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0154
„— Michael, wir warten schon fünf Jahre. Fünf. Die Ärzte sagen, Kinder werden wir keine haben. Und jetzt… — Michael, schau mal! — ich blieb am Gartenzaun stehen, unfähig meinen Augen zu trauen. Mein Mann stapfte unbeholfen über die Schwelle, gebückt unter der Last eines Eimers voller Fisch. Die kühle Juli-Morgenluft kroch uns unter die Haut, doch was ich auf der alten Bank sah, ließ mich die Kälte vergessen. – Was ist da? — Michael stellte den Eimer ab und trat zu mir. Auf der alten Bank am Zaun stand ein geflochtener Korb. Darin, in ein verblichenes Tuch gewickelt, lag ein kleines Kind. Seine riesigen braunen Augen blickten direkt zu mir – ohne Angst, ohne Neugier, einfach nur blickend. – Mein Gott, – entfuhr es Michael, – wo kommt der her? Behutsam strich ich ihm über das dunkle Haar. Der Kleine bewegte sich nicht, weinte nicht – er blinzelte nur. In seinem winzigen Fäustchen hielt er einen Zettel. Vorsichtig öffnete ich die Finger und las: „Bitte helfen Sie ihm. Ich kann nicht. Es tut mir leid.“ – Wir müssen die Polizei rufen, – meinte Michael und kratzte sich am Kopf. – Und die Gemeinde informieren. Aber ich hatte das Kind schon auf den Arm genommen, ganz fest an mich gedrückt. Es roch nach staubigen Wegen und ungewaschenem Haar. Sein Overall war alt, aber sauber. – Anna, – Michael blickte mich besorgt an, – wir können ihn doch nicht einfach behalten. – Doch, – ich sah ihm fest in die Augen. – Michael, wir warten schon fünf Jahre. Fünf. Die Ärzte sagen, Kinder werden wir keine haben. Und jetzt… – Aber die Gesetze, die Papiere… Die Eltern könnten wieder auftauchen. Ich schüttelte den Kopf: Sie kommen nicht. Ich fühle es. Der Junge lächelte plötzlich breit, als verstünde er unser Gespräch. Und das reichte. Durch Bekannte regelten wir die Pflege und die Dokumente. 1993 war kein einfaches Jahr. Nach einer Woche fielen uns seltsame Dinge auf. Der Kleine, dem ich Elias nannte, reagierte nicht auf Geräusche. Erst dachten wir, er sei einfach verträumt. Aber als der Traktor vom Nachbarn unter unserem Fenster vorbei donnerte und Elias sich nicht rührte, wurde mir bang ums Herz. – Michael, er hört nichts, – flüsterte ich abends, als ich das Kind in die alte Wiege unseres Neffen legte. Mein Mann schaute lange ins Feuer im Kamin, seufzte dann: Wir fahren zum Arzt nach Friedenberg. Zu Dr. Nikolaus Peters. Der Arzt untersuchte Elias und zuckte mit den Schultern: Angeborene Taubheit, vollständig. An eine Operation ist nicht zu denken – das ist keine Option. Ich weinte den ganzen Heimweg über. Michael schwieg, krallte sich ans Lenkrad, bis die Fingerknöchel weiß wurden. Als Elias abends eingeschlafen war, holte Michael eine Flasche aus dem Schrank. – Michael, vielleicht solltest du nicht… – Doch, – er schenkte sich ein und trank auf einen Zug. – Wir geben ihn nicht weg. – Wen denn? – Ihn. Wir geben ihn nicht weg, – sagte er entschlossen. – Wir schaffen das allein. – Aber wie? Wie sollen wir ihn unterrichten? Wie… Michael unterbrach mich mit einer Geste: – Wenn es sein muss – du lernst das. Du bist doch Lehrerin. Dir fällt schon etwas ein. Diese Nacht konnte ich kein Auge schließen. Ich lag im Bett, starrte an die Decke und fragte mich: „Wie unterrichtet man ein Kind, das nicht hört? Wie gebe ich ihm alles, was er braucht?“ Am frühen Morgen hatte ich die Antwort: Er hat Augen, Hände, ein Herz. Also hat er alles, was nötig ist. Am nächsten Tag holte ich ein Heft und begann einen Plan zu schreiben. Recherchieren, Ideen sammeln, wie man ohne Sprache unterrichten kann. Ab da veränderte sich unser Leben für immer. Im Herbst wurde Elias zehn. Er saß am Fenster und zeichnete Sonnenblumen. Auf seinen Bildern waren sie nicht nur Blumen – sie tanzten ihren ganz besonderen Tanz. – Michael, schau, – sagte ich, als ich ins Zimmer kam. – Wieder Gelb. Heute ist er glücklich. In all den Jahren lernten Elias und ich, uns zu verstehen. Zuerst die Fingeralphabet, dann die Gebärdensprache. Michael tat sich schwerer, aber die wichtigsten Worte – „Sohn“, „Liebe“, „Stolz“ – lernte er früh. Eine spezielle Schule gab es nicht, also unterrichtete ich ihn selbst. Lesen lernte er schnell: Alphabet, Silben, Wörter. Das Zählen noch schneller. Aber das Wichtigste – Elias malte. Ständig, auf allem, was in seine Nähe kam. Zuerst mit dem Finger auf beschlagenem Glas. Dann auf der Tafel, die Michael extra für ihn zimmerte. Und später – mit Farben auf Papier und Leinwand. Farben bestellte ich aus der Stadt per Post, sparte bei mir selbst, damit der Junge gutes Material hatte. – Dein Stummer malt wieder irgendwas? – spottete Nachbar Sepp und guckte über den Zaun. – Was bringt das? Michael richtete sich vom Beet auf: – Und du, Sepp, womit bist du nützlich? Außer Quatschen? Mit den Dorfbewohnern war es schwierig. Sie verstanden uns nicht. Hänselten Elias, schimpften. Besonders die Kinder. Einmal kam er mit zerrissener Bluse und Kratzer auf der Wange nach Hause. Schweigend zeigte er mir, wer es war – Kolja, der Sohn des Bürgermeisters. Ich behandelte die Wunde unter Tränen. Elias wischte meine Tränen mit den Fingern weg und lächelte: halb so schlimm. Abends ging Michael los. Kam spät zurück und sagte nichts, aber er hatte ein blaues Auge. Seitdem rührte ihn niemand mehr an. Mit den Teenager-Jahren änderten sich seine Bilder. Sein eigener Stil kam hinzu – eigen, als stamme er aus einer anderen Welt. Er malte eine Welt ohne Geräusche, doch in seinen Bildern lag eine Tiefe, die sprachlos machte. Unsere Wände waren voller seiner Gemälde. Einmal kam eine Kommission aus dem Landkreis zur Prüfung meines Homeschoolings. Eine ältere Frau mit strengem Blick betrat das Haus, sah die Bilder und blieb stehen. – Wer hat das gemalt? – fragte sie leise. – Mein Sohn, – antwortete ich stolz. – Sie müssen das Fachleuten zeigen, – sie nahm die Brille ab. – Ihr Junge… er hat echtes Talent. Aber wir hatten Angst. Die Welt draußen erschien uns zu groß, zu gefährlich für Elias. Wie würde er dort ohne uns, ohne die vertrauten Zeichen zurechtkommen? – Wir fahren, – bestand ich und packte seine Sachen. – Das ist der Künstlerbasar im Landkreis. Zeig deine Werke. Elias war inzwischen siebzehn. Groß, schlank, mit langen Fingern und einem achtsamen Blick, der alles zu erfassen schien. Er nickte widerwillig – mit mir zu diskutieren war sinnlos. Beim Basar hingen seine Werke in der letzten Ecke. Fünf kleine Bilder – Felder, Vögel, Hände, die die Sonne halten. Die Leute liefen vorbei, warfen Blicke, blieben aber nicht stehen. Dann tauchte sie auf – eine grauhaarige Frau mit geradem Rücken und scharfem Blick. Stand lange vor den Bildern, regungslos. Dann wandte sie sich spontan zu mir: – Sind das Ihre Werke? – Die von meinem Sohn, – ich zeigte auf Elias, der neben mir stand, die Arme verschränkt. – Er hört nicht? – bemerkte sie unsere gestischen Worte. – Seit Geburt, ja. Sie nickte: – Ich heiße Vera Schmitt. Ich arbeite für die Kunstgalerie in Berlin. Dieses Bild… – Sie verharrte an dem kleinsten Gemälde mit Sonnenuntergang über dem Feld. – Es hat etwas, das viele Künstler ihr Leben lang suchen. Ich möchte es kaufen. Elias starrte mich an, während ich die Worte unbeholfen gestisch übermittelte. Seine Finger zitterten, misstrauisch in den Augen. – Sie wollen es wirklich kaufen? – die Stimme der Frau war bestimmt und professionell. – Wir haben nie… — ich stockte, fühlte, wie mir das Blut ins Gesicht stieg. – Wir haben nie an Verkauf gedacht. Das ist einfach seine Seele auf Leinwand. Sie holte ein Lederportemonnaie hervor und bezahlte, ohne zu handeln – genauso viel, wie Michael in seiner Schreinerei ein halbes Jahr verdiente. Eine Woche später kam sie wieder. Nahm ein weiteres Werk – das mit den Händen, die die aufgehende Sonne halten. Mitte Herbst brachte der Postbote einen Brief. „In den Bildern Ihres Sohnes steckt seltene Ehrlichkeit. Tiefe ohne Worte. Genau das suchen wahre Kunstliebhaber.“ Die Hauptstadt empfing uns mit grauen Straßen und kalten Blicken. Die Galerie war ein kleiner Raum in einem alten Gebäude am Stadtrand. Aber jeden Tag kamen Leute mit wachem Blick. Sie betrachteten die Bilder, diskutierten Komposition und Farben. Elias stand am Rand, beobachtete das Spiel der Lippen und der Hände. Er hörte zwar keine Worte, doch die Gesichtsausdrücke sprachen Bände: Es geschah etwas Besonderes. Dann kamen Stipendien, Praktika, Veröffentlichungen in Zeitschriften. Man nannte ihn den „Künstler der Stille“. Seine Werke – stumme Schreie der Seele – bewegten jeden, der hinsah. Drei Jahre gingen ins Land. Michael weinte, als er Elias zur ersten Ausstellung brachte. Ich hielt mich tapfer, doch innerlich bebte ich. Unser Sohn war nun erwachsen. Ohne uns. Aber er kam zurück. Eines Tages stand er an der Tür, einen Strauß Feldblumen in der Hand. Drückte uns und führte uns durchs Dorf, vorbei an neugierigen Blicken zu einem entfernten Feld. Dort stand ein Haus. Neu, weiß, mit Balkon und großen Fenstern. Das Dorf rätselte schon lange, wer dort baute, doch den Besitzer kannte niemand. – Was ist das? — flüsterte ich, ungläubig. Elias lächelte und kramte Schlüssel hervor. Drinnen geräumige Zimmer, Atelier, Bücherregal, neue Möbel. – Sohn, – Michael schaute sich um, – das ist… dein Haus? Elias schüttelte den Kopf und gebärdete: „Unseres. Für euch und mich.“ Dann bat er uns in den Hof, wo ein riesiges Bild die Wand zierte: ein Korb am Gartentor, eine strahlende Frau mit dem Kind und die Gebärde darüber: „Danke, Mama“. Ich war wie versteinert. Tränen liefen, aber ich wischte sie nicht ab. Mein sonst verschlossener Michael trat einfach vor und umarmte den Sohn fest. Elias erwiderte es, dann gab er mir auch die Hand. So standen wir zu dritt mitten im Feld vor dem neuen Haus. Heute hängen Elias‘ Bilder in den besten Galerien der Welt. Er hat eine Schule für taube Kinder im Landkreis gegründet und finanziert Förderprogramme. Das Dorf ist stolz auf ihn – unseren Elias, der mit dem Herzen hört. Und wir leben weiterhin im weißen Haus. Morgens gehe ich mit Tee auf die Veranda und schaue auf das Bild an der Wand. Manchmal frage ich mich – was wäre gewesen, hätten wir damals an jenem Juli-Morgen nicht rausgeschaut? Hätte ich ihn nicht entdeckt? Wäre ich nicht mutig gewesen? Elias lebt heute in einer großen Stadtwohnung, kommt aber jedes Wochenende nach Hause. Umarmt mich und alle Zweifel verschwinden. Er wird meine Stimme nie hören. Aber er kennt jedes Wort. Er hört keine Musik, doch erschafft seine eigene – aus Farben und Linien. Und wenn ich sein glückliches Lächeln sehe, weiß ich: Die wichtigsten Momente des Lebens geschehen oft in völliger Stille. Lasst ein Like da und teilt eure Gedanken in den Kommentaren!
Tobias, wir warten jetzt schon fünf Jahre. Fünf. Die Ärzte sagen, wir können keine Kinder bekommen.
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07
Der Sohn meines Mannes bedroht unser Familienglück: Wie kann ich ihn aus unserem Zuhause fernhalten?
14. Juni 2024 Ich sitze in der kleinen Küche unserer Wohnung in München, halte eine mittlerweile kalte
Homy
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010
Entschuldigung, dass ich euren Erwartungen nicht entsprochen habe! Alles lief ab wie in einem typischen deutschen Fernsehfilm oder einer Satire: Abends sitzt der Ehemann am Laptop, die Ehefrau erledigt den Haushalt, plötzlich löst die Autoalarmanlage aus, und der Mann stürmt – zum Glück ist Sommer – im T-Shirt auf den Hof. Währenddessen wischt die Frau Staub und rutscht zufällig mit der Maus an den Computer, der Bildschirm leuchtet wieder auf. Nein, es war nie Jaras Art gewesen, das Handy ihres Mannes zu kontrollieren, in seinen Taschen zu wühlen oder ihm über die Schulter zu schauen – das fand sie einfach ungehörig. Doch diesmal war wirklich alles nur Zufall. Ein schneller, flüchtiger Blick auf den Bildschirm – ausgerechnet das Wort „Liebling“. Peinlich berührt dreht sie sich weg, denkt noch, damit könne auch sie gemeint sein – vielleicht „meine liebe Frau“ oder gar die Lieblingssalami – trotzdem sieht sie wieder hin. „Ja, mein Liebling“, schreibt ihr Mann auf einer Dating-Plattform, dabei ist sein Foto für jeden sichtbar – „morgen sehen wir uns, wie abgemacht, ich denke jede Stunde an unser letztes Treffen. Du bist einfach der Wahnsinn!“ „Und du bist mein Bärchen“, zwinkert ihm die drahtige Rothaarige zu. „Ich habe immer noch Muskelkater von letzter Nacht.“ Als der Mann abrupt rausrennt, werden die Messages hektisch: „Bärchen, wo bist du? Ich vermisse dich!“ Jara sinkt mit dem Putzlappen auf das Sofa. Alles ergibt plötzlich einen Sinn. Gestern hatte ihr Mann gesagt, es gebe im Büro ein wichtiges Event, sie hatte sein Hemd gebügelt, Krawatte ausgesucht, Hosen aufgebügelt – für dieses „Event“ also… Der Mann kehrt zurück, schimpft lautstark über einen Fußball, den Halbwüchsige gegen das Auto schossen. Jara hört zu und nickt an den richtigen Stellen, ist mit den Gedanken aber ganz woanders. Glücklicherweise ist ihr Mann an diesem Abend nicht in romantischer Stimmung und sie schlafen getrennt ein. „Ich denke morgen darüber nach“, nimmt sie sich ein Beispiel an Scarlett O’Hara, aber schlafen kann sie kaum. Am nächsten Morgen fährt der Mann ins Büro, Jara macht Großputz. Heute bringt ihre Mutter den kleinen Stas zurück, der eine Woche auf dem Land war. Putzen, putzen – und immer wieder der quälende Gedanke: „Was nun?“ Noch kann sie es kaum fassen, Erinnerungen spülen neue Hinweise hoch. Die vertraute Welt ist zusammengebrochen und es gilt, die Trümmer zu sortieren. Eines weiß Jara sicher: Verzeihen kann und will sie ihm niemals. Nicht einmal, wenn er sich entschuldigt, alles bereut oder ein Versprechen ablegt. Irgendwann wird der Schmerz weniger, aber Verrat bleibt. Gleichzeitig weiß sie: Stas ist zweieinhalb, ein Kita-Platz ist frühestens im Herbst frei, also kann sie nicht arbeiten gehen. Ihren Eltern auf der Tasche liegen? Um Unterhalt kämpfen? Jetzt im Schockzustand die Scheidung einreichen? Wird sie das durchhalten? Oder sich doch überreden lassen zu bleiben und es später bereuen? Also – die Scheidung ist beschlossen, aber nicht jetzt. So hält sie still. Führt weiter Haushalt und Kinder, bügelt Hemden, sucht Krawatten raus, lacht über seine Witze. Einzig die Ekelgefühle kann sie nicht unterdrücken – unter Vorwänden meidet sie „diese“ Pflichten, was dem Ehemann anscheinend recht ist. Zuletzt blüht er regelrecht auf, kommt mit Blumen, summt Lieder, dichtet neue Geschichten zu Dienstreisen zusammen. Im Oktober bekommt Stas einen Kita-Platz, Jara fängt wieder an zu arbeiten – und reicht sofort die Scheidung ein. Der Mann ist entsetzt, begreift nicht, was passiert. Als er schließlich die Wahrheit erfährt, gibt er Jara die Schuld: „Berechnende Frau! So was wie dich nennt man zu Recht Hausschlampe! Erst auf meine Kosten leben, dann, wenn das Kind im Kindergarten ist, Tschüssikowski? Ich hab gedacht, meine Frau ist anders – dabei bist du wie alle anderen!“ Die Freunde stehen auf seiner Seite, verurteilen Jara. Sogar ihre Mutter wirft ihr vor: „Wie konntest du nur? Wolltest du dich trennen, dann hättest du es gleich tun sollen, nicht so hinterhältig! Ich hätte nicht gedacht, dass meine Tochter so kleinlich ist.“ „Entschuldigt bitte, dass ich euren Erwartungen nicht entsprochen habe“, antwortet Jara allen. Doch bei ihrer Entscheidung bleibt sie.
Verzeiht, dass ich eure Erwartungen nicht erfüllt habe! Es ist schon viele Jahre her, doch ich erinnere
Homy
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017
Finde dein Glück – Alles hat seine Zeit. Lass dir ruhig Zeit dabei Polina hatte eine ungewöhnliche Tradition: Jedes Jahr, kurz vor Silvester, suchte sie eine Wahrsagerin in ihrer Großstadt auf. Trotz aller Bemühungen, einen netten jungen Mann kennenzulernen, blieb sie alleine – anscheinend waren die sympathischen Herren schon vergeben… “Dieses Jahr findest du dein Glück”, verkündete die dunkeläugige Wahrsagerin, während sie in ihre glitzernde Kristallkugel blickte. “Und wo? Wann genau?” drängte Polina. “Immer heißt es dasselbe! Und die Jahre vergehen…” “Im Zug wird’s passieren”, sagte die Wahrsagerin schließlich. “Ein großer, attraktiver Blond, ein Märchenprinz…” Später kauft Polina ein Ticket nach Hamburg am 30. Dezember – Kupé-Wagen, versteht sich. Im Abteil sitzt statt des Traummanns eine freundliche ältere Dame: Frau Hildegard, die auf dem Heimweg zu ihrer Familie ist. Nach und nach erzählt Polina ihr von dem Wahrsagerei-Abenteuer. “Lass dich nicht verrückt machen – du findest dein Glück, aber alles hat seine Zeit”, sagt Hildegard liebevoll und lädt Polina spontan ein, Silvester bei ihrer Familie zu feiern, statt alleine am Bahnhof zu sitzen. Dort begegnet Polina Hildegards Sohn Alexander, dem attraktiven Blond. Und plötzlich scheint doch alles möglich – manchmal geschehen Wunder genau dann, wenn man sie am wenigsten erwartet. Glaubst du an Wunder zum neuen Jahr?
Du wirst dein Glück schon finden. Man darf nichts erzwingen. Alles zu seiner Zeit. Früher war es so
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018
— Oma, Hallo! — rief Matthias. — Wer hat Ihnen erlaubt, einen Wolf im Dorf zu halten? Als Alla Stepanowna den eingestürzten Zaun sah, liefen ihr bittere Tränen übers Gesicht. Schon oft hatte sie ihn mit Brettern gestützt und morsche Pfosten repariert, immer hoffend, dass die Einfriedung hält, bis sie von ihrer kleinen Rente genug gespart hatte. Aber das Schicksal wollte es anders – der Zaun gab nach. Zehn Jahre stemmte Alla das Gehöft alleine, seit ihr geliebter Mann Peter Andreas verstorben war. Peter war ein Mann mit goldenen Händen, ein Alleskönner und Meister seines Fachs. Solange er lebte, musste Oma Alla sich um nichts sorgen. Im Dorf schätzten ihn alle für seine Güte und Arbeitseifer. Ihr gemeinsames Glück dauerte 40 erlebnisreiche Jahre, nur einen Tag fehlte zum Jubiläum. Ein gepflegtes Haus, üppige Ernte im Garten, ordentliches Vieh – all das war das Resultat gemeinsamer Mühe. Die beiden hatten nur einen Sohn – Egor, ihr Stolz und ihre Freude. Von klein auf war er fleißig und musste nie zum Helfen gedrängt werden. Kam die Mutter erschöpft vom Hof zurück, hatte Egor bereits Holz geholt, Wasser getragen, die Stube geheizt und das Vieh versorgt. Wenn Peter von der Arbeit kam, wusch er sich und rauchte auf der Veranda, während seine Frau das Abendessen kochte. Abends saß die Familie zusammen, tauschte Neuigkeiten aus – sie waren glücklich. Die Zeit verging, Erinnerungen blieben. Egor wurde groß, verließ die Eltern, zog in die große Stadt, machte Karriere, heiratete die Stadtpflanze Ludmilla. Das Paar ließ sich in Berlin nieder. Anfangs kam Egor im Urlaub zu Besuch, später überredete ihn seine Frau, die Ferien im Ausland zu verbringen – so wurde es Tradition. Peter verstand das nie und war enttäuscht: — Wo ist Egor denn so erschöpft? Ludmilla macht ihm den Kopf weich. Wozu diese Reisen? Vater war traurig, Mutter sehnte sich, aber was blieb ihnen außer Warten auf ein Lebenszeichen? Schließlich erkrankte Peter schwer. Er verweigerte das Essen, wurde zusehends schwächer. Die Ärzte verschrieben Medikamente, schickten ihn dann aber nach Hause. Im Frühjahr, als der Wald lebendig wurde und die Nachtigallen sangen, ist Peter eingeschlafen. Egor kam zur Beerdigung, weinte heftig und machte sich Vorwürfe. Er verbrachte eine Woche im Elternhaus, dann fuhr er zurück. In zehn Jahren schrieb er nur dreimal Briefe an seine Mutter. Alla blieb allein zurück und verkaufte Kuh und Schafe an die Nachbarn. Wozu noch Vieh? Die Kuh stand lange am Hof und hörte, wie die alte Bäuerin herzzerreißend weinte. Alla schloss sich in die hinterste Kammer ein, hielt sich die Ohren zu und weinte. Ohne Männerhände verfiel das Anwesen langsam. Das Dach leckte, das Holz auf der Veranda war morsch, der Keller wurde überschwemmt. Oma Alla tat ihr Bestes und sparte von der Rente für Handwerker, manchmal schaffte sie es sogar selbst – sie war auf dem Land aufgewachsen. So lebte sie, kämpfte ums Überleben, bis neues Unglück hereinbrach: Ihre Sehkraft verschlechterte sich rapide. Im Dorfladen erkannte sie die Preisschilder kaum. Nach ein paar Monaten sah sie das Geschäftsschild gar nicht mehr. Die Gemeindeschwester bestand auf einem Klinikbesuch. — Frau Alla, wollen Sie erblinden? Nach einer OP kommt Ihr Augenlicht zurück! Doch die alte Frau fürchtete einen Eingriff und lehnte ab. Nach einem Jahr war sie fast blind – sie störte sich kaum daran. — Wozu brauche ich Licht? Fernsehen kann ich eh nur noch hören. Die Nachrichten versteh ich auch so. Zuhause erledige ich alles aus dem Gedächtnis. Manchmal sorgte sie sich aber: Im Dorf waren fragwürdige Leute unterwegs, Diebe drangen in leerstehende Häuser ein, stahlen was sie fanden. Alla hätte gern einen guten Hund gehabt, der unerwünschte Gäste abschreckt. Sie fragte den Jäger Simon: — Simon, weißt du, ob der Förster Welpen hat? Nur ein kleines – ich zieh es groß! Simon, der lokale Jäger, blickte sie neugierig an: — Oma Alla, wozu einen Welpen vom Husky? Die sind für den Wald! Ich bringe Ihnen eine echte Schäferhündin aus der Stadt! — Die ist bestimmt teuer … — Nicht teurer als Ihr Geld, Oma Alla. — Na gut, bring’s mit. Alla zählte ihre Spargroschen, glaubte, es reicht für einen guten Hund. Doch Simon war unzuverlässig, schob seine Zusage immer weiter hinaus. Oma Alla schimpfte auf seine leeren Worte, aber tief drin tat er ihr leid. Er war ein armes Luder – ohne Familie, ohne Kinder. Alkohol war sein einziger Trost. Simon, im gleichen Alter wie Egor, blieb im Dorf. Er fühlte sich in der Stadt nicht wohl. Seine große Leidenschaft war die Jagd, für die er tagelang in die Wälder zog. Außerhalb der Saison übernahm Simon verschiedene Arbeiten – Gärten umgraben, Holzarbeiten, Technik reparieren. Was er bei den alten Damen verdiente, trank er sofort weg. Nach jedem Saufgelage verschwand Simon im Wald – angeschwollen, krank und reumütig. Nach ein paar Tagen kam er mit reichen Fundstücken zurück: Pilze, Beeren, Fisch, Pinienzapfen. Er verkaufte alles für ein paar Euro und versoff den Rest wieder. Der Trinker half auch Oma Alla für Lohn im Haushalt. Und jetzt, da der Zaun eingestürzt war, musste sie ihn wieder fragen. — Mit dem Hund wird es wohl noch dauern, — seufzte Alla. — Das Geld kommt erstmal für den Zaun drauf. Simon kam nicht mit leeren Händen. Neben Werkzeug bewegte sich etwas im Rucksack. Er lächelte und rief Oma Alla: — Schauen Sie mal, was ich mitgebracht habe! — Er öffnete den Rucksack. Die alte Frau tastete eine flauschige, kleine Kopf. — Simon, echt, ein Welpe? — staunte sie. — Der Beste vom Besten! Voller Schäferhund, Oma. Das Kleine quiekte und wollte aus dem Rucksack. Alla bekam Panik: — Ich habe ja gar nicht genug Geld! Nur für den Zaun! — Zurückbringen kann ich ihn nicht mehr, Oma Alla! — Simon widersprach. — Wissen Sie, wie viel Tausend ich für den Hund bezahlt habe? Was tun? Alla lief zum Laden, die Verkäuferin gab ihr fünf Flaschen Korn auf Kredit und schrieb ihren Namen ins Schuldbuch. Bis zum Abend war der Zaun fertig. Oma Alla kochte ein ordentliches Mittagessen, schenkte Simon ein Schnäpschen ein. Angeschickert sinnierte der Trinker am Küchentisch, während das Welpenbündel sich neben dem Ofen zusammenrollte. — Zweimal täglich füttern, einen starken Strick besorgen – dann wird er kräftig und gesund. Ich kenn mich aus mit Hunden. So bekam Alla einen Mitbewohner: Tasso. Die alte Frau mochte ihn und er war ihr treu. Jedes Mal, wenn Alla in den Garten ging, sprang Tasso begeistert herum, wollte ihr das Gesicht ablecken. Nur eins sorgte für Zweifel – der Hund wuchs zu einer Größe wie ein Kalb, aber lernte nicht zu bellen. Das enttäuschte Alla. — Ach, Simon! Ach, du Schlawiner! Was hast du mir da für einen Taugenichts verkauft? Aber was tun, so ein gutherziges Tier konnte man nicht wegjagen. Er musste nicht bellen. Die Nachbarshunde trauten sich nicht zu bellen bei Tasso, der in drei Monaten bis zur Taille von der Herrin reichte. Eines Tages kam Matthias, der Jäger, ins Dorf, um Vorräte einzukaufen. Bald begann wieder die Jagdsaison, wo die Männer Wochen im Wald verschwanden. Als er an Allas Haus vorbeilief, blieb er plötzlich stehen, als er Tasso sah. — Oma, Hallo! — rief Matthias. — Wer hat Ihnen erlaubt, einen Wolf im Dorf zu halten? Alla legte erschrocken die Hände an die Brust. — Herrje! Wie dumm war ich! Dieser Simon hat mich betrogen! Ein reinrassiger Schäferhund, hat er gesagt … Matthias sprach ernst: — Oma, den müssen Sie in den Wald lassen. Sonst passiert noch ein Unglück. Der Greisin traten Tränen in die Augen. Wie weh tat es, sich von Tasso zu trennen! Ein lieber, sanfter Kerl, und doch ein Wolf. In letzter Zeit war er unruhig, zerrte an der Kette, wollte in die Freiheit. Die Dorfbewohner fürchteten ihn. Es blieb keine Wahl. Matthias brachte den Wolf in die Wälder. Tasso wedelte mit dem Schwanz und verschwand zwischen den Bäumen. Niemand sah ihn je wieder. Alla trauerte um ihren Liebling und verfluchte den hinterlistigen Simon. Auch Simon bereute es, denn er hatte Gutes im Sinn. Bei einem Waldgang war er auf Bärenspuren gestoßen, hörte Winseln. Erst wollte er weiter, denn wo Bärenkinder sind, ist auch die Bärenmutter. Doch das Geräusch passte nicht zu einem Bär. Im Unterholz lag eine tote Wölfin, umher – ihre gerissene Welpen. Ein Bär hatte das Lager überfallen. Nur ein kleiner blieb, versteckt im Bau. Simon bekam Mitleid und nahm das Waisenkind mit. Dann übergab er ihn an Alla, in der Hoffnung, der Wolf würde später in den Wald zurückkehren und er fände einen richtigen Hund für sie. Doch Matthias machte alles zunichte. Mehrere Tage tigerte Simon um das Haus, traute sich nicht hinein. Es war mitten im Winter, Alla heizte den Ofen um nachts nicht zu erfrieren. Plötzlich klopfte es. Die alte Frau eilte zur Tür. Ein Mann stand draußen. — Guten Abend, Oma. Darf ich übernachten? Ich wollte ins Nachbardorf und habe mich verirrt. — Wie heißt du, Schatz? Ich sehe schlecht. — Boris. Alla runzelte die Stirn. — Bei uns gibt’s keinen Boris … — Ich bin nicht von hier, Oma. Habe erst neulich ein Haus gekauft, wollte es anschauen, aber das Auto ist steckengeblieben. Musste zu Fuß gehen, jetzt der Schneesturm! — Hast du das Haus vom verstorbenen Daniel gekauft? Der Mann nickte. — Genau. Alla ließ den Fremden herein, stellte den Wasserkocher auf. Sie bemerkte nicht, wie er gierig den alten Küchenschrank musterte, wo Dörfler Geld und Schmuck aufbewahren. Als die Oma am Herd beschäftigt war, begann der Besucher zu stöbern. Sie hörte das Knarren der Schranktür. — Was suchst du da, Boris? — Da war doch die Währungsreform! Ich helfe, alte Geldscheine zu entsorgen. Die Greisin runzelte die Stirn. — Unsinn! Es gab keine Reform! Wer bist du?! Der Mann zog ein Messer und hielt es ihr ans Kinn. — Ruhe, Oma! Her mit Geld, Gold, Essen! Alla packte das Entsetzen. Vor ihr stand ein Verbrecher, der vor der Polizei floh. Ihr Schicksal schien besiegelt… In diesem Moment sprang die Tür auf. Ein riesiger Wolf stürzte herein und fiel den Räuber an. Der schrie, doch ein dicker Schal rettete ihn vor dem Biss. Mit dem Messer verletzte er den Wolf an der Schulter. Tasso wich zur Seite, was dem Dieb die Flucht ermöglichte. Gerade ging Simon vorbei, wollte sich bei Alla entschuldigen. Am heimischen Zaun sah er, wie ein Mann mit Messer fluchend davonrannte. Simon stürmte zu Alla, fand dort den blutenden Tasso. Er begriff sofort und rannte zum Dorfpolizisten. Der Räuber wurde gefasst und kam erneut ins Gefängnis. Tasso wurde zum Dorfhelden. Die Leute brachten ihm Futter und grüßten ihn. Der Wolf war nicht mehr angebunden, durfte frei leben. Aber er kehrte immer zurück zu Oma Alla, kam mit Simon von den Jagdausflügen heim. Eines Tages sahen sie einen schwarzen SUV vorm Haus. Im Hof hackte jemand Holz – es war Allas Sohn Egor. Als er den alten Freund erblickte, breitete er die Arme aus. Abends saßen alle am Tisch, Alla strahlte vor Glück. Egor überredete sie, für die Augenoperation in die Stadt zu kommen. — Na gut, — seufzte die alte Frau, — im Sommer kommt der Enkel, den will ich sehen. Simon, kümmer dich um Haus und Tasso, ja? Simon nickte. Tasso legte sich zufrieden am Ofen nieder, sein Platz war bei den Freunden. Abonniert unsere Seite, damit ihr keine neuen spannenden Geschichten verpasst! Lasst eure Meinungen und Emotionen in den Kommentaren, unterstützt uns mit Likes.
Oma Karin! rief Matthias. Wer hat Ihnen denn erlaubt, einen Wolf im Dorf zu halten? Karin Steinberger
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03
Vor drei Jahren brannte Galina Peters Haus bis auf die Grundmauern nieder – zum Glück war sie damals auf der Arbeit. Lange weinte und klagte sie um das Heim, in dem sie geboren und aufgewachsen war, ihren Sohn großgezogen hatte und die Enkel gern zu Besuch kamen. Jetzt war dort nur noch ein Häufchen Asche und Rauch. Ihr Sohn Artur und Schwiegertochter Olga nahmen sie bei sich auf. Galina Peters merkte, wie schwer es ihrer Schwiegertochter fiel: Vollzeitjob, Haushalt – und sie selbst konnte kaum helfen, saß nach dem Schock nur noch unglücklich da. Zwei Jahre lebte sie schon wie ein Klotz am Bein der Familie, ihre Hände zitterten immer noch nach dem Brand. „Sohn, ich sehe, wie ihr euch übernommen habt. Bring mich bitte ins Seniorenheim! Es gibt eine schöne Einrichtung ganz in der Nähe, das steht sogar im Hausflur“, bat sie ihn. Dort würde sich jemand kümmern, sie wollte keine Last sein. — „Okay, Mama, aber lass uns bis Mai warten. Dann ist das Wetter schön und wir schaffen bis dahin alle Formalitäten“, schlug ihr Sohn vor. Galina Peters nickte und wartete den Frühling ab. Als es draußen wärmer wurde, erinnerte sie Artur: „Also, es ist Mai, ihr habt es mir versprochen!“ ― „Keine Sorge, Mama, morgen bringen wir dich ins Heim.“ Jenen Abend packte die alte Dame mit zitternden Händen ihre Habseligkeiten – ein Nachthemd, ihren Bademantel, ein Paar Hausschuhe. Morgens verabschiedete sie ihre Enkel, bekreuzigte sich und trat aus der Wohnung. Ihr Sohn fuhr die alte Karre vor und die Familie machte sich gemeinsam auf den Weg. „Artur, wohin fährst du? Wir haben den Abzweig zum Altenheim verpasst!“ – „Dort ist Baustelle, wir müssen einen Umweg fahren“, antwortete er rasch, während Olga wissend lächelte. 20 Minuten fuhren sie so dahin. Nach und nach tauchten vertraute Landschaften auf – Fluss, Wald, Dorfhäuschen. Anfangs wollte Galina nicht glauben, was sie sah: Da war ihr Heimatdorf! Artur öffnete das Tor – Galina erkannte ihr eigenes Grundstück kaum wieder. Beim Aussteigen knickten ihr fast die Knie weg: Vor ihr stand ein neues Haus – teilweise lag sogar noch Baumaterial herum, Handwerker waren am Werk. Aber da war das Gewächshaus, der neue Hühnerstall – alles stand wie einst. „Sohn, träume ich? Was ist passiert?“ – „Mama, wir konnten dich nie und nimmer in ein Heim geben. Also haben wir deine alte Heimat für dich neu aufgebaut. Mit Toilette, Kabel-TV und Fußbodenheizung – wir haben extra bis zum Frühling gewartet, damit alles fertig ist.“ Galina weinte vor Glück und herzte ihren Sohn. Lange konnte sie ihr Glück kaum fassen. Seitdem kommen Artur, Olga und die Enkel jeden Samstag zu Besuch bei Oma vorbei.
Vor drei Jahren brannte das Haus von Frau Gertrud Hoffmann bis auf die Grundmauern nieder. Zum Glück
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0206
Wie ich erkannte, dass ich jahrelang für unseren „Familienwohnsitz“ zahlte, aber im Grundbuch stand nur seine Mutter – die dem Eheglück immer zu nahe war und mich still zur bequemen Dauerzahlerin machte. Mein Mann überzeugte mich, alles zu unterschreiben, sprach von unserem Zuhause und ließ mich die Raten, Möbel und Reparaturen stemmen. Währenddessen verschwand er allein zu Ämtern und erklärte mir Verträge kompliziert, als wäre ich ein Kind. Der Schock kam, als ich einen offiziellen Eigentumsnachweis fand – nicht auf meinen Namen und auch nicht auf seinen, sondern auf den seiner Mutter. Sie war immer involviert, doch jetzt wusste ich, dass mein Geld nicht nur ins Haus, sondern auch in ihren Altschulden floss. Zwischen Demütigung und Klarheit zog ich Konsequenzen, sperrte ihm den Zugriff auf mein Gehalt und begann zu sammeln, was wirklich meines ist. Wir leben noch unter einem Dach, aber ich merke: Ich war nie Partnerin, sondern nur die stille Finanzkraft zwischen ihm und seiner Mutter. Wie würdest du reagieren, wenn du erfährst, dass du jahrelang zahltst, Kompromisse machst und am Ende nur die Praktische bist – würdest du sofort alles hinter dir lassen oder versuchen, dein Recht einzufordern?
Ich weiß gar nicht, wie ich das erzählen soll, ohne dass es wie eine billige Tragödie klingt, aber es
Homy
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0131
Unter dem Schatten einer dominanten Mutter Mit 35 Jahren war Barbara eine zurückhaltende, fast unsichtbare Frau – nie hatte sie einen Mann getroffen, lebte immer noch bei ihrer Mutter und arbeitete seit dem Abschluss als Buchhalterin in ein und demselben Büro. Sie achtete kaum auf ihr Äußeres, kleidete sich in unförmigen Sachen, war etwas fülliger, lief mit traurigem Blick und hängenden Mundwinkeln durch die Welt. Barbaras Mutter, Marina, hatte sie mit 18 Jahren bekommen – den Vater kannte niemand. Aufgewachsen ist Barbara im Dorf bei der strengen Großmutter, Liebe oder Zärtlichkeit hat sie nie erlebt. Während Barbara im Dorf aufwuchs und die Schule besuchte, lebte ihre Mutter das freie Leben in der Stadt, wechselte Männer, arbeitete und tauchte höchstens einmal im Monat im Dorf auf, um wieder zu verschwinden. Bis heute leben sie gemeinsam in einer Wohnung. Während Marina mit etwas über 50 immer noch attraktiv und jugendlich wirkt, ihr Styling, die Kosmetik und die Salonbesuche genießt, ist Barbara ihr komplettes Gegenteil. Gerade am letzten Arbeitstag vor dem Urlaub übergab Barbara ihrem Kollegen die Unterlagen und verließ das Büro, bereits geplagt von dem Gedanken, dass die Mutter ihr wie immer die Urlaubsgelder abnehmen würde. “Wieder ein Urlaub, in dem ich zu Hause sitzen muss, weil meine Mutter mir alles nimmt. Warum kann ich mich ihr nicht entgegenstellen? Ich bin doch kein Kind mehr…” Zu Hause wartet Marina schon und verlangt sofort das Geld. Barbara ringt sich zum ersten Widerspruch durch – und wird prompt von ihrer Mutter abgekanzelt: Sie sei dick, ungepflegt, eine Schande zum Ausgehen – und solle endlich abnehmen. Der Streit eskaliert, Barbara flieht aus der Wohnung und findet sich schluchzend auf einer Bank wieder, bis Anna, die freundliche Nachbarin, sie findet und zum Reden bringt. Anna versteht, wie sehr Barbara unter ihrer Mutter leidet – und bietet ihr spontan an, für den Urlaub in ihrer Datscha außerhalb der Stadt zu wohnen. Barbara nimmt das Angebot an, packt das Nötigste, steigt zum ersten Mal in eine Bahn und findet sich in der friedlichen Abgeschiedenheit des Landhauses wieder. Endlich Zeit für sich selbst, ohne Mutters Spott. Als Barbara am nächsten Tag von Annas Neffen Steffen besucht wird, der ihre Sachen bringt, beginnen sich die Dinge zu ändern: Steffen, ein warmherziger Mann, verliebt sich in Barbara. Auch sie fasst Mut, verändert sich äußerlich, besucht den Salon, beginnt an sich selbst zu glauben – und blüht innerlich und äußerlich auf. Als Steffen sie in die Stadt und ins gemeinsame Leben holt, macht er ihr einen Heiratsantrag. Die schlichte Feier verläuft ruhig, auch Marina erscheint, kann aber mit ihren Sticheleien keinen Schaden mehr anrichten. Glücklich von Steffens Familie und Anna angenommen, erwartet Barbara bald ein Kind – spät, aber doch ist das Glück in ihr Leben eingezogen. Sie hat den Schatten der Mutter hinter sich gelassen, gelernt sich selbst zu lieben und ein neues Leben begonnen. Vielen Dank fürs Lesen, für Ihre Unterstützung und alles Gute!
Unter dem Joch der Mutter Mit ihren fünfunddreißig Jahren war Gudrun eine eher zurückhaltende und wie
Homy
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06
Entschuldigung, dass ich euren Erwartungen nicht entsprochen habe! Alles lief ab wie in einem typischen deutschen Fernsehfilm oder einer Satire: Abends sitzt der Ehemann am Laptop, die Ehefrau erledigt den Haushalt, plötzlich löst die Autoalarmanlage aus, und der Mann stürmt – zum Glück ist Sommer – im T-Shirt auf den Hof. Währenddessen wischt die Frau Staub und rutscht zufällig mit der Maus an den Computer, der Bildschirm leuchtet wieder auf. Nein, es war nie Jaras Art gewesen, das Handy ihres Mannes zu kontrollieren, in seinen Taschen zu wühlen oder ihm über die Schulter zu schauen – das fand sie einfach ungehörig. Doch diesmal war wirklich alles nur Zufall. Ein schneller, flüchtiger Blick auf den Bildschirm – ausgerechnet das Wort „Liebling“. Peinlich berührt dreht sie sich weg, denkt noch, damit könne auch sie gemeint sein – vielleicht „meine liebe Frau“ oder gar die Lieblingssalami – trotzdem sieht sie wieder hin. „Ja, mein Liebling“, schreibt ihr Mann auf einer Dating-Plattform, dabei ist sein Foto für jeden sichtbar – „morgen sehen wir uns, wie abgemacht, ich denke jede Stunde an unser letztes Treffen. Du bist einfach der Wahnsinn!“ „Und du bist mein Bärchen“, zwinkert ihm die drahtige Rothaarige zu. „Ich habe immer noch Muskelkater von letzter Nacht.“ Als der Mann abrupt rausrennt, werden die Messages hektisch: „Bärchen, wo bist du? Ich vermisse dich!“ Jara sinkt mit dem Putzlappen auf das Sofa. Alles ergibt plötzlich einen Sinn. Gestern hatte ihr Mann gesagt, es gebe im Büro ein wichtiges Event, sie hatte sein Hemd gebügelt, Krawatte ausgesucht, Hosen aufgebügelt – für dieses „Event“ also… Der Mann kehrt zurück, schimpft lautstark über einen Fußball, den Halbwüchsige gegen das Auto schossen. Jara hört zu und nickt an den richtigen Stellen, ist mit den Gedanken aber ganz woanders. Glücklicherweise ist ihr Mann an diesem Abend nicht in romantischer Stimmung und sie schlafen getrennt ein. „Ich denke morgen darüber nach“, nimmt sie sich ein Beispiel an Scarlett O’Hara, aber schlafen kann sie kaum. Am nächsten Morgen fährt der Mann ins Büro, Jara macht Großputz. Heute bringt ihre Mutter den kleinen Stas zurück, der eine Woche auf dem Land war. Putzen, putzen – und immer wieder der quälende Gedanke: „Was nun?“ Noch kann sie es kaum fassen, Erinnerungen spülen neue Hinweise hoch. Die vertraute Welt ist zusammengebrochen und es gilt, die Trümmer zu sortieren. Eines weiß Jara sicher: Verzeihen kann und will sie ihm niemals. Nicht einmal, wenn er sich entschuldigt, alles bereut oder ein Versprechen ablegt. Irgendwann wird der Schmerz weniger, aber Verrat bleibt. Gleichzeitig weiß sie: Stas ist zweieinhalb, ein Kita-Platz ist frühestens im Herbst frei, also kann sie nicht arbeiten gehen. Ihren Eltern auf der Tasche liegen? Um Unterhalt kämpfen? Jetzt im Schockzustand die Scheidung einreichen? Wird sie das durchhalten? Oder sich doch überreden lassen zu bleiben und es später bereuen? Also – die Scheidung ist beschlossen, aber nicht jetzt. So hält sie still. Führt weiter Haushalt und Kinder, bügelt Hemden, sucht Krawatten raus, lacht über seine Witze. Einzig die Ekelgefühle kann sie nicht unterdrücken – unter Vorwänden meidet sie „diese“ Pflichten, was dem Ehemann anscheinend recht ist. Zuletzt blüht er regelrecht auf, kommt mit Blumen, summt Lieder, dichtet neue Geschichten zu Dienstreisen zusammen. Im Oktober bekommt Stas einen Kita-Platz, Jara fängt wieder an zu arbeiten – und reicht sofort die Scheidung ein. Der Mann ist entsetzt, begreift nicht, was passiert. Als er schließlich die Wahrheit erfährt, gibt er Jara die Schuld: „Berechnende Frau! So was wie dich nennt man zu Recht Hausschlampe! Erst auf meine Kosten leben, dann, wenn das Kind im Kindergarten ist, Tschüssikowski? Ich hab gedacht, meine Frau ist anders – dabei bist du wie alle anderen!“ Die Freunde stehen auf seiner Seite, verurteilen Jara. Sogar ihre Mutter wirft ihr vor: „Wie konntest du nur? Wolltest du dich trennen, dann hättest du es gleich tun sollen, nicht so hinterhältig! Ich hätte nicht gedacht, dass meine Tochter so kleinlich ist.“ „Entschuldigt bitte, dass ich euren Erwartungen nicht entsprochen habe“, antwortet Jara allen. Doch bei ihrer Entscheidung bleibt sie.
Verzeiht, dass ich eure Erwartungen nicht erfüllt habe! Es ist schon viele Jahre her, doch ich erinnere
Homy
Der erste Eindruck — Mama, das ist Leonie, — stellte Moritz leicht errötend vor, als er spät abends das Mädchen nach Hause brachte. — Guten Abend, — antwortete Renate, blickte missbilligend auf den unerwarteten Gast. — Was für eine Uhrzeit, um jemanden vorzustellen! In einer halben Stunde ist Mitternacht… — Ich habe Moritz gesagt, dass es schon spät ist, — entgegnete das Mädchen prompt. — Aber hört er? So stur wie er ist! „Gute Taktik,“ dachte Renate. „Sie rechtfertigt sich und schiebt die Schuld ihm zu. Unsympathisch, das Mädchen.“ — Na gut, kommt rein, — forderte die Mutter auf, sagte aber nichts weiter und verschwand den Flur entlang Richtung Schlafzimmer. Was hätte sie sonst tun sollen? Sie konnte doch ihren einzigen Sohn mitten in der Nacht nicht vor die Tür setzen, schon gar nicht wegen einer Fremden! Wenn sie zusammenleben wollten, bitte. Eine Mutter ist dazu da, ihr Kind zu schützen und ihm die Augen zu öffnen. Und genau das, dachte Renate, würde sie schnell erledigen. Moritz würde die Leonie schon von selbst abschieben – und erleichtert sein, sie loszuwerden! Die ganze Nacht lag Renate wach und schmiedete Pläne, die Eindringling loszuwerden. Gegen die Hochzeit war sie ja nicht. Ihr Sohn war schließlich auch schon dreißig, längst bereit für das Leben zu zweit. Aber doch nicht mit ihr! Erstens war sie offensichtlich deutlich jünger. Zeichen für Leichtsinn und Unbeständigkeit. Was für eine Ehefrau, Mutter oder Hausherrin wäre das? Zweitens: Ihr Charakter sprach Bände – erscheint mitten in der Nacht im fremden Haus, entschuldigt sich nicht mal! Schlimmer noch, gibt ihrem Sohn völlig grundlos die Schuld… Und bleibt auch noch zum Schlafen! War das das erste Mal oder war das schon Routine? Drittens: Sie gefiel Renate einfach nicht. Folglich würde Moritz sie auch bald nicht mehr mögen. Warum Zeit verschwenden? Der Plan erübrigte sich. Leonie lieferte Renate selbst genug Gründe, um Ordnung ins Haus zu bringen. Der erste Warnschuss kam schon am Morgen. Leonie ging duschen — und kam eine Stunde nicht wieder raus. Moritz tigert derweil nervös durch die Wohnung. — Mein Sohn, was ist los? — fragte Renate auffallend sanft. — Das Mädchen macht sich hübsch, will dir gefallen… — Aber ich muss zur Arbeit! — Klopf und sag ihr, dass sie nicht allein in der Wohnung ist, — schlug die Mutter vor. — Ach, bringt doch nichts, — murmelte er. — Wir reden später. Und du, Mama, musst du nicht langsam los? — Ich? Nein. Ich bin schon fertig. Ich habe Quarkkuchen gemacht. Komm frühstücken. — Ich hab mich noch nicht mal fertiggemacht! — Macht nichts, wäscht du dich später. Jetzt nutze die Zeit und iss was. Es wird ein langer Tag. Moritz setzte sich an den Tisch. Da kam Leonie schließlich aus dem Bad, Handtuch ums Haar. Sie sah bezaubernd aus. — Endlich! — rief Moritz, stürzte zum beschlagenen Spiegel, rasierte sich in Rekordzeit, schlang das kleinste Stück Quarkkuchen hinunter und rief schon im Hinausgehen: — Bis heute Abend! Vertragt euch! — Moritz! — rief Leonie. — Heute wollten wir doch meine Sachen holen, weißt du noch? — Machen wir abends, nicht sauer sein! — tönte seine Stimme aus dem Treppenhaus. Renate erhob sich, schloss ihrem Sohn die Tür, wandte sich an Leonie und fragte ohne Umschweife: — Schämen Sie sich nicht? — Nein, — lächelte das Mädchen. — Sollte ich? — Moritz kommt deinetwegen zu spät zur Arbeit! — Tut er gar nicht. Wahrscheinlich nimmt er ein Taxi. Keine Sorge, das geht schon. — Trotzdem, denk dran: Du bist hier nicht allein. Wer morgens eine Stunde im Bad verbringen will, muss früher aufstehen. Gut, dass ich heute nicht arbeiten muss. — Ich mache das nicht wieder, — entgegnete Leonie nur. — Entschuldigung. Renate war leicht konsterniert. Sie hatte einen Streit erwartet. Nun ja … — Na gut, — murmelte sie und ging ins Bad. Da fiel ihr als Erstes die angebrochene neue Tube Zahnpasta auf, obwohl die alte noch nicht leer war. — Leonie, warum hast du eine neue Zahnpasta angebrochen? — Mir gefällt die besser … — Ich hoffe, du bringst deine eigene mit – und dein Shampoo! — Natürlich, Frau Renate … — Und eigene Handtücher! — Kommt alles … Egal, wie sehr Renate einen Streit suchte, Leonie gab ihr keine Angriffsfläche. Sie stimmte allem nickend zu, notierte stets ihre „Pflichten“. Schließlich ging Renate aufs Ganze. — Was willst du eigentlich hier? — Moritz und ich lieben uns … — Klar liebst du so einen Kerl! Nur eines begreife ich nicht: Was findet er an dir? — Hab ich ihn nie gefragt … — Wo sind deine Eltern? — Meine Mutter arbeitet als Schneiderin in einer Fabrik. — Und dein Vater? — Den habe ich nie gekannt. — Verstehe. Ohne Vater groß geworden. Wie willst du eine gute Ehefrau für meinen Sohn sein? — Ich geb mein Bestes … — Versuch es gar nicht erst, Mädchen. Mein Sohn liebt dich nicht. Er denkt nur, er liebt dich! Ich kenne ihn besser! Niemals wird er dich heiraten! Wozu auch? Du hast dich ihm ja längst an den Hals geworfen. — Er liebt mich, — Leonies Stimme zitterte. — Da bin ich sicher. Mehr erfahren — Irrst du. Glaubst du, du bist die Erste? — Nein … Aber das ist auch egal … — Egal? In einer Woche ist er dich leid! Du bist nicht mal von seinem Schlag! Intellekt – hast du das schon mal gehört? — Ja, aber das passt hier nicht. — Und warum nicht? — Ich habe einen Hochschulabschluss. — Und was dann? Schau, Mädchen, geh lieber nach Hause. Hier ist nicht dein Platz. Ich versuche dir das den ganzen Morgen zu erklären, und du verstehst es einfach nicht. — In Ordnung, ich gehe. Aber was erzählen Sie Moritz? Er wird nicht begeistert sein. — Das geht dich nichts an! Hau ab und komm nicht wieder. Du bist hier nicht willkommen. Renate schimpfte – und erschrak fast vor sich selbst: Was war nur in sie gefahren? Nie hatte sie jemandem auch nur einen Bruchteil so etwas an den Kopf geworfen. Giftige Worte sprudelten hervor. Und Leonie? Sie blickte Renate an – und verstand alles. Die Mutter war eifersüchtig auf ihren Sohn! Sie kannten sich nicht einmal einen Tag, und doch … Und als die Sonne über München unterging, spürte Renate zum ersten Mal das Gewicht der Stille in einer Wohnung, in der niemals das Lachen eines Enkels widerhallen würde.
Erster Eindruck Mama, das ist Mathilde, stellte Benedikt leicht verlegen seine Begleitung spät am Abend vor.
Homy