Oma Karin! rief Matthias. Wer hat Ihnen denn erlaubt, einen Wolf im Dorf zu halten?
Karin Steinberger weint leise, als sie den zerstörten Gartenzaun sieht. Schon mehrmals hat sie ihn mit alten Brettern verstärkt und marode Pfosten ausgewechselt in der Hoffnung, dass die Umzäunung zumindest so lange hält, bis sie von ihrer kleinen Rente genug Euro zurückgelegt hat. Aber nun liegt der Zaun am Boden.
Seit zehn Jahren versorgt Karin ihr Haus alleine, seit ihr geliebter Mann, Heinrich Steinberger, verstorben ist. Er hatte goldene Hände solange er lebte, musste sich Oma Karin keine Sorgen machen. Heinrich war ein wahrer Alleskönner, Schreiner und Tischler, der alles selbst machte. Deshalb brauchten sie nie Handwerker zu rufen. Im Dorf wurde Heinrich für seine Hilfsbereitschaft und Fleiß geschätzt. Gemeinsam führten sie ein schönes Leben, vierzig Jahre lang, nur ein einziger Tag fehlte zum großen Jubiläum. Das gepflegte Haus, die reiche Ernte im Gemüsegarten, das gesunde Vieh all das war das Ergebnis ihrer gemeinsamen Arbeit.
Das Ehepaar hatte einen Sohn, Thomas ihr ganzer Stolz und ihre Freude. Bereits als Kind half er fleißig im Haushalt und musste nie dazu gedrängt werden. Wenn seine Mutter nach einem langen Arbeitstag von der Bauernhof zurückkam, hatte Thomas schon Feuerholz herangetragen, Wasser geholt, den Ofen angeheizt und das Vieh versorgt.
Heinrich, nach Feierabend, wusch sich die Hände und setzte sich zum Rauchen auf die Veranda, während seine Frau das Abendessen kochte. Abends aßen sie alle zusammen, tauschten Neuigkeiten aus und genossen die gemeinsame Zeit.
Doch die Jahre vergingen, und es blieben nur Erinnerungen. Thomas wurde erwachsen und zog in die große Stadt nach Berlin , holte sein Abitur nach, heiratete eine Städterin namens Gudrun und ließen sich in der Hauptstadt nieder. Anfangs kam Thomas im Urlaub noch zu Besuch, doch seine Frau überzeugte ihn bald, die Ferien im Ausland zu verbringen. Und so verging jedes Jahr. Heinrich wunderte sich über den Sohn und dessen Entscheidungen.
Wo hat sich unser Thomas denn so erschöpft? Gudrun hat ihm sicher den Kopf verdreht! Wozu braucht er all diese Reisen?
Der Vater war traurig, die Mutter fühlte sich einsam. Was blieb ihnen anderes übrig, als zu leben und wenigstens ab und zu ein Lebenszeichen vom Sohn zu erhalten? Dann wurde Heinrich krank, verweigerte das Essen, wurde immer schwächer. Die Ärzte verschrieben Medikamente, doch irgendwann schickten sie ihn nur noch nach Hause, damit er seine letzten Tage verbringen kann. Als der Frühling kam und in den Wäldern die Nachtigallen sangen, starb Heinrich.
Thomas kam zur Beerdigung, weinte bitterlich und machte sich Vorwürfe, seinen Vater nicht mehr lebend gesehen zu haben. Er wohnte eine Woche im Elternhaus und fuhr dann wieder zurück nach Berlin. In zehn Jahren schrieb er seiner Mutter nur dreimal Briefe. Oma Karin blieb allein zurück. Sie verkaufte die Kuh und die Schafe an die Nachbarn.
Wozu sollte sie noch Vieh halten? Die Kuh stand lang am Zaun und hörte, wie die alte Besitzerin weinte. Karin verschloss sich im hintersten Zimmer, hielt sich die Ohren zu und schluchzte.
Ohne männliche Hilfe verfiel der Hof immer mehr: Mal tropfte das Dach, mal brach die morsche Veranda, mal überschwemmte Wasser den Keller. Doch Karin tat, was sie konnte. Von ihrer Rente sparte sie für Handwerker, manchmal packte sie selbst zu, denn als Dorfkind hatte sie vieles gelernt.
So lebte sie, erduldete jeden Tag, als das nächste Unglück eintrat. Plötzlich wurde ihr Sehvermögen viel schlechter, obwohl sie bisher nie Probleme gehabt hatte. Sie ging zum kleinen Dorfladen und konnte kaum die Preisschilder erkennen. Nach einigen Monaten konnte sie nicht mehr einmal die Leuchtschrift am Laden lesen.
Die Gemeindeschwester kam vorbei, sah sich alles an und bestand auf einer Untersuchung in der Klinik.
Karin Steinberger, wollen Sie denn blind werden? In der Klinik macht man eine Operation, dann kommt das Augenlicht zurück!
Doch Oma Karin fürchtete sich vor einer Operation und lehnte ab. Nach einem Jahr war sie fast blind. Aber sie sorgte sich nicht zu sehr.
Was soll ich mit dem Licht? Fernsehen schaue ich sowieso nicht, nur höre ich zu. Der Nachrichtensprecher liest vor ich verstehe es auch so. Und im Haus mache ich alles aus der Erinnerung.
Trotzdem sorgte sie sich manchmal. Im Dorf gab es immer mehr zwielichtige Gestalten. Oft kamen Diebe, brachen in verlassene Häuser ein und raubten, was nicht niet- und nagelfest war. Oma Karin vermisste einen zuverlässigen Hund, der mit starkem Bellen und respekteinflößender Erscheinung Besucher abschreckte.
Sie fragte den Jäger, Hermann:
Weißt du, ob der Förster Welpen hat? Ich würde auch das kleinste nehmen. Ich würde ihn großziehen
Hermann, der ortsansässige Jäger, schaute Karin interessiert an.
Oma Karin, wozu brauchst du Huskys? Das sind doch keine Dorftiere. Ich könnte dir einen echten Schäferhund aus der Stadt bringen.
So ein Schäferhund ist doch sicher sehr teuer
Nicht teurer als die Sicherheit, Oma Karin.
Gut, dann bring ihn mit.
Karin prüfte ihre Rücklagen und stellte fest, dass das Geld für einen guten Hund reicht. Doch Hermann ist kein zuverlässiger Mensch er schob das Versprechen immer wieder auf. Karin schimpfte ihn, weil er nur Worte macht, fühlte aber heimlich Mitleid. Hermann war ein einsamer Mann, ohne Familie und Kinder. Seine einzige Freundin war die Flasche.
Hermann, im gleichen Alter wie ihr Sohn Thomas, blieb im Dorf, er konnte sich das Stadtleben nicht vorstellen. Seine größte Leidenschaft ist die Jagd. Manchmal verschwindet er Tage im Wald.
Nach der Jagdsaison arbeitete Hermann in den Gärten, als Tischler oder bastelte an alten Maschinen. Das Geld, das er von den alten Frauen bekam, versäufte er sofort.
Nach solchen Trinkgelagen zog Hermann sich in den Wald zurück krank, mit schlechtem Gewissen. Nach ein paar Tagen kam er mit Pilzen, Beeren, Fischen, Zapfen zurück, verkaufte alles für wenige Euro und versoff den Erlös wieder. Auch bei Karin half der Trunkenbold gegen Bezahlung mit. Jetzt, da der Zaun kaputt war, musste sie sich erneut an ihn wenden.
Mit dem Hund muss ich wohl warten, seufzt Karin Steinberger. Erst muss ich den Zaun bezahlen, und das Geld ist knapp.
Hermann kam nicht mit leeren Händen. Im Rucksack, zwischen Werkzeugen, bewegte sich etwas. Lächelnd rief er nach Karin.
Schauen Sie mal, was ich Ihnen mitgebracht habe! Er öffnete den Rucksack.
Die alte Frau tastete nach dem kleinen, pelzigen Kopf.
Hermann, ist das etwa ein Welpe? wundert sie sich.
Den besten von allen. Ein reinrassiger Schäferhund, Oma.
Der kleine Hund winselte und versuchte, aus dem Rucksack zu klettern. Karin machte sich Sorgen:
Aber ich habe doch gar nicht genug Geld! Nur für den Zaun!
Ich trage ihn jetzt nicht einfach zurück, Oma Karin! kontert Hermann. Wissen Sie, wie viele tausend Euro ich für diesen Hund gezahlt habe?
Was blieb ihr übrig? Sie lief zum Laden, wo die Verkäuferin ihr fünf Flaschen Korn auf Kredit gab und ihren Namen ins Schuldbuch schrieb.
Am Abend öffnete Hermann den letzten Nagel am neuen Zaun. Karin fütterte ihn mit einem deftigen Mittagessen und schenkte ihm ein Glas ein. Der Betrunkene, nun fröhlich, erzählte am Tisch von dem Welpen, der sich am Ofen zusammenrollte.
Zweimal täglich füttern. Und besorg ihm eine stabile Kette er wird stark und groß, das sage ich dir. Ich kenne mich mit Hunden aus.
So bekam Karin einen neuen Mitbewohner Rex. Die alte Frau schloss das kleine Tier ins Herz, und Rex schenkte ihr grenzenlose Treue. Jedes Mal, wenn Karin den Hof betrat, sprang Rex sie an und leckte ihr freundlich das Gesicht. Nur eines machte Sorgen der Hund war riesig wie ein Kalb, aber er lernte das Bellen nicht. Karin Steinberger war betrübt.
Ach, Hermann! Du Betrüger! Hast mir einen untauglichen Hund verkauft!
Was aber tun? So ein braves Geschöpf kann man nicht verjagen. Er musste nicht bellen die Nachbarshunde wagten sich ohnehin nicht zu bellen, seit Rex in drei Monaten bis zu Karins Taille gewachsen war.
Eines Tages kam Matthias, der Jäger aus dem Nachbardorf, in das Dorf, um Vorräte, Salz und Streichhölzer zu kaufen. Die Winterjagd stand bevor, die Männer verschwanden monatelang im Wald. Als er am Haus von Karin Steinberger vorbeiging, blieb er stehen und starrte Rex an.
Oma Karin! rief Matthias. Wer hat Ihnen erlaubt, einen Wolf im Dorf zu halten?
Erschrocken legt Karin die Hände an die Brust.
Ach du meine Güte! Wie dumm von mir! Der Gauner Hermann hat mich reingelegt! Sprach von einem reinrassigen Schäferhund…
Matthias empfahl ihr eindringlich:
Der Wolf muss zurück in den Wald. Sonst gibt es noch ein Unglück.
Karin stehen die Tränen in den Augen. Wie schwer fällt ihr der Abschied von Rex! So ein lieber, sanfter Kerl, auch wenn er ein Wolf ist. In letzter Zeit wurde Rex immer unruhiger, zerrte am Strick, wollte in die Freiheit. Die Leute im Dorf hatten Angst. Es blieb keine Wahl.
Matthias brachte den Wolf in den Wald. Rex wedelte noch, dann verschwand er im Unterholz. Niemand sah ihn je wieder.
Karin weinte um ihren treuen Gefährten und verfluchte den schlauen Hermann, der selbst unter der Sache litt, denn böse gemeint hatte er es nicht. Einst hatte er auf der Jagd Bärenspuren entdeckt und aus der Ferne ein Winseln gehört. Eigentlich sollte er sich fernhalten, denn wo Bären sind, ist Gefahr nah. Doch das Geräusch war kein Bär.
Hermann schob die Büsche beiseite und entdeckte einen Bau, darin lag eine tote Wölfin und ihre von einem Bären zerbissenen Welpen. Nur eines überlebte, tief im Bau versteckt.
Hermann hatte Mitleid mit dem Waisen. Er nahm den Welpen mit, wollte ihn Karin geben, in der Hoffnung, der Wolf würde sich im Dorf einleben und irgendwann von selbst in den Wald zurückkehren. Dann wollte er für Oma Karin einen echten Hund besorgen. Doch Matthias machte ihm einen Strich durch die Rechnung.
Hermann schlich tagelang um ihr Haus, wagte sich aber nicht hinein. Draußen wütete der Winter. Karin heizte den Ofen, um nachts nicht zu erfrieren.
Plötzlich klopfte es. Die alte Frau öffnete rasch die Tür. Ein Mann stand davor.
Guten Abend, Oma. Darf ich übernachten? Ich wollte ins Nachbardorf, habe mich verirrt.
Und wie heißt du? Ich kann schlecht sehen.
Boris.
Karin runzelt die Stirn.
Einen Boris gibt es bei uns gar nicht
Ich wohne hier nicht. Kürzlich habe ich ein Haus gekauft. Wollen mal sehen, aber das Auto ist steckengeblieben. Musste zu Fuß gehen, und nun bläst ein Schneesturm!
Das Haus vom verstorbenen Herrn Müller?
Der Mann nickte.
Genau das.
Karin ließ ihn eintreten, setzte den Wasserkocher auf. Sie bemerkte nicht, wie gierig er den alten Buffetschrank musterte, wo Bauern oft ihre Wertsachen und Geld aufbewahren.
Während die alte Frau am Herd stand, begann der Fremde, im Schrank zu kramen. Karin hörte die Tür quietschen.
Was machst du da, Boris?
Sie wissen doch, es gab eine Euro-Reform! Ich helfe Ihnen, altes Geld loszuwerden.
Karin runzelt die Stirn.
Unsinn. Es gab keine Reform! Wer sind Sie?
Der Mann zückte ein Messer und hielt es ihr ans Kinn.
Sei ruhig, Oma. Gib Geld, Gold, Essen!
Karin starrt voller Angst. Ein Verbrecher, auf der Flucht vor der Polizei. Jetzt entscheidet sich ihr Schicksal …
Doch plötzlich sprang die Tür auf. Ein riesiger Wolf stürzte auf den Räuber, der schrie auf, doch sein dicker Schal rettete ihn vor den Bissen. Er zückte das Messer und stach Rex in die Schulter. Rex wich zurück, und der Einbrecher nutzte die Gelegenheit zur Flucht.
In diesem Moment kam Hermann ans Haus, um sich zu entschuldigen. Am Tor sah er einen Mann mit Messer davonlaufen, wild fluchend. Hermann stürmte ins Haus am Boden lag Rex, blutend. Hermann begriff alles und rannte zum Dorfsheriff.
Der Dieb wurde gefasst und wanderte erneut ins Gefängnis.
Rex aber wurde der Held des Dorfes. Die Leute brachten ihm Futter und grüßten ihn auf der Straße. Der Wolf wurde nicht mehr angebunden, sondern durfte frei leben. Trotzdem kehrte er immer wieder zu Oma Karin zurück, wenn Hermann ihn nach Jagdausflügen zum Hof mitbrachte.
Eines Tages stand ein schwarzer SUV neben ihrem Haus. Jemand hackte Holz im Hof es war Thomas, Karins Sohn. Als er Hermann erblickte, umarmte er ihn.
Am Abend saßen alle zusammen am Tisch, und Karin strahlte vor Glück. Thomas überredete seine Mutter, in die Stadt zu kommen, um die Augenoperation zu machen.
Wenn es sein muss… seufzt die alte Frau. Im Sommer kommt mein Enkel, ich will ihn sehen. Hermann, halte bitte Haus und Rex im Blick, ja?
Hermann nickte. Rex ließ sich am Ofen nieder und legte zufrieden den Kopf auf die Pfoten. Sein Platz war hier, bei seinen Freunden.
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