Eine Fremde im eigenen Zuhause
Johann, wie kannst du das nicht verstehen, Lisa konnte sich nicht länger zurückhalten. Es kränkt mich! Es verletzt mich, dass du in solchen Momenten einfach nicht an mich denkst!
Liebst du deine Tochter? Dann sag ihr das, wenn ihr alleine seid!
Johann starrte seine Frau entgeistert an:
Lisa, bist du noch ganz bei Trost? Du verbietest mir, meiner eigenen Tochter zu sagen, dass ich sie liebe?
Ich weiß gar nicht, was ich auf so einen Vorwurf antworten soll! Vielleicht sollte ich gleich ganz auf meine Tochter verzichten, ja? Das ist es doch, was du bezweckst!
Greta, Johanns zehnjährige Tochter aus erster Ehe, hatte gerade gefrühstückt und war in ihr Zimmer gestürmt, ihre Brotkrümel auf dem Esstisch zurücklassend.
Gretchen, bist du fertig? rief Johann, ohne vom Handy aufzublicken.
Ja, Papa! rief es aus dem hinteren Teil der Wohnung zurück.
Komm her, mein Schatz, legte Johann das Telefon beiseite und schenkte ein Lächeln, das Lisa kaum noch an ihm sah.
Greta kam angelaufen und sprang ihrem Vater auf den Schoß. Sie war ein liebes Mädchen, und Lisa gab sich Mühe, mit ihr eine freundschaftliche Beziehung aufzubauen. Sie suchten zusammen Kleider aus, buken Kekse, und Greta vertraute Lisa sogar ihre kleinen Geheimnisse aus der Schule an.
Aber…
Weißt du noch, was ich dir immer sage? Johann drückte Greta ganz fest und sagte laut und deutlich, wobei er gezielt in Lisas Richtung blickte: Ich liebe dich mehr als alles auf der Welt. Du bist meine größte Freude.
Lisa spürte, wie sich alles in ihr zusammenzog. Diese Vorführung wiederholte sich mehrmals täglich.
Johann, sagte Lisa leise, ohne ihn anzusehen, Greta muss sich jetzt langsam fertig machen, wir wollten doch in einer halben Stunde in den Stadtpark fahren.
Gleich, Lisa, unterbrich uns bitte nicht. Wir haben gerade unseren kleinen Kuschel-Moment, Johann küsste seine Tochter auf den Kopf. Ich liebe dich, Prinzessin. Ganz, ganz fest.
Greta schnurrte zufrieden wie ein Kätzchen, Lisa schloss die Augen.
Warum tut er das immer wieder?
***
Nach dem Spaziergang im Park, nachdem Greta zu ihrer Mutter gebracht wurde, kehrten die Eheleute in die stille Wohnung zurück.
Johann ging gleich zum Schrank, um sich ein Glas Wasser einzuschenken, tat, als wäre nichts gewesen und fragte beiläufig:
Was gibts denn heute zum Abendessen? Sollen wir was bestellen? Ich bin fix und fertig von diesen Klettergerüsten.
Lisa setzte sich ihm gegenüber an den Esstisch.
Johann, wir müssen reden. Über dein Verhalten gegenüber Greta.
Johann erstarrte, Wasserflasche in der Hand, seine Augenbrauen wanderten nach oben.
Schon wieder das Thema? Lisa, wir hatten das doch schon. Sie ist mein Kind, ich liebe sie. Was stört dich daran?
Es ist nicht die Liebe, die du ihr entgegenbringst, Lisa lehnte sich vor. Das ist völlig normal. Auch ich mag sie wirklich gern.
Es geht darum, wie du es zeigst. Dieses ewige Ich liebe dich mehr als alles, immer wenn ich dabei bin
Johann, es fühlt sich an, als wäre ich hier nur das fünfte Rad am Wagen. Als hätte ich in meinem eigenen Zuhause keinen Platz.
Du bist eifersüchtig auf ein zehnjähriges Kind? Johann schnaubte. Das ist doch lächerlich, Lisa!
Du solltest vielleicht mal jemanden aufsuchen, wenn dich schon Vaterliebe so triggert.
Überhaupt nicht witzig, fuhr Lisa dazwischen. Ich bitte dich nur um eines: Sag solche Sachen bitte nicht, wenn ich dabei bin.
Du siehst sie in der Schule, du nimmst sie mit zu uns, du holst sie bei deiner Ex-Frau ab. Ihr verbringt so viel Zeit miteinander, nur ihr beide.
Sag ihr das im Auto, am Telefon, bei der Arbeit, was weiß ich. Aber bitte nicht in meiner Gegenwart!
Johann war so verdutzt, dass er im ersten Moment nicht wusste, was er antworten sollte.
Hörst du eigentlich, was du da erzählst? Ich soll meine Gefühle für mein Kind verstecken, nur weil es dir nicht passt?
Ich sage das, wann immer ich will!
Ich bin aber deine Frau! fuhr Lisa auf. Ich bin die, die ihr das Essen kocht, ihre Wäsche wäscht, wenn sie hier ist, ihr bei ihren Lehrern zuhört und sie auffängt.
Ich investiere so viel in dein Kind, obwohl ich es nicht müsste. Und ich habe verdammt noch mal auch ein Recht auf emotionales Wohlergehen!
Deine Befindlichkeiten enden da, wo meine Beziehung zu meiner Tochter anfängt, knurrte Johann. Was willst du eigentlich? Willst du mich von Greta entfremden?
Nein! Lisa sprang auf. Wenn du nicht darauf verzichten kannst, dann lass uns einen Kompromiss versuchen. Früher hast du doch auch manchmal gesagt: Mädels, ich hab euch beide lieb.
Mach es doch so: Wenn du Greta sagst, dass du sie lieb hast, dann sag doch bitte im gleichen Satz, dass du auch mich liebst.
Das bestätigt meinen Platz in dieser Familie. Greta sieht, wir sind ein Paar, und ich bin nicht irgendeine x-beliebige Frau für dich.
Johann sah sie an, als hätte sie gerade etwas Unerhörtes verlangt.
Nein, sagte er nur kurz. Das werde ich nicht tun. Das klingt albern. Ich werde die Liebe zu meinem Kind nicht mit meiner Beziehung zu dir vermischen, um dein Ego zu streicheln.
Also ist es für dich albern, ihr einen Satz zu sagen aber meine Gefühle wochenlang zu ignorieren ist für dich völlig normal? Lisas Augen füllten sich mit Tränen. Ich will einfach nicht immer hintanstehen.
Dass du sie liebst, weiß ich längst. Erzähl das deiner Mutter, deinem Bruder, deinen Freunden in der Kneipe. Aber für mich ist es schwer, das immer wieder zu hören!
Du bist doch verrückt, wandte sich Johann ab und signalisierte damit das Ende des Gesprächs. Neidisch und unausstehlich.
Ich dachte, du verstehst dich mit Greta, aber du hast das alles nur gespielt. Mir fehlen die Worte, Lisa!
Er verließ wütend den Raum, jegliche Fortsetzung war für ihn sinnlos.
***
Am nächsten Tag hielten sie Funkstille. Johann behandelte Lisa, als wäre sie gar nicht da: schaute fernsehen, bestellte nur für sich Essen, und als Greta per Videoanruf anrief, verschwand er demonstrativ im Schlafzimmer und schloss die Tür, aber Lisa hörte seine übertriebene Zärtlichkeit trotzdem:
Ja, Sonnenschein, ich liebe dich mehr als alles, das weißt du doch
Das brachte das Fass zum Überlaufen. Als ihr Mann mit Greta fertig telefoniert hatte, begann Lisa schweigend ihre Sachen zu packen.
Was machst du da? fragte er, als er sie mit Koffer im Flur sah.
Ich gehe. Zu einer Freundin, ins Hotel ist egal. Du hörst mich gar nicht mehr, Johann. Ich ertrage das nicht länger
Tja, dann geh halt, Johann zuckte mit den Schultern. Mal sehen, wie lange du das aushältst. Du kommst schon wieder angekrochen, wenn du merkst, wie absurd deine Bedingungen sind.
Er drehte sich nicht einmal um, als sie ging. Er tat einfach so, als wäre nichts passiert.
***
Lisa wohnte bei einer Freundin, arbeitete, ging auch mal ins Kino, wartete aber insgeheim auf eine Nachricht von Johann. Doch der meldete sich nicht, schrieb nicht, entschuldigte sich nicht.
Bis ihre Freundin eines Tages sagte:
Du, Lisa, ich habe Johann gestern im Einkaufszentrum gesehen. Hat Greta dabei gehabt. Aber ehrlich, er sah ganz schön fertig aus.
Und? Lisa versuchte gleichgültig zu wirken. Soll er doch seine Vaterrolle genießen.
Martina lachte leise.
Greta war richtig quengelig, wollte unbedingt ein teures Spielzeug, und Johann wusste nicht mehr weiter.
Weißt du, was das Mädchen ihm an den Kopf geworfen hat? Du hast doch gesagt, dass du mich am meisten von allen liebst also musst du mir das auch kaufen!
Er stand da, knallrot, die Leute schauten schon. Wie die losgelegt hat! Ich hätte Greta gar nicht für so verzogen gehalten!
Lisa zuckte mit den Schultern.
Das hat er sich selbst eingebrockt. Wollte eben der einzige wichtige Mensch in ihrem Leben sein, jetzt soll er das auch ausbaden.
Am Abend kam dann endlich eine Nachricht von Johann.
Er schrieb, dass er in einer Stunde vorbeikommen würde.
***
Johann wirkte plötzlich gealtert Lisa war erschrocken, als sie ihn wieder sah.
Sie trafen sich in einer kleinen Konditorei:
Hallo, sagte Johann und setzte sich ihr gegenüber.
Hallo. Wie gehts Greta? fragte Lisa freundlich.
Greta Johann seufzte. Greta ist jetzt bei ihrer Mutter. Weißt du, Lisa diese vier Tage waren die reine Hölle.
Ich hab nie gemerkt, wieviel du im Hintergrund tust, damit hier überhaupt Frieden ist, damit Greta glücklich ist.
Nur deshalb bist du gekommen? Um zu sagen, dass du Koch und Babysitter vermisst?
Nein, so doch nicht. Ich habe über das nachgedacht, was du gesagt hast. Über diese ewigen Liebesbekundungen.
Zuerst war ich wütend, dachte, du willst mich von Greta entfremden. Aber gestern und heute
Gestern haben Greta und ich uns gestritten, und sie hat mir meine Worte wie ein Spiegel vorgehalten!
Sie glaubt, wenn ich sie am meisten liebe, muss ich ihr jeden Wunsch erfüllen!
Mit zehn sind Kinder schon ganz schön raffiniert, Johann. Besonders wenn man ihnen einredet, sie seien der Mittelpunkt der Welt
Ja… Johann schwieg einen Moment. Ich habe gemerkt, ich bin selbst schuld.
Ich hatte solche Angst, dass sich Greta wegen meiner neuen Ehe übergangen fühlt, dass ich maßlos übertrieben habe.
Lisa schwieg.
Du hattest recht, gab er kleinlaut zu. Du bist meine Frau, du bist die, mit der ich jeden Tag lebe. Und wenn Greta das nicht auch von mir hört, wird sie dich nie wirklich respektieren.
Und was willst du jetzt tun? fragte Lisa.
Komm doch bitte nach Hause zurück. Ich spreche mit Greta, erkläre ihr, dass wir eine Familie sind, und dass du an meiner Seite den wichtigsten Platz hast.
Ich verspreche, diese Shows mach ich nicht mehr vor dir. Was ich zu Greta sage, sage ich ihr unter vier Augen.
Sie kamen zusammen nach Hause. Johann trug Lisas Koffer rein, und als erstes ging er zu ihr, umarmte sie und sagte leise:
Ich liebe dich. Sehr.
Am nächsten Wochenende kam Greta wieder.
Lisa war nervös und rechnete mit alten Mustern, aber Johann verhielt sich ganz anders.
Er war liebevoll zu seiner Tochter, aber als Greta versuchte, ein Gespräch zwischen Lisa und ihm zu stören, sagte er ruhig:
Greta, warte bitte kurz, wir planen gerade unseren Abend. Geh doch schon mal in dein Zimmer und spiel ein bisschen.
Später am Abend, als sie gemeinsam auf dem Sofa saßen, kuschelte sich Greta an Johann. Doch dieses Mal zog er mit dem einen Arm Lisa zu sich und sagte:
Ihr seid meine allerliebsten Mädchen. Ich bin so froh, dass wir zusammen sind.
Greta sah erst Lisa, dann ihren Vater an, grinste verschmitzt und drückte sich noch dichter an beide.
Sie mochte ihre Stiefmutter sehr, mit ihr war es schön und ruhig.
Sie hatte nie vorgehabt, ihren Vater gegen seine Frau auszuspielen. Papas Liebe reichte schließlich locker für sie beide.





