritz Unterschrift Stempel. Ehe erledigt. Jetzt auch mit amtlichem Segen: vorbei.

Draußen tanzte Schneematsch durchs Licht. Anna wanderte ohne Schirm durch die Stadt. Die Leere in ihr tat nicht mal mehr weh sie war einfach da. Riesig, hallend, grenzenlos.

Das halbe Jahr danach verschwand im grauen Einheitsbrei. Anna aß lustlos, starrte an die Decke. Die Liebe zu Kai dümmlich, unerklärlich wimmerte wie ein Splitter im Herz, besonders nachts.

Ute Kaspar klagte nicht. Sie kochte Hühnersuppe, streichelte ihrer Tochter den Kopf.

Schlaf noch ein bisschen, Liebling. Erhol dich.

Anna schloss gehorsam die Augen. Die Träume waren leer, wie ein Nebelbeet ohne Handlung.

Nur der Job lenkte etwas ab…

Mit dem Sommer zog langsam wieder Leben ein. Anna wollte zum ersten Mal seit Monaten raus, ein Eis holen, im Englischen Garten auf der Bank sitzen.

Wo gehst du hin? Muttern stand plötzlich im Flur.
Zum Bäcker. Brötchen holen.
Wir haben noch Brötchen.
Dann eben nur spazieren.
Spazieren? Wohin überhaupt? Und so lange? Hast du gefrühstückt? Und in dem Rock? Der ist doch viel zu kurz!

Anna erstarrte mit dem Schlüssel in der Hand. Wie alt war sie heute, vierzehn? Nein, achtundzwanzig. Eigentlich.

Mama, ich will nur ein bisschen raus.
Wann bist du zurück?

Das altbekannte Kitzeln aus Empörung schabte am Zwerchfell, aber Anna schluckte es herunter.

In einer Stunde.
Sicher? Eine Stunde? Ich mach mir sonst Sorgen.

Solche Verhöre waren inzwischen Tagesgeschäft: Wohin, wozu, mit wem, warum sieben Minuten später als versprochen? Beim Zahnarztbesuch erst recht.

Was hat der Arzt gesagt? Welcher Zahn? Füllung oder ziehen? Wann wieder Termin? Warum hast du dich nicht sofort gemeldet?

Anna schluckte den Übermut. Mama kümmert sich, Mama liebt dich, Mama meint es gut. Undankbar will man nicht sein.

Mama, ich hab überlegt Vielleicht such ich mir eine eigene Wohnung?

Ute Kaspar erbleichte. Ihre Hand fuhr dramatisch ans Herz.

Was? Eine Wohnung? Gefällts dir nicht mehr hier?
Doch, aber
Oh Gott Mein Herz Sie sackte auf den Stuhl. Mir wird ganz schlecht. Bestimmt Blutdruck

Anna holte das Messgerät, Tropfen, Wasser. Die Idee von einer eigenen Ein-Zimmer-Wohnung wurde in Mutters Tränen aufgeweicht.

Der nächste Versuch: Einen Monat später. Anna fand online ein günstiges 1-Zimmer-Apartment, zahlte die Kaution, packte den Koffer.

Ute lag theatralisch auf dem Sofa, Hand an der Brust, stöhnend.

Mama! Was hast du?
Das Herz Hier, das Herz! Na los, geh, wenn dus so willst. Ich schaff das schon. Irgendwie.

Anna kniete sich ans Sofa, griff nach Mutters Hand. Kalt und schweißnass. Oder bildete sie sich das nur ein?

Ich geh nicht. Hörst du? Ich bleib.

Ute blinzelte kurz zwischen den Lidern kontrollierend. Anna bemerkte es, redete sich aber ein, sie habe sich geirrt. Mama würde doch nie schauspielern. Oder etwa doch?

Das Apartment kündigte Anna noch am selben Abend…

Der nächste Umzugsversuch, ein Monat darauf: ein WG-Zimmer, günstig, nah zum Job. Koffer stand bereit.

Ach herrje, Ute klappte in der Küche zusammen, hielt sich den Bauch. Magengeschwür! Ganz bestimmt. Oder Blinddarm! Anna, ruf den Notarzt!
Mama, du hast gestern Bratkartoffeln mit Speck gegessen. Welches Geschwür denn?
Du glaubst mir nicht? Tränen rollten die Wangen runter. Die eigene Tochter glaubt der Mutter nicht! Na dann geh doch, lass mich hier elend verrecken Na los!

Anna packte den Koffer wieder aus. Sie schob ein finsteres Ahnen tief, tief runter. Schlecht denken über Mama? Nein. Kann man nicht.

…Dieter tauchte auf, wie das Murmeltier im Frühling neuer Kollege im Nebenzimmer. Groß, mit Grübchen und ansteckendem Lachen.

Anna, sind Sie Theaterfan?
Eigentlich ja War aber ewig nicht mehr.
Der Kirschgarten. Samstag. Kommen Sie mit?

Das Herzschlagturnier gewann Anna seit langem mal wieder. Ein echtes Date. Mit einem echten Mann, der sie ansah, als wäre sie nicht nur die gescheiterte Exfrau, sondern tatsächlich besonders.

Jetzt nur noch Mutter beichten.

Mama, ich geh am Samstag ins Theater.

Ute warf den Blick vom Fernseher.

Ins Theater? Mit wem?
Mit einem Kollegen. Dieter. Neu bei uns.
Dieter, hm? Und, sieht der gut aus?
Sehr sympathisch.
Na, das klingt doch mal interessant. Erzähl mehr!

Anna setzte sich dazu. Zum ersten Mal seit einem Jahr wollte sie wirklich reden, erzählen, kichern. Mutter hörte aufmerksam zu, bohrte nach, die Augen neugierig funkelnd. Den listigen Glanz übersah Anna oder wollte es wenigstens.

Der Samstag begann verheißungsvoll. Anna suchte ein Kleid aus, pinselte Lippenstift, summte vor sich hin. Noch zwei Stunden bis zum Stück das Glück schien schon fast zu groß.

Ich flitz kurz zur Apotheke, kündigte Ute im Flur an. Danach noch zu Helga.
Mach ruhig, Mama.

Tür zu. Anna schminkte weiter, tupfte Rouge, etwas Wimperntusche, ein Hauch Highlighter. Zwei Stunden später wollte sie gehen.

Aber: Keine Schlüssel weit und breit

Anna griff zum Handy. Freizeichen. Kein Anschluss. Kein Anschluss. Kein Anschluss. Teilnehmer nicht erreichbar.

14 Anrufversuche in der nächsten Stunde. Alle vergeblich.

Um sieben sollte das Stück starten. Um sechs hoffte Anna noch. Halb sieben: panic dancing. Um sieben hockte sie schluchzend im Flur, die Knie zur Brust gezogen.

Dieter stand vor dem Theater. Schaute auf die Uhr, auf Handy, in die Gegend. Ist sie im Stau? Hat sie verpasst? Er schrieb drei SMS, versuchte es zweimal telefonisch. Anna heulte in die Couchkissen hilflos.

Ute kam erst um zehn nach Hause, duftete nach frischem Hefegebäck und fremden Parfums.

Warum sitzt du auf dem Boden?

Anna blickte sie nur an. Die Worte blieben irgendwo zwischen Hals und Magen stecken: zu scharf, zu bitter.

Die Schlüssel, stieß Anna schließlich hervor.
Welche? Ach, die Hoppla, hab ich wohl versehentlich beide mitgenommen. Ich werd alt, offenbar.

Versehentlich. Ja klar. Zufällig beide Schlüssel eingepackt und zufällig den gesamten Tag nicht erreichbar.

Anna stand auf. Die Knie weich, im Kopf dafür plötzlich messerscharf zum ersten Mal seit Ewigkeiten

Am nächsten Morgen wartete Anna, bis Ute auf der Post verschwand. Sie stopfte Papiere und Notwendigkeiten in denselben Koffer, mit dem sie eingezogen war.
Dann verließ sie die Wohnung, ließ den Schlüsselbund demonstrativ im Flur liegen

…Katja öffnete die Tür in Schlafanzug mit Pandabären.

Anna? Was ist los?
Kann ich auf deiner Couch schlafen?
Na klar.

Keine Fragen, keine Vorwürfe. Einfach Tee, Sofa, warme Decke. Annas Handy vibrierte pausenlos zwanzig, dreißig, vierzig Anrufe.

Die Nachrichten ploppten im Sekundentakt: Wo bist du?, Wie konntest du?, Mir geht’s schlecht vor Sorge, Du behandelst mich wie Luft!

Eine Woche hing Anna bei Katja ab. Danach: ein klitzekleines Studio am Stadtrand, Aussicht auf Beton, Lärm inklusive.

Am achten Tag rief sie bei Mama an.

Mein Mädchen! Endlich! Ich bin bald durchgedreht, komm bitte heim!
Nein, Mama.
Was? Anna, ich bin doch deine Mutter, ich liebe dich doch über alles
Das weiß ich, aber ich brauch Abstand.
Was für Abstand? Wozu? Ich hab doch nur das Beste für dich getan!

Anna atmete tief durch.

Wenn du willst, dass ich in deinem Leben bleibe, musst du dich ändern. Kein Kontrollieren mehr. Keine verschwundenen Schlüssel. Kein Drama, wenn ich ausziehe.
Das ist aber ungerecht
Das sind meine Bedingungen. Nimm sie an oder so tu, als hättest du keine Tochter.

Stille. Schrille, kalte Stille.

Denk drüber nach. Ich meld mich in einem Monat.

Ob Mama sich ändert, wusste Anna nicht. Aber sie selbst war nicht mehr dieselbe. Und ins Theater gingen Anna und Dieter dann tatsächlich zwar zu einem anderen Stück, aber egal. Wirklich völlig egal.

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Homy
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„Schon wieder hat sie dir das Hirn vernebelt“ – Tochter, du musst heute noch von ihm weggehen. Hörst du mich? Heute noch! Irina drückte das Handy ans Ohr und schloss die Augen. Draußen summte die abendliche Stadt, im Hörer – das dichte, zähe Entsetzen ihrer Mutter. – Mama, ich … – Was – Mama? – ließ Ludmila Nikolaevna sie nicht ausreden. – Wie lange willst du das noch durchhalten? Erst die Rothaarige aus der Buchhaltung, dann die aus dem Fitnessstudio, und jetzt diese … wie heißt sie … Marina? Willst du dir das weiter gefallen lassen? Irina schwieg. Es gab nichts zu entgegnen. Drei Affären in zwei Jahren Ehe – eine Statistik, die nicht wegzudiskutieren war. – Ich habe so oft ein Auge zugedrückt … – Eben! – schniefte die Mutter. – Und er nutzt es aus. Denkt sich: einmal vergeben, dann auch ein zweites und drittes Mal. Pack die Sachen, dein Zimmer ist fertig. Ich warte. Das Handy war still. Irina saß reglos da und starrte auf ihren Ehering. Matt glänzte das Gold im Licht der Stehlampe – schöner, aber sinnloser Schmuck eines Glücks, das es nicht (mehr) gab. Der Koffer stand offen auf dem Bett wie ein hungriges Maul. Irina packte Pullover, Jeans, Unterwäsche – mechanisch, ohne hinzusehen. Ihre Hände arbeiteten, aber ihr Kopf wollte nicht denken. – Was machst du da? Andreas stand in der Tür, zerzaust, in Jogginghose. Irina drehte sich nicht um. – Ich gehe. – Wohin? – Zu Mama. Er schnaubte. – Hat sie dir schon wieder das Hirn gewaschen? Ira, wie lange hörst du eigentlich noch auf dieses Nervenbündel? Das Hochzeitsfoto lag auf der Kommode. Irina nahm es, strich mit dem Finger über die lachenden Gesichter. Zwei, die nicht ahnten, wie die Geschichte enden würde. Irina legte das Foto zurück, mit dem Gesicht nach unten. – Und wie lange soll ich deine Affären noch ertragen? – Ach komm … – Nichts da. Irina griff nach Tasche, Jacke, Autoschlüssel. – Du kommst zurück, – rief Andreas ihr hinterher. – In einer Woche bist du wieder da. Wen interessiert’s schon, was aus dir wird? Irina antwortete nicht – alle Energie sparte sie für die Fahrt ans andere Ende der Stadt. Ludmila Nikolaevna wartete im Hausflur, dick in einen Wollschal gehüllt. – Du Ärmste, komm rein. Der Duft nach ihren Parfüm und Geborgenheit in der Umarmung. Irina barg das Gesicht in Mutters Schulter und erlaubte sich zum ersten Mal, loszulassen. – Wir trinken Tee, mit Honig. Und ich habe deine Lieblingshörnchen gebacken. Die Mutter-Wohnung umhüllte Irina mit Wärme und Stille. Alles war wie früher: Stickdeckchen auf dem Fernseher, Geranien am Fenster, Zimtgeruch aus der Küche. Ein Rückzugsort nach zwei Jahren Sturm. – Danke, Mama, – flüsterte Irina. – Danke, dass es dich gibt … … Die Scheidung zog sich über vier Monate. Gerichte, Papiere, Streit ums Inventar – diese Bürokratiemühle mahlte das letzte Gemeinsame zu Staub. Irina unterschrieb die Papiere mechanisch – was machte es schon, wer den Mixer oder den Couchtisch bekam? Bitte unterschreiben Sie hier und hier, – zeigte die Justizangestellte. Der Stift flog übers Papier. Unterschrift – Strich – Stempel. Ehe geschieden. Amtlich, unwiderruflich, endgültig. Draußen fiel nasser Schnee. Irina stapfte durch die Straßen. Leer war sie – das tat nicht mal weh, es war einfach so; ein riesiges, hallendes Nichts. Das halbe Jahr nach der Scheidung verschwamm zu einem formlosen, grauen Fleck. Irina aß kaum noch, starrte an die Decke. Die Liebe zu Andreas – dumm, unbegreiflich – war noch da, wie ein Splitter, der nachts bohrte. Ludmila Nikolaevna machte keine Vorwürfe. Kochte Hühnerbrühe, streichelte über Irinas Haare. – Schlaf noch, Kind. Ruh dich aus. Irina schloss gehorsam die Augen. Träume waren nur Nebel – grau, sinnleer, ohne Geschichte. Nur Arbeit lenkte etwas ab … … Im Sommer wich die Apathie langsam zurück. Irina wollte zum ersten Mal seit Monaten raus, Eis kaufen, in den Park. – Wohin gehst du? – fragte Ludmila Nikolaevna im Flur. – Einkaufen. Brot holen. – Brot? Wir haben doch Brot. – Dann einfach spazieren. – Spazieren? Wohin? Wie lange denn? Hast du gefrühstückt? Und warum dieser Rock, der ist doch zu kurz! Irina verharrte mit dem Schlüssel in der Hand. Fünfzehn Jahre alt – fühlte sie sich gerade wirklich so? War sie nicht schon 28 und erwachsen? – Mama, ich will einfach nur raus. – Wann bist du zurück? Irgendwo unter den Rippen kratzte der Ärger. Irina schluckte ihn herunter, lächelte. – In einer Stunde. – Wirklich? Nicht länger? Ich mach mir doch Sorgen! Die Fragen wurden zum täglichen Ritual. Wohin gehst du, mit wem, warum sieben Minuten zu spät? Selbst der Zahnarzttermin verlangte einen kompletten Bericht. – Was hat er gesagt? Welcher Zahn? Füllung oder ziehen? Wann ist der Folgetermin? Warum hast du mich nicht gleich angerufen? Irina hielt still. Mama sorgt sich, Mama liebt, Mama meint es gut. Da sei undankbar. – Mama, ich habe überlegt … vielleicht ziehe ich in eine eigene Wohnung? Ludmila Nikolaevna wurde blass, griff sich ans Herz. – Was? Eine Wohnung? Ist es dir hier nicht gut? – Doch, aber … – Ach … Mein Herz, – die Mutter sackte theatralisch auf den Stuhl. – Mir ist so schlecht, bestimmt ist mein Blutdruck wieder zu hoch … Irina rannte mit Blutdruckmessgerät, Tropfen, Wasser. Der Traum vom Einzimmerapartment löste sich in Mutters Tränen auf. … Der nächste Versuch kam in einem Monat. Irina fand ein günstiges Studio, zahlte die Kaution, packte ihren Koffer. Ludmila Nikolaevna lag theatralisch auf der Couch, Hand aufs Herz, atmete schwer und schwach. – Mama! Was ist los? – Mein Herz … Geh nur, wenn du meinst. Ich schaff das allein. Irgendwie. Irina kniete sich an den Sessel, griff nach Mutters Hand – kalt, feucht. Oder bildete sie sich das nur ein? – Ich geh nicht, hörst du? Ich bleibe. Ludmila Nikolaevna öffnete kurz ein Auge, zur Kontrolle. Irina bemerkte es, verdrängte es aber. Mutter würde niemals so tun … oder etwa doch? Noch am selben Abend sagte Irina das Apartment wieder ab … Einen Monat später neuer Versuch: Irina mietete ein Zimmer nah bei der Arbeit. Der Koffer stand bereit. – Oje oje oje, – Ludmila Nikolaevna krümmte sich in der Küche, umklammerte den Bauch. – Magengeschwür … oder Blinddarm … Irina, ruf den Notarzt! – Gestern hast du Bratkartoffeln mit Speck gegessen. Magengeschwür? – Glaubst du mir nicht? – Die Mutter weinte. – Die eigene Tochter glaubt nicht … Lass mich, geh ruhig. Bleib ich halt hier, fällt ja niemandem auf, wenn was passiert … Irina packte wieder aus. Ein Verdacht regte sich, aber sie schob ihn weg. Schlecht von Mama denken? Das geht nicht! … Dmitrij trat durch Zufall in ihr Leben – neuer Kollege im Nachbarbüro. Groß, Lachgrübchen, ansteckendes Lachen. – Irina, gehen Sie gern ins Theater? – Gern. Eigentlich. War aber ewig nicht. – „Der Kirschgarten“. Samstag. Sind Sie dabei? Erstes richtiges Rendezvous seit einem Jahr. Mit einem Mann, der sie ansah, als wäre sie nicht bloß eine geschiedene Versagerin, sondern etwas Besonderes. Jetzt nur noch Mama Bescheid sagen. – Mama, ich gehe am Samstag ins Theater. Ludmila Nikolaevna sah vom Fernseher auf. – Mit wem? – Mit Dmitrij, einem Kollegen. – Dmitrij … Ist der nett? – Sehr sogar. – Soso, erzähl mal. Irina setzte sich. Zum ersten Mal seit langem wollte sie wirklich erzählen, lachen, sich mitteilen. Mutter hörte aufmerksam zu, fragte aus. Den listigen Glanz in den Augen der Mutter bemerkte Irina nicht – oder wollte ihn nicht sehen. Der Samstag begann wunderbar. Irina wählte ein Kleid, schminkte sich, summte vor sich hin. Noch zwei Stunden bis zur Vorstellung, doch sie fühlte sich schon jetzt leicht und glücklich. – Ich husch kurz zur Apotheke und dann zu einer Freundin, – rief Ludmila Nikolaevna im Flur. – Gut, Mama. Die Tür fiel zu. Irina schminkte sich weiter: Mascara, Rouge, etwas Highlighter. Zwei Stunden später – wollte sie los. Doch die Schlüssel waren weg. Irina griff zum Handy. Freizeichen, Freizeichen, Freizeichen. „Teilnehmer nicht erreichbar“. 14 Anrufe in der nächsten Stunde. Keine Reaktion. Um sieben sollte das Stück beginnen. Um sechs hatte Irina noch Hoffnung. Halb sieben tobte sie durch die Wohnung, trat gegen die verschlossene Tür. Um sieben saß sie im Flur am Boden, die Knie umklammert. Dmitrij wartete vor dem Theater. Blickte nervös auf die Uhr, aufs Handy. Hat sie sich verspätet? Im Stau? Drei Nachrichten schickte er, rief zweimal an. Irina sah die Hinweise. Sie heulte sich aus. … Ludmila Nikolaevna kam um zehn zurück – sie roch nach Kuchen und fremdem Parfüm. – Warum sitzt du hier auf dem Boden? Irina starrte sie wortlos an. Worte blieben im Hals stecken – stachlig, giftig. – Die Schlüssel, – brachte sie hervor. – Welche Schlüssel? Ach, die. Die habe ich versehentlich eingesteckt, wirklich! Ich werde wohl alt. Versehentlich. Natürlich. Versehentlich beide Schlüssel mitgenommen, versehentlich nicht erreichbar gewesen. Irina stand auf. Die Beine zitterten, aber der Kopf war klar – zum ersten Mal seit anderthalb Jahren. … Am nächsten Morgen wartete Irina, bis die Mutter zum Briefkasten ging. Dann packte sie Unterlagen, Stopfte Sachen in denselben Koffer wie damals – und ging, ließ ihren eigenen Schlüsselring im Flur zurück. … Katja öffnete im Pyjama mit Katzen drauf. – Ira? Was ist los? – Kann ich bei dir schlafen? – Klar, komm rein. Keine Fragen, keine Vorwürfe. Nur Tee, Decke, Sofa. Das Handy explodierte: zwanzig, dreißig, vierzig Anrufe. Nachrichten über Nachrichten: „Wo bist du?“, „Wie konntest du nur?“, „Ich bin krank vor Sorge“, „Du kümmerst dich nicht um mich“. … Eine Woche blieb sie bei Katja. Dann – ein Mini-Apartment am Stadtrand, mit Blick auf die Industrie und lauten Nachbarn. Am achten Tag rief Irina bei ihrer Mutter an. – Kind! Endlich! Ich bin halb verrückt geworden, bitte komm zurück! – Nein. – Wie, nein? Ira, ich bin doch deine Mutter, ich liebe dich mehr als mein Leben … – Ich weiß, Mama. Aber ich brauche Abstand. – Abstand? Warum? Ich habe doch alles für dich getan! Irina atmete tief durch. – Wenn du mich in deinem Leben behalten willst, musst du dich ändern. Kein Kontrollieren. Keine verschlossenen Türen. Keine Herzanfälle, wenn ich wegziehen will. – Du bist ungerecht … – Das sind meine Bedingungen. Wenn du sie nicht akzeptierst, hast du keine Tochter mehr. Pause. Lange, klirrende Stille. – Denk drüber nach, Mama. Ich rufe in einem Monat an. Ob die Mutter sich ändert, wusste Irina nicht. Aber sie selbst war nun nicht mehr dieselbe. Ins Theater ging sie mit Dima trotzdem – bei einem anderen Stück. Doch das war dann schon nicht mehr wichtig …
Das große Kennenlernen: Traditionelle deutsche Brautschau