Er hat nicht geschrieben Gestern Morgen stellte Katharina ihr Handy auf maximale Lautstärke – nur für alle Fälle. Obwohl sie tief im Inneren wusste: Er wird sich nicht melden. Dieses Gefühl war wie die Vorahnung eines Regenschauers – zäh, unausweichlich, als verdichte sich die Luft vor einem Sturm. Aber sie stellte trotzdem den Ton an. Hoffnung ist wie eine alte Narbe: Sie schmerzt, aber sie lässt dich nicht los. Katharina steckte sich ihr Haar zu einem lockeren Dutt, mit genau dieser beiläufigen Sorgfalt, die natürlich, aber schön wirken sollte. Sie zog den dunkelgrünen Mantel an – den, derer er mal meinte, sie sehe darin aus wie ein Herbstwald. Seitdem hatte sie ihn kaum getragen, aber heute holte sie ihn hervor. Sie schminkte ihre Lippen – kirschrot. Viel zu auffällig für einen morgendlichen Gang zur Apotheke und zum Bäcker. In der Apotheke war es laut. Jemand hustete heiser in der Ecke, jemand stritt über die Medikamentenpreise, jemand wartete stumm, von einem Fuß auf den anderen tretend. Es roch nach Kräutern und einem stechenden, medizinischen Geruch. Katharina nahm die Vitamine – die, die er ihr vor drei Jahren empfohlen hatte, als sie noch gemeinsam morgens Kaffee tranken. Sie hielt die Packung in der Hand und betrachtete die kleinen Buchstaben. Haltbar bis nächsten Herbst. Als zähle auch in dieser Schachtel die Zeit in letzten Monaten rückwärts. Beim Bäcker war alles wie immer: Der junge Mann mit dem Tattoo am Handgelenk hinterm Tresen, der Duft von frischem Brot und Zimt, leise Musik aus einem abgenutzten Lautsprecher. Katharina kaufte ein Croissant mit Himbeeren – dasjenige, das er einmal mit einem Lächeln „Geschmack des Morgens“ nannte, während er die Krümel vom Kinn wischte. Sie nahm zwei. Eines für den Tee zuhause, wie früher, als alles leichter war. Das andere … einfach so. Als kleines Stück Vergangenheit, das man in die Tasche stecken kann. Zu Hause angekommen, verharrte sie. Die Wohnung war still – schwer wie Staub, der sich auf alten Büchern abgesetzt hat. Die Luft schien regungslos, als fürchte sie, sich zu bewegen. Das Handy lag auf der Fensterbank, mit dem Display nach unten – als schäme es sich vor ihrem Blick. Keine Nachrichten. Keine Anrufe. Als hätte die Welt beschlossen, an ihr vorbeizugehen, ohne sie zu bemerken. Als wäre sie selbst ein Schatten geworden, der sich im grauen Morgenlicht auflöst. Katharina stellte den Wasserkocher an, zog den Mantel aus – langsam, als wolle sie die Stille nicht verscheuchen. Ordentlich stellte sie ihre Schuhe an die Tür, richtete den Kragen auf der Garderobe. Sie schaltete das alte Radio an – der Sprecher berichtete über Staus, dann über Schneefall, dann über eine Ausstellung im Stadtmuseum. Alles klang gedämpft, wie unter Wasser. Sie nahm einen Schluck Tee – zu heiß, brennend. Aber sie schluckte, ohne das Gesicht zu verziehen. Trat ans Fenster und lehnte die Stirn an das kalte Glas. Draußen fiel Schnee – feiner, stichelnder, der sich auf Schirmen, Schals, Asphalt niederließ und sofort schmolz. Ein junger Vater in dunklem Parka zog seinem Sohn die Mütze zurecht – mit dieser Fürsorge, die mit den Jahren kommt. Alte Paare gingen, einander stützend, als wären ihre Hände im Laufe der Jahrzehnte zusammengewachsen. Jemand eilte über das glatte Pflaster, jemand lachte, das Handy ans Ohr gepresst, jemand verharrte vor einem Schaufenster mit Weihnachtslichtern. Das Leben floss – laut, lebendig, gleichgültig. An ihr vorbei. Wie ein Zug, der abfährt, während sie unschlüssig am Bahnsteig verweilt. Er hat nicht geschrieben. Aber sie nahm den Besen und fegte den Boden, obwohl kaum Staub da war. Sie rief ihre Tante an – hörte Geschichten über den Schrebergarten, den Nachbarn, das neue Kuchenrezept. Goss den alten Kaktus, prüfte sorgfältig, ob er gelb geworden war. Vereinbarte einen Arzttermin – eine Kleinigkeit, die sie seit Monaten aufschob. Kontrollierte Zahlungen – alles erledigt, aber sie setzte ein Häkchen in ihren Kalender. Wusch die Wolldecke, gab extra viel Weichspüler dazu, damit die Wohnung nach etwas Warmem, Lebendigem roch. Abends schaltete sie in allen Zimmern das Licht an. Nicht weil sie Angst vor der Dunkelheit hatte. Einfach so schien die Wohnung bewohnt – ihre Fenster leuchteten, spiegelten sich im nassen Asphalt, als flüsterten sie: Hier wohnt jemand. Hier ist Leben. Katharina blickte auf ihr Spiegelbild im Fenster und dachte: „Er hat nicht geschrieben. Aber ich bin da.“ Kein Trost, kein Trotz – nur eine leise Wahrheit. Wie eine Kerze, die man nicht für jemand anderen, sondern für sich selbst anzündet. Um sich daran zu erinnern: Ich bin immer noch hier.

Gestern früh hat Mareike ihr Handy auf volle Lautstärke gestellt sicher ist sicher. Obwohl sie im Innersten längst ahnte: Er würde sich nicht melden. Das Gefühl war wie die Vorahnung von Regen schwer, unausweichlich, als hätte sich die Luft vor dem Gewitter verdichtet. Trotzdem ließ sie den Ton an. Hoffnung ist wie eine alte Narbe: Sie tut weh, aber man wird sie nicht los.

Mareike band ihre Haare zu einem unordentlichen Dutt, so eine dieser scheinbar lässigen Frisuren, bei denen trotzdem alles sitzt. Dann schlüpfte sie in ihren dunkelgrünen Mantel den, in dem er mal sagte, sie sehe aus wie ein Herbstwald. Seitdem trug sie ihn kaum noch, aber heute holte sie ihn aus dem Schrank. Die Lippen malte sie rot fast ein bisschen zu auffällig für einen kurzen Gang zur Apotheke und zum Bäcker am Morgen.

In der Apotheke war Trubel. Einer hustete heiser in der Ecke, eine ältere Dame regte sich über Arzneipreise auf, andere standen still da, trippelten nervös von einem Fuß auf den anderen. Es roch nach Kamille und etwas streng Medizinischem. Mareike nahm die Vitamine, die er ihr mal vor drei Jahren empfahl, damals, als sie noch morgens zusammen Kaffee tranken. Sie drehte die Packung in den Händen, las das Kleingedruckte. Haltbar bis nächsten Herbst. Als ob auch in dieser Schachtel die Zeit ihre letzten Monate zählte.

Im Bäckerladen war alles wie immer: Der Typ mit dem Anker-Tattoo am Handgelenk hinterm Tresen, der Duft von frischem Brot und Zimt, leise Musik aus einem alten, knisternden Radio. Mareike kaufte sich ein Croissant mit Himbeeren genau das, das er einmal den Geschmack des Morgens nannte, lächelnd, während er sich die Krümel vom Kinn wischte. Sie nahm zwei. Eines für den Tee zuhause, wie früher, als alles leichter war. Das andere einfach so. Als kleines Stück Vergangenheit zum Einstecken.

Zuhause blieb sie im Flur stehen. Die Wohnung war still die Art von Stille, die wie Staub auf alten Büchern liegt. Die Luft bewegte sich kaum, fast als wollte sie nichts durcheinander bringen. Das Handy lag auf der Fensterbank, Display nach unten, als könnte es ihren Blick nicht ertragen. Kein Ton, keine Nachricht. Die Welt schien vorbeizuziehen, ohne sie wahrzunehmen. Als wäre sie selbst nur noch ein Schatten, der im grauen Licht des Morgens langsam verblasst.

Mareike setzte das Teewasser auf, zog langsam den Mantel aus so, als könnte sie mit einer zu schnellen Bewegung die Stille verscheuchen. Sie stellte die Stiefel ordentlich an die Tür, glattete den Mantelkragen am Haken. Auf dem alten Küchenradio lief leise der Verkehrsfunk, dann kam ein Bericht über den ersten Schnee und danach eine Ankündigung für eine Ausstellung im Museum am Hauptbahnhof. Alles klang fern, wie durch eine Glasscheibe. Sie nahm einen Schluck Tee zu heiß, beinahe scharf auf der Zunge. Aber sie schluckte, ohne mit der Wimper zu zucken. Dann trat sie ans Fenster, lehnte die Stirn ans kühle Glas.

Draußen schneite es fein und eisig Flocken, die auf Schals, Schirme und Kopfsteinpflaster fielen und sofort wieder verschwanden. Ein junger Vater im dunkelblauen Parka zog seinem Sohn liebevoll die Mütze zurecht, diese Fürsorge, die erst mit den Jahren kommt. Zwei alte Damen gingen Arm in Arm ihre Bewegungen perfekt eingespielt nach Jahrzehnten. Manche hasteten über die vereisten Gehwege, andere lachten in ihre Smartphones hinein, wieder andere blieben wie gebannt vor den Lichterketten im Schaufenster stehen. Das Leben draußen war laut, bunt und ging einfach weiter an ihr vorbei, wie ein ICE, den man auf dem Bahnsteig verpasst, weil man keinen Schritt gemacht hat.

Er hat nicht geschrieben.

Aber Mareike hat trotzdem den Besen genommen und durchgewischt, obwohl kaum Staub da war. Sie rief ihre Tante in Nürnberg an, hörte sich Geschichten vom Schrebergarten, vom nervigen Nachbarn und vom neuen Apfelkuchenrezept an. Sie goss ihren alten Kaktus, musterte misstrauisch, ob eine Ecke gelb wurde. Sie vereinbarte einen Termin beim Hausarzt eine Kleinigkeit, die sie monatelang vor sich hergeschoben hatte. Die Stromrechnung überprüfte sie auch gleich alles bezahlt, aber eine Häkchen im Kalender musste sein. Sie wusch die Decke, zu viel Weichspüler, damit die Wohnung nach etwas Warmem und Lebendigem duftete.

Abends machte sie alle Lichter an. Nicht, weil sie Angst vor der Dunkelheit hatte. Sondern weil die Wohnung damit lebendig wirkte die Fenster glühten und spiegelten sich in der nassen Straße, als wollten sie flüstern: Hier wohnt jemand. Hier ist Leben.

Mareike blickte in ihr Spiegelbild und dachte: Er hat sich nicht gemeldet. Aber ich bin da. Kein Trotz, keine Entschuldigung, sondern einfach die leise Wahrheit. Wie eine Kerze, die man nicht für andere, sondern für sich selbst anzündet. Nur, um nicht zu vergessen: Du bist noch hier.

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Homy
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Er hat nicht geschrieben Gestern Morgen stellte Katharina ihr Handy auf maximale Lautstärke – nur für alle Fälle. Obwohl sie tief im Inneren wusste: Er wird sich nicht melden. Dieses Gefühl war wie die Vorahnung eines Regenschauers – zäh, unausweichlich, als verdichte sich die Luft vor einem Sturm. Aber sie stellte trotzdem den Ton an. Hoffnung ist wie eine alte Narbe: Sie schmerzt, aber sie lässt dich nicht los. Katharina steckte sich ihr Haar zu einem lockeren Dutt, mit genau dieser beiläufigen Sorgfalt, die natürlich, aber schön wirken sollte. Sie zog den dunkelgrünen Mantel an – den, derer er mal meinte, sie sehe darin aus wie ein Herbstwald. Seitdem hatte sie ihn kaum getragen, aber heute holte sie ihn hervor. Sie schminkte ihre Lippen – kirschrot. Viel zu auffällig für einen morgendlichen Gang zur Apotheke und zum Bäcker. In der Apotheke war es laut. Jemand hustete heiser in der Ecke, jemand stritt über die Medikamentenpreise, jemand wartete stumm, von einem Fuß auf den anderen tretend. Es roch nach Kräutern und einem stechenden, medizinischen Geruch. Katharina nahm die Vitamine – die, die er ihr vor drei Jahren empfohlen hatte, als sie noch gemeinsam morgens Kaffee tranken. Sie hielt die Packung in der Hand und betrachtete die kleinen Buchstaben. Haltbar bis nächsten Herbst. Als zähle auch in dieser Schachtel die Zeit in letzten Monaten rückwärts. Beim Bäcker war alles wie immer: Der junge Mann mit dem Tattoo am Handgelenk hinterm Tresen, der Duft von frischem Brot und Zimt, leise Musik aus einem abgenutzten Lautsprecher. Katharina kaufte ein Croissant mit Himbeeren – dasjenige, das er einmal mit einem Lächeln „Geschmack des Morgens“ nannte, während er die Krümel vom Kinn wischte. Sie nahm zwei. Eines für den Tee zuhause, wie früher, als alles leichter war. Das andere … einfach so. Als kleines Stück Vergangenheit, das man in die Tasche stecken kann. Zu Hause angekommen, verharrte sie. Die Wohnung war still – schwer wie Staub, der sich auf alten Büchern abgesetzt hat. Die Luft schien regungslos, als fürchte sie, sich zu bewegen. Das Handy lag auf der Fensterbank, mit dem Display nach unten – als schäme es sich vor ihrem Blick. Keine Nachrichten. Keine Anrufe. Als hätte die Welt beschlossen, an ihr vorbeizugehen, ohne sie zu bemerken. Als wäre sie selbst ein Schatten geworden, der sich im grauen Morgenlicht auflöst. Katharina stellte den Wasserkocher an, zog den Mantel aus – langsam, als wolle sie die Stille nicht verscheuchen. Ordentlich stellte sie ihre Schuhe an die Tür, richtete den Kragen auf der Garderobe. Sie schaltete das alte Radio an – der Sprecher berichtete über Staus, dann über Schneefall, dann über eine Ausstellung im Stadtmuseum. Alles klang gedämpft, wie unter Wasser. Sie nahm einen Schluck Tee – zu heiß, brennend. Aber sie schluckte, ohne das Gesicht zu verziehen. Trat ans Fenster und lehnte die Stirn an das kalte Glas. Draußen fiel Schnee – feiner, stichelnder, der sich auf Schirmen, Schals, Asphalt niederließ und sofort schmolz. Ein junger Vater in dunklem Parka zog seinem Sohn die Mütze zurecht – mit dieser Fürsorge, die mit den Jahren kommt. Alte Paare gingen, einander stützend, als wären ihre Hände im Laufe der Jahrzehnte zusammengewachsen. Jemand eilte über das glatte Pflaster, jemand lachte, das Handy ans Ohr gepresst, jemand verharrte vor einem Schaufenster mit Weihnachtslichtern. Das Leben floss – laut, lebendig, gleichgültig. An ihr vorbei. Wie ein Zug, der abfährt, während sie unschlüssig am Bahnsteig verweilt. Er hat nicht geschrieben. Aber sie nahm den Besen und fegte den Boden, obwohl kaum Staub da war. Sie rief ihre Tante an – hörte Geschichten über den Schrebergarten, den Nachbarn, das neue Kuchenrezept. Goss den alten Kaktus, prüfte sorgfältig, ob er gelb geworden war. Vereinbarte einen Arzttermin – eine Kleinigkeit, die sie seit Monaten aufschob. Kontrollierte Zahlungen – alles erledigt, aber sie setzte ein Häkchen in ihren Kalender. Wusch die Wolldecke, gab extra viel Weichspüler dazu, damit die Wohnung nach etwas Warmem, Lebendigem roch. Abends schaltete sie in allen Zimmern das Licht an. Nicht weil sie Angst vor der Dunkelheit hatte. Einfach so schien die Wohnung bewohnt – ihre Fenster leuchteten, spiegelten sich im nassen Asphalt, als flüsterten sie: Hier wohnt jemand. Hier ist Leben. Katharina blickte auf ihr Spiegelbild im Fenster und dachte: „Er hat nicht geschrieben. Aber ich bin da.“ Kein Trost, kein Trotz – nur eine leise Wahrheit. Wie eine Kerze, die man nicht für jemand anderen, sondern für sich selbst anzündet. Um sich daran zu erinnern: Ich bin immer noch hier.
Ich habe meine Schwiegertochter an ihrem Geburtstag überrascht – sie wusste nichts davon Mein Sohn und meine Schwiegertochter ahnten nicht, dass ich ebenfalls zu ihrem Geburtstag kommen würde. „Mein Sohn und meine Schwiegertochter ahnten nicht, dass ich ebenfalls zu ihrem Geburtstag kommen würde“ – ihr Geheimnis hat mir das Herz gebrochen. In einer kleinen Stadt nahe Stuttgart, wo das Herbstlaub unter den Schritten raschelt, hat sich mein Leben mit 58 Jahren schlagartig verändert. Ich heiße Edith Schneider und habe meine Familie immer als meinen festen Halt gesehen. Doch der jüngste Geburtstag meiner Schwiegertochter, an dem ich unangemeldet erschien, hat mir eine bittere Wahrheit offenbart, die mich bis heute verfolgt.