Der Mann, der eine Frage zu leise stellte

Der Mann, der eine Frage zu leise stellte

Die Empfangsdame antwortete nicht sofort.

Nicht, weil sie ihn nicht gehört hatte.

Etwas an seiner Stimme ließ all ihre Gewissheit wie Nebel verdunsten.

Greta stand dazwischen wie eingefroren, krümmte den Körper vor Schmerz und umklammerte ihren Bauch. Ihr kleiner Körper zitterte noch immer.

Sie blickte hinauf zu dem älteren Mann.

In sein ruhiges Gesicht.

Auf die Art, wie plötzlich alle anderen um ihn herum kleiner und blasser erschienen.

Ich ich weiß nicht, was Sie meinen, presste die Empfangsdame heraus und zwang Selbstsicherheit in ihre Worte. Sie ist einfach ein

Ein was?, unterbrach der Mann leise.

Nicht laut.

Nicht fordernd.

Noch schlimmer.

Beherrscht.

Er drehte sich leicht und ging vor Greta in die Hocke, sodass er fast auf Augenhöhe mit ihr war.

Kleine, flüsterte er, wie heißt du denn mit vollem Namen?

Greta Schneider, hauchte sie.

Ihre Stimme zerbrach mitten im Nachnamen.

Der Mann schloss die Augen.

Nur einen Moment.

Dann atmete er lang und schwer aus, wie jemand, der eine Last endlich ablegt.

Hinter ihm wurde eine Schwester kreidebleich.

Die Empfangsdame wich innerlich zurück.

Der Sicherheitsmann an der Tür strich sich nervös durch den Bart und wusste nicht mehr, warum man ihn eigentlich gerufen hatte.

Der Mann griff in seinen Mantel.

Nicht hektisch.

Nicht bedrohlich.

Langsam, mit einer Sanftheit, die fast unwirklich wirkte.

Er zog ein gefaltetes Foto hervor.

Bedächtig legte er es auf den Tresen.

Die Empfangsdame warf einen verstohlenen Blick darauf.

Und ihr Gesicht veränderte sich augenblicklich.

Darauf war Greta.

Jünger.

Lachend.

Auf den Schultern des Mannes im Park, eine riesige rote Luftballonblume fest in der kleinen Hand.

Die Stille hinterher war nicht laut.

Nur schwer, wie fehlende Luft in einem Traum.

Dieses Kind, sagte der Mann leise, ist meine Enkelin.

Greta blinzelte.

Opa?

Das Wort war so zerbrechlich, als hätte sie Angst, es würde gleich wieder verschwinden.

Da wurde der Blick des alten Mannes zum ersten Mal weich.

Ja, sagte er.

Und als er die Arme öffnete, zögerte sie nicht mehr.

Sie lehnte sich an ihn, während draußen irgendwo eine Kastanienfrucht von Baum zu Boden fiel.

Die Empfangsdame wich einen Schritt zurück.

Ich ich wusste ja nicht

Nein, entgegnete der Mann ohne Zorn, ohne sie anzusehen. Wussten Sie nicht.

Ein Arzt erschien aus dem Flur, erkannte Gretas Zustand auf den ersten Blick und eilte zu ihr.

Starke Bauchschmerzen!, rief er bestimmt. Das Mädchen muss sofort rein!

Doch der alte Mann hielt ihre Hand fest.

Noch einen Augenblick.

Und als sie vorsichtig auf die Bahre gelegt wurde, ließ er nicht los.

Zum ersten Mal hatte Greta nicht mehr das Gefühl, dass sie durchsichtig wäre.

Als sie durch die Flure der Münchner Kinderklinik geschoben wurde, blickte sie zurück.

Opa kommst Du mit?

Er drückte ihr sanft die Hand.

Immer.

Später, als die Notaufnahme im Licht der Neonröhren wieder stiller wurde, sprachen die Leute nur leise.

Nicht über das, was gesagt wurde.

Sondern über das, was nie ausgesprochen wurde.

Die Empfangsdame blieb lange bewegungslos am Tresen stehen.

Keiner schimpfte.

Niemand musste das.

Denn Scham braucht kein Publikum.

Greta bekam Hilfe.

Sofort.

Sorgfältig.

Und als der Schmerz langsam nachließ, wurde auch etwas anderes leichter in ihr etwas, das mit Medizin nichts zu tun hatte.

Stunden später, im dämmrigen Zimmer, saß ihr Großvater neben dem Bett.

Sie schlief halb, hielt aber seinen Jackenärmel noch fest umklammert.

Opa? murmelte sie.

Ja, mein Schatz.

Ich dachte, mich will hier niemand haben.

Er umgriff ihre kleine Hand noch etwas fester.

Dann haben sie sich geirrt. Und ich werde dafür sorgen, dass du dich nie wieder so fühlst.

Draußen flackerten die Lichter über dem nächtlichen München.

Doch in ihrem Zimmer ruhte alles.

Nicht vollkommen.

Nicht ausgelöscht.

Nur sicher.

Manchmal, dachte Greta, beginnt Heilung genau dort.

Und wenn du in diesem Wartesaal gewesen wärst wärst du so leise gewesen wie alle? Oder hättest du die Stille gebrochen, wie der alte Mann?

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Der Mann, der eine Frage zu leise stellte
Nachricht auf dem Handy meines Mannes kurz vor Mitternacht – ich stelle seinen Koffer auf die Treppe – Hast du den Sekt wieder ins Gefrierfach gelegt? Ich habe doch gesagt, einfach in den Kühlschrank, sonst friert er wieder und dann haben wir Sekt mit Eisstücken, – Galina wuselte um den festlich gedeckten Tisch und suchte Platz für das Schälchen mit rotem Kaviar. Andreas, lässig auf dem Sofa vor dem Fernseher, drehte sich nicht einmal um. Er war ganz in seine Handy-Chats vertieft, tippte blitzschnell, ein kaum merkliches Lächeln auf den Lippen. – Ach komm, Galina, sei nicht so pingelig. Zwanzig Minuten wird da schon nichts passieren. Wir holen ihn raus, während der Bundespräsident spricht, dann wärmt er sich von selbst auf, – winkte er ab und sah nicht vom Handy auf. – Sag mir lieber, wo mein blaues Hemd ist. Das, das du letzte Woche gebügelt hast. Galina seufzte und wischte sich die Hände am Schürzchen ab. Bis Mitternacht war es nur noch anderthalb Stunden, und ihre Ente im Ofen brauchte Aufmerksamkeit – für die Frisur war auch noch keine Zeit. Jeder Silvesterabend verlief nach demselben Muster: Sie machte sich einen Stress, damit alles perfekt wirkt, während Andreas das für selbstverständlich nahm und sich nur minimal an den Vorbereitungen beteiligte. – Im Schrank auf dem zweiten Brett, Andreas. Wo auch sonst? – Sie schaute nach der Ente. Der Duft von Bratäpfeln und Gewürzen erfüllte die Küche, verbreitete diese ganz besondere Festtagswärme. – Du könntest wenigstens beim Tischdecken helfen. Die Servietten, die Gläser… – Gleich, Galina, gleich. Das ist eine wichtige Nachricht von der Arbeit, muss ich kurz beantworten, – murmelte er. Galina stockte einen Moment. Eine Arbeitsnachricht? Am 31. Dezember, um kurz vor elf? Andreas arbeite doch als Logistikleiter, da hatte um die Uhrzeit jeder Spediteur schon frei. Sie schob die Bedenken beiseite. Vielleicht steckt doch irgendwo ein Lkw fest oder eine Rechnung fehlt. Nach 25 Jahren Ehe hatte sie gelernt, Andreas zu vertrauen, oder sich zumindest keine Vorwürfe wegen Kleinigkeiten zu machen. Sie schnitt den Käse und dachte daran, dass sie diesmal niemand eingeladen hatten. Die Kinder – Sohn Arne und Tochter Lena – sind längst aus dem Haus. Arne feierte mit seiner Verlobten in den Alpen, Lena war mit ihrem Mann nach Mallorca geflogen. Galina war zunächst niedergeschlagen, dann beschloss sie, einen romantischen Abend zu zweit zu gestalten. Wie früher. Sie hatte ein neues Kleid gekauft, dunkelblauer Samt, passend zu ihren Augen, war extra zum Friseur und zur Maniküre, hatte schöne Geschenke organisiert. Für Andreas gab es eine hochwertige Armbanduhr, auf die er so lange gespart hätte, aber sich das Geld immer verkniff. – Gefunden! – rief Andreas aus dem Schlafzimmer. – Das steht mir gar nicht schlecht, oder? Hab ich zugenommen? Er kam in den Flur, die Knöpfe am Bauch schlossen sich mit Mühe. Galina betrachtete ihren Mann liebevoll. Für 52 sah er gut aus. Die grauen Schläfen gaben ihm Würde, die Lachfalten kamen nur beim Lächeln. – Ganz der Gentleman – sagte sie ehrlich. – Komm, wir verabschieden das alte Jahr. Sie gingen zum Tisch. Im Fernsehen jubelte die Show, Stars sangen Dreißig-Jahre-Hits, die Lichterkette blinkte am Baum. Galina schöpfte ihm Salat, schenkte Beerenpunsch aus. Andreas legte das Handy aufs Tischtuch, Display nach unten, direkt neben seinen Teller. – Auf ein neues Jahr und dass alles Schlechte zurückbleibt, – Galina erhob ihr Glas. – Na klar, – Andreas stieß an, trank aus und griff sofort ans Handy. – Eine Sekunde, ich muss nur das Ergebnis checken. – Andreas, jetzt lass doch mal das Handy weg, – bat Galina dieser Zeit eindringlich. – Wir sitzen hier zu zweit. Wozu das Gerät? Schenk deiner Frau Aufmerksamkeit. – Galina, fang bitte nicht an. Jeder ist erreichbar heutzutage. Wer weiß, vielleicht meldet sich Arne oder Lena schickt Fotos? Da hatte er einen Punkt. Galina schwieg – vielleicht würden die Kinder ja wirklich noch schreiben. Sie aßen, redeten über das Wetter, die kommenden Feiertage. Andreas schlug vor, an die Hütte zu fahren, Schnee zu räumen, Grillen anzufeuern. Galina nickte, stellte sich die Spaziergänge vor. Alles wirkte so ruhig, so richtig. Die Ente war auf den Punkt geröstet, das Fleisch löste sich förmlich, die Äpfel waren köstlich. Kurz vor zwölf griff Andreas endlich nach dem Sekt. – Na dann, Mutti, stöpseln wir auf! Bald schlagen die Glocken. Die Flasche knallte, prickelnder Wein floss ins Glas. Galina war aufgeregt wie ein Kind. Der Moment des Jahreswechsels schien ihr immer magisch. Papier und Stift lagen bereit für den Wunsch, der verbrannt und ins Sektglas gemischt werden sollte. Seit Jahren schrieb sie denselben: “Dass alle gesund und glücklich bleiben”. Am Bildschirm erschienen die Glocken. Der Countdown begann. – Frohes Neues, Liebling! – rief Andreas und hob sein Glas. – Frohes Neues, Andi! – Galina lächelte. In diesem Moment, genau beim ersten Glockenschlag, vibrierte das Handy mit einem kurzen Ton, der Display leuchtete auf. Es lag kaum einen halben Meter neben Galinas Hand. Andreas, beschäftigt mit dem Sekt, schaffte es nicht rechtzeitig covern oder verdecken. Die Benachrichtigung erschien als heller Balken auf dem dunklen Hintergrund. Große Schrift, Nachrichtenvorschau. Galina wollte nicht lesen, aber das Auge fiel von selbst und las die bekannten Buchstaben. Die Nachricht stammte von “Herrn Meier Autowerkstatt”. Text: “Frohes Neues, mein Löwe! Kann es kaum erwarten, bis du dich von deiner Glucke losreißt. Der Sekt wird warm, und Dessous sind überflüssig geworden. Lieb dich, deine Mieze.” Galina erstarrte. Die Zeit stand still. Die Fernsehglocken bohrten weiter: dong, dong, dong – der Klang war wattig entfernt. Sie starrte auf den Bildschirm, bis er erlosch, doch die Worte brannten sich wie Feuer ein: “Mein Löwe.” “Von deiner Glucke.” “Deine Mieze.” Unterschrieben – Herr Meier. Langsam setzte die Erkenntnis ein, schmerzhaft und stoßweise. Herr Meier. Autowerkstatt. Andreas fuhr in letzter Zeit ständig zum Service. Sagte, das Auto spinnt, mal Radlager, mal Öl, mal Sensor. “Altes Schätzchen, braucht Pflege.” Galina hatte geglaubt, mitgefühlt, Geld für Ersatzteile aus dem Haushaltsbudget gegeben. Andreas sah ihren Blick. Sah, wie ihr Gesicht erblasste. Hektisch griff er das Handy und steckte es eilig in die Hosentasche. – Galina, was hast du denn? Denk an deinen Wunsch, die Glocken schlagen! – Seine Stimme zitterte, ein Hauch von Panik. Langsam hob Galina den Blick. Keine Tränen, nur die eisige, lähmende Erkenntnis. Fünfundzwanzig Jahre. Ein Vierteljahrhundert. Und dann “Glucke”. – Herr Meier also? – fragte sie leise mit fremder, heiserer Stimme. Andreas verschluckte sich. – Wer? Wen meinst du? Ein Mechaniker hat mich nur beglückwünscht, vermutlich Massen-Mail. Die schicken das an alle Kunden. – Nennt der Mechaniker dich “Löwe”? Und wartet im Negligé? – Galina erhob sich, der Stuhl kratzte widerlich am Parkett. Andreas’ Gesicht überzog sich mit roten Flecken. Er versuchte ein Lächeln, es geriet zur Grimasse. – Galina, du starrst anderen Leuten aufs Handy? Das ist ja peinlich! Außerdem hast du alles falsch verstanden. Die Jungs aus der Werkstatt machen halt mal blöde Späße. – Zeig her, – Galina streckte die Hand aus. – Zeig die Unterhaltung. Wenn das ein Werkstattwitz war, lachen wir zusammen. Andreas lehnte sich ängstlich zurück und schützte die Tasche. – Ich muss gar nichts zeigen! Ein Mensch braucht Privatsphäre! Du machst hier ausgerechnet zu Silvester eine Eifersuchtsszene? Bist du jetzt völlig durchgedreht? Im Fernsehen beginnt die Nationalhymne. Draußen knallen Feuerwerke. Drinnen herrscht zermürbende Stille. – Völlig durchgedreht … Also, ich bin die alte Glucke, und du hast draußen eine junge Mieze? – Das hab ich nie gesagt! – quietschte Andreas. – Das ist alles Fantasie! Hör auf zu spinnen, lass uns anstoßen und uns beruhigen. Galina blickte auf den festlich gedeckten Tisch. Die Ente, die sie mariniert hatte. Die Salate, von ihr geschnitten. Den Kristall, der sonst nur zu großen Feiertagen aus der Vitrine kommt. All das wirkte plötzlich wie eine Kulisse. Ein billiges Theater, in dem sie die Törin gab. Schweigend verließ sie die Küche. – Galina! Wohin gehst du? – Andreas sprang auf, folgte aber nicht. Sie ging ins Schlafzimmer, knipste helles Licht an, das unerbittlich das gemeinsame Bett aufleuchtete. Die Tagesdecke, von ihr passend zu den Vorhängen ausgewählt. Die Polster, auf denen sie Jahre miteinander verbracht hatten. Sie schob die Schiebetür des Schranks auf. Oben lag der große Rollkoffer. Mit dem waren sie zuletzt vor drei Jahren in die Türkei gereist, der letzte gemeinsame Urlaub, in dem Andreas schon so abwesend und mit dem Handy beschäftigt war. Galina wuchtete den Koffer auf den Boden. Sie öffnete ihn und begann, methodisch alle Sachen vom Mann hereinzuschaufeln. Pullover, Jeans, T-Shirts – alles flog als Häufchen hinein. Sie faltete und glättete nicht. Einfach rein, ohne Rücksicht. – Sag mal, tickst du noch richtig? – Andreas stand in der Tür. Seine Augen waren rund. – Spinnst du? Silvester! – Genau, – presste Galina hervor. Sie kippte das Socken- und Unterwäschefach über dem Koffer aus. – Silvester. Neustart. Mit deiner Mieze. Ich ohne Verräter. – Galina, hör auf! Das war nur eine Nachricht! Da war nix! – Andreas griff nach ihren Armen. Galina stieß ihn mit unverhoffter Kraft fort. Adrenalin und Wut gaben ihr Kraft. – Fass mich nicht an! – brüllte sie, dass Andreas zurückwich. – Nichts war? “Kann es nicht erwarten, dass du dich losreißt”? Deshalb hast du gedrängelt? Deshalb warst du den ganzen Abend nervös? Wolltest schnell schlemmen, anstoßen und ab zu ihr, und mir Märchen vom kranken Freund oder einem Unfall auf der Arbeit erzählen? Andreas schwieg. An seinem irren Blick erkannte Galina, dass sie den Nagel getroffen hatte. Genau dieser Plan: Mit der Ehefrau das neue Jahr, dann zur Geliebten weiterfeiern. – Raus! – sagte sie ruhig. – Sofort. – Wo soll ich denn hin? Es ist Nacht! Erster Januar! Du bist nicht bei Trost! Das ist auch meine Wohnung! – Die Wohnung war ein Geschenk meiner Eltern. Du bist hier nur gemeldet. Und gleich nach den Feiertagen bist du abgemeldet. Jetzt – ab zu Herrn Meier. In die Werkstatt. Sollen er und deine Mieze dich wärmen. Sie klappte den Koffer zu. Kleidung quoll heraus, der Reißverschluss ging kaum zu, egal. Sie drückte das Knie drauf, irgendwie zu, der Hemdenärmel hing raus. – Galina, lass uns morgen reden. Wir sind beide betrunken … – Andreas versuchte zu beschwichtigen. – Ich hab keinen Tropfen getrunken – schnitt sie ihm ab. – Und reden brauchen wir nicht. Fünfundzwanzig Jahre … Ich hab dir alles geglaubt, dich auf Händen getragen – und ich war für dich die Glucke. Sie packte den Koffer und ließ ihn durch den Flur rollen. Die Räder klapperten auf dem Laminat. Andreas trabte hinterher. – Du schmeißt wegen Nichtigkeiten alles weg! Denk an die Kinder! Was wird Arne sagen? – Den Kindern erzähle ich alles. Und zeige den Screenshot, wenn du nicht gleich verschwindest. Mal sehen, wie Arne reagiert, wenn Papa Mama “Glucke” nennt. Andreas erbleichte – die Meinung des Sohnes war ihm immer wichtig gewesen. Im Flur öffnete Galina die Tür. Aus dem Treppenhaus wehte kühle Luft und der Duft von angebranntem Essen. Man hörte “Prosit!” und Gläserklirren von den Nachbarn. – Nimm deine Jacke! – befahl sie. Andreas zog widerwillig den Parka an – hoffte immer noch, dass es ein Theater sei: Ein bisschen Geschirr fliegt, dann verzeiht sie. Jetzt weint sie doch gleich, und alles wird wie immer. – Galina, wohin soll ich denn? Hör auf mit dem Zirkus. Jeder macht mal einen Fehler. Es war eine Affäre, nichts Ernstes. Ich liebe dich doch! Dieses “Ich liebe dich” nach dem “Glucke” war der letzte Tropfen. – Raus! – Galina schob den Koffer auf den Treppenabsatz. Er rollte ein paar Meter und krachte gegen das Geländer. Der Hemdenärmel hing wie eine weiße Kapitulationsflagge. Andreas humpelte hinterher, noch im Hausschuhen. – Die Stiefel! – erinnerte Galina und schleuderte sie ihm vor die Füße. – Und den Schlüssel aufs Regal. – Du wirst es bereuen, Galina! Jetzt bist du allein! Wen willst du noch mit fünfzig? – Endlich brach die Wut hervor. Sein Gesicht verzog sich hasserfüllt. – Deine Suppen und Langeweile hab ich jahrelang ertragen! Die Mieze ist jung, lebendig – du bist eine ausgeleierte Schallplatte! – Gut so, – Galina empfand seltsame Erleichterung bei seinen Worten. Die Masken waren gefallen: Kein Ehemann, sondern ein fremder, böser Kerl. – Vielleicht kann Mieze Ente braten. Sie schloss die Tür vor seiner Nase, drehte den Riegel zweimal und legte die Kette vor. Mit dem Rücken zur eisigen Tür lehnte sie sich an, lauschte. Im Flur polterte es, Geschimpfe, Schuhgetrampel. Andreas zog sich um. Dann rollte der Koffer weg und man hörte den Aufzug. Stille. Galina glitt am Türrahmen hinunter. Die Beine zitterten, Herz klopfte bis zum Hals. Sie saß auf der Fußmatte im teuren Samtkleid und starrte auf den leeren Garderobenhaken, wo gerade noch Andreas‘ Jacke hing. Tränen kamen (noch) nicht – nur Schock, wie nach einem Unfall, wenn man die Verletzung sieht, aber keinen Schmerz spürt. Zehn Minuten saß sie dort, dann stand sie auf, strich das Kleid glatt und ging in die Küche. Dort hatte sich nichts verändert. Der Fernseher lief weiter, jetzt kam ein Musical. Der Sekt hörte auf zu perlen. Die Ente kühlte ab, das Fett glänzte nicht mehr. Galina nahm ihr Glas. – Frohes neues Jahr, Galina, – murmelte sie der leeren Stube zu. – Frohes neues Leben. Sie trank den Sekt wie Wasser. Er schmeckte nach nichts. Ihr Blick fiel auf das Geschenk für Andreas, die schöne Schachtel mit der Schweizer Uhr. Drei Monate hatte sie dafür gespart. Galina öffnete die Schachtel, das Chrom glänzte. – Macht nichts, – flüsterte sie. – Geb ich Arne. Oder ich verkauf sie, gönn mir was im Schwarzwald. Sie setzte sich an Andreas‘ Platz. Griff zur Gabel, probierte den Salat. Köstlich. Sie konnte immer gut kochen. Die Wohnung war sauber. Sie war gepflegt. “Glucke.” Das Wort steckte wie ein Splitter im Kopf. Aber als Andreas weg war, begann es die Kraft zu verlieren. Würde eine Glucke in der Silvesternacht ihren Mann rauswerfen? Eher hätte sie geschluckt, so getan als ob, heimlich ins Kissen geweint – und sich erst recht bemüht, zu gefallen. Aber sie hat ihn rausgeworfen. Also kein Hausmütterchen, sondern eine Frau mit Stolz. Galinas Handy piepte. Sie erschrak, dachte schon an fiese oder reuige Nachrichten von Andreas. Doch es war ein Bild von ihrer Tochter. Foto: Lena und ihr Mann am Strand, mit Weihnachtsmützen, Kokosnüsse in der Hand. “Mama und Papa! Frohes neues Jahr! Wir haben euch lieb! Wie geht’s euch? Lasst es euch schmecken mit Mamas Ente! Küsschen!” Galina sah die fröhliche, braungebrannte Lena, die ihr in jungen Jahren so ähnelt. Endlich kamen Tränen. Aber keine der Verzweiflung, sondern der Befreiung. Sie weinte um sich selbst, die vertanen Jahre und die blinde Liebe. Sie aß das Oliviersalat direkt mit dem großen Löffel aus der Schüssel. Dann wischte sie sich das Gesicht ab. Tippte der Tochter: “Frohes neues Jahr, meine Lieben! Uns geht’s gut. Papa … ist kurz frische Luft schnappen. Hab euch lieb.” Sie wollte ihnen das Fest nicht vermiesen. Sie erzählt es später. Heute war es nur ihr Kampf, ihr Sieg. Galina stand am Fenster. Neunter Stock. Unten zündete jemand Feuerwerk, bunte Blitze leuchteten über schneebedeckten Autos. Irgendwo unten lief Andreas mit Koffer. Sie sah ihn vor sich, wie er durch Schnee rollt, nach Taxi sucht. In der Silvesternacht kosten Taxen ein Vermögen, und man wartet lange. Und “Mieze” … Empfängt sie ihn mit Koffer? Einen Liebhaber mit Sekt und Geschenken nimmt man gern für ein paar Stunden auf – einen Mann, den die Ehefrau rausgeworfen hat, mit zerbeulten Sachen und ohne Geld (die Karten lagen alle auf Galinas Namen, war keine Gehalt mehr drauf) und Problemen? Galina schmunzelte. Werkstattromantik zerschellt schnell an der harten Realität. Sie kehrte zurück, nahm ein Entenbein, biss kräftig ab. Der Hunger kam zurück. Mit jedem Bissen fühlte sie sich gestärkter. Plötzlich klingelte es lang und stur an der Tür. Galina erschrak. Zurückgekehrt? Will er die Tür eintreten? Leise ging sie zum Guckloch. Auf dem Flur stand die Nachbarin, Frau Walter, leicht beschwipst, mit einer Schale unter dem Tuch. Galina öffnete aufatmend. – Galinchen, frohes neues Jahr! – rief Frau Walter mit Schwung. – Wir haben frische Krautpiroggen gebacken! Wollte mal den Nachbarn was bringen. Warum ist bei euch so ruhig? Wo ist Andreas? Hab den vorhin mit Koffer am Aufzug gesehen, ganz bleich. Dienstreise im neuen Jahr? Galina schaute auf die Piroggen. – Ist verreist, Frau Walter – antwortete sie ruhig. – Dienstreise. Lange. Für immer. Die Nachbarin bekam große Augen. – Wirklich? In der Silvesternacht? Hattet ihr etwa Streit? – Nein, – Galina lächelte ehrlich. – Im Gegenteil. Dinge geklärt. Kommen Sie rein, die Ente wird kalt, der Sekt ist offen. Allein ist zu viel. Kurz zögerte Frau Walter, dann zuckte sie mit den Schultern: – Da komm ich gern! Meiner schnarcht eh, ist besoffen. Wir machen uns einen schönen Frauenabend. Sie saßen bis drei in der Küche, aßen Ente, Piroggen, tranken Sekt und Likör. Galina verriet nichts von “Mieze” und “Glucke”, sagte nur, sie habe von der Affäre erfahren. Frau Walter, lebenserfahren, bohrte nicht nach, sondern meinte nur: “Richtig gemacht. Solche Kerle muss man rauswerfen, wenn sie keine Anstand mehr haben. Du bist noch attraktiv und taff, du bekommst noch eine richtige Schlange vor deiner Tür.” Galina glaubte es. Das erste Mal seit langem blickte sie voller Hoffnung in die Zukunft. Am Morgen weckte sie nicht das Schnarchen ihres Mannes, sondern Sonnenstrahlen. Der Kopf war klar. Die Wohnung still, aber nicht leer – sondern friedlich und rein. Galina ging durchs Zimmer, sammelte Sachen von Andreas ein – Rasierer, Hausschuhe, Ladegerät, Bücher – alles in einen Müllsack, den sie später vor die Tonne stellen würde. Sie kochte echten Kaffee, keinen Instant, wie Andreas ihn immer wollte. Setzte sich ans Fenster. Das Handy piepte – Nachricht von Andreas. “Galina, wieder nüchtern? Ich bin beim Kumpel untergekommen. Das war alles ein Missverständnis. Lass uns ruhig reden – ich verzeih dir den Ausraster.” Galina lachte laut. “Er verzeiht!” Wie nett. Sie drückte “Blockieren”. Loggte sich in die Banking-App ein und sperrte die Karten, die Andreas nutzte. Trank ihren Kaffee, sah in den Spiegel. Die Augen etwas geschwollen, aber frische Haut, gesundes Rot auf den Wangen. – Willkommen, neues Leben – sagte sie zu sich selbst. – Ich glaube, wir werden Freunde. Sie drehte die Musik auf, etwas Temperamentvolles, und begann zu räumen. Ein ganzes Jahr lag vor ihr. Und dieses Jahr gehört nur ihr. Hat Ihnen die Geschichte gefallen? Ich freue mich auf Ihr Like und Ihr Abonnement. Schreiben Sie in die Kommentare, wie Sie an Galinas Stelle handeln würden?