Ist deine Frau wirklich die, für die du sie hältst? — Arvid, ich wollte dir das eigentlich nicht am Hochzeitstag sagen… Also, weißt du eigentlich, dass deine frisch angetraute Frau eine Tochter hat? – Mein Kollege auf der Arbeit fesselte mich direkt auf dem Fahrersitz. — Was meinst du damit? – Ich konnte solche Nachrichten nicht glauben. — Meine Frau flüsterte mir, als sie deine Ramona auf eurer Hochzeit sah, ins Ohr: — Ob der Bräutigam weiß, dass seine Braut eine Tochter im Kinderheim hat? — Stell dir das mal vor, Arvid! Ich wäre beinahe an meinem Salat erstickt. Meine Frau sagt, sie hat selbst dokumentiert, dass auf die Neugeborene verzichtet wurde, sie arbeitet ja als Ärztin in der Geburtsklinik. Sie erinnerte sich an deine Ramona wegen eines Muttermals am Hals. Und sie meint, Ramona hat das Mädchen Emilia genannt und ihr ihren Nachnamen gegeben, vermutlich Schneider. Das war vor ungefähr fünf Jahren, – mein Kollege wartete gespannt auf meine Reaktion. Ich saß wie versteinert am Steuer. Was für eine Nachricht! Ich beschloss, alles selbst herauszufinden. Solchen Gerüchten wollte ich nicht blind glauben. Klar war mir, dass Ramona nicht mehr 18 war, sondern damals schon 32 Jahre zählte. Natürlich hatte sie vor mir ein eigenes Leben. Aber warum sollte man sein eigenes Kind weggeben? Wie hält man das aus? Durch Kontakte fand ich schnell das Kinderheim, in dem Emilia Schneider lebte. Der Leiter stellte mir ein fröhliches Mädchen mit strahlendem Lächeln vor: — Lernen Sie kennen, unsere Emilia Schneider, – sagte der Direktor zu ihr, – sag dem Onkel, wie alt du bist, mein Kind. Ihr auffälliges Schielen konnte man nicht übersehen. Das tat mir weh, ich fühlte sie als mein eigenes Kind. Schließlich ist sie die Tochter meiner geliebten Frau! Meine Oma pflegte zu sagen: — Ein Kind, ob es krumm oder schief ist, für Eltern bleibt es ein Wunder. Emilia kam mutig auf mich zu: — Vier Jahre alt. Bist du mein Papa? Ich war verwirrt. Was antwortet man einem Kind, das in jedem Mann seinen Papa sieht? — Emilia, lass uns reden. Wärst du gern Teil einer Familie mit Mama und Papa? – Natürlich eine dumme Frage, aber ich wollte sie einfach nur in den Arm nehmen und sofort mit nach Hause nehmen. — Ja, bitte! Nimmst du mich mit? – Emilia schaute mich fragend und klug an. — Ich werde dich holen, aber es dauert noch ein wenig. Wartest du, mein Häschen? – Ich musste fast weinen. — Ich warte. Du belügst mich nicht? – Emilia wurde ernst. — Ich belüge dich nicht, – ich küsste sie auf die Wange. Zuhause erzählte ich alles meiner Frau. — Ramona, mir ist egal, was vor mir war, aber wir müssen Emilia so schnell wie möglich nach Hause holen. Ich werde sie ganz offiziell adoptieren. — Und hast du mich gefragt? Ob ich dieses Mädchen überhaupt will? Und sie schielt ja auch noch! – Ramona wurde laut. — Das ist doch deine leibliche Tochter! Ich lass Emila die Augen operieren, alles wird gut. Das Mädchen ist ein Wunder! Du wirst sie sofort lieben, – mich wundert Ramonas Haltung sehr. Schlussendlich habe ich Ramona praktisch dazu überreden müssen, Emilia zu adoptieren. Wir mussten ein Jahr warten, bis sie endlich bei uns einzog. Ich besuchte Emilia oft im Heim. In der Zeit wurden wir Freundinnen, sie gewöhnte sich an mich. Ramona jedoch wollte das Kind weiterhin nicht haben, wollte sogar die Adoption abbrechen. Ich flehte sie an, durchzuhalten und alle Formalitäten abzuschließen. Endlich war der Tag da: Emilia betrat zum ersten Mal unsere Wohnung. Alles, was für uns selbstverständlich schien, faszinierte und erfreute sie. Bald korrigierten Fachärzte Emilias Sehfehler. Die Prozedur dauerte anderthalb Jahre. Glücklicherweise war keine Operation nötig. Mit jedem Tag wurde meine Tochter ihrer Mama Ramona immer ähnlicher – wie zwei Tropfen Wasser. Ich war glücklich. Ich hatte jetzt zwei Schönheiten zuhause – meine Frau und meine Tochter. Fast ein Jahr nach dem Kinderheim konnte Emilia nicht genug bekommen. Überall lief sie mit einer Packung Kekse herum, auch nachts. Niemand konnte ihr die Box wegnehmen. Offenbar hatte sie Not leiden müssen, was Ramona nervte und bei mir Mitgefühl auslöste. Ich versuchte immer, unsere Familie zusammenzuhalten, aber leider… Meine Frau konnte nie ihre Tochter lieben. Ramona liebte nur sich selbst, ihr Ego – wie eingefroren im Wort „ich“. Es gab Streit, Konflikte, schmerzliche Auseinandersetzungen, immer ging es um Emilia. — Warum hast du dieses wilde Mädchen in unsere Familie geholt? Sie wird nie ein normales Kind! – schimpfte meine Frau verzweifelt. Ich liebte Ramona sehr, konnte mir mein Leben ohne sie nicht vorstellen. Doch meine Mutter sagte einmal: — Sohn, das ist deine Sache, aber wir haben Ramona mal mit einem anderen Mann gesehen. Glücklich wirst du mit ihr nie werden. Ramona ist nicht aufrichtig, sie ist berechnend, verschlagen. Sie wird dich betrügen, pass auf. Wenn man liebt, sieht man keine Hindernisse. Dein Glück leuchtet heller als die Sterne. Ramona war mein Ideal. Den Bruch in unserer Beziehung spürte ich erst, als Emilia bei uns einzog. Vermutlich hat sie mir die Augen für die Wahrheit geöffnet. Es überraschte mich, wie meine Frau sich nicht um das Kind kümmerte. Ich dachte sogar daran, Ramona weniger zu lieben, mich von ihr zu distanzieren, aber ich schaffte es nicht. Ein Freund gab mir einmal einen seltsamen Rat: — Hör zu, Kumpel, wenn du eine Frau oder ein Mädchen entzaubern willst, dann miss sie mit dem Schneidermaß. Alter Volksrat. — Du machst Witze, oder? – Ich war erstaunt. — Miss den Brustumfang, die Taille, die Hüften. Und dann liebst du sie nicht mehr, – er schien sich über mich lustig zu machen. Schließlich beschloss ich, dieses einfache Experiment zu probieren. Ich hatte ja nichts zu verlieren. — Ramona, komm mal her, ich will dich vermessen – rief ich meine Frau. Ramona war überrascht: — Bekomme ich jetzt ein neues Kleid? Telefon — Ja, – ich maß feierlich ihre Brust-, Taillen- und Hüftmaße. Experiment beendet. Ich liebte Ramona noch immer. Wir lachten gemeinsam über die Sprüche meines Freundes. Bald wurde Emilia krank. Sie hatte Fieber, lag stöhnend und schniefend im Bett. Überall folgte sie Ramona mit ihrer Puppe Maja. Ich war erleichtert, dass sie nun statt einer Packung Kekse die Puppe in den Händen hielt. Emilia liebte es, die Puppe ständig umzuziehen. Doch jetzt war die Puppe nackt, was bedeutete, dass Emilia zu schwach war, sie anzuziehen. Ramona schrie sie an: — Wie lange willst du denn noch jammern? Es gibt keine Ruhe mehr! Geh jetzt endlich schlafen! Emilia drückte die Puppe an sich und weinte still weiter. Plötzlich nahm Ramona ihr die Puppe aus den Händen, rannte zum Fenster, öffnete es und warf die Puppe eiskalt hinaus. — Mama, das ist meine Puppe Maja! Sie friert draußen! Darf ich sie schnell holen? – Emilia weinte laut und lief zur Tür. Ich rannte sofort hinterher. Natürlich war der Aufzug wieder weg. Ich hetzte die Treppe vom achten Stock hinunter. Die Puppe hing kopfüber am Ast eines Baumes. Ich rettete sie und klopfte den Schnee ab. Die schmelzenden Flocken wirkten wie Tränen auf dem Gummigesicht. Auf dem Rückweg dachte ich, dass ich gleich heulen würde. Ramona Handlung war unbegreiflich für mich. Ich ging ins Emilias Zimmer. Sie kniete neben ihrem Bett, den Kopf auf das Kopfkissen gelegt. Sie schlief und schniefte leise vor sich hin. Behutsam legte ich die Puppe neben sie. Ramona saß ruhig im Wohnzimmer, las Zeitschriften, war ohne jede Sorge um Emilia. In diesem Augenblick endete meine Liebe zu meiner Frau. Sie vertrocknete, verdunstete, löste sich auf. Endlich begriff ich: Ramona ist hübsch, aber nur eine leere Bonbonhülle. Meine Frau hatte es offenbar verstanden. Wir ließen uns scheiden. Emilia blieb bei mir, Ramona hatte keinerlei Einwände. … Später traf ich meine Ex-Frau wieder, sie griente breit: — Du warst, Arvid, nur ein Sprungbrett. — Ramona, ein Drache bist du – glänzende Augen, aber eine schwarze Seele – konnte ich ihr endlich gelassen entgegnen. Ramona heiratete sofort einen erfolgreichen Unternehmer. — Mir tut ihr Mann leid. So einer Frau sollte man die Mutterschaft verbieten, – urteilte meine Mutter. Emilia trauerte lange um ihre Mama, wollte sie wenigstens einmal berühren. Doch meine neue Frau, Lina, verstand es, sich mit Emilia anzufreunden und ihr Herz zu erwärmen. Es schien, als hätte ihr eigenes Kind sie ein zweites Mal verlassen. Für mich blieb das ein Rätsel. Entdecken Sie mehr Tisch Tür Türen Lisa umsorgt Emilia und unseren Sohn Simon mit grenzenloser Liebe und Geduld.

Bist du dir eigentlich sicher, dass deine Frau wirklich die ist, für die du sie hältst?
Ach, Stefan, das ist wirklich unangenehm am Hochzeitstag, aber weißt du eigentlich, dass deine frischgebackene Ehefrau eine Tochter hat? Mein Kollege Thomas riss mir mit dieser Frage fast das Lenkrad aus der Hand.
Wie bitte? Was meinst du damit? Ich weigerte mich, sowas zu glauben.
Also, meine Frau hat deine Karolin auf eurer Hochzeit gesehen und flüsterte mir ins Ohr:
Ob der Bräutigam wohl weiß, dass seine Braut eine Tochter im Kinderheim hat?
Stell dir das mal vor, Stefan! Ich wäre fast an der Gurke aus dem Kartoffelsalat erstickt. Meine Frau hat die Sache recherchiert sie arbeitet ja als Hebamme im Städtischen Klinikum. Und sie erinnerte sich an Karolin wegen des kleinen Leberflecks am Hals. Damals, vor etwa fünf, sechs Jahren, hat Karolin ein Baby namens Emilia abgegeben und ihr sogar den eigenen Nachnamen gegeben Schmitt, glaube ich. Schon schräg, oder? Thomas blickte gespannt zu mir.
Ich saß wie vom Donner gerührt am Steuer. Was für eine Nachricht!
Also musste ich selbst nachforschen. So ein Gerede da glaub ich erst, wenn ichs seh. Klar war Karolin nicht mehr achtzehn, als wir uns kennenlernten, sondern Zweiunddreißig. Sie hatte vor mir wohl ein Leben. Aber was bringt einen dazu, das eigene Kind wegzugeben? Wie lebt man später damit?
Zum Glück kannte ich jemanden, der jemanden kannte so hatte ich schnell raus, wo diese Emilia Schmitt im Kinderheim lebte.
Der Heimleiter führte mich zu einem fröhlichen Mädchen mit strahlender Zahnlücke:
Darf ich vorstellen: Unsere Emilia Schmitt, lächelte der Leiter. Wie alt bist du denn, mein Kind? Sag mal dem Onkel hallo.
Man konnte nicht übersehen, dass das Mädchen stark schielte. Mir tat sie direkt leid in dem Moment adoptierte ich sie innerlich schon. Schließlich war sie die Tochter der Frau, die ich liebe! Wie meine Oma immer sagte:
Eigene Kinder, und seien sie schief, sind für die Eltern ein Wunder.
Emilia kam tapfer auf mich zu:
Vier Jahre alt. Bist du mein Papa?
Ich war völlig überfordert. Was sollte man antworten, wenn ein Kind in jedem Mann einen Vater sucht?
Emilia, erzähl mir mal: Würdest du gerne Mama und Papa haben? Eigentlich eine blöde Frage, aber ich wollte dieses liebe Mädchen am liebsten direkt einpacken und mit nach Hause nehmen.
Klar! Holst du mich dann ab? Emilia sah mich mit erstaunlich erwachsenem Blick an.
Ich hol dich, aber erst ein bisschen später. Wartest du auf mich, Häschen? Mir wurde ganz weich ums Herz.
Ich warte. Du lügst mich nicht an? Emilia wurde plötzlich ganz ernst.
Ich lüg dich nicht an, küsste ich die Kleine auf die Wange.
Zuhause habe ich Karolin alles erzählt.
Karolin, mir ist egal, was vor mir war. Aber wir müssen Emilia unbedingt holen. Ich will sie offiziell adoptieren.
Hast du mal gefragt, ob ich das überhaupt will? Dieses Mädchen kommt hier nicht rein! Und sie schielt ja auch noch! Karolin wurde laut.
Aber das ist doch DEINE Tochter! Ich lasse ihr die Augen operieren das kann man machen, alles wird gut. Sie ist ein wahres Wunder! Du wirst sie noch mögen, versprochen, ich verstand meine Frau wirklich nicht mehr.
Letztendlich musste ich Karolin fast dazu überreden, Emilias Adoption zuzustimmen.
Wir brauchten noch ein Jahr, bis Emilia dann wirklich bei uns einzog. Ich besuchte sie regelmäßig im Heim, und wir wurden richtige Freunde. Karolin zeigte immer noch keinerlei Interesse an dem Kind, wollte sogar das Adoptionsverfahren stoppen. Ich redete ihr gut zu, dass wir das durchziehen müssten.
Endlich, an einem verregneten Montag, zog Emilia bei uns ein. Sie war ganz aus dem Häuschen alles, was für uns selbstverständlich war, war für sie wie Weihnachten und Ostern zusammen. Die Augenärzte konnten das Schielen dankenswerterweise ambulant korrigieren. Keine OP nötig Glück gehabt.
Die Kleine sah bald wie ein kleiner Klon von Karolin aus. Ich war glücklich! Zwei Schönheiten in meinem Haushalt meine Frau und meine Tochter.
Fast ein Jahr nach dem Heim konnte Emilia nicht genug bekommen. Sie schleppte ständig ein Päckchen Butterkekse mit sich herum, egal ob Tag oder Nacht. Ich konnte ihr das auch beim besten Willen nicht abgewöhnen, sie hatte einfach Angst, wieder Hunger zu leiden. Karolin regte sich darüber auf, ich staunte nur über diese Vorsicht.
Ich klebte an dem Versuch, unsere Familie zusammenzuschweißen aber Es half nichts. Karolin konnte ihre Tochter einfach nicht lieben. Sie war leidenschaftlich verliebt in sich selbst, ihr Ego, wie festgeklebt am Wort Ich.
Zwischen ihr und mir kriselte es, Streit um Streit, alles wegen Emilia.
Warum hast du mir Wildfang eigentlich ins Haus gebracht? Die wird nie ein normales Kind! tobte Karolin.
Ich liebte Karolin sehr, konnte mein Leben ohne sie nicht vorstellen. Meine Mutter meinte allerdings mal trocken:
Junge, ist deine Sache, aber wir haben deine Karolin schonmal mit einem anderen Mann gesehen. Mit der wirst du nie glücklich. Die ist kein bisschen ehrlich, nur ausgebufft.
Wer liebt, der bleibt blind. Für mich war Karolin das große Los. Doch als Emilia kam, spürte ich erstmals, wie brüchig alles war.
Vielleicht hat mir Emilia die Augen geöffnet. Karolins Gleichgültigkeit dem Kind gegenüber war schockierend.
Manchmal überlegte ich, Karolin weniger zu lieben, abzukühlen schaffte es aber nie. Dann gab mir mein Kumpel Paul folgenden Rat:
Hör mal, Stefan, wenn du eine Frau entzaubern willst, miss sie mal mit dem Schneidermaßband aus das rät der Volksmund.
Im Ernst? Ich war verwirrt.
Na klar. Miss ihr Brust, Taille, Hüfte. Und dann verfliegt die Liebe, das ist so, hat Oma schon gesagt.
War mir zwar albern, aber ich schwor mir, es zu probieren. Schaden kanns ja nicht.
Karolin, komm mal her, ich muss dich ausmessen, sagte ich irgendwann zu ihr ganz trocken.
Karolin sah mich erstaunt an:
Gibts etwa ein neues Kleid?
Handy
Ja, da kommt was Schönes, und wirklich vermass ich feierlich ihre Maße.
Experiment beendet, Liebe unverändert. Wir lachten herzlich über Paul und seine Ratschläge.
Kurze Zeit später steckte Emilia in einer Erkältung. Sie fieberte, jammerte, lief Karolin mit ihrer Lieblingspuppe Maja hinterher. Ich war froh, sie hatte endlich eine Puppe statt Kekse als Trost.
Die Puppe musste dauernd umgezogen werden jetzt lag sie nackt da, zu schwach war ihre kleine Besitzerin. Karolin fuhr sie an:
Kriegst du dich jetzt endlich mal ein? Kann man hier nie seine Ruhe haben? Ab ins Bett!
Emilia klammerte sich an ihre Maja und schluchzte weiter. Da riss Karolin die Puppe aus Emilias Händen, lief zum Fenster, riss es auf und schmiss Maja mit einem Schwung hinaus.
Mama! Das ist meine Maja! Die friert doch jetzt! Darf ich sie noch schnell retten? kreischte Emilia und stürzte Richtung Tür.
Ich sprintete hinterher, sie konnte sterben vor Trauer. Ausgerechnet kein Fahrstuhl da also Treppenrennen vom achten Stock runter. Die Puppe hing am Ast, kopfüber. Ich rettete sie, klopfte den Schnee ab, die Schmelztropfen schauten aus wie Tränen. Beim Hochlaufen dachte ich: Jetzt wirst du noch absurd.
Karolins Verhalten war völlig unverständlich. In Emilias Zimmer lag sie dann zusammengerollt am Bett, mit Maja eng an sich gedrückt, noch im Halbschlaf schluchzend. Ich legte die Puppe neben sie aufs Kissen.
Karolin saß auf dem Sofa, las eine Zeitschrift und wirkte, als wär sie keine Minute älter als 16 eiskalt. In diesem Augenblick war meine Liebe zu ihr quasi schockgefroren. Sie löste sich auf, wie Brause im Wasser. Karolin war schön aber leer wie eine Bonbonhülle.
Vermutlich hat meine Frau das auch gespürt.
Wir ließen uns scheiden. Emilia blieb bei mir, Karolin machte keinen Mucks.
Als wir uns später begegneten, grinste sie und meinte:
Du warst halt mein Sprungbrett, Stefan.
Ach Karolin, mit deinen strahlenden Augen und deinem rabenschwarzen Herzen wenigstens kann ich das heute ehrlich sagen.
Sie heiratete gleich einen erfolgreichen Unternehmer.
Der tut mir leid, meinte meine Mutter trocken. So eine sollte besser keine Mutter sein.
Emilia war anfangs sehr traurig, wollte wenigstens mit der Mama noch mal reden.
Aber meine neue Frau, Lisa, gewann schnell Emilias Herz mit Liebe und Geduld. Es wirkte, als hätte das Kind zum zweiten Mal die Mutter verloren. Für mich war das unbegreiflich.
Lisa kümmert sich nun mit unerschöpflicher Liebe und Geduld um Emilia und um unseren kleinen Sohn Simon.

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Homy
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Ist deine Frau wirklich die, für die du sie hältst? — Arvid, ich wollte dir das eigentlich nicht am Hochzeitstag sagen… Also, weißt du eigentlich, dass deine frisch angetraute Frau eine Tochter hat? – Mein Kollege auf der Arbeit fesselte mich direkt auf dem Fahrersitz. — Was meinst du damit? – Ich konnte solche Nachrichten nicht glauben. — Meine Frau flüsterte mir, als sie deine Ramona auf eurer Hochzeit sah, ins Ohr: — Ob der Bräutigam weiß, dass seine Braut eine Tochter im Kinderheim hat? — Stell dir das mal vor, Arvid! Ich wäre beinahe an meinem Salat erstickt. Meine Frau sagt, sie hat selbst dokumentiert, dass auf die Neugeborene verzichtet wurde, sie arbeitet ja als Ärztin in der Geburtsklinik. Sie erinnerte sich an deine Ramona wegen eines Muttermals am Hals. Und sie meint, Ramona hat das Mädchen Emilia genannt und ihr ihren Nachnamen gegeben, vermutlich Schneider. Das war vor ungefähr fünf Jahren, – mein Kollege wartete gespannt auf meine Reaktion. Ich saß wie versteinert am Steuer. Was für eine Nachricht! Ich beschloss, alles selbst herauszufinden. Solchen Gerüchten wollte ich nicht blind glauben. Klar war mir, dass Ramona nicht mehr 18 war, sondern damals schon 32 Jahre zählte. Natürlich hatte sie vor mir ein eigenes Leben. Aber warum sollte man sein eigenes Kind weggeben? Wie hält man das aus? Durch Kontakte fand ich schnell das Kinderheim, in dem Emilia Schneider lebte. Der Leiter stellte mir ein fröhliches Mädchen mit strahlendem Lächeln vor: — Lernen Sie kennen, unsere Emilia Schneider, – sagte der Direktor zu ihr, – sag dem Onkel, wie alt du bist, mein Kind. Ihr auffälliges Schielen konnte man nicht übersehen. Das tat mir weh, ich fühlte sie als mein eigenes Kind. Schließlich ist sie die Tochter meiner geliebten Frau! Meine Oma pflegte zu sagen: — Ein Kind, ob es krumm oder schief ist, für Eltern bleibt es ein Wunder. Emilia kam mutig auf mich zu: — Vier Jahre alt. Bist du mein Papa? Ich war verwirrt. Was antwortet man einem Kind, das in jedem Mann seinen Papa sieht? — Emilia, lass uns reden. Wärst du gern Teil einer Familie mit Mama und Papa? – Natürlich eine dumme Frage, aber ich wollte sie einfach nur in den Arm nehmen und sofort mit nach Hause nehmen. — Ja, bitte! Nimmst du mich mit? – Emilia schaute mich fragend und klug an. — Ich werde dich holen, aber es dauert noch ein wenig. Wartest du, mein Häschen? – Ich musste fast weinen. — Ich warte. Du belügst mich nicht? – Emilia wurde ernst. — Ich belüge dich nicht, – ich küsste sie auf die Wange. Zuhause erzählte ich alles meiner Frau. — Ramona, mir ist egal, was vor mir war, aber wir müssen Emilia so schnell wie möglich nach Hause holen. Ich werde sie ganz offiziell adoptieren. — Und hast du mich gefragt? Ob ich dieses Mädchen überhaupt will? Und sie schielt ja auch noch! – Ramona wurde laut. — Das ist doch deine leibliche Tochter! Ich lass Emila die Augen operieren, alles wird gut. Das Mädchen ist ein Wunder! Du wirst sie sofort lieben, – mich wundert Ramonas Haltung sehr. Schlussendlich habe ich Ramona praktisch dazu überreden müssen, Emilia zu adoptieren. Wir mussten ein Jahr warten, bis sie endlich bei uns einzog. Ich besuchte Emilia oft im Heim. In der Zeit wurden wir Freundinnen, sie gewöhnte sich an mich. Ramona jedoch wollte das Kind weiterhin nicht haben, wollte sogar die Adoption abbrechen. Ich flehte sie an, durchzuhalten und alle Formalitäten abzuschließen. Endlich war der Tag da: Emilia betrat zum ersten Mal unsere Wohnung. Alles, was für uns selbstverständlich schien, faszinierte und erfreute sie. Bald korrigierten Fachärzte Emilias Sehfehler. Die Prozedur dauerte anderthalb Jahre. Glücklicherweise war keine Operation nötig. Mit jedem Tag wurde meine Tochter ihrer Mama Ramona immer ähnlicher – wie zwei Tropfen Wasser. Ich war glücklich. Ich hatte jetzt zwei Schönheiten zuhause – meine Frau und meine Tochter. Fast ein Jahr nach dem Kinderheim konnte Emilia nicht genug bekommen. Überall lief sie mit einer Packung Kekse herum, auch nachts. Niemand konnte ihr die Box wegnehmen. Offenbar hatte sie Not leiden müssen, was Ramona nervte und bei mir Mitgefühl auslöste. Ich versuchte immer, unsere Familie zusammenzuhalten, aber leider… Meine Frau konnte nie ihre Tochter lieben. Ramona liebte nur sich selbst, ihr Ego – wie eingefroren im Wort „ich“. Es gab Streit, Konflikte, schmerzliche Auseinandersetzungen, immer ging es um Emilia. — Warum hast du dieses wilde Mädchen in unsere Familie geholt? Sie wird nie ein normales Kind! – schimpfte meine Frau verzweifelt. Ich liebte Ramona sehr, konnte mir mein Leben ohne sie nicht vorstellen. Doch meine Mutter sagte einmal: — Sohn, das ist deine Sache, aber wir haben Ramona mal mit einem anderen Mann gesehen. Glücklich wirst du mit ihr nie werden. Ramona ist nicht aufrichtig, sie ist berechnend, verschlagen. Sie wird dich betrügen, pass auf. Wenn man liebt, sieht man keine Hindernisse. Dein Glück leuchtet heller als die Sterne. Ramona war mein Ideal. Den Bruch in unserer Beziehung spürte ich erst, als Emilia bei uns einzog. Vermutlich hat sie mir die Augen für die Wahrheit geöffnet. Es überraschte mich, wie meine Frau sich nicht um das Kind kümmerte. Ich dachte sogar daran, Ramona weniger zu lieben, mich von ihr zu distanzieren, aber ich schaffte es nicht. Ein Freund gab mir einmal einen seltsamen Rat: — Hör zu, Kumpel, wenn du eine Frau oder ein Mädchen entzaubern willst, dann miss sie mit dem Schneidermaß. Alter Volksrat. — Du machst Witze, oder? – Ich war erstaunt. — Miss den Brustumfang, die Taille, die Hüften. Und dann liebst du sie nicht mehr, – er schien sich über mich lustig zu machen. Schließlich beschloss ich, dieses einfache Experiment zu probieren. Ich hatte ja nichts zu verlieren. — Ramona, komm mal her, ich will dich vermessen – rief ich meine Frau. Ramona war überrascht: — Bekomme ich jetzt ein neues Kleid? Telefon — Ja, – ich maß feierlich ihre Brust-, Taillen- und Hüftmaße. Experiment beendet. Ich liebte Ramona noch immer. Wir lachten gemeinsam über die Sprüche meines Freundes. Bald wurde Emilia krank. Sie hatte Fieber, lag stöhnend und schniefend im Bett. Überall folgte sie Ramona mit ihrer Puppe Maja. Ich war erleichtert, dass sie nun statt einer Packung Kekse die Puppe in den Händen hielt. Emilia liebte es, die Puppe ständig umzuziehen. Doch jetzt war die Puppe nackt, was bedeutete, dass Emilia zu schwach war, sie anzuziehen. Ramona schrie sie an: — Wie lange willst du denn noch jammern? Es gibt keine Ruhe mehr! Geh jetzt endlich schlafen! Emilia drückte die Puppe an sich und weinte still weiter. Plötzlich nahm Ramona ihr die Puppe aus den Händen, rannte zum Fenster, öffnete es und warf die Puppe eiskalt hinaus. — Mama, das ist meine Puppe Maja! Sie friert draußen! Darf ich sie schnell holen? – Emilia weinte laut und lief zur Tür. Ich rannte sofort hinterher. Natürlich war der Aufzug wieder weg. Ich hetzte die Treppe vom achten Stock hinunter. Die Puppe hing kopfüber am Ast eines Baumes. Ich rettete sie und klopfte den Schnee ab. Die schmelzenden Flocken wirkten wie Tränen auf dem Gummigesicht. Auf dem Rückweg dachte ich, dass ich gleich heulen würde. Ramona Handlung war unbegreiflich für mich. Ich ging ins Emilias Zimmer. Sie kniete neben ihrem Bett, den Kopf auf das Kopfkissen gelegt. Sie schlief und schniefte leise vor sich hin. Behutsam legte ich die Puppe neben sie. Ramona saß ruhig im Wohnzimmer, las Zeitschriften, war ohne jede Sorge um Emilia. In diesem Augenblick endete meine Liebe zu meiner Frau. Sie vertrocknete, verdunstete, löste sich auf. Endlich begriff ich: Ramona ist hübsch, aber nur eine leere Bonbonhülle. Meine Frau hatte es offenbar verstanden. Wir ließen uns scheiden. Emilia blieb bei mir, Ramona hatte keinerlei Einwände. … Später traf ich meine Ex-Frau wieder, sie griente breit: — Du warst, Arvid, nur ein Sprungbrett. — Ramona, ein Drache bist du – glänzende Augen, aber eine schwarze Seele – konnte ich ihr endlich gelassen entgegnen. Ramona heiratete sofort einen erfolgreichen Unternehmer. — Mir tut ihr Mann leid. So einer Frau sollte man die Mutterschaft verbieten, – urteilte meine Mutter. Emilia trauerte lange um ihre Mama, wollte sie wenigstens einmal berühren. Doch meine neue Frau, Lina, verstand es, sich mit Emilia anzufreunden und ihr Herz zu erwärmen. Es schien, als hätte ihr eigenes Kind sie ein zweites Mal verlassen. Für mich blieb das ein Rätsel. Entdecken Sie mehr Tisch Tür Türen Lisa umsorgt Emilia und unseren Sohn Simon mit grenzenloser Liebe und Geduld.
Meine liebe Enkelin