Hast du Brot geholt?
Er sah mich an, als hätte ich ihn gefragt, ob er heimlich Stewardess werden will. Nicht verwirrt, nicht böse, aber mit einer langen, viel zu langen Pause. Diese Art von Stille passte so gar nicht zu unserem normalen Alltag.
Welches Brot, sagte er dann. Nicht als Frage. Einfach so, als würde er feststellen, dass die Sonne morgens aufgeht.
Ganz normales Brot. Graubrot von der Mühlenklause, das holst du doch immer dort.
Er stellte die Tasche auf den Küchenboden, schaute sich um, als sei er zum ersten Mal in unserer Küche.
Ich war gar nicht im Laden.
Ich nickte und wandte mich dem Herd zu. Ist nichts, hab ich mir eingeredet. Er ist müde. Eine Woche weg, Tagung in Leipzig, Hotelzimmer, fremdes Bett, fremdes Essen. Klar, dass man da nicht strahlt.
Aber das Brot hat er immer geholt. Siebzehn Jahre lang, jedes Mal, wenn er von irgendwo zurückkam, selbst wenn es nur ein Tagesausflug war, hat er bei der Mühlenklause an der Ecke Sandstraße Graubrot mitgenommen. Das war kein Ritual im eigentlichen Sinn, keine Notwendigkeit, keine Vereinbarung. Es war einfach… wie er heimkommt.
Ich rührte in der Suppe und sagte nichts weiter.
Er heißt Gerhard. Gerhard Behrens. Ich bin achtundfünfzig, er einundsechzig. Wir wohnen in Wiesbaden, in einer Zweizimmerwohnung im vierten Stock, gekauft noch 1999, als unsere Ina noch klein war. Ina ist längst erwachsen, lebt jetzt in Hamburg, ruft sonntags an. Ich arbeite als Bibliothekarin in einer Grundschule, Gerhard ist seit drei Jahren in Rente, hat aber einen Minijob angenommen und gibt Vorträge zu Bauvorschriften an der Berufsschule. Unser Leben plätschert ruhig dahin, fast ohne Streit. Das ist wichtig zu wissen. Es gab keinen Grund für das, was nach seiner Rückkehr passierte.
Das Abendessen war wortkarg. Er aß langsam, schaute nur auf seinen Teller. Eigentlich erzählt er direkt beim ersten Abendbrot nach so einer Reise etwas. Über die Tagung, die Kollegen, den Hotelfahrstuhl, der kaputt war, oder wie sehr er sich auf meinen Linseneintopf gefreut hat.
Und, wie wars in Leipzig? fragte ich.
Ging so.
Und das Seminar lief gut?
Ja.
Ich legte den Löffel hin.
Gehts dir gut, Gerhard?
Er sah mich an wie immer, graue Augen, etwas müder.
Ja, ich bin nur müde.
Ich räumte ab. Er verschwand ins Wohnzimmer, legte sich mit dem Handy aufs Sofa, als ob alles normal wäre. Nichts war passiert. Nur das Brot fehlte. Und das Gespräch. Und noch etwas, das keinen Namen hat.
Die erste Nacht schrieb ich der Müdigkeit zu. Die zweite auch.
Am dritten Tag, einem Freitag, war das erste wirklich Seltsame. Ich trank Kaffee am Fenster, blickte in den Innenhof. Er kam aus dem Bad, ging in die Küche, schenkte sich Wasser ein. Dann griff er ins Regal, holte das Glas mit Buchweizen, öffnete, roch daran, und stellte es zurück. Sagte nichts.
Aber Gerhard isst keinen Buchweizen. Nie. Schon beim ersten Kennenlernen hat er lachend erzählt, Buchweizen sei das großmütterlichste Getreide, das es gibt, ausgedacht von Menschen ohne Fantasie. Wir haben immer darüber gelacht. Ich kochte ihm Reis, Hirse, Dinkel, alles, nur keinen Buchweizen.
Und jetzt nimmt er das Glas und schnuppert. Als wollte er probieren.
Willst du jetzt Buchweizen? fragte ich vorsichtig.
Nein, sagt er, und ging wieder.
Ich starrte noch lange auf das Glas.
Am Samstag rief Ina an.
Papa wieder da? fragte sie direkt.
Mittwochabend, ja.
Alles okay bei ihm?
Ich überlegte einen Moment. Kurz.
Er ist nur müde. Alles gut soweit.
Na, dann ist ja gut. Mama, ich komme im Oktober nach Hause. Urlaub mit David.
Klar, komm! Freu mich drauf.
Ihr wollte ich nichts sagen. Was hätte ich auch erzählen sollen? Papa hat kein Brot geholt und Buchweizen beschnuppert? Klingt nicht nach Familienkrise. Klingt nach gar nichts.
Aber ich wusste jetzt, dass etwas nicht stimmt. Nicht im Kopf, nicht rational. In einem anderen Teil, dem Bauch- oder Rippenbereich, der nicht diskutiert, sondern einfach blinkt: Achtung.
Am Sonntag schlug ich einen Spaziergang vor. Sonntags sind wir oft im Stadtpark, nicht jede Woche, aber regelmäßig. Er mochte die Bank am Teich, holte uns, wenn geöffnet, Malzbier am Kiosk, klagte über den Rücken und ich sagte, mehr Gymnastik würde helfen, worauf er lachte und abwinkte. Eine kleine Tradition. Unser Ding.
Wollen wir in den Park? schlug ich also vor.
Er nahm die Augen vom Handy.
Welcher Park?
Der Stadtpark. Es ist schönes Wetter.
Er überlegte. Auch das war neu, sonst hieß es direkt: Klar oder Moment, eben noch die Jacke. Da musste niemand überlegen.
Okay, sagte er schließlich.
Wir schweigen beim Laufen. Ich beobachtete ihn. Er schaute aufmerksam herum, aber ohne großes Interesse, ohne die Weichheit eines Sonntagsbummels. Mehr wie jemand, der eine neue Gegend auskundschaftet.
Am Eingang stand ein alter Mann mit Hund, ein dicker roter Cocker Spaniel.
Schau mal, Bello, sagte ich. So nennen wir seit Jahren alle dicken Spaniels, seit unsere ehemalige Nachbarin Frau Schneider einmal so einen hatte, ebenfalls Bello. Unser Running Gag.
Er sah den Hund an. Null Reaktion.
Bello, wiederholte ich leise.
Netter Hund, sagte er. Höflich. Neutral.
Ich blieb bald an einem Wildrosenbusch stehen, scheinbar die Hagebutten untersuchend. Mein Herz schlug schneller als üblich beim Spazierengehen.
Er erinnert sich nicht an Bello. Oder tut so. Aber warum sollte er so tun?
Am Teich war der Malzbier-Kiosk nicht geöffnet, wohl schon saisonal zu. Gerhard setzte sich, schaute auf die Enten.
Schön hier, sagte er.
Wir kommen doch ständig her.
Ach ja?
Ich drehte mich zu ihm.
Gerhard, wir kommen hierher seit zehn Jahren. Mindestens.
Er nickte. Ruhig, nicht verlegen.
Schon möglich. Ich sagte ja nur, es ist schön.
In mir zog sich etwas zusammen. Es dauerte, bis ich dafür ein Wort fand, erst nachts, als ich zuhörte, wie er gleichmäßig atmet. Es gibt da in der Psychologie diesen Begriff, wenn jemand dir wie ausgetauscht vorkommt, nach Stress, nach sowas. Ich kannte das Wort nicht mehr, aber hier gabs doch keinen Stress. Eine Tagung in Leipzig ist kein Grund, zum anderen Menschen zu werden.
Ich stand um drei Uhr nachts am Fenster, trank Wasser, schaute in den dunklen Hof. Laterne, die flackert wie immer. Ich sagte mir: Abwarten. Vielleicht hat er bloß was, was er nicht sagt. Vielleicht gabs Krach, vielleicht gehts ihm gesundheitlich nicht gut. In dem Alter passieren Dinge, das Leben klopft nicht immer an, bevor es was ändert.
Zurück ins Bett. Er schlief auf der Seite, zum Fenster. Ich legte ganz leicht die Hand auf seinen Rücken, so wie immer. Er blieb ruhig.
Am nächsten Morgen rief ich meine alte Freundin Gisela an. Wir sind seit dem Studium befreundet; sie wohnt am anderen Ende Wiesbadens, arbeitet beim Arzt im Empfang. Gisela ist ehrlich, direkt, wie es nur echte Hessinnen sein können, das mag ich an ihr.
Gisi, kann ich vorbeikommen?
Alles in Ordnung?
Ich weiß nicht. Ich muss reden.
Komm um fünf, dann hab ich Feierabend.
Bei Gisela riecht es immer nach Apfelkuchen, egal, ob sie backt oder nicht. Wir setzen uns in die Küche, Tee, und ich erzähle ihr alles: Brot, Buchweizen, Bello, dieses schon möglich am Teich.
Gisela hört zu, sagt lange nichts.
Also, Annette, vielleicht ist es nur ne Depression. Oder was mit dem Kopf, mit dem Gedächtnis. Ihr seid doch beide nicht mehr die Jüngsten.
Gisi, er ist einundsechzig!
Na und? Bei Herrn Schwarz im dritten fings auch mit zweiundsechzig an. Und schau ihn dir jetzt an.
Aber Gerhard war immer der Erinnernde. Daten, Namen, alles, viel besser als ich.
Irgendwas ändert sich immer mal.
Ich schaue in meine Tasse.
Es ist keine normale Vergesslichkeit, Gisi. Er guckt mich manchmal an… so als wollte er freundlich sein, aber eigentlich ist ihm egal, ob er mich kennt oder nicht.
Sie bricht ein Stück Apfelkuchen ab.
Hast du geschlafen?
Kaum.
Eben. Du bist übermüdet. Der hat Stress im Kopf, will aber nix erzählen, ist halt ein Mann. Lass ihn mal eine Woche in Ruhe.
Ich nickte. Sie hat meistens recht.
Aber auf dem Heimweg dachte ich weiter über dieses Buchweizenglas. So eine winzige Bewegung, aber so sehr nicht sein Stil, dass es mir immer noch im Hals steckte.
Daheim saß Gerhard am Küchentisch, sortierte Papiere, schrieb irgendwas. Ich stellte den Kessel auf, packte die Einkäufe aus. Er sah nicht hoch.
Ich war bei Gisela.
Mhm.
Hab Kuchen mitgebracht.
Er sah den Kuchen an.
Was ist drin?
Kohl. Deine absolute Lieblingsfüllung.
Ich mag Kohl nicht besonders.
Ich stellte die Tüte langsam auf den Tisch. Sehr langsam.
Gerhard.
Was?
Du hast doch als Kind schon Kohlkuchen geliebt. Deine Mutter hat die immer gebacken, das hast du mir oft erzählt.
Er schaut mich an.
Meine Mutter hat immer Apfelkuchen gemacht.
Stille.
Seine Mutter, Frau Behrens, ist seit zwölf Jahren tot. Ich kann mich an ihre Küche erinnern, ich war oft da. Sie hat natürlich Kohlkuchen gebacken, mit Ei. Ihr Spezialrezept. Sie war stolz darauf.
Gerhard, deine Mutter hat Kohlkuchen gebacken, sage ich leise. Ich weiß das.
Vielleicht auch das. Ist schon lange her, sagt er, zuckt die Schultern, wendet sich wieder seinen Papieren zu.
Ich ging ins Wohnzimmer, ans Fenster. Schaute auf die Straße. Alles ganz normal da draußen, wie immer.
Ich suchte die Nummer seiner Schwester raus. Monika, lebt in Kassel, nicht besonders nah, aber sie reden ab und an. Ich wählte.
Annette! Ruft sie gleich, warm und laut. Wie gehts euch?
Gut, Monika. Sag mal, was hat eure Mutter damals immer gebacken?
Kurze Pause.
Dein Ernst? Na, diese Dinger mit Kohl und Ei, das waren ihre Besten. Und manchmal Apfelkuchen. Warum fragst du?
Wollte nur sicher sein. Danke.
Ich legte auf. Meine Beine fühlten sich weich an. Weil mir wegen Kohlkuchen die Kraft aus den Knien sackt, lächerlich. Aber so wars.
Mit dem Gedächtnis… Vielleicht ist es das. Irgendwas mit Neurologie. Ich müsste ihn zum Arzt bringen. Richtig reden, direkt.
Beim Abendessen fragte ich:
Hast du in letzter Zeit Kopfschmerzen?
Nö.
Und schläfst du okay?
Ja.
Möchtest du dich mal durchchecken lassen? Einfach so, sicherheitshalber.
Er legte das Besteck weg.
Wozu?
Blutdruck, so Sachen halt. Du warst ewig nicht beim Arzt.
Zuhause messe ich selber. Alles normal.
Ich mache mir Sorgen.
Er schaut mich an. Lang, prüfend.
Denkst du, ich hab was an der Waffel?
Ich mache mir nur Sorgen.
Ich bin fit, Annette. Das reicht.
Er nimmt das Besteck zurück. Thema vorbei. Das kann Gerhard: Eine Grenze ziehen, mit nur einem Satz, ganz ruhig, ohne Drama. Ich kenne das sonst reicht mir das auch.
Aber diesmal beobachtete ich, wie er aß, wie er das Besteck hielt, wie er nach vorne beugte. Doch ein Teil in mir verglich alles ab: So hat er doch nie gesessen? Und wie hält er die Gabel? Rechts… stimmt ja, er ist Rechtshänder.
Ich räumte ab, ging ins Bad. Im Spiegel sah mich eine müde Frau mit kurzem, grauen Haar, das ich seit Jahren nicht färbe, mit Lachfalten rund um die Augen die Gerhard mal als Freudenfalten bezeichnete. Ich schaute mich an: Annette, du bildest dir das ein. Du weißt doch längst nicht mehr, wie genau er seine Gabel hält. Du hast Angst vor Veränderungen. Das ist menschlich.
Ich ging ins Bett.
Mitten in der Nacht wurde ich wach von Stille. Nicht von Geräuschen, sondern von Stille, von der Art Leere, die entsteht, wenn keiner da ist. Ich streifte nach Gerhard das Bett war kalt.
In der Küche brannte Licht. Da saß er und schrieb etwas in ein Notizbuch. Mit der Hand, was sowieso seltsam war Gerhard schreibt sonst nur Unterschriften handschriftlich.
Gerhard?
Er blickt auf, ruhig, nicht erschrocken.
Ich kann nicht schlafen.
Was schreibst du?
Ein paar Gedanken.
Darf ich mal sehen?
Pause.
Das ist privat.
Ich sah ihn an. Er hielt meinen Blick.
Gerhard hat mir noch nie das ist privat gesagt, wenn ich etwas wissen wollte. Siebzehn Jahre Ehe ich durfte alles fragen. Natürlich hatten wir unsere eigenen Bereiche, aber nie war seine Antwort so.
Gut, sagte ich, und ging wieder ins Schlafzimmer.
Ich lag da, hörte, wie er noch schrieb, dann eine Weile das Licht ausmachte, zurückkam. Er lag noch wach.
Am Morgen war das Notizbuch verschwunden.
Ich suchte danach. Keine Ahnung, warum. Ich guckte in der Küchenschublade nichts. Ich öffnete seine Nachtischschublade. Noch nie gemacht. Die war fast leer: alte Brille, eine ausländische Münze, ein paar Zettel. Notizbuch weg.
Er hatte es mitgenommen.
Im Büro war alles wie immer. Bücher ordnen, Fragen der jungen Kollegin Ulla beantworten, Magazine sortieren. Nichts, was Sorgen macht.
In der Mittagspause saß ich in der Teeküche und dachte darüber nach, wie man merkt, dass ein Mensch sich wirklich verändert hat. Nicht in Kleinigkeiten, nicht altersbedingt, sondern grundsätzlich. Was ist das, wenn man jemanden siebzehn Jahre kennt, weiß, wie er lacht, wie er riecht, wovor er Angst hat und was er mag, und dann plötzlich stimmt alles nicht mehr?
Mir fiel das Wort ein: Identitätswechsel. Habe ich mal irgendwo gelesen. Kann medizinisch sein, psychisch, Stressfolge. Oder Pech im Leben. Manche Paare wachsen auseinander, gerade nach Fünfzig. Wenn die Kinder flügge sind, der Job fast vorbei, bleibt man zu zweit zurück und merkt, man kennt einander nicht mehr.
Aber ich kannte Gerhard. Ganz sicher.
Abends war er vor mir daheim. Er stand in der Küche und schaute aus dem Fenster. Einfach so.
Was machst du da?
Schauen.
Worauf denn?
Einfach so.
Von Gerhard kam so was sonst nie. Der typische Machertyp, immer aktiv, selten Tagträume. Einfach schauen ist nicht seins.
Wie war dein Tag?
Normal. Vorlesung, alles wie gehabt.
Die Schüler?
Frag nicht.
Ich kramte Hühnerfleisch aus dem Kühlschrank und kochte.
Erzählst du mir von Leipzig? fragte ich.
Was soll ich erzählen?
Irgendwas. Wo hast du gewohnt, was hast du gesehen? Warst doch die ganze Woche da.
Kurze Pause.
Im Hotel. Seminar im Uni-Konferenzraum. Ich war bei so nem neuen Wohnbau, als Exkursionsbeispiel. Das wars.
Und die Leute? War jemand Bekanntes da, Kollegen?
Klar.
Wer denn?
Er schwieg. Ich drehte mich um. Er sah irgendwohin, bloß nicht zu mir.
Na ja, vom Baukollegium ein paar. Auch Leute aus andren Städten.
War Herr Voss da?
Frank Voss, der Abteilungsleiter, mit dem Gerhard seit Jahren zusammenarbeitet, immer gemeinsam auf Fortbildungen fährt, im Sommer zusammen angeln war.
Voss? Nein, der nicht.
Der fährt doch immer mit zu den Seminaren.
Diesmal nicht.
Ich drehte mich wieder weg. Vielleicht stimmt das ja.
Nachts schrieb ich eine Nachricht an Voss Frau Heike: Hallo Heike! War Frank gut zurück aus Leipzig?
Sie schrieb flott zurück: Frank war gar nicht da! Sie haben ihn diesmal nicht eingeteilt, war die ganze Woche zuhause! Alles okay?
Ich antwortete, ich hätte mich vertan.
Gerhard weiß also nicht, ob Voss in Leipzig war, obwohl die eng zusammenarbeiten. Oder weiß es und lügt. Aber wieso?
Irgendwann kam der Gedanke: War Gerhard überhaupt in Leipzig? Oder war er sonstwo?
Zu weit. Ich übertriebe doch.
Aber er war da.
Am nächsten Tag schlug ich ihm vor, neue Vorhänge für unser Schlafzimmer zu kaufen im Textilparadies auf der Luisenstraße. Da gehen wir ab und zu hin, er hasst Stoffläden, steht unmotiviert herum und sagt such dir was aus, Hauptsache, ich muss hier nicht lange bleiben. Danach gibts Berliner im Café nebenan. Unser kleiner Familiengag.
Fahren wir heute hin?
Wohin?
Ins Textilparadies. Wegen Gardinen.
Brauchen wir neue?
Die alten sind schon durch.
Er zuckte mit den Schultern.
Mir egal.
Ich schob den Einkauf ewig hinaus, fragte nach Stoffen, er reagierte abwesend. Als wir rausgingen: Gleich noch nen Berliner im Café?
Welches Café?
Da, ums Eck. Gehen wir doch immer hin.
Keine Ahnung von welchem Café du redest.
Ich lächle. Locker wirken.
Na, komm, ich zeigs dir.
Wir setzten uns da hin, das Café gibts wirklich schon ewig. Ich beobachtete ihn bei jedem Bissen. Er war höflich, freundlich, fast normal nur ein Mal schaute er sehr lange auf die gelbe Leuchtschrift an der Wand, als müsse er sich etwas fest einprägen.
Gerhard, fragte ich plötzlich, leise. Erinnerst du dich an mich?
Er schaute überrascht.
Was soll das heißen? Natürlich. Du bist Annette, meine Frau.
Ja, aber… erinnerst du dich an uns? An unsere Geschichte?
Was ist los mit dir?
Nichts. Du bist in letzter Zeit anders.
Menschen ändern sich.
Das hast du wörtlich so gesagt wie ich vor ein paar Tagen innerlich. Früher hast du gesagt, Menschen ändern sich nicht so leicht.
Er schwieg, kaute weiter.
Tja, vielleicht ändere ich mich doch, sagte er nach einer Weile.
Auf der Heimfahrt im Bus schaute ich die Regentropfen an der Scheibe an. Manchmal ist die Angst, einen Vertrauten zu verlieren, schlimmer als jeder reale Abschied. Meist steckt gar kein Skandal dahinter. Aber es gibt eben Dinge, über die niemand spricht.
Am nächsten Morgen, während er beim Job war, betrat ich sein sogenanntes Büro. Ein Raum in unserer Zweizimmerwohnung, den wir mit einem alten Ikea-Schreibtisch vollgestellt hatten. Da lag sein Notizbuch.
Ich öffnete es. Die ersten Seiten leer. Dann Listen. Annette. Ehefrau. 58. Bibliothek. Tochter: Ina, Hamburg. Kaffee schwarz. Will neue Vorhänge. Freundin: Gisela, arbeitet in Arztpraxis. Dann: Kohlkuchen angeblich Lieblingsgericht. Sonntagsspaziergänge, Stadtpark. Spaniel Bello Running Gag. Weiter: Mutter: Behrens. Kohl oder Apfelkuchen? Nachfragen.
Mir schnürte es den Atem ab.
Das waren Notizen von jemandem, der ein fremdes Leben kennenlernt. Eine Bedienungsanleitung meines Alltags.
Ich legte das Buch zurück, trank ein großes Glas Wasser, weiteres. Die Gedanken kristallklar, so wie in Schocksituationen.
Wer ist das.
Er lebt seit einer Woche hier, sieht aus wie Gerhard, spricht wie Gerhard. Aber er schreibt sich mein Leben auf, als müsse ers auswendig lernen.
Ich meldete mich krank auf Arbeit. Saß still im Sessel. Suchte nach Rationalem.
Amnesie? Dissoziation? Nach einem Schock? Vielleicht in Leipzig. Oder bei was auch immer. Vielleicht versucht er, sich sein Leben zurückzuholen, still, ohne mich zu beunruhigen.
Nur: Die Schrift im Notizbuch war eine andere. Nicht sein Gekrakel sondern eine Miniatur, ordentlich, wie von einem Uhrmacher.
Leute ändern ihren Stil. Nach Schlaganfall, zum Beispiel. Aber dann merkt man das auch anderenorts, deutlich.
Er kam um sieben nach Hause. Ich hatte gekocht, die Haare gemacht. Aus reiner Routine, glaube ich.
Müde? fragte er. Du warst nicht in der Arbeit.
Kopfschmerzen. Schon weg.
Er nickte, packte seine Tasche weg, ging Hände waschen. Der Alltag. Oberflächlich.
Beim Abendessen fragte ich direkt:
Gerhard, erzähl mir mal etwas über uns. Wie wir uns kennengelernt haben.
Er schaute hoch, ohne Hast.
Wozu?
Ich möchts mal hören, wie du dich erinnerst.
Er legte die Gabel ab, dachte nach.
Über Bekannte, auf nem Geburtstag. Du hattest ein blaues Kleid an.
Stimmt. Es war der 23. September, Geburtstag von Kerstin Rapp.
Dann haben wir uns noch ein paarmal getroffen. Dann waren wir zusammen.
Er hielt inne.
Das wars, schob er hinterher.
Ich sah ihn an.
Und dann?
Wir haben geheiratet, Ina kam, die Wohnung gekauft.
Und wohin sind wir damals nach dem Heiratsantrag gefahren?
Annette…
Sag einfach.
Schweigen.
Ich weiß die Details nicht mehr, sagt er endlich. Ist lange her.
Du hast bei unserem Silberhochzeitsfest erzählt, dass du jede Sekunde weißt. Vor allen.
Nichts.
Gerhard, wohin fuhren wir, nach dem Antrag?
Er schaute mich lange an. In seinen Augen keine Wut, keine Scham sondern irgendwas anderes. Angst? Berechnung? Oder Traurigkeit.
Annette, sagt er leise. Warum jetzt?
Ich will wissen, ob du dich erinnerst.
Ich bin müde. Das ist zu lange her. Nicht jeder erinnert sich an jede Kleinigkeit.
Das war keine Kleinigkeit.
Für mich schon.
Ich stand auf, räumte ab, obwohl wir noch nicht fertig waren. Er schwieg.
Wir waren damals an der Lahn. Ein kleines hessisches Flüsschen. Erste Liebe, nasse Füße, und er hat mich durchs Wasser getragen, weil ich Pumps trug. Einmalig. Er hat diese Anekdote jahrelang jedem erzählt, ders hören oder auch nicht hören wollte.
Der Mensch, mit dem ich da saß, kannte sie nicht.
In der Nacht schrieb ich Gisela eine sehr lange Nachricht. Schilderte das Notizbuch, den Schreibstil, die Sache an der Lahn.
Sie antwortete um eins: Annette. Er muss zum Arzt. Und du gehörst auch untersucht. Solche Sachen kann man nicht aushalten, ohne durchzudrehen. Ruf mich morgen an.
Langes Starren an die Decke. Gerhard atmete leise. Ich überlegte, wie es wohl ist, wenn jemand verschwindet, der im selben Zimmer bleibt.
Am Freitag früh beschloss ich: Ich sags ihm. Ich erzähl ihm alles. Dass ich das Notizbuch gefunden hab, dass ich Monika gefragt hab, dass ich Heike Voss geschrieben hab, dass Voss gar nicht in Leipzig war. Ich hab viele Fragen. Und will endlich Antworten. Ich bin kein Feind, ich will nur Klarheit.
Er war schon in der Küche, kochte sich Tee.
Gerhard, sagte ich.
Ja?
Ich muss mit dir sprechen.
Er drehte sich um. Schaute mich lange an.
Ich weiß, sagte er.
Ich blieb stehen.
Du weißt was?
Dass du etwas weißt. Ich hab gesehen, dass du im Büro warst.
Schweigen. Keine Entschuldigung. Ich wartete.
Setz dich, sagte er.
Wir setzten uns. Er hat die Tasse fest mit beiden Händen gehalten, als wollte er sie wärmen.
Das kann man nicht einfach erklären, began er.
Versuchs.
Du hast recht, dass deine Theorie am einfachsten wäre. Sie stimmt zum Teil.
Wie meinst du das?
Ich erinnere mich nicht an alles. Nicht so, wie du denkst. Es sind Lücken, große Lücken.
Die Lahn, sagte ich.
Er schaute hoch.
Die?
Wir waren an der Lahn, nach deinem Antrag. Weißt du noch?
Da veränderte sich etwas in seinem Gesicht. Kaum sichtbar.
Nein, sagte er.
Erinnerst du dich an Bello?
Pause.
Nein.
Erinnerst du dich an deine Mutter? Frau Behrens?
Ich weiß ihr Gesicht, ihre Stimme. Aber… Details nein.
Ich sah ihn an. Er mich nicht, nur die Tasse.
Wann hat das angefangen?
Weiß nicht. Allmählich.
Du hast nichts gesagt.
Mir fehlten die Worte.
Du schreibst Sachen auf, um nichts falsch zu machen.
Ja.
Du hast eine andere Schrift.
Lange Pause. Er stellt die Tasse ab.
Ich weiß.
Kann man das erklären?
Keine Antwort. Er schweigt. Ich warte. Lange.
Gerhard. Siehst du mich an?
Er hebt den Kopf. Graue Augen. Gewöhnliche.
Bist du Gerhard? frage ich leise. Mein Gerhard?
Und das erste Mal sehe ich in seinem Blick etwas Echtes. Schmerz. Vielleicht Verwirrung. Oder etwas anderes, wofür ich kein Wort habe.
Annette, sagt er. Ich weiß nicht, wie ich dir das beantworten kann.
Ich sehe ihm in die Augen, auf die Hände an der Tasse, die Falte am Mundwinkel, das graue Haar.
Ist das ehrlich?
So ehrlich, wie ichs eben kann.
Draußen regnet es. Typischer Wiesbadener Herbstniesel. Ich höre die Tropfen ans Fenster klopfen.
Was soll ich damit machen? frage ich leise in den Raum hinein.
Weiß nicht, sagt er. Und wieder klingt das authentisch.
Ich hole mir Kaffee, ohne Zucker. Ich stelle mich ans Fenster.
Er steht auch auf. Ich höre seinen Schritt hinter mir.
Annette.
Ja?
Deine Stimme kenne ich. Den Klang. Seit Anfang an. Die Erinnerung habe ich noch.
Ich drehe mich nicht um.
Das ist wenig.
Ich weiß.
Der Regen fällt weiter. Draußen hupt ein Auto. Dann wieder Ruhe.
Ich brauche Zeit, sage ich schließlich.
In Ordnung.
Ich weiß nicht, wie es weitergeht.
Verstehe ich.
Ich drehe mich um. Er schaut mich an, als wollte er unbedingt noch etwas sagen, aber nicht genau weiß, wie.
Sag mir etwas, bitte ich.
Was?
Willst du hierbleiben?
Er denkt einen Moment, während draußen der Regen ans Fenster tropft.
Ja, sagt er endlich. Ich will hierbleiben.
Ich sehe ihn an. Den Mann, der mein Leben auf Notizzetteln festhält, die Lahn nicht kennt, aber die Tasse hält wie immer.
Dann geh Brot holen, sage ich. Graubrot. Mühlenklause, Ecke Sandstraße.
Er nickt. Zieht die Jacke an, geht zur Tür. Bleibt im Rahmen stehen.
Annette.
Ja?
Die Lahn. Erzählst dus mir später mal?
Ich schaue ihn lange an.
Mal sehen, sage ich.
Die Tür fällt zu. Ich stehe mit dem Kaffee am Fenster und höre, wie seine Schritte die vier Stockwerke runter hallen. Sechzehn Treppen. Ich habe das immer gezählt.
Sechzehn.
Er geht hinaus, ich sehe ihn durch den Regen unter den Arkaden verschwinden. Er biegt rechts ab, Richtung Mühlenklause.
Ich halte meine Kaffeetasse. Irgendwo zwischen Lärm und Ruhe ist jetzt alles still in mir kein Frieden, keine Antworten, aber zumindest kein ständiges Verstecken mehr davor, dass sie fehlen.
Das Handy vibriert. Gisela.
Und? Wie gehts dir?
Weiß nicht.
Hat er was gesagt?
Ja.
Und?
Draußen ist die Ecke, an der er abgebogen ist, schon leer.
Gisi, könntest du mit jemandem leben, der nicht weiß, wer er ist?
Pause.
Das hat er so gesagt?
In etwa.
Annette, du musst mit dem zum Arzt. Das ist nichts für Teegespräche.
Ich weiß.
Was machst du jetzt?
Ich stelle die Tasse ab.
Noch nichts. Er ist Brot holen.
Welches Brot?
Graubrot, von der Mühlenklause.
Gisela schweigt.
Annette, irgendwie machst du mir Angst.
Alles in Ordnung, Gisi. Ich ruf später an.
Ich lege auf, nehme die Tasse. Trinke einen Schluck. Der Kaffee ist schon lauwarm, aber immer noch okay.
Sechzehn Stufen. Immer gezählt.
Nach zwanzig Minuten knallt unten die Tür. Schritte, Stufen sechzehn an der Zahl.
Ich bleibe am Fenster stehen.
Der Schlüssel im Schloss. Tür geht auf.
Hier, ruft er aus dem Flur. Graubrot. Das Letzte.
Ich drehe mich um. Da steht er, mit dem Brot in der Hand, vom Regen ganz durchweicht, das Haar an die Stirn geklebt.
Legs auf den Tisch, sag ich.
Er legt es hin.
Wir schauen uns an.
Magst du Tee? frage ich.
Ja, gern.
Ich setze Wasser auf. Er hängt die Jacke auf, setzt sich. Ich stehe mit dem Rücken zu ihm, höre sein leises Schweigen. Nicht bedrückend, einfach nur da.
Annette, sagt er leise. Erzählst du mir von der Lahn?
Der Wasserkessel rauscht, erst leise, dann immer lauter.
Ich stehe da und denke.
Nicht jetzt, sage ich schließlich. Vielleicht später.
Gut, sagt er.
Der Kessel beginnt zu pfeifen.





