Der Mann, der eine Frage zu leise stellte

Der Mann, der eine Frage zu leise stellte

Die Empfangsdame antwortete nicht sofort.

Nicht, weil sie ihn nicht gehört hatte.

Etwas an seiner Stimme ließ all ihre Gewissheit wie Nebel verdunsten.

Greta stand dazwischen wie eingefroren, krümmte den Körper vor Schmerz und umklammerte ihren Bauch. Ihr kleiner Körper zitterte noch immer.

Sie blickte hinauf zu dem älteren Mann.

In sein ruhiges Gesicht.

Auf die Art, wie plötzlich alle anderen um ihn herum kleiner und blasser erschienen.

Ich ich weiß nicht, was Sie meinen, presste die Empfangsdame heraus und zwang Selbstsicherheit in ihre Worte. Sie ist einfach ein

Ein was?, unterbrach der Mann leise.

Nicht laut.

Nicht fordernd.

Noch schlimmer.

Beherrscht.

Er drehte sich leicht und ging vor Greta in die Hocke, sodass er fast auf Augenhöhe mit ihr war.

Kleine, flüsterte er, wie heißt du denn mit vollem Namen?

Greta Schneider, hauchte sie.

Ihre Stimme zerbrach mitten im Nachnamen.

Der Mann schloss die Augen.

Nur einen Moment.

Dann atmete er lang und schwer aus, wie jemand, der eine Last endlich ablegt.

Hinter ihm wurde eine Schwester kreidebleich.

Die Empfangsdame wich innerlich zurück.

Der Sicherheitsmann an der Tür strich sich nervös durch den Bart und wusste nicht mehr, warum man ihn eigentlich gerufen hatte.

Der Mann griff in seinen Mantel.

Nicht hektisch.

Nicht bedrohlich.

Langsam, mit einer Sanftheit, die fast unwirklich wirkte.

Er zog ein gefaltetes Foto hervor.

Bedächtig legte er es auf den Tresen.

Die Empfangsdame warf einen verstohlenen Blick darauf.

Und ihr Gesicht veränderte sich augenblicklich.

Darauf war Greta.

Jünger.

Lachend.

Auf den Schultern des Mannes im Park, eine riesige rote Luftballonblume fest in der kleinen Hand.

Die Stille hinterher war nicht laut.

Nur schwer, wie fehlende Luft in einem Traum.

Dieses Kind, sagte der Mann leise, ist meine Enkelin.

Greta blinzelte.

Opa?

Das Wort war so zerbrechlich, als hätte sie Angst, es würde gleich wieder verschwinden.

Da wurde der Blick des alten Mannes zum ersten Mal weich.

Ja, sagte er.

Und als er die Arme öffnete, zögerte sie nicht mehr.

Sie lehnte sich an ihn, während draußen irgendwo eine Kastanienfrucht von Baum zu Boden fiel.

Die Empfangsdame wich einen Schritt zurück.

Ich ich wusste ja nicht

Nein, entgegnete der Mann ohne Zorn, ohne sie anzusehen. Wussten Sie nicht.

Ein Arzt erschien aus dem Flur, erkannte Gretas Zustand auf den ersten Blick und eilte zu ihr.

Starke Bauchschmerzen!, rief er bestimmt. Das Mädchen muss sofort rein!

Doch der alte Mann hielt ihre Hand fest.

Noch einen Augenblick.

Und als sie vorsichtig auf die Bahre gelegt wurde, ließ er nicht los.

Zum ersten Mal hatte Greta nicht mehr das Gefühl, dass sie durchsichtig wäre.

Als sie durch die Flure der Münchner Kinderklinik geschoben wurde, blickte sie zurück.

Opa kommst Du mit?

Er drückte ihr sanft die Hand.

Immer.

Später, als die Notaufnahme im Licht der Neonröhren wieder stiller wurde, sprachen die Leute nur leise.

Nicht über das, was gesagt wurde.

Sondern über das, was nie ausgesprochen wurde.

Die Empfangsdame blieb lange bewegungslos am Tresen stehen.

Keiner schimpfte.

Niemand musste das.

Denn Scham braucht kein Publikum.

Greta bekam Hilfe.

Sofort.

Sorgfältig.

Und als der Schmerz langsam nachließ, wurde auch etwas anderes leichter in ihr etwas, das mit Medizin nichts zu tun hatte.

Stunden später, im dämmrigen Zimmer, saß ihr Großvater neben dem Bett.

Sie schlief halb, hielt aber seinen Jackenärmel noch fest umklammert.

Opa? murmelte sie.

Ja, mein Schatz.

Ich dachte, mich will hier niemand haben.

Er umgriff ihre kleine Hand noch etwas fester.

Dann haben sie sich geirrt. Und ich werde dafür sorgen, dass du dich nie wieder so fühlst.

Draußen flackerten die Lichter über dem nächtlichen München.

Doch in ihrem Zimmer ruhte alles.

Nicht vollkommen.

Nicht ausgelöscht.

Nur sicher.

Manchmal, dachte Greta, beginnt Heilung genau dort.

Und wenn du in diesem Wartesaal gewesen wärst wärst du so leise gewesen wie alle? Oder hättest du die Stille gebrochen, wie der alte Mann?

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Homy
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Der Mann, der eine Frage zu leise stellte
Sonntägliche Gefangenschaft