Hausgemachte Gulasch-Nockerl nach traditioneller Art

Gulchen

Johanna, du bist verrückt geworden! Wie konntest du nur auf so eine Idee kommen?! Ihr seid doch kaum verheiratet! Gertrud Wagner wirbelte verzweifelt durch ihre große helle Küche, unschlüssig, ob sie lieber den Salat abschmecken oder das Fleisch endlich in den Backofen schieben sollte.

Neun Jahre schon, Mama… murmelte Johanna und schnitt Zwiebeln, während heiße Tränen über ihr Gesicht liefen.

Doch diese Tränen hatten wenig mit den Zwiebeln zu tun. Es war der Schmerz. Bin ich wirklich so unfähig, meine eigenen Entscheidungen zu treffen? Muss ich immer noch alles vorher mit den Eltern absprechen und um Erlaubnis bitten?

Kind, versteh doch! Das ist kein Spaß! Es ist eine gigantische Verantwortung. Fürs Leben! Bist du dazu bereit? Nein, natürlich nicht… Du warst immer ein Gutmensch, träumtest viel zu sehr. Komm runter auf den Boden, Johanna! Das ist ernst!

Mama, glaubst du, wir wissen nicht, worum es geht?! Johanna hielt es nicht mehr aus und ließ das Messer klirrend aufs Schneidebrett fallen. Wir sind keine Kinder mehr, Mama…

Die große, lichtdurchflutete Küche war ihr Reich. Als die Eltern das Haus fertig gebaut hatten, war Johanna dreizehn. Sie wählte mit ihrer Mutter den sanftblauen Farbton der Küche, die Fliesen, die Geräte und das Porzellan aus. Schon damals hatte sie ein unglaublich feines Gespür für Ästhetik und liebte es, zu kochen und zu backen. Die meisten Küchengeräte kaufte ihr Vater ausschließlich für Johannas Leidenschaft. Ihre Kuchen und Torten waren bei Verwandten und Freunden wie Legenden. Kein einziger Geburtstag, keine Hochzeit verging, ohne dass jemand anrief:

Hanna, machst du wieder den süßen Tisch? Besser kann das ja sonst niemand!

Die Frage, was Johanna nach der Schule einmal machen würde, stellte sich nie. Während sie im Studium die Grundzüge des Managements lernte und abends in einem kleinen französischen Restaurant am Münchener Gärtnerplatz jobbte, sparten die Eltern Geld für Johannas großen Traum.

Schau, Hanna! Siehst du, ist das nicht ein tolles Plätzchen? Papa hat lange gesucht! Das Café ist winzig und seit Jahren geschlossen, aber es liegt fast im Zentrum! Und eine kleine Backstube gibt es auch. Wagen wir es?

Wir wagen es, Mama! sagte Johanna und vorsichtig stapfte sie durch Glasscherben.

Jemand war eingebrochen und hatte zu allem Unglück das Café verwüstet, das ihr Vater ihr abkaufen wollte. Doch Johanna hatte längst genaue Bilder im Kopf, wie ihr Laden aussehen sollte, bis ins kleinste Detail. Sie kannte die Farben der Wände und die Kuchen, die sie anbieten würde.

Wir fangen klein an. Dann arbeiten wir uns vor. Erinnerst du dich noch an die Konditorei bei uns ums Eck, damals? Die Kartoffeltörtchen waren legendär.

Und die Biskuitröllchen! Du hättest sie am liebsten morgens, mittags und abends gegessen!

Jaja und dann bin ich einmal vor lauter Naschen so krank geworden, weil Papa mir endlich erlaubte, so viele zu kaufen, wie ich wollte. Danach konnte ich die Dinger monatelang nicht mehr sehen. Alles mit Maß und Ziel…

Richtig so! Also, Hanna? Nehmen wirs?

Wir nehmens! Johanna schloss die Augen und bedankte sich still beim Schicksal für ihre Familie und ihren Traum. Sie ahnte damals nicht, wie sehr sie für ihr Glück noch kämpfen müsste.

Johannas Konditorei war ein Riesenerfolg. Zwei Jahre nach Eröffnung kam eine zweite Backstube dazu, und gemeinsam mit ihrem Vater stellte sie das ganze Geschäftskonzept um. Aus der kleinen, individuellen Konditorei wurde ein ganzes Unternehmen. Johanna fuhr durch ganz Bayern, um bei Bauern nach den besten Zutaten zu suchen und träumte schon davon, einen Laden zu eröffnen, in dem alle frische Milch und Butter selbst kaufen könnten.

Doch je erfolgreicher das Geschäft lief, desto trauriger wurde Johanna. Nur ihre Mutter ahnte den Grund. Die Zeit verstrich, doch an Johannas Seite war kein Mensch, der ihre Seele berührte und sie zum Singen brachte. Sie lebte wie im Autopilot. Ihr Herz sehnte sich nach Liebe und einer eigenen Familie, doch es gab keine Aussicht.

Johanna war keine große Schönheit, aber von hässlich konnte keine Rede sein. Die Natur hatte sie zurückhaltend, aber charmant ausgestattet: strahlend graue Augen, eine zierliche Figur und langes blondes Haar, das sie beim Backen lässig zu einem Dutt hinaufsteckte. Neue Rezepte testete sie immer zuerst selbst nur wenn das Publikum im Laden überzeugt war, kam das Gebäck ins Sortiment.

An einem dieser Tage stand Johanna wieder in ihrer Backstube, während der Vater auf Tour durch Oberbayern fuhr und nach Eiern für die Hauptproduktion suchte. Da lernte Johanna ihren zukünftigen Mann kennen.

Junger Mann, das geht so nicht! Die Chefin spricht nicht mit Gästen!

Johanna hörte das Durcheinander im Verkaufsraum und blickte fragend zu ihrer Rechten, zu ihrer unersetzlichen Helferin und besten Freundin Margarete.

Was ist denn los?

Weiß nicht, Hanna. Ich schau gleich mal! Margarete zog sich die Handschuhe aus und zupfte ihren Schürzenzipfel zurecht. Irgendeiner randaliert. Mach dir keinen Kopf, wir kriegen das hin.

Margarete leitete die Backstube mittlerweile fast allein. Johanna traute ihr sämtliche Entscheidungen zu. Sie bewunderte, wie ihre Freundin mit ihren wildern kastanienroten Locken und den klarblauen Augen im Kopf komplizierteste Aufgaben löste und hartnäckig mit Lieferanten um das beste Obst und Mehl stritt.

Oh Grete! Ich kann sowas nicht! Mich übers Ohr hauen sie immer sofort…

Weil sie bei dir sofort sehen: Du bist herzlich, hast Anstand, bist freundlich. Da denken manche wohl, sie können dich ausnutzen. Bei mir versuchen sies, aber… keine Chance! Mein Vater deiner übrigens auch hat mir beigebracht, für die Seinen da zu sein. Und du bist Familie. Also vertrau mir. Kümmere dich ums Backen, den Rest mach ich.

Johanna zweifelte daran keinen Moment. Sie kannte Margaretes Geschichte so gut wie der Rest von Bad Tölz: Ihre Mutter kehrte nach einer Nachtschicht nie mehr zurück, verschwand nach einer Entführung spurlos, wurde erst Jahre später gefunden. Die Ermittlungen stockten, Auskünfte gab es kaum. Margaretes Vater, einst Soldat, setzte selbst alles in Bewegung, mobilisierte alte Kameraden.

Sie fanden die Täter schnell. Doch Margaretes Vater setzte eigenhändig ein Zeichen, aus Furcht, dass sie ungeschoren davonkommen könnten. Danach meldete er sich der Polizei und bat Johannas Familie, Margarete bei sich aufzunehmen, bis er aus dem Gefängnis zurückkäme.

So bekam Johanna eine Schwester. Die Eltern machten nie einen Unterschied. Beide waren gleichgestellt. Spielsachen, Kleidung, Süßes alles wurde geteilt.

Als Margaretes Vater entlassen wurde, war sie zwölf. Er brachte sie sofort zum Karatekurs.

Du musst dich verteidigen können. Ob du es brauchst oder nicht Gott bewahre, dass du es jemals brauchst. Aber können musst du es. Für mich.

Margarete tat mehr als das. Sie wurde Stadtmeisterin. Dann bayrische Meisterin. Zu weiteren Wettkämpfen wollte sie nicht mehr antreten.

Papa, ich mache das nicht, um Titel zu gewinnen. Ich bin doch ein Mädchen! Ich will Süßes essen und auf den Schoß. Aber vorher lerne ich Backen. Schau, was Johanna alles drauf hat! Ich kann das auch, wenn mans mir zeigt. Dumm bin ich nicht!

Deine Entscheidung, Kind.

Johanna freute sich, als Margarete fragte, ob sie in der Konditorei helfen könne.

Klar, gerne! Aber wolltest du nicht heiraten?

Und? Ist das ein Grund, nicht seinen Traum zu leben? Es gibt Menschen, die gar keine Träume haben, Hanna. Sie funktionieren nur irgendwie… Ich will anders leben.

Und wovon träumst du, Grete?

Vom eigenen Restaurant! Nicht nur Süßes backen! Du weißt, wie gut ich koche deine Mama hats mir gelernt. Das war eine Schule! Ständig nur Sushi oder Pizza aber ein richtig gutes deutsches Wirtshaus? Kaum zu finden! Eines Tages mache ich das. Mit gutem Essen, frischen Kuchen. Für Nachspeisen schicke ich alle zu dir. Was meinst du?

Tu es! Sag Bescheid, wenn du Hilfe brauchst. Träume gehören gelebt!

Zur Verwirklichung musste Margarete noch eine Zeitlang warten, denn bald kamen erst ihre Tochter und dann ihr Sohn zur Welt.

Geht schon! sie kontrollierte in der Backstube die Lieferscheine mit dem schlafenden Kind auf dem Arm. Papa hilft, Schwiegermutter auch. Das schaffen wir.

Margarete, du kannst doch eine Pause machen, dich mehr um die Kinder kümmern.

Ach Hanna, du bist gemein! Würde daheim nur verrückt werden! Ich liebe meine Kinder, aber ich brauche auch den Beruf. Und ich lerne noch! Zuhause zu sitzen ist nichts für mich. Übrigens, warum ist so wenig Mehl gekommen? Sie wiegte ihr Baby, zwinkerte Johanna zu: Und du von wegen Pause…

Wenn Johanna ihre Freundin so mit den Kindern erlebte, spürte sie das eigene Verlangen nach Familie umso schmerzlicher. Ein Baby auf dem Arm… pures Glück…

Aber es wollte einfach nicht klappen. Jedenfalls bis Alex kam…

Hier ist sie, Hanna! Margarete kam mit einem Mann zurück aus dem Verkaufsraum Er besteht darauf, dich zu sprechen!

Ist was passiert? Johanna wurde nervös.

Kontrollen fürchtete sie nicht. Das regelte immer ihr Vater, der bestens vernetzt war. Und für Fehler sorgte sie stets vor.

Die Erscheinung des Fremden im Anzug bereitete ihr dennoch Unbehagen.

Woher haben Sie das Rezept für Ihre Windbeutel?! Das ist das Rezept meiner Mutter! Unser Familienrezept! Nur sie konnte so backen! sagte der Mann sichtlich verwirrt. Er blickte Johanna an, als hätte sie ihm gerade einen Schatz aus Kindertagen zurückgegeben.

Das ist mein Rezept, sagte Johanna und warf Margarete einen entschlossenen Blick zu. Ich backe diese Windbeutel seit ich zehn bin. Meine Mutter hat es mir gezeigt. Bitte, nehmen Sie! Ich freue mich, dass Ihnen unser Gebäck schmeckt!

Sie reichte ihm die Schachtel mit Windbeuteln, aber der Mann griff nicht danach.

Sind Sie verheiratet? platzte es plötzlich aus ihm heraus.

He, hallo! empörte sich Margarete, aber Johanna blieb ruhig.

Nein, ich bin nicht verheiratet.

Dann… darf ich Sie zum Abendessen einladen?

Margarete schüttelte hinter dem Rücken des Fremden stumm den Kopf, doch Johanna nickte schon.

In Ordnung. Nach sieben habe ich Zeit.

Ich werde warten.

Natürlich hielt Margarete ihr im Anschluss eine Standpauke über allzu schnelle Verabredungen mit Wildfremden und deren sonderbarer Aufmerksamkeit. Johanna hörte gar nicht richtig zu. Sie dachte an den Mann, der sie so angesehen hatte, als hätte er etwas sehr Kostbares wiedergefunden.

Hab nicht mal seinen Namen erfragt…

Na super! Und schon zugesagt! Nee, Hanna! Du gehst da nicht allein hin! Ich telefoniere mit meinem Mann und wir gehen zufällig ins gleiche Restaurant!

Warum? Johanna wachte auf.

Dass du nicht allein bist! Du weißt nicht, wer er ist. Irgendwie kommt er mir nicht aus Tölz vor. Hast du den Anzug gesehen?

Was stimmt mit dem Anzug nicht?

Genau das! Er ist zu gut. Etwas Vorsicht schadet nicht.

Johanna stimmte widerwillig zu.

Aber all ihre Sorgen waren umsonst. Alex war Projektingenieur für ein großes Unternehmen, das ein Werk für Kunststofffenster am Stadtrand errichten wollte. Johanna hatte ihn auf Anhieb fasziniert, und seine soziale Unsicherheit mit Frauen führte dazu, dass er umso offener war.

Ich habe dich so lange gesucht, war sicher, dich nie zu finden… flüsterte er am Hochzeitstag, küsste sie und drehte sich mit ihr im Kreis. Meine Frau. Mein größtes Glück…

Du bringst mich ja ganz durcheinander, lachte Johanna und umarmte ihn fest. Ich habe dich auch gesucht. Und gefunden.

Nein, ich habe dich gefunden!

Nein! Es waren meine Windbeutel!

Die auch! Ich hab einfach Glück.

Ihr gemeinsames Leben war harmonisch. Keine Streits, keine Dramen so ruhig und vertraut, dass Margarete sie neckte:

Hanna, ein klitzekleiner Streit ab und zu wäre schon besser fürs Gemüt!

Wozu? Johanna verstand das nicht, denn sie war so aufgewachsen.

So hatten es auch ihre Eltern gehalten, ihren alltäglichen Respekt füreinander nie verloren. Streit bedeutete bei ihnen: Die Mutter kochte Papas Lieblingsessen und er flickte alles, was zu Hause kaputt war.

Lange nicht geangelt…

Johanna wusste, unter dem Vorwand fanden sie sich am See ein, warfen sich ihre Vorwürfe an den Kopf und küssten sich dann, bis der Angelhaken lange unberührt auf dem Wasser lag.

Grete, keine Ahnung, warum wir uns nie zanken… Wir sehen uns ja nur morgens, abends und am Wochenende. Beide arbeiten wir. Und Alex ist oft auf Montage. Wann sollen wir streiten? Außerdem… Wir wollen doch beide eine Familie. Kinder… Aber nach zwei Jahren warten wir immer noch. Ärzte meinen, es gäbe kleinere Probleme, aber nichts, das es verhindern sollte. Und trotzdem…

Es wird werden, Hanna! Warte nur ab! Eines Tages wirst du deinen Kleinen “Gulchen” vorsingen, wie ich damals. Weißt du noch, du wolltest die Wiegenlieder von mir lernen?

Ach, Grete! Wenn das nur wahr wird. Wie sehr ich mir ein Kind wünsche…

Ein Jahr verging, dann zwei, dann drei, und Johanna und Alex blieben allein. Sie konsultierten die besten Spezialisten doch die waren ratlos:

Medizinisch ist alles bestens! Sie müssen halt einfach warten. Ihr Storch hat sich wohl verflogen.

Und wieder warteten sie. Aber das Glück blieb aus. Schließlich schlug Alex vor:

Was meinst du, Hanna, sollen wir nicht ein Kind aus dem Heim aufnehmen? Vielleicht ist das unser richtiger Weg. Wir haben doch genug Liebe. Warum nicht einem Kind eine Familie geben, das sie sonst nie bekäme?

Da hast du recht, Alex! Ich wollte es schon selbst vorschlagen, hatte aber Angst, du würdest mich nicht verstehen…

Niemals, Liebling! Alex nahm sie in den Arm, wischte ihre Tränen. Wir müssen keine Angst voreinander haben. Angst zerstört alles.

Ich werde nie mehr Angst haben, Alex… Meinst du, wir kriegen überhaupt ein Kind?

Warum nicht? Wer, wenn nicht wir?

Es klappte. Alex und Johanna besuchten die Pflegeelternschule, schleppten Akten durch und warteten erneut. Hoffnung flatterte wie eine Taube durchs Haus, setzte sich mal hierhin, mal dorthin.

Noch wartend informierte Johanna die Eltern, dass sie wohl bald Oma und Opa werden.

Nein, Johanna! Nein! Gertrud schüttelte heftig den Kopf. Weißt du, was das bedeuten kann? Was, wenn das Kind schlechte Anlagen hat? Was, wenn es schwer krank ist? Und wenn…

Mama! Johanna unterbrach sie und umarmte sie fest. Beruhig dich! Wieso denkst du immer nur negativ? Wer hat mich denn gelehrt, mutig durchs Leben zu gehen? Und jetzt willst du, dass ich mich fürchte? Nein, das werde ich nicht. Für uns ist es ein Geschenk. Eigene Kinder sind uns wohl versagt. So ists eben… Wir werden uns nicht trennen, ich werde Alex nicht verlassen. Wir haben genug Kraft, die Verantwortung zu übernehmen. Wird das Kind krank? Dann pflegen wir es. Vielleicht sind wir seine einzige Chance!

Aber wenn…

Mama! Johanna ließ sie gar nicht ausreden. Für uns gibts kein wenn. Die Entscheidung steht fest. Ich bitte dich nicht um Erlaubnis, sondern nur um Verständnis. Sonst… kannst du dich entscheiden, mich als Tochter aufzugeben.

Was sagst du da?!

Muss ich immer so leben, wie du es willst, damit du mich liebst?

Nein, natürlich nicht!

Dann akzeptiere meinen Entschluss. Ich habe ihn getroffen.

Ich schaffe das nicht… Gertrud weinte. Ich habe mir so sehr eigene Enkel gewünscht…

Was heißt schon eigene? Johanna schüttelte den Kopf. Als Margarete in unser Haus kam, hast du sie sofort als deine Tochter aufgenommen. Sie war dir fremd, und jetzt kochst du für sie, weil sie Geburtstag hat. Du liebst sie. Aber ein Kind, das du nie gesehen hast, lehnst du ab. Ist das richtig?

Ach, Johanna! Was tust du mir an?

Das tust du dir selbst. Überleg es dir. Wenn du bereit bist, eine Oma zu sein, freue ich mich, wenn unser Kind eine hat.

Ich denke darüber nach…

Lange muss Gertrud nicht überlegen. Zwei Wochen nach Margaretes Geburtstag klingelt das Telefon im Haus von Johanna und Alex. Sie werden erst Pflegeeltern, dann richtige Eltern. Nicht für ein Kind für zwei. Ein Unfall, Verschulden des Mechanikers, brachte Geschwister in ein Heim. Die Großeltern waren zu alt. Johanna und Alex nahmen den zweijährigen Emil und die einjährige Franzi liebevoll zu sich.

Und sieben Jahre später wurde Johanna selbst Mutter. Ihr lange ersehnter Sohn kam im frühen Frühjahr auf die Welt. Gertrud, die zur Entlassung ins Krankenhaus kam, nahm ihr Enkelchen ganz vorsichtig in den Arm.

Hanna… Jetzt haben wir drei. Und das ist so ein Glück…

Ja, Mama. Danke dir Johanna umarmte ihren Mann, lockte die Kinder zu sich. Na? Wollt ihr euren Bruder kennenlernen?

Ja!

In tiefster Nacht schlich die Stille durch Johannas Haus, blieb vor ihrer Schlafzimmertür und horchte. Und von drinnen erklang leise das alte Wiegenlied:

Ach, Gulchen, Gulchen,
Sieh, die Täubchen fliegen,
Kommen sacht zu dir herein,
Wiegen dich sanft ein…

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Homy
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Hausgemachte Gulasch-Nockerl nach traditioneller Art
Befreit — Im Ernst? Ich glaub dir kein Wort. So hätte deine Mutter doch niemals handeln können! — rief Sonja aus. — Doch, das konnte sie, — entgegnete Andreas düster. — Aber wir haben das doch so oft besprochen, alles gemeinsam geplant … — Wir! Das ist das Stichwort — «wir»! — sagte Andreas. — Sie aber, sie hatte offensichtlich ganz eigene Pläne … Andreas war Sonja gegenüber ziemlich verlegen. Aber was sollte er machen?! *** — Was für eine Idylle! Der Schrebergarten! Weißt du noch, Andi, wie dein Vater immer von einer Laube geträumt hat? — schwärmte Margarita Wassiljewna, Andreas’ Mutter und Sonjas Schwiegermutter. — Ach was frag ich, du warst ja damals noch ein kleiner Junge! Papa und ich haben jahrelang für diesen Garten gespart, das weiß ich noch genau … Margarita Wassiljewna saß beschattet unter dem weit ausladenden Apfelbaum auf ihrem geflochtenen Lieblingssessel. Andreas hatte ihn fürsorglich hinausgetragen und direkt vor die Gartenlaube gestellt, damit seine Mutter beim Plaudern alles im Blick hatte. Margarita Wassiljewna schwelgte in Erinnerungen und beobachtete zufrieden, wie ihre Schwiegertochter Sonja und Andreas Kartoffeln anhäufelten, während die fünf und sechs Jahre alten Enkel zwischen den Beeten Fangen spielten. Die Sonne war schon am Untergehen, doch es blieb viel zu tun. Aber kein Problem! Die Kinder würden mithelfen, dafür waren sie schließlich auch da. — Ach Kinder, danke euch! Was täte ich nur ohne euch? — seufzte Margarita Wassiljewna. — Gestern wollte ich eigentlich noch selbst mit der S-Bahn in den Garten fahren, sind ja auch nur etwa vierzig Minuten. Aber am Abend hat’s mir so schlimm den Rücken verrissen! Da blieb mir nichts übrig, als euch zu bitten. Die Arbeit türmt sich – Kartoffeln müssen gehäufelt, Karotten gejätet und ausgedünnt werden, und und und; aber ich bin nur noch Klotz am Bein. Weder bücken noch setzen kann ich mich, eine richtige Last … — Machen Sie sich keine Sorgen, Margarita Wassiljewna, — entgegnete Sonja höflich lächelnd. — Natürlich helfen wir Ihnen, wir sind doch eine Familie. Auch wenn ihr nicht wirklich nach Lächeln zumute war. Wieder einmal hatte Andreas’ Mutter all ihre Pläne über den Haufen geworfen! Eigentlich wollten sie dieses Wochenende mit den Kindern im Erlebnisbad entspannen. Die Jungs hatten sich schon so darauf gefreut, endlich einmal dorthin zu fahren. Aber Margarita Wassiljewna … Sie ging natürlich vor – wichtiger als jedes Erlebnisbad oder sonstige Pläne. Sie brauchte ja Hilfe. So sah das eben Andreas, der gute, wohlerzogene, hilfsbereite und einzige Sohn. Und Sonja ertrug es und wollte keinen Streit. — Erlebnisbad?! — wunderte sich Margarita Wassiljewna damals am Telefon. — Wozu das denn, nur Chlorluft! Gleich daneben ist doch die Havel! Da kann man auch baden! Wer geht denn bei so schönem Wetter ins Erlebnisbad? Unsinn. Baden wurde es nicht. Keine Zeit. Und der Fluss war eben doch nicht das Erlebnisbad – das Wasser war eher schmutzig. — Was soll man dort denn machen? — sagte Margarita Wassiljewna und drückte Andreas und Sonja, kaum aus dem Auto gestiegen, reichlich angerostete Spaten und Hacken in die Hand. — Mücken füttern? Die Einheimischen springen schon alle noch in die Havel, aber es wird von Jahr zu Jahr dreckiger dort. Die Enten schwimmen direkt bei den Badenden vorbei, und im Fernsehen hieß es heute noch: Bloß nicht bei Enten baden, sonst bekommt man irgendwelche Ausschläge! In Berliner Teichen, na gut, da sind Enten vielleicht harmlos, aber im Fluss? Nein danke. Sonja schwieg, biss die Zähne zusammen und erwiderte nichts auf die Tirade ihrer Schwiegermutter. Die Kinder hatten sich aufs Baden gefreut, und auch ihr war danach gewesen. Aber wann hätten sie das machen sollen? Im Garten gab es zu viel zu tun. Sie waren ja zum Helfen gekommen. Der Schrebergarten war in schlechtem Zustand. Die betagte Laube musste renoviert werden. Der Zaun hing windschief, das Tor war kaum mehr nutzbar. Die Regentonnen waren durchgerostet, die Himbeer-, Stachelbeer- und Johannisbeersträucher waren zu einer undurchdringlichen Hecke verwachsen – wie im Märchen vom Dornröschen, das von einem hinausreisenden Prinzen befreit werden musste. Unkraut überall, die Gemüsebeete wild verstreut im Schatten der ungepflegt auswuchernden Bäume, deren Kronen längst niemand mehr gestutzt hatte. Nachdem Andreas’ Vater, Dietmar, gestorben war, hatte Margarita Wassiljewna den Garten jahrelang vernachlässigt. Das Auto des Mannes hatte sie verkauft – sie hatte ja keinen Führerschein, und Andreas hatte ein eigenes Fahrzeug. Plötzlich entschied sie dann, sie dürfe die Gartenlaube aus Respekt vor dem verstorbenen Mann nicht vergammeln lassen. Es war sein großer Traum, sein Lebenswerk! Wie viel Arbeit habe er da reingesteckt! Sie fühlte sich auf einmal schuldig, das alles versanden zu lassen und legte mit Feuereifer wieder los. Anfangs schuftete sie noch alleine, fuhr mit der S-Bahn raus; aber Pflanzen und Gartenarbeit hatten immer Dietmar erledigt, Margarita hatte keine Ahnung. Doch sie beschloss tapfer, sich einzuarbeiten – ihrem Mann zuliebe. Geld hatte Margarita nie übrig: Also flackerte sie den Zaun notdürftig, an einer Stelle flocht sie sogar ein Stück aus Zweigen und Ästen, wie ein wackliges Buschwerk. Als Andreas einmal zu Hilfe kam und das sah, schüttelte er nur seufzend den Kopf. Am selben Abend beschlossen er und Sonja, zumindest den billigsten neuen Zaun aufstellen zu lassen. Das Dach der Laube reparierten sie selbst, ersetzten die Tür, und besorgten ein neues Gewächshaus. — Ach Kinder, macht euch doch keinen Stress, — wiegelte Margarita Wassiljewna freundlich ab. — Ich bastle hier nur ein bisschen für unseren Dietmar, und damit mir zu Hause nicht die Decke auf den Kopf fällt. Ihr habt euer Leben, ich meins … Aber frisches Gemüse, Kartoffelchen, die Beeren für die Enkel – das ist doch toll! Ihr profitiert ja auch selbst davon. Für Grillfeste könnt ihr den Garten immer nutzen, Feiertage feiern, und irgendwann, wenn es so weit ist, bekommt ihr alles. Du bist ja mein einziger Sohn, Andi. — Ach Mama, lass doch das Traurige, — bremste Andreas die Mutter und küsste sie auf die Wange. Sie umarmte ihn dann immer lange und wischte sich verstohlen eine Träne weg. So fing es an. Nach und nach wurde die ganze Freizeit von Sonja und Andreas vom Garten beansprucht. Wie verhext, überfiel Margarita Wassiljewna jedes Mal eine andere „Krankheit“, sobald sie zusammenkamen. Dann saß sie auf ihrem Sessel, in eine Decke gehüllt, jammerte über Kopf, Rücken oder Seite – und dirigierte mit kräftiger Stimme die Gartenarbeiten. — Mein Junge! Da, nimm den Spaten mit dem blauen Griff, der ist schärfer! Genau, der steht neben dem Rechen, — rief sie. — Und da steht noch Farbe auf dem Boden, das Gartentor muss gestrichen werden. Das eilt aber nicht. Aber wenn du willst, ich sag dir gleich, wo ich den Pinsel hingelegt hab, ich hab alles schon besorgt. Andreas führte sogfältig alle Anweisungen der Mutter aus und tat so, als gäbe es nichts Schöneres, als Beete umzugraben und Tore zu streichen. Dabei träumte er eigentlich von anderen Aktivitäten am Wochenende. Aber die Mutter betonte immer wieder, sie täten das nicht für sie, sondern für sich und die Kinder. — Schließlich wird alles euer! Ihr arbeitet für euch, — so beschwor es die Schwiegermutter. Schließlich bekam der Garten ein neues Gesicht. Nur ein paar Erdbeerstauden blieben, viele Felder wichen Blumenbeeten und frisch eingesätem Rasen. Jetzt konnte man endlich Grillfeste feiern und Gäste einladen. Platz war da genug. — Sonja, lass uns deinen Geburtstag im Garten feiern, — schlug Andreas vor. — Wir laden Freunde ein, grillen, gehen an die Havel, angeln … — Klingt super! — Sonja lächelte. Sie hatten so viel investiert, jetzt war es höchste Zeit, ihren Lohn zu genießen. Sonja rief gleich ihre beste Freundin an, mit der sie und die Familie schon lange befreundet waren — ihre Kinder waren auch im passenden Alter. Sogar Sonjas Cousine mit Ehemann lud sie ein. Die Vorbereitungen liefen auf Hochtouren – gemeinsames Einkaufen im Großmarkt begeisterte die Kinder. Alle redeten nur noch vom Fest. Freunde und Familie waren voller Vorfreude. Doch als Sonja und Andreas den Tag vor dem Fest zum Garten fuhren, um ein paar Sachen abzuladen, hing am Tor ein großes, fremdes Vorhängeschloss. — Was soll das? — Andreas runzelte die Stirn, hielt die plötzlich nutzlosen alten Schlüssel in der Hand. Im offenen Kofferraum lagen neuer Grill, Spieße, Angelruten – alles, was sie gekauft hatten. Die Kinder hüpften herum und fingen gleich an zu spielen. Sonja schwieg ratlos. — Weißt du … — setzte Andreas an. — Meine Mutter hat mich gestern angerufen, ich war aber gerade am Steuer und konnte nicht rangehen. Später sah ich ihre Nachricht, sie hätte eine Überraschung für uns. Ich hab dem keine besondere Bedeutung beigemessen – und dann völlig vergessen … Ich ruf sie gleich an. — Mama, hast du das Schloss am Gartentor ausgewechselt? — fragte Andreas direkt, als sie am Telefon war. — Na toll, jetzt ist die ganze Überraschung futsch … — seufzte Margarita Wassiljewna. — Warum seid ihr denn überhaupt dahin gefahren? Da kam die schockierende Nachricht: Sie hatte den Garten vor zwei Tagen verkauft. — Ich habe ein super Angebot bekommen, — erklärte sie am Telefon dem völlig fassungslosen Andreas. — Wie hätte ich da ablehnen können! Ihr seid doch immer nur widerwillig rausgefahren, das hab ich genau gesehen. Ihr habt mich sicher verflucht … Jetzt müsst ihr nicht mehr, freut euch! Bin die Last endlich los! Und ihr auch. Die Abwicklung ging schnell, alles ganz sauber – und die Käufer sind keine Betrüger, sondern eine zuverlässige Kollegin von der Arbeit. Sie hat sich um alles gekümmert. — Du hast UNSEREN Garten verkauft?! — stammelte Andreas fassungslos. — Nicht unseren, mein Sohn, meinen — das muss ich dir klar sagen, — entgegnete Margarita Wassiljewna. — Er gehörte dir ja nie. Aber egal, ich hab schon alles geplant! Von dem Geld fahren wir alle zusammen ans Meer! Das war die Überraschung, aber jetzt hast du sie verdorben. Ich wollte es euch feierlich bei euch zuhause erzählen, weil Sonja ja bald Geburtstag hat. Ihr wart doch noch nie am Meer – immer nur Arbeit, Arbeit! Jetzt gönne ich es euch allen. Den Rest leg ich auf ein Sparbuch. Aber jetzt verrate mir doch mal, warum ihr heute überhaupt in den Garten gefahren seid? Die Nachricht traf Sonja so sehr, dass sie im Auto in Tränen ausbrach. Andreas schwieg düster und trommelte mit den Fingern auf das Lenkrad. Die Jungs tobten schon längst um die geparkte Karre herum – sie fanden immer eine Beschäftigung. — Weißt du was, Schwamm drüber … — sagte Andreas schließlich. — Jede Last hat ihr ausgedient. — Ich finds so schade, um all die Zeit und Kraft, die wir in diesen Garten gesteckt haben! Unsere freien Wochenenden – immer nur Arbeit, nie Erholung, — murmelte Sonja traurig. Sie saßen im Auto, blickten auf das frisch reparierte Dach, den Apfelbaum voll Früchten, den neuen Zaun. Aber all das war jetzt Eigentum eines Fremden. — Schon wahr … — stimmte Andreas zu. — Aber was willst du machen? Und weißt du – aufs Meer hab ich gar keine Lust mehr. Soll sie doch alleine fahren … *** Letztlich fuhr die ganze Familie doch – Margarita Wassiljewna bestand darauf. Zusammen verbrachten Andreas, Sonja, die Kinder und sie ein paar Tage am Meer. — Seht ihr, was ich euch für ein fürstliches Geschenk gemacht habe? Alles für euch! — lobte sich Margarita Wassiljewna. — Dima hätte das auch so gewollt. Die Trauer um ihren verstorbenen Mann ließ sie nicht ganz los. Doch jetzt war sie überzeugt, mit dem Garten genug für ihn getan zu haben. Es war Zeit, an sich zu denken. — Man lebt nur einmal. Oder wie sagt man? „Man muss das Leben genießen!“ — erklärte Margarita Wassiljewna zufrieden, voller Stolz, während ihre fröhlichen, gebräunten Enkel wieder einmal durch die Wohnung tobten. Bereut hat sie nichts. *** — Ich vermisse den Garten trotzdem, — sagte Sonja immer wieder zu ihrem Mann. — Er wuchs uns ans Herz. — Wie auch nicht, wir haben ja jeden Stein dort selbst verlegt, jedes Beet liebevoll gepflegt, — erwiderte Andreas. — Für Mutter war der Garten eine Bürde. Und sie hat mir klargemacht, dass es nie meiner war – solche Dinge muss man sich eben selbst erarbeiten … — Ja. Selbst … — sagte Sonja nachdenklich. Was sie noch alles dachte, behielt sie für sich. Warum Andreas weiter traurig machen?