Nachricht auf dem Handy meines Mannes kurz vor Mitternacht – ich stelle seinen Koffer auf die Treppe – Hast du den Sekt wieder ins Gefrierfach gelegt? Ich habe doch gesagt, einfach in den Kühlschrank, sonst friert er wieder und dann haben wir Sekt mit Eisstücken, – Galina wuselte um den festlich gedeckten Tisch und suchte Platz für das Schälchen mit rotem Kaviar. Andreas, lässig auf dem Sofa vor dem Fernseher, drehte sich nicht einmal um. Er war ganz in seine Handy-Chats vertieft, tippte blitzschnell, ein kaum merkliches Lächeln auf den Lippen. – Ach komm, Galina, sei nicht so pingelig. Zwanzig Minuten wird da schon nichts passieren. Wir holen ihn raus, während der Bundespräsident spricht, dann wärmt er sich von selbst auf, – winkte er ab und sah nicht vom Handy auf. – Sag mir lieber, wo mein blaues Hemd ist. Das, das du letzte Woche gebügelt hast. Galina seufzte und wischte sich die Hände am Schürzchen ab. Bis Mitternacht war es nur noch anderthalb Stunden, und ihre Ente im Ofen brauchte Aufmerksamkeit – für die Frisur war auch noch keine Zeit. Jeder Silvesterabend verlief nach demselben Muster: Sie machte sich einen Stress, damit alles perfekt wirkt, während Andreas das für selbstverständlich nahm und sich nur minimal an den Vorbereitungen beteiligte. – Im Schrank auf dem zweiten Brett, Andreas. Wo auch sonst? – Sie schaute nach der Ente. Der Duft von Bratäpfeln und Gewürzen erfüllte die Küche, verbreitete diese ganz besondere Festtagswärme. – Du könntest wenigstens beim Tischdecken helfen. Die Servietten, die Gläser… – Gleich, Galina, gleich. Das ist eine wichtige Nachricht von der Arbeit, muss ich kurz beantworten, – murmelte er. Galina stockte einen Moment. Eine Arbeitsnachricht? Am 31. Dezember, um kurz vor elf? Andreas arbeite doch als Logistikleiter, da hatte um die Uhrzeit jeder Spediteur schon frei. Sie schob die Bedenken beiseite. Vielleicht steckt doch irgendwo ein Lkw fest oder eine Rechnung fehlt. Nach 25 Jahren Ehe hatte sie gelernt, Andreas zu vertrauen, oder sich zumindest keine Vorwürfe wegen Kleinigkeiten zu machen. Sie schnitt den Käse und dachte daran, dass sie diesmal niemand eingeladen hatten. Die Kinder – Sohn Arne und Tochter Lena – sind längst aus dem Haus. Arne feierte mit seiner Verlobten in den Alpen, Lena war mit ihrem Mann nach Mallorca geflogen. Galina war zunächst niedergeschlagen, dann beschloss sie, einen romantischen Abend zu zweit zu gestalten. Wie früher. Sie hatte ein neues Kleid gekauft, dunkelblauer Samt, passend zu ihren Augen, war extra zum Friseur und zur Maniküre, hatte schöne Geschenke organisiert. Für Andreas gab es eine hochwertige Armbanduhr, auf die er so lange gespart hätte, aber sich das Geld immer verkniff. – Gefunden! – rief Andreas aus dem Schlafzimmer. – Das steht mir gar nicht schlecht, oder? Hab ich zugenommen? Er kam in den Flur, die Knöpfe am Bauch schlossen sich mit Mühe. Galina betrachtete ihren Mann liebevoll. Für 52 sah er gut aus. Die grauen Schläfen gaben ihm Würde, die Lachfalten kamen nur beim Lächeln. – Ganz der Gentleman – sagte sie ehrlich. – Komm, wir verabschieden das alte Jahr. Sie gingen zum Tisch. Im Fernsehen jubelte die Show, Stars sangen Dreißig-Jahre-Hits, die Lichterkette blinkte am Baum. Galina schöpfte ihm Salat, schenkte Beerenpunsch aus. Andreas legte das Handy aufs Tischtuch, Display nach unten, direkt neben seinen Teller. – Auf ein neues Jahr und dass alles Schlechte zurückbleibt, – Galina erhob ihr Glas. – Na klar, – Andreas stieß an, trank aus und griff sofort ans Handy. – Eine Sekunde, ich muss nur das Ergebnis checken. – Andreas, jetzt lass doch mal das Handy weg, – bat Galina dieser Zeit eindringlich. – Wir sitzen hier zu zweit. Wozu das Gerät? Schenk deiner Frau Aufmerksamkeit. – Galina, fang bitte nicht an. Jeder ist erreichbar heutzutage. Wer weiß, vielleicht meldet sich Arne oder Lena schickt Fotos? Da hatte er einen Punkt. Galina schwieg – vielleicht würden die Kinder ja wirklich noch schreiben. Sie aßen, redeten über das Wetter, die kommenden Feiertage. Andreas schlug vor, an die Hütte zu fahren, Schnee zu räumen, Grillen anzufeuern. Galina nickte, stellte sich die Spaziergänge vor. Alles wirkte so ruhig, so richtig. Die Ente war auf den Punkt geröstet, das Fleisch löste sich förmlich, die Äpfel waren köstlich. Kurz vor zwölf griff Andreas endlich nach dem Sekt. – Na dann, Mutti, stöpseln wir auf! Bald schlagen die Glocken. Die Flasche knallte, prickelnder Wein floss ins Glas. Galina war aufgeregt wie ein Kind. Der Moment des Jahreswechsels schien ihr immer magisch. Papier und Stift lagen bereit für den Wunsch, der verbrannt und ins Sektglas gemischt werden sollte. Seit Jahren schrieb sie denselben: “Dass alle gesund und glücklich bleiben”. Am Bildschirm erschienen die Glocken. Der Countdown begann. – Frohes Neues, Liebling! – rief Andreas und hob sein Glas. – Frohes Neues, Andi! – Galina lächelte. In diesem Moment, genau beim ersten Glockenschlag, vibrierte das Handy mit einem kurzen Ton, der Display leuchtete auf. Es lag kaum einen halben Meter neben Galinas Hand. Andreas, beschäftigt mit dem Sekt, schaffte es nicht rechtzeitig covern oder verdecken. Die Benachrichtigung erschien als heller Balken auf dem dunklen Hintergrund. Große Schrift, Nachrichtenvorschau. Galina wollte nicht lesen, aber das Auge fiel von selbst und las die bekannten Buchstaben. Die Nachricht stammte von “Herrn Meier Autowerkstatt”. Text: “Frohes Neues, mein Löwe! Kann es kaum erwarten, bis du dich von deiner Glucke losreißt. Der Sekt wird warm, und Dessous sind überflüssig geworden. Lieb dich, deine Mieze.” Galina erstarrte. Die Zeit stand still. Die Fernsehglocken bohrten weiter: dong, dong, dong – der Klang war wattig entfernt. Sie starrte auf den Bildschirm, bis er erlosch, doch die Worte brannten sich wie Feuer ein: “Mein Löwe.” “Von deiner Glucke.” “Deine Mieze.” Unterschrieben – Herr Meier. Langsam setzte die Erkenntnis ein, schmerzhaft und stoßweise. Herr Meier. Autowerkstatt. Andreas fuhr in letzter Zeit ständig zum Service. Sagte, das Auto spinnt, mal Radlager, mal Öl, mal Sensor. “Altes Schätzchen, braucht Pflege.” Galina hatte geglaubt, mitgefühlt, Geld für Ersatzteile aus dem Haushaltsbudget gegeben. Andreas sah ihren Blick. Sah, wie ihr Gesicht erblasste. Hektisch griff er das Handy und steckte es eilig in die Hosentasche. – Galina, was hast du denn? Denk an deinen Wunsch, die Glocken schlagen! – Seine Stimme zitterte, ein Hauch von Panik. Langsam hob Galina den Blick. Keine Tränen, nur die eisige, lähmende Erkenntnis. Fünfundzwanzig Jahre. Ein Vierteljahrhundert. Und dann “Glucke”. – Herr Meier also? – fragte sie leise mit fremder, heiserer Stimme. Andreas verschluckte sich. – Wer? Wen meinst du? Ein Mechaniker hat mich nur beglückwünscht, vermutlich Massen-Mail. Die schicken das an alle Kunden. – Nennt der Mechaniker dich “Löwe”? Und wartet im Negligé? – Galina erhob sich, der Stuhl kratzte widerlich am Parkett. Andreas’ Gesicht überzog sich mit roten Flecken. Er versuchte ein Lächeln, es geriet zur Grimasse. – Galina, du starrst anderen Leuten aufs Handy? Das ist ja peinlich! Außerdem hast du alles falsch verstanden. Die Jungs aus der Werkstatt machen halt mal blöde Späße. – Zeig her, – Galina streckte die Hand aus. – Zeig die Unterhaltung. Wenn das ein Werkstattwitz war, lachen wir zusammen. Andreas lehnte sich ängstlich zurück und schützte die Tasche. – Ich muss gar nichts zeigen! Ein Mensch braucht Privatsphäre! Du machst hier ausgerechnet zu Silvester eine Eifersuchtsszene? Bist du jetzt völlig durchgedreht? Im Fernsehen beginnt die Nationalhymne. Draußen knallen Feuerwerke. Drinnen herrscht zermürbende Stille. – Völlig durchgedreht … Also, ich bin die alte Glucke, und du hast draußen eine junge Mieze? – Das hab ich nie gesagt! – quietschte Andreas. – Das ist alles Fantasie! Hör auf zu spinnen, lass uns anstoßen und uns beruhigen. Galina blickte auf den festlich gedeckten Tisch. Die Ente, die sie mariniert hatte. Die Salate, von ihr geschnitten. Den Kristall, der sonst nur zu großen Feiertagen aus der Vitrine kommt. All das wirkte plötzlich wie eine Kulisse. Ein billiges Theater, in dem sie die Törin gab. Schweigend verließ sie die Küche. – Galina! Wohin gehst du? – Andreas sprang auf, folgte aber nicht. Sie ging ins Schlafzimmer, knipste helles Licht an, das unerbittlich das gemeinsame Bett aufleuchtete. Die Tagesdecke, von ihr passend zu den Vorhängen ausgewählt. Die Polster, auf denen sie Jahre miteinander verbracht hatten. Sie schob die Schiebetür des Schranks auf. Oben lag der große Rollkoffer. Mit dem waren sie zuletzt vor drei Jahren in die Türkei gereist, der letzte gemeinsame Urlaub, in dem Andreas schon so abwesend und mit dem Handy beschäftigt war. Galina wuchtete den Koffer auf den Boden. Sie öffnete ihn und begann, methodisch alle Sachen vom Mann hereinzuschaufeln. Pullover, Jeans, T-Shirts – alles flog als Häufchen hinein. Sie faltete und glättete nicht. Einfach rein, ohne Rücksicht. – Sag mal, tickst du noch richtig? – Andreas stand in der Tür. Seine Augen waren rund. – Spinnst du? Silvester! – Genau, – presste Galina hervor. Sie kippte das Socken- und Unterwäschefach über dem Koffer aus. – Silvester. Neustart. Mit deiner Mieze. Ich ohne Verräter. – Galina, hör auf! Das war nur eine Nachricht! Da war nix! – Andreas griff nach ihren Armen. Galina stieß ihn mit unverhoffter Kraft fort. Adrenalin und Wut gaben ihr Kraft. – Fass mich nicht an! – brüllte sie, dass Andreas zurückwich. – Nichts war? “Kann es nicht erwarten, dass du dich losreißt”? Deshalb hast du gedrängelt? Deshalb warst du den ganzen Abend nervös? Wolltest schnell schlemmen, anstoßen und ab zu ihr, und mir Märchen vom kranken Freund oder einem Unfall auf der Arbeit erzählen? Andreas schwieg. An seinem irren Blick erkannte Galina, dass sie den Nagel getroffen hatte. Genau dieser Plan: Mit der Ehefrau das neue Jahr, dann zur Geliebten weiterfeiern. – Raus! – sagte sie ruhig. – Sofort. – Wo soll ich denn hin? Es ist Nacht! Erster Januar! Du bist nicht bei Trost! Das ist auch meine Wohnung! – Die Wohnung war ein Geschenk meiner Eltern. Du bist hier nur gemeldet. Und gleich nach den Feiertagen bist du abgemeldet. Jetzt – ab zu Herrn Meier. In die Werkstatt. Sollen er und deine Mieze dich wärmen. Sie klappte den Koffer zu. Kleidung quoll heraus, der Reißverschluss ging kaum zu, egal. Sie drückte das Knie drauf, irgendwie zu, der Hemdenärmel hing raus. – Galina, lass uns morgen reden. Wir sind beide betrunken … – Andreas versuchte zu beschwichtigen. – Ich hab keinen Tropfen getrunken – schnitt sie ihm ab. – Und reden brauchen wir nicht. Fünfundzwanzig Jahre … Ich hab dir alles geglaubt, dich auf Händen getragen – und ich war für dich die Glucke. Sie packte den Koffer und ließ ihn durch den Flur rollen. Die Räder klapperten auf dem Laminat. Andreas trabte hinterher. – Du schmeißt wegen Nichtigkeiten alles weg! Denk an die Kinder! Was wird Arne sagen? – Den Kindern erzähle ich alles. Und zeige den Screenshot, wenn du nicht gleich verschwindest. Mal sehen, wie Arne reagiert, wenn Papa Mama “Glucke” nennt. Andreas erbleichte – die Meinung des Sohnes war ihm immer wichtig gewesen. Im Flur öffnete Galina die Tür. Aus dem Treppenhaus wehte kühle Luft und der Duft von angebranntem Essen. Man hörte “Prosit!” und Gläserklirren von den Nachbarn. – Nimm deine Jacke! – befahl sie. Andreas zog widerwillig den Parka an – hoffte immer noch, dass es ein Theater sei: Ein bisschen Geschirr fliegt, dann verzeiht sie. Jetzt weint sie doch gleich, und alles wird wie immer. – Galina, wohin soll ich denn? Hör auf mit dem Zirkus. Jeder macht mal einen Fehler. Es war eine Affäre, nichts Ernstes. Ich liebe dich doch! Dieses “Ich liebe dich” nach dem “Glucke” war der letzte Tropfen. – Raus! – Galina schob den Koffer auf den Treppenabsatz. Er rollte ein paar Meter und krachte gegen das Geländer. Der Hemdenärmel hing wie eine weiße Kapitulationsflagge. Andreas humpelte hinterher, noch im Hausschuhen. – Die Stiefel! – erinnerte Galina und schleuderte sie ihm vor die Füße. – Und den Schlüssel aufs Regal. – Du wirst es bereuen, Galina! Jetzt bist du allein! Wen willst du noch mit fünfzig? – Endlich brach die Wut hervor. Sein Gesicht verzog sich hasserfüllt. – Deine Suppen und Langeweile hab ich jahrelang ertragen! Die Mieze ist jung, lebendig – du bist eine ausgeleierte Schallplatte! – Gut so, – Galina empfand seltsame Erleichterung bei seinen Worten. Die Masken waren gefallen: Kein Ehemann, sondern ein fremder, böser Kerl. – Vielleicht kann Mieze Ente braten. Sie schloss die Tür vor seiner Nase, drehte den Riegel zweimal und legte die Kette vor. Mit dem Rücken zur eisigen Tür lehnte sie sich an, lauschte. Im Flur polterte es, Geschimpfe, Schuhgetrampel. Andreas zog sich um. Dann rollte der Koffer weg und man hörte den Aufzug. Stille. Galina glitt am Türrahmen hinunter. Die Beine zitterten, Herz klopfte bis zum Hals. Sie saß auf der Fußmatte im teuren Samtkleid und starrte auf den leeren Garderobenhaken, wo gerade noch Andreas‘ Jacke hing. Tränen kamen (noch) nicht – nur Schock, wie nach einem Unfall, wenn man die Verletzung sieht, aber keinen Schmerz spürt. Zehn Minuten saß sie dort, dann stand sie auf, strich das Kleid glatt und ging in die Küche. Dort hatte sich nichts verändert. Der Fernseher lief weiter, jetzt kam ein Musical. Der Sekt hörte auf zu perlen. Die Ente kühlte ab, das Fett glänzte nicht mehr. Galina nahm ihr Glas. – Frohes neues Jahr, Galina, – murmelte sie der leeren Stube zu. – Frohes neues Leben. Sie trank den Sekt wie Wasser. Er schmeckte nach nichts. Ihr Blick fiel auf das Geschenk für Andreas, die schöne Schachtel mit der Schweizer Uhr. Drei Monate hatte sie dafür gespart. Galina öffnete die Schachtel, das Chrom glänzte. – Macht nichts, – flüsterte sie. – Geb ich Arne. Oder ich verkauf sie, gönn mir was im Schwarzwald. Sie setzte sich an Andreas‘ Platz. Griff zur Gabel, probierte den Salat. Köstlich. Sie konnte immer gut kochen. Die Wohnung war sauber. Sie war gepflegt. “Glucke.” Das Wort steckte wie ein Splitter im Kopf. Aber als Andreas weg war, begann es die Kraft zu verlieren. Würde eine Glucke in der Silvesternacht ihren Mann rauswerfen? Eher hätte sie geschluckt, so getan als ob, heimlich ins Kissen geweint – und sich erst recht bemüht, zu gefallen. Aber sie hat ihn rausgeworfen. Also kein Hausmütterchen, sondern eine Frau mit Stolz. Galinas Handy piepte. Sie erschrak, dachte schon an fiese oder reuige Nachrichten von Andreas. Doch es war ein Bild von ihrer Tochter. Foto: Lena und ihr Mann am Strand, mit Weihnachtsmützen, Kokosnüsse in der Hand. “Mama und Papa! Frohes neues Jahr! Wir haben euch lieb! Wie geht’s euch? Lasst es euch schmecken mit Mamas Ente! Küsschen!” Galina sah die fröhliche, braungebrannte Lena, die ihr in jungen Jahren so ähnelt. Endlich kamen Tränen. Aber keine der Verzweiflung, sondern der Befreiung. Sie weinte um sich selbst, die vertanen Jahre und die blinde Liebe. Sie aß das Oliviersalat direkt mit dem großen Löffel aus der Schüssel. Dann wischte sie sich das Gesicht ab. Tippte der Tochter: “Frohes neues Jahr, meine Lieben! Uns geht’s gut. Papa … ist kurz frische Luft schnappen. Hab euch lieb.” Sie wollte ihnen das Fest nicht vermiesen. Sie erzählt es später. Heute war es nur ihr Kampf, ihr Sieg. Galina stand am Fenster. Neunter Stock. Unten zündete jemand Feuerwerk, bunte Blitze leuchteten über schneebedeckten Autos. Irgendwo unten lief Andreas mit Koffer. Sie sah ihn vor sich, wie er durch Schnee rollt, nach Taxi sucht. In der Silvesternacht kosten Taxen ein Vermögen, und man wartet lange. Und “Mieze” … Empfängt sie ihn mit Koffer? Einen Liebhaber mit Sekt und Geschenken nimmt man gern für ein paar Stunden auf – einen Mann, den die Ehefrau rausgeworfen hat, mit zerbeulten Sachen und ohne Geld (die Karten lagen alle auf Galinas Namen, war keine Gehalt mehr drauf) und Problemen? Galina schmunzelte. Werkstattromantik zerschellt schnell an der harten Realität. Sie kehrte zurück, nahm ein Entenbein, biss kräftig ab. Der Hunger kam zurück. Mit jedem Bissen fühlte sie sich gestärkter. Plötzlich klingelte es lang und stur an der Tür. Galina erschrak. Zurückgekehrt? Will er die Tür eintreten? Leise ging sie zum Guckloch. Auf dem Flur stand die Nachbarin, Frau Walter, leicht beschwipst, mit einer Schale unter dem Tuch. Galina öffnete aufatmend. – Galinchen, frohes neues Jahr! – rief Frau Walter mit Schwung. – Wir haben frische Krautpiroggen gebacken! Wollte mal den Nachbarn was bringen. Warum ist bei euch so ruhig? Wo ist Andreas? Hab den vorhin mit Koffer am Aufzug gesehen, ganz bleich. Dienstreise im neuen Jahr? Galina schaute auf die Piroggen. – Ist verreist, Frau Walter – antwortete sie ruhig. – Dienstreise. Lange. Für immer. Die Nachbarin bekam große Augen. – Wirklich? In der Silvesternacht? Hattet ihr etwa Streit? – Nein, – Galina lächelte ehrlich. – Im Gegenteil. Dinge geklärt. Kommen Sie rein, die Ente wird kalt, der Sekt ist offen. Allein ist zu viel. Kurz zögerte Frau Walter, dann zuckte sie mit den Schultern: – Da komm ich gern! Meiner schnarcht eh, ist besoffen. Wir machen uns einen schönen Frauenabend. Sie saßen bis drei in der Küche, aßen Ente, Piroggen, tranken Sekt und Likör. Galina verriet nichts von “Mieze” und “Glucke”, sagte nur, sie habe von der Affäre erfahren. Frau Walter, lebenserfahren, bohrte nicht nach, sondern meinte nur: “Richtig gemacht. Solche Kerle muss man rauswerfen, wenn sie keine Anstand mehr haben. Du bist noch attraktiv und taff, du bekommst noch eine richtige Schlange vor deiner Tür.” Galina glaubte es. Das erste Mal seit langem blickte sie voller Hoffnung in die Zukunft. Am Morgen weckte sie nicht das Schnarchen ihres Mannes, sondern Sonnenstrahlen. Der Kopf war klar. Die Wohnung still, aber nicht leer – sondern friedlich und rein. Galina ging durchs Zimmer, sammelte Sachen von Andreas ein – Rasierer, Hausschuhe, Ladegerät, Bücher – alles in einen Müllsack, den sie später vor die Tonne stellen würde. Sie kochte echten Kaffee, keinen Instant, wie Andreas ihn immer wollte. Setzte sich ans Fenster. Das Handy piepte – Nachricht von Andreas. “Galina, wieder nüchtern? Ich bin beim Kumpel untergekommen. Das war alles ein Missverständnis. Lass uns ruhig reden – ich verzeih dir den Ausraster.” Galina lachte laut. “Er verzeiht!” Wie nett. Sie drückte “Blockieren”. Loggte sich in die Banking-App ein und sperrte die Karten, die Andreas nutzte. Trank ihren Kaffee, sah in den Spiegel. Die Augen etwas geschwollen, aber frische Haut, gesundes Rot auf den Wangen. – Willkommen, neues Leben – sagte sie zu sich selbst. – Ich glaube, wir werden Freunde. Sie drehte die Musik auf, etwas Temperamentvolles, und begann zu räumen. Ein ganzes Jahr lag vor ihr. Und dieses Jahr gehört nur ihr. Hat Ihnen die Geschichte gefallen? Ich freue mich auf Ihr Like und Ihr Abonnement. Schreiben Sie in die Kommentare, wie Sie an Galinas Stelle handeln würden?

31. Dezember

Heute habe ich etwas erlebt, das wohl mein Leben verändern wird und ich schreibe diese Zeilen, damit ich mir alles von der Seele reden kann.

Es war Silvester, bei uns in Berlin. Wie jedes Jahr habe ich schon morgens alles für den Abend vorbereitet: Entenbraten mit Äpfeln im Ofen, Kartoffelsalat, frisch gebackene Brötchen, und natürlich durfte der Kaviar nicht fehlen, den ich liebe eine Tradition aus meiner ostdeutschen Kindheit. Ich hatte mir für diesen Abend sogar ein neues, dunkelblaues Samtkleid gegönnt und war beim Friseur, damit meine Haare wirklich perfekt liegen. Seit unsere Kinder, Jonas und Friederike, aus dem Haus sind Jonas feiert mit seiner Verlobten in den Alpen, Friederike verbringt Silvester mit ihrem Mann auf Mallorca sind mein Mann und ich an Silvester meist zu zweit. Ich wollte dieses Mal etwas Romantik zurückholen, wie zu unseren Anfangsjahren, und so war alles besonders schön hergerichtet.

Martin, mein Mann, lag bequem auf dem Sofa, die Füße auf dem Couchtisch, Fernseher lief mit irgendeiner Silvestershow, und wie so oft war sein Handy wichtiger als alles andere. Während ich in der Küche hantierte, rief ich:Du hast den Sekt nicht ins Gefrierfach gelegt, oder? Ich hatte dich doch gebeten, ihn einfach in den Kühlschrank zu stellen, er friert sonst ein und wir trinken nachher Eiswürfel!

Martin hob nicht einmal den Kopf, seine Finger sausten über den Bildschirm, und auf den Lippen lag dieses kaum merkliche, selbstgefällige Grinsen. Ach, das macht doch nichts, Anna. Wir holen ihn raus, während der Bundespräsident seine Rede hält, und bis dahin ist er perfekt. Wo ist eigentlich mein hellblaues Hemd? Das, das du letzte Woche gebügelt hast?

Mit einem Seufzer wischte ich mir die Hände am Schürzenzipfel ab, denn bis Mitternacht war nur noch gut anderthalb Stunden Zeit. Die Enten duftete schon himmlisch und mein Haar zupfte ich schnell mit ein paar Klemmen zurecht. Seit Jahren läuft Silvester bei uns wie eine Routine: Ich wirble durchs Haus, damit alles einladend aussieht, Martin nimmt die ganze Vorbereitung als Selbstverständlichkeit sein Beitrag ist meist nur nominell.

Du findest das Hemd im Schrank, zweite Ablage von oben. Wo sonst?, rief ich aus der Küche, prüfte den Braten und stellte die Kaviarschale auf den Tisch. Hilf wenigstens etwas mit! Leg die Servietten hin, hol die Sektgläser.

Mach ich gleich, Anna muss eben eine wichtige Nachricht wegen der Arbeit beantworten. Mein Mann ist Logistikmanager, aber am Silvesterabend kurz vor Mitternacht? Ich schob die Gedanken beiseite, immerhin vertraute ich ihm. Nach 25 Jahren Ehe gab es keinen Grund für Misstrauen, dachte ich oder ich wollte es einfach nicht sehen.

Ich sorgte für letzte Handgriffe am Essen in diesem Jahr blieben wir allein. Früher nervte mich das, jetzt dachte ich, es sei eine Chance für Zweisamkeit. Ich hatte ein schönes Geschenk für Martin besorgt: Eine teure, deutsche Automatikuhr, auf die er schon lange schielte, aber das Geld immer für Wichtigeres gebraucht.

Plötzlich hörte ich, wie er aus dem Schlafzimmer rief: Habs gefunden! Sieht doch gut an mir aus, oder? Ich hab gar nicht zugenommen, oder?

Er kam in den Flur, das Hemd spannte ziemlich um den Bauch, aber ich sah ihn mit Zuneigung an. Für seine 52 Jahre sah er immer noch gut aus, graue Schläfen geben ihm Würde und die kleinen Fältchen um die Augen blitzten auf, wenn er lacht.

Du siehst großartig aus, Martin. Setz dich, es geht los.
Wir setzten uns an den festlichen Tisch, Lichtketten blinkten am Tannenbaum, das Fernsehen plapperte fröhlich über die altbekannten Hits, und alles roch nach froher Erwartung. Martin legte sein Handy auf den Tisch, Bildschirm nach unten ein Trick, den ich nur zu gut kannte.

Ich hob das Glas. Auf das Gute im neuen Jahr, und dass alles Schlechte hinter uns bleibt!

Jawoll! Er stieß an, trank schnell aus und griff schon wieder zum Handy.

Leg das doch mal weg, Martin, bat ich ihn ruhig, aber bestimmt. Es sind wir zwei schenke mir doch mal deine Aufmerksamkeit.

Jetzt fang nicht an, Anna. Die Kinder könnten ja noch schreiben oder Bilder schicken

Darauf konnte ich schlecht etwas sagen vielleicht meldeten Jonas oder Friederike sich wirklich.

Wir aßen und redeten über das Wetter, über Pläne für die Winterferien. Martin schlug vor, aufs Land zu fahren, im verschneiten Wald spazieren zu gehen und Grillwürstchen zu machen. Ich nickte und malte mir schon die Spaziergänge aus.

Kurz vor Mitternacht öffnete Martin den Sekt. Jetzt wirds Zeit, Mutter. Gleich schlagen die Glocken.

Die Korke knallte, das prickelnde Getränk floss in die Gläser. Ich spürte diese kleine Aufregung, wie als Kind, wenn der neue Jahreswechsel magisch nahte. Ich hatte einen Zettel und Stift bereitgelegt mein Silvester-Ritual: Den Wunsch niederzuschreiben, ihn zu verbrennen und die Asche im Sekt zu trinken. Mein Wunsch war wie jedes Jahr schlicht: Gesundheit und Glück für alle.

Als das Glockenspiel begann, hob Martin das Glas. “Prosit Neujahr, meine Liebe!”

“Prosit Neujahr, Martin!” Ich lächelte zurück.

Genau da, mitten beim ersten Gongschlag, vibrierte Martins Handy laut auf der Tischplatte und der Bildschirm leuchtete auf. Das Handy lag direkt neben mir. Martin war abgelenkt mit dem Glas und reagierte nicht also fiel mein Blick automatisch auf die Benachrichtigung.

Die Nachricht kam von Herr Neumann, Autohaus.

Sie lautete in bunten Buchstaben: Frohes neues Jahr, mein Tiger! Kanns kaum erwarten, bis du dich von deiner Trutsche los machst. Der Sekt steht bereit, und unser Bett wartet. Lieb dich deine Kitty.

Mir fror das Blut in den Adern. Die Welt bewegte sich unerträglich langsam, jede Einzelheit brannte sich ins Gedächtnis. “Mein Tiger”, “Trutsche”, “deine Kitty”. Und die Unterschrift: Herr Neumann Autohaus.

In den letzten Monaten war Martin oft im Autohaus Neumann. Immer gab es angeblich Probleme am Wagen: die Federung, das Öl, irgendwelche Sensoren. Die alte Karre, Anna, braucht Pflege, sagte er und ich gab ihm immer Geld für Ersatzteile, ohne zu hinterfragen.

Jetzt sah er, dass ich lese und wurde rot, griff nervös nach seinem Handy und schob es hastig in seine Hosentasche.

Was ist los? Wünsch dir was es ist Mitternacht! Seine Stimme zitterte.

Ich schaute ihn an kein Tränen, nur kaltes Verstehen. Fünfundzwanzig Jahre. Ein Vierteljahrhundert. Und ich bin für ihn eine “Trutsche”.

“So, Herr Neumann also?” Mein Ton war fremd und heiser.

Martin schluckte. Wovon sprichst du? Das ist der Mechaniker, Spam aus dem Autohaus wohl! Schicken die an alle Kunden.

Der Mechaniker nennt dich seinen Tiger? Und wartet ohne Unterwäsche?

Sein Gesicht bekam Flecken, er versuchte zu grinsen, doch es wurde zur Fratze.

Anna, du guckst in fremde Handys das schickt man nicht! Hör auf, dich da reinzusteigern. Alles nur ein Spaß. Die Jungs vom Autohaus machen solche Scherze.

Zeig es mir, forderte ich ihn und streckte die Hand aus. Wenn das ein Witz ist, lache ich gern mit zeig die Chats.

Er presste sich an die Stuhllehne und schützte instinktiv die Tasche.

Du bist nicht mein Kontrolleur! Ein Mensch braucht Privatsphäre! Du inszenierst hier einen Eifersuchtstheater an Silvester? Bist du verrückt?

Im Fernseher singen die Leute, Raketen fliegen, draußen klirren die Gläser. Aber in unserer Wohnung war fröstelndes Schweigen.

Verrückt geworden… Trutsche und dort junge Kitty, ja?

Ich habe das nicht gesagt! Martin kreischte. Du interpretierst da was hinein! Hör mit dem Drama auf, stoßen wir an!

Ich sah auf den gedeckten Tisch, auf den Braten, den ich einen Tag lang mariniert hatte, auf die Salate und den Kristall, den es bei uns nur zu Silvester gibt. Alles wirkte auf einmal wie Requisite in einer billigen Komödie.

Schweigend verließ ich die Küche.

Anna! Anna, wohin gehst du? Martin sprang auf, folgte mir aber nicht und blickte verstohlen auf sein Handy.

Ich leuchtete das Schlafzimmer. Das grelle Licht fiel auf unser Ehebett, auf die Kissen, die ich ausgewählt hatte, passend zu den Vorhängen. Ich schob die Schranktür laut auf.

Oben lag der große Rollkoffer der, mit dem wir vor drei Jahren in die Türkei reisten. Schon damals war er komisch distanziert, hing dauernd am Handy. Ich zerrte den Koffer vom Regal, er polterte auf den Boden.

Ich öffnete den Zipper und begann, die Sachen meines Mannes unsortiert hineinzuschleudern. Pullover, Jeans, Hemden alles flog beulenförmig hinein. Ich faltete nichts, warf nur wahllos.

Martin erschien atemlos in der Tür. Was machst du da? Du bist doch nicht ganz bei Trost! Silvester und du schmeißt mich raus?!

Genau, sagte ich eiskalt und ließ Socken und Unterwäsche reinregnen. Neues Jahr, neues Leben. Du mit deiner Kitty, ich ohne Verräter.

Anna! Hör auf! Es war nur eine Nachricht! Da war nie etwas! Er sprang zu mir, wollte mich am Arm packen.

Ich schob ihn weg überraschend kraftvoll. Das Adrenalin gab mir die Wut einer Siegfried.

Rühr mich nicht an! Nichts war? ‘Ich warte auf dich’! Darum hast du mich beim Essen gedrängt? Wolltest fressen, trinken und dann zu ihr her mit dem Ehrlichen, dann Notlüge?

Er schwieg, sein nervöser Blick verriet, dass ich ins Schwarze traf. Das war der Plan Silvester daheim für das Protokoll, und dann ab zu Kitty.

Raus. Sofort.

Wohin denn? Es ist Nacht, Neujahr! Diese Wohnung gehört auch mir!

Diese Wohnung habe ich von meinen Eltern geerbt, Martin. Du bist nur gemeldet. Nach den Feiertagen bist du abgemeldet. Jetzt geh zu Herrn Neumann. Soll der dich wärmen.

Ich knallte den Koffer zu. Die Sachen quollen raus, der Reißverschluss hing schief, aber das interessierte mich nicht. Ich presste mit dem Knie drauf, schloss irgendwie, ein Hemdsärmel baumelte wie eine Fahne.

Anna, lass uns morgen reden, jetzt sind wir beide aufgewühlt

Ich bin kein bisschen betrunken, schnitt ich ab. Wir brauchen nicht zu reden. 25 Jahre ich habe dir vertraut. Für dich war ich die Trutsche.

Ich packte den Koffer, rollte ihn in den Flur. Die Räder rumpelten über den Boden. Martin rannte hinterher, ringend mit sich.

Du zerstörst die Familie! Denk an die Kinder! Was wird Jonas sagen?

Ich erzähle es ihnen selbst. Mit Screenshot wenn du dich nicht sofort verziehst. Jonas wird sicher schätzen, wie sein Vater seine Mutter nennt.

Martin wurde bleich. Jonas Meinung war ihm immer wichtig, da gab er sich als Musterpapa.

Ich öffnete die Haustür, kalter Berliner Treppenhausgeruch, Stimmen und Gläserklingen aus den Wohnungen. Nimm deine Jacke.

Langsam zog er sie an, immer noch hoffend, es sei ein Spiel und ich verzeihe ihm im nächsten Moment.

Anna, wo soll ich denn jetzt hin? Ist doch albern. Es war eine Affäre, nur so es war die Versuchung des Moments, weiter nichts. Ich liebe dich doch.

Genug. Es war eine seltsame Erleichterung endlich fiel die Maske. Da stand kein Ehemann, sondern ein fremder, verbitterter Mann. Hoffentlich kann Kitty Entenbraten kochen.

Ich schlug die Tür direkt vor seiner Nase ins Schloss. Zweimal drehte ich ab, dann ketterte ich zu.

Ich lehnte mich gegen das kalte Metall, hörte, wie er seine Schuhe anzieht, den Koffer über den Flur rollt, den Lift knarrend ruft. Dann Stille.

Ich ließ mich an der Tür hinunter auf den Boden sinken. Im Samtkleid, zitternd, das Herz schlug bis zum Hals. Ich blickte auf die leere Garderobe Martins Jacke war verschwunden.

Keine Tränen nur Schock, wie nach einem Unfall. Man sieht die Scherben, fühlt aber noch keinen Schmerz.

Nach zehn Minuten stand ich auf, strich das Kleid glatt und ging zurück in die Küche.

Dort war alles unverändert. Die Silvestershow im Fernsehen, Sekt im Glas, der Braten kühlte langsam aus.

Ich nahm mein Sektglas. Na dann, frohes neues Jahr, Anna. Damit beginnt jetzt alles neu.

Ich trank das Glas leer wie Wasser der Sekt war schal und geschmacklos.

Mein Blick fiel auf Martins Geschenk. Eine wertvolle, deutsche Automatikuhr, drei Monate fleißig gespart.

Ich öffnete die Schachtel, das Chrom blitzte. Nicht schlimm, murmelte ich. Jonas bekommt sie, oder ich verkaufe sie und gönne mir ein Wochenende im Spreewald.

Ich setzte mich auf Martins alten Platz, probierte den Salat. Schmeckte köstlich ich konnte immer toll kochen, mein Haus war ordentlich und ich achte auf mich. Trutsche. Das Wort steckte wie eine Gräte. Doch allein, nach der Trennung, verlor es jeden Sinn. Eine Trutsche hätte den Betrüger schweigend ertragen, geweint, und sich noch mehr Mühe gegeben.

Ich habe es beendet. Also bin ich keine Trutsche sondern eine Frau mit Stolz.

Mein Handy piepte. Ich zuckte zusammen dachte, Martin würde noch irgendeine Drama-Nachricht schicken. Aber das Bild zeigte Friederike: Sie und ihr Mann mit Nikolausmütze am Strand, Kokosnuss in der Hand. Mama und Papa! Frohes neues Jahr! Wir lieben euch! Wie gehts euch? Genießt sicher wieder Mamas Entenbraten! Kuss!

Ich starrte auf das glückliche Foto meiner Tochter so wie ich früher aussah. Da flossen endlich Tränen aber anders als erwartet, reinigend. Ich weinte über die verschwendeten Jahre, die blinde Liebe, die Enttäuschung, und aß den Kartoffelsalat direkt aus der Schüssel, mit dem großen Löffel.

Ich wischte die Tränen ab, schrieb zurück: Frohes neues Jahr, ihr Lieben! Uns gehts gut. Papa ist kurz raus zum Luft holen. Ich liebe euch.

Den beiden wollte ich den Abend nicht verderben. Ich erzähle alles in Ruhe, wenn ich bereit bin. Das war heute nur meine eigene Schlacht und mein Sieg.

Ich ging zum Fenster neunter Stock, überall Raketen. Die bunten Lichter spiegelten sich auf den verschneiten Autos unten.

Irgendwo da draußen stolperte nun Martin mit dem Rollkoffer über den Gehweg, versuchte wohl ein Taxi zu erwischen die Preise sind an Silvester astronomisch, und wartezeiten ewig. Ob Kitty ihn wirklich erwartet, mit Koffer und all dem Kram? Ein paar Stunden Liebelei ist was anderes als einen ausgesetzten Mann samt schmutziger Wäsche und leeren Kontostand (alle Karten laufen auf meinen Namen) dauerhaft zu beherbergen.

Ich schmunzelte. Die Autohaus-Romanze wird am Alltag zerbrechen, noch bevor die Raketen am Himmel verglühen.

Ich kehrte zum Tisch zurück, riss ein Stück von der Entenkeule ab und genoss das Essen. Mit jedem Bissen kehrten Stück für Stück die Kräfte zurück.

Plötzlich klingelte es. Langer, energischer Klingelton.

Ich spannte mich an war er etwa zurück? Würde er die Tür eintreten?

Vorsichtig schaute ich durch den Spion. Draußen stand Frau Schulze, die Nachbarin, im bunten Hausrock und mit einer mit Küchenhandtuch abgedeckten Platte.

Ich atmete auf und öffnete die Tür.

Anna, frohes neues Jahr!, rief sie, schon beschwipst. Ich hab eben frische Kraut-Piroggen gebacken, dachte, ich bring meinen Nachbarn was. Warum ists bei euch so ruhig? Wo ist Martin? Hab ihn eben mit Koffer und finsterem Gesicht am Fahrstuhl gesehen. Dienstreise heute Nacht?

Er ist abgereist, Frau Schulze eine lange Geschäftsreise. Für immer.

Ihre Augen wurden groß, die Brauen zogen nach oben.

Ach herrje Silvester? Krach gehabt?

Nein. Ich lächelte ehrlich und friedlich. Eigentlich haben wir nur endlich Klarheit geschaffen. Kommen Sie rein, Frau Schulze. Die Ente wird kalt und Sekt hab ich geöffnet allein ist das zu viel.

Sie zögerte einen Moment, dann winkte ab: Ach, warum nicht? Mein alter Herr schläft eh nach dem dritten Bier. Wir machen uns einen netten Abend!

Und so saßen wir zu zweit bis in die frühen Morgenstunden, genossen Ente, Piroggen, Sekt und Likör. Ich erzählte ihr gar nicht alles nur dass ich von einem Betrug erfahren hatte. Frau Schulze, erfahren und lebensklug, sagte nur: Genau richtig gemacht. So einen Kerl muss man ziehen lassen, wenn er keinen Anstand mehr kennt. Anna, du bist eine bildschöne Frau du wirst noch Schlange stehen haben!

Zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte ich Hoffnung nicht Angst vor dem Morgen.

Als ich am nächsten Tag aufwachte, war die Wohnung friedlich still keine schnarchende Männerstimme. Durchs Fenster schien die Sonne, und die Stille war nicht traurig, sondern klar und frisch.

Ich ging durch die Zimmer, sammelte die Reste von Martins Dingen Rasierer, Pantoffeln, Ladekabel. Alles in eine große Mülltüte ab damit zur Müllabfuhr.

Ich brühte echten Filterkaffee auf kein Instantzeug, das Martin bevorzugte. Am Fenster trank ich langsam, spürte Ruhe.

Dann vibrierte mein Handy Nachricht von Martin:
Anna, bist du wieder bei Verstand? Bin bei nem Kumpel untergekommen. Das war alles ein Missverständnis. Lass uns doch in Frieden reden, ich bin bereit, dir den Aussetzer zu vergeben.

Ich musste laut lachen: Er vergibt mir Was für eine Ironie.

Ich drückte auf Blockieren. Dann sperrte ich alle Neben-Kreditkarten, die er benutzt hatte.

Mit dem letzten Schluck Kaffee sah ich mein Spiegelbild gerötete Augen, aber frische Haut, ein Hauch von Lebenslust.

“Willkommen im neuen Leben”, sagte ich zu der Frau im Spiegel. “Wir schaffen das.”

Ich drehte Musik auf, einen schnellen Beat, und begann, den Tisch abzuräumen.

Das ganze Jahr liegt vor mir und dieses Mal gehört es nur mir.

Mein persönliches Fazit: Wer immer sich selbst klein hält, verliert sich irgendwann. Ich habe daraus gelernt: Stolz ist der Anfang jeder neuen Freiheit.

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Homy
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Nachricht auf dem Handy meines Mannes kurz vor Mitternacht – ich stelle seinen Koffer auf die Treppe – Hast du den Sekt wieder ins Gefrierfach gelegt? Ich habe doch gesagt, einfach in den Kühlschrank, sonst friert er wieder und dann haben wir Sekt mit Eisstücken, – Galina wuselte um den festlich gedeckten Tisch und suchte Platz für das Schälchen mit rotem Kaviar. Andreas, lässig auf dem Sofa vor dem Fernseher, drehte sich nicht einmal um. Er war ganz in seine Handy-Chats vertieft, tippte blitzschnell, ein kaum merkliches Lächeln auf den Lippen. – Ach komm, Galina, sei nicht so pingelig. Zwanzig Minuten wird da schon nichts passieren. Wir holen ihn raus, während der Bundespräsident spricht, dann wärmt er sich von selbst auf, – winkte er ab und sah nicht vom Handy auf. – Sag mir lieber, wo mein blaues Hemd ist. Das, das du letzte Woche gebügelt hast. Galina seufzte und wischte sich die Hände am Schürzchen ab. Bis Mitternacht war es nur noch anderthalb Stunden, und ihre Ente im Ofen brauchte Aufmerksamkeit – für die Frisur war auch noch keine Zeit. Jeder Silvesterabend verlief nach demselben Muster: Sie machte sich einen Stress, damit alles perfekt wirkt, während Andreas das für selbstverständlich nahm und sich nur minimal an den Vorbereitungen beteiligte. – Im Schrank auf dem zweiten Brett, Andreas. Wo auch sonst? – Sie schaute nach der Ente. Der Duft von Bratäpfeln und Gewürzen erfüllte die Küche, verbreitete diese ganz besondere Festtagswärme. – Du könntest wenigstens beim Tischdecken helfen. Die Servietten, die Gläser… – Gleich, Galina, gleich. Das ist eine wichtige Nachricht von der Arbeit, muss ich kurz beantworten, – murmelte er. Galina stockte einen Moment. Eine Arbeitsnachricht? Am 31. Dezember, um kurz vor elf? Andreas arbeite doch als Logistikleiter, da hatte um die Uhrzeit jeder Spediteur schon frei. Sie schob die Bedenken beiseite. Vielleicht steckt doch irgendwo ein Lkw fest oder eine Rechnung fehlt. Nach 25 Jahren Ehe hatte sie gelernt, Andreas zu vertrauen, oder sich zumindest keine Vorwürfe wegen Kleinigkeiten zu machen. Sie schnitt den Käse und dachte daran, dass sie diesmal niemand eingeladen hatten. Die Kinder – Sohn Arne und Tochter Lena – sind längst aus dem Haus. Arne feierte mit seiner Verlobten in den Alpen, Lena war mit ihrem Mann nach Mallorca geflogen. Galina war zunächst niedergeschlagen, dann beschloss sie, einen romantischen Abend zu zweit zu gestalten. Wie früher. Sie hatte ein neues Kleid gekauft, dunkelblauer Samt, passend zu ihren Augen, war extra zum Friseur und zur Maniküre, hatte schöne Geschenke organisiert. Für Andreas gab es eine hochwertige Armbanduhr, auf die er so lange gespart hätte, aber sich das Geld immer verkniff. – Gefunden! – rief Andreas aus dem Schlafzimmer. – Das steht mir gar nicht schlecht, oder? Hab ich zugenommen? Er kam in den Flur, die Knöpfe am Bauch schlossen sich mit Mühe. Galina betrachtete ihren Mann liebevoll. Für 52 sah er gut aus. Die grauen Schläfen gaben ihm Würde, die Lachfalten kamen nur beim Lächeln. – Ganz der Gentleman – sagte sie ehrlich. – Komm, wir verabschieden das alte Jahr. Sie gingen zum Tisch. Im Fernsehen jubelte die Show, Stars sangen Dreißig-Jahre-Hits, die Lichterkette blinkte am Baum. Galina schöpfte ihm Salat, schenkte Beerenpunsch aus. Andreas legte das Handy aufs Tischtuch, Display nach unten, direkt neben seinen Teller. – Auf ein neues Jahr und dass alles Schlechte zurückbleibt, – Galina erhob ihr Glas. – Na klar, – Andreas stieß an, trank aus und griff sofort ans Handy. – Eine Sekunde, ich muss nur das Ergebnis checken. – Andreas, jetzt lass doch mal das Handy weg, – bat Galina dieser Zeit eindringlich. – Wir sitzen hier zu zweit. Wozu das Gerät? Schenk deiner Frau Aufmerksamkeit. – Galina, fang bitte nicht an. Jeder ist erreichbar heutzutage. Wer weiß, vielleicht meldet sich Arne oder Lena schickt Fotos? Da hatte er einen Punkt. Galina schwieg – vielleicht würden die Kinder ja wirklich noch schreiben. Sie aßen, redeten über das Wetter, die kommenden Feiertage. Andreas schlug vor, an die Hütte zu fahren, Schnee zu räumen, Grillen anzufeuern. Galina nickte, stellte sich die Spaziergänge vor. Alles wirkte so ruhig, so richtig. Die Ente war auf den Punkt geröstet, das Fleisch löste sich förmlich, die Äpfel waren köstlich. Kurz vor zwölf griff Andreas endlich nach dem Sekt. – Na dann, Mutti, stöpseln wir auf! Bald schlagen die Glocken. Die Flasche knallte, prickelnder Wein floss ins Glas. Galina war aufgeregt wie ein Kind. Der Moment des Jahreswechsels schien ihr immer magisch. Papier und Stift lagen bereit für den Wunsch, der verbrannt und ins Sektglas gemischt werden sollte. Seit Jahren schrieb sie denselben: “Dass alle gesund und glücklich bleiben”. Am Bildschirm erschienen die Glocken. Der Countdown begann. – Frohes Neues, Liebling! – rief Andreas und hob sein Glas. – Frohes Neues, Andi! – Galina lächelte. In diesem Moment, genau beim ersten Glockenschlag, vibrierte das Handy mit einem kurzen Ton, der Display leuchtete auf. Es lag kaum einen halben Meter neben Galinas Hand. Andreas, beschäftigt mit dem Sekt, schaffte es nicht rechtzeitig covern oder verdecken. Die Benachrichtigung erschien als heller Balken auf dem dunklen Hintergrund. Große Schrift, Nachrichtenvorschau. Galina wollte nicht lesen, aber das Auge fiel von selbst und las die bekannten Buchstaben. Die Nachricht stammte von “Herrn Meier Autowerkstatt”. Text: “Frohes Neues, mein Löwe! Kann es kaum erwarten, bis du dich von deiner Glucke losreißt. Der Sekt wird warm, und Dessous sind überflüssig geworden. Lieb dich, deine Mieze.” Galina erstarrte. Die Zeit stand still. Die Fernsehglocken bohrten weiter: dong, dong, dong – der Klang war wattig entfernt. Sie starrte auf den Bildschirm, bis er erlosch, doch die Worte brannten sich wie Feuer ein: “Mein Löwe.” “Von deiner Glucke.” “Deine Mieze.” Unterschrieben – Herr Meier. Langsam setzte die Erkenntnis ein, schmerzhaft und stoßweise. Herr Meier. Autowerkstatt. Andreas fuhr in letzter Zeit ständig zum Service. Sagte, das Auto spinnt, mal Radlager, mal Öl, mal Sensor. “Altes Schätzchen, braucht Pflege.” Galina hatte geglaubt, mitgefühlt, Geld für Ersatzteile aus dem Haushaltsbudget gegeben. Andreas sah ihren Blick. Sah, wie ihr Gesicht erblasste. Hektisch griff er das Handy und steckte es eilig in die Hosentasche. – Galina, was hast du denn? Denk an deinen Wunsch, die Glocken schlagen! – Seine Stimme zitterte, ein Hauch von Panik. Langsam hob Galina den Blick. Keine Tränen, nur die eisige, lähmende Erkenntnis. Fünfundzwanzig Jahre. Ein Vierteljahrhundert. Und dann “Glucke”. – Herr Meier also? – fragte sie leise mit fremder, heiserer Stimme. Andreas verschluckte sich. – Wer? Wen meinst du? Ein Mechaniker hat mich nur beglückwünscht, vermutlich Massen-Mail. Die schicken das an alle Kunden. – Nennt der Mechaniker dich “Löwe”? Und wartet im Negligé? – Galina erhob sich, der Stuhl kratzte widerlich am Parkett. Andreas’ Gesicht überzog sich mit roten Flecken. Er versuchte ein Lächeln, es geriet zur Grimasse. – Galina, du starrst anderen Leuten aufs Handy? Das ist ja peinlich! Außerdem hast du alles falsch verstanden. Die Jungs aus der Werkstatt machen halt mal blöde Späße. – Zeig her, – Galina streckte die Hand aus. – Zeig die Unterhaltung. Wenn das ein Werkstattwitz war, lachen wir zusammen. Andreas lehnte sich ängstlich zurück und schützte die Tasche. – Ich muss gar nichts zeigen! Ein Mensch braucht Privatsphäre! Du machst hier ausgerechnet zu Silvester eine Eifersuchtsszene? Bist du jetzt völlig durchgedreht? Im Fernsehen beginnt die Nationalhymne. Draußen knallen Feuerwerke. Drinnen herrscht zermürbende Stille. – Völlig durchgedreht … Also, ich bin die alte Glucke, und du hast draußen eine junge Mieze? – Das hab ich nie gesagt! – quietschte Andreas. – Das ist alles Fantasie! Hör auf zu spinnen, lass uns anstoßen und uns beruhigen. Galina blickte auf den festlich gedeckten Tisch. Die Ente, die sie mariniert hatte. Die Salate, von ihr geschnitten. Den Kristall, der sonst nur zu großen Feiertagen aus der Vitrine kommt. All das wirkte plötzlich wie eine Kulisse. Ein billiges Theater, in dem sie die Törin gab. Schweigend verließ sie die Küche. – Galina! Wohin gehst du? – Andreas sprang auf, folgte aber nicht. Sie ging ins Schlafzimmer, knipste helles Licht an, das unerbittlich das gemeinsame Bett aufleuchtete. Die Tagesdecke, von ihr passend zu den Vorhängen ausgewählt. Die Polster, auf denen sie Jahre miteinander verbracht hatten. Sie schob die Schiebetür des Schranks auf. Oben lag der große Rollkoffer. Mit dem waren sie zuletzt vor drei Jahren in die Türkei gereist, der letzte gemeinsame Urlaub, in dem Andreas schon so abwesend und mit dem Handy beschäftigt war. Galina wuchtete den Koffer auf den Boden. Sie öffnete ihn und begann, methodisch alle Sachen vom Mann hereinzuschaufeln. Pullover, Jeans, T-Shirts – alles flog als Häufchen hinein. Sie faltete und glättete nicht. Einfach rein, ohne Rücksicht. – Sag mal, tickst du noch richtig? – Andreas stand in der Tür. Seine Augen waren rund. – Spinnst du? Silvester! – Genau, – presste Galina hervor. Sie kippte das Socken- und Unterwäschefach über dem Koffer aus. – Silvester. Neustart. Mit deiner Mieze. Ich ohne Verräter. – Galina, hör auf! Das war nur eine Nachricht! Da war nix! – Andreas griff nach ihren Armen. Galina stieß ihn mit unverhoffter Kraft fort. Adrenalin und Wut gaben ihr Kraft. – Fass mich nicht an! – brüllte sie, dass Andreas zurückwich. – Nichts war? “Kann es nicht erwarten, dass du dich losreißt”? Deshalb hast du gedrängelt? Deshalb warst du den ganzen Abend nervös? Wolltest schnell schlemmen, anstoßen und ab zu ihr, und mir Märchen vom kranken Freund oder einem Unfall auf der Arbeit erzählen? Andreas schwieg. An seinem irren Blick erkannte Galina, dass sie den Nagel getroffen hatte. Genau dieser Plan: Mit der Ehefrau das neue Jahr, dann zur Geliebten weiterfeiern. – Raus! – sagte sie ruhig. – Sofort. – Wo soll ich denn hin? Es ist Nacht! Erster Januar! Du bist nicht bei Trost! Das ist auch meine Wohnung! – Die Wohnung war ein Geschenk meiner Eltern. Du bist hier nur gemeldet. Und gleich nach den Feiertagen bist du abgemeldet. Jetzt – ab zu Herrn Meier. In die Werkstatt. Sollen er und deine Mieze dich wärmen. Sie klappte den Koffer zu. Kleidung quoll heraus, der Reißverschluss ging kaum zu, egal. Sie drückte das Knie drauf, irgendwie zu, der Hemdenärmel hing raus. – Galina, lass uns morgen reden. Wir sind beide betrunken … – Andreas versuchte zu beschwichtigen. – Ich hab keinen Tropfen getrunken – schnitt sie ihm ab. – Und reden brauchen wir nicht. Fünfundzwanzig Jahre … Ich hab dir alles geglaubt, dich auf Händen getragen – und ich war für dich die Glucke. Sie packte den Koffer und ließ ihn durch den Flur rollen. Die Räder klapperten auf dem Laminat. Andreas trabte hinterher. – Du schmeißt wegen Nichtigkeiten alles weg! Denk an die Kinder! Was wird Arne sagen? – Den Kindern erzähle ich alles. Und zeige den Screenshot, wenn du nicht gleich verschwindest. Mal sehen, wie Arne reagiert, wenn Papa Mama “Glucke” nennt. Andreas erbleichte – die Meinung des Sohnes war ihm immer wichtig gewesen. Im Flur öffnete Galina die Tür. Aus dem Treppenhaus wehte kühle Luft und der Duft von angebranntem Essen. Man hörte “Prosit!” und Gläserklirren von den Nachbarn. – Nimm deine Jacke! – befahl sie. Andreas zog widerwillig den Parka an – hoffte immer noch, dass es ein Theater sei: Ein bisschen Geschirr fliegt, dann verzeiht sie. Jetzt weint sie doch gleich, und alles wird wie immer. – Galina, wohin soll ich denn? Hör auf mit dem Zirkus. Jeder macht mal einen Fehler. Es war eine Affäre, nichts Ernstes. Ich liebe dich doch! Dieses “Ich liebe dich” nach dem “Glucke” war der letzte Tropfen. – Raus! – Galina schob den Koffer auf den Treppenabsatz. Er rollte ein paar Meter und krachte gegen das Geländer. Der Hemdenärmel hing wie eine weiße Kapitulationsflagge. Andreas humpelte hinterher, noch im Hausschuhen. – Die Stiefel! – erinnerte Galina und schleuderte sie ihm vor die Füße. – Und den Schlüssel aufs Regal. – Du wirst es bereuen, Galina! Jetzt bist du allein! Wen willst du noch mit fünfzig? – Endlich brach die Wut hervor. Sein Gesicht verzog sich hasserfüllt. – Deine Suppen und Langeweile hab ich jahrelang ertragen! Die Mieze ist jung, lebendig – du bist eine ausgeleierte Schallplatte! – Gut so, – Galina empfand seltsame Erleichterung bei seinen Worten. Die Masken waren gefallen: Kein Ehemann, sondern ein fremder, böser Kerl. – Vielleicht kann Mieze Ente braten. Sie schloss die Tür vor seiner Nase, drehte den Riegel zweimal und legte die Kette vor. Mit dem Rücken zur eisigen Tür lehnte sie sich an, lauschte. Im Flur polterte es, Geschimpfe, Schuhgetrampel. Andreas zog sich um. Dann rollte der Koffer weg und man hörte den Aufzug. Stille. Galina glitt am Türrahmen hinunter. Die Beine zitterten, Herz klopfte bis zum Hals. Sie saß auf der Fußmatte im teuren Samtkleid und starrte auf den leeren Garderobenhaken, wo gerade noch Andreas‘ Jacke hing. Tränen kamen (noch) nicht – nur Schock, wie nach einem Unfall, wenn man die Verletzung sieht, aber keinen Schmerz spürt. Zehn Minuten saß sie dort, dann stand sie auf, strich das Kleid glatt und ging in die Küche. Dort hatte sich nichts verändert. Der Fernseher lief weiter, jetzt kam ein Musical. Der Sekt hörte auf zu perlen. Die Ente kühlte ab, das Fett glänzte nicht mehr. Galina nahm ihr Glas. – Frohes neues Jahr, Galina, – murmelte sie der leeren Stube zu. – Frohes neues Leben. Sie trank den Sekt wie Wasser. Er schmeckte nach nichts. Ihr Blick fiel auf das Geschenk für Andreas, die schöne Schachtel mit der Schweizer Uhr. Drei Monate hatte sie dafür gespart. Galina öffnete die Schachtel, das Chrom glänzte. – Macht nichts, – flüsterte sie. – Geb ich Arne. Oder ich verkauf sie, gönn mir was im Schwarzwald. Sie setzte sich an Andreas‘ Platz. Griff zur Gabel, probierte den Salat. Köstlich. Sie konnte immer gut kochen. Die Wohnung war sauber. Sie war gepflegt. “Glucke.” Das Wort steckte wie ein Splitter im Kopf. Aber als Andreas weg war, begann es die Kraft zu verlieren. Würde eine Glucke in der Silvesternacht ihren Mann rauswerfen? Eher hätte sie geschluckt, so getan als ob, heimlich ins Kissen geweint – und sich erst recht bemüht, zu gefallen. Aber sie hat ihn rausgeworfen. Also kein Hausmütterchen, sondern eine Frau mit Stolz. Galinas Handy piepte. Sie erschrak, dachte schon an fiese oder reuige Nachrichten von Andreas. Doch es war ein Bild von ihrer Tochter. Foto: Lena und ihr Mann am Strand, mit Weihnachtsmützen, Kokosnüsse in der Hand. “Mama und Papa! Frohes neues Jahr! Wir haben euch lieb! Wie geht’s euch? Lasst es euch schmecken mit Mamas Ente! Küsschen!” Galina sah die fröhliche, braungebrannte Lena, die ihr in jungen Jahren so ähnelt. Endlich kamen Tränen. Aber keine der Verzweiflung, sondern der Befreiung. Sie weinte um sich selbst, die vertanen Jahre und die blinde Liebe. Sie aß das Oliviersalat direkt mit dem großen Löffel aus der Schüssel. Dann wischte sie sich das Gesicht ab. Tippte der Tochter: “Frohes neues Jahr, meine Lieben! Uns geht’s gut. Papa … ist kurz frische Luft schnappen. Hab euch lieb.” Sie wollte ihnen das Fest nicht vermiesen. Sie erzählt es später. Heute war es nur ihr Kampf, ihr Sieg. Galina stand am Fenster. Neunter Stock. Unten zündete jemand Feuerwerk, bunte Blitze leuchteten über schneebedeckten Autos. Irgendwo unten lief Andreas mit Koffer. Sie sah ihn vor sich, wie er durch Schnee rollt, nach Taxi sucht. In der Silvesternacht kosten Taxen ein Vermögen, und man wartet lange. Und “Mieze” … Empfängt sie ihn mit Koffer? Einen Liebhaber mit Sekt und Geschenken nimmt man gern für ein paar Stunden auf – einen Mann, den die Ehefrau rausgeworfen hat, mit zerbeulten Sachen und ohne Geld (die Karten lagen alle auf Galinas Namen, war keine Gehalt mehr drauf) und Problemen? Galina schmunzelte. Werkstattromantik zerschellt schnell an der harten Realität. Sie kehrte zurück, nahm ein Entenbein, biss kräftig ab. Der Hunger kam zurück. Mit jedem Bissen fühlte sie sich gestärkter. Plötzlich klingelte es lang und stur an der Tür. Galina erschrak. Zurückgekehrt? Will er die Tür eintreten? Leise ging sie zum Guckloch. Auf dem Flur stand die Nachbarin, Frau Walter, leicht beschwipst, mit einer Schale unter dem Tuch. Galina öffnete aufatmend. – Galinchen, frohes neues Jahr! – rief Frau Walter mit Schwung. – Wir haben frische Krautpiroggen gebacken! Wollte mal den Nachbarn was bringen. Warum ist bei euch so ruhig? Wo ist Andreas? Hab den vorhin mit Koffer am Aufzug gesehen, ganz bleich. Dienstreise im neuen Jahr? Galina schaute auf die Piroggen. – Ist verreist, Frau Walter – antwortete sie ruhig. – Dienstreise. Lange. Für immer. Die Nachbarin bekam große Augen. – Wirklich? In der Silvesternacht? Hattet ihr etwa Streit? – Nein, – Galina lächelte ehrlich. – Im Gegenteil. Dinge geklärt. Kommen Sie rein, die Ente wird kalt, der Sekt ist offen. Allein ist zu viel. Kurz zögerte Frau Walter, dann zuckte sie mit den Schultern: – Da komm ich gern! Meiner schnarcht eh, ist besoffen. Wir machen uns einen schönen Frauenabend. Sie saßen bis drei in der Küche, aßen Ente, Piroggen, tranken Sekt und Likör. Galina verriet nichts von “Mieze” und “Glucke”, sagte nur, sie habe von der Affäre erfahren. Frau Walter, lebenserfahren, bohrte nicht nach, sondern meinte nur: “Richtig gemacht. Solche Kerle muss man rauswerfen, wenn sie keine Anstand mehr haben. Du bist noch attraktiv und taff, du bekommst noch eine richtige Schlange vor deiner Tür.” Galina glaubte es. Das erste Mal seit langem blickte sie voller Hoffnung in die Zukunft. Am Morgen weckte sie nicht das Schnarchen ihres Mannes, sondern Sonnenstrahlen. Der Kopf war klar. Die Wohnung still, aber nicht leer – sondern friedlich und rein. Galina ging durchs Zimmer, sammelte Sachen von Andreas ein – Rasierer, Hausschuhe, Ladegerät, Bücher – alles in einen Müllsack, den sie später vor die Tonne stellen würde. Sie kochte echten Kaffee, keinen Instant, wie Andreas ihn immer wollte. Setzte sich ans Fenster. Das Handy piepte – Nachricht von Andreas. “Galina, wieder nüchtern? Ich bin beim Kumpel untergekommen. Das war alles ein Missverständnis. Lass uns ruhig reden – ich verzeih dir den Ausraster.” Galina lachte laut. “Er verzeiht!” Wie nett. Sie drückte “Blockieren”. Loggte sich in die Banking-App ein und sperrte die Karten, die Andreas nutzte. Trank ihren Kaffee, sah in den Spiegel. Die Augen etwas geschwollen, aber frische Haut, gesundes Rot auf den Wangen. – Willkommen, neues Leben – sagte sie zu sich selbst. – Ich glaube, wir werden Freunde. Sie drehte die Musik auf, etwas Temperamentvolles, und begann zu räumen. Ein ganzes Jahr lag vor ihr. Und dieses Jahr gehört nur ihr. Hat Ihnen die Geschichte gefallen? Ich freue mich auf Ihr Like und Ihr Abonnement. Schreiben Sie in die Kommentare, wie Sie an Galinas Stelle handeln würden?
Mein Ehemann wohnte im Schlafzimmer, während mein Liebhaber im Wohnzimmer lebte