Wundertantchen

Tagebuch, 9. Oktober

Heute regnete es schon am frühen Morgen Bindfäden. Natürlich hatte ich, wie immer, zu wenig Zeit, deshalb hetzte ich aus der Wohnung in Stuttgart-West und drängte mich an die Haltestelle der Buslinie 42 am Marienplatz. Der Bus war fast schon am Überquellen: Gerade hatten fünf Leute ihn verlassen, und zwanzig neue wollten hinein.

Eigentlich wurde ich von der Menge hineingeschoben, unfreiwillig, wie ein Gepäckstück. Während ich noch auf dem Trittbrett stand, drückte ich dem erschöpft dreinblickenden Fahrer mein Kleingeld in die Hand in Eurocent, natürlich! und ließ mich mit meiner schweren Umhängetasche und dem nassen Schirm weiter zur Busmitte treiben. Ein irres Lächeln lag auf meinen Lippen. Komisch. Bei sowas muss ich immer grinsen, fast automatisch. Andere könnten ausrasten, würden schimpfen oder stöhnen, aber ich lächle dann lieber, um meine Nerven zu schützen. Wer weiß, was ein Ärgerausbruch bewirken würde

Alles wurde beengt, überall die Ellbogen, nasse Jacken, Taschen, durcheinandergeworfene Worte, kurze Vorwürfe warum der eine den nassen Schirm fallen lässt, der nächste niemanden vorbei lässt.

Mich drückte die Menge zwischen eine ältere Dame zur Rechten und einen stillen Teenager mit überdimensioniertem Rucksack zur Linken. Der Junge wusste nicht, wohin mit seinem Ranzen. Schließlich bot eine Frau mit grauer Strickmütze am Fenster an, den Rucksack auf ihren Schoß zu nehmen. Die Sitzenden wirkten wie leblose Statuen. Sie starrten auf ihre Handys oder aus den Fenstern, außerhalb glänzten nur bunte Schirme auf den grauen Straßen.

Keiner wollte sich vom Gedränge stören lassen. Sie blendeten einfach aus, dass sich Leute anstrengten, Ein- und Aussteigende angingen dafür war jetzt nicht der Moment. Der deutsche Pragmatismus zelebrierte sein Fest: Jeder dachte an sich, die Stehenden waren eben Pechvögel.

Eine Ausnahme bildete wirklich nur diese kleine Frau mit der grau gestrickten Mütze. Sie hielt jetzt den Rucksack des Jungen zwischen den Händen und hatte einen altmodischen, aber irgendwie charmanten Stoffbeutel. Neben ihr saß eine mollige Dame, die eifrig tippte. Die ältere glaubte, Einflüsterungen oder sanfte Kommandos geben zu müssen.

Halten Sie bitte noch etwas zusammen, da wollen noch drei Leute rein, bat sie, als würde sie das Einsteigen managen.

Hier passt keiner mehr rein!, kam es gereizt zurück.

Die Frau mit der Mütze wollte schon aufstehen, vielleicht den Platz anbieten, wurde aber schroff abgekanzelt.

Sie drehte sich zum Fenster, sichtbar gekränkt, doch die Kränkung war nur oberflächlich. Ich sah, dass sie trotzdem den Eingang beobachtete und jeden Neuen musterte. Komische Tante, dachte ich, aber nicht abwertend. Sie war einfach seltsam anders.

Nach einiger Zeit schloss der Bus seine Türen, jemand musste wieder raus, weil der Fahrer bat, den Bereich freizuhalten. Ich sah, wie ein Junge in Windeseile über den verregneten Tübinger Platz rannte, sich das Regenwasser von der Stirn tropfte kein Regenschirm, kein Schutz.

Die Frau mit der Mütze blickte ihm traurig nach. Zwischen den Augen ein verärgerter Zug, als könnte sie das Schicksal des Jungen mitfühlen.

Ich war verblüfft einerseits brachte mich ihre Art zum Schmunzeln, andererseits regte sie tiefere Gedanken an: Wer war sie nur?

Schnell jedoch ging ich meinen eigenen Gedanken nach.
Ach, wenn ich ein Auto hätte… Hätte ich schon längst, wenn…
Stopp! Nicht daran denken!

Mein Vater will es nicht. Und seitdem diese Helene in sein Leben getreten ist, wird mein Wunsch nach einem Wagen immer unwichtiger. Er würde Helene zuerst einen kaufen! Geld hätte er. Mein Vater galt immer als Kumpeltyp, auch wenn er für Außenstehende ein angesehener Dozent war und sogar promoviert hat. Manchmal durfte ich mit seinem alten VW mitfahren, aber das passte selten in unsere Zeitpläne. Er war sanft und freundlich.

Meine Mutter war streng, fordernd, aber
Stopp. Nicht daran denken!

Meistens fuhr ich mit Bus und Bahn zur Uni auch heute, bei strömendem Regen.

Nun war es Zeit, zum Ausgang zu drängeln. Im Hintergrund: Hektik! Ich drehte mich um die Frau mit der Mütze wollte ebenfalls aussteigen, zog eine große Reisetasche auf Rollen.

Muss das sein! Mit dem Riesending, schimpfte ein Mann im Dreiteiler, als hätte er Angst um seinen Mantel.

Entschuldigung, aber was soll ich machen. Ich muss sie doch rausbekommen

Sie wand sich durch.

Junge Frau, steigen Sie jetzt auch aus?, fragte sie und tupfte sich mit der Hand den Schweiß von der Stirn. Dabei sah ich: Sie war gar nicht so alt, wie ich gedacht hatte.

Ja, antwortete ich, froh, ihr und der Reisetasche aus dem Weg gehen zu können.

Draußen öffnete ich meinen Schirm, roch das feuchte Herbstlaub und machte mich auf den Weg zum Fußgängerüberweg. Plötzlich sah ich, dass die Frau Fragen an eine alte Dame stellte, die nur die Schultern zuckte.

Kennt sie sich hier nicht aus? Der Ampel wurde grün, aber ich spürte, dass ich zurückgehen sollte ich kenne das Viertel, immerhin seit drei Jahren. Als meine Mutter starb, lebte ich kurz bei meiner Oma, dann wieder mit Papa im neuen Stadtteil. Der Umzug tat uns gut; der altmodische Geruch der Erinnerungen war zu schmerzhaft geworden.

Mein Vater meinte: Alles für dich, Katharina! Er wollte, dass ich mich wohlfühle, kochen, den Balkon gestalten, ihn bekochen. Die Rezepte meiner Oma halfen, der Internet-Blog lieferte neue Ideen. Ich probierte Brote, Kuchen, Candlelight-Dinner. Die Küche wurde mein Element.

Katharina, ich nehme mit dir zu! lachte mein Vater.

Die Frau war wirklich winzig. Ihre Tasche wirkte fast größer als sie, zum Glück hatte sie Rollen. Sie trug eine gefütterte Jeansjacke, dazu eine enge Mütze, Jeans und schwarze Halbstiefel. Schirm hatte sie keinen, sie zog stattdessen einen gestrickten Schal über den Kopf nur oben, der Nacken blieb frei. Lustig.

Ich ging zu ihr zurück.

Kann ich Ihnen helfen?

Oh! Das wäre nett. Ich suche die Birkenstraße. Können Sie mir sagen, wo die ist?

Perfekt genau meine Richtung.

Kommen Sie, ich zeige Ihnen den Weg! Soll ich die Tasche nehmen?

Nein, nein! Geht schon, die rollt doch.

Sie werden noch ganz nass es ist noch ein Stück.

Ach, macht nichts der Schal hilft.

Wir gingen gemeinsam, sie stapfte neben mir her und wir wichen Pfützen aus. Manchmal versuchte ich, sie mit dem Regenschirm abzudecken, was selten wirklich klappte. Trotz des Regens lächelte sie manchmal.

Wo kommen Sie denn her?, fragte ich sie lauter, damit sie mich durch das Trommeln des Regens hörte.

Aus Sachsen, ein kleines Dorf in der Nähe von Chemnitz.

Das ist ja weit!

Mit dem Flieger gings schnell, die Reise zum Flughafen war fast länger als der Flug nach Stuttgart. Und hier? Dauerregen. Aber wie sagt man so schön: Wer einen Regenbogen sehen will, muss auch den Regen hinnehmen…

Im Herbst gibts selten einen Regenbogen…, zuckte ich die Schultern.

Sie lachte kurz.

Ihre Tasche rollte schwerfällig, bei Treppen und Bordsteinen half ich mit.

Endlich erreichten wir die Birkenstraße.

Da vorne müsste es sein Welche Hausnummer? Oh, das ist ziemlich weit hinten. Ich bring Sie gleich hin.

Ich will Sie nicht aufhalten

Ich habe Zeit. Sie hätten ja sonst keinen Schutz vor dem Regen.

Mein Sohn wohnt hier, in einer WG. Ich wollte ihm eine Überraschung machen. Kochen, vorbei schauen. Er meint immer, ich soll nicht kommen, aber ich dachte mir Überraschung wirkt meistens besser!

Wir standen vorm Haus, aber die Haustür hatte einen Zahlencode, rannten unter das Vordach. Sie wählte die Nummer Ihres Sohnes, aber er ging nicht ran. Auch mit dem Handy hatte sie kein Glück; wahrscheinlich leerer Akku. Ich versuchte es mit meinem Handy. Die Nachbarin am Haus-Sprechgerät hatte ihn seit Tagen nicht gesehen.

Wann hatten Sie zuletzt Kontakt mit Ihrem Sohn?

Gestern. Wahrscheinlich ist er in der Uni. Aber machen Sie sich keine Mühe! Sie müssen nicht auf mich achten. Wollen Sie einen Keks? Oh je, die sind schon alt…

Ich verabschiedete mich, irgendwie tat sie mir wirklich leid wie sie so im Regen zurückbleibt. Ich machte mich auf den Heimweg, weiter durch den Nieselregen. Trotzdem musste ich lächeln: Diese zauberhafte, verrückte Frau hatte Wärme in meinen verregneten Tag gebracht.

Zuhause war die Wohnung leer perfekt. Seit Helene immer häufiger bei uns auftauchte, liebte ich diese ruhigen Momente allein. Früher war es so gemütlich mit Papa, wir guckten Filme, redeten über die Uni, machten Quatsch jetzt schmiegte sich Helene auf den Sessel, deckte ihn mit Mamas Lieblingsplaid zu und ich verzog mich ins Zimmer.

Helene gibt sich große Mühe, ist aber oberflächlich. Sie will mich belehren so koche ich ein richtiges Gulasch, so backe ich Apfelstrudel (Mit Räucherschinken?! Papa mag doch keinen Räucher Er ist nicht mehr der Jüngste, das geht schon, Kindchen). Nervig.

Eines Tages kam ich früher von der Uni nach Hause, Helene machte Pediküre mitten im Wohnzimmer auf dem cremefarbenen Sofa, ein Fuß auf dem Tisch. Katharina, du bist ja früh! Willst mitmachen?

Nein danke. Also schnappte ich mir ein Brötchen und ging in mein Zimmer. Seit Helene da ist, gibt es keine echten Gespräche mehr mit Papa. Ich hatte sogar mal gefragt:

Liebst du sie, Papa?

Ich bin es so gewohnt, weißt du. Sie ist nett, und wenn du mal weg bist, bleiben wir halt zu zweit

Ja klar. Einen besseren Grund hätte ich mir auch nicht ausdenken können…

Gerade wollte ich einen Snack machen, als mein Handy mit unbekannter Nummer klingelte.

Hallo? Sie hatten mich angerufen?

Äh… ich glaube, Sie verwechseln da was… Aber, Moment mal, wohnen Sie in der Birkenstraße?

Ja, warum?

Ihre Mutter ist hier. Sie ist extra überraschend gekommen. Und, naja… steht jetzt im Regen.

Meine Mutter?! Ach du meine Güte, danke fürs Bescheid sagen!

Er legte auf. Gleich danach rief er wieder an.

Verstehe Sie mich recht ich bin für eine Woche im Ausland, beim studentischen Freiwilligendienst, eigentlich sollte sie gar nicht kommen. Ich habe keine Möglichkeit, rechtzeitig nach Stuttgart zurückzukommen. Vielleicht kann sie in ein Hotel Die Schlüssel hat nur die Vermieterin, aber die ist bis Montag auf dem Land. Ich weiß wirklich nicht weiter.

Ich gehe noch mal vorbei und lasse Sie mit ihr sprechen, versprach ich.

Als ich an der Birkenstraße ankam, sah ich niemanden unter dem Vordach. Dann aber entdeckte ich die blaue Jacke der Frau in der wetterfesten Veranda der Kinderspielecke. Sie saß wie ein kleiner Spatz auf dem Holzbalken, die Hände zwischen den Knien, nass und erschöpft.

Na, wieder der deutsche Oktoberregen?, rief ich und trat näher. Sie versuchte zu lächeln, stand langsam auf.

Haben Sie Ihr Handy bei sich? Ihr Sohn will Sie sprechen.

Sie plapperte los, als sie seine Stimme hörte; lachte, erklärte, dass alles gut sei und sie sich eine schöne Zeit in der Stadt machen würde. Es war rührend sofort war sie energiegeladen, so richtig zufrieden, nur dass sie gar nicht an sich dachte.

Dann kamen die praktischen Fragen. Was nun? Hotel? Wir suchten ewig zusammen auf meinem Handy: alles voll, oder zu teuer. Dann wollte sie ihre Tasche irgendwo unterstellen und durch Stuttgart laufen, um die Stadt zu sehen

Mensch, bei so einem Wetter brauchen Sie erst mal einen Tee! Kommen Sie mit mir nach Hause, für die paar Tage kriegen wir das hin. Dann kann ich endlich mal echte sächsische Hausmannskost probieren!

Sie wehrte ab. Ich bin doch Fremde für Sie! Wer weiß, ob ich nicht eine Betrügerin bin? Ach, Gott bewahre! Heute gibt es so viele Gauner, sie gestikulierte wild und piekste die Luft.

Ich lachte herzlich. Sie war so schrullig und ehrlich und jetzt musste sie dringend mal aufs Klo, gab sie kichernd zu.

Wir gingen also zusammen, Regen hin oder her.

Ach, nennen wir uns doch beim Du! Ich bin Katharina, Studentin

Ich bin Margarete; Leiterin vom Dorfgemeinschaftshaus, und außerdem sorge ich für Tanz und Gesang bei uns auf dem Land.

Tanzen und Singen?

Na, ich organisiere alles Mögliche im Club, im Ort gibt es nicht viele Leute, da muss ich alles machen. Tanzkurse, Chor, selbst Reinigung. Nur mitmachen ist erlaubt!

Ich hatte sie sofort ins Herz geschlossen.

Daheim staunte sie über unsere Wohnung (So viele Bücher! Mein Gott, du liest Ai Weiwei? Und Platonow auch? Toll!). Sie warf einen Blick aufs Bücherregal, kramte ein Einzelstück hervor und las mir passagenweise etwas daraus vor.

Während Margarete duschen ging, kochte ich eine einfache Kürbissuppe. Ihr bekam ein Gästezimmer genug Platz gab es.

Nach dem Essen blieben wir noch in meinem Zimmer. An der Wand ein Foto mit Mama und mir, wie sie mich zum zehnten Geburtstag im Arm hielt. Margarete sah lange darauf bohrend, aber nicht unangenehm.

Was hältst du da in der Hand?

Die Uhr, die meine Mama mir damals geschenkt hat.

Erzähl mir von ihr.

Warum fiel es mir diesmal leicht?

Ich erzählte. Über unseren Alltag, ihre Erwartungen, kleine Streitereien, ihre Geduld. Über das Gefühl, mit ihr eine untrennbare Einheit gewesen zu sein. Über ihre Umarmungen, ihr Parfum, ihre lockigen Haare, wie sie mir Zöpfe flocht und davon träumte, dass ich stark und unabhängig werde.

Es war mir nie möglich gewesen, das irgendjemandem zu erzählen weder Papa noch meiner besten Freundin Sarah; sie hätten es vermutlich auch nicht verstanden. Im ersten Jahr nach Mamas Unfall hatte ich jede Nacht geweint und die Nachrichten von ihr immer wieder abgespielt. Der Schmerz war so intensiv, dass es mich fast zerriss. Man brachte mich zur Psychologin, Papa bekam graue Haare. Oma litt genauso.

Inzwischen hatte ich gelernt, diese Erinnerungen hinter einem Vorhang zu verstecken. Heute, bei Margarete, war es anders ich fühlte mich sicher, konnte ins Weinen geraten, ohne die Kontrolle zu verlieren. Und plötzlich wurde mir klar: Zum ersten Mal seit Jahren hatte ich über Mama gesprochen, ohne zusammenzubrechen.

Margarete hörte zu, tapfer und ernst, mit einer Strähne zwischen den Augen wie Mama, wenn sie sorgte. Irgendwann bemerkte ich meine Tränen.

Ach was, draußen regnets eh. Unter Tränen zu reden tut der Seele gut, meinte Margarete.

Dann schliefen wir ein. Sie im Sessel, ich auf meinem Bett. Draußen rauschte der Regen er löste alles auf, verwob Schmerz und Trost, liess die Grenzen zwischen gestern und morgen verschwimmen und hinterliess ein Gefühl von versöhntem Zuhause.

Nichts währt ewig. Irgendwann hört auch der Regen auf.

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Homy
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Wundertantchen
Die Mama ließ mich nicht zur Jubiläumsfeier!