— Ich bin doch kein kostenloses Gasthaus! — sagte die Mutter, als sie ihre Kinder an der Haustür empfing

Ich bin doch kein kostenloses Restaurant! sagt die Mutter, als sie die Kinder an der Tür empfängt.

Renate Vogelsang hatte für den Samstag endlich mal wieder eine kleine Auszeit geplant. Zum ersten Mal seit zwei Jahren.

Ihre Freundin Brigitte Schuster hatte irgendeine Bustour nach Rothenburg ob der Tauber organisiert, die Fahrkarten besorgten sie schon vor Wochen. Renate hat sich sogar extra eine neue Mütze gekauft blau, mit Bommel, die ihr laut dem Spiegel im Flur ganz ausgezeichnet steht.

Um acht Uhr früh sitzt sie mit einer Tasse Tee am Küchentisch, als es klingelt.

Renate verharrt, die Tasse in der Hand.

Bitte nicht jetzt, denkt sie still. Es klingelt nochmal.

Und dann noch einmal. Dann ertönt die vertraute Stimme:

Mama, mach auf, wir haben die Hände voll!

Vor der Tür steht Thomas, ihr Sohn, mit seiner Frau Anja, ihren zwei Kindern sieben und neun Jahre alt und vier Taschen. So als würden sie nicht nur ein paar Tage bleiben, sondern gleich überwintern.

Mama, bei uns haben sie das Wasser abgestellt, verkündet Thomas mit dem Tonfall staatswichtiger Nachrichten. Wir bleiben nur kurz, ein, zwei Tage ist das okay?

Renate blickt auf die Taschen. Dann auf die Enkel.

Kommt rein, sagt sie.

Was soll sie auch sonst sagen?

Während sich die Kinder im Flur die Jacken ausziehen und die Enkel sofort den Fernseher auf volle Lautstärke stellen, geht Renate in die Küche. Ihre Hände öffnen wie von selbst den Kühlschrank, holen Eier, Sauerrahm, Zwiebeln hervor. Ihr Kopf denkt an den Bus, der um zehn abfährt, an die blaue Bommelmütze, die jetzt ungetragener denn je am Haken hängt.

Um Viertel nach zehn ruft Brigitte Schuster an:

Renate, wo steckst du? Der Bus fährt gleich ab!

Brigitte, es geht nicht. Die Kinder sind gekommen.

Pause.

Wieder?

Wieder.

Brigitte atmet so tief durch, dass man es bis Rothenburg hören kann.

Halb elf klingelt es erneut. Diesmal ist es ihre Tochter Katharina. Siebenunddreißig, geschieden, mit Reisetasche über der Schulter und dem Gesichtsausdruck eines Menschen, der dringend Mamas Essen und Ratschläge braucht, aber nur mal kurz, wirklich.

Komm rein, sagt Renate.

Und beginnt, Frikadellen zu braten.

Es ist nicht das erste Mal. Und auch nicht das zweite. Oder das fünfte.

Renates Kinder kommen regelmäßig. Thomas taucht auf, wenn zuhause irgendwas ausgefallen ist Wasser oder Strom oder wenn es Zoff mit Anja gab und er mal kurz Abstand braucht. Katharina braucht für Ihren Besuch nie einen Grund. Sie setzt sich einfach in die S-Bahn und fährt los.

Renate weiß das. Und steht trotzdem jedes Mal wieder in der Küche.

Es gibt so einen Typ Mensch, die automatisch zur Herdplatte laufen. Renate Vogelsang ist so einer. Vierzig Jahre lang hat sie in der Schulkantine gekocht, da entwickelt man besondere Reflexe schlimmer als Pawlows Hund. Viele Leute da dann muss man kochen. Niemand da kommt schon noch jemand. Die Hände schälen Kartoffeln, noch bevor der Kopf entschieden hat, ob es wirklich sein muss.

Zum Mittag stehen drei Töpfe und eine Pfanne auf dem Herd.

Kartoffeln. Frikadellen. Eine Suppe aus dem, was zu finden war.

Die Enkelkinder haben inzwischen den Bauklotz-Kasten im Wohnzimmer ausgeschüttet. Thomas telefoniert, läuft dabei wichtig von Zimmer zu Zimmer wie ein Minister bei Kabinettspause. Seine Frau Anja liest auf dem Bett ein Buch. Katharina sitzt bei Renate am Küchentisch und erzählt mal wieder von ihrem Ex dem, von dem sie vor zwei Jahren geschieden wurde und über den sie immer noch bei jeder Gelegenheit spricht.

Stell dir vor, Mama, der hat mir gestern geschrieben. Schon wieder. Was will der eigentlich? Schreibt, dass er mich vermisst. Mama, hörst du mir überhaupt zu?

Natürlich, murmelt Renate, rührt derweil in der Suppe.

Sie hört ihr irgendwie zu.

Mama, was sagst du, soll ich antworten oder nicht?

Weiß nicht, Kathi.

Mama! Immer dieses weiß nicht. Immer wenn ich frage.

Renate antwortet nicht. Sie schöpft gerade Schaum von der Suppe. Das verlangt Konzentration.

Um drei ist Thomas mit seinen Telefonaten fertig und schaut in die Küche.

Mama, sind die Frikadellen bald fertig?

Die braten noch.

Wir haben nur Kaffee unterwegs getrunken heute, sonst nichts.

Renate nickt.

Das Mittagessen ist laut. Die Enkel wollen keine Suppe, nur Frikadellen. Aber ohne Zwiebeln. Katharina will kein Brot, Diät mal wieder. Thomas möchte Nachschlag. Anja verlässt trotz angeblicher Appetitlosigkeit für eine Frikadelle das Schlafzimmer.

Nach dem Essen macht Thomas ein Nickerchen auf dem Sofa, Katharina verschwindet zum Haarewaschen ins Bad, und die Enkel verteilen die Bausteine nun im nächsten Zimmer.

Renate spült das Geschirr und blickt aus dem Fenster. Draußen auf der Bank sitzt ihre Nachbarin Sabine Prinz, die mit ihr mittwochs zum Nordic Walking geht. Sabine genießt einfach die Sonne. Still. Ohne Frikadellen, ohne schmutziges Geschirr.

Renate seufzt, greift sich den nächsten Topf.

Erst am Abend, als die Suppe gegessen, das Geschirr gespült, der Boden in der Küche nach den Enkeln gewischt ist, und Renate sich kurz auf einen Hocker setzt, taucht Thomas wieder auf.

Er steht da, satt und entspannt, im verknitterten T-Shirt.

Mama, sind noch Frikadellen da? Ich hätt schon wieder Hunger.

Renate sieht ihren Sohn an.

Es sind noch Frikadellen da. Drei Stück, unter einem Teller. Die hat sie sich selbst zur Seite gelegt sie hat nämlich heute selbst so gut wie nichts gegessen, war ja ständig am Herd.

Aber ihr Sohn sieht sie an. Und da macht es Klick.

Renate Vogelsang schaut ihren Sohn an. Denkt an die blaue Bommelmütze, die sie extra gekauft hat und die immer noch am Haken hängt. An Rothenburg, das sie heute verpasst hat. An den Bus, der um zehn Uhr ohne sie losgefahren ist. An Brigitte, die jetzt vermutlich mit den anderen durch die Gässchen läuft oder sich Kaffee und Kuchen gönnt.

Und an die Frikadellen natürlich.

Mama? fragt Thomas. Hörst du?

Renate stellt ihre Tasse ab.

Nimmt die Schürze ab.

Faltet sie sorgfältig. Legt sie über die Stuhllehne.

Am Tisch tippt Katharina gerade auf ihrem Handy. Im Wohnzimmer dröhnt der Fernseher die Enkel schauen Zeichentrick, ein Comic-Bösewicht lacht so laut, dass die ganze Wohnung wackelt. Anja schlendert Richtung Bad, lässt dabei das Handtuch fallen und hebt es nicht auf.

Das Handtuch bleibt im Flur liegen.

Mama? Thomas tritt von einem Fuß auf den anderen. Was ist?

Und da sagt Renate Vogelsang es.

Mit ruhiger Stimme, die längst weiß, was sie sagen will, aber es immer wieder aufgeschoben hat und jetzt geht es nicht mehr.

Ich bin kein kostenloses Restaurant. Und kein Hotel.

Mit einem Mal ist es still. Sogar der Zeichentrick-Bösewicht scheint zu verstummen.

Katharina schaut auf.

Thomas macht den Mund auf.

Heute Morgen, sagt Renate, wollte ich nach Rothenburg fahren. Mit Brigitte und Vera Böhm. Die Fahrkarten haben wir schon im Februar gekauft. Ich habe eine Mütze gekauft. Blau, mit Bommel. Sie hängt an der Garderobe, schaut selbst nach, wenn ihr nicht glaubt. Der Bus ging um zehn. Um halb neun habt ihr geklingelt, Thomas, mit Familie. Um elf kam Katharina.

Keiner sagt etwas.

Ich bin nicht gefahren, sagt Renate. Ich stand in der Küche. Weil das immer so ist. Weil die Enkel Frikadellen wollen. Weil Anja etwas Leichtes braucht, wegen ihrer Diät. Weil ihr alle essen müsst.

Pause.

Aber ich habe auch ein Leben, sagt Renate Vogelsang. Darüber denkt ihr nicht nach. Ich mache euch keinen Vorwurf. Ihr seid es so gewohnt. Ich habe das selbst so gemacht. Aber heute nicht mehr.

Was nicht mehr? fragt Katharina leise.

Kochen. Hinterherräumen.

Thomas schaut seine Mutter an, als bräche gerade sein Weltbild zusammen. Sehr langsam. Mit viel Knarren, wie ein alter Schrank auf Parkett.

Mama, das ist doch nicht böse gemeint.

Ich weiß, Thomas. Das ist fast schlimmer. Wenn’s böse wäre, wäre es wenigstens bewusst. Bei euch ist es Gewohnheit. Wie der Gang zum Kühlschrank. Aufmachen etwas Leckeres ist drin. Tür zu, weiter gehts.

Im Wohnzimmer schauen die Enkel weiter fern. Irgendwann wird der Bösewicht wohl besiegt, es ist plötzlich ruhiger.

Renate nimmt ihre Tasche die, die sie morgens schon gepackt hatte. Den Mantel vom Garderobenhaken. Die blaue Bommelmütze.

Wohin gehst du? Thomas steht wie angewurzelt.

Zu Brigitte. Sie hat angerufen. Die sind zurück, sitzen bei ihr, trinken Tee, schauen Fotos an. Haben mich eingeladen.

Und Abendessen? fragt Thomas und merkt gleich am eigenen Ton, dass das wohl nicht stimmt, was er da gerade sagt.

Renate schaut ihren Sohn lange an. Mit diesem besonderen Mutterblick, bei dem Männer jenseits der Vierzig sich fühlen wie in der fünften Klasse.

Im Kühlschrank sind Eier, Nudeln, Käse, sagt sie. Brot liegt im Brotkorb. Eure Hände habt ihr ja. Der Herd ist kein Raumschiff, kriegt ihr schon hin.

Sie zieht ihren Mantel an. Knöpft zu. Setzt die Mütze auf.

Rückt den Bommel zurecht. Und geht.

In der Wohnung bleiben vier Erwachsene, zwei Kinder, eine unberührte Pfanne und drei Frikadellen unter dem Teller, die Renate sich zum Mittag aufgehoben hatte.

Das Handtuch liegt immer noch im Flur.

Thomas schaut eine Weile darauf.

Dann beugt er sich und hebt es auf.

Renate Vogelsang kommt kurz vor elf zurück.

Bei Brigitte war es schön. Pfefferminztee, Lebkuchen aus Rothenburg im Papiertütchen, Handyfotos hier das Fachwerk, dort die Stadtmauer, Vera Böhm mit Met in der Hand, tut aber so, als wäre es Apfelsaft. Renate denkt, dass sie bald auch mal mitkommen wird. Brigitte hat schon nach dem nächsten Ausflug gefragt.

Die blaue Mütze liegt auf dem Sofa. Renate hat sie heute immerhin getragen. Nicht in Rothenburg, aber immerhin irgendwohin.

Der Schlüssel dreht sich leicht im Schloss.

Der Flur ist aufgeräumt. Die Stiefel der Enkel, die am Morgen noch überall standen, stehen jetzt ordentlich an der Wand. Das Handtuch ist weg.

Renate hängt ihren Mantel auf und geht in die Küche.

Dort brennt noch Licht.

Sie bleibt in der Tür stehen.

Thomas steht am Waschbecken und schrubbt einen Topf. Sehr konzentriert, als täte er das zum ersten Mal im Leben, aber richtig. Auf dem Herd steht ein kleiner Topf Renate wird später sehen, dass sie Nudeln gekocht haben, leicht verkocht, aber immerhin. Auf dem Tisch, sauber gestapelte Teller.

Katharina sitzt ebenfalls da.

Die Enkel schlafen, so still ist es.

Thomas hört ihre Schritte, schaut auf.

Zögert einen Moment.

Mama, wir haben nie darüber nachgedacht, wie anstrengend das für dich ist, sagt er.

Renate schaut auf den Topf in seinen Händen. Auf die gestapelten Teller. Auf Katharina.

Nichts Besonderes.

Aber Renate Vogelsang, die vierzig Jahre Menschen bekocht hat und nie Dank erwartet hat, spürt plötzlich, wie ihre Augen feucht werden. Schon eigenartig, wegen eines Topfs.

Setz dich, Mama, sagt Katharina. Wir haben dir was aufgehoben.

Am Rand des Tisches steht ein Teller. Zugedeckt. Für sie.

Renate setzt sich.

Nimmt den Deckel ab. Nudeln mit Käse. Ein wenig verklebt, schon etwas abgekühlt. Der Käse ist grob gerieben, in Eile.

Sie greift zur Gabel.

Und ganz ehrlich: Es sind die besten Nudeln, die sie seit Jahren gegessen hat. Wer hätte das gedacht?

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— Ich bin doch kein kostenloses Gasthaus! — sagte die Mutter, als sie ihre Kinder an der Haustür empfing
Verschiedene Menschen Allchen wuchs nicht als einfaches Mädchen auf. Sowohl Simon als auch Marina wussten, dass sie selbst schuld waren: Sie verwöhnten ihre Tochter zu sehr. Aber wie hätte man sie auch nicht verwöhnen können? So hübsch, so zart, und sie hatten so lange um sie gekämpft. Marina konnte kaum schwanger werden. Sie konsultierten jede erdenkliche Klinik, reisten sogar nach Berlin. Doch alle Ärzte waren ratlos und konnten nichts feststellen. Und wenn alles in Ordnung ist, warum gibt es kein Kind? Ein erfahrener Arzt riet schließlich zu Naturmedizin. Also suchten sie eine Kräuterfrau, die Marina eine übel riechende Tinktur gab, die sie tropfenweise täglich einnehmen sollte. Widerwillig hielt sie sich daran – und wurde tatsächlich schwanger. Simon war so glücklich, dass die Nachbarschaft davon erfuhr. Die Schwangerschaft war extrem beschwerlich. Simon glaubte mehrfach, Marina würde das Baby verlieren. Sie litt unter starker Übelkeit, konnte weder essen noch Gerüche ertragen, ihre Beine und Hände schwollen an, sie schlief schlecht und verließ kaum das Haus. Als die Wehen begannen, war Simon erleichtert – doch die Probleme fingen erst richtig an. Nach quälenden zehn Stunden entschieden die Ärzte auf Kaiserschnitt. Das Mädchen war schwach und Marina schwebte zwei Tage lang zwischen Leben und Tod. Nach fast einem Monat im Kinderkrankenhaus durften sie endlich nach Hause. Simon hatte Marina und die kleine Tochter schmerzlich vermisst und war nun überglücklich. Jetzt würde ihr Glück beginnen! Nun waren sie eine richtige Familie. Alles war, wie Simon es sich erträumt hatte. Als Allchen fünf Jahre alt war, kam Simon eines Tages nach Hause, setzte sich zu Marina und sagte: –Wir müssen ein Haus bauen. In der Einzimmerwohnung ist kein Platz. Allchen bekommt ihre eigene Ecke. Marina war immer unterstützend, aber diesmal unsicher: Woher das Geld nehmen? Simon antwortete pragmatisch: Wenn wir es nach und nach machen, klappt es schon. Mit Geduld gelingt alles. Doch der Traum zerplatzte. Nach einem halben Jahr wurde Allchen schwer krank. Zuerst eine Erkältung, dann Komplikationen, dann immer wieder Krankenhaus – die Familie stürzte in Schulden. Aber nach langen drei Jahren wurde das Mädchen wieder gesund. Da dachte Simon nicht mehr ans Haus, sondern daran, die Schulden loszuwerden. Marina wusste, dass Simon immer noch an den Hausbau dachte, auch wenn er nichts sagte. Allchen war inzwischen selbstständig, und Marina nahm Arbeit im Werk auf, weil das Geld reichte, wenn sie beide viel arbeiteten. Erst als Allchen 14 war, konnten sie alles zurückzahlen. Doch wie das Leben – mit jedem Jahr wurden die Wünsche der Tochter größer: neues Kleid, ein Mantel wie das von Annika. Bald war Schulabschluss. Marina und Simon sparten fleißig. Sie hofften, sobald Allchen zum Studium ging, könnten sie endlich anfangen. Aber auch das kam anders. Allchen ging tatsächlich aufs Studium und zog um. Simon und Marina waren stolz. Simon konnte in zwei Jahren die Wände des Hauses hochziehen – Fenster und Türen nur aus Brettern, aber es war schon ein Haus. Zwei weitere Jahre vergingen… An einem freien Tag kamen Simon und Marina völlig erschöpft von der Baustelle nach Hause – aber glücklich, denn zwei Fenster waren endlich eingebaut. Plötzlich klingelte es. Marina öffnete – und schrie auf. Vor der Tür stand Allchen – mit großem Babybauch. Hinter ihr ein langer, junger Mann, der unruhig von Fuß zu Fuß trat. –Allchen, was ist das? Marina zeigte auf den Bauch. –Mama, was glaubst du denn? Da sind unser Baby und Ruslan. Übrigens, das ist Ruslan. Er wird jetzt bei uns leben und wir heiraten. Ruslan nickte zustimmend und kaute weiter Kaugummi. Simon kam dazu; alle gingen in die Küche, setzten sich an den gedeckten Tisch. –Allchen, warum hast du nie was gesagt? –Wozu, damit ich eure Moralpredigten höre? –Und das Studium? –Wozu? Mir geht’s auch ohne gut. Ruslan hat das Studium im ersten Jahr geschmissen, und lebt auch. Simon schaute den jungen Mann an, der weiter zustimmend kaute. –Und wo arbeitet unser Ruslan ohne Abschluss? –Papa, hör auf. Noch nirgends. Er sucht erst mal den richtigen Bereich. Wieder ein bedeutendes Kopfnicken von Ruslan. Simon wurde ungeduldig: –Wovon wollt ihr leben, wenn ihr beide nicht arbeitet und ein Kind bekommt? Allchen staunte: –Na, ich habe doch Eltern. Simon ging in die Küche – um der Tochter keine Vorwürfe zu machen. Bald kam auch Marina. Sie sahen still aus dem Fenster und gingen dann schlafen. Am nächsten Morgen sprach Simon mit Marina: –Ich finde, wir ziehen ins Haus. Wir machen eine Kammer fertig, und der Rest kommt nach und nach. Die Wohnung schenken wir den jungen als Hochzeitsgeschenk. Marina stimmte zu. Als sie es den Kindern verkündeten, waren Allchen und Ruslan begeistert. Simon und Marina nahmen nur die nötigsten Möbel mit ins Haus. Als das Umzugsauto da war, sagte Simon: –So, Tochter. Die Wohnung gehört dir. Sei eine gute Hausherrin. Sie umarmten sich und fuhren ab. Im Haus war noch kaum etwas fertig. Doch Marina klagte nicht: Arbeit, Essen kochen, Wäsche waschen am Waschzuber, Wasser schleppen von der Straße. Abends half sie Simon beim Hausbau. Stein schleppen, Zement mischen. So oft sie konnte, half sie. Allchen tauchte immer wieder auf – meist um Geld zu bitten. Die Eltern halfen, obwohl die Baustelle alles verschlang. Einmal hielt Simon es nicht mehr aus und fragte, als sie zu Besuch waren: –Arbeitet Ruslan immer noch nicht? –Papa, es gibt keine passende Arbeit. Er schuftet nicht auf dem Bau für Kleingeld. –Aber warum? Denkt Ruslan nicht daran, die Familie zu versorgen? Jetzt wollte Simon direkt von Ruslan hören. Wenn Simon laut wurde, wusste man – besser nichts sagen. Ruslan hörte auf zu kauen, schaute zu Allchen und dann zu Simons Familie: –Ich hatte nie vor, Beton zu mischen und Steine zu schleppen. –Aber was hast du gedacht? Dass das Leben einfach ist, wenn du heiratest und ein Kind bekommst? Du musst deine Familie ernähren, wir sind nicht ewig da. Beim Abschied sagte Simon zu Allchen: –Wenn dein Taugenichts nichts zu tun hat, soll er beim Haus helfen; es wird ja eh euch mal gehören. –Warum soll er euch helfen? Ihr habt das angefangen, und jetzt quält ihr alle damit! Simon sagte nichts, Marina drückte der Tochter unbemerkt Geld in die Hand. Eine Woche später fand Ruslan einen Job in irgendeinem Büro – schlechter bezahlt als am Bau, aber das war ihm wohl recht. Die Eltern waren erleichtert: besser so als gar nicht. Simon und Marina wurden oft beim Arbeiten im Hof von Anton beobachtet – einem Nachbarsjungen, etwa zehn oder elf Jahre alt. Er hätte gern geholfen, aber war zu schüchtern. Er wohnte mit seiner Oma in einem alten Häuschen verborgen hinter Apfelbäumen. Abends tranken Simon und Marina gern Tee im Hof. Körper und Seele erholten sich, das Haus wurde langsam zum Zuhause. Eines Abends rief Simon den Jungen heran, Marina kochte eine Tasse Tee und stellte Kekse bereit. Der Junge, Anton, war verlegen, nahm aber dankbar den Tee. –Wir sind jetzt also Nachbarn? –Ja, sind wir. Im Gespräch erfuhren sie, dass Anton keine Eltern hatte; sie waren früh verstorben, und die Oma war alt und oft krank. Anton half ihr, wo er konnte. Beim Abschied fragte Anton: –Darf ich euch manchmal helfen? Ich langweile mich im Sommer ohne Schule. Simon sah Marina an. –Natürlich, wir freuen uns über jede Hilfe. Das stört die Oma doch nicht? –Nein, sie ist nett. Am nächsten Tag wartete Anton schon. Er lernte schnell und Simon schickte Marina bald ins Haus: –Mit so einem pfiffigen Helfer – das geht viel schneller als mit einer Frau, die nicht mal Steine von Ziegeln unterscheiden kann! Marina ging und entdeckte die Oma auf der Bank. Prowitz, wie sie genannt wurde, war wirklich lieb: klug, verständig, herzlich. Marina fragte, ob es recht wäre, wenn Anton mithilft. Die Oma war erstaunt: –Wie könnte man dagegen sein, dass jemand hilft? Es tut Anton gut, was Gescheites zu tun. Ihr Simon ist handwerklich begabt, da lernt Anton was. –Stimmt, antwortete Marina. Sie lud die Oma auf einen Abendtee ein – Nachbarn müssen zusammenhalten. Abends tranken sie gemeinsam Tee – Männer sprachen übers Wasser, Frauen über ihre Themen. Am nächsten Tag wurde Allchen Mutter. Simon und Marina kauften im Krankenhaus Leckereien und Babyausstattung, sogar Ruslan war mit Blumen da. Zurück zuhause feierten sie traditionell mit Nachbarn. Allchen und ihre Familie bekamen Zuwachs: Die Schwester von Ruslan mit Kind wurde von ihrem Mann rausgeworfen und zog ein – das Chaos wuchs. Aber Allchen beschwerte sich nicht. Eltern entschieden: nicht einmischen. Anton wurde Teil der Familie, half immer, trug die Einkäufe, ließ Marina kaum noch etwas schleppen. Simon und Marina gingen in Rente. Anton war Halbwaise und sollte ein gutes Studium bekommen; sie wollten ihn unterstützen. Doch Anton überraschte sie: Er fand sofort einen Nebenjob und betonte, sein Stipendium und Gehalt reiche aus. Er brachte jedes Wochenende Geschenke und umarmte seine Ersatzeltern. Dann wurde Marina krank. Sie magerte ab und war ständig erschöpft. Simon überredete sie zu einer Untersuchung, und der Arzt teilte ihm mit: Krebs, weit fortgeschritten, weniger als sechs Monate zu leben. Simon informierte Allchen: –Mama ist krank. –Schade, aber was soll ich machen? –Sie hat Krebs, sie wird wohl kaum noch leben… –Okay, Papa, morgen besuche ich sie. Allchen kam ein einziges Mal ins Krankenhaus. Als Marina entlassen wurde, meinte der Arzt, bald würde sie Pflege brauchen – Simon war bereit. Er rief Allchen, als es so weit war: –Könntest du kommen, Mama braucht Hilfe beim Baden. –Oh Mann, soll ich jetzt jeden Tag hin- und herfahren? Ich gebe mir Mühe, kann aber nichts versprechen. Simon wartete vergeblich. Niemand half. Mit Mühe schaffte er es allein – Marina weinte: –Warum diese Strafe? Ich quäle dich und mich. Ich möchte nur schneller gehen. Simon versuchte sie zu trösten. Ein Monat später starb Marina. Anton weinte offen – er war 22 und hatte gerade sein Studium abgeschlossen. Simon hatte bis zuletzt nichts gesagt, aber Anton kam oft und merkte es irgendwann. Anton zog in die Stadt, mietete eine Wohnung, fand einen guten Job. Simon wusste, sein Chef schätzte ihn. Simon und Anton und natürlich Marina hatten viel Zeit und Kraft ins Haus investiert; es war richtig schön. Anton besuchte ihn oft, brachte Tee und Gesellschaft. Simon wollte Anton gern zu sich holen – aber Anton bestand darauf: Ich schaffe das allein. Allchen besuchte selten, meistens um Geld oder etwas anderes zu holen. Immer dachte sie daran, wie schön es sein würde, hier zu wohnen – aber bislang war das nicht möglich, weil ihr Mann mit Simons Vater nicht klarkam, und so lebten sie auf engstem Raum. Simon wurde älter, und der Tod seiner Frau setzte ihm sehr zu – das Herz bereitete ihm zunehmend Probleme. Medikamente nahm er nach dem Rat der Nachbarin. Anton schimpfte: –Du musst dich untersuchen lassen! Simon winkte ab: –Ist halt das Alter. Eines Abends bekam er starke Schmerzen in der Brust. Er nahm Medikamente, aber es wurde nicht besser. Er rief Allchen: –Tochter, mein Herz macht nicht mehr mit… –Papa, nimm Valium oder ruf einen Krankenwagen. Ich habe heute keine Zeit quer durch die Stadt zu fahren. Allchen legte auf. Simon war schlecht, also rief er Anton. Anton kam sofort – mit seiner Freundin Alina, einer Sanitäterin. Sie schickte Simon ins Krankenhaus, Anton und Alina kamen täglich vorbei. Simon meinte: –Deine Freundin ist eine wunderbare Frau, du solltest sie heiraten. Anton wollte erst sparen, für eine eigene Wohnung. Nach der Entlassung holten Anton und Alina Simon wieder ab – Allchen hatte keine Zeit, riet ihm, ein Taxi zu nehmen. Alina kochte gleich für zwei Tage vor. Am nächsten Tag kam Allchen, inspizierte das Haus. Schließlich hielt Simon es nicht mehr aus: –Tochter, sogar im Krankenhaus bist du nicht erschienen… –Papa, da kümmern sich genug Ärzte um dich. –Natürlich. Du bist meine Tochter… –Schluss jetzt mit dem Gejammer! –Schrei mich nicht an! Als Mama krank war, bist du nicht gekommen, jetzt auch nicht – bist du überhaupt unsere Tochter? Das brachte Allchen zur Weißglut: –Dieses Gejammer! Wann stirbst du endlich? Du wohnst allein in so einem Haus und wir hocken aufeinander – wie unverschämt! Du bist doch schon ein Krüppel, und lässt deine Tochter nicht leben. –Jetzt verstehe ich: du willst das Haus, nicht den Papa. Du hättest ja helfen können, dein Mann lag wochenlang auf dem Sofa, und wir schufteten. Allchen stürmte hinaus und knallte die Tür. Simon wusste, er muss entscheiden – er bat Antons Hilfe, einen Notar zu organisieren. Anton sagte, der Notar hätte Zeit um drei. Der Notar wunderte sich, aber erledigte seine Arbeit – und Simon schrieb anschließend einen Brief: Anton, falls du diesen Brief liest, bin ich nicht mehr da. Ich umarme Marina. Anton, Alina ist eine tolle Frau, ich liebe dich wie einen Sohn. Der Haus ist dein Hochzeitsgeschenk – du hast ihn verdient. Marina und ich haben so entschieden. Es wurde immer schwieriger zu atmen, zweimal hatte Simon das Gefühl, Marina im Zimmer zu sehen. Als Anton und Alina am nächsten Tag kamen, fanden sie Simon leblos auf dem Sofa mit dem Foto in den Händen. Antons Tränen flossen – er war zu Simon wie zu einem Vater gewesen. Später, als Allchen mit ihrem Mann kam, fand Anton den Brief. Er zeigte ihn auch Alina, die Allchen darauf aufmerksam machte. Allchen las, wurde rot und schrie: –Der alte Trottel! In seinem Alter ist er verrückt geworden! Er hätte früher sterben sollen, als er noch klar denken konnte! Das werden wir noch sehen! Allchen raste aus dem Haus und ihr Hass gegen alle war deutlich spürbar…