Educational
07
Der Sohn meines Mannes bedroht unser Familienglück: Wie kann ich ihn aus unserem Zuhause fernhalten?
14. Juni 2024 Ich sitze in der kleinen Küche unserer Wohnung in München, halte eine mittlerweile kalte
Homy
Educational
010
Entschuldigung, dass ich euren Erwartungen nicht entsprochen habe! Alles lief ab wie in einem typischen deutschen Fernsehfilm oder einer Satire: Abends sitzt der Ehemann am Laptop, die Ehefrau erledigt den Haushalt, plötzlich löst die Autoalarmanlage aus, und der Mann stürmt – zum Glück ist Sommer – im T-Shirt auf den Hof. Währenddessen wischt die Frau Staub und rutscht zufällig mit der Maus an den Computer, der Bildschirm leuchtet wieder auf. Nein, es war nie Jaras Art gewesen, das Handy ihres Mannes zu kontrollieren, in seinen Taschen zu wühlen oder ihm über die Schulter zu schauen – das fand sie einfach ungehörig. Doch diesmal war wirklich alles nur Zufall. Ein schneller, flüchtiger Blick auf den Bildschirm – ausgerechnet das Wort „Liebling“. Peinlich berührt dreht sie sich weg, denkt noch, damit könne auch sie gemeint sein – vielleicht „meine liebe Frau“ oder gar die Lieblingssalami – trotzdem sieht sie wieder hin. „Ja, mein Liebling“, schreibt ihr Mann auf einer Dating-Plattform, dabei ist sein Foto für jeden sichtbar – „morgen sehen wir uns, wie abgemacht, ich denke jede Stunde an unser letztes Treffen. Du bist einfach der Wahnsinn!“ „Und du bist mein Bärchen“, zwinkert ihm die drahtige Rothaarige zu. „Ich habe immer noch Muskelkater von letzter Nacht.“ Als der Mann abrupt rausrennt, werden die Messages hektisch: „Bärchen, wo bist du? Ich vermisse dich!“ Jara sinkt mit dem Putzlappen auf das Sofa. Alles ergibt plötzlich einen Sinn. Gestern hatte ihr Mann gesagt, es gebe im Büro ein wichtiges Event, sie hatte sein Hemd gebügelt, Krawatte ausgesucht, Hosen aufgebügelt – für dieses „Event“ also… Der Mann kehrt zurück, schimpft lautstark über einen Fußball, den Halbwüchsige gegen das Auto schossen. Jara hört zu und nickt an den richtigen Stellen, ist mit den Gedanken aber ganz woanders. Glücklicherweise ist ihr Mann an diesem Abend nicht in romantischer Stimmung und sie schlafen getrennt ein. „Ich denke morgen darüber nach“, nimmt sie sich ein Beispiel an Scarlett O’Hara, aber schlafen kann sie kaum. Am nächsten Morgen fährt der Mann ins Büro, Jara macht Großputz. Heute bringt ihre Mutter den kleinen Stas zurück, der eine Woche auf dem Land war. Putzen, putzen – und immer wieder der quälende Gedanke: „Was nun?“ Noch kann sie es kaum fassen, Erinnerungen spülen neue Hinweise hoch. Die vertraute Welt ist zusammengebrochen und es gilt, die Trümmer zu sortieren. Eines weiß Jara sicher: Verzeihen kann und will sie ihm niemals. Nicht einmal, wenn er sich entschuldigt, alles bereut oder ein Versprechen ablegt. Irgendwann wird der Schmerz weniger, aber Verrat bleibt. Gleichzeitig weiß sie: Stas ist zweieinhalb, ein Kita-Platz ist frühestens im Herbst frei, also kann sie nicht arbeiten gehen. Ihren Eltern auf der Tasche liegen? Um Unterhalt kämpfen? Jetzt im Schockzustand die Scheidung einreichen? Wird sie das durchhalten? Oder sich doch überreden lassen zu bleiben und es später bereuen? Also – die Scheidung ist beschlossen, aber nicht jetzt. So hält sie still. Führt weiter Haushalt und Kinder, bügelt Hemden, sucht Krawatten raus, lacht über seine Witze. Einzig die Ekelgefühle kann sie nicht unterdrücken – unter Vorwänden meidet sie „diese“ Pflichten, was dem Ehemann anscheinend recht ist. Zuletzt blüht er regelrecht auf, kommt mit Blumen, summt Lieder, dichtet neue Geschichten zu Dienstreisen zusammen. Im Oktober bekommt Stas einen Kita-Platz, Jara fängt wieder an zu arbeiten – und reicht sofort die Scheidung ein. Der Mann ist entsetzt, begreift nicht, was passiert. Als er schließlich die Wahrheit erfährt, gibt er Jara die Schuld: „Berechnende Frau! So was wie dich nennt man zu Recht Hausschlampe! Erst auf meine Kosten leben, dann, wenn das Kind im Kindergarten ist, Tschüssikowski? Ich hab gedacht, meine Frau ist anders – dabei bist du wie alle anderen!“ Die Freunde stehen auf seiner Seite, verurteilen Jara. Sogar ihre Mutter wirft ihr vor: „Wie konntest du nur? Wolltest du dich trennen, dann hättest du es gleich tun sollen, nicht so hinterhältig! Ich hätte nicht gedacht, dass meine Tochter so kleinlich ist.“ „Entschuldigt bitte, dass ich euren Erwartungen nicht entsprochen habe“, antwortet Jara allen. Doch bei ihrer Entscheidung bleibt sie.
Verzeiht, dass ich eure Erwartungen nicht erfüllt habe! Es ist schon viele Jahre her, doch ich erinnere
Homy
Educational
03
Vor drei Jahren brannte Galina Peters Haus bis auf die Grundmauern nieder – zum Glück war sie damals auf der Arbeit. Lange weinte und klagte sie um das Heim, in dem sie geboren und aufgewachsen war, ihren Sohn großgezogen hatte und die Enkel gern zu Besuch kamen. Jetzt war dort nur noch ein Häufchen Asche und Rauch. Ihr Sohn Artur und Schwiegertochter Olga nahmen sie bei sich auf. Galina Peters merkte, wie schwer es ihrer Schwiegertochter fiel: Vollzeitjob, Haushalt – und sie selbst konnte kaum helfen, saß nach dem Schock nur noch unglücklich da. Zwei Jahre lebte sie schon wie ein Klotz am Bein der Familie, ihre Hände zitterten immer noch nach dem Brand. „Sohn, ich sehe, wie ihr euch übernommen habt. Bring mich bitte ins Seniorenheim! Es gibt eine schöne Einrichtung ganz in der Nähe, das steht sogar im Hausflur“, bat sie ihn. Dort würde sich jemand kümmern, sie wollte keine Last sein. — „Okay, Mama, aber lass uns bis Mai warten. Dann ist das Wetter schön und wir schaffen bis dahin alle Formalitäten“, schlug ihr Sohn vor. Galina Peters nickte und wartete den Frühling ab. Als es draußen wärmer wurde, erinnerte sie Artur: „Also, es ist Mai, ihr habt es mir versprochen!“ ― „Keine Sorge, Mama, morgen bringen wir dich ins Heim.“ Jenen Abend packte die alte Dame mit zitternden Händen ihre Habseligkeiten – ein Nachthemd, ihren Bademantel, ein Paar Hausschuhe. Morgens verabschiedete sie ihre Enkel, bekreuzigte sich und trat aus der Wohnung. Ihr Sohn fuhr die alte Karre vor und die Familie machte sich gemeinsam auf den Weg. „Artur, wohin fährst du? Wir haben den Abzweig zum Altenheim verpasst!“ – „Dort ist Baustelle, wir müssen einen Umweg fahren“, antwortete er rasch, während Olga wissend lächelte. 20 Minuten fuhren sie so dahin. Nach und nach tauchten vertraute Landschaften auf – Fluss, Wald, Dorfhäuschen. Anfangs wollte Galina nicht glauben, was sie sah: Da war ihr Heimatdorf! Artur öffnete das Tor – Galina erkannte ihr eigenes Grundstück kaum wieder. Beim Aussteigen knickten ihr fast die Knie weg: Vor ihr stand ein neues Haus – teilweise lag sogar noch Baumaterial herum, Handwerker waren am Werk. Aber da war das Gewächshaus, der neue Hühnerstall – alles stand wie einst. „Sohn, träume ich? Was ist passiert?“ – „Mama, wir konnten dich nie und nimmer in ein Heim geben. Also haben wir deine alte Heimat für dich neu aufgebaut. Mit Toilette, Kabel-TV und Fußbodenheizung – wir haben extra bis zum Frühling gewartet, damit alles fertig ist.“ Galina weinte vor Glück und herzte ihren Sohn. Lange konnte sie ihr Glück kaum fassen. Seitdem kommen Artur, Olga und die Enkel jeden Samstag zu Besuch bei Oma vorbei.
Vor drei Jahren brannte das Haus von Frau Gertrud Hoffmann bis auf die Grundmauern nieder. Zum Glück
Homy
Educational
06
Entschuldigung, dass ich euren Erwartungen nicht entsprochen habe! Alles lief ab wie in einem typischen deutschen Fernsehfilm oder einer Satire: Abends sitzt der Ehemann am Laptop, die Ehefrau erledigt den Haushalt, plötzlich löst die Autoalarmanlage aus, und der Mann stürmt – zum Glück ist Sommer – im T-Shirt auf den Hof. Währenddessen wischt die Frau Staub und rutscht zufällig mit der Maus an den Computer, der Bildschirm leuchtet wieder auf. Nein, es war nie Jaras Art gewesen, das Handy ihres Mannes zu kontrollieren, in seinen Taschen zu wühlen oder ihm über die Schulter zu schauen – das fand sie einfach ungehörig. Doch diesmal war wirklich alles nur Zufall. Ein schneller, flüchtiger Blick auf den Bildschirm – ausgerechnet das Wort „Liebling“. Peinlich berührt dreht sie sich weg, denkt noch, damit könne auch sie gemeint sein – vielleicht „meine liebe Frau“ oder gar die Lieblingssalami – trotzdem sieht sie wieder hin. „Ja, mein Liebling“, schreibt ihr Mann auf einer Dating-Plattform, dabei ist sein Foto für jeden sichtbar – „morgen sehen wir uns, wie abgemacht, ich denke jede Stunde an unser letztes Treffen. Du bist einfach der Wahnsinn!“ „Und du bist mein Bärchen“, zwinkert ihm die drahtige Rothaarige zu. „Ich habe immer noch Muskelkater von letzter Nacht.“ Als der Mann abrupt rausrennt, werden die Messages hektisch: „Bärchen, wo bist du? Ich vermisse dich!“ Jara sinkt mit dem Putzlappen auf das Sofa. Alles ergibt plötzlich einen Sinn. Gestern hatte ihr Mann gesagt, es gebe im Büro ein wichtiges Event, sie hatte sein Hemd gebügelt, Krawatte ausgesucht, Hosen aufgebügelt – für dieses „Event“ also… Der Mann kehrt zurück, schimpft lautstark über einen Fußball, den Halbwüchsige gegen das Auto schossen. Jara hört zu und nickt an den richtigen Stellen, ist mit den Gedanken aber ganz woanders. Glücklicherweise ist ihr Mann an diesem Abend nicht in romantischer Stimmung und sie schlafen getrennt ein. „Ich denke morgen darüber nach“, nimmt sie sich ein Beispiel an Scarlett O’Hara, aber schlafen kann sie kaum. Am nächsten Morgen fährt der Mann ins Büro, Jara macht Großputz. Heute bringt ihre Mutter den kleinen Stas zurück, der eine Woche auf dem Land war. Putzen, putzen – und immer wieder der quälende Gedanke: „Was nun?“ Noch kann sie es kaum fassen, Erinnerungen spülen neue Hinweise hoch. Die vertraute Welt ist zusammengebrochen und es gilt, die Trümmer zu sortieren. Eines weiß Jara sicher: Verzeihen kann und will sie ihm niemals. Nicht einmal, wenn er sich entschuldigt, alles bereut oder ein Versprechen ablegt. Irgendwann wird der Schmerz weniger, aber Verrat bleibt. Gleichzeitig weiß sie: Stas ist zweieinhalb, ein Kita-Platz ist frühestens im Herbst frei, also kann sie nicht arbeiten gehen. Ihren Eltern auf der Tasche liegen? Um Unterhalt kämpfen? Jetzt im Schockzustand die Scheidung einreichen? Wird sie das durchhalten? Oder sich doch überreden lassen zu bleiben und es später bereuen? Also – die Scheidung ist beschlossen, aber nicht jetzt. So hält sie still. Führt weiter Haushalt und Kinder, bügelt Hemden, sucht Krawatten raus, lacht über seine Witze. Einzig die Ekelgefühle kann sie nicht unterdrücken – unter Vorwänden meidet sie „diese“ Pflichten, was dem Ehemann anscheinend recht ist. Zuletzt blüht er regelrecht auf, kommt mit Blumen, summt Lieder, dichtet neue Geschichten zu Dienstreisen zusammen. Im Oktober bekommt Stas einen Kita-Platz, Jara fängt wieder an zu arbeiten – und reicht sofort die Scheidung ein. Der Mann ist entsetzt, begreift nicht, was passiert. Als er schließlich die Wahrheit erfährt, gibt er Jara die Schuld: „Berechnende Frau! So was wie dich nennt man zu Recht Hausschlampe! Erst auf meine Kosten leben, dann, wenn das Kind im Kindergarten ist, Tschüssikowski? Ich hab gedacht, meine Frau ist anders – dabei bist du wie alle anderen!“ Die Freunde stehen auf seiner Seite, verurteilen Jara. Sogar ihre Mutter wirft ihr vor: „Wie konntest du nur? Wolltest du dich trennen, dann hättest du es gleich tun sollen, nicht so hinterhältig! Ich hätte nicht gedacht, dass meine Tochter so kleinlich ist.“ „Entschuldigt bitte, dass ich euren Erwartungen nicht entsprochen habe“, antwortet Jara allen. Doch bei ihrer Entscheidung bleibt sie.
Verzeiht, dass ich eure Erwartungen nicht erfüllt habe! Es ist schon viele Jahre her, doch ich erinnere
Homy
Der erste Eindruck — Mama, das ist Leonie, — stellte Moritz leicht errötend vor, als er spät abends das Mädchen nach Hause brachte. — Guten Abend, — antwortete Renate, blickte missbilligend auf den unerwarteten Gast. — Was für eine Uhrzeit, um jemanden vorzustellen! In einer halben Stunde ist Mitternacht… — Ich habe Moritz gesagt, dass es schon spät ist, — entgegnete das Mädchen prompt. — Aber hört er? So stur wie er ist! „Gute Taktik,“ dachte Renate. „Sie rechtfertigt sich und schiebt die Schuld ihm zu. Unsympathisch, das Mädchen.“ — Na gut, kommt rein, — forderte die Mutter auf, sagte aber nichts weiter und verschwand den Flur entlang Richtung Schlafzimmer. Was hätte sie sonst tun sollen? Sie konnte doch ihren einzigen Sohn mitten in der Nacht nicht vor die Tür setzen, schon gar nicht wegen einer Fremden! Wenn sie zusammenleben wollten, bitte. Eine Mutter ist dazu da, ihr Kind zu schützen und ihm die Augen zu öffnen. Und genau das, dachte Renate, würde sie schnell erledigen. Moritz würde die Leonie schon von selbst abschieben – und erleichtert sein, sie loszuwerden! Die ganze Nacht lag Renate wach und schmiedete Pläne, die Eindringling loszuwerden. Gegen die Hochzeit war sie ja nicht. Ihr Sohn war schließlich auch schon dreißig, längst bereit für das Leben zu zweit. Aber doch nicht mit ihr! Erstens war sie offensichtlich deutlich jünger. Zeichen für Leichtsinn und Unbeständigkeit. Was für eine Ehefrau, Mutter oder Hausherrin wäre das? Zweitens: Ihr Charakter sprach Bände – erscheint mitten in der Nacht im fremden Haus, entschuldigt sich nicht mal! Schlimmer noch, gibt ihrem Sohn völlig grundlos die Schuld… Und bleibt auch noch zum Schlafen! War das das erste Mal oder war das schon Routine? Drittens: Sie gefiel Renate einfach nicht. Folglich würde Moritz sie auch bald nicht mehr mögen. Warum Zeit verschwenden? Der Plan erübrigte sich. Leonie lieferte Renate selbst genug Gründe, um Ordnung ins Haus zu bringen. Der erste Warnschuss kam schon am Morgen. Leonie ging duschen — und kam eine Stunde nicht wieder raus. Moritz tigert derweil nervös durch die Wohnung. — Mein Sohn, was ist los? — fragte Renate auffallend sanft. — Das Mädchen macht sich hübsch, will dir gefallen… — Aber ich muss zur Arbeit! — Klopf und sag ihr, dass sie nicht allein in der Wohnung ist, — schlug die Mutter vor. — Ach, bringt doch nichts, — murmelte er. — Wir reden später. Und du, Mama, musst du nicht langsam los? — Ich? Nein. Ich bin schon fertig. Ich habe Quarkkuchen gemacht. Komm frühstücken. — Ich hab mich noch nicht mal fertiggemacht! — Macht nichts, wäscht du dich später. Jetzt nutze die Zeit und iss was. Es wird ein langer Tag. Moritz setzte sich an den Tisch. Da kam Leonie schließlich aus dem Bad, Handtuch ums Haar. Sie sah bezaubernd aus. — Endlich! — rief Moritz, stürzte zum beschlagenen Spiegel, rasierte sich in Rekordzeit, schlang das kleinste Stück Quarkkuchen hinunter und rief schon im Hinausgehen: — Bis heute Abend! Vertragt euch! — Moritz! — rief Leonie. — Heute wollten wir doch meine Sachen holen, weißt du noch? — Machen wir abends, nicht sauer sein! — tönte seine Stimme aus dem Treppenhaus. Renate erhob sich, schloss ihrem Sohn die Tür, wandte sich an Leonie und fragte ohne Umschweife: — Schämen Sie sich nicht? — Nein, — lächelte das Mädchen. — Sollte ich? — Moritz kommt deinetwegen zu spät zur Arbeit! — Tut er gar nicht. Wahrscheinlich nimmt er ein Taxi. Keine Sorge, das geht schon. — Trotzdem, denk dran: Du bist hier nicht allein. Wer morgens eine Stunde im Bad verbringen will, muss früher aufstehen. Gut, dass ich heute nicht arbeiten muss. — Ich mache das nicht wieder, — entgegnete Leonie nur. — Entschuldigung. Renate war leicht konsterniert. Sie hatte einen Streit erwartet. Nun ja … — Na gut, — murmelte sie und ging ins Bad. Da fiel ihr als Erstes die angebrochene neue Tube Zahnpasta auf, obwohl die alte noch nicht leer war. — Leonie, warum hast du eine neue Zahnpasta angebrochen? — Mir gefällt die besser … — Ich hoffe, du bringst deine eigene mit – und dein Shampoo! — Natürlich, Frau Renate … — Und eigene Handtücher! — Kommt alles … Egal, wie sehr Renate einen Streit suchte, Leonie gab ihr keine Angriffsfläche. Sie stimmte allem nickend zu, notierte stets ihre „Pflichten“. Schließlich ging Renate aufs Ganze. — Was willst du eigentlich hier? — Moritz und ich lieben uns … — Klar liebst du so einen Kerl! Nur eines begreife ich nicht: Was findet er an dir? — Hab ich ihn nie gefragt … — Wo sind deine Eltern? — Meine Mutter arbeitet als Schneiderin in einer Fabrik. — Und dein Vater? — Den habe ich nie gekannt. — Verstehe. Ohne Vater groß geworden. Wie willst du eine gute Ehefrau für meinen Sohn sein? — Ich geb mein Bestes … — Versuch es gar nicht erst, Mädchen. Mein Sohn liebt dich nicht. Er denkt nur, er liebt dich! Ich kenne ihn besser! Niemals wird er dich heiraten! Wozu auch? Du hast dich ihm ja längst an den Hals geworfen. — Er liebt mich, — Leonies Stimme zitterte. — Da bin ich sicher. Mehr erfahren — Irrst du. Glaubst du, du bist die Erste? — Nein … Aber das ist auch egal … — Egal? In einer Woche ist er dich leid! Du bist nicht mal von seinem Schlag! Intellekt – hast du das schon mal gehört? — Ja, aber das passt hier nicht. — Und warum nicht? — Ich habe einen Hochschulabschluss. — Und was dann? Schau, Mädchen, geh lieber nach Hause. Hier ist nicht dein Platz. Ich versuche dir das den ganzen Morgen zu erklären, und du verstehst es einfach nicht. — In Ordnung, ich gehe. Aber was erzählen Sie Moritz? Er wird nicht begeistert sein. — Das geht dich nichts an! Hau ab und komm nicht wieder. Du bist hier nicht willkommen. Renate schimpfte – und erschrak fast vor sich selbst: Was war nur in sie gefahren? Nie hatte sie jemandem auch nur einen Bruchteil so etwas an den Kopf geworfen. Giftige Worte sprudelten hervor. Und Leonie? Sie blickte Renate an – und verstand alles. Die Mutter war eifersüchtig auf ihren Sohn! Sie kannten sich nicht einmal einen Tag, und doch … Und als die Sonne über München unterging, spürte Renate zum ersten Mal das Gewicht der Stille in einer Wohnung, in der niemals das Lachen eines Enkels widerhallen würde.
Erster Eindruck Mama, das ist Mathilde, stellte Benedikt leicht verlegen seine Begleitung spät am Abend vor.
Homy
Educational
013
Er hat nicht geschrieben Gestern Morgen stellte Katharina ihr Handy auf maximale Lautstärke – nur für alle Fälle. Obwohl sie tief im Inneren wusste: Er wird sich nicht melden. Dieses Gefühl war wie die Vorahnung eines Regenschauers – zäh, unausweichlich, als verdichte sich die Luft vor einem Sturm. Aber sie stellte trotzdem den Ton an. Hoffnung ist wie eine alte Narbe: Sie schmerzt, aber sie lässt dich nicht los. Katharina steckte sich ihr Haar zu einem lockeren Dutt, mit genau dieser beiläufigen Sorgfalt, die natürlich, aber schön wirken sollte. Sie zog den dunkelgrünen Mantel an – den, derer er mal meinte, sie sehe darin aus wie ein Herbstwald. Seitdem hatte sie ihn kaum getragen, aber heute holte sie ihn hervor. Sie schminkte ihre Lippen – kirschrot. Viel zu auffällig für einen morgendlichen Gang zur Apotheke und zum Bäcker. In der Apotheke war es laut. Jemand hustete heiser in der Ecke, jemand stritt über die Medikamentenpreise, jemand wartete stumm, von einem Fuß auf den anderen tretend. Es roch nach Kräutern und einem stechenden, medizinischen Geruch. Katharina nahm die Vitamine – die, die er ihr vor drei Jahren empfohlen hatte, als sie noch gemeinsam morgens Kaffee tranken. Sie hielt die Packung in der Hand und betrachtete die kleinen Buchstaben. Haltbar bis nächsten Herbst. Als zähle auch in dieser Schachtel die Zeit in letzten Monaten rückwärts. Beim Bäcker war alles wie immer: Der junge Mann mit dem Tattoo am Handgelenk hinterm Tresen, der Duft von frischem Brot und Zimt, leise Musik aus einem abgenutzten Lautsprecher. Katharina kaufte ein Croissant mit Himbeeren – dasjenige, das er einmal mit einem Lächeln „Geschmack des Morgens“ nannte, während er die Krümel vom Kinn wischte. Sie nahm zwei. Eines für den Tee zuhause, wie früher, als alles leichter war. Das andere … einfach so. Als kleines Stück Vergangenheit, das man in die Tasche stecken kann. Zu Hause angekommen, verharrte sie. Die Wohnung war still – schwer wie Staub, der sich auf alten Büchern abgesetzt hat. Die Luft schien regungslos, als fürchte sie, sich zu bewegen. Das Handy lag auf der Fensterbank, mit dem Display nach unten – als schäme es sich vor ihrem Blick. Keine Nachrichten. Keine Anrufe. Als hätte die Welt beschlossen, an ihr vorbeizugehen, ohne sie zu bemerken. Als wäre sie selbst ein Schatten geworden, der sich im grauen Morgenlicht auflöst. Katharina stellte den Wasserkocher an, zog den Mantel aus – langsam, als wolle sie die Stille nicht verscheuchen. Ordentlich stellte sie ihre Schuhe an die Tür, richtete den Kragen auf der Garderobe. Sie schaltete das alte Radio an – der Sprecher berichtete über Staus, dann über Schneefall, dann über eine Ausstellung im Stadtmuseum. Alles klang gedämpft, wie unter Wasser. Sie nahm einen Schluck Tee – zu heiß, brennend. Aber sie schluckte, ohne das Gesicht zu verziehen. Trat ans Fenster und lehnte die Stirn an das kalte Glas. Draußen fiel Schnee – feiner, stichelnder, der sich auf Schirmen, Schals, Asphalt niederließ und sofort schmolz. Ein junger Vater in dunklem Parka zog seinem Sohn die Mütze zurecht – mit dieser Fürsorge, die mit den Jahren kommt. Alte Paare gingen, einander stützend, als wären ihre Hände im Laufe der Jahrzehnte zusammengewachsen. Jemand eilte über das glatte Pflaster, jemand lachte, das Handy ans Ohr gepresst, jemand verharrte vor einem Schaufenster mit Weihnachtslichtern. Das Leben floss – laut, lebendig, gleichgültig. An ihr vorbei. Wie ein Zug, der abfährt, während sie unschlüssig am Bahnsteig verweilt. Er hat nicht geschrieben. Aber sie nahm den Besen und fegte den Boden, obwohl kaum Staub da war. Sie rief ihre Tante an – hörte Geschichten über den Schrebergarten, den Nachbarn, das neue Kuchenrezept. Goss den alten Kaktus, prüfte sorgfältig, ob er gelb geworden war. Vereinbarte einen Arzttermin – eine Kleinigkeit, die sie seit Monaten aufschob. Kontrollierte Zahlungen – alles erledigt, aber sie setzte ein Häkchen in ihren Kalender. Wusch die Wolldecke, gab extra viel Weichspüler dazu, damit die Wohnung nach etwas Warmem, Lebendigem roch. Abends schaltete sie in allen Zimmern das Licht an. Nicht weil sie Angst vor der Dunkelheit hatte. Einfach so schien die Wohnung bewohnt – ihre Fenster leuchteten, spiegelten sich im nassen Asphalt, als flüsterten sie: Hier wohnt jemand. Hier ist Leben. Katharina blickte auf ihr Spiegelbild im Fenster und dachte: „Er hat nicht geschrieben. Aber ich bin da.“ Kein Trost, kein Trotz – nur eine leise Wahrheit. Wie eine Kerze, die man nicht für jemand anderen, sondern für sich selbst anzündet. Um sich daran zu erinnern: Ich bin immer noch hier.
Gestern früh hat Mareike ihr Handy auf volle Lautstärke gestellt sicher ist sicher. Obwohl sie im Innersten
Homy
Enkel schmiedet Rauswurf-Pläne – Oma verkauft Wohnung skrupellos Als die Großmutter merkte, dass ihr Enkel sie aus der Wohnung werfen wollte, verkaufte sie kurzerhand das Apartment – ohne einen Funken Reue.
Als meine Gedanken zu jenen Jahren zurückwandern, erinnere ich mich an die unvergleichliche Entschlossenheit
Homy
Educational
07
25 Jahre ist es her, seit mein Mann nach dem Ausland ging… Aus Stress und Sorgen wurde ich krank und bekam Krebs – Mein Leben als treue Ehefrau zwischen Sehnsucht, Hoffnung und Selbstaufgabe: Eine Geschichte über deutsche Alltagsrealität, Pflichten, Familie und die Erkenntnis, dass man sich selbst nicht verlieren darf
25 Jahre ist es her, dass mein Mann ins Ausland ging Aus Angst und Überforderung wurde ich schwer krank
Homy
Educational
08
Ohne Adresse Elisabeth konnte das Wort „Penner“ nicht ausstehen. Es war grob und entmenschlichend. Sie war kein Penner – sie war ein Mensch, der seine Adresse verloren hatte. Ein Mensch, den man von der Stadtkarte gelöscht hatte, so wie man eine Bleistiftnotiz mit dem Radiergummi entfernt.
Ohne Adresse Helene Schuster konnte das Wort Obdachlose nicht ausstehen. Es war hart, abwertend, anonym.
Homy
Educational
010
Sternenklare Heimfahrt: Eine winterliche Familienreise, ein geheimer Kompass und eine unerwartete Begegnung im verschneiten deutschen Wald
Sternennacht auf der Landstraße Die Familie Schuster fuhr dieses Jahr ungewöhnlich spät von Oma und Opa los.
Homy