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011
Er war fünfunddreißig. Einer der angesehensten Hochzeitsfotografen der Stadt, der auf Monate hinaus ausgebucht war – mit Preisen, so hoch wie die Wolken. Und trotzdem hasste er seinen Job. Er verabscheute diese plastikhaften Bräute, die sich mehr darum sorgten, ob ihr Kleid für Instagram taugt, als um den Bräutigam. Er konnte die Bräutigame nicht ausstehen, die spätestens beim Bankett betrunken wurden und den Trauzeuginnen Avancen machten. Alles war eine einzige, teure und glitzernde Lüge. Kirill war Zyniker, er wusste: 80 Prozent dieser Paare würden in einem Jahr geschieden sein – und er verkaufte ihnen Märchen. An diesem Dienstag hätte er frei gehabt, doch ein alter Bekannter rief an: „Kiril, bitte hilf mir – eine kleine Hochzeit, knappes Budget, ihnen hat schon jeder Fotograf abgesagt, weil das Datum ungünstig ist. Bitte nimm sie.“ Kirill wollte absagen, aber im Ton seines Freundes lag etwas Seltsames. „Okay, nenn mir die Adresse. Aber nur eine Stunde, mehr nicht.“ Am Standesamt angekommen: Keine Limousinen, keine Gäste, nur ein Mann um die 45 in einem zu großen grauen Anzug, und eine Frau… Kirill erkannte sofort: günstiges Kleid, Frisur mit viel Liebe selbstgemacht, bleiches Gesicht, dunkle Augenringe, die kein Make-up verbarg. „Vogue wird das hier nicht“, dachte Kirill. „Ich zieh das durch und fahr heim.“ Doch das Shooting lief nicht. Elena bewegte sich langsam, schwer atmend. Andrej machte sich ständig Sorgen, ordnete ihre Schale, stützte sie am Arm. Kirill war gereizt. „Andrej, gehen Sie bitte beiseite! Elena, stellen Sie sich ans Baum – spielerisch, Häkchen hoch!“ Elena versuchte zu lächeln, doch ihr Gesicht verzog sich vor Schmerz. Sie griff sich an die Seite, Andrej hob sie wortlos in die Arme. „Es reicht jetzt“, knurrte er, mit einer Wut im Blick, die Kirill sprachlos machte. „Wir sind fertig. Keine Häkchen mehr!“ „Sie stören meine Arbeit“, entgegnete Kirill harsch. „Sie zahlen für meine Zeit, nicht für Theater…“ Andrej setzte Elena vorsichtig auf eine Bank, gab ihr Tabletten, Wasser. Dann trat er zu Kirill. „Hör zu, Junge“, sagte er leise, mit so einer Kälte im Ton, dass Kirill fror: „Sie hat Krebs, Stadium vier. Metastasen in der Wirbelsäule. Das Stehen tut ihr weh, das Leben tut ihr weh. Wir haben heute geheiratet, weil die Ärzte meinten, sie schafft es vielleicht nicht mal bis nächste Woche. Sie wollte schön sein, sie wollte Erinnerungen. Und du rufst: ‚Häkchen hoch!‘“ Kirill erstarrte. Er sah Elena, wie sie mit geschlossenen Augen auf der Bank saß. Die Sonne spielte in ihren von billiger Farbe verbrannten Haaren. Und plötzlich blickte er auf das Gesicht einer Frau, die weiß, dass es ihr letztes Sonnenlicht ist. Er sah Andrej, der sie ansah, nicht wie ein Trophäe, nicht wie eine Partnerin für den Kredit – sondern wie das einzige, was im Universum zählt. Kirill wechselte wortlos das Objektiv. Er dirigierte nicht mehr. Er wurde zur Unsichtbarkeit. „Setzen Sie sich einfach“, sagte er heiser. „Ich störe nicht.“ Andrej setzte sich zu seiner Frau, nahm ihre Hände. Er flüsterte ihr etwas zu. Elena öffnete die Augen und lächelte. Dieses Lächeln war schwach, müde, und enthielt mehr Licht als Kirill je bei einer Millionärshochzeit gesehen hatte. Sie legte den Kopf auf seine Schulter. Eine Träne rann über Andrejs Wange, er lächelte zurück. Kirill drückte den Auslöser. Fotografierte ihre zitternden Hände; Andrej, der eine Strähne von Elenas Haar ordnete; ihre Blicke – Blicke von Menschen, die Abschied nehmen und trotzdem stärker lieben als der Tod. Kein Blitz, kein „Bitte lächeln“ – er fotografierte einfach Liebe. Wahre, lebendige, vergängliche Liebe. Bei der Nachbearbeitung drei Tage später, retuschierte Kirill nichts. Keine Hautglättung, keine Farbfilter. Er ließ jede Falte, jeden Schatten, die Träne. Weil es die Wahrheit war. Die Fotos druckte er aus, band eine große Fotobuch in Leder, auf eigene Kosten. Er rief Andrej an. Kein Anschluss. Also fuhr er zur im Vertrag angegebenen Adresse. Eine normale Plattenbausiedlung. Andrej öffnete, schwarzgekleidet, abgemagert, unrasiert. In der Wohnung roch es nach Baldrian und Tannennadeln, im Flur stand die Kiste eines Sarges. Kirill wusste, er war zu spät. Oder gerade rechtzeitig? „Hier, für Sie“, überreichte er das Buch. „Ich nehme kein Geld. Es tut mir leid wegen damals.“ Andrej nahm das Album, blätterte. Sah lange hin – seine Schultern zitterten. Er setzte sich auf den Boden im Flur und weinte, bitter, schrecklich, wie ein Mann weinen kann. Auf den Bildern war seine Lena lebendig, schön auf jene Weise, wie es nur Liebe schenkt. „Danke“, presste er hervor. „Ich zeig’s unserem Sohn. Damit er Mama glücklich in Erinnerung hat.“ Kirill verließ das Haus, stieg in seinen teuren Wagen. Drei Anrufe von einer launischen Braut, die wollte, dass er den Sonnenuntergang nochmal fotografiert, weil das Kleid nicht die richtige Farbe hatte. Kirill rief sie an. „Hallo, Kirill? Warum gehen Sie nicht ran?“ „Ich storniere den Auftrag“, sagte er schlicht. „Was?! Das ist Wahnsinn! Morgen ist die Hochzeit! Ich verklage Sie!“ „Suchen Sie sich einen anderen Clown“, sagte Kirill ruhig. Er löschte sein Instagram-Profil. Er fotografierte keine Hochzeiten der Schönen und Reichen mehr. Er wechselte in die Reportage: Hospize, Kinderheime, Dörfer. Er verdiente fünfmal weniger, verkaufte den teuren Wagen, kaufte einen alten Kombi. Aber jedes Mal, wenn er auf den Auslöser drückte, wusste er, dass er etwas Wichtiges tat. Nie wieder stoppte er Augenblicke für Likes – sondern für die Ewigkeit. Das Fotoalbum von jener Hochzeit fertigte er in zweifacher Ausführung. Eines für Andrej. Das andere für sich selbst. Und wenn ihn die Oberflächlichkeit ekelte, wenn er am liebsten wieder schnelles Geld mit Inszenierungen gemacht hätte, nahm er das Buch zur Hand. Sah auf die blasse Frau, die dem Tod zulächelte – gehalten von der Liebe. Und verstand: Alles andere ist nur Lärm. Moral: Wir haben uns so sehr an Filter, an „Erfolg“ und schöne Bilder gewöhnt, dass wir vergessen haben, wie echtes Leben aussieht. Doch das echte Leben ist nicht perfekt. Mit Falten, Schmerz, Verlust. Und genau in der ungeschminkten Realität lebt die wahre Liebe. Schätzt die Momente, solange eure Lieben bei euch sind – nicht wegen Fotos, sondern wegen der Wärme ihrer Hände. Denn morgen kann es dafür zu spät sein.
Er ist fünfunddreißig. Er zählt zu den renommiertesten Hochzeitsfotografen Münchens. Sein Kalender ist
Homy
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0377
„Willst du meinen Mann? Er gehört dir!“ sagte die Ehefrau mit einem süffisanten Lächeln zu der unbekannten Frau, die plötzlich an ihrer Tür erschienen war.
Möchtest du meinen Mann? Bitte, nimm ihn doch! sagte die Ehefrau mit einem entwaffnenden Lächeln zu der
Homy
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06
Den gleichen Fluss zweimal durchqueren? „Hallo, mein Schatz!“ – Als wäre nichts gewesen, küsste mich Jens herzlich auf die Wange. Ich wich angeekelt zurück vor dem tagelangen Alkoholfahne meines Mannes. „Und, wo hast du dich die ganze Woche herumgetrieben, Säufer?“ – Zum x-ten Mal versuche ich eine Aussprache. „War bei einem Freund. Musste ihn trösten, seine Frau ist abgehauen“, dichtet mein langsam nüchterner Jens sich eine Geschichte zusammen. „Interessant – und hast du keine Angst, dass deine Frau vielleicht auch kurz davor ist, dich zu verlassen, während du Kumpels tröstest?“ – Ich bin sofort auf 180. „Keine Angst. Meine Frau liebt mich, das weiß ich genau. Hör zu, Lena, mach mir bitte was zu essen, Freund hat mich nur mit seinen Gartenpflaumen bewirtet“, sagt Jens versöhnlich. … Jens ist mein zweiter Mann, für ihn bin ich auch die zweite Frau. Es war Liebe auf den ersten Blick – wild, verrückt, schmerzhaft. Wir waren beide gerade über dreißig. Seine erste Frau, ahnend, dass ich die Geliebte ihres Mannes bin, kam zu mir ins Büro und schilderte mir intime Details ihrer gemeinsamen Nächte: „Jens war gestern Nacht unglaublich. So geküsst… so umarmt… einfach außergewöhnlich!“ Ich antwortete gelassen: „Schön für euch! Glückwunsch! Macht weiter so!“ Dennoch wusste ich: Jens gehört mir und nur mir! Es tat mir leid um seine Frau, sie hatte ihm zwei Söhne geschenkt und vergötterte ihn. Und doch nahm ich ihn ihr – ohne es zu wollen. … Unsere stürmische Affäre hielt drei Jahre. Weder Jens noch ich wollten unsere Familien verlassen. Aber das Band wurde immer fester. Alles lief aus dem Ruder, wir kamen nicht raus. Jens schenkte mir Blumen in Sträußen, führte mich in Kneipen, ins Restaurant. Wir saßen stundenlang Hand in Hand, schauten uns tief in die Augen. Wir gingen auseinander, kamen wieder zusammen – die Familien litten, doch wie hält man eine Lawine auf? … Mein erster Mann, geschunden von meinem wilden Leben, wünschte mir Glück in der neuen Ehe. Ich verstehe ihn heute – jeder sucht Ruhe, Liebe und Geborgenheit. Wer will eine Frau zu Hause, die ständig unterwegs ist? Er versuchte nicht mal, mich aufzuhalten, sondern wünschte mir ehrlich alles Gute – er fühlte sich schuldig für die Situation: „Schade, dass ich dich nicht halten konnte…“ Bald sagte unsere Tochter zu mir: „Papa heiratet noch einmal. Er liebt sie wohl. Bald ist Hochzeit. Mama, er lässt sich von dir scheiden.“ Jens’ Frau zerriss seinen Pass in Stücke, als sie erfuhr, dass er zu einer anderen geht. Als könnte das etwas ändern… Aber ich wusste nicht das Wichtigste: Jens war Alkoholiker mit Erfahrung. Seine Mutter zog mich eines Tages beiseite und raunte: „Elena, wenn du mit meinem Sohn zusammenlebst, gib ihm nie Geld, vertrau ihm nicht. Jeden Tag nur das Nötigste für Zigaretten und Fahrkarte. Mehr keinen Cent. Lass ihn nicht an den Familienhaushalt!“ Damals nahmen ich diesen Rat nicht ernst. Leider! Als wir letztlich heirateten, ahnte ich nach und nach, worauf ich mich eingelassen hatte. Heute weiß ich genau, was ein Alkoholiker ist. Wollte ihn ursprünglich mit meiner grenzenlosen Liebe ändern, glaubte fest dran, er würde aufhören zu trinken – für mich. Meine Hoffnung schmolz dahin. Bald wünschte ich mir nur noch, dass Jens wenigstens aufrecht nach Hause kommt und nicht hereinkriecht. Er trank wochenlang, unentwegt. Ständig klaute er heimlich Geld – bei meinem ersten Mann lag immer alles offen, mit Jens musste ich alles verstecken. Jens verschleuderte sämtliche Goldgeschenke meines ersten Mannes beim Pfandleiher – zurückholen? Keine Chance, er arbeitete ja nie. Ich habe mein Leben teuer bezahlt – für eine gestohlene Liebe. Alkohol war nie genug da. Jens kannte jedes meiner geheimen Geldverstecke. Ich versteckte, Jens stahl. Lügen wurden zur Normalität: heute schwört er ewige Treue, morgen muss man aufpassen. Ich suchte Jens oft bei Freunden, schleppte ihn heim, bettelte, drohte… Alles umsonst. Ich war nervlich zerrüttet, hasste mich dafür – denn mein erster Mann war überzeugter Abstinenzler. Was fehlte mir eigentlich? Ich bekam starkes Allergie, lag oft im Krankenhaus, Herzprobleme, Kopfschmerzen. Es ging nicht mehr. Ich zerfiel, während Jens trank weiter, sorglos, endlos. … Zehn Nervenjahre so. Dann las ich kluge Bücher, wurde ruhiger, stellte ein Ultimatum: „Entweder ich, oder deine Saufkumpels. Ich ertrage diesen Karussell nicht mehr!“ Antwort kam nicht sofort – keine leichte Entscheidung für Jens. Mir war inzwischen alles egal, selbst Schmerz war weg. Die Leidenschaft war tot. Insgeheim hoffte ich, dass Jens fremdgeht – dann könnte ich ihn erleichtert rauswerfen! Aber er war mir treu, meinte: „Eine trinkende Mann braucht keine andere Frau!“ Da hatte er wohl recht… Mit vierzig gingen Jens und ich in die evangelische Kirche. Er wurde getauft, wollte es – er spürte, dass er in den Abgrund rutschte. Ab der Taufe begann langsam Wandel. Die alten Freunde verschwanden, manche starben an Alkohol. Unser Freundeskreis veränderte sich. Heute sind wir mit ordentlichen Ehepaaren befreundet. Sei es das Alter, sei es Gottes Werk – Jens trinkt nur noch mäßig. Wenn er seine ewige Liebe beteuert, sag ich: „Spar dir die Worte – ich bin nicht mehr sechzehn. Ich glaube nur Taten.“ … In meiner Seele ist längst alles erloschen und abgeklungen. Wie oft haben wir gestritten! Jens knallte die Tür, war weg – ich lief nie hinterher. Und doch kam er immer zurück, bat flehentlich um Verzeihung, fiel auf die Knie, küsste meine Hände. Wein und Verstand gehen selten zusammen: der Rausch spricht, der Verstand schweigt. Einmal brachte Jens einen Trockenblumenstrauß. „Lena, eine Oma hat mich bequatscht, ich soll dir den kaufen – für meine Liebste, verstehst du?“ „Die Oma hat den Nagel auf den Kopf getroffen – schau dir unsere Liebe an, verdorrt wie diese Blüten“, scherze ich. „Aber ewig“, brummte Jens beleidigt. Ich vergebe Jens alles, habe Mitleid mit ihm. Wozu den Groll häufen? Aber zurück gehen kann man – zurück bekommen nie. Wir sind immer noch zusammen…
In dieselbe Fluss steigt man nicht zweimal Hallo, mein Schatz! sagte Jens und küsste mich, als wäre nichts
Homy
Ist deine Frau wirklich die, für die du sie hältst? — Arvid, ich wollte dir das eigentlich nicht am Hochzeitstag sagen… Also, weißt du eigentlich, dass deine frisch angetraute Frau eine Tochter hat? – Mein Kollege auf der Arbeit fesselte mich direkt auf dem Fahrersitz. — Was meinst du damit? – Ich konnte solche Nachrichten nicht glauben. — Meine Frau flüsterte mir, als sie deine Ramona auf eurer Hochzeit sah, ins Ohr: — Ob der Bräutigam weiß, dass seine Braut eine Tochter im Kinderheim hat? — Stell dir das mal vor, Arvid! Ich wäre beinahe an meinem Salat erstickt. Meine Frau sagt, sie hat selbst dokumentiert, dass auf die Neugeborene verzichtet wurde, sie arbeitet ja als Ärztin in der Geburtsklinik. Sie erinnerte sich an deine Ramona wegen eines Muttermals am Hals. Und sie meint, Ramona hat das Mädchen Emilia genannt und ihr ihren Nachnamen gegeben, vermutlich Schneider. Das war vor ungefähr fünf Jahren, – mein Kollege wartete gespannt auf meine Reaktion. Ich saß wie versteinert am Steuer. Was für eine Nachricht! Ich beschloss, alles selbst herauszufinden. Solchen Gerüchten wollte ich nicht blind glauben. Klar war mir, dass Ramona nicht mehr 18 war, sondern damals schon 32 Jahre zählte. Natürlich hatte sie vor mir ein eigenes Leben. Aber warum sollte man sein eigenes Kind weggeben? Wie hält man das aus? Durch Kontakte fand ich schnell das Kinderheim, in dem Emilia Schneider lebte. Der Leiter stellte mir ein fröhliches Mädchen mit strahlendem Lächeln vor: — Lernen Sie kennen, unsere Emilia Schneider, – sagte der Direktor zu ihr, – sag dem Onkel, wie alt du bist, mein Kind. Ihr auffälliges Schielen konnte man nicht übersehen. Das tat mir weh, ich fühlte sie als mein eigenes Kind. Schließlich ist sie die Tochter meiner geliebten Frau! Meine Oma pflegte zu sagen: — Ein Kind, ob es krumm oder schief ist, für Eltern bleibt es ein Wunder. Emilia kam mutig auf mich zu: — Vier Jahre alt. Bist du mein Papa? Ich war verwirrt. Was antwortet man einem Kind, das in jedem Mann seinen Papa sieht? — Emilia, lass uns reden. Wärst du gern Teil einer Familie mit Mama und Papa? – Natürlich eine dumme Frage, aber ich wollte sie einfach nur in den Arm nehmen und sofort mit nach Hause nehmen. — Ja, bitte! Nimmst du mich mit? – Emilia schaute mich fragend und klug an. — Ich werde dich holen, aber es dauert noch ein wenig. Wartest du, mein Häschen? – Ich musste fast weinen. — Ich warte. Du belügst mich nicht? – Emilia wurde ernst. — Ich belüge dich nicht, – ich küsste sie auf die Wange. Zuhause erzählte ich alles meiner Frau. — Ramona, mir ist egal, was vor mir war, aber wir müssen Emilia so schnell wie möglich nach Hause holen. Ich werde sie ganz offiziell adoptieren. — Und hast du mich gefragt? Ob ich dieses Mädchen überhaupt will? Und sie schielt ja auch noch! – Ramona wurde laut. — Das ist doch deine leibliche Tochter! Ich lass Emila die Augen operieren, alles wird gut. Das Mädchen ist ein Wunder! Du wirst sie sofort lieben, – mich wundert Ramonas Haltung sehr. Schlussendlich habe ich Ramona praktisch dazu überreden müssen, Emilia zu adoptieren. Wir mussten ein Jahr warten, bis sie endlich bei uns einzog. Ich besuchte Emilia oft im Heim. In der Zeit wurden wir Freundinnen, sie gewöhnte sich an mich. Ramona jedoch wollte das Kind weiterhin nicht haben, wollte sogar die Adoption abbrechen. Ich flehte sie an, durchzuhalten und alle Formalitäten abzuschließen. Endlich war der Tag da: Emilia betrat zum ersten Mal unsere Wohnung. Alles, was für uns selbstverständlich schien, faszinierte und erfreute sie. Bald korrigierten Fachärzte Emilias Sehfehler. Die Prozedur dauerte anderthalb Jahre. Glücklicherweise war keine Operation nötig. Mit jedem Tag wurde meine Tochter ihrer Mama Ramona immer ähnlicher – wie zwei Tropfen Wasser. Ich war glücklich. Ich hatte jetzt zwei Schönheiten zuhause – meine Frau und meine Tochter. Fast ein Jahr nach dem Kinderheim konnte Emilia nicht genug bekommen. Überall lief sie mit einer Packung Kekse herum, auch nachts. Niemand konnte ihr die Box wegnehmen. Offenbar hatte sie Not leiden müssen, was Ramona nervte und bei mir Mitgefühl auslöste. Ich versuchte immer, unsere Familie zusammenzuhalten, aber leider… Meine Frau konnte nie ihre Tochter lieben. Ramona liebte nur sich selbst, ihr Ego – wie eingefroren im Wort „ich“. Es gab Streit, Konflikte, schmerzliche Auseinandersetzungen, immer ging es um Emilia. — Warum hast du dieses wilde Mädchen in unsere Familie geholt? Sie wird nie ein normales Kind! – schimpfte meine Frau verzweifelt. Ich liebte Ramona sehr, konnte mir mein Leben ohne sie nicht vorstellen. Doch meine Mutter sagte einmal: — Sohn, das ist deine Sache, aber wir haben Ramona mal mit einem anderen Mann gesehen. Glücklich wirst du mit ihr nie werden. Ramona ist nicht aufrichtig, sie ist berechnend, verschlagen. Sie wird dich betrügen, pass auf. Wenn man liebt, sieht man keine Hindernisse. Dein Glück leuchtet heller als die Sterne. Ramona war mein Ideal. Den Bruch in unserer Beziehung spürte ich erst, als Emilia bei uns einzog. Vermutlich hat sie mir die Augen für die Wahrheit geöffnet. Es überraschte mich, wie meine Frau sich nicht um das Kind kümmerte. Ich dachte sogar daran, Ramona weniger zu lieben, mich von ihr zu distanzieren, aber ich schaffte es nicht. Ein Freund gab mir einmal einen seltsamen Rat: — Hör zu, Kumpel, wenn du eine Frau oder ein Mädchen entzaubern willst, dann miss sie mit dem Schneidermaß. Alter Volksrat. — Du machst Witze, oder? – Ich war erstaunt. — Miss den Brustumfang, die Taille, die Hüften. Und dann liebst du sie nicht mehr, – er schien sich über mich lustig zu machen. Schließlich beschloss ich, dieses einfache Experiment zu probieren. Ich hatte ja nichts zu verlieren. — Ramona, komm mal her, ich will dich vermessen – rief ich meine Frau. Ramona war überrascht: — Bekomme ich jetzt ein neues Kleid? Telefon — Ja, – ich maß feierlich ihre Brust-, Taillen- und Hüftmaße. Experiment beendet. Ich liebte Ramona noch immer. Wir lachten gemeinsam über die Sprüche meines Freundes. Bald wurde Emilia krank. Sie hatte Fieber, lag stöhnend und schniefend im Bett. Überall folgte sie Ramona mit ihrer Puppe Maja. Ich war erleichtert, dass sie nun statt einer Packung Kekse die Puppe in den Händen hielt. Emilia liebte es, die Puppe ständig umzuziehen. Doch jetzt war die Puppe nackt, was bedeutete, dass Emilia zu schwach war, sie anzuziehen. Ramona schrie sie an: — Wie lange willst du denn noch jammern? Es gibt keine Ruhe mehr! Geh jetzt endlich schlafen! Emilia drückte die Puppe an sich und weinte still weiter. Plötzlich nahm Ramona ihr die Puppe aus den Händen, rannte zum Fenster, öffnete es und warf die Puppe eiskalt hinaus. — Mama, das ist meine Puppe Maja! Sie friert draußen! Darf ich sie schnell holen? – Emilia weinte laut und lief zur Tür. Ich rannte sofort hinterher. Natürlich war der Aufzug wieder weg. Ich hetzte die Treppe vom achten Stock hinunter. Die Puppe hing kopfüber am Ast eines Baumes. Ich rettete sie und klopfte den Schnee ab. Die schmelzenden Flocken wirkten wie Tränen auf dem Gummigesicht. Auf dem Rückweg dachte ich, dass ich gleich heulen würde. Ramona Handlung war unbegreiflich für mich. Ich ging ins Emilias Zimmer. Sie kniete neben ihrem Bett, den Kopf auf das Kopfkissen gelegt. Sie schlief und schniefte leise vor sich hin. Behutsam legte ich die Puppe neben sie. Ramona saß ruhig im Wohnzimmer, las Zeitschriften, war ohne jede Sorge um Emilia. In diesem Augenblick endete meine Liebe zu meiner Frau. Sie vertrocknete, verdunstete, löste sich auf. Endlich begriff ich: Ramona ist hübsch, aber nur eine leere Bonbonhülle. Meine Frau hatte es offenbar verstanden. Wir ließen uns scheiden. Emilia blieb bei mir, Ramona hatte keinerlei Einwände. … Später traf ich meine Ex-Frau wieder, sie griente breit: — Du warst, Arvid, nur ein Sprungbrett. — Ramona, ein Drache bist du – glänzende Augen, aber eine schwarze Seele – konnte ich ihr endlich gelassen entgegnen. Ramona heiratete sofort einen erfolgreichen Unternehmer. — Mir tut ihr Mann leid. So einer Frau sollte man die Mutterschaft verbieten, – urteilte meine Mutter. Emilia trauerte lange um ihre Mama, wollte sie wenigstens einmal berühren. Doch meine neue Frau, Lina, verstand es, sich mit Emilia anzufreunden und ihr Herz zu erwärmen. Es schien, als hätte ihr eigenes Kind sie ein zweites Mal verlassen. Für mich blieb das ein Rätsel. Entdecken Sie mehr Tisch Tür Türen Lisa umsorgt Emilia und unseren Sohn Simon mit grenzenloser Liebe und Geduld.
Bist du dir eigentlich sicher, dass deine Frau wirklich die ist, für die du sie hältst? Ach, Stefan
Homy
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012
Manchmal glauben wir, Erwachsenwerden bedeutet, die Menschen um sich herum, seinen Kleidungsstil und seine Manieren zu wechseln. Ich tauschte meinen Lebenspartner gegen ein Kristallglas ein… und habe mich beinahe an seinen scharfen Splittern geschnitten, als es zerbrach. Ich bin 48 Jahre alt. Und erst vor kurzem stand ich kurz davor, den größten Fehler meines Lebens zu machen. Seit 25 Jahren bin ich verheiratet. Mein Mann ist Kfz-Mechaniker. Er hat große, raue Hände, die immer leicht nach Motoröl riechen, egal wie oft er sie wäscht. Er ist ein guter Mensch. Ehrlich. Loyal. Als wir heirateten, waren wir gleich — zwei Kinder aus dem Viertel, mit vielen Träumen und wenig Geld. Aber ich habe studiert. Unermüdlich gearbeitet. Mich hochgekämpft. Heute bin ich Regionalleiterin. Ich begann zu reisen. Ging auf Veranstaltungen. Umgab mich mit „Kultivierten“, die von teuren Weinen, moderner Kunst und Reisen quer durch Europa sprachen. Und ohne es wirklich zu merken… erschien mir mein Mann plötzlich klein. Er schaute weiterhin sonntags Fußball. Lachte über simple Witze. Trug seine liebsten karierten Hemden. Ich begann, mich zu schämen, ihn zu Firmen-Dinners einzuladen. „Er versteht doch sowieso nicht, worüber gesprochen wird… wird sich langweilen… wird mich blamieren“, redete ich mir ein. Und ich ging allein. „Er arbeitet“, log ich. Letzte Woche war der jährliche Ball — der wichtigste Abend des Jahres. Alle waren mit ihren Partnern dort. Er beobachtete mich, wie ich mich im Spiegel fertig machte. Blaues Seidenkleid. Ohrringe im Wert von einem halben Monatsgehalt. „Du siehst wunderschön aus“, sagte er mit dem Blick, den er immer hatte. „Wann soll ich dich abholen?“ Ich fühlte Schuld… aber meine Eitelkeit war stärker. „Besser nicht. Ist ein langweiliger Abend, lauter Leute, die nur von Zahlen reden.“ Er senkte den Blick. Er wusste, dass ich log. „Okay“, sagte er leise. „Viel Spaß. Ich warte auf dich.“ Das Fest war reiner Luxus — Champagner, Kaviar, Violinen. Am Anfang dachte ich: Hier gehöre ich hin. Bis ich zuhörte, worüber gesprochen wurde. Affären, mit Lachen erzählt. Kinder, die nur Geld wollen. Einsamkeit, versteckt hinter Diamanten. Antidepressiva hinter perfekten Lächeln. Während des Essens fiel mir ein Ohrring herunter. Rollte unter den Tisch. Ich bückte mich… und hörte, was man über mich sagte, als man glaubte, ich höre nicht zu: „Die Arme. Immer kommt sie allein. Man sagt, ihr Mann wäre ein schmutziger Automechaniker. Kein Wunder, dass sie ihn versteckt…“ „Ein Affe in Seide bleibt ein Affe“, lachte jemand. Ich erstarrte. Ich fand den Ohrring. Aber verlor etwas anderes — das Bedürfnis, überhaupt dort zu sein. Ich ging, ohne mich zu verabschieden. Fuhr weinend nach Hause. Nicht vor Scham wegen ihm… sondern vor Scham vor mir selbst. Ich war keine „Affenfrau“ wegen meiner bescheidenen Herkunft. Ich war es, weil ich versuchte, hohle Menschen zu beeindrucken, während ich den einzigen Menschen demütigte, der mich wirklich liebte. Sie, mit ihren sündhaft teuren Anzügen, waren unglücklich. Ich… hatte ihn. Als ich heimkam, brannte nur das Licht in der Küche. Er war am Esstisch eingeschlafen. Immer noch mit Brille. Las ein Buch: „Kunstgeschichte für Einsteiger“. Daneben lag ein Zettel: „Ich muss diese Dinge lernen, damit ich beim nächsten Fest mit dir mitkommen kann – und du dich nicht für mich schämst.“ Da ist mein Herz gebrochen. Er hat es immer gewusst. Und statt sich zu beschweren… versuchte er, sich für mich zu verändern. Ich weckte ihn, tränenüberströmt. „Du bist früh zurück? Wie war es?“ Ich habe ihn fest umarmt. Ich hielt diese rauen Hände — die unser Zuhause gebaut haben, mein Auto reparierten und mich 25 Jahre lang getragen haben. „Vergib mir. Du bist zu viel für mich… nicht umgekehrt.“ Er lachte. „Beim nächsten Fest gehen wir zusammen“, sagte ich. „Und wenn ihnen dein kariertes Hemd nicht gefällt — gehen wir eben Taco essen.“ „Perfekter Plan“, lächelte er. „Tacos mag ich eh lieber als Kaviar.“ In dieser Nacht habe ich etwas verstanden: Er muss nichts von Kunst verstehen. Er ist Kunst. Kunst der Loyalität. Der Güte. Der Liebe, die keinen Applaus braucht. Heute bin ich noch immer Direktorin. Noch immer erfolgreich. Aber wenn man mich nach meinem Mann fragt, lüge ich nicht mehr. Ich sage stolz: „Er ist der beste Kfz-Mechaniker der Stadt… und der einzige Mensch, der wirklich etwas wert ist.“ Tausche niemals einen echten Diamanten gegen buntes Glas, nur weil es mehr glitzert. Der Glanz vergeht… echter Wert ist für immer.
Man denkt oft, Erwachsenwerden bedeute, Menschen, Kleidung und Umgangsformen zu wechseln. Ich habe den
Homy
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018
„Anna ist jung, sie wird noch weitere Kinder bekommen!“ – hatte sie versprochen. Am Ende wollte niemand das Kind haben.
Lena ist jung, sie wird schon noch mehr Kinder bekommen! hatte sie im Traum zu sich selbst gesagt.
Homy
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050
Während unsere Kinder und Enkel in einer kleinen Wohnung leben, genießen die Eltern meines Schwiegersohns ihr Leben in einer großzügigen Wohnung – ein Erfahrungsbericht über familiäre Unterstützung, enttäuschte Erwartungen und unfaire Verhältnisse
Während die Kinder und Enkel in einer kleinen Wohnung leben, genießen die Eltern meines Schwiegersohns
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010
Die Gartenfreundin Zäzilie Timofeew war eine beeindruckende Dame, die auch im fortgeschrittenen Alter noch die Aufmerksamkeit der Männer auf sich zog. Das schmeichelte ihr, doch auf eine neue Beziehung ließ sie sich nicht ein – sie genoss ihre Unabhängigkeit nach all den Jahren als Witwe. Mehr Zeit für sich, weniger Sorgen. „Zäzilie, warum bist du denn immer allein? Nicht mal eine Katze hast du!“, seufzte Nachbarin und Freundin Annemarie Nikolajevna. „Stirbst du eines Tages, weiß es niemand!“ „Aber du doch!“, entgegnete Zäzilie schmunzelnd. „Wir sehen uns jeden Tag – wenn nicht, bist du einfach in meiner Wohnung, Schlüssel hast du ja!“ Doch als Annemarie schwer erkrankte, holten ihre Kinder sie zu sich. Zäzilie war plötzlich ganz allein. „Mama, zieh doch zu uns!“, bat der ältere Sohn. „Hier kümmern wir uns um dich und die Enkel würden sich freuen!“ Doch Zäzilie wollte ihre geliebte Wohnung nicht verlassen, selbst für die Familie. Sie wusste, dort gäbe es wenig Platz und wollte niemandem zur Last fallen. Der jüngere Sohn, Berufssoldat, war oft außer Haus – ein Umzug zu ihm war ausgeschlossen. Also ging Zäzilie kurzerhand in die Tierhandlung. Während sie dort nach einem pelzigen Begleiter ausschaute, stieß sie auf einen Herrn, der Vogelfutter kaufte. „Oh, Entschuldigung!“ rief Zäzilie verlegen. „Ach was, das macht doch nichts!“, antwortete der modisch gekleidete ältere Herr im schicken Mantel – Mark Anton. Er stellte sich galant vor und begleitete Zäzilie mit ihrer neuen Katze am Arm zum Ausgang. Es stellte sich heraus, dass sie viel gemeinsam hatten: Sie liebten Theater, Serien über starke Frauen und Spaziergänge im Park. „Wissen Sie, ich habe eine wunderbare Schrebergartenparzelle!“, schwärmte Mark Anton. „Jetzt im Herbst ist zwar wenig los, aber im Frühling – vielleicht möchten Sie mal mitkommen?“ Zäzilie war begeistert. Sie verabredeten sich fürs Theater, Mark Anton erschien mit einem Strauß Gerbera. Sie spazierten im Park, er brachte Chrysanthemen mit. Sie verstanden sich blendend! So verging fast ein Monat mit Theaterbesuchen und Parkspaziergängen, bis Mark Anton sich erkältete. „Zäzilie, entschuldigen Sie, ich kann heute nicht kommen – bin krank!“ „Kein Problem!“, sagte Zäzilie entschlossen. Sie kochte ihr berühmtes Hühnersüppchen, brachte Marmelade vorbei, und pflegte Mark Anton – der sich dankbar zeigte. Doch als Mark wieder gesund war, wurden die Blumen seltener und zum Tee gab es öfter günstige Kekse. Zäzilie merkte, dass Mark vor allem ihre Kochkünste genoss – von Gegenseitigkeit war wenig zu spüren. Einzig die Aussicht auf den Frühling und die Einladung zur Gartenparzelle tröstete sie: „Wart’s ab, Zäzilie, dir wird’s gefallen – frische Luft, Vogelgesang, pure Schönheit!“ Endlich kam der Tag des Ausflugs. Zäzilie zog ihren schicken Hosenanzug und eine große Sonnenhut an, Mark erschien in Arbeitsklamotten, Gummistiefeln und alter Angelmütze. Nach langer Fahrt standen sie vor einem verwilderten Zaun, dahinter einige mickrige Obstbäume und eine windschiefe Gartenhütte. „Was ist das?“, fragte Zäzilie perplex. „Meine Schrebergarten-Parzelle!“, verkündete Mark stolz. „Du kannst dich im Schuppen umziehen – und dir eine Schaufel aussuchen!“ „Wieso Schaufel?“, rief Zäzilie entrüstet. „Warum hast du mich überhaupt hierher gebracht?“ „Na, um den Garten umzugraben! Wofür geht man sonst auf die Parzelle? Im Herbst ernte ich und teile mit dir!“ Zäzilie brach in schallendes Gelächter aus. „Danke, Mark Anton, aber ich fahre zurück! Die ganze Winterzeit hast du ohnehin von meinen Kochkünsten gelebt – für deinen Garten reiche ich nicht mehr!“ Mark rief ihr nach: „Soll ich dich etwa einfach nur so auf meine Parzelle einladen? Ich geb dir Theater, Spaziergänge, sogar Ernte… und das alles gratis? Was für Frauen heutzutage!“ Zurück in ihrer Wohnung, kochte Zäzilie sich einen großen Tee, holte das letzte Glas Himbeermarmelade hervor und schmiegte sich an ihren Kater, Baris. „So ist’s recht, Baris“, seufzte sie und strich ihm über’s Fell, „in meinem Alter ist es besser, die Freundschaft mit einer Katze zu genießen!“
Gartenfreund Brunhilde Schneider ist eine beeindruckende Dame. Trotz ihres hohen Alters zieht sie immer
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08
Ich hätte nie gedacht, dass der größte Fehler meines Lebens sein würde, auf meine eigene Familie zu hören. Mit 29 arbeitete ich als Managerin in einer Finanzfirma – festes Gehalt, unbefristeter Vertrag, alle Vorteile. Er war Elektriker, arbeitete projektbezogen: Mal reichte das Geld, mal nicht. Er war keineswegs verantwortungslos, hatte aber nicht die „Stabilität“, die meine Eltern für „angemessen“ hielten. Fast vier Jahre waren wir zusammen, teilten Gewohnheiten und Ausgaben, führten eine ruhige, stabile Beziehung – ohne Drama, ohne Überraschungen. Mein Umfeld schwieg nie wirklich dazu, sondern ließ indirekt durchblicken, was es dachte: Bei Familienfeiern wurde nach seinem Verdienst gefragt oder ob ich nicht Weiterbildungen ins Auge fassen sollte. Meine Mutter wiederholte Sätze wie: „Liebe allein reicht im Leben nicht“ und „Man muss mit dem Kopf entscheiden, nicht nur mit dem Herzen.“ Ich versicherte immer, dass mir nichts fehlte, aber die Kommentare fraßen sich langsam in mich hinein. Irgendwann wiederholte ich sie innerlich selbst – sogar ohne, dass er dabei war. Dann lernte ich bei der Arbeit einen anderen Mann kennen: Handelsmanager, viel unterwegs, sprach über Investitionen, Entwicklung und Kontakte, verdiente mehr als doppelt so viel wie ich, wohnte im vornehmen Viertel. Als meine Familie von ihm erfuhr, ohne ihn richtig zu kennen, hieß es sofort: „Das ist der Richtige für dich.“ Der direkte Vergleich begann – schamlos. Ich versuchte, mich dem zu entziehen, doch der Samen war gesät. Bei unserem Stammcafé sagte ich meinem Freund, ich spüre, dass wir uns unterschiedlich entwickeln, dass ich an meine Zukunft denken muss, dass der familiäre Druck groß ist. Er hörte ruhig zu und fragte dann nur: „Fühlst du das – oder hat man dir das eingeredet?“ Ich wusste keine Antwort, sagte, ich bräuchte Zeit. Er meinte: „Ich kann nicht gegen das gewinnen, was andere meinen, dass du haben solltest.“ Und so endete alles. Ich ging weinend nach Hause und war überzeugt, „vernünftig“ zu handeln. Ein paar Monate später begann ich offiziell die Beziehung mit dem anderen Mann. Erst war alles beeindruckend: teure Restaurants, spontane Reisen, Geschenke, Fotos. Doch bald zeigte sich das, was ich zunächst übersehen hatte. Er schrieb, wenn er Zeit hatte – nicht, wenn ich es brauchte. Plante und sagte kurzfristig ab. Kritik konterte er mit: „Du übertreibst, du musst dich meinem Rhythmus anpassen.“ Bei einem Streit sagte er etwas, das mich bis heute schockiert: „Du bist alt. Ich muss nicht ständig für dich da sein.“ Seine Worte trafen wie ein Schlag. Mit der Zeit sprach er schlecht über mich, wenn ihm etwas nicht passte, korrigierte mich vor anderen, ließ mich fühlen, dass ich immer noch etwas von ihm „lernen“ müsste – als wäre er mir überlegen. Auf die Frage, ob er mit mir in die Zukunft blickt, wich er aus: „Man muss nicht alles gleich mit Etiketten versehen.“ Sechs Monate später hörte er einfach auf, sich zu melden. Nach einer Woche erklärte er, er brauche Abstand und habe das Gefühl, wir sollten Schluss machen. Noch ein paar Monate vergingen. Ich arbeitete weiter, lebte mein routiniertes Leben – mit einer stetigen Leere im Herzen. Nach langem Nachdenken schrieb ich meinem Ex. Er antwortete höflich – weder kühl noch vertraut, sagte, es gehe ihm gut, er habe einen neuen Job und datet jemanden. Ich fragte, ob wir nochmal reden könnten. Wir trafen uns in einer Bäckerei nah seiner Arbeit. Keine Umarmung, kein „Ich habe dich vermisst“. Wir sprachen nur oberflächlich. Zum Schluss gestand ich, dass ich bereue, andere über mein Leben entschieden zu haben. Er sah mich ruhig an: „Ich bin dir nicht böse. Aber ich kann die Zeit nicht zurückdrehen.“ Er sagt, er habe weitergemacht, gelernt, sich nie wieder für jemanden ungenügend zu fühlen. Er machte mir keine Vorwürfe. Genau das tat am meisten weh. Ich fragte, ob er noch Gefühle für mich hat. Seine Antwort: „Zuneigung bleibt … aber ihr Platz verändert sich.“ Und er fügte hinzu, dass er nicht zurück zu jemandem könne, der an ihm zweifelte, weil andere es wollten. Er bezahlte die Rechnung, verabschiedete sich höflich und ging. Ich blieb lange regungslos sitzen, erkannt, dass man nicht jede falsche Entscheidung rückgängig machen kann. Später wurde mir schmerzhaft klar: Ich habe eine gesunde Beziehung verloren, weil ich versucht habe, fremden Erwartungen zu entsprechen. Meine Familie verstummte, als alles den Bach runter ging – aber der Schaden war längst angerichtet. Niemand trug die Folgen außer mir. Niemand half, die Scherben zusammenzukehren. Alles lag an mir. Könnte ich die Zeit zurückdrehen – ich würde alles anders machen. Und ihr? Habt ihr schon mal Entscheidungen unter großem Druck von außen getroffen – und danach bereut?
Ich hätte nie gedacht, dass der größte Fehler meines Lebens daraus entstehen würde, dass ich auf meine
Homy
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026
Meine Schwägerin war im Urlaub in einem Ferienort, während wir renovierten – jetzt will sie im Komfort wohnen, den wir geschaffen haben Ich habe vorgeschlagen, dass wir beide, also meine Schwägerin und ich, Geld für die Renovierung des Hauses zusammenlegen. Doch sie lehnte sofort ab: Sie brauche das nicht. Nun verlangt sie, bei uns einzuziehen, weil ihre eigene Haushälfte keine Annehmlichkeiten bietet. Also ist es ihr eigenes Verschulden! Das Haus gehörte früher der Großmutter meines Mannes. Nach ihrem Tod haben mein Mann und seine Schwester es geerbt. Es war zwar alt, aber wir entschieden uns, es zu renovieren und selbst dort einzuziehen. Das Haus hatte zwei Eingänge, sodass problemlos zwei Familien dort leben konnten, ohne sich groß in die Quere zu kommen. Hof und Garten waren gemeinschaftlich, die Zimmerzahl auf beiden Seiten gleich. Die Vererbung fand statt, als wir bereits verheiratet waren. Alles lief ruhig und harmonisch ab. Meine Schwiegermutter verzichtete sofort, denn das Landleben lag ihr nicht. Sie sagte nur zu ihren Kindern: Macht, was ihr wollt. Mein Mann und der Mann meiner Schwägerin investierten gemeinsam Geld, um das Dach zu reparieren und das Fundament zu verstärken. Wir wollten weiter renovieren, doch meine Schwägerin schimpfte. Sie wollte keinen Cent in dieses “Häuschen auf wackligen Beinen” stecken. Ihr Mann schwieg, da er sich gewöhnlich nie mit seiner Frau anlegte. Mein Mann und ich planten, zu zweit in diesem Haus zu leben. Das Dorf war nicht weit von der Stadt entfernt und wir hatten ein Auto, also war Pendeln kein Problem. Zudem hatten wir die Enge unserer Einzimmerwohnung satt und träumten schon ewig von einem eigenen Haus, das wir uns sonst nie hätten leisten können. Für meine Schwägerin war das Haus immer nur wie eine Ferienwohnung – ein Ort, um im Sommer zu grillen oder zu entspannen. Sie machte uns klar, dass wir darauf nicht bauen sollten. Nach vier Jahren hatten wir unsere Hälfte komplett renoviert. Klar, wir haben einen Kredit aufgenommen, aber das war nebensächlich. Wir bauten ein Bad, installierten eine Heizung, erneuerten Strom und Fenster und strichen die Loggia. Es war ein Kraftakt, aber wir hielten an unserem Traum fest. Meine Schwägerin war fast nur im Urlaub, kümmerte sich nicht um unseren Fortschritt oder ihre Haushälfte. Sie lebte für ihr eigenes Vergnügen. Doch als sie Mutter wurde und in Elternzeit ging, änderte sich das: Die Urlaube blieben aus, das Geld wurde knapp, und ihr fiel wieder ihre Haushälfte ein. Mit Baby daheim wollte sie mehr Freiraum – und auf dem Land hätte das Kind Platz zum Spielen. Zu dem Zeitpunkt waren wir längst eingezogen und hatten unsere Wohnung vermietet. Ihre Haushälfte hatten wir nicht angerührt, aber nach all den Jahren war sie praktisch baufällig. Ich wusste nicht, wie sie dort ohne Heizung wohnen wollte, denn sie kam schließlich mit Koffer für einen Monat. Sie bat, eine Woche bei uns zu bleiben – ich ließ sie rein. Ihr Sohn war laut, ebenso wie sie, die immer tat, was sie wollte – ohne Rücksicht auf andere. Als ich, im Homeoffice, meine Ruhe brauchte, zog ich vorübergehend zu einer Freundin. Genau da passte es ihr gut, dass jemand auf die Häuser aufpasste. Schicksal wollte, dass ich nach etwa einem Monat zurückkehrte. Nach einer Woche bei meiner Freundin und wegen der Krankheit meiner Mutter hatte ich meine Schwägerin völlig vergessen – sicher, dass sie längst weg sei. Doch Überraschung: Sie war noch da und fühlte sich so, als gehöre alles ihr. Ich fragte, wann sie ausziehen wolle. – Wohin sollte ich? Ich habe ein kleines Kind, uns geht’s hier gut, antwortete sie. – Wir bringen dich morgen in die Stadt, sagte ich. – Ich will aber nicht in die Stadt zurück. – Wenn du nicht einmal die Wohnung in Ordnung hältst, ist das hier auch kein Hotel. Geh auf deine eigene Seite. – Mit welchem Recht wirfst du mich raus? Das ist auch mein Haus! – Dein Haus ist auf der anderen Seite, also geh dorthin. Sie versuchte, ihren Mann gegen mich aufzuhetzen, doch auch er meinte, sie sei lang genug dageblieben. Beleidigt zog sie ab. Wenig später rief meine Schwiegermutter empört an: – Du hattest kein Recht, sie rauszuwerfen, das ist ihr Eigentum. – Sie kann auf ihrer Hälfte bleiben, da ist sie Hausherrin, antwortete mein Mann. – Und wie soll sie da mit einem kleinen Kind wohnen? Keine Heizung, Toilette draußen – du hättest dich um deine Schwester kümmern können! Mein Mann platzte der Kragen und er erklärte seiner Mutter alles: Dass wir eine gemeinsame Renovierung angeboten hatten, was günstiger gewesen wäre. Sie hat abgelehnt – warum dann jetzt die Vorwürfe an uns? Wir schlugen seiner Schwester einen Verkauf ihrer Haushälfte an meine Mutter vor. Sie war einverstanden, verlangte aber einen Preis, von dem wir ein ganzes, saniertes Haus hätten kaufen können. Damit waren wir nicht einverstanden. Jetzt gibt es Streit. Meine Schwiegermutter ist durchweg beleidigt, Alina ist eine Plage. Sie kommen selten, aber wenn, gibt es Lärm, kleine Gemeinheiten und sie beschädigen den Garten. Wir bauen nun einen Zaun, um den Bereich komplett zu trennen. Kompromisse gibt es keine mehr – genau das wollte meine Schwägerin.
Meine Schwägerin war während unserer Renovierungsarbeiten im Urlaub in einem Wellnesshotel und nun möchte
Homy