— Oma, Hallo! — rief Matthias. — Wer hat Ihnen erlaubt, einen Wolf im Dorf zu halten? Als Alla Stepanowna den eingestürzten Zaun sah, liefen ihr bittere Tränen übers Gesicht. Schon oft hatte sie ihn mit Brettern gestützt und morsche Pfosten repariert, immer hoffend, dass die Einfriedung hält, bis sie von ihrer kleinen Rente genug gespart hatte. Aber das Schicksal wollte es anders – der Zaun gab nach. Zehn Jahre stemmte Alla das Gehöft alleine, seit ihr geliebter Mann Peter Andreas verstorben war. Peter war ein Mann mit goldenen Händen, ein Alleskönner und Meister seines Fachs. Solange er lebte, musste Oma Alla sich um nichts sorgen. Im Dorf schätzten ihn alle für seine Güte und Arbeitseifer. Ihr gemeinsames Glück dauerte 40 erlebnisreiche Jahre, nur einen Tag fehlte zum Jubiläum. Ein gepflegtes Haus, üppige Ernte im Garten, ordentliches Vieh – all das war das Resultat gemeinsamer Mühe. Die beiden hatten nur einen Sohn – Egor, ihr Stolz und ihre Freude. Von klein auf war er fleißig und musste nie zum Helfen gedrängt werden. Kam die Mutter erschöpft vom Hof zurück, hatte Egor bereits Holz geholt, Wasser getragen, die Stube geheizt und das Vieh versorgt. Wenn Peter von der Arbeit kam, wusch er sich und rauchte auf der Veranda, während seine Frau das Abendessen kochte. Abends saß die Familie zusammen, tauschte Neuigkeiten aus – sie waren glücklich. Die Zeit verging, Erinnerungen blieben. Egor wurde groß, verließ die Eltern, zog in die große Stadt, machte Karriere, heiratete die Stadtpflanze Ludmilla. Das Paar ließ sich in Berlin nieder. Anfangs kam Egor im Urlaub zu Besuch, später überredete ihn seine Frau, die Ferien im Ausland zu verbringen – so wurde es Tradition. Peter verstand das nie und war enttäuscht: — Wo ist Egor denn so erschöpft? Ludmilla macht ihm den Kopf weich. Wozu diese Reisen? Vater war traurig, Mutter sehnte sich, aber was blieb ihnen außer Warten auf ein Lebenszeichen? Schließlich erkrankte Peter schwer. Er verweigerte das Essen, wurde zusehends schwächer. Die Ärzte verschrieben Medikamente, schickten ihn dann aber nach Hause. Im Frühjahr, als der Wald lebendig wurde und die Nachtigallen sangen, ist Peter eingeschlafen. Egor kam zur Beerdigung, weinte heftig und machte sich Vorwürfe. Er verbrachte eine Woche im Elternhaus, dann fuhr er zurück. In zehn Jahren schrieb er nur dreimal Briefe an seine Mutter. Alla blieb allein zurück und verkaufte Kuh und Schafe an die Nachbarn. Wozu noch Vieh? Die Kuh stand lange am Hof und hörte, wie die alte Bäuerin herzzerreißend weinte. Alla schloss sich in die hinterste Kammer ein, hielt sich die Ohren zu und weinte. Ohne Männerhände verfiel das Anwesen langsam. Das Dach leckte, das Holz auf der Veranda war morsch, der Keller wurde überschwemmt. Oma Alla tat ihr Bestes und sparte von der Rente für Handwerker, manchmal schaffte sie es sogar selbst – sie war auf dem Land aufgewachsen. So lebte sie, kämpfte ums Überleben, bis neues Unglück hereinbrach: Ihre Sehkraft verschlechterte sich rapide. Im Dorfladen erkannte sie die Preisschilder kaum. Nach ein paar Monaten sah sie das Geschäftsschild gar nicht mehr. Die Gemeindeschwester bestand auf einem Klinikbesuch. — Frau Alla, wollen Sie erblinden? Nach einer OP kommt Ihr Augenlicht zurück! Doch die alte Frau fürchtete einen Eingriff und lehnte ab. Nach einem Jahr war sie fast blind – sie störte sich kaum daran. — Wozu brauche ich Licht? Fernsehen kann ich eh nur noch hören. Die Nachrichten versteh ich auch so. Zuhause erledige ich alles aus dem Gedächtnis. Manchmal sorgte sie sich aber: Im Dorf waren fragwürdige Leute unterwegs, Diebe drangen in leerstehende Häuser ein, stahlen was sie fanden. Alla hätte gern einen guten Hund gehabt, der unerwünschte Gäste abschreckt. Sie fragte den Jäger Simon: — Simon, weißt du, ob der Förster Welpen hat? Nur ein kleines – ich zieh es groß! Simon, der lokale Jäger, blickte sie neugierig an: — Oma Alla, wozu einen Welpen vom Husky? Die sind für den Wald! Ich bringe Ihnen eine echte Schäferhündin aus der Stadt! — Die ist bestimmt teuer … — Nicht teurer als Ihr Geld, Oma Alla. — Na gut, bring’s mit. Alla zählte ihre Spargroschen, glaubte, es reicht für einen guten Hund. Doch Simon war unzuverlässig, schob seine Zusage immer weiter hinaus. Oma Alla schimpfte auf seine leeren Worte, aber tief drin tat er ihr leid. Er war ein armes Luder – ohne Familie, ohne Kinder. Alkohol war sein einziger Trost. Simon, im gleichen Alter wie Egor, blieb im Dorf. Er fühlte sich in der Stadt nicht wohl. Seine große Leidenschaft war die Jagd, für die er tagelang in die Wälder zog. Außerhalb der Saison übernahm Simon verschiedene Arbeiten – Gärten umgraben, Holzarbeiten, Technik reparieren. Was er bei den alten Damen verdiente, trank er sofort weg. Nach jedem Saufgelage verschwand Simon im Wald – angeschwollen, krank und reumütig. Nach ein paar Tagen kam er mit reichen Fundstücken zurück: Pilze, Beeren, Fisch, Pinienzapfen. Er verkaufte alles für ein paar Euro und versoff den Rest wieder. Der Trinker half auch Oma Alla für Lohn im Haushalt. Und jetzt, da der Zaun eingestürzt war, musste sie ihn wieder fragen. — Mit dem Hund wird es wohl noch dauern, — seufzte Alla. — Das Geld kommt erstmal für den Zaun drauf. Simon kam nicht mit leeren Händen. Neben Werkzeug bewegte sich etwas im Rucksack. Er lächelte und rief Oma Alla: — Schauen Sie mal, was ich mitgebracht habe! — Er öffnete den Rucksack. Die alte Frau tastete eine flauschige, kleine Kopf. — Simon, echt, ein Welpe? — staunte sie. — Der Beste vom Besten! Voller Schäferhund, Oma. Das Kleine quiekte und wollte aus dem Rucksack. Alla bekam Panik: — Ich habe ja gar nicht genug Geld! Nur für den Zaun! — Zurückbringen kann ich ihn nicht mehr, Oma Alla! — Simon widersprach. — Wissen Sie, wie viel Tausend ich für den Hund bezahlt habe? Was tun? Alla lief zum Laden, die Verkäuferin gab ihr fünf Flaschen Korn auf Kredit und schrieb ihren Namen ins Schuldbuch. Bis zum Abend war der Zaun fertig. Oma Alla kochte ein ordentliches Mittagessen, schenkte Simon ein Schnäpschen ein. Angeschickert sinnierte der Trinker am Küchentisch, während das Welpenbündel sich neben dem Ofen zusammenrollte. — Zweimal täglich füttern, einen starken Strick besorgen – dann wird er kräftig und gesund. Ich kenn mich aus mit Hunden. So bekam Alla einen Mitbewohner: Tasso. Die alte Frau mochte ihn und er war ihr treu. Jedes Mal, wenn Alla in den Garten ging, sprang Tasso begeistert herum, wollte ihr das Gesicht ablecken. Nur eins sorgte für Zweifel – der Hund wuchs zu einer Größe wie ein Kalb, aber lernte nicht zu bellen. Das enttäuschte Alla. — Ach, Simon! Ach, du Schlawiner! Was hast du mir da für einen Taugenichts verkauft? Aber was tun, so ein gutherziges Tier konnte man nicht wegjagen. Er musste nicht bellen. Die Nachbarshunde trauten sich nicht zu bellen bei Tasso, der in drei Monaten bis zur Taille von der Herrin reichte. Eines Tages kam Matthias, der Jäger, ins Dorf, um Vorräte einzukaufen. Bald begann wieder die Jagdsaison, wo die Männer Wochen im Wald verschwanden. Als er an Allas Haus vorbeilief, blieb er plötzlich stehen, als er Tasso sah. — Oma, Hallo! — rief Matthias. — Wer hat Ihnen erlaubt, einen Wolf im Dorf zu halten? Alla legte erschrocken die Hände an die Brust. — Herrje! Wie dumm war ich! Dieser Simon hat mich betrogen! Ein reinrassiger Schäferhund, hat er gesagt … Matthias sprach ernst: — Oma, den müssen Sie in den Wald lassen. Sonst passiert noch ein Unglück. Der Greisin traten Tränen in die Augen. Wie weh tat es, sich von Tasso zu trennen! Ein lieber, sanfter Kerl, und doch ein Wolf. In letzter Zeit war er unruhig, zerrte an der Kette, wollte in die Freiheit. Die Dorfbewohner fürchteten ihn. Es blieb keine Wahl. Matthias brachte den Wolf in die Wälder. Tasso wedelte mit dem Schwanz und verschwand zwischen den Bäumen. Niemand sah ihn je wieder. Alla trauerte um ihren Liebling und verfluchte den hinterlistigen Simon. Auch Simon bereute es, denn er hatte Gutes im Sinn. Bei einem Waldgang war er auf Bärenspuren gestoßen, hörte Winseln. Erst wollte er weiter, denn wo Bärenkinder sind, ist auch die Bärenmutter. Doch das Geräusch passte nicht zu einem Bär. Im Unterholz lag eine tote Wölfin, umher – ihre gerissene Welpen. Ein Bär hatte das Lager überfallen. Nur ein kleiner blieb, versteckt im Bau. Simon bekam Mitleid und nahm das Waisenkind mit. Dann übergab er ihn an Alla, in der Hoffnung, der Wolf würde später in den Wald zurückkehren und er fände einen richtigen Hund für sie. Doch Matthias machte alles zunichte. Mehrere Tage tigerte Simon um das Haus, traute sich nicht hinein. Es war mitten im Winter, Alla heizte den Ofen um nachts nicht zu erfrieren. Plötzlich klopfte es. Die alte Frau eilte zur Tür. Ein Mann stand draußen. — Guten Abend, Oma. Darf ich übernachten? Ich wollte ins Nachbardorf und habe mich verirrt. — Wie heißt du, Schatz? Ich sehe schlecht. — Boris. Alla runzelte die Stirn. — Bei uns gibt’s keinen Boris … — Ich bin nicht von hier, Oma. Habe erst neulich ein Haus gekauft, wollte es anschauen, aber das Auto ist steckengeblieben. Musste zu Fuß gehen, jetzt der Schneesturm! — Hast du das Haus vom verstorbenen Daniel gekauft? Der Mann nickte. — Genau. Alla ließ den Fremden herein, stellte den Wasserkocher auf. Sie bemerkte nicht, wie er gierig den alten Küchenschrank musterte, wo Dörfler Geld und Schmuck aufbewahren. Als die Oma am Herd beschäftigt war, begann der Besucher zu stöbern. Sie hörte das Knarren der Schranktür. — Was suchst du da, Boris? — Da war doch die Währungsreform! Ich helfe, alte Geldscheine zu entsorgen. Die Greisin runzelte die Stirn. — Unsinn! Es gab keine Reform! Wer bist du?! Der Mann zog ein Messer und hielt es ihr ans Kinn. — Ruhe, Oma! Her mit Geld, Gold, Essen! Alla packte das Entsetzen. Vor ihr stand ein Verbrecher, der vor der Polizei floh. Ihr Schicksal schien besiegelt… In diesem Moment sprang die Tür auf. Ein riesiger Wolf stürzte herein und fiel den Räuber an. Der schrie, doch ein dicker Schal rettete ihn vor dem Biss. Mit dem Messer verletzte er den Wolf an der Schulter. Tasso wich zur Seite, was dem Dieb die Flucht ermöglichte. Gerade ging Simon vorbei, wollte sich bei Alla entschuldigen. Am heimischen Zaun sah er, wie ein Mann mit Messer fluchend davonrannte. Simon stürmte zu Alla, fand dort den blutenden Tasso. Er begriff sofort und rannte zum Dorfpolizisten. Der Räuber wurde gefasst und kam erneut ins Gefängnis. Tasso wurde zum Dorfhelden. Die Leute brachten ihm Futter und grüßten ihn. Der Wolf war nicht mehr angebunden, durfte frei leben. Aber er kehrte immer zurück zu Oma Alla, kam mit Simon von den Jagdausflügen heim. Eines Tages sahen sie einen schwarzen SUV vorm Haus. Im Hof hackte jemand Holz – es war Allas Sohn Egor. Als er den alten Freund erblickte, breitete er die Arme aus. Abends saßen alle am Tisch, Alla strahlte vor Glück. Egor überredete sie, für die Augenoperation in die Stadt zu kommen. — Na gut, — seufzte die alte Frau, — im Sommer kommt der Enkel, den will ich sehen. Simon, kümmer dich um Haus und Tasso, ja? Simon nickte. Tasso legte sich zufrieden am Ofen nieder, sein Platz war bei den Freunden. Abonniert unsere Seite, damit ihr keine neuen spannenden Geschichten verpasst! Lasst eure Meinungen und Emotionen in den Kommentaren, unterstützt uns mit Likes.

Oma Karin! rief Matthias. Wer hat Ihnen denn erlaubt, einen Wolf im Dorf zu halten?

Karin Steinberger weint leise, als sie den zerstörten Gartenzaun sieht. Schon mehrmals hat sie ihn mit alten Brettern verstärkt und marode Pfosten ausgewechselt in der Hoffnung, dass die Umzäunung zumindest so lange hält, bis sie von ihrer kleinen Rente genug Euro zurückgelegt hat. Aber nun liegt der Zaun am Boden.

Seit zehn Jahren versorgt Karin ihr Haus alleine, seit ihr geliebter Mann, Heinrich Steinberger, verstorben ist. Er hatte goldene Hände solange er lebte, musste sich Oma Karin keine Sorgen machen. Heinrich war ein wahrer Alleskönner, Schreiner und Tischler, der alles selbst machte. Deshalb brauchten sie nie Handwerker zu rufen. Im Dorf wurde Heinrich für seine Hilfsbereitschaft und Fleiß geschätzt. Gemeinsam führten sie ein schönes Leben, vierzig Jahre lang, nur ein einziger Tag fehlte zum großen Jubiläum. Das gepflegte Haus, die reiche Ernte im Gemüsegarten, das gesunde Vieh all das war das Ergebnis ihrer gemeinsamen Arbeit.

Das Ehepaar hatte einen Sohn, Thomas ihr ganzer Stolz und ihre Freude. Bereits als Kind half er fleißig im Haushalt und musste nie dazu gedrängt werden. Wenn seine Mutter nach einem langen Arbeitstag von der Bauernhof zurückkam, hatte Thomas schon Feuerholz herangetragen, Wasser geholt, den Ofen angeheizt und das Vieh versorgt.

Heinrich, nach Feierabend, wusch sich die Hände und setzte sich zum Rauchen auf die Veranda, während seine Frau das Abendessen kochte. Abends aßen sie alle zusammen, tauschten Neuigkeiten aus und genossen die gemeinsame Zeit.

Doch die Jahre vergingen, und es blieben nur Erinnerungen. Thomas wurde erwachsen und zog in die große Stadt nach Berlin , holte sein Abitur nach, heiratete eine Städterin namens Gudrun und ließen sich in der Hauptstadt nieder. Anfangs kam Thomas im Urlaub noch zu Besuch, doch seine Frau überzeugte ihn bald, die Ferien im Ausland zu verbringen. Und so verging jedes Jahr. Heinrich wunderte sich über den Sohn und dessen Entscheidungen.

Wo hat sich unser Thomas denn so erschöpft? Gudrun hat ihm sicher den Kopf verdreht! Wozu braucht er all diese Reisen?

Der Vater war traurig, die Mutter fühlte sich einsam. Was blieb ihnen anderes übrig, als zu leben und wenigstens ab und zu ein Lebenszeichen vom Sohn zu erhalten? Dann wurde Heinrich krank, verweigerte das Essen, wurde immer schwächer. Die Ärzte verschrieben Medikamente, doch irgendwann schickten sie ihn nur noch nach Hause, damit er seine letzten Tage verbringen kann. Als der Frühling kam und in den Wäldern die Nachtigallen sangen, starb Heinrich.

Thomas kam zur Beerdigung, weinte bitterlich und machte sich Vorwürfe, seinen Vater nicht mehr lebend gesehen zu haben. Er wohnte eine Woche im Elternhaus und fuhr dann wieder zurück nach Berlin. In zehn Jahren schrieb er seiner Mutter nur dreimal Briefe. Oma Karin blieb allein zurück. Sie verkaufte die Kuh und die Schafe an die Nachbarn.

Wozu sollte sie noch Vieh halten? Die Kuh stand lang am Zaun und hörte, wie die alte Besitzerin weinte. Karin verschloss sich im hintersten Zimmer, hielt sich die Ohren zu und schluchzte.

Ohne männliche Hilfe verfiel der Hof immer mehr: Mal tropfte das Dach, mal brach die morsche Veranda, mal überschwemmte Wasser den Keller. Doch Karin tat, was sie konnte. Von ihrer Rente sparte sie für Handwerker, manchmal packte sie selbst zu, denn als Dorfkind hatte sie vieles gelernt.

So lebte sie, erduldete jeden Tag, als das nächste Unglück eintrat. Plötzlich wurde ihr Sehvermögen viel schlechter, obwohl sie bisher nie Probleme gehabt hatte. Sie ging zum kleinen Dorfladen und konnte kaum die Preisschilder erkennen. Nach einigen Monaten konnte sie nicht mehr einmal die Leuchtschrift am Laden lesen.

Die Gemeindeschwester kam vorbei, sah sich alles an und bestand auf einer Untersuchung in der Klinik.

Karin Steinberger, wollen Sie denn blind werden? In der Klinik macht man eine Operation, dann kommt das Augenlicht zurück!

Doch Oma Karin fürchtete sich vor einer Operation und lehnte ab. Nach einem Jahr war sie fast blind. Aber sie sorgte sich nicht zu sehr.

Was soll ich mit dem Licht? Fernsehen schaue ich sowieso nicht, nur höre ich zu. Der Nachrichtensprecher liest vor ich verstehe es auch so. Und im Haus mache ich alles aus der Erinnerung.

Trotzdem sorgte sie sich manchmal. Im Dorf gab es immer mehr zwielichtige Gestalten. Oft kamen Diebe, brachen in verlassene Häuser ein und raubten, was nicht niet- und nagelfest war. Oma Karin vermisste einen zuverlässigen Hund, der mit starkem Bellen und respekteinflößender Erscheinung Besucher abschreckte.

Sie fragte den Jäger, Hermann:

Weißt du, ob der Förster Welpen hat? Ich würde auch das kleinste nehmen. Ich würde ihn großziehen

Hermann, der ortsansässige Jäger, schaute Karin interessiert an.

Oma Karin, wozu brauchst du Huskys? Das sind doch keine Dorftiere. Ich könnte dir einen echten Schäferhund aus der Stadt bringen.

So ein Schäferhund ist doch sicher sehr teuer

Nicht teurer als die Sicherheit, Oma Karin.

Gut, dann bring ihn mit.

Karin prüfte ihre Rücklagen und stellte fest, dass das Geld für einen guten Hund reicht. Doch Hermann ist kein zuverlässiger Mensch er schob das Versprechen immer wieder auf. Karin schimpfte ihn, weil er nur Worte macht, fühlte aber heimlich Mitleid. Hermann war ein einsamer Mann, ohne Familie und Kinder. Seine einzige Freundin war die Flasche.

Hermann, im gleichen Alter wie ihr Sohn Thomas, blieb im Dorf, er konnte sich das Stadtleben nicht vorstellen. Seine größte Leidenschaft ist die Jagd. Manchmal verschwindet er Tage im Wald.

Nach der Jagdsaison arbeitete Hermann in den Gärten, als Tischler oder bastelte an alten Maschinen. Das Geld, das er von den alten Frauen bekam, versäufte er sofort.

Nach solchen Trinkgelagen zog Hermann sich in den Wald zurück krank, mit schlechtem Gewissen. Nach ein paar Tagen kam er mit Pilzen, Beeren, Fischen, Zapfen zurück, verkaufte alles für wenige Euro und versoff den Erlös wieder. Auch bei Karin half der Trunkenbold gegen Bezahlung mit. Jetzt, da der Zaun kaputt war, musste sie sich erneut an ihn wenden.

Mit dem Hund muss ich wohl warten, seufzt Karin Steinberger. Erst muss ich den Zaun bezahlen, und das Geld ist knapp.

Hermann kam nicht mit leeren Händen. Im Rucksack, zwischen Werkzeugen, bewegte sich etwas. Lächelnd rief er nach Karin.

Schauen Sie mal, was ich Ihnen mitgebracht habe! Er öffnete den Rucksack.

Die alte Frau tastete nach dem kleinen, pelzigen Kopf.

Hermann, ist das etwa ein Welpe? wundert sie sich.

Den besten von allen. Ein reinrassiger Schäferhund, Oma.

Der kleine Hund winselte und versuchte, aus dem Rucksack zu klettern. Karin machte sich Sorgen:

Aber ich habe doch gar nicht genug Geld! Nur für den Zaun!

Ich trage ihn jetzt nicht einfach zurück, Oma Karin! kontert Hermann. Wissen Sie, wie viele tausend Euro ich für diesen Hund gezahlt habe?

Was blieb ihr übrig? Sie lief zum Laden, wo die Verkäuferin ihr fünf Flaschen Korn auf Kredit gab und ihren Namen ins Schuldbuch schrieb.

Am Abend öffnete Hermann den letzten Nagel am neuen Zaun. Karin fütterte ihn mit einem deftigen Mittagessen und schenkte ihm ein Glas ein. Der Betrunkene, nun fröhlich, erzählte am Tisch von dem Welpen, der sich am Ofen zusammenrollte.

Zweimal täglich füttern. Und besorg ihm eine stabile Kette er wird stark und groß, das sage ich dir. Ich kenne mich mit Hunden aus.

So bekam Karin einen neuen Mitbewohner Rex. Die alte Frau schloss das kleine Tier ins Herz, und Rex schenkte ihr grenzenlose Treue. Jedes Mal, wenn Karin den Hof betrat, sprang Rex sie an und leckte ihr freundlich das Gesicht. Nur eines machte Sorgen der Hund war riesig wie ein Kalb, aber er lernte das Bellen nicht. Karin Steinberger war betrübt.

Ach, Hermann! Du Betrüger! Hast mir einen untauglichen Hund verkauft!

Was aber tun? So ein braves Geschöpf kann man nicht verjagen. Er musste nicht bellen die Nachbarshunde wagten sich ohnehin nicht zu bellen, seit Rex in drei Monaten bis zu Karins Taille gewachsen war.

Eines Tages kam Matthias, der Jäger aus dem Nachbardorf, in das Dorf, um Vorräte, Salz und Streichhölzer zu kaufen. Die Winterjagd stand bevor, die Männer verschwanden monatelang im Wald. Als er am Haus von Karin Steinberger vorbeiging, blieb er stehen und starrte Rex an.

Oma Karin! rief Matthias. Wer hat Ihnen erlaubt, einen Wolf im Dorf zu halten?

Erschrocken legt Karin die Hände an die Brust.

Ach du meine Güte! Wie dumm von mir! Der Gauner Hermann hat mich reingelegt! Sprach von einem reinrassigen Schäferhund…

Matthias empfahl ihr eindringlich:

Der Wolf muss zurück in den Wald. Sonst gibt es noch ein Unglück.

Karin stehen die Tränen in den Augen. Wie schwer fällt ihr der Abschied von Rex! So ein lieber, sanfter Kerl, auch wenn er ein Wolf ist. In letzter Zeit wurde Rex immer unruhiger, zerrte am Strick, wollte in die Freiheit. Die Leute im Dorf hatten Angst. Es blieb keine Wahl.

Matthias brachte den Wolf in den Wald. Rex wedelte noch, dann verschwand er im Unterholz. Niemand sah ihn je wieder.

Karin weinte um ihren treuen Gefährten und verfluchte den schlauen Hermann, der selbst unter der Sache litt, denn böse gemeint hatte er es nicht. Einst hatte er auf der Jagd Bärenspuren entdeckt und aus der Ferne ein Winseln gehört. Eigentlich sollte er sich fernhalten, denn wo Bären sind, ist Gefahr nah. Doch das Geräusch war kein Bär.

Hermann schob die Büsche beiseite und entdeckte einen Bau, darin lag eine tote Wölfin und ihre von einem Bären zerbissenen Welpen. Nur eines überlebte, tief im Bau versteckt.

Hermann hatte Mitleid mit dem Waisen. Er nahm den Welpen mit, wollte ihn Karin geben, in der Hoffnung, der Wolf würde sich im Dorf einleben und irgendwann von selbst in den Wald zurückkehren. Dann wollte er für Oma Karin einen echten Hund besorgen. Doch Matthias machte ihm einen Strich durch die Rechnung.

Hermann schlich tagelang um ihr Haus, wagte sich aber nicht hinein. Draußen wütete der Winter. Karin heizte den Ofen, um nachts nicht zu erfrieren.

Plötzlich klopfte es. Die alte Frau öffnete rasch die Tür. Ein Mann stand davor.

Guten Abend, Oma. Darf ich übernachten? Ich wollte ins Nachbardorf, habe mich verirrt.

Und wie heißt du? Ich kann schlecht sehen.

Boris.

Karin runzelt die Stirn.

Einen Boris gibt es bei uns gar nicht

Ich wohne hier nicht. Kürzlich habe ich ein Haus gekauft. Wollen mal sehen, aber das Auto ist steckengeblieben. Musste zu Fuß gehen, und nun bläst ein Schneesturm!

Das Haus vom verstorbenen Herrn Müller?

Der Mann nickte.

Genau das.

Karin ließ ihn eintreten, setzte den Wasserkocher auf. Sie bemerkte nicht, wie gierig er den alten Buffetschrank musterte, wo Bauern oft ihre Wertsachen und Geld aufbewahren.

Während die alte Frau am Herd stand, begann der Fremde, im Schrank zu kramen. Karin hörte die Tür quietschen.

Was machst du da, Boris?

Sie wissen doch, es gab eine Euro-Reform! Ich helfe Ihnen, altes Geld loszuwerden.

Karin runzelt die Stirn.

Unsinn. Es gab keine Reform! Wer sind Sie?

Der Mann zückte ein Messer und hielt es ihr ans Kinn.

Sei ruhig, Oma. Gib Geld, Gold, Essen!

Karin starrt voller Angst. Ein Verbrecher, auf der Flucht vor der Polizei. Jetzt entscheidet sich ihr Schicksal …

Doch plötzlich sprang die Tür auf. Ein riesiger Wolf stürzte auf den Räuber, der schrie auf, doch sein dicker Schal rettete ihn vor den Bissen. Er zückte das Messer und stach Rex in die Schulter. Rex wich zurück, und der Einbrecher nutzte die Gelegenheit zur Flucht.

In diesem Moment kam Hermann ans Haus, um sich zu entschuldigen. Am Tor sah er einen Mann mit Messer davonlaufen, wild fluchend. Hermann stürmte ins Haus am Boden lag Rex, blutend. Hermann begriff alles und rannte zum Dorfsheriff.

Der Dieb wurde gefasst und wanderte erneut ins Gefängnis.

Rex aber wurde der Held des Dorfes. Die Leute brachten ihm Futter und grüßten ihn auf der Straße. Der Wolf wurde nicht mehr angebunden, sondern durfte frei leben. Trotzdem kehrte er immer wieder zu Oma Karin zurück, wenn Hermann ihn nach Jagdausflügen zum Hof mitbrachte.

Eines Tages stand ein schwarzer SUV neben ihrem Haus. Jemand hackte Holz im Hof es war Thomas, Karins Sohn. Als er Hermann erblickte, umarmte er ihn.

Am Abend saßen alle zusammen am Tisch, und Karin strahlte vor Glück. Thomas überredete seine Mutter, in die Stadt zu kommen, um die Augenoperation zu machen.

Wenn es sein muss… seufzt die alte Frau. Im Sommer kommt mein Enkel, ich will ihn sehen. Hermann, halte bitte Haus und Rex im Blick, ja?

Hermann nickte. Rex ließ sich am Ofen nieder und legte zufrieden den Kopf auf die Pfoten. Sein Platz war hier, bei seinen Freunden.

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— Oma, Hallo! — rief Matthias. — Wer hat Ihnen erlaubt, einen Wolf im Dorf zu halten? Als Alla Stepanowna den eingestürzten Zaun sah, liefen ihr bittere Tränen übers Gesicht. Schon oft hatte sie ihn mit Brettern gestützt und morsche Pfosten repariert, immer hoffend, dass die Einfriedung hält, bis sie von ihrer kleinen Rente genug gespart hatte. Aber das Schicksal wollte es anders – der Zaun gab nach. Zehn Jahre stemmte Alla das Gehöft alleine, seit ihr geliebter Mann Peter Andreas verstorben war. Peter war ein Mann mit goldenen Händen, ein Alleskönner und Meister seines Fachs. Solange er lebte, musste Oma Alla sich um nichts sorgen. Im Dorf schätzten ihn alle für seine Güte und Arbeitseifer. Ihr gemeinsames Glück dauerte 40 erlebnisreiche Jahre, nur einen Tag fehlte zum Jubiläum. Ein gepflegtes Haus, üppige Ernte im Garten, ordentliches Vieh – all das war das Resultat gemeinsamer Mühe. Die beiden hatten nur einen Sohn – Egor, ihr Stolz und ihre Freude. Von klein auf war er fleißig und musste nie zum Helfen gedrängt werden. Kam die Mutter erschöpft vom Hof zurück, hatte Egor bereits Holz geholt, Wasser getragen, die Stube geheizt und das Vieh versorgt. Wenn Peter von der Arbeit kam, wusch er sich und rauchte auf der Veranda, während seine Frau das Abendessen kochte. Abends saß die Familie zusammen, tauschte Neuigkeiten aus – sie waren glücklich. Die Zeit verging, Erinnerungen blieben. Egor wurde groß, verließ die Eltern, zog in die große Stadt, machte Karriere, heiratete die Stadtpflanze Ludmilla. Das Paar ließ sich in Berlin nieder. Anfangs kam Egor im Urlaub zu Besuch, später überredete ihn seine Frau, die Ferien im Ausland zu verbringen – so wurde es Tradition. Peter verstand das nie und war enttäuscht: — Wo ist Egor denn so erschöpft? Ludmilla macht ihm den Kopf weich. Wozu diese Reisen? Vater war traurig, Mutter sehnte sich, aber was blieb ihnen außer Warten auf ein Lebenszeichen? Schließlich erkrankte Peter schwer. Er verweigerte das Essen, wurde zusehends schwächer. Die Ärzte verschrieben Medikamente, schickten ihn dann aber nach Hause. Im Frühjahr, als der Wald lebendig wurde und die Nachtigallen sangen, ist Peter eingeschlafen. Egor kam zur Beerdigung, weinte heftig und machte sich Vorwürfe. Er verbrachte eine Woche im Elternhaus, dann fuhr er zurück. In zehn Jahren schrieb er nur dreimal Briefe an seine Mutter. Alla blieb allein zurück und verkaufte Kuh und Schafe an die Nachbarn. Wozu noch Vieh? Die Kuh stand lange am Hof und hörte, wie die alte Bäuerin herzzerreißend weinte. Alla schloss sich in die hinterste Kammer ein, hielt sich die Ohren zu und weinte. Ohne Männerhände verfiel das Anwesen langsam. Das Dach leckte, das Holz auf der Veranda war morsch, der Keller wurde überschwemmt. Oma Alla tat ihr Bestes und sparte von der Rente für Handwerker, manchmal schaffte sie es sogar selbst – sie war auf dem Land aufgewachsen. So lebte sie, kämpfte ums Überleben, bis neues Unglück hereinbrach: Ihre Sehkraft verschlechterte sich rapide. Im Dorfladen erkannte sie die Preisschilder kaum. Nach ein paar Monaten sah sie das Geschäftsschild gar nicht mehr. Die Gemeindeschwester bestand auf einem Klinikbesuch. — Frau Alla, wollen Sie erblinden? Nach einer OP kommt Ihr Augenlicht zurück! Doch die alte Frau fürchtete einen Eingriff und lehnte ab. Nach einem Jahr war sie fast blind – sie störte sich kaum daran. — Wozu brauche ich Licht? Fernsehen kann ich eh nur noch hören. Die Nachrichten versteh ich auch so. Zuhause erledige ich alles aus dem Gedächtnis. Manchmal sorgte sie sich aber: Im Dorf waren fragwürdige Leute unterwegs, Diebe drangen in leerstehende Häuser ein, stahlen was sie fanden. Alla hätte gern einen guten Hund gehabt, der unerwünschte Gäste abschreckt. Sie fragte den Jäger Simon: — Simon, weißt du, ob der Förster Welpen hat? Nur ein kleines – ich zieh es groß! Simon, der lokale Jäger, blickte sie neugierig an: — Oma Alla, wozu einen Welpen vom Husky? Die sind für den Wald! Ich bringe Ihnen eine echte Schäferhündin aus der Stadt! — Die ist bestimmt teuer … — Nicht teurer als Ihr Geld, Oma Alla. — Na gut, bring’s mit. Alla zählte ihre Spargroschen, glaubte, es reicht für einen guten Hund. Doch Simon war unzuverlässig, schob seine Zusage immer weiter hinaus. Oma Alla schimpfte auf seine leeren Worte, aber tief drin tat er ihr leid. Er war ein armes Luder – ohne Familie, ohne Kinder. Alkohol war sein einziger Trost. Simon, im gleichen Alter wie Egor, blieb im Dorf. Er fühlte sich in der Stadt nicht wohl. Seine große Leidenschaft war die Jagd, für die er tagelang in die Wälder zog. Außerhalb der Saison übernahm Simon verschiedene Arbeiten – Gärten umgraben, Holzarbeiten, Technik reparieren. Was er bei den alten Damen verdiente, trank er sofort weg. Nach jedem Saufgelage verschwand Simon im Wald – angeschwollen, krank und reumütig. Nach ein paar Tagen kam er mit reichen Fundstücken zurück: Pilze, Beeren, Fisch, Pinienzapfen. Er verkaufte alles für ein paar Euro und versoff den Rest wieder. Der Trinker half auch Oma Alla für Lohn im Haushalt. Und jetzt, da der Zaun eingestürzt war, musste sie ihn wieder fragen. — Mit dem Hund wird es wohl noch dauern, — seufzte Alla. — Das Geld kommt erstmal für den Zaun drauf. Simon kam nicht mit leeren Händen. Neben Werkzeug bewegte sich etwas im Rucksack. Er lächelte und rief Oma Alla: — Schauen Sie mal, was ich mitgebracht habe! — Er öffnete den Rucksack. Die alte Frau tastete eine flauschige, kleine Kopf. — Simon, echt, ein Welpe? — staunte sie. — Der Beste vom Besten! Voller Schäferhund, Oma. Das Kleine quiekte und wollte aus dem Rucksack. Alla bekam Panik: — Ich habe ja gar nicht genug Geld! Nur für den Zaun! — Zurückbringen kann ich ihn nicht mehr, Oma Alla! — Simon widersprach. — Wissen Sie, wie viel Tausend ich für den Hund bezahlt habe? Was tun? Alla lief zum Laden, die Verkäuferin gab ihr fünf Flaschen Korn auf Kredit und schrieb ihren Namen ins Schuldbuch. Bis zum Abend war der Zaun fertig. Oma Alla kochte ein ordentliches Mittagessen, schenkte Simon ein Schnäpschen ein. Angeschickert sinnierte der Trinker am Küchentisch, während das Welpenbündel sich neben dem Ofen zusammenrollte. — Zweimal täglich füttern, einen starken Strick besorgen – dann wird er kräftig und gesund. Ich kenn mich aus mit Hunden. So bekam Alla einen Mitbewohner: Tasso. Die alte Frau mochte ihn und er war ihr treu. Jedes Mal, wenn Alla in den Garten ging, sprang Tasso begeistert herum, wollte ihr das Gesicht ablecken. Nur eins sorgte für Zweifel – der Hund wuchs zu einer Größe wie ein Kalb, aber lernte nicht zu bellen. Das enttäuschte Alla. — Ach, Simon! Ach, du Schlawiner! Was hast du mir da für einen Taugenichts verkauft? Aber was tun, so ein gutherziges Tier konnte man nicht wegjagen. Er musste nicht bellen. Die Nachbarshunde trauten sich nicht zu bellen bei Tasso, der in drei Monaten bis zur Taille von der Herrin reichte. Eines Tages kam Matthias, der Jäger, ins Dorf, um Vorräte einzukaufen. Bald begann wieder die Jagdsaison, wo die Männer Wochen im Wald verschwanden. Als er an Allas Haus vorbeilief, blieb er plötzlich stehen, als er Tasso sah. — Oma, Hallo! — rief Matthias. — Wer hat Ihnen erlaubt, einen Wolf im Dorf zu halten? Alla legte erschrocken die Hände an die Brust. — Herrje! Wie dumm war ich! Dieser Simon hat mich betrogen! Ein reinrassiger Schäferhund, hat er gesagt … Matthias sprach ernst: — Oma, den müssen Sie in den Wald lassen. Sonst passiert noch ein Unglück. Der Greisin traten Tränen in die Augen. Wie weh tat es, sich von Tasso zu trennen! Ein lieber, sanfter Kerl, und doch ein Wolf. In letzter Zeit war er unruhig, zerrte an der Kette, wollte in die Freiheit. Die Dorfbewohner fürchteten ihn. Es blieb keine Wahl. Matthias brachte den Wolf in die Wälder. Tasso wedelte mit dem Schwanz und verschwand zwischen den Bäumen. Niemand sah ihn je wieder. Alla trauerte um ihren Liebling und verfluchte den hinterlistigen Simon. Auch Simon bereute es, denn er hatte Gutes im Sinn. Bei einem Waldgang war er auf Bärenspuren gestoßen, hörte Winseln. Erst wollte er weiter, denn wo Bärenkinder sind, ist auch die Bärenmutter. Doch das Geräusch passte nicht zu einem Bär. Im Unterholz lag eine tote Wölfin, umher – ihre gerissene Welpen. Ein Bär hatte das Lager überfallen. Nur ein kleiner blieb, versteckt im Bau. Simon bekam Mitleid und nahm das Waisenkind mit. Dann übergab er ihn an Alla, in der Hoffnung, der Wolf würde später in den Wald zurückkehren und er fände einen richtigen Hund für sie. Doch Matthias machte alles zunichte. Mehrere Tage tigerte Simon um das Haus, traute sich nicht hinein. Es war mitten im Winter, Alla heizte den Ofen um nachts nicht zu erfrieren. Plötzlich klopfte es. Die alte Frau eilte zur Tür. Ein Mann stand draußen. — Guten Abend, Oma. Darf ich übernachten? Ich wollte ins Nachbardorf und habe mich verirrt. — Wie heißt du, Schatz? Ich sehe schlecht. — Boris. Alla runzelte die Stirn. — Bei uns gibt’s keinen Boris … — Ich bin nicht von hier, Oma. Habe erst neulich ein Haus gekauft, wollte es anschauen, aber das Auto ist steckengeblieben. Musste zu Fuß gehen, jetzt der Schneesturm! — Hast du das Haus vom verstorbenen Daniel gekauft? Der Mann nickte. — Genau. Alla ließ den Fremden herein, stellte den Wasserkocher auf. Sie bemerkte nicht, wie er gierig den alten Küchenschrank musterte, wo Dörfler Geld und Schmuck aufbewahren. Als die Oma am Herd beschäftigt war, begann der Besucher zu stöbern. Sie hörte das Knarren der Schranktür. — Was suchst du da, Boris? — Da war doch die Währungsreform! Ich helfe, alte Geldscheine zu entsorgen. Die Greisin runzelte die Stirn. — Unsinn! Es gab keine Reform! Wer bist du?! Der Mann zog ein Messer und hielt es ihr ans Kinn. — Ruhe, Oma! Her mit Geld, Gold, Essen! Alla packte das Entsetzen. Vor ihr stand ein Verbrecher, der vor der Polizei floh. Ihr Schicksal schien besiegelt… In diesem Moment sprang die Tür auf. Ein riesiger Wolf stürzte herein und fiel den Räuber an. Der schrie, doch ein dicker Schal rettete ihn vor dem Biss. Mit dem Messer verletzte er den Wolf an der Schulter. Tasso wich zur Seite, was dem Dieb die Flucht ermöglichte. Gerade ging Simon vorbei, wollte sich bei Alla entschuldigen. Am heimischen Zaun sah er, wie ein Mann mit Messer fluchend davonrannte. Simon stürmte zu Alla, fand dort den blutenden Tasso. Er begriff sofort und rannte zum Dorfpolizisten. Der Räuber wurde gefasst und kam erneut ins Gefängnis. Tasso wurde zum Dorfhelden. Die Leute brachten ihm Futter und grüßten ihn. Der Wolf war nicht mehr angebunden, durfte frei leben. Aber er kehrte immer zurück zu Oma Alla, kam mit Simon von den Jagdausflügen heim. Eines Tages sahen sie einen schwarzen SUV vorm Haus. Im Hof hackte jemand Holz – es war Allas Sohn Egor. Als er den alten Freund erblickte, breitete er die Arme aus. Abends saßen alle am Tisch, Alla strahlte vor Glück. Egor überredete sie, für die Augenoperation in die Stadt zu kommen. — Na gut, — seufzte die alte Frau, — im Sommer kommt der Enkel, den will ich sehen. Simon, kümmer dich um Haus und Tasso, ja? Simon nickte. Tasso legte sich zufrieden am Ofen nieder, sein Platz war bei den Freunden. Abonniert unsere Seite, damit ihr keine neuen spannenden Geschichten verpasst! Lasst eure Meinungen und Emotionen in den Kommentaren, unterstützt uns mit Likes.
Die listige NachbarinAls ich eines Abends das Flüstern aus der Küche hörte, bemerkte ich, dass die Nachbarin schon wieder heimlich das Rezept ihres berühmten Apfelkuchens austauschte, um es als ihres auszugeben.