Das ist doch nicht richtig! Immerhin ist sie seine Mutter! Er kann sie doch in sein eigenes Haus holen! Solche Bemerkungen höre ich regelmäßig von Leuten aus Felix Umfeld. Ich weiß, dass meine eigenen Freunde ähnlich denken, sie sprechen es nur nie direkt aus. Der Grund dafür ist die Situation mit meiner Schwiegermutter.
Gerda ist 83 Jahre alt, wiegt über hundert Kilogramm und ist oft krank. Warum nimmst du Gerda nicht einfach zu dir? hat mir mein Cousin vor einigen Jahren gesagt Es ist ja nett, dass du ihr täglich hilfst, aber was, wenn nachts etwas passiert? Sie ist auf sich allein gestellt. Felix ist schließlich ihr einziger Halt.
Es ist offensichtlich, dass Oma von ihrem einzigen Sohn, seiner Frau und dem Enkel versorgt werden soll. In den letzten fünf Jahren hat Gerda ihre Wohnung kein einziges Mal verlassen. Ihre Beine tun weh und ihr Gewicht macht ihr das Gehen unmöglich. Alles begann vor 30 Jahren. Damals war meine Schwiegermutter voller Energie, jung, gesund und sehr dominant.
Wen hast du mir da mitgebracht? hat Felix Mutter empört gefragt. Für das habe ich mein Leben geopfert?
Nach diesen Worten sind wir schweigend zum Bus gelaufen. Damals wohnte Felix Mutter in einem angesehenen Vorort von München, in einem großen, schönen Haus. Ihr Mann hatte eine angesehene Anstellung, so dass Gerda lange Zeit ein sorgloses Leben führte, selbst nachdem er gestorben war. An diesem Tag holte mich Felix noch ein und ging mit mir mit. Ich hatte Glück mit meinem Mann: Er hörte nicht blind auf seine Mutter. Er respektierte die Älteren, aber er versuchte mich zu beruhigen und meinte, das sei eben ihre Art.
Nach unserer Hochzeit begannen wir, für eine eigene Wohnung zu sparen. Felix war wegen der Arbeit sechs Monate weg. In wenigen Jahren kauften wir schließlich unser Eigenheim und renovierten es. Wir besuchten Gerda damals nicht oft. Sie schaffte es, Felix und allen Bekannten Unsinn über mich zu erzählen. Schaut, meine Schwiegertochter lässt mich nicht von meinem Sohn helfen. Wie, sie lässt ihn nicht? So ging das immer weiter.
Gerda wollte ins Stadtzentrum ziehen, aber das Geld vom Hausverkauf reichte nicht. Sie schlug vor, wir sollten beitragen und versprach, unser Sohn ihr Enkel würde die Wohnung erben. Beim Notar aber meinte sie plötzlich, das Erbe solle ihr gehören, denn ein Bekannter hätte erzählt, Großmütter würden sonst oft ohne Wohnung dastehen. Dann sagte sie, sie wolle ihre Wohnung nur demjenigen vererben, der sie im Alter pflegt. Sie wollte die Herrin sein! Und meinte, wir würden sie ausnutzen und ihr alles nehmen.
Seitdem sind fast zwanzig Jahre vergangen. Im Notariat wurden ihre lauten Klagen von allen gehört, es war uns sehr unangenehm. Wir ließen alles fallen. Sie zog schnell um und ließ uns keine kleinen Renovierungen zu. Nach einem Monat beschwerte sie sich, alles sei alt und kaputt und gab mir die Schuld: Ich hätte die falsche Wohnung ausgesucht und wollte sie betrügen.
Gerda liebte die Kinder ihrer Cousine, ignorierte aber ihren eigenen Enkel. Sie tat sogar so, als wüsste sie dessen Geburtstag nicht! Vor ein paar Jahren wurde sie krank. Sie hatte so stark zugenommen, dass sie sich kaum im Haus bewegen konnte. Ich brachte ihr gesunde Mahlzeiten, vom Arzt empfohlen. Gerda schimpfte jedoch und weigerte sich, zu essen. Sie meinte, nur ihre Cousine würde sie richtig versorgen und ich ließe sie hungern.
Letztes Jahr begann Felix mich zu bitten, die Mutter zu uns zu holen. Seiner Meinung nach hatte sie nun alles eingesehen und würde auf den Arzt hören.
Gut stimmte ich zu aber ich stellte Bedingungen: Die Küche ist ausschließlich mein Bereich, ich koche und entscheide, was wir essen, und ihre Cousinen sind nicht eingeladen.
Meine Schwiegermutter war empört und wollte nicht kommen, da sie dachte, sie könnte das Kommando übernehmen. Aber hier gibt es nur eine Hausherrin und das bin ich! Also blieb ich weiter bei ihr, machte sauber, kochte, blieb gelegentlich über Nacht. Die Lieblingscousine äußerte ihre Sorgen nur telefonisch.
Gerda beschwerte sich am Telefon, ich würde sie hungern lassen: Keine Süßigkeiten, keine geräucherte Wurst. Sie bat mich, Kuchen zu bringen, aber die Cousine verschob ihre Besuche wegen angeblicher Termine, obwohl sie viel näher wohnte. Sie kam nur einmal im Monat und brachte ungesundes Essen, ich kümmerte mich hingegen täglich um Gerda.
An einem Tag rief Gerda ihre Cousine an und beschwerte sich, dass ihre Kette und das Kreuz verschwunden seien. Sie meinte, wir wären beide an dem Tag bei ihr gewesen und war überzeugt, ich hätte sie mitgenommen.
Ohne ein Wort stellte ich das Essen auf ihren Tisch, nahm das Kettchen und Kreuz, das hinter die Kommode gerutscht war. Zu Hause erzählte ich Felix alles und schlug vor, Gerda ins Pflegeheim zu geben. Felix stimmte zu.
Heute denke ich oft darüber nach, wie viele Grenzen man in einer Familie setzen muss, damit jeder seinen Platz findet. Man kann niemanden zwingen, loszulassen, aber manchmal muss man sich selbst schützen.





