Zeit für das Glück
Regionalbahn Nummer, nächste Verbindung Richtung, erreicht Gleis drei um 14 Uhr 15. Ich wiederhole dröhnte die Ansage in Margaretes Stimme aus dem Lautsprecher. Seit zwei Jahren arbeitet sie nun schon im Stellwerk und lässt Züge aufbrechen und ankommen, ruft Eilige zur Eile, wünscht allzeit eine gute Fahrt und erinnert an den Fahrkartenkauf. Es ist halt ein Beruf wie jeder andere.
Margarete gefiel dem Bahnhofsvorsteher, Karl Theodor Brandt, schon bei ihrer ersten Begegnung vor dem winzigen Bahnhofsgebäude. Eigentlich war es nicht mal ein Bahnhof, sondern bloß ein zweistöckiges Häuschen mit Anbau, dem winzigen Toilettentrakt und schummrigem Wartesaal, ein paar Angestellten, ein schlichtes Buffet. Eigentlich wollte Margarete keine Stimme sein, schämte sich vielleicht, hegte aber die Hoffnung, bei der Büroarbeit unterzutauchen vergebens, sie wurde die Disponentin.
Ein Monat, zwei, drei immer wieder war Karl in ihrer Nähe, sie wechselten verstohlene Blicke. Zufällig saßen sie beim Frühstück nebeneinander, trafen sich draußen wieder, landeten gemeinsam im kleinen SPAR-Markt. Immer wieder.
Karl bemühte sich, mit ihr zu reden, Freundschaft zu schließen. Doch Margarete hielt Abstand, als schreckte sie etwas ab, als habe sie etwas zu verbergen.
Er litt darunter, an Schlaf war kaum zu denken. Kaum schlief er ein, erschien Margarete ihm in den Träumen, neckte ihn, lachte ihn an. Aufzuwachen war schwer, der Traum war zu süß
Irgendwann riss Karl die Geduld. Er bestellte Margarete in sein Büro, nahm ihre Hand und sprach leise das aus, was sie so ersehnte wie gefürchtet: Er bat um ihre Hand. Aber Margarete lehnte ab.
Margarete, wie kannst du nur! Karl sank mit schmerzender Lende auf ein Knie. Selbst das hatte ihn Überwindung gekostet aber für seine Herzensdame war ihm jedes Opfer recht. Er sprach die Zauberworte, blickte sie ängstlich an, erwartete, sie würde aufstrahlen und einwilligen. Aber sie tat es nicht. Ihre Antwort war Nein. Verständigungslos stotterte er:
Krieg das doch von Herzen, sogar eine wunderschöne Wohnung hab ich uns besorgt, und diesen Küchenblock gefunden, du weißt schon, mit den Schnörkeln … Verzeih, ich hab gehört, wie du mit Heidi aus dem Buffet darüber gesprochen hast Margarete, ich kann das nicht mehr, ich bin doch kein Junge mehr, es muss sich etwas ändern! Warum nur machst du das?
Tun? Margarete zuckte mit den Schultern, schüttelte ihren Kopf, die schweren Bernsteinohrringe klirrten in ihren Ohren. Ich weiß wirklich nicht, was Sie meinen, Herr Brandt.
Versteh doch, Margarete! Ich liebe dich. Wollen wir uns wenigstens im Alter unser Glück noch bauen? Bist du nicht auch längst des Alleinseins müde? Ich würde alles für dich tun! Margarete!
Sie zuckte bloß mit den Schultern, murmelte, sie wolle nachdenken, und ging.
Ich muss arbeiten, Herr Brandt. Die Lokführer warten, die Leute warten Lassen Sie los… Doch sie wehrte sich nicht wirklich, ließ zu, dass er sie auf die Wange küsste, und fast schien es, als berühre sie sein stoppeliges Gesicht flüchtig mit den Lippen. Katzengleich schlang sie sich den von ihm geschenkten Schal um den Hals und verließ das Büro.
Draußen glühte ihr Gesicht, das Herz hämmerte, als wolle es einen Amboss sprengen, unstillbar. Frostperlen prasselten auf ihre Haut draußen tobte ein Wintersturm, als mische der Himmel Mehl und Schnee zu einer einzigen dichten Masse. Vorweihnachtlicher Schneesturm, so dick wie Puder, bedeckte die gefrorene dunkle Erde, Matsch, Lehm, den achtlos hingeworfenen Müll der Reisenden, verkümmerte Stachelbeer- und Berberitzenbüsche. Schon bald würde all das verschmelzen zu einer federweichen Schneedecke, ein Paradiesbett, in das man nackt eintauchen und baden könnte, warm und geborgen.
Margarete bedeckte das Gesicht mit den Händen, blickte dann rasch zu den Fenstern von Karls Arbeitszimmer empor und sah, dass er dort, hinter dem Vorhang, stand. Plötzlich breitete sie die Arme aus, begann sich im Schnee zu drehen, warf den Kopf zurück.
Margarete! Was machst du denn da? rief die vorbeieilende Fahrdiensthelferin Liesel, entsetzt. Bist du denn verrückt geworden?
Ja, Lieselchen, ja, verrückt bin ich! Ganz verrückt! Ich bin betrunken, komm sicher nicht mehr heim! schmetterte Margarete los, als gelte sie in einem alten Zarah-Leander-Film. Ach, ist das schön!
Na dann gehe ich lieber mal schüttelte Liesel ungläubig den Kopf, hob einen verlorenen Handschuh auf und murmelte leise: Was die hier aufführen! Besoffen zur Arbeit! Der darf alles! Hauptsache die Frau vom Chef! Da kann sie machen, was sie will! Guck sie dir an, rot im Gesicht wie ein Flusskrebs die haben sicher geknutscht… Tss!
Karl Theodor Brandt war sehr beliebt bei den Damen der kleinen Station. Sie machten ihm Komplimente, backten wie zufällig Kuchen, Streuseltaler, Strudel, kochten Sülze und ließen saftigen Schinken im Ofen schmoren. All die Gaben wurden schüchtern überreicht, mit blickgesenkten Augen, ausgestreckten Armen, als sei Karl der Hausherr und Heilige in einem.
Karl schüttelte stets den Kopf, wandte sich ab, schimpfte ein bisschen. Wenn ihm etwas peinlich war, schimpfte er immer. Endlich ließ er sich doch auf das Opfer ein, unter der Bedingung, dass es für alle gereicht werde.
Die Frauen murrten, nickten aber. Wenigstens so konnte man den Brandt ehren…
Er aß von den Delikatessen in der Regel ohnehin nie, brachte sie in die Werkstatt zu den Männern, die, noch immer in ölverschmierter Arbeitskleidung, hungrig wie Wölfe über das Mitgebrachte herfielen.
Warum essen Sie das nicht selbst? Für Sie wurde es doch gekocht! fragte einmal der alte Bahnwärter Onkel Gustav, als der Chef wieder einmal ein Blech Kuchen brachte. Das schickt sich doch nicht
Weiß ich selbst, Gustav. Aber wie halte ich die Frauen davon ab? Sie hören ja nicht auf! Und ich darf das nicht essen, sonst ist Margarete beleidigt die ist eifersüchtig! Aber pssst, neigte Karl sich verschwörerisch zu Gustavs Ohr. Die grauen Locken des Alten kitzelten Karls Wange. Ich flatter schon ewig um sie herum, aber sie will einfach nicht zu mir. Ich bin sogar auf die Knie gegangen, konnte kaum aufstehen, so hats mir den Rücken verrissen! Und sie, sie rümpft die Nase. Siehst du? Hab sogar einen alten Ring bereit, von Oma. Schau! Aus der Jackentasche zauberte Karl ein Samtkästchen, öffnete es. Ein altes, im Silber dunkel angelaufenes Schmuckstück, besetzt mit glitzernden Steinen und Glimmer, ruhte auf rotem Samt.
Donnerwetter! Lass mich mal probieren! Gustav griff nach dem Ring mit seinen wurstigen Fingern. Gib mal her!
Bist du verrückt? Du bleibst stecken, was dann? Ach nein, ich hab Margarete den Ring nie gezeigt, habs mich nicht getraut Vielleicht ist es halt nicht mein Schicksal … Was nützt ein Mann wie ich noch? Aber Margarete, das ist
Wahrhaftig, ein Fels in der Brandung, keine schnöde Frau, sondern eine richtige Dame! Königin! Nein, Kaiserin! Diese … wie hieß sie … in der Wüste
Nofretete, soufflierte Karl.
Genau! Nur halt etwas üppiger, stoß Gustav Karl in die Seite und ging davon, ohne sich zu verabschieden. Zeit war Geld.
Gustav war schon um die Ecke verschwunden, sein roter Signalwimpel verschwand wie ein letzter Schrei in der Wand aus Schnee, als Karl ihn plötzlich wieder sah wieder zurückgehend, als wärs ein Déjà-vu.
Was vergessen, Gustav? rief der Bahnhofschef.
Ach was! Mir ist grad was eingefallen. Schau, das alte Spiel: Spring über den Schatten, gib Margarete einen Schubs sie ziehts mit Männern ja immer in die Länge, dreht die Herzensschrauben. Dieses Mal drehen wir sie durch die Mangel. Na dann, machs gut, Brandt.
Karl stapfte im Schnee, schob ihn mit den schweren Stiefeln zu kleinen Hügel, trat dann auf deren Spitze, bestaunte seinen Fußabdruck, kaute auf den Lippen, wollte eine Zigarette zünden, dann fiel ihm Margarete wieder ein, raucht ja selbst nicht, er hattes ihretwegen aufgegeben. Keine Zigaretten in den Taschen, Gustav schon fort.
Alles für sie! Er trat resigniert gegen einen aus dem gefrorenen Boden ragenden, mit Moos überwachsenen Stein. Wohnung besorgt! Ihr im Wohnheim reichts sicher auch bald. Küchenzeile mit Schnörkeln, und ich trau mich kaum noch, Margarete anzusehen…
Er schimpfte weiter, doch plötzlich verstummte er aus dem Lautsprecher, hoch oben am Mast, sang wieder süß Margaretes Stimme, tief und samtig, wie eigens geschaffen für Karls unruhige Ohren.
Er blieb stehen, lauschte, während eine Krähe sich auf dem Stein niederließ, im Schnee stocherte, ein Bonbonpapier fand und es in Fetzen riss. Karl blaffte sie an, Ruhe sollte sein. Die Krähe schielte mit schwarzem Perlenauge, krächzte beleidigt und flog davon, das Papier blieb zerrissen zurück, wie ein unnützes Herz aus Altpapier.
Den Rest des Tages verstrickte er sich in Verwaltungskram, unterschrieb Formulare, schimpfte mit der Zentrale, weil wieder ein falscher Fahrplan durchgegeben wurde, die Leute verärgert waren. Ein Professor, ganz spindeldürr, mit Skiern im Arm, im blauen DSV-Anzug und mit roter Mütze, brach sich den Weg zu Karl, beschwerte sich, er habe morgen Kolloquium, die Studenten warten, und hier stehe er am Ende der Welt, halb entkleidet, und komme nicht fort.
Verstehen Sie eigentlich, dass ich einen Teilchenbeschleuniger habe?! Studenten! Menschen! Menschen sind keine Lokomotiven! Menschen sind keine Mechanismen! jammerte er, der rote Bommel auf dem Kopf wippte, die Ski klapperten, die Bindung riss auf, und die Zugleine schlängelte sich wie ein grauer Wurm auf den Boden.
Karl sammelte die Ski auf, versuchte zu beruhigen, stimmte dem Professor zu, dass Menschen keine Lokomotiven sind. Doch der wollte und wollte nicht zur Ruhe kommen. Schließlich sackte er in sich zusammen, seufzte erschöpft.
Karl bekam Mitleid. Und…
Eine halbe Stunde später fuhr der Professor schon im Schnee bedeckten Mercedes von Karl, Chauffeur Max Siedler brummte, blinzelte gegen die Sturmwand.
Karl gab sein Dienstfahrzeug auf für die Studenten und ihren verirrten Professor.
Bring ihn vorsichtig zur Stadt, wie ein Porzellanservice, klar?! wies Karl Max an. Der nickte, zog dem Professor die Ski aus der Hand, ging pfeifend das Auto anlassen.
Folgen Sie ihm einfach, er bringt Sie in die Stadt. Entschuldigen Sie die Umstände, wir sind hier alle durch den Wind, seufzte Karl. Möchten Sie einen Tee? Ihre Hände sind ja ganz blau?
Ach nein murmelte der Alte. Weißt, entschuldige du auch Ich lebe für die Arbeit. Seit dem Tod meiner Frau, Gott hab’ sie selig und ein weiches Federkissen, bin ich nur noch im Institut. Daheim ist es schlimm. Weißt, ich würde dich gern einladen, mit Frau Er ergänzte schnell: Schreib die Adresse auf.
Ach was, bin unverheiratet, warum denken Sie?
Ach was! Heute noch ledig, morgen verheiratet. Der Abend ist noch jung! Na los, hier ist sie.
Der Professor fuhr ab, bequem in Karls Mercedes gebettet, und in Karls Kopf klangen weiter die Worte über den Abend
Auch Margarete tappte aufgeregt am Telefon: Fahrpläne abklären, telefonieren, immer wieder hörte Karl ihre Stimme, schloss die Augen, seufzte, ordnete Papierberge um…
Sie trafen sich in der Kantine. Margarete schüttelte den Schnee vom Mantel, strich sich den Rock glatt und trat ein. Karl saß schon da, trank den letzten Schluck Kompott.
Guten Tag, Margarete. Was darf ich bringen? fragte die Buffetdame, warf Karl einen scharfen Blick zu. Der drehte sich demonstrativ weg, das Gesicht hochrot.
Ach Lotte, irgendwas Schnelles. Ein Brötchen und Buttermilch der Zug gleich, muss die Ansage machen, schielte Margarete zum Chef, deutete auf ein süßes Zuckerbrötchen.
Ist ja ein Schnee da draußen! Man sieht kaum aus dem Fenster! Lotte goss Buttermilch ins Glas, legte das Gebäck auf ein Tellerchen.
Ja, ordentlich! Spätestens Silvester sind wir eingeschneit. Lotte, hat dein Vater den Baum schon gebracht? Margarete bezahlte, trat beiseite.
Morgen fährt er. Warum?
Soll er mir einen mitbringen. Gestern waren die Bäume auf dem Markt allesamt Krüppel, wie gerupft! Frag ihn, ich vergeß das nicht, ja? blinzelte Margarete. Lotte nickte, wird gemacht.
Inzwischen kam Karl mit seinem leeren Glas herüber, räusperte sich.
Charlotte, entschuldigen Sie. Noch einen Kompott, ja? Heute besonders lecker! Und wunderschöne Ohrringe tragen Sie, Charlotte! lobte er laut, mied den Blick zu Margarete. Und wollen Sie, Charlotte, dass ich Ihnen einen Baum bringe? Ich hab Verbindungen im Forst, schlage selber den schönsten.
Lotte blickte irritiert zwischen beiden hin und her, Margarete verfolgte Karls Auftritt kühl interessiert.
Ach nein! Wirklich nicht, Herr Brandt! Wir machen das schon Lotte wurde ganz verlegen, verschüttete Kompott, wischte hektisch. Der süße Apfeltrank sickerte über den Fußboden bis zu Karls Schuhen, der wich aus.
Nicht? Auch nicht? Karl wurde plötzlich erregt. Dann machen Sie, wie Sie wollen! Und trinken Ihre Kompotts allein!
Er stapfte davon, Lotte sah ihm verdutzt nach, während Margarete das süße Brötchen appetitlos aß, die Buttermilch stehen ließ und zur schnellen Bahnansage verschwand
Na, sieh mal einer an! Will den Baum selber schlagen! Und diese Verbindungen im Forst! Witzig, Herr Brandt. Na warte, Karl Theodor!, dachte Margarete, stapfte durch den Schnee, rutschte auf Eisschollen, schlug die Hände zusammen, tappte weiter. Das Kopftuch war verrutscht, Haare, dicht und schwarz wie Rabengefieder, straff zum Dutt geschlungen, durchnässt vom Schneematsch. Margarete tupfte sich die Stirn trocken, dann lehnte sie sich an die kalte Stellwerkswand, krallte sich mit den Nägeln ins Mauerwerk und brach plötzlich in Tränen aus.
Karl Sie sah ihn selbst im Traum, dachte an ihn beim Aufstehen und Zubettgehen, beim Blick in den Spiegel, wenn sie an seinem Büro vorbeilief, nach ihm ausschau hielt. Das Alleinesein war unerträglich geworden, sich selbst einen guten Morgen zu wünschen, das einsame Bett zu machen, nachts vor Elend zu heulen. Sie war’s leid! Man wirbt um sie, sie lehnt ab wozu? Will sie sich etwa herausputzen, stolz tun, auf unnahbar machen? Hat sie mal in ihren Pass geschaut? Wie viele Jahre stehen da? Bald ist es zu spät, girl, vergiss dein Glück nicht, du Stolze!
Nein, das ist kein Stolz!, schrie das Herz, alles andere vergessend den schnellen Zug, Lotte, den verschütteten Kompott, den versprochenen Baum. Mein Gott, wie furchtbar ist das! Wie fürchterlich! Was, wenn ich ihn wieder verliere, wie einst? Lieber allein! Genug geheiratet freue dich, dass du atmest, dass deine Füße gehen, um den Rest schere dich nicht!
Mit grober Hand wischte Margarete die Tränen von den Wangen, so dass die kratzige Wollhandschuh rote Striemen hinterließ. Dann stapfte sie zurück zur Kammer. Stolz, unnahbar. Niemandes Eigentum.
Es wurde früh dunkel. Kaum war zu sagen, ob wegen der schwindenden Sonne oder weil der Schneesturm das Städtchen Kahlenberg in seinen kalten Mantel gehüllt hatte. Die gelben Lichter an unsichtbaren Pfählen hingen wie Spuklichter in der Luft, der Wind zerrte an Pappelzweigen, ließ sie knarren und ächzen.
Die Krähe, eben noch wild auf das glitzernde Bonbonpapier, kauerte jetzt frierend auf einer Stange, das Gefieder gegen den eisigen Wind gesträubt, zog eine Klaue dicht an den Leib.
Nach der Schicht eilte Margarete ins Wohnheim, freute sich auf die Ruhe. Die Zimmergenossin war über Weihnachten bei der Familie im Schwarzwald, würde erst Ende der Woche zurückkommen. Leeres Zimmer, nüchtern, aber von Frauen bewohnt, die bunten Vorhänge flatterten, Wachstuch auf dem Tisch, Bücher im Regal, das Schafstoffkissen auf ihrem eigenen Bett, doch es war trostlos, die Luft stickig.
Margarete öffnete das Fenster, die Vorhänge blähten wie Segel, als wollten sie losfliegen. Die Kälte kroch ihr die Beine hoch. Sie zog sich ein Wolltuch über, setzte sich an den Tisch. Abendessen müsste sein, aber Hunger war nicht da. Sie tat alles aus Pflicht: morgens aufstehen, arbeiten, lächeln und Lippenstift auftragen, schöne Blusen anziehen alles, weil man muss. Aber wofür? Für die Leute: Die hatten keine Traurigkeit verdient. Deshalb spielte Margarete die Heitere, witzelte, ging ins Kino, schaute aber nicht wirklich hin. Setzte sich, Hände im Schoß, starrte ins Nichts. Im Kopf: immer Karl Theodor. Dann kam sie wieder zu sich, lächelte über ihre närrischen Träume im Alter! strich sich eine Strähne von der Stirn und blickte endlich zum Film. Dort lebten die Leute ihr Leben, voller Aufregung, Glück, immer mit gutem Ausgang. Glückliche Menschen
Vielleicht hätte Margarete bis in tiefe Nacht so dagesessen, hätten nicht plötzlich Schritte auf dem Korridor gestampft, schrille Rufe der Nachbarinnen.
Unfassbar! Und jetzt, was nun?! Bei diesem Wetter! Margarete! Margarete! Da klopfte es schon an die Tür. Aufmachen!
Margarete sprang auf, wischte sich rasch eine Träne von der Wange, schloss auf.
Was denn? Die ganze Etage stand da, mit Handtuch, Morgenmantel, Nachtzeug, alle blickten sie fragend an. Na, was ist?
Gustav ist verschwunden, schluchzte Jule, die junge Stationsschülerin. Nach der Streckenkontrolle wollte er zurück sein, aber seit Stunden hört man nichts. Das Funkgerät bleibt stumm. Und jetzt das Wetter
Sie brach in Tränen aus, warf sich Margarete an die Brust, klammerte sich, dünn wie ein Spatz.
Weiß der Chef Bescheid? fragte Margarete. Jule! Lass mich los, Mädchen! Jetzt sind keine Tränen gefragt, sondern Hände! Er friert sonst draußen fest!
Auch in ihr fror plötzlich alles. Was wenn er da draußen erfriert und sie niemand retten kann? Die Angst kam wieder
Mit nur auf halb geknöpfter Jacke, fremd, eilig übergeworfen, rannte sie zum Wärterhaus. Männer versammelten sich dort, verteilten Taschenlampen. Der Nachtwächter Peter, ein Hüne, organisierte Suchtrupps.
Karl Theodor in Lodenmantel und Pelzstiefeln, dicke Wollhandschuhe tief in den Taschen, suchte auf der Karte nach Spuren. Max, der gerade aus der Stadt zurück war, hielt nervös die Taschenlampe, sprang nervös hin und her, blendete den Chef.
Max! Halten Sie endlich still! Wann war zuletzt Kontakt mit Gustav? Was? Warum ist er allein los? Wer schickt denn so was los?! Aha Karl hörte sich die Antworten an, fuhr mit dem Finger über die Karte. Da kam Margarete angelaufen.
Gehen Sie zurück, Frau Krüger. Wir schaffen das schon. Nicht im Weg stehen.
Er blinzelte streng, sie hielt seinem Blick stand.
Nein, Chef, das lassen Sie. Ein Mensch ist verschwunden! Ich bin keine Last, ich helfe. Und Sie Sie …
Sie wollte ihm alles sagen auch von Charlotte, dem versprochenen Baum , schwieg dann aber, schnappte sich Max Taschenlampe und marschierte los.
Was für eine Frau! Feuer! rief einer ihr nach, hustete unterm missbilligenden Blick von Brandt, schwieg dann lieber.
In einer Stunde würde der Güterzug kommen, dann der Schnellzug. Der Schnee nahm kein Ende, die Schienen glänzten schwarz im Licht der Lampen, vibrierten vom fernen Zug. Der Silberglanz ertrank im Nebel. Margarete schleppte sich über einen kaum noch sichtbaren Pfad, warf den Lichtstrahl wie ein Lasso hin und her. Spuren! Jemand war gegangen, schon halb zugeweht aber Spuren!
Sie drehte sich um, blitzte mit der Lampe, bekam Antwort. Die Männer rannten los, Karl auch hinkend.
Margarete! Gehen Sie zurück! Oder wollen Sie auch verschwinden!? rief er, aber ihr Blick war Feuer, sie würde ihren eigenen Weg gehen. Und wenn alles vorbei ist, sie Gustav finden, ihrem stillen Gönner, dann würde sie Karl sagen: Mach du, was du willst, aber mein Mann wirst du, und Punkt! Das beschloss sie im selben Moment.
Geh, Margarete, sagte Karl schon leise, fast sanft, berührte sie am Arm. Ja, mit einer Hand er war einarmig, hatte immer Angst, bei Frauen zu versagen, nicht zu genügen. Früher war Karl ein Herzensreißer gewesen, die Mädchen hingen an seinem Hals. Als er den Arm verlor, zog er sich zurück. Bei dem Gedanken, vor einer Frau das Hemd auszuziehen und die Narbe zu zeigen, kroch ihm Angstschweiß über die Stirn. Selbst der starke, selbstsichere Brandt war nicht frei von Angst. Die lauerte wie in Kindertagen unter dem Bett, mit Tentakeln und Stacheln. Niemand konnte sie vertreiben. Oder vielleicht doch? Konnte Margarete es?
Wie tief kann man fallen, wenn man hoch geflogen ist, dachte er später. So als hätte das Leben eine andere Spur genommen. Und nachts tut der Arm noch weh, als wäre er noch da. Ach…
Manche Frauen schleppten ihm Kuchen, Hausbackenes, päppelten ihn auf. Besonders aufdringlich: Frau Steiger, die jeden zweiten Tag seine Stube putzen wollte. Sie klapperte mit dem Eimer, flehte durch die Tür, aber Karl ließ sie nicht rein, wollte nicht bemitleidet werden.
Jetzt war er verrückt vor Liebe ob Margarete ihn wegstößt? Gut, zumindest hat sie ihn nicht ausgelacht. Es ist, als schütte jemand eiskaltes Wasser über den Kopf. Schmerzhaft, aber man wird wach.
Margarete wollte Karl anfahren, doch plötzlich, von unten am Bahndamm, kam ein Ruf schwach im Schneesturm, aber das war die Stimme eines Menschen.
Gustav! Gustav Meyer! Wo sind Sie? Wir kommen! rief Karl, rutschte den Hang hinab, schlug sich am Felsen oder einer Stange die Hüfte, ließ es sich aber nicht anmerken, kämpfte sich auf den Ruf zu.
Margarete wollte ihn einholen, stapfte mit großen Schritten. Als wolle sie beweisen, dass sie ihm ebenbürtig ist.
Nicht so rasch! Oder willst du dein Übergewicht zeigen? knurrte Karl. Zu viel Mühe; ich hab’s kapiert, du willst mich nicht. Und Charlotte aus der Kantine, das Das war nur, weil Ich wollte dich eifersüchtig machen, ein blöder Rat Vergiss es!
Sie gingen jetzt nebeneinander, Margarete griff unbewusst nach seiner Schulter, um nicht zu stolpern, es war stockfinster.
Und ich Mein Arm, naja, war meine eigene Dummheit, kein Heldentum. Und eigentlich sollte ich weg von hier. Ja, wenn wir Gustav gefunden haben, geh ich. Für Sie wird alles leichter, Sie
Er sprach nicht aus. Margarete war rasch vor ihm, blieb plötzlich stehen. Er prallte fast gegen sie, da schlang sie ihre Arme um seinen Hals und küsste ihn auf die leicht spröden, rissigen Lippen, voller Leben und doch ganz normal, wie bei einem Kind. Nochmal. Dann lächelte sie und gebot zu schweigen.
Na endlich, seufzte jemand im Gebüsch. Ich dachte schon, das wird nie was! Da knutschen sie mitten im Schnee. So ists recht! Gustav Meyer verdeckte die Augen vor der Lampe. Umgeknickt, Kopf gestoßen, alles tut weh. Karl, hilf mir, gib mir Halt.
Margarete leuchtete ihnen den Weg, Karl stützte Gustav, fast wie auf Schultern getragen.
Warum sind Sie allein los?! schimpfte Karl. Was, wenn Sie draufgegangen wären?! Kann man doch wissen!
Hab ich ja. Tut mir leid, Karl, ehrlich. Aber du bist ein starker Kerl, das sieht hier jeder, oder Margarete?
Margarete schwieg. Es fühlte sich an wie ein tiefer Atemzug, als dürfe sie wieder glücklich sein. Sie erlaubte sich, endlich wieder zu lieben.
Einmal hatte sie das schon, vor langem. Doch der Geliebte starb, und sie hatte die Hochzeit immer hinausgezögert umsonst. Am Grab war sie niemand: keine Freundin, keine Braut, kein Familienmitglied. Die anderen tuschelten, luden sie nicht einmal zum Leichenschmaus ein. Warum auch sie war niemand gewesen…
Die Angst, denselben Schmerz wieder zu erleben, ist groß. Alle sind sterblich, auch Karl. Das ist schmerzhaft. Und doch lebt er, ist warm, hält ihre Hand, hat seine Zweifel aber er lässt sie nicht los.
Und sie ihn auch nicht. Was gewesen ist, bleibt zurück. Man weiß nicht, was kommt, und davor Angst zu haben, ist töricht. Das Glück ist jetzt und hier trink es wie frisches Quellwasser, koste es aus, bewahre es. Hier. Jetzt!
Schließlich brachte Karl Margarete tatsächlich eine herrliche Tanne, buschig, grün, voll. Und als Geschenk genau den Ring.
Einen Monat darauf traf der Professor der, mit der roten Bommelmütze aus Karls Mercedes den Bahnhofschef in Berlin, wieder mit Max und einer Fremden. Sie standen vorm Brautmodenladen. Margarete betrachtete das Hochzeitskleid in der Auslage. Der Professor trat näher, stellte sich vor, Karl erinnerte sich: der komische Skifahrer damals.
Sie lachten. Karl erzählte von den Studenten, von der bevorstehenden Trauung. Dann saßen alle beim Professor, tranken Tee, erzählten, wie sie Gustav gerettet hatten.
Da haben wir uns, kann man sagen, verlobt, schloss Karl.
Im kleinen Wäldchen? hakte der Professor nach.
Ja, nickte Karl.
Sehr gut. Ich wusste, wir sehen uns wieder. Und dass Sie heiraten würden, hab ich fast geahnt! Der Skifahrer freute sich so sehr und schenkte noch eine Runde Tee aus. Sie, Karl, Max und Margarete, waren die ersten Gäste, die er seit dem Tod seiner Frau im eigenen Haus bewirtete. Aber war sie nicht doch da am Fenster, blickte auf die tanzenden Schneeflocken? Doch, sie lächelte. Auch sie war jetzt glücklich hier, jetztSie lachten still zusammen, während draußen langsam das Licht schwand und erste Schneesterne im gelben Schein der Straßenlaternen glitzerten. Margarete legte ihre Hand in Karls, spürte die Wärme, den Pulsschlag eines Lebens, das nun zu ihrem eigenen werden durfte. Ein Lächeln, so zart wie der knospende Schnee auf den Tannenzweigen, glitt über ihr Gesicht.
Max prostete mit seinem Teegläschen, der Professor reichte Gebäck herum und erzählte von anderen Bahnhöfen, von verlorenen und wiedergefundenen Dingen, von Zeiten, in denen alles möglich schien. In seinem Haus am Rand der großen Stadt war es heimelig, und als Margarete aus dem Fenster blickte, sah sie ein kleines Rotkehlchen auf dem Fenstersims halb erfroren und doch lebendig, den Kopf schief, als hörte es ihrer Freude zu. Sie lächelte.
Weißt du, Karl, sagte sie leise und sah ihm fest in die Augen, es ist richtig so. Es wird immer wieder Winter geben, Stürme und Schnee aber wir holen uns das Glück trotzdem in unser Haus. Einmal, für immer.
Karl nickte, rieb verlegen mit dem Daumen über den alten Ring an ihrer Hand. Der Professor zwinkerte verschwörerisch, und für einen Augenblick hörten alle den Wind juchzen und singen, als wollte er ihnen Glück wünschen.
Später, als sie gemeinsam über das knarzende Parkett in die Nacht hinausgingen, blieben Karl und Margarete kurz stehen. Er trat vor sie, hob den Blick zum verschneiten Himmel und sagte nur: Komm, wir verpassen sonst den letzten Zug ins Glück.
Margarete lachte, so hell, dass der Professor an seiner Tür stehenblieb, nachsah und leise, ganz leise in sich hineinflüsterte: Da ist sie, die Zeit für das Glück.
Und während der Schnee neue Spuren malte, zogen Margarete und Karl Hand in Hand davon, hinein in das leise, sanfte Leuchten der Nacht, das ihnen versprach: Ab heute wird alles gut. Und zwar jeden Tag aufs Neue.




