Erster Eindruck
Mama, das ist Mathilde, stellte Benedikt leicht verlegen seine Begleitung spät am Abend vor.
Guten Abend, erwiderte Erika mit spürbarer Unzufriedenheit, als sie die unerwartete Besucherin musterte. Ein wunderbarer Zeitpunkt für eine Vorstellung! In einer halben Stunde schlägt Mitternacht
Ich habe Benedikt gesagt, dass es schon spät ist, konterte das Mädchen sofort. Aber hört er auf mich? So stur ist er!
Pfiffig, dachte Erika. Hat sich rausgeredet und gleichzeitig die Schuld auf meinen Sohn geschoben. Diese junge Frau ist wirklich unangenehm.
Also, kommt herein, bat die Mutter knapp und verschwand im Flur in Richtung Schlafzimmer.
Was hätte sie sonst tun sollen? Ihren einzigen Sohn mitten in der Nacht wegen einer Fremden vor die Tür setzen? Wenn er mit ihr zusammenleben wollte, dann sollte er eben. Eine Mutter ist dazu da, ihr Kind zu schützen und ihm die Augen zu öffnen. Erika hatte schon eine Strategie parat. Benedikt würde diese Mathilde ganz von selbst loswerden und dann wäre er sogar erleichtert!
Die ganze Nacht lag Erika wach, feilte an einem Plan, um die Eindringling möglichst bald wieder loszuwerden.
Eigentlich hatte sie nichts gegen eine Hochzeit ihres Sohnes, immerhin war er mit seinen dreißig Jahren längst bereit für ein eigenes Leben.
Aber nicht mit dieser!
Sie wirkte eindeutig jünger, was Erika als Zeichen von Unreife und Wankelmütigkeit wertete.
Was für eine Ehefrau, Mutter oder Hausherrin sollte das denn werden?
Und dann ihr Charakter! Sie platzt zu später Stunde unangemeldet herein, kein Wort der Entschuldigung! Im Gegenteil sie gibt Benedikt noch die Schuld…
Und übernachtet einfach so!
War das das erste Mal oder macht sie sowas regelmäßig?
Außerdem rein aus dem Bauch heraus mochte Erika sie einfach nicht.
Also würde Benedikt sie auch bald nicht mehr mögen.
Warum also Zeit verschwenden?
Doch der Plan blieb letztlich überflüssig.
Mathilde sorgte am nächsten Morgen selbst dafür, dass Erika Grund genug bekam, ein Machtwort zu sprechen.
Das erste Alarmsignal kam gleich morgens.
Mathilde verschwand im Bad und blieb fast eine Stunde dort.
Benedikt tigerte genervt im Wohnzimmer umher.
Was ist los, mein Sohn? fragte Erika auffällig lieblich. Das Mädchen macht sich hübsch für dich, willst du dich beschweren?
Ich muss zur Arbeit!
Klopf an und sage ihr, dass sie nicht allein hier wohnt, schlug die Mutter vor.
Das bringt eh nichts, murmelte Benedikt. Später. Und, Mama, wirst du nicht auch zu spät?
Ich? Nein. Ich bin fertig, habe Quarktaschen gebacken. Komm frühstücken.
Ich bin noch nicht mal gewaschen!
Ist nicht schlimm, das holst du nach. Jetzt iss lieber vernünftig der Tag wird anstrengend genug.
Benedikt setzte sich an den Tisch.
Da kam Mathilde endlich aus dem Bad, mit einem Handtuchturban im Haar. Sie sah bezaubernd aus.
Endlich! rief Benedikt, stürmte ins beschlagene Bad, schrubbte sich im Eiltempo, rasierte sich hastig, schlang die kleinste Quarktasche hinunter und rief beim Hinausstürmen:
Bis abends! Ich hoffe, ihr versteht euch!
Benedikt! rief Mathilde ihm nach. Wir wollten doch heute meine Sachen holen!
Heute Abend! Bitte sei nicht böse! seine Stimme war schon aus dem Treppenhaus zu hören.
Erika stand auf, schloss die Tür hinter ihrem Sohn, drehte sich zu Mathilde und fragte ohne Umweg:
Hast du denn kein Schamgefühl?
Nein, lächelte Mathilde ruhig. Sollte ich eines haben?
Benedikt kommt wegen dir zu spät zur Arbeit!
Kommt er nicht. Er nimmt bestimmt ein Taxi. Keine Sorge, es wird schon alles laufen.
Wie auch immer: Du bist hier nicht alleine. Wenn du morgens eine Stunde im Bad brauchst, steh doch einfach früher auf. Zum Glück habe ich heute frei.
Das kommt nicht wieder vor, sagte Mathilde schlicht. Entschuldigung.
Erika war fast überrumpelt. Sie hatte mit Streit gerechnet aber das…?
Na gut, murmelte sie und ging ins Bad.
Gleich das erste, was ihr ins Auge sprang: eine neue Zahnpastatube, obwohl die alte noch halbvoll war.
Mathilde, warum hast du eine neue Tube aufgemacht?
Die schmeckt mir besser
Ich hoffe, du bringst deine eigene Zahnpasta und dein Shampoo das nächste Mal auch mit!
Natürlich, Frau Wagner
Und Handtücher!
Werden mitgebracht
Egal wie sehr sie versuchte, Mathilde zu einem Streit zu provozieren sie blieb ruhig, nickte, hörte aufmerksam zu, notierte alle Pflichten.
Erika, allmählich ganz erschöpft von den Vorwänden, ging schließlich aufs Ganze.
Was willst du eigentlich hier?
Benedikt und ich lieben einander
So einen Mann liebt doch jede! Was ich nicht verstehe: Was findet er ausgerechnet an dir?
Habe ich ihn nie gefragt
Was machen deine Eltern?
Meine Mutter arbeitet als Näherin in einer Fabrik.
Und dein Vater?
Den habe ich nie kennengelernt.
Aha. Nie einen Vater gehabt. Und wie willst du dann eine gute Frau für meinen Sohn werden?
Ich werde es versuchen
Versuch es nicht, Mädchen. Es wird nichts helfen! Mein Sohn liebt dich nicht. Er glaubt es nur! Ich kenne ihn besser! Heiraten wird er dich nicht wozu auch? Ihr lebt ja schon alles aus.
Er liebt mich, Mathildes Stimme zitterte. Da bin ich mir sicher.
Glaubst du. Denkst du, du bist die Erste?
Nein Aber das spielt keine Rolle
Keine Rolle? In einer Woche bist du für ihn Vergangenheit! Nicht einmal vom gleichen Schlag seid ihr! Intellekt! Schon einmal gehört?
Ja, aber das passt nicht hierher.
Warum nicht?
Ich habe studiert.
Und? Schau, es wäre besser, du würdest nach Hause gehen. Hier gehörst du nicht her. Die ganze Zeit versuche ich, dir das klar zu machen. Du verstehst es nicht.
In Ordnung, dann gehe ich. Aber was sagen Sie Benedikt? Er wird das nicht mögen.
Das geht dich nichts an! Geh und komm nicht wieder. Du bist hier nicht willkommen.
Erika wunderte sich über sich selbst. Sie hätte nie geglaubt, so bittere Worte aussprechen zu können.
Und Mathilde?
Das Mädchen schaute Erika an und verstand alles.
Die Mutter war eifersüchtig auf ihren eigenen Sohn! Nach kaum einem Tag war alles aufgedeckt und dennoch…
Doch als über München die Sonne unterging, spürte Erika zum ersten Mal das bedrückende Schweigen einer Wohnung, in der das Lachen eines Enkelkindes wohl niemals widerhallen würde.




