Sternenklare Heimfahrt: Eine winterliche Familienreise, ein geheimer Kompass und eine unerwartete Begegnung im verschneiten deutschen Wald

Sternennacht auf der Landstraße

Die Familie Schuster fuhr dieses Jahr ungewöhnlich spät von Oma und Opa los. Die Straße aus dem kleinen bayerischen Dorf in Richtung München war wie leergefegt. Unter den alten Winterreifen des betagten VW Passat knirschte der festgefahrene Schnee leise. Im Wagen roch es nach Omas Streuselkuchen und nach dieser besonderen Müdigkeit, die man nur nach ein paar glücklichen Feiertagen um Silvester spürt.

Die zwölfjährige Frieda, eingekuschelt auf der Rückbank, drückte ihre Stirn ans kühle Fenster. Ihr Atem zauberte gespenstische Muster aufs Glas, hinter denen dunkle Hausumrisse und frostige Baumzweige mit glitzerndem Raureif vorbeihuschten.

Schlaf ein bisschen, Friedalein, wir haben noch gut zwei Stunden vor uns, murmelte ihre Mutter, Heike, und drehte sich zu ihr um. Aber Frieda wollte nicht schlafen. In ihrer Jackentasche lag ein heimliches Geschenk vom Opa ein alter, leicht abgewetzter Kompass mit einer festgeklebten Nadel. Der zeigt dir nie nach Norden, sondern immer auf das, was gerade am wichtigsten ist, hatte Opa augenzwinkernd gesagt, als sie sich verabschiedet hatten.

Frieda holte den Kompass hervor. Die messingfarbene Klappe war schon ganz abgegriffen, das Glas übersät von feinen Sprüngen. Die Nadel jedoch zitterte plötzlich und zeigte nicht auf die Straße, sondern in den dunklen Waldstreifen, der sich an das Landsträßchen schmiegte.

Papa, Johannes, drehte das Radio auf. Ein letzter Chart-Stürmer aus der Silvesternacht dudelte noch, dann wurde es still, nur noch der Motor brummte leise.

Plötzlich ruckelte der Wagen, und der Motor ging einfach aus. Sie rollten langsam auf den Seitenstreifen.

Ernsthaft?, stöhnte Johannes, während er den Schlüssel wieder und wieder drehte. Es kam nur ein trockenes Klackern.

Batterie tot Hab ich doch gesagt, im Winter sollte man die wechseln, murmelte er.

Draußen zeigte das Thermometer satte minus 20 Grad an. Johannes stieg aus, friemelte unter der Haube herum, doch kam gefrustet und mit tauben Fingern zurück.

Nichts zu machen. Ich ruf den ADAC.

Aber Heikes Handy zeigte nur einen traurigen Balken Netz, Johannes war ganz ohne Empfang.

Aus der wohligen Müdigkeit wurde eine beklemmende Unruhe. Nirgends ein Licht, keine vorbeifahrenden Autos.

Und jetzt?, flüsterte Heike, eng an Frieda geschmiegt.

Wir brauchen ein Feuer, sonst frieren wir hier ein. Vielleicht kommt ja doch noch wer vorbei, meinte Johannes, aber seine Stimme verriet wenig Hoffnung.

Da blickte Frieda auf ihren Kompass. Die Nadel hatte sich eingependelt und deutete jetzt entschlossen auf einen kleinen Pfad, abseits der Straße, tief in den dunklen Forst.

Mama, Papa, sagte Frieda leise. Wirklich, wir sollten da lang.

In den Wald? Bist du verrückt, Mäuschen?, entgegnete der Vater.

Opa hat gesagt, der Kompass weiß immer, was wichtig ist. Er zeigt da hin.

Die Eltern tauschten einen skeptischen Blick. Es klang verrückt. Aber weiter in der immer kälter werdenden Blechkiste sitzen war auch nicht besser.

Seht ihr das Licht da hinten?, murmelte Heike plötzlich und starrte in die Richtung, in die Friedas Kompass zeigte. Auch Johannes und Frieda entdeckten, weit hinter den Bäumen, einen schwachen, warmgelben Schimmer wie von einem Fenster.

Das könnte eine Waldhütte sein, überlegte Johannes.

Da hilft uns bestimmt jemand, sagte Heike. Ich will nicht, dass Frieda hier krank wird.

Also schnappten sie sich Omas Streuselkuchen, die Thermoskanne Tee und stapften los der geheimnisvolle Kompass zeigte den Weg, ohne einmal zu wanken.

Der Wald war, für Januar ungewöhnlich, fast freundlich. Er wirkte wie verzaubert, froststarr und sternklar. Der Schnee knirschte geheimnisvoll unter ihren Stiefeln; das Knacken klang fast, als käme es aus einer anderen Welt. Die Angst verflog Schritt für Schritt und machte einem seltsamen Abenteuergefühl Platz.

Das Licht kam näher. Es war kein Fenster, sondern eine Laterne, die auf der Veranda einer kleinen Hütte baumelte. Aus dem Schornstein kräuselte sich Rauch empor. Daneben thronte eine Funkantenne und am Zaun stand ein Schneemobil.

Johannes klopfte. Ein stämmiger, grauhaariger Mann im dicken Wollpullover und mit Brille öffnete, lächelte breit und ließ sie kommentarlos herein.

Na, Silvesterreisende? Willkommen im Warmen! Bin ganz allein heute hier, aber für nette Gäste ist immer Platz.

Drinnen war die Hütte ein wildes Sammelsurium, eher wie das Arbeitszimmer eines Tüftlers als eine klassische Wohnstube. Es roch nach altem Papier, getrockneten Kräutern und einem Hauch Lötzinn.

Bücher türmten sich überall auf Regalen, dem Fensterbrett, sogar auf dem breiten Holztisch. Wetter- und Astronomiebücher, alte Gedichtbände, abgewetzte Atlanten. An den Wänden Karten: topografische, Wetterkarten mit Isobaren, selbst eine vergilbte Sternenkarte des Nordhimmels.

Doch Herzstück der Hütte war ein großer Funkplatz mit blinkenden grünen und orangen Lämpchen, Kopfhörern mit abgeschabtem Leder, einem Mikrofon wie eine Stahlblume und einem dicken Ledertagebuch mit handgeschriebenen Funksprüchen: Warschau, 23:45, alles klar, Tokio, 05:20, Taifun gemeldet.

Der Mann war kräftig gebaut, trug das Haar wie eine Bürste und hatte helle, wache Augen.

Mein Name ist Wilhelm Neumann, stellte er sich vor und gab Johannes herzlich die Hand. Schön, mal echte Gäste hier zu haben. Sonst ists nur der Äther.

Während Heike am Ofen auftankte und Frieda mit offenem Mund die beschrifteten Wetterkarten betrachtete, sprang Wilhelm umher.

Meinen Samowar habe ich leider nur elektrisch, aber Tee gibts vom Feinsten von hier, mit Minze und Johanniskraut. Macht wärmer als ein guter Obstler.

Er sprach ruhig, lächelte leise. In seiner Nähe verlierten Hektik und Angst ihre Macht, als würden sie einfach im Winterwald draußen festfrieren.

Sind Sie immer allein hier?, fragte Heike behutsam.

Seit bald fünfzehn Jahren schon, nickte Wilhelm, während er bunte Blümchentassen auf den Tisch stellte. Früher hab ich draußen bei der Wetterwarte gearbeitet, Nachtschicht-Chef. Irgendwann wollte ich nur noch Stille und andere Töne hören. Deshalb der Funk hier. Er deutete mit einem kleinen Lächeln auf die Geräte. Mein kleines Universum. Da draußen sind Stimmen aus der ganzen Welt nicht Leute, sondern die Erde selbst: das Rauschen der Atmosphäre, die Polarlichter am Funkhimmel. Und gerade an Silvester gehen überall Grüße raus. Ich hör alle: aus Flensburg, aus München, aus Brasilien. Ist ein bisschen, als stünde man auf dem Gipfel und sieht in der klaren Nacht die fernen Städte, wo das Leben tobt.

Frieda näherte sich gebannt.

Darf ich mal hören?

Aber klar. Wilhelms Augen lachten. Er setzte Frieda den Kopfhörer auf und drehte an den Knöpfen. Los, hör mal rein.

Friedas Gesicht leuchtete auf. Hinter dem Knistern und Rauschen lösten sich Worte, Gelächter, Melodien, Morsezeichen aus verschiedenen Ländern heraus. Es klang wie das leise, feiernde Herz der ganzen Erde.

Ich bin gar nicht so ganz der Eremit, erzählte Wilhelm den Eltern. Hier draußen sammle ich Wetterdaten: Temperatur, Luftdruck, Niederschlag. Wetter ist nicht bloß Prognose es ist Chronik. Jeden Tag notiere ich alles. Wie die Jahresringe im Baum gibts hier meine Wettertagebücher. Er zeigte stolz auf ein Regal voller identischer Kladden. Und nachts höre ich draußen. Ab und zu kann ich auch helfen: verirrt sich mal ein Wanderer, schicke ich Koordinaten durch. Bin quasi der Hüter des Waldes aber eben mit Funkwellen, nicht mit Flinte.

Johannes betrachtete ihn mit wachsender Achtung. Wilhelm strahlte diese erstaunliche Ruhe aus als hätte er etwas verstanden, das das Stadtleben vergessen macht.

Haben Sie nie Angst so ganz allein?

Wilhelm grinste. Langweilig wirds manchmal, stimmt schon. Aber einsam? Nein. Für mich ist Einsamkeit nur, wenn man kein Gegenüber findet. Und ich hab immer jemanden im Funk, im Wald. Und heute euch!

Nach einer Weile war der Kuchen gegessen, der Tee getrunken und die Geschichte vom liegengebliebenen Passat erzählt. Wilhelm warf einen Blick auf seine große Kuckucksuhr.

Also: Plan A. Ich fahre mit Johannes auf dem Schneemobil raus zur Straße und probiere, den Wagen wieder flott zu kriegen. Vielleicht brauchts nur ein bisschen Glück oder einen Stromspender den Akku hab ich hier.

Heike schaute Frieda an. Und wir bleiben?

Wilhelm nickte. Im Warmen, ihr habts gut. Die Runde ist weit, Kind muss nicht mit in die Kälte. Wir sind in einer halben Stunde zurück oder, falls es doch länger dauert, dann gibts Plan B: Ihr bleibt hier über Nacht, Schlafsäcke hab ich genug!

Johannes war sichtlich erleichtert. Klingt nach einem Plan!

Ein paar Minuten später stampften Johannes und Wilhelm dick verpackt hinaus. Die Sterne leuchteten noch klarer, die Kälte biss in die Nase. Festhalten! rief Wilhelm, und sie jagten über den knirschenden Pfad in die Nacht.

Mit dem Schneemobil waren sie in Nullkommanichts bei dem weißen Passat. Wilhelm leuchtete in den Motorraum, wischte mit Spezialzeug die Pole ab, holte den Akku aus dem Schneemobil als Nothelfer und schloss ihn an. Johannes drehte voller Hoffnung den Schlüssel Anlasser röhrte, dann sprang der Motor tatsächlich an. Die Scheinwerfer tauchten die schneebedeckte Landschaft in goldenes Licht.

Johannes atmete tief durch, als hätte er all die Stunden die Luft angehalten.

Unglaublich!, jubelte er, klopfte aufs Lenkrad.

Er stieg aus, nahm Wilhelm ganz fest in den Arm. Danke! Für das Licht, die Wärme, die Hilfe Sie haben uns echt das Leben gerettet!

Wilhelm wurde ein bisschen rot. Der Wald hat sein eigenes Gesetz: Niemanden zurücklassen das ist das Wichtigste. Also, ich heize jetzt schnell zurück und hol Heike und Frieda, ihr macht das Auto warm.

Wenig später ratterten Wilhelm, Heike und Frieda zurück zum Auto. Für Frieda war die Fahrt auf dem Schneemobil wie eine Zauberreise: Der Wald glitzerte im Reif, oben funkelte das Sternenmeer.

Am Auto wurde noch einmal herzlich umarmt und Nummern getauscht.

Kommt doch mal im Sommer vorbei!, rief Wilhelm zum Abschied. Hier gibts Heidelbeeren, Pilze, und eine Stille, für die gibts in München nicht genug Euros!

Auf jeden Fall!, versprach Heike ehrlich.

Zur Heimfahrt war alles anders: Frieda schlief selig ein, Johannes fuhr und Heike betrachtete die Sterne, die weiter draußen glitzerten.

Weißt du, flüsterte sie, ich bin mir sicher, wir fahren wirklich mal zu ihm. Nicht aus Höflichkeit, sondern weil er jetzt zu unserer Geschichte dazugehört.

Johannes nickte. Er war so allein diese Nacht und gleichzeitig so froh, uns zu helfen. Er hat uns gerettet aber vielleicht haben wir ihm auch einfach den Abend gerettet.

Es war spät, als sie daheim ankamen. Frieda suchte sofort in ihren Taschen.

Mama, Papa wo ist eigentlich der Kompass?

Sie durchwühlten das ganze Auto, keine Spur des alten Messings. Er blieb zurück, irgendwo auf Wilhelms Esstisch, neben seinem dicken Radio-Tagebuch. Und weißt du was? Vielleicht war das genau richtig so.

Friedas Gesicht wirkte nicht traurig. Stattdessen breitete sich ein leises, wissendes Lächeln aus. Sie schaute ihre Eltern an müde, aber glücklich.

Macht nix, sagte sie leise. Dann bleibt er da, wo er gerade mehr gebraucht wird. Und hier glänzten ihre Augen fast selbst wie Sterne dann holen wir ihn eben zurück oder besuchen einfach Wilhelm mal wieder.

In diesen einfachen Worten lag eine große Sicherheit und ein Versprechen. Der Kompass war kein Souvenir mehr, sondern ein kleiner Schwur: Diese Geschichte endet nicht an der Landstraße; es gibt ein nächstes Mal.

Vielleicht ein Sommerpicknick, wilde Erdbeeren und Wilhelm zeigt Frieda, wie man Funksprüche aus aller Welt empfängt. Dann wird auch der Kompass wieder zeigen aber diesmal nicht aus Angst, sondern aus Freude auf einen Ort, an dem jetzt Freunde auf sie warten.

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Homy
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