Schweigende Teigkunst

Das schweigende Teig
16. März 2024

Barbara, weißt du eigentlich, wer am Samstag kommt? Thomas lehnte im Türrahmen der Küche und sah mich an, als hätte ich wieder irgendetwas falsch gemacht. Einfach diese Erwartung in seinem Blick.

Ich war gerade dabei, den Hefeteig auf das Brett zu legen. Die Hände bis zum Ellenbogen voller Mehl.

Ja, weiß ich. Deine Kollegen samt ihrer Frauen. Das hast du mir jetzt schon drei Mal gesagt.

Aber es sind nicht einfach Kollegen, ich hab dir das erklärt. Es ist Herr Schneider mit Frau. Er ist Mitgesellschafter. Und Herr Maurer. Weißt du wer das ist?

Thomas, ich backe gerade. Lass uns das später besprechen.

Er trat in die Küche, auch wenn er sich hier sonst ungern länger aufhielt. Die Küche war ihm zu unberechenbar, immer voller Leben, voller Gerüche, Abwasch und nassen Handtüchern.

Nicht später. Ich will, dass du das jetzt verstehst. Diese Menschen fahren im Sommer zum Segeln an den Ammersee, ihre Frauen kaufen Kleider bei Münchener Designern. Die gehen in Lokale, die keine Speisekarte aus Papier haben.

Und was soll ich tun? Ich schaute ihn an.

Lass die Hausmannskost sein, bitte! Bestell etwas Anständiges. Es gibt Catering, die liefern alles wie im Restaurant, hübsch angeordnet. Ich gebe dir das Geld.

Ich schwieg. Und sah abwechselnd den Teig und ihn an.

Ich habe aber den Teig schon gemacht.

Barbara…

Thomas, ich mache das. Ich bin um sechs aufgestanden, ich geh gleich noch frisches Fleisch am Viktualienmarkt holen. Mach dir keine Sorgen, ich bekomme das hin.

Er schüttelte den Kopf, so wie Erwachsene das bei kleinen Kindern tun.

Du verstehst diese Leute nicht, sagte er und ging.

Ich blieb noch einen Moment stehen, schaute aus dem Fenster. Es war ein grauer, nasser Märzmorgen. Auf dem Ast hockte eine Taube und starrte in den Himmel. Ich senkte den Blick und begann, das weiche, warme Teigstück neu zu kneten.

***

Ich bin jetzt 52, davon 28 Jahre mit Thomas. Wir haben uns in Nürnberg kennengelernt, ich war damals Buchhalterin bei einer Baufirma, er wurde frisch zum Abteilungsleiter und trug noch immer diese alten, viel zu breiten Sakkos. Ich mochte diese Unsicherheit, wie er immer an den Manschettenknöpfen spielte, wenn er nervös war. Seltsam, dass ich mich gerade in das verliebte in diese Echtheit.

Dann folgte der Wechsel nach Augsburg, später nach München. Jedes Mal Kisten packen, die alte Katze ins Körbchen, neue Nachbarn kennenlernen. Thomas kletterte die Karriereleiter hoch und je höher, desto fremder wurde er mir. Aber das merkte ich erst mit der Zeit.

Kinder hatten wir keine. Es hat einfach nicht sein sollen. Die Ärzte sagten mal so, mal so, und irgendwann war Schweigen das Einzige, das blieb. Ich habe das für mich, ganz leise, verarbeitet. Die Energie, die ich nie für Kinder geben konnte, steckte ich in unser Zuhause. Ins Kochen, in den kleinen Balkon, in Blumen am Küchenfenster, ins Backen für die Kinder aus dem Haus.

Meine Teigwaren waren meine Sprache, das habe ich später erkannt. Wenn Worte fehlten oder nicht halfen, bin ich in die Küche. Auch aus Freude. Der Teig den spürte ich, wie andere Leute Musik hören. Das Rezept war zweitrangig, ich wusste mit den Händen, wann er richtig ist.

Thomas aß meine Sachen ein Leben lang. Er aß und schwieg. Ich hatte Schweigen viele Jahre für Zustimmung gehalten.

***

Am Freitag vor dem Abend war ich bis Mitternacht auf den Beinen. Strudel mit Rindfleisch und Zwiebeln nach Omas Rezept. Eine goldene Kruste, die im Hausflur Duft verströmte. Danach Maultaschen, gefüllt mit Kartoffeln und Quark. Sülze vorbereitet, die sollte über Nacht fest werden. Ein Salat aus Sauerkraut, Karotten und Preiselbeeren. Und ein bayerischer Schweinebraten mit Knoblauch und Wacholder schmorend im Ofen.

Thomas kam spät, sah all das und sagte kein Wort. Ging einfach ins Schlafzimmer.

Ich räumte die Küche auf, zog die Schürze aus und saß dann noch kurz am Fenster, bei einer Tasse Schwarztee. Morgen kommen sie alle, dachte ich, und ich tue das, was ich am besten kann: kochen. Es erschien mir einfach und klar.

Kurz nach Mitternacht fiel ich ins Bett und schlief sofort.

***

Sie kamen um sieben. Sechs Leute: Herr Schneider mit Ehefrau Regine, Herr Maurer mit Frau Brigitte und dann noch ein Herr, vorgestellt als Anton Weber, ohne Rang oder Nachnamen, aber der Tonfall von Thomas machte klar: er ist der Wichtigste.

Regine Schneider eine dünne Frau, wohl Mitte vierzig, in einem schwarzen Kleid, das mehr kostete als meine Monatspension. Ihr Blick ließ keinen Zweifel daran, dass sie alles und jeden in wenigen Sekunden einstufte. Möbel, Gardinen, mich.

Brigitte Maurer war jünger, blond gefärbte Haare, feiner Parfümnebel. Sie lächelte sofort, ein wenig zu grell, als hätte jemand einen Schalter umgelegt.

Anton Weber, etwa sechzig, massig, ruhige Hände, wache braune Augen. Er war der Einzige, der mir die Hand gab und freundlich sagte:

Sie sind die Gastgeberin? Ich freue mich sehr.

Ich führte sie in die Stube, der Tisch gedeckt mit dem guten Leinen. Die Kerzen brannten, Besteck ordentlich, wie ich es bei Oma gelernt hatte. Die Sülze auf dem Teller garniert, Maultaschen in einer Schüssel, der Strudel bereits geschnitten, dampfend und knusprig.

Sie nahmen Platz. Thomas öffnete den Wein, den Schneider mitgebracht hatte, irgendwas Italienisches mit langem Namen.

Regine betrachtete alles, sagte halblaut, damit jeder es hörte:

Sülze? Die habe ich ewig nicht gesehen.

Dieser Satz hatte einen Beiklang wie ein leises Warnsignal. Aber ich verstand es erst später.

Bitte, bedienen Sie sich, sagte ich. Strudel, Maultaschen, Schweinebraten.

Oh! Schweinshaxe! Brigitte zischte Regine was zu. Das habe ich seit Jahren nicht gegessen. So deftig!

Nachhaltig, lachte Regine und verdrehte die Augen, als hätte man etwas Provinzielles im Haus.

Die Männer griffen zu. Schneider aß die Sülze, nickte, schwieg. Maurer nahm Strudel, Anton Weber trank einen Schluck Wasser und schaute nachdenklich.

Thomas, kochst du eigentlich auch mal selbst? fragte Brigitte süffisant.

Nein, das ist Barbaras Reich, sagte Thomas. Sein Ton war, als rede er über eine harmlose Schrulle.

Barbara, kommen Sie eigentlich aus einer kleinen Familie? Also vom Land? hackte Regine nach, während sie Salat pikierte.

Aus Nürnberg, erwiderte ich.

Da sieht mans, nickte sie. Dort gibts noch sowas. Diese ganze Hausmannskost, Strudel, Sülzen. Das ist ja sehr rustikal. Nichts für ungut. In München isst das doch keiner mehr. Die Ärzte sagen ohnehin: Gelatine ist eine Katastrophe für die Gefäße.

Ich hob den Blick.

Wenn sie richtig gemacht ist, ist Gelatine reines Kollagen. Gut für die Gelenke.

Altmodisch, winkte Regine ab. Wir essen seit drei Jahren kein Fleisch mehr. Nur noch Fisch und Superfood. Thomas, wollt ihr nicht auch mal? Unser Ernährungscoach ist super.

Thomas lachte leicht, wie man lacht, wenn man nicht recht weiß, was man erwidern soll.

Barbara ist eben konservativ, meinte er.

Dieses Wort konservativ fiel auf den Tisch wie eine Münze, die niemand aufheben will.

Später sagte Brigitte, das Teig sei zu fest, sie müsse auf ihre Figur achten. Dann kam Regine ins Schwärmen über ein Lokal in der Leopoldstraße, nur Fusion-Küche, Küchenchef aus Barcelona. Dann redeten alle über Immobilienpreise und es war klar: Ich war nur noch Dekoration. Die Gastgeberin, die den Tisch gedeckt hat und jetzt leise lächeln soll.

Ich lächelte.

Ich schenkte Wein nach. Trug Speisen auf. Räumte ab.

Niemand bedankte sich.

Gegen neun musterte Regine den kaum angetasteten Strudel und sagte:

Ganz ehrlich, wir sind doch unter uns: das alles ist schon sehr… dörflich. Ist gar nicht böse gemeint, Barbara! Aber in bestimmten Kreisen passt das einfach nicht. Das ist ein anderes Level.

Es wurde ruhig. Ich schaute zu Thomas.

Er starrte ins Weinglas.

Jeder hat eben seine Traditionen, murmelte Anton Weber. Etwas in seiner Stimme ließ Regine verstummen.

Doch Thomas schob nach:

Barbara, ich hatte dich gebeten, ordentliches Essen zu bestellen. Jetzt siehst du ja…

Ich stand auf, sammelte ein paar Teller und ging in die Küche. Langsam, es war schwer. Stapelte die Teller in die Spüle. Stand am Fenster. Draußen Regen das Licht spiegelte sich auf nassem Asphalt.

Die Stimmen im Nebenzimmer wurden wieder lauter, dann klirrte Glas.

Ich zog die Schürze aus, hängte sie auf, nahm sie wieder ab, faltete sie ordentlich und legte sie auf den Stuhl.

Zurück in die Stube.

Entschuldigen Sie, ich habe Kopfschmerzen. Bedienen Sie sich, alles steht bereit.

Groß rührte sich niemand.

***

Gegen ein Uhr nachts waren alle fort. Thomas verschwand stumm ins Schlafzimmer.

Ich verstaut den Strudel auf ein Tablett, deckte es mit Folie zu. Die Maultaschen in den Topf, die Sülze in Pergament gewickelt. Den Schweinebraten separat.

Um halb zwei verließ ich das Haus. Der Baucontainer war praktischerweise gleich um die Ecke dort arbeiteten Arbeiter in Schichten, nachts brannte noch Licht.

Drei Männer saßen am Plastiktisch mit Thermoskannen, einer rauchte.

Schönen guten Abend, sagte ich. Tut mir leid für die Störung, ich habe Reste zu essen, mögen Sie was?

Sie sahen mich an, als wäre ich vom Himmel gefallen.

Was bringen Sie da? fragte der Raucher.

Strudel mit Fleisch, Maultaschen, Schweinebraten. Sülze gibt’s auch, aber da braucht man nen Kühlschrank.

Die Männer wechselten Blicke.

Das meinen Sie echt? Einer stand auf. Sie halfen, das Essen hereinzutragen. Einer deckte gleich den Strudel auf, biss ab. Sein Gesicht leuchtete auf, mir wurde es plötzlich heiß und ganz warm im Brustkorb.

Das ist hausgemacht, murmelte er schmatzend. Göttlich.

So hat meine Mutter gebacken, meinte der nächste, biss in die Maultasche. Genauso.

Kommen Sie aus dem Haus da drüben? War was Besonderes?

Gäste, sagte ich. Hat keiner gegessen.

Schade. Gutes Essen.

Ich weiß, sagte ich leise.

Ich blieb noch ein, zwei Minuten stehen, sah zu wie sie aßen. Richtig aßen, mit Genuss, ohne Theater. Einer fragte gleich nach Nachschlag.

Vielen Dank Ihnen, sagte jemand.

Danke euch, antwortete ich und ging heimwärts.

***

Ich konnte diese Nacht nicht schlafen. Lag auf dem Sofa im Wohnzimmer, starrte die Decke an. Thomas schlief vermutlich seelenruhig drüben.

Ich dachte an achtundzwanzig Jahre. An dieses Du wieder auf deine Weise nicht du liegst falsch, nicht dein Essen schmeckt mir nicht, sondern dieses wieder, als wäre Eigensinn schon an sich unanständig.

An die Arbeiter, die wortlos aßen und DANKE sagten, ehrlich. Und dass man für sie gekocht hat, war nicht wichtig. Das Essen war es.

In diesem Haus war kein Platz mehr für mich. Für meine Art. Die Dinge, für die ich morgens früh aufstand.

Der Rest war längst anderswo.

Gegen vier Uhr früh war ich entschlossen. Ganz ruhig. So, wie man endlich den Arzt anruft, weil es Zeit ist.

***

Ich schrieb einen Zettel, mein Schriftbild war klar und groß, wie immer.

Thomas, ich gehe. Nicht aus Trotz. Sondern weil ich es verstanden habe. Danke für die Jahre. Schlüssel auf dem Sideboard. Barbara.

Die Schlüssel legte ich dazu. Wohnungs- und Briefkastenschlüssel.

Ich packte eine kleine Tasche. Nur das Notwendigste: Papiere, ein Satz Wäsche, Handy, Ladegerät, Bankkarte mit Geld. Essen nahm ich keins mit seltsamerweise war mir das wichtig: ich verlasse mein Essen. Lasse einen Teil von mir hier. Mal sehen, was bleibt, wenn ich leicht gehe.

Draußen um fünf, langsam wurde es hell. Es regnete nicht mehr, das Pflaster glänzte im Streulicht. Ich hielt ein Taxi an, bat, mich zu meiner Freundin Karin zu fahren, ans andere Ende der Stadt.

Karin öffnete im Bademantel, zerzaust, stellte keine Fragen. Trat nur beiseite und fragte:

Soll ich Tee machen?

Mach bitte.

Wir saßen in ihrer Küche, fast schweigend. Karin schaute mich gelegentlich an, drängelte nie. Sie war eine, die Stille aushält.

Du bist weg? fragte sie schließlich.

Ja.

Für immer?

Ich zögerte.

Ja.

Karin nickte. Schüttete Tee ein.

***

Die ersten Wochen waren befremdlich. Thomas rief an. Erst kurz: Wo bist du? Komm zurück. Dann länger: Kann man reden? Dann verletzt: Weißt du eigentlich, was du da tust? Dann gar nicht mehr.

Ich lebte bei Karin. Wir schliefen Wand an Wand, aßen morgens zusammen, sahen manchmal abends Serien. Karin gab keine Ratschläge. Dafür war ich sehr dankbar.

Nach drei Wochen machte ich meine Dinge. Die Scheidungsformulare stellte ich selbst zusammen logische Routine für mich als frühere Buchhalterin. Die Wohnung war gemeinsam gekauft, Thomas bot mir den Ausgleich in Euro an. Ich nahm an. Keine Streitereien.

Das Geld kam aufs Konto. 28 Jahre Ehe. Gut so? Schlecht? Bestimmt reichte es eine Zeit lang.

Bewerben wollte ich mich erst nach einem Monat. Ich brauchte Luft. Ich machte lange Spaziergänge durch München, setzte mich in Cafés, beobachtete Menschen. 52 Jahre alt und plötzlich ganz ich selbst was auch immer das heißt.

Eines Tages in einem kleinen Café am Rand der Stadt schlicht, Holztische, Speisetafel aus Kreide, Fernseher stumm im Hintergrund, aber es roch nach Brot und Kaffee.

Ich bestellte Tee und einen Kirschstrudel. Der Strudel war aus Fertigteig, nicht hausgemacht. Das schmeckte man.

Hinterm Tresen stand eine Frau über sechzig, rundes Gesicht, blasser blauer Schurz, etwas müde.

Schmeckt der Strudel? fragte sie.

Etwas trocken, ehrlich gesagt.

Sie seufzte.

Ich weiß. Der Bäcker ist gegangen Anfang des Monats. Wir holen jetzt vom Großbäcker, das merkt man sofort.

Ich zögerte.

Suchen Sie eine Bäckerin?

Sie schaute mich prüfend an.

Sind Sie das?

Ich könnte es.

***

Sie hieß Elisabeth Krämer und betrieb das Café seit acht Jahren, seitdem sie in Rente war und nicht stillsitzen konnte. Das war ihr kleiner Kosmos nicht immer lukrativ, aber ihr Ein und Alles. Elisabeth entschied schnell, nach Instinkt.

Kommen Sie morgen um sieben, dann sehen wir obs passt.

Am nächsten Morgen um sieben zog ich den Schurz an. Die Küche klein, aber alles griffbereit.

Ich buk Maultaschen mit Kartoffel-Lauch-Füllung. Zimtschnecken. Hefeteig für Apfelkuchen.

Elisabeth kam um acht, blieb in der Tür stehen, musterte mich:

Wo kommen Sie plötzlich her?

Aus dem Leben, erwiderte ich.

Die ersten Gäste probierten gegen halb neun. Eine Frau kaufte zwei Teile, kam kurz darauf für ein drittes wieder. Ein Bauarbeiter mit Helm nahm eine Tüte Zimtschnecken: Das ists. Ein Student konnte sich nicht entscheiden, nahm dann beides.

Elisabeth zählte die Einnahmen.

Mittags sprachen wir Verträge: Ich sollte täglich von sieben bis drei, außer sonntags, für wenig Geld arbeiten. Wenns läuft, reden wir neu.

Es lief.

***

Drei Monate später war das Café am Eck in drei Kiezen bekannt nicht weil Werbung gemacht wurde, sondern weil sich sprachlich die Geschichten ergaben: Da gibts Strudel wie bei Oma, musst probieren!

Barbara machte ein Tagesmenü draus. Montags Fischpastete, dienstags Quiche, mittwochs Sauerteigbrot (da standen sie schon um acht!), donnerstags Pfannkuchen mit Marmelade, freitags Fleischstrudel. Samstags war Pause und ich ging auf den Markt weniger aus Notwendigkeit, mehr als Ritual. Apfel aussuchen, am Stand nachfragen, Butter immer beim selben Herrn, den Namen kannte ich jetzt.

Ich lebte nun in einer Einzimmerwohnung, schlicht, Blick in einen stillen Innenhof, mit solider alter Ausstattung, Leinenvorhang an der Küche, Geranie am Fensterbrett. Gemütlich.

Karin kam ab und zu und stellte fest:

Du siehst besser aus. Wirklich.

Ich schlafe endlich, erwiderte ich.

Das merkt man.

Abends las ich oder schaute einen Film manchmal saß ich einfach, Fenster offen, hörte den Innenhof. Diese Zeit, für niemanden etwas machen zu müssen, war plötzlich kostbar.

***

Genau im Oktober kam zum ersten Mal jemand, der Gernot hieß. Ein Freitag war das, aber er kam mittwochs wieder, als es Brot gab.

Zu spät? fragte Elisabeth, lächelte.

Zu spät, bestätigte er und lachte. Gibts nächste Woche Brot?

Nur mittwochs. Dafür morgen Quiche und Strudel.

Er nahm einen Kaffee und einen Maultaschen, setzte sich ans Fenster, ein Buch mit Eselsohren.

Daraufhin erschien er jeden Mittwoch kurz nach sieben. Ich kam gerade mit dem Backblech.

Heute richtig, grinste er.

Er lachte auf eine Art, die anrührend war mit den Linien im Gesicht, wie sie Leute haben, die viel draußen waren oder viel grübelt haben.

Ich setz mich nächstens schon dienstagabends her, dann verpass ichs nie.

Elisabeth wirft dich raus, sie macht um acht zu.

Dann halt auf dem Gehweg!

So lernten wir uns kennen, über Brot und Lachen und Alltagsquatsch, aus dem Echtheit wächst.

Gernot war 58, Ingenieur einer Planungsfirma, seit sieben Jahren geschieden. Erwachsene Kinder, wohnten längst nicht mehr zu Hause. Er war ruhig, bodenständig.

Wir redeten erst kurz, dann länger, dann gingen wir mal gemeinsam um den Block.

Er interessierte sich ehrlich. Ich erzählte über Teig und wie ich sehe, wann Sauerteig atmet. Er hörte zu, ohne zu unterbrechen.

Eines Tages sagte ich beiläufig:

Mir hat mal jemand gesagt, das sei alles überholt, diese Hausmannskost. Piroggen, Sülze, Traditionsessen.

Gernot schwieg kurz.

Es kommt darauf an, was wirklich überholt ist. Für mich ist es ein Zeichen von Fortschritt, das Echte zu bewahren überholt ist das Sich-Verstellen.

Ich schaute ihn an.

Gut gesagt.

Ich geb mir Mühe, grinste er.

***

Frauenwege sind nie geradlinig, das weiß ich jetzt besser denn je. Glück kommt nicht auf einmal, sondern tröpfelt wie Regenwasser in einen Brunnen: unsichtbar, aber nach einer Weile spürbar.

Mit Gernot wurde es im März mehr, ohne große Worte. Einmal fragte er abends, ob ich ihn ins Kino begleite. Ich sagte ja. Danach gingen wir essen, einfach, er nahm Suppe und fragte nach Brot.

Hast du das Brot probiert? fragte ich.

Er kaute bedächtig.

Nein, nicht wie deins.

Das war keine Schmeichelei, einfach eine Feststellung.

Ich lächelte und behielt es im Herzen.

Inzwischen wurde das Café größer. Elisabeth erweiterte die Speisekarte. Sie dachte über ein paar Tische draußen im Sommer nach, sprach sogar schon über eine kleine Beteiligung.

Barbara dachte an ihr eigenes Café, irgendwo an einer stillen Straße, mit Brotaroma morgens bis abends. Noch eine verschwommene Idee, wie Wasserfarbe bei Nieselregen aber sie war da.

Nichts wird übereilt. Ich habe gelernt, Geduld zu haben.

***

Thomas kam im April.

Ich sah ihn vom Café aus. Er stand draußen, las das Schild. Ich brauchte einen Moment, ihn zu erkennen.

Er trat ein.

Elisabeth war gerade hinten. Es saßen ein paar Gäste da. Ich stand an der Theke.

Hallo Barbara, sagte er.

Er war älter geworden. Oder einfach nur: endlich sichtbar, wie er wirklich ist. Tiefere Falten, unsicherer Blick.

Hallo, Thomas.

Ich hab dich über Karin gefunden. Sie sagte, du bist hier.

Stimmt.

Er schaute sich um. Sah das Holz, die Speisekarte in Kreide, die Theke. Ein seltsamer Ausdruck huschte über sein Gesicht, weder Mitleid noch Erstaunen.

Willst du Kaffee? fragte ich.

Gerne.

Ich stellte ihm eine Tasse hin, er wärmte sich die Hände.

Man hört, es läuft gut bei dir.

Es läuft.

Man empfiehlt dich weiter. Sagen, das beste Gebäck weit und breit.

Das freut mich.

Thomas stellte die Tasse ab.

Bei mir ist gerade nicht alles einfach. Schneider hat sich zurückgezogen, die Firma macht Umstrukturierung. Es läuft nicht gut.

Ich schaute ihn an kein Schadenfreude, nur sachlich. Ein Mensch, der zu Ende ist und einem ein bisschen leid tut.

Das tut mir leid.

Ich möchte, dass du zurückkommst.

Das Café wurde leise, oder es kam mir so vor.

Wir könnten nochmal neu anfangen. Ich hab Ideen. Vielleicht was anderes machen, andere Stadt oder so.

Thomas…

Bitte, lass mich ausreden Ich weiß, damals ich hätte anders reagieren müssen. Ich habe viel nachgedacht.

Gut, dass du nachgedacht hast.

Das heißt, du hörst mir zu?

Ich faltete die Hände.

Ja. Sag, weißt du noch, wie du an jenem Samstag in der Küche standest und zu mir gesagt hast: Du, immer musst dus auf deine Art machen?

Er sagte nichts.

Es war nicht: Du hast Unrecht oder das Essen schmeckt nicht, es war dieses immer. In nur sechs Buchstaben steckt ein ganzes Leben.

Er senkte den Blick.

Ich war nervös. Es waren wichtige Leute, ich wollte…

Wichtige Leute, wiederholte ich. Weißt du, die Bauarbeiter, die damals nachts im Blaumann meinen Strudel gegessen haben für die war es das Wichtigste. Sie kennst du nicht.

Er sah mich an.

Ich versteh dich nicht immer.

Das weiß ich. Und das ist die Antwort.

Die Kaffeemaschine fauchte. Zwei Kunden traten herein. Ich wandte mich ihnen zu.

Einen Moment, sagte ich, dann gab ich Thomas nochmal meine Aufmerksamkeit.

Ich muss arbeiten.

Barbara…

Thomas. Ich bin nicht wütend. Wirklich nicht. Aber ich komme nicht zurück. Nicht, weil ich nachtragend bin, sondern weil ich jetzt an meinem Platz bin. Und das zum ersten Mal seit langer Zeit.

Er schaute mich noch ein paar Sekunden an, dann nickte er wie jemand, der lernen muss, etwas zu akzeptieren.

In Ordnung.

Er zog sich die Jacke an. An der Ausgangstür sagte er:

Du siehst wirklich gut aus.

Danke.

Die Tür schloss sich.

***

Ich half den nächsten beiden Gästen einer nahm Brot und Fischpastete, der andere fragte nach Suppe. Ich erklärte, dass es die ab zwölf gibt.

Ich ging kurz in die Küche, trank ein Glas Wasser am Ofen. Es war fast elf. Zeit, neuen Teig fürs Frühstück vorzubereiten.

Ich wog Mehl ab, fütterte meinen Sauerteig, den ich täglich wie ein Lebewesen pflegte.

Meine Hände wussten, was zu tun.

***

Am Nachmittag kam Gernot wie es oft seine Art war kurz vor Feierabend vorbei.

Wie war dein Tag?

Ungewöhnlich.

Erzählst dus?

Wir gingen nach draußen. Es war warm, langes Licht, Baumkronen warfen Schatten. Wir schlenderten.

Mein Exmann war da.

Gernot blieb nicht stehen, ging ruhig weiter.

Und?

Er wollte, dass ich zurückkomme.

Du hast abgelehnt.

Ja.

Er überlegte.

Schwer?

Nicht so, wie ich gedacht hatte. Irgendwie tat er mir leid. Wie jemand, der lange geht und am Ziel erkennt, dass nichts wartet.

Er hats selbst gewählt.

Stimmt. Aber es ist trotzdem schade.

Gernot nickte auf seine Art so, dass man spürt, er versteht.

Weißt du, was ich dir lange sagen wollte? Aber es kam nie der Moment…

Sags.

Ich kenne niemanden mit solchen Händen. Es geht nicht nur ums Brot. Es ist wie du bist. Du weißt, was ich meine?

Ich lächelte zur Seite.

Ich glaube, ja.

Gut.

Wir gingen weiter, vorbei an Höfen, Bänken mit älteren Damen, am Spielplatz mit schreienden Kindern. Ein Himmel, blassblau mit wenigen Wolken.

Gernot…

Hm?

Ich habe etwas begriffen dieses Jahr: Ich habe lange darauf gewartet, dass jemand sagt: gut gemacht, Barbara. Und dann aufgehört zu warten es wurde leichter.

Man muss sich selbst anerkennen, bevor andere das können.

Genau. Das habe ich spät gelernt.

Aber nie zu spät. Manche lernen es nie.

Ich lächelte still.

***

Im Frühsommer lief das Café richtig. Draußen standen Tische, immer belegt, wenn das Wetter gut war. Elisabeth redete schon mit dem Nachbarn wegen mehr Platzes und bot mir eine Beteiligung an. Ich bat um Bedenkzeit. Überlegte und sagte ja.

Eine ganz einfache Lebensweisheit, keine aus Ratgebern, sondern aus mir: Keine Angst vor dem, was du wirklich kannst. Versteck dich nicht. Mach weiter. Bleib da, wo du gebraucht wirst.

Ich blieb.

***

An einem Abend im Juni, es war noch warm, Fenster offen, saß ich zu Hause, schrieb Gedanken und Rezepte durcheinander in mein Notizbuch. Immer schon mein Ritual.

Im Innenhof rauschte die Birke. Die Geranie blühte. Im Kühlschrank wartete der Sauerteig.

Ich schrieb: Komisch. Das Beste im Leben beginnt meistens, wenn man glaubt, es ist alles zu Ende.

Streiche es.

Dann: Gutes Gebäck braucht Zeit und Geduld.

Ich lachte. Klappte das Heft zu.

***

Karin rief Sonntagmorgen an.

Wie geht es dir?

Gut. Sogar mal ausgeschlafen bis acht.

Bis acht? Ich gratuliere.

Komm, ich habe einen Apfelkuchen im Ofen.

Mit Zimt?

Natürlich.

Ich bin unterwegs, sagte sie, und legte auf.

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Homy
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Schweigende Teigkunst
Raffinierte Freuden