Drei Fäden. Drei Schicksale
Was hat sie gesagt? Bärbel, ich habs nicht verstanden, was denn? Gertrud Viktoria beugte sich ein wenig vor und zur Seite, um ihrer Freundin Bärbel Pauline, die an ihrer Seite ging, besser zuzuhören.
Bärbel fing an, ausführlich zu erklären, worüber die Mutter und das etwa siebenjährige Mädchen, die gerade an ihnen vorbeigegangen waren, gesprochen hatten.
Also, bei ihr in der Schule gibt es einen Rabauken, und da hat sie ihm mal ordentlich die Meinung gesagt
Bärbel spricht ziemlich laut, sodass die ganze Straße mithören kann. Gertrud hört aufmerksam zu, unterbricht nicht, dann sucht sie mit einem Seitenblick das besagte Mädchen, nickt ihr nach.
Ein nettes, ordentliches Mädchen. Aber viel zu kopflastig! stellt sie fest.
Wie meinst du das? wundert sich Gertrud Viktoria, hakt sich bei ihrer Freundin unter und will weitergehen die Ampel steht schon lange auf Grün und die Autos reihen sich, um die beiden älteren Damen endlich die Straße überqueren zu lassen.
Was? Ich verstehe dich nicht, Gerti, was? fragt Bärbel, schaut etwas verwirrt um sich, hält ihre Handtasche fest an sich gedrückt und trappelt mit kleinen, schnellen Schritten zum rettenden Bürgersteig.
Ich frage, warum du meinst, das Mädchen sei zu kopflastig? wiederholt Gertrud mit lauter Stimme.
Ach, einfach so, winkt Bärbel ab.
Gertrud Viktoria mag es manchmal nicht, ihre Gedankengänge zu erklären. Warum auch das, findet sie, erklärt sich doch von selbst.
Also, das Mädchen nimmt es auf sich, den Faulpelz und Störenfried in ihrer Klasse zu erziehen und zu ermahnen? Nein, Kinder, das läuft so nicht Das kann ja nichts werden!
Gerti schüttelt den Kopf über ihre eigenen Gedanken, Bärbel seufzt. Manchmal ist ihre Freundin einfach unerträglich in ihrer geheimnisvollen Verschlossenheit. Aber ohne Gerti wäre die Welt, die sich so sehr verändert hat, komisch grell und laut, einfach viel zu schwierig geworden.
Gertrud Viktoria und Bärbel Pauline sind Nachbarinnen. Und ihre Wohnungen sind besonders jede hat ihren eigenen Eingang direkt zur Straße hinaus, ohne Treppen oder Fahrstuhl. Sie leben in einem der Nebengebäude eines alten Gutshofs in Berlin-Dahlem, früher einmal im Besitz eines preußischen Ordensritters, später dann überlassen an eine berühmte Persönlichkeit aus der Kultur, die mit seiner Frau im Haupthaus ein Gymnasium gründete und die Nebengebäude in kleine Künstlerwohnungen und Werkstätten verwandelte. Die Geschichte dieses Ortes wurde wie ein altes Leintuch immer wieder neu geflickt und zusammengeknüllt. So bewohnen Gertrud, Bärbel und ihre Freundin Marianne das einst aus Pferdeställen umgebaute Erdgeschoss viele anderen sind schon in größere, modernere Wohnungen gezogen, aber die Drei halten an ihren vier Wänden fest, reißen jeden Umzugsbrief sofort in Stücke, egal welcher Makler oder Nachbar wieder mit neuem Angebot kommt mit oder ohne Zuzahlung, Umzugshilfe oder Ummeldung.
Firmen, kleine Unternehmen, private Agenturen und allerlei Geschäftsleute viele würden sich um diesen kleinen Fleck Berlin reißen, so zentral, in einer der elegantesten Gegenden, nicht weit von der Freien Universität, und was der dahintrottende Mönch in der Abtei von Kloster Berlin kann, schafft der Dom bei der Museumsinsel locker, den Dom sieht man schon linkerhand. Klar, das Haupthaus des Guts ist eine Kunstschule geworden, aber die Pavillons und alten Nebengebäude sind noch zu haben.
Aber die Frauen, zart, langsam gebrechlich, trotzig in ihrem Alter, machen Platz für niemanden. Hier sind sie groß geworden, hier wollen sie sterben.
Komm, wir schauen bei Marianne rein wir gratulieren ihr, sagt Bärbel, tapst voran, in der Hand eine Tortenbox.
Was? Was sagst du, ich kann dich nicht verstehen, Bärbel, schau mich doch an, dann kann ich von deinen Lippen ablesen! Gertrud Viktoria zupft ihre Freundin am Ärmel. Es ist ihr unangenehm, peinlich, ja sie fürchtet, dass Bärbel irgendwann die Geduld verliert und sie stehenlässt. Die Schwerhörigkeit nervt natürlich Bärbel ist schließlich auch nur ein Mensch
Aber Bärbel bleibt ruhig, beugt sich zu Gertrud und artikuliert langsam und deutlich.
Ach ja, stimmt, Marianne hat eingeladen. Ich erinnere mich! Bärbel lächelt Missverständnis geklärt, sie können los.
Marianne Friederike, die arme Nachbarin, seit Jahren an den Rollstuhl gefesselt, feiert heute den Geburtstag ihrer Tochter. Liese, selbst schon nicht mehr taufrisch, arbeitet in irgendeinem Büro, kommt selten vorbei. Ursprünglich wollten sie am Wochenende feiern, aber es kam anders. Marianne nimmt es ihrer Tochter nicht übel.
Es ist meine Schuld, sagt sie, als sie dann zu dritt am liebevoll gedeckten Tisch sitzen. Und sagt nichts gegen mein Mädel! hebt sie den Finger, aber niemand hat überhaupt daran gedacht Liese gehört einfach dazu, und über sie redet man nur Gutes.
Bärbel Pauline streichelt Mariennes zittrige, schmale Hand, mit der sie als Kind Unkraut im Hof gejätet hat, als sie nach dem Krieg ein kleines Gemüsebett am Haus anlegten. Diese zarte Hand hielt den schweren Spaten, hob die harte Erde, fuhr liebevoll Saatgut in die Furchen wie ein Vögelchen. Es war eine harte, hungergeplagte Zeit. Ihre Mütter waren Krankenschwestern im St. Hedwig-Krankenhaus, die Mädchen mussten allein zurechtkommen. Was zu essen war, wurde geteilt; die Mütter brachten Brot, manchmal sogar Butter, die seltsam nach Sägemehl schmeckte. Marianne, Bärbel und Gerti jammerten nie es ging allen so. Aber ihr kleiner Garten, mit Samen, die ein pensionierter Gärtner aus dem Nachbarhaus verschenkte Herr Prosch, ein Typus von altem Miraculix, ewig am Qualmen, aber die drei mochten ihn und er mochte sie.
Kommt her, Mädels, rief er und reichte ihnen Tütchen. Setzt das, schmeckt hinterher super. Ich helf euch dabei.
Anfangs glaubten die Mädchen nicht, dass aus ihren Beeten was werden könnte, aber Herr Prosch behielt Recht: Zwei Kohlköpfe wuchsen, ein paar Gurken rankten, eine Möhrenreihe spross. Die Petersilie wurde allerdings nichts sie schoss zwar aus, dann verdorrte alles.
Prosch schimpfte, wetterte: Ihr ruiniert mir hier die ganze Ernte! Doch dann brachte er ihnen ein paar Zwieback und sagte, sie sollen nicht flennen.
Wenn der Krieg vorbei ist und eure Väter zurück sind, schaffen wir hier einen Garten, da werden alle staunen! versprach er.
Aber er überlebte das Kriegsende nicht. Marianne, Bärbel und Gerti sahen mit Schrecken, wie man ihn zur Beerdigung abholte. Damals starben viele, zu viele aber wenn einer ging, der einem ans Herz gewachsen war, war es besonders schlimm. Die Väter kamen nie wieder. Den Garten machten die Mädchen allein.
Und nun sitzt die alte Marianne im Rollstuhl, Bärbel hält ihre Hand, während Gerti Auflauf verteilt und Gurken schneidet. Auf dem Tisch stehen Schnapsgläser. Marianne liebt ihre Preiselbeerliköre. Es wird angestoßen auf Lieses Wohl, auf Maries Beine, die seit fünf Jahren versagen, und dass der Winter mild bleiben möge, damit das Rheuma sie verschont.
Marianne wurde durch einen dummen Sturz gehbehindert. Im Winter ausgerutscht, hingefallen, scheinbar harmlos, am nächsten Morgen nichts ging mehr. Vor Schreck schwitzend, kam sie weder an Telefon noch an Handy. Vielleicht hätte sie sich noch hinüberziehen können, aber mit dem Alter wurde Marianne rundlicher. Die Ärzte murmelten was von Hormonen und Alterserscheinung sie wusste längst, das ist einfach das Leben.
Sie hörte, wie Bärbel auf die Straße ging und die längst gezähmten Tauben rief, Brotkrumen verstreute, dann am Fenster vorbeizog. Die Wohnungen liegen fast ebenerdig, und man sieht jeden, der draußen vorbeigeht, wie im Schaufenster.
Jetzt ist Bärbel einkaufen. Und Gertrud schläft wahrscheinlich noch, die Langschläferin, dachte Marianne im Stillen.
Marianne rief anfangs nicht um Hilfe, fror ganz fürchterlich der Oktoberwind sog die Wärme aus der Wohnung, durchs offene Küchenfenster zog es eisig. Appetit? Ja. Toilette? Dringender.
Die Freundinnen wurden beunruhigt, als keine Musik aus dem Radio in Mariannes Zimmer klang und sie hatte nie verschlafen. Sie klopften, dann klingelte sogar der Hausmeister, der auf Drängen der Freundinnen schließlich die dünne Wohnungstür aufbrach.
Im Nu rollten Hausmeister, Gertrud und Bärbel durchs Vorzimmer.
Marianne! Wo bist du? Sag sofort, was los ist! rief Gertrud Viktoria, vom Schreck halb taub. In meinem Kopf ist Nebel, pflegte sie dann zu sagen.
Sie fanden Marianne, sorgten sich und zogen den Hausmeister wieder hinaus.
Wie peinlich! Mädchen, geht raus, schaut mich nicht so an! jammerte Marianne, aber Bärbels Hände wuschen, wechselten Wäsche und zogen sie um. Bärbel hatte ihre Erfahrungen sie hatte schon ihren Querschnittgelähmten Mann gepflegt.
Er hat so gelitten, sagte sie einst am Grab. Jetzt kann er durchatmen da oben, jetzt gehts ihm besser.
Warum gerade Bärbels ewiger nörgelnder Ehemann in den Himmel kommen sollte, verstanden die Freundinnen nicht, widersprachen aber nicht. Lass sie diesen Trost haben
Marianne kam ins Krankenhaus, die Diagnose war traurig. Sie weinte die ganze Nacht und erzählte ihren Bettnachbarinnen, das sei Gottes Strafe.
Wofür denn?, wunderte sich eine von ihnen.
Sie meinte, sie hätte es verdient: Mit neunzehn brachte sie Liese allein zur Welt aus großer Liebe zu einem Jungen aus der Parallelklasse. Sie schämte sich, das selbst Bärbel und Gerti jahrelang zu erzählen. Nach dem Schulabschluss merkte Marianne, dass sie schwanger war. Ihre Mutter tobte, schickte sie zur Frauenärztin aber es war zu spät. Marianne verschwand aufs Land zur Tante, bekam Liese, und arbeitete dort zwei Jahre im Dorf. Die Mutter besuchte sie, gewöhnte sich langsam an das Enkelkind.
Und der Vater? Der wollte nichts mehr davon wissen. Er hatte sein Studium, seine Karriere, vielleicht eine Auslandslaufbahn vor sich Marianne und Liese passten da nicht ins Konzept.
Erst als Liese zwei Jahre zählte, holte man sie zurück nach Berlin. Bärbel und Gerti waren fantastische Nannys, Liese wanderte von einem zur anderen, wurde von drei Paar Omas-Augen überwacht von der Mutter, von Bärbel und der freundlich-fürsorglichen Gertrud.
Es war komisch für sie aus dem Mädchen von früher war jetzt schon eine Mutter geworden. Doch dann merkten sie, dass Marianne trotz allem dieselbe geblieben war, nur erschöpft.
Marianne machte nebenbei ihr Studium, arbeitete, erzog Liese. Ihre Mutter verstarb, als Liese neun war.
Und dann kam mal eine französische Besuchergruppe zur Druckerei. Da war er ein schmucker Franzose. Weder die Abteilung noch Marianne selbst konnte sich der Liebe entziehen, die so mächtig war, dass sie Berge versetzen könnte.
Bärbel und Gerti kamen aus dem Staunen kaum raus, wenn Pierre mit Geschenken vorbeischaute Kleider, Puppen, Geschirr
Er hat ein Anwesen bei Paris, da gibts alles, auch ein Zimmer für mich, schwärmte Marianne.
Und deine Tochter? hakte Bärbel nach.
Die bleibt vorerst noch in Deutschland, ich hole sie, sobald ich dort alles geregelt habe, versuchte die Braut zu erklären. Ihr Kopf war ein einziges Orchester.
Wo ist mein Ticket, Mama? fragte Liese ernst, als sie aus der Schule kam. Ich muss ja Bescheid sagen, wenn ich reise
Du bleibst, Liese. Die Reise ist jetzt wirklich zu viel für dich. Ich hole dich später nach. Zuerst wohnst du
Mit voller Wucht knallte Liese die Vase, die Pierre geschenkt hatte, auf den Holzboden. Dann folgten Teller und Tassen.
Sie gestand Bärbel später einmal, dass sie an diesem Tag wie erstickt sei, als hätte das Leben sie in eine enge Röhre gezwängt, kein Atem, keine Luft mehr.
Deine Mutter kommt zurück. Und dann musst du wissen, ob du ihr vergibst oder nicht, meinte Bärbel, als das Schlimmste vorbei war. Das ist deine Entscheidung. Ich urteile nicht. Aber was wir versäumt haben, zu leben davon lassen wir Frauen uns schnell mitreißen, das ist unsere Schwäche …
Auch Bärbel hatte sich mal verführen lassen eine Frau auf der Straße hatte ihr eine persische Mütze verkauft, doch zu Hause fand sie im Beutel nur alte Lumpen. Gegen Schönheit war auch sie nicht immer gefeit
Marianne ging nach Frankreich. Liese verabschiedete sie nicht am Bahnsteig, las keine Briefe. Marianne erfuhr alles weitere durch knappe Zeilen der Freundinnen.
Nach einem halben Jahr kam sie zurück zu lang für einen Teenager. Liese hasste sie, wollte nichts, nicht einmal die Geschenke behalten.
Und, wurdest du wenigstens geheiratet? fragte einst Gertrud leise.
Nein. Marianne schüttelte den Kopf. Pierres Familie wollte keine Schwiegertochter mit Kind. Lieber Liese aufgeben, meinten sie ein Kind ist doch nix! Als ich das hörte und Pierre einverstanden war, hab ich ihnen was erzählt und bin abgedampft. Meinst du, Liese wird mich je vergeben?
Gertrud zuckte die Achseln, schwieg eine Weile, dann: Später. Sie muss selbst erwachsen werden, lieben, leiden. Dann vielleicht. Aber ganz ehrlich, Marianne, das war eine dumme und bittere Sache
Damals waren Bärbel und Gertrud schon verheiratet, hatten beide Söhne. Für sie war es undenkbar, nur ein paar Tage wegzugehen
Wegen dieses Fehlers fühlte sich Marianne bestraft. Deshalb das halbe gelähmte Ich.
Liese engagierte eine Altenpflegerin, doch die war ruppig. Marianne schwieg sie konnte ohne Hilfe einfach nicht. Einmal verbrühte sie die Pflegerin versehentlich mit kochendem Wasser. Marianne schrie, weinte die Frau ließ sie einfach sitzen und rannte. Marianne kauerte nackt, mit brennendem Rücken in der Badewanne.
Die Wände im Haus sind dünne, man hört alles von nebenan. Bärbel kam gerannt, sie hatte inzwischen einen Schlüssel, ebenso Gertrud. Sie versorgten Marianne. Danach wurde Bärbel zu Mariannes ständiger Hilfe.
Nein, wirklich, ich kann das nicht, das ist zu intim! Dann lass mich wenigstens bezahlen!
Mal ehrlich, zischt Bärbel. Bezahl doch lieber den Bäcker und werd wieder vernünftiger!
Wozu die Scheu sie waren gemeinsam baden, standen in derselben Reihe beim Gynäkologen, kannten seit Kindertagen alle Flecken voneinander. Wie könnte man da noch Geld nehmen?
Bärbel kümmert sich, Gerti wird ausgeführt sie ist durch ihre schlechtes Gehör ein bisschen schusselig, könnte leicht ein Auto oder einen E-Tretroller übersehen. Sie gehen langsam durch die Berliner Straßen, setzen sich im Park auf Bänke, grübeln über die Kinder, die auf die riesigen Linden klettern überall stehen Linden, und im Sommer berauscht der Duft. Gertrud war die Sammlerin den Lindenblüten-Tee kochten sie immer gemeinsam, an einem Linden-Teeabend bei Gerti. Dann wurde jeder etwas Besonderes beigesteuert, aus Kochbüchern, aus alten Zeiten. Und oft reichten doch die Erfindungen der Kinder für einen genussvollen Abend.
Sie tranken Tee, schauten in den Hof, auf die wie kleine Ballerinen schwingenden Lindenblüten und erzählten aus ihren Leben. Marianne berichtete aus Paris, Bärbel von ihren Begegnungen als Kunsthistorikerin, und Gerti, die am Chemiewerk arbeitete, schwieg immer mehr das Gehör ließ langsam nach, sie fürchtete, die anderen merkten es.
Im Krieg war sie von einer Detonation taub geworden. Erst hatte sie lange Ohrenschmerzen, dann verlor sie nach und nach das Gehör.
In der Fabrik lernte sie ihren Mann Johannes kennen zwölf Jahre älter.
Wozu willst du so einen wie mich? Such dir lieber jemanden Jüngeres ich halt das nicht aus, sonst sterbe ich vor Jammer!
Nach der Hochzeit, in ihrer ersten Nacht, traute sich Johannes nicht zu schlafen, er lauschte auf ihren Atem, den Regen, auf alles, und erst als der Morgen dämmerte, schlief er erschöpft ein, während Gerti schon in der Küche mit dem Frühstück beschäftigt war.
Johannes war Gertruds einzige große Liebe. Er starb früh, gerade mal fünfundfünfzig, still im Schlaf. Gertrud weinte ihn an, trocknete immer wieder seine Wange, als hätte sie Angst, ihrer Tränen würden ihn stören.
Sohn Gregor holte die Nachbarinnen, alle trauerten gemeinsam. Liese wurde erstmals bewusst, wie sehr sie ihre Mutter liebte. So begann Liese, ihre Mutter langsam wieder anzunehmen.
Bärbels Mann war bei den Freundinnen unbeliebt. Marianne meinte immer, er sei weich von den Worten, hart in den Taten. Dauernd wurde gerechnet, geknausert, Vertröstungen auf später. Für neue Gardinen fehlte das Geld, später, jetzt wurde für einen Kühlschrank gespart als der kam, waren Transporte zu teuer, also wurde er gar nicht angeschafft. Schränke, anderes immer später.
Warum hast du den eigentlich geheiratet? fragte Gerti.
Ich dachte, niemand sonst würde sich für mich interessieren. Ihr beide seid so schön. Wer nimmt mich schon?
Lass dich scheiden! rieten die Freundinnen. Du musst dich doch nicht quälen!
Nein. Wir haben einen Sohn. Ich kann die Familie nicht zerstören, weil ich enttäuscht bin. Für Micha ist der Papa wichtig, sie harmonieren. Das versteht er sonst nie
Gerti und Marianne hielten sie für verrückt und stritten mit dem Ehemann. Dann aber blühte Bärbel auf, wurde gelassener, strahlte.
Was ist los mit dir, Bärbel? Was gibts da zu lachen, bei deinem Mann? fragte Gertrud streng.
Errötend sagte Bärbel, sie habe sich verliebt, ein guter Mann umwerbe sie, jetzt wisse sie, was ein starker Mann bedeutet
Sie weinte, und Gerti schüttelte nur den Kopf mit Bärbels Prinzipien würde sie nie untreu werden.
Die Liaison hielt über Jahre, bis Micha schon groß war und studierte. Der Vater erlitt einen Schlaganfall, war ab da bettlägerig, Bärbel pflegte ihn, machte sich Vorwürfe, bat um Verzeihung und er gab keine Antwort.
Nach seinem Tod machte ihr der Geliebte einen Antrag, doch sie lehnte ab: Micha versteht das niemals. Ich schulde das meinem Mann.
Der Mann zog fort, schrieb nie wieder. Er hatte es nicht geschafft, Bärbel aus ihrem Kokon aus Schuld zu befreien.
Jahre liefen dahin, die Nachbarinnen und das halbrunde alte Haus alterten, im Kunstgymnasium wuchsen Musiker und Schauspieler heran, und oft lauschten diese drei Damen den Konzerten Marianne im Rollstuhl, in Samt mit Häkelkragen, Bärbel stolz im bestickten Kleid, Gertrud in bequemer Alterskleidung, dezent, ruhig, und alle mit Spitzehandschuhen, ein Überbleibsel aus Marianne Zeiten mit Paris-Flair.
Quäl dich nicht, Marianne!, sagt Bärbel, während sie Torte verteilt. Liese ist erwachsen, selbst Mutter, Ehefrau. Sie hat die Liebe erfahren. Pierre hasst sie vielleicht, aber dich liebt sie!
Gertrud stimmt zu: Die Jugend ist gnadenlos. Aber mit dem Alter kommen Nuancen. Liese hat gelitten, später verstanden. Und dein Pierre meine Güte, was für ein Fuchs
Sie setzen noch einmal Wasser für Tee auf, Ihr alter Samowar brummt leise. Draußen rauscht der Wind im grauen Laub, bald kommt der erste Frost, doch heute ists noch mild.
Ein Auto kommt im Hof an, Scheinwerfer blitzen. Schritte am Gang, der Summton klingelt. Bärbel öffnet, Liese tritt ein, überreicht die von Mama geliebten Dahlien, dunkelviolett mit gelber Mitte. Vor lauter Blumen sieht man sie kaum, und sie weint. Sitzt da und kann kaum glauben, dass sie längst verziehen wurde oder sich selbst noch nicht total vergeben kann. Und auch Freude: Ihre Tochter ist heute geboren, ein kleines rothaariges Würmchen im rosa Strampelanzug. Was für ein Glück
Wenn du heute Abend durchs Fenster dieses kleinen Altbaus hinter dem alten Gutshaus in Berlin schaust, siehst du drei wunderbare alte Damen. Sie lachen, trinken Tee, erzählen sich Geschichten und warten auf Kinder, Enkel, Urenkel alle, die ihr Leben lebendig machen. Sie werden bald verschwinden, aber sie versuchen, die Zeit mit ihren Liebsten zu genießen das ist unbezahlbar.





