Auf der Suche nach Erleuchtung im Allgäu. Kofferstimmung
Ruth, pack deine Sachen! Wir fahren ins Allgäu!
Mit eben jenem Elan, als hätte sie einen Schatz gehoben, stürmte Annemarie in die kleine Bibliothek. Ruth hob den Blick von der Leserkarte, die sie gerade ausfüllte, und starrte ihre Freundin verständnislos an. Annemarie war wie immer knallrote Regenjacke, löchrige Jeans, Rucksack auf dem Rücken. Ein Wirbelwind aus Energie, unaufhaltbar.
Ins Allgäu? wiederholte Ruth. Wann denn?
Im August, nächste Woche! Ich hab alles schon herausgefunden. Yoga-Reise, Retreat, Zelte, Berge, Meditationen. Eine Gruppe voller Esoteriker, lauter durchgeknallte Suchende. Ruth, ich will Erleuchtung! Und dir würde sie auch guttun.
Erleuchtung? Ruth lachte auf. Anne, ich bin Bibliothekarin. Erleuchtung gehört bei mir zur Stellenbeschreibung.
Von wegen! Annemarie setzte sich ihr gegenüber und zog eifrig Ausdrucke aus dem Rucksack. Schau mal: Das Allgäu, ein Kraftort! Schamanen, Rituale, Gebirgsbäche, reinste Luft. Übernachten im Zelt, vegetarische Kost, jeden Tag Yoga, Meditationen, Seminare. Und Ausflüge zu heiligen Orten.
Ruth blätterte durch das Heft. Berge, Flüsse, Zelte am Seeufer, Menschen in weißen Gewändern beim Meditieren im Sonnenuntergang. Schön sah das aus. Aber Zelte? Vegetarisches Essen? Sie blickte Annemarie an, in ihre leuchtenden Augen, und wusste: Diskutieren brachte nichts.
Wer fährt noch alles mit?
Zehn Leute. Alles aus Kempten oder Umgebung. Die Veranstalter machen das schon seit Jahren. Ich hab die vorhin am Telefon gehabt. Ruth, das ist eine Chance! Du bist doch unsere Globetrotterin. Und jetzt ein ganz neues Abenteuer. Yoga, Berge, Energie.
Ich hab noch nie Yoga gemacht, gab Ruth zögerlich zu.
Das lernst du! Es gibt viele Anfänger. Hauptsache, du willst es.
Und was ist mit Matthias? Ruth dachte an ihn, und es ziepte leicht. Wir wollten doch noch zusammen weg…
Kommt er denn auch mit? Annemarie zog eine Braue hoch.
Unwahrscheinlich, seufzte Ruth. Für ihn ist das nichts. Die Abenteuer… Der will angeln, Wald, Zelt. Aber Esoterik, Meditationen…
Umso besser! Annemarie klatschte in die Hände. Soll er zu Hause bleiben. Dann wirst du wenigstens frisch erleuchtet wiederkommen. Das findet er sicher auch schön.
Am Abend rief Ruth Matthias an. Sie erzählte ihm von der Reise, vom Yogatrip, von Zelten und Meditationen. Er hörte zu und meinte schließlich:
Das Allgäu ist schön. Ich war noch nie dort, hab’s aber viel Gutes gehört.
Möchtest du nicht vielleicht doch mitkommen? fragte Ruth, obwohl sie längst wusste.
Eher nicht, antwortete er ruhig. Meditationen, Retreats… Ich geh lieber Fischen. Aber du solltest fahren. Das passt viel besser zu dir.
Hast du denn keine Angst, mich allein zu lassen? fragte sie, spürte selbst nicht, ob es ein Scherz war oder ernst.
Wovor denn? Matthias lachte. Du bist die Abenteurerin. Und ich warte auf dich. Erleuchtest du dich ruhig!
Versprochen, Ruth lächelte.
Sie legte das Telefon weg und betrachtete das Heft, das Annemarie dagelassen hatte. Sie wusste nicht, ob sie nach Erleuchtung suchte. Aber das Allgäu wollte sie schon lange sehen und die Aussicht auf ein Abenteuer zog. Und Matthias Er würde auf sie warten. Das war das Wichtigste.
Na dann, meine Liebe, sagte sie Annemarie am nächsten Tag. Pack schon, ich hab mich entschlossen. Auf ins Allgäu.
Zur Erleuchtung, lachte Annemarie.
Zur Erleuchtung, stimmte Ruth zu.
Sie konnte nicht ahnen, was sie in jenem geheimnisvollen Landstrich erwarten würde. Begegnungen, Entdeckungen, neue Wege. Aber sie spürte das würde eine besondere Reise werden. Und sie war, fast, bereit.
***
Der Bus fuhr frühmorgens am Kemptener Bahnhof los, und Ruth war sofort klar: Dies war kein gewöhnlicher Ausflug. Die Gruppe war bunt gemischt und das war noch untertrieben. Gegenüber saßen zwei junge Frauen in langen Leinenkleidern, Freundschaftsbändchen am Handgelenk, lockiges Haar, das in Strähnen über die Schultern fiel. Daneben eine Frau um die Fünfzig in einem leuchtend orangefarbenen Kaftan und riesigen Klunkern als Ohrringen, die bei jeder Bewegung klimperten. Hinten durch den Gang schritt ein Mann in besticktem weißen Hemd mit einem echten Wanderstab auch noch mit Bändchen und Glöckchen geschmückt.
Ist das ein Wanderzirkus? flüsterte Ruth zu Annemarie, als sie sich ans Fenster setzten.
Quatsch, flüsterte Annemarie zurück, die Augen glänzend. Das sind Sucher. Im Internet stand, genau solche Leute fahren ins Allgäu. Für Erleuchtung.
Mit Wanderstab?
Jeder wie er mag, Annemarie stupste Ruth in die Seite.
Der Bus rollte los, draußen zogen Felder, Wälder und ab und zu kleine Dörfer vorbei. Die Gespräche im Bus wollten nicht verstummen. Die Frau im Kaftan sprach lauthals über ihre letzte Allgäu-Reise, wie sie dort erleuchtet wurde und nach Jahren im Bürojob alles hinschmiss.
Ich war in der Bank, verkündete sie, habe gekündigt, bin Heilpraktikerin geworden. Es war das Allgäu!
Ich habe im Allgäu erkannt, dass ich Tierärztin werden muss, sagte eine der Leinenkleid-Frauen. Jetzt studiere ich, dabei mochte ich Tiere früher gar nicht.
Ruth lauschte und wusste nicht, ob sie lachen oder staunen sollte. Sie drehte sich zu Annemarie:
Und was willst du suchen?
Vielleicht ein eigenes Café eröffnen, überlegte Annemarie. Oder noch ein Kind bekommen. Aber eigentlich will ich mich nur erholen. Die Landschaft sehen. Die Erleuchtung kommt, wenn sie will.
Richtige Einstellung, seufzte Ruth. Ich dachte schon, wir wären in einer Sekte gelandet.
Keine Sorge, beruhigte Annemarie. nur ein paar Schräge. Sonst wärs langweilig.
Sie fuhren fast zwei Tage. Übernachteten an einer kleinen Raststätte. Dann tauchten am Horizont die ersten Voralpen auf. Erst sanft, bewaldet, dann immer heftiger, felsiger, kantiger. Ruth klebte am Fenster, vergaß die schräge Reisegesellschaft. Die Alpenstraße schlängelte sich durch das Tal, hinter jeder Biegung gab es neue Aussichten: Felswände, Bäche, ferne Gipfel, die in den Wolken verschwanden.
Schau, Anne! Sie zupfte ihre Freundin am Ärmel. Das sieht aus wie die Alpen!
Das sind die Alpen, lachte Annemarie, und das Allgäu ist das Schönste daran.
Sie verrenkten sich, machten Fotos. Jemand stimmte eine Meditationshymne an, aber Ruth lauschte nur dem Wind zwischen den Bergen. Sie waren überall links, rechts, voraus. Steinerne Riesen, stumm und beharrlich. Manche sahen aus wie Burgen, manche wie Tiere, andere wie alte Götter.
Sieh mal, zeigte sie Annemarie einen Felsen, der wie ein schlafender Ritter war. Wie ein Mensch.
Ein Kraftort, sagte die Frau im Kaftan, die zugehört hatte. Jeder Stein hier spricht. Man muss nur hinhören.
Ruth wollte fragen, wie das geht Steine hören , schwieg aber. Jeder hat seine eigene Erleuchtung.
Die erste große Pause machten sie auf dem Oberjochpass. Ruth stieg aus, die Beine weich unter sich. Der Ausblick war unfassbar: Unten windete sich ein Fluss, Berge zogen in blauer Ferne, und über allem ein Himmel so weit und klar wie nirgendwo.
Das ist… unfassbar, sie atmete tief ein.
Das ist das Allgäu, sagte der Mann mit dem Stab, der gleich daneben stand. Hier wird die Seele leicht.
Ruth sog die Luft ein, genoss die Weite. Auf der Panoramaterrasse standen in den Felsen gemeißelte Gedenksteine, schön eingefügt in die wilde Landschaft. Ruth ließ sich vor einem ablichten, dann vor dem nächsten. Annemarie rannte schon herum und drückte auf den Auslöser.
Lauf her! rief sie. Schau mal!
Sie hatte einen steilen Felsen entdeckt, der beinahe in die Straße zu kippen schien. Davor stand ein Wanderstock, daneben mit Tape ein Spitzwegerichblatt und ein mit Edding draufgemalter Spruch: Stein, bleib gesund! Ruth fands niedlich und machte ein Foto zur Erinnerung.
Weiter ging die Fahrt. Die Alpenstraße führte sie immer tiefer ins Gebirge. Am Zusammenfluss von Iller und Ostrach hielt der Bus erneut.
Zwei Flüsse liefen nebeneinander her, aber vermischten sich nicht sofort. Die Ostrach milchig und grau, die Iller türkis und klar. Am Rand ihrer Betten flossen sie nebeneinander, bis sie erst weit später vereint im Tal verschwanden.
Das liegt an der Zusammensetzung des Wassers, erklärte der Wanderführer. Eine trägt Gletscherschlamm, die andere reines Wasser. Sie treffen sich, mischen sich aber erst später richtig wie im Leben.
Ruth stand am Ufer, sah den Flüssen nach und dachte, wie wahr das war: Man geht nebeneinander her, jeder auf seinem eigenen Weg. Erst später, irgendwann, wird klar, wo man sich verbindet.
Abends schlugen sie ihre Zelte am Fuß des Rubihorns auf, am Ufer der Ostrach. Ruth und Annemarie bauten ihr Zelt, hatten etwas Mühe mit den Stangen und Schnüren, bis der Mann mit dem Stab kam, wortlos half und in einer Minute das Zelt aufrichtete. Ruth und Annemarie merkten sich genau, wie es ging.
Und, wie findest dus? fragte Annemarie beim Tee am Lagerfeuer.
Ich weiß nicht ehrlich gesagt. Die Berge, das alles… und diese Esoteriker ich bin das nicht gewohnt.
Gewöhn dich dran. Ist ja nur für eine Woche.
Nachts konnte Ruth nicht schlafen. Der Fluss rauschte kräftig, so laut, dass es ihr vorkam, als würde er die ganze Welt übertönen. Sie lag da, lauschte dem Dröhnen, und spürte, wie sich in ihr etwas veränderte. Keine Erleuchtung aber das Wissen, dass sie jetzt da war. Dass sie lebte.
Schlafst du schon? flüsterte Annemarie.
Nein.
Ich auch nicht. Ist ganz schön laut.
Allgäu, sagte Ruth. Das spricht zu mir.
Annemarie kicherte leise.
Jetzt bist du schon wie die mit ihren Mantren.
Nein, entgegnete Ruth. Aber ich fühle es einfach. Dieser Ort ist besonders.
Der Fluss sang seine eigene Melodie. Irgendwo in den Bergen heulte der Wind, Sterne funkelten durch das Zeltdach und Ruth wusste: Jetzt beginnt die Reise. In ein Land, in dem Berge sprechen und Flüsse sich verweigern zu mischen. Wo jeder sein Glück finden kann. Sogar eine Bibliothekarin aus Buchenried.
***
Der erste Morgen im Allgäu begann mit dem Klang kleiner Glöckchen. Ruth erwachte, orientierungslos, roch nach Harz und Rauch. Zelt, Schlafsack, Annemarie und draußen ein seltsamer Singsang:
Aufstehen, liebe Leute! Die Sonne ruft, die Energie kommt! Auf die Matten!
Was… stöhnte Ruth, die Nacht im Zelt spürend. Anne, was ist das?
Yoga, Annemarie war schon im Sportdress. Komm, wir dürfen uns nicht blamieren.
Ruth kroch hervor, blinzelnd ins Sonnenlicht. Auf der Wiese lagen schon die Matten. Die Frau im Kaftan saß tiefenentspannt im Lotussitz. Die Leinenkleider-Frauen reckten sich wie Katzen, der Mann mit dem Wanderstab stand ohne Stab auf dem Kopf.
Auf dem Kopf?
Bei denen ist das normal, Annemarie rollte die Matte aus. Nicht nachdenken, einfach mitmachen.
Die Yogalehrerin, eine schlanke Frau in weiß mit geflochtenem Zopf, flanierte durch die Reihen, korrigierte, lobte.
Atmet tief! Tankt Sonnenenergie in jede Zelle!
Ruth tat ihr Bestes. Herabschauender Hund. Arme strecken, Hüfte heben, Beine durchdrücken.
Autsch, murmelte sie. Das fühlt sich eher wie eine Garnele an.
Nicht reden, atmen, zischte Annemarie, die das wohl schon im Fernsehen gesehen hatte und heimlich mit Tochter Alina übte. Dann Baum-Position. Ruth stemmte einen Fuß an ihre Wade, hob die Arme und kippte prompt um, riss Annemarie mit.
Wie Anfängerinnen! lachte der Kaftan-Lotus. Erster Versuch?
Man siehts wohl, japste Ruth.
Kein Problem, das braucht Zeit. Die Seele freut sich, der Körper wehrt sich. Ganz normal.
Hinterher fühlte Ruth sich wie ein krummer Ast, der tanzen sollte. Sie kam an keine Zehen ran, stand auf einem Bein keine zehn Sekunden aber es war trotzdem leicht ums Herz.
Ich fühle mich wie ein Baumstamm, meinte sie, als sie endlich Frühstück bekamen.
Aber schon halb erleuchtet, kicherte Annemarie.
Nach dem Frühstück gab es eine Ansage: Sie würden nun ins Gunzesrieder Tal zum Riedbergpass eine spektakuläre Strecke, nichts für schwache Nerven.
Der Bus brummte und die asphaltierte Straße wich schon bald einer Schotterpiste. Hügel, Schlaglöcher, Sprünge.
Halt dich fest! Annemarie quietschte bei jedem Schlagloch.
Ich tus! Ruth hielt sich krampfhaft fest. Wo fahren wir hin?
Ins Paradies!
Hoffentlich nur im übertragenen Sinne!
Aber als sie die Engstelle in der Roten Wand passierten, einem bizarren Felsentor, vergaß Ruth die Schüttelpartie. Seen schimmerten in allen Farben türkis, grün, grau. Heilige Seen, sagte der Kaftan. Hier fischt man nicht und badet nicht Kraftplätze der Natur.
Wieso gibts da keine Fische? fragte Ruth.
Weils einfach nicht sein soll, sagte die Frau geheimnisvoll.
Der Führer ergänzte: Kaum organisches Material, eiskaltes Wasser, Fische hättens schwer.
So schraubten sie sich höher, Schneekuppen glänzten, auf den Hügeln uralte Begräbnismale. Einst wurden hier Häuptlinge begraben, Rituale abgehalten.
Spürst du das? fragte der Mann mit dem Stab. Zeit läuft hier anders.
Ich spüre leider eher Reiseübelkeit gab Ruth zu.
Annemarie lachte, aber es war ein freundliches Lachen.
An einem Bauernhofmuseum namens Beim Sepp legten sie Halt ein. Alte Motorräder, Lenin-Plakate, rote Halstücher und Uraltschallplatten schmückten Hof und Stube.
Ist das ein Museum? fragte Ruth.
Nein, das ist mein Zuhause, meinte Sepp, der Gastgeber, ein älterer Herr mit Schnauzbart. Ich sammle alte Sachen, damits nicht vergessen wird. Junges Volk weiß ja nix von früher.
Ruth dachte an ihre kleine Bibliothek, an Bücher und Leser, die Geschichte suchen. Sie spürte sie waren sich ähnlich.
Dann kam der Riedbergpass. Ruth stieg aus und hielt die Luft an. Tief unten schlängelte sich ein kleiner Bach, Silhouetten von Wanderern winzig wie Ameisen. Die Berge reckten sich in den Himmel. Über der Schlucht kreisten Steinadler.
Sie sind unter uns… Ruth staunte.
Was? verstand Annemarie nicht.
Die Adler, sie fliegen im Tal. Wir sind höher.
Ruth stand am Rand, sah den Vögeln nach, spürte, dass die Zeit kurz stillstand. Dass dies, jetzt, das wichtigste Moment war.
So was wie Erleuchtung? fragte Annemarie.
Ich glaube, ja. Oder einfach Glück.
Am Abend lag die Gruppe am Fuß des Besler, schwarzsilbernes Firmament übersät mit Sternen so hell, dass man glaubte, sie pflücken zu können.
Sie saßen ums Lagerfeuer. Der Kaftan klimperte auf einer Maultrommel, der Sohn einer Mitreisenden trommelte, archaische Laute mischten sich mit Wind und Stille.
Fast wie eine andere Welt, sagte Ruth.
Ist es auch, Annemarie nickte. Wir erinnern uns hier daran, was Leben ist.
Ruth lauschte, betrachtete die Sterne, wusste: Morgen wartete wieder Neues neue Berge, neue Horizonte. Sie war bereit. Ihr schmerzte alles, Yoga wollte nicht klappen, die Gedanken stolperten aber das war nicht wichtig. Dieses Abenteuer drehte sich um anderes: Fühlen. Leben. Jetzt sein. In jenem Land, wo Berge reden und Sternenlicht alles auf einmal bedeutete.
***
Der Morgen begann mit Nebelschwaden. Ruth kroch aus dem Zelt: Weiße Schleier lagen in den Tälern, versperrten den Blick auf Bach und Wald, ließen nur die scharf gezackten Gipfel herausspitzen als würden sie schweben.
Weit entfernt klingelten Kuhglocken, ein melancholischer Ton, gemischt mit Vogelgezwitscher und dem Flüstern des Flusses. Die Stille war hier dicht und fühlbar.
Wie im Film, murmelte Ruth.
Allgäu ist besser als jeder Film, Schätzchen! meinte Annemarie verschmitzt.
Yoga um sieben Uhr erschreckte Ruth nicht mehr. Sie wusste, was sie erwartet, und auch wenn die Knochen knirschten, machte sie mit. Die Yogalehrerin stapfte mit leiser Stimme herum, korrigierte.
Atmet tiefer! Spürt, wie die Erdenergie kommt, euch durchströmt, aus der Krone wieder verlässt.
Meint die das ernst? flüsterte Ruth an Annemarie.
Natürlich, und wir jetzt auch! Wir erleuchten doch!
Ruth machte die Augen zu, stellte sich vor, wie Energie an ihr emporkroch. Spürte stattdessen, dass sie fror. Trotzdem störte sie das wenig. Sie atmete, fühlte die Sonne, wie sie die Nebel auflöste.
Ich glaube, ich verstehe langsam, sagte sie Annemarie nachher.
Was denn?
Warum die das machen. Yoga. Meditation. Das frühe Aufstehen.
Und der Grund?
Willst, dass du lebst.
Das Frühstück bestand aus Brezeln, Müsli und Kräutertee für Ruth, die Bauernkost gewohnt war, erst gewöhnungsbedürftig, aber nach der Steifheit des Morgens und dem Blick auf die Berge hätte alles geschmeckt.
Weißt du, ich könnte mich dran gewöhnen, murmelte sie.
Woran?
An solche Frühstücke. Und an dieses Leben. Jeden Morgen Berge zu sehen.
Dann kam ein besonderer Programmpunkt. Sie würden einen Schamanen treffen. Ruth spürte Gänsehaut: Ein echter Schamane das war wie im Roman, im Märchen.
Der Schamane war ein Mann um die Fünfzig, lange graue Haare im Zopf, Bart, abgründige schwarze Augen. Er trug einen langen Mantel mit Bändern und Glöckchen am Gürtel, in der Hand eine Trommel aus Tierhaut.
Setzt euch in den Kreis, bat er ruhig, seine Stimme zum Lauschen geschaffen.
Sie setzten sich, er machte Feuer, warf getrocknete Kräuter hinein, der Duft von Wacholder stieg auf.
Das Allgäu ist ein Kraftort, begann er. Hier sind die Schleier zwischen den Welten dünn. Hier reden die Geister.
Er trommelte, ein satter, fremdartiger Klang schwang um sie und wurde vom Echo zurückgeworfen. Ruth erschrak, es klang lebendig, wie ein Herzschlag der Erde.
Der Schamane sang: ein gutturaler, vibrierender Ton, der durch Mark und Bein ging. Zeit verlor die Bedeutung sie wusste nicht, ob Minuten oder Stunden vergingen.
Holt er jetzt Geister? flüsterte Annemarie, aber Ruth konnte nicht antworten. Sie spürte eine seltsame Öffnung in sich, als hätte sie eine verschollene Tür gefunden.
Der Schamane umrundete alle, blieb bei Ruth stehen. Seine Augen waren wie das All.
Du suchst, sagte er. Immer, überall. In Büchern, auf Reisen, in den Menschen.
Ja, hauchte Ruth, ohne zu wissen, was sie damit zugab.
Du wirst finden, meinte er, streifte zu Annemarie. Ihr findet es gemeinsam.
Er holte aus dem Beutel Tierknochen, ließ sie auf den Boden fallen, beugte sich, sah hinein.
Eure Wege sind lang, sagte er, und glücklich. Ihr werdet reisen. Habt keine Angst.
Woher wissen Sie das? fragte Ruth heiser.
Der Schamane lächelte:
Das Allgäu weiß es. Ich bin nur Sprachrohr.
Nach dem Ritual saßen alle schweigend beim Tee, jeder in seine Gedanken versunken. Ruth betrachtete die Berge, die ihr jetzt lebendig erschienen, und wusste: Sie hatte etwas Echtem, uraltem berührt. Keine Touristenattraktion, sondern ein wahres Mysterium.
Und, wie gehts dir? fragte Annemarie.
Immer noch Gänsehaut, gestand Ruth. Keine Ahnung, was das war, aber es war echt.
Willkommen im Allgäu. Jetzt weißt du, wieso man immer wiederkommt.
Ruth verstand jetzt. Die Begegnung mit dem Schamanen hatte etwas in ihr verändert. Vielleicht war er nur ein guter Psychologe, wusste, was er wem sagen musste. Aber er traf sie im Kern. Und alles drum herum half ihr, endlich zu spüren
Der Heimweg war entspannt. Nun, da alles Fremde vertrauter geworden war, genoss sie die Natur. Ein türkis schimmernder Quellsee, in dessen Grund es blubberte, als atme die Erde selbst.
Sind das Geysire? Ruth beobachtete, wie das Wasser kreiste.
So ähnlich, erklärte der Führer. Warme Quellen, das Wasser gesprenkelt von weißen Mineralien, das Muster verändert sich ständig. Jedes Mal ein neues Bild.
Ruth schaute fasziniert zu, wusste: Das lebt, das ändert sich, das hat seine eigene Existenz.
Danach besuchten sie ein altes, stillgelegtes Wasserkraftwerk. Der Führer erzählte Geschichten von früher, wie es gebaut und geschlossen wurde. Jetzt stand es leer da, wie ein Denkmal. Ruth erinnerte sich an Sepp und sein Museum und dachte: Zeit geht, Erinnerung bleibt.
Am Oberjochpass machten sie einen letzten Halt. Und hier geschah etwas Besonderes. Der stille Mitreisende um die vierzig, immer am Buch packte plötzlich ein Fahrrad aus.
Was?
Mein Ziel ist, sagte er, vom Pass hinab ins Tal zu fahren. Extra dafür bin ich gekommen.
Das ist gefährlich! entf fuhr es Annemarie.
Darum will ich’s!
Sie sahen ihm nach, wie er sich die Straße hinabstürzte, der Serpentine nach, in das Tal.
Verrückt, murmelte jemand.
Oder mutig. Jeder sucht sich seinen eigenen Weg, sagte die Frau im Kaftan.
Ruth dachte: Jeder geht seinen Weg zur Erleuchtung Yoga, Singen, Bergabfahrt. Ich suche in Büchern, Reisen, Menschen. Und ich finde. Nicht immer, was ich mir wünsche, aber immer etwas Wichtiges.
Wieder zu Hause im Buchenried lebte Ruth noch lange von den Eindrücken. Sie erwachte, vergaß fast, dass draußen keine Berge waren, kein Gebirgsfluss rauschte. Aber es war etwas geblieben, das sie nicht fassen konnte.
Und, bist du erleuchtet? fragte Matthias, als sie zurückkam.
Ich weiß nicht, sagte Ruth. Ich habe Adlerflüge gesehen, Kehlgesang gehört. Ich stand am Quellsee und spürte, wie die Erde atmet.
Nicht schlecht, meinte er nachdenklich. Das würde ich auch gern mal sehen.
Dann lass uns zusammen fahren, Ruth fasste seine Hand. Beim nächsten Mal.
Beim nächsten Mal, nickte er. Versprochen.
Abends schrieb Ruth in ihr Notizbuch: Allgäu. Ich war dort. Ich habe seine Berge, Flüsse, seinen Himmel gesehen. Ich habe das Geheimnis gespürt. Und auch wenn es meine erste große Reise in dieses Land war, weiß ich: Egal, wohin ich noch komme, das zauberhafte Allgäu bleibt in meinem Herzen.
Sie schloss das Buch, schaute hinaus. Draußen rauschte der Wald, es roch nach Erde und Herbst. Doch sie glaubte, das Murmeln eines Flusses zu hören und im Nebel ferne Gipfel zu erkennen.
Das Allgäu blieb bei ihr. Für immer. Es war die wichtigste Reise. Nicht in die Berge, nicht ans Meer sondern zu sich selbst. Zu der, die sucht und findet, zu der, die weiß: Die Welt ist riesig, schön und offen. Für sie. Für ihn. Für jeden, der losgeht.




