Unterschiedliche Menschen
Liebes Tagebuch,
Heute denke ich viel an früher zurück an den Anfang unserer kleinen Familie. Meine Tochter Josefa war nie ein einfaches Kind. Und ich muss gestehen: Karl und ich haben sie wohl zu sehr verwöhnt. Aber wie hätte man anders handeln können? Sie war so hübsch, so zart und wir hatten so lange um sie gekämpft. Nach Jahren der Hoffnungslosigkeit, Arztbesuchen in Berlin und München, hat uns letztlich ein Tipp zur Kräuterfrau in einem kleinen Dorf bei Gera geführt. Die Tinktur roch abscheulich, aber ich nahm sie jeden Tag. Und dann das Wunder: ich wurde schwanger. Unser Glück war kaum zu fassen; Karl rief laut über den ganzen Hof, die Nachbarn hörten es sicher.
Aber die Schwangerschaft war schwer. Oft dachte ich, ich würde unser Baby nicht austragen. Übelkeit, geschwollene Hände und Füße, Gerüche, alles war zu ertragen. Ich lag meist auf dem Sofa, das Haus verließ ich kaum. Als die Wehen einsetzten, atmete Karl einmal durch doch dann erst begann der Kampf. Über zwölf Stunden, ein Notkaiserschnitt Josefa war winzig und schwach, ich selbst pendelte zwei Tage zwischen Leben und Tod. Doch am Ende blieben wir beide: ich und meine Tochter. Nach einem Monat in der Kinderklinik durften wir heimkehren. Karl herzte uns, voller Sehnsucht und Stolz. Es schien, als stünde unser Glück nun fest.
Karl träumte immer von einem eigenen Haus. Als Josefa fünf wurde, setzte er sich zu mir:
Marie, wir müssen bauen. Unsere Einzimmerwohnung für ein Kind geht das, aber später?
Ich wusste, er hat recht. Aber ich hatte Angst, wie sollten wir das finanzieren?
Wir machens Stück für Stück, langsam, kein Stress. Dann klappt das, sagte Karl zuversichtlich. Ich vertraute ihm so sehr ein Haus, ein sicheres Zuhause, diese Idee war unser Traum.
Doch alles kam anders. Ein halbes Jahr später wurde Josefa schwer krank. Erst eine Grippe, dann Komplikationen, Krankenhausaufenthalte, die sich zogen. Drei Jahre ging das wir kämpften, rutschten in tiefe Schulden. Aber Josefa wurde gesund. Karl stellte seine Träume nach dem Haus zurück. Fortan drehte sich alles ums Überleben, ums Zurückzahlen. Ich spürte, dass Karl trotzdem weiter plante er schwieg nur.
Josefa wurde selbstständig, ich fand eine Stelle in der Maschinenfabrik, verdiente gut. Wenn wir beide schufteten, so Karl, würden wir irgendwann den Hausbau schaffen.
Mit 14 war Josefa fast erwachsen. Schulabschluss stand bevor, Wünsche nach Kleidern und Mänteln wurden teurer. Wir sparten für ihr Abschlussfest, überlegten: Bald würde sie zum Studium fortziehen, dann könnten wir weitermachen. Doch Josefa bestand die Aufnahmeprüfung, ging nach Leipzig. Karl war stolz wie nie. Zwei Jahre später hatte er die Mauern vom Haus hochgezogen. Türen und Fenster fehlten noch, Bretter als Provisorium aber endlich war es ein Haus!
An einem Sonntag, wir waren von der Baustelle zurück, müde aber glücklich da klingelte es. Ich öffnete und da stand Josefa mit rundem Bauch. Hinter ihr ein langer, zerstreuter Junge.
Mama, nun sei nicht kindisch. Das ist der Bauch. Da drinnen wächst unser Kind. Und das ist Magnus. Wir heiraten, er wohnt ab jetzt hier.
Magnus kaute Kaugummi, nickte schweigend.
Karl kam hinzu. Wir saßen am Tisch.
Josefa, warum hast du uns nichts gesagt?
Wozu? Damit ihr Moralpredigten haltet?
Wie läufts mit dem Studium?
Läuft nicht. Magnus ist auch rausgeworfen worden, und lebt trotzdem ganz gut.
Karl sah Magnus an, der nickte, kaute weiter.
Magnus, wo arbeitest du?
Papa, bitte, nicht jetzt. Noch nirgends. Er sucht noch die richtige Branche.
Er nickte wieder. Karl platzte:
Wie wollt ihr leben? Ihr arbeitet nicht, bekommt ein Kind wie soll das gehen?
Josefa schaute mich einfach an:
Dafür hat man Eltern!
Karl ging kopfschüttelnd auf den Balkon ich folgte ihm. Wir schwiegen und fühlten uns hilflos. Nachts rollte ich die Matratze für uns auf dem Wohnzimmerboden aus.
Am Morgen besprach Karl mit mir: Wir ziehen ins Haus, renovieren ein Zimmer und überlassen Josefa und Magnus die Wohnung als Hochzeitsgeschenk. Ich überlegte nicht lange wir gaben alles Notwendige ab und zogen los.
Das Haus war leer, der Alltag hart: Wasser holte ich vom Dorfbrunnen, wusch Wäsche im Zuber, arbeitete den Tag durch und half Karl abends beim Haus. Josefa kam von Zeit zu Zeit, bat um Geld. Wir halfen, so gut wir konnten.
Magnus bemühte sich nicht, arbeitete weder auf dem Bau noch sonstwo. Ich fragte Josefa:
Er muss für die Familie sorgen!
Das ist eure Baustelle, warum soll Magnus helfen?
Nach einer Woche arbeitete Magnus endlich als Laufbursche in einem Büro. Die Bezahlung war schlechter als beim Bau, aber immerhin etwas.
Im Garten beobachtete mich oft ein Junge namens Anton. Er wohnte bei seiner Großmutter, unscheinbar hinter Apfelbäumen. Karl und ich luden ihn eines Abends ein, er blieb zum Tee, erzählte von seinen verstorbenen Eltern. Wir schlugen vor, er dürfe gern bei der Arbeit helfen. Großmutter Petronella war klug und herzlich: Lassen Sie ihn, das tut ihm gut. Er lernt was fürs Leben.
Anton wurde Karls rechter Hand. Ich bandelte mit Petronella an. Sie kam zu unserem abendlichen Tee, wir lachten und redeten viel.
Kurz darauf wurde ich Großmutter Josefa brachte ein Mädchen zur Welt. Ich fuhr ins Krankenhaus, brachte Windeln, Strampler, Kuchen. Magnus zeigte sich überraschend. Zuhause stand plötzlich eine Wiege. Magnus war etwas aktiver, wenigstens trank er weniger. Anfangs ging ich oft zu Josefa, half im Haushalt. Dann hörte ich, wie Magnus sagte:
Wozu soll sie uns ständig besuchen? Wir sind eine eigene Familie.
Es tat weh, ich erzählte Karl davon. Er schlug vor, nicht mehr zu fahren. Wir warteten, bis Josefa uns brauchte.
Anton wurde uns immer vertrauter. Karl kaufte ihm zum neuen Schuljahr ein Jackett und einen Ranzen. Petronella war so gerührt, sie weinte. Karl umarmte Anton: Du bist mein Sohn, Anton.
Jahre vergingen. Petronella wurde sehr krank. Anton war erst 14, als sie starb. Ich nahm ihn in unser Haus, sorgte für die Beisetzung, Karl kämpfte bei der Behörde: Anton sollte nicht ins Heim. Endlich wurde Karl offizieller Vormund.
Josefa hatte derweil neue Sorgen Magnus Schwester zog samt Kind ein, ihr Mann hatte sie rausgeworfen. Die kleine Wohnung wurde zum Chaos. Josefa beschwerte sich nicht, Karl und ich hielten uns raus. Anton war wie ein Sohn packte im Haushalt und Garten an.
Wir gingen in Rente, beschlossen, Anton solle unbedingt ein gutes Studium machen. Er überraschte uns: nahm eine Nebenstelle, lebte von Stipendium und seinem Lohn, kam jedes Wochenende mit Kuchen und Grüßen vorbei.
Mit 60 wurde ich krank, begann abzubauen. Krebs, erklärte der Arzt. Halbjahr blieb mir, sagte er zu Karl. Er brach zusammen, rief Josefa:
Mama ist sehr krank.
Es tut mir leid, aber helfen kann ich nicht.
Nach der Entlassung brauchte ich Pflege. Karl tat alles als es ums Waschen ging, bat er Josefa zu helfen.
Papa, jeden Tag hin und her obs klappt, kann ich nicht versprechen.
Sie kam nicht Karl musste allein zurechtkommen. Ich weinte nachts:
Warum dieses Leid? Warum quäle ich dich noch?
Ach Marie. Ohne dich hätte ich keinen Sinn mehr.
Nach einem Monat war ich gegangen. Anton weinte hemmungslos. Karl hatte ihm nie von meiner Krankheit erzählt doch Anton ahnte es, er war ja fast jede Woche da.
Anton zog später nach Jena, mietete eine Wohnung, fand eine Stelle. Karl hoffte auf seine Zukunft. Im Haus war Karl allein die Blumen, die wir gemeinsam pflegten, blühten weiter.
Anton kam oft, trank Tee, brachte Obst. Karl wollte ihn als Mitbewohner, doch Anton blieb unabhängig. Josefa hingegen schaute selten vorbei, immer mit einer Bitte nach Geld, nie wirklich aus Nähe.
Karl alterte, der Tod von Marie hatte ihn gezeichnet. Das Herz wurde schwächer. Er kaufte Tabletten, wie die Nachbarin empfahl Anton schimpfte:
Du musst in die Klinik!
Karl lachte:
Was solls, ist halt das Alter.
Eines Abends stach es heftig; er griff zur Medizin, doch nichts half. Er rief Josefa:
Tochter, mein Herz macht nicht mehr mit.
Nimm Medikamente oder ruf den Notarzt! Ich kann jetzt nicht kommen.
Die Verzweiflung ließ ihn Anton anwählen.
Anton, entschuldige bitte. Mir gehts schlecht.
Ich komme sofort.
Anton erschien mit Alena, seiner Freundin sie arbeitet als Notfallsanitäterin. Sie untersuchte Karl, riet zum Krankenhaus. Beide begleiteten ihn täglich.
Als Karl nach Hause durfte, kamen Anton und Alena, halfen, kochten und kauften ein.
Ich mache Ihnen Vorrat ruhen Sie sich aus, ich bin morgen auf Schicht.
Karl war dankbar.
Am nächsten Tag tauchte Josefa auf, schaute kritisch ins Haus.
Karl konnte nicht anders; er sprach es aus:
Du warst nicht bei mir im Krankenhaus
Papa, da kümmern sich doch Ärzte! Würde es dir besser gehen, wäre ich gekommen?
Natürlich. Du bist meine Tochter! Nur du bist mein naher Mensch.
Papa, hör auf zu jammern.
Karl wurde still. Die Wut in Josefa wuchs:
Wann stirbst du endlich? Sitz alleine in diesem riesigen Haus, während wir im engen Loch hausen. Was bringt das noch?
Du willst das Haus aber beim Bau hast du nicht geholfen, Magnus saß auf dem Sofa, wir schleppten Steine. Damals war der Gedanke fremd.
Josefa stürzte raus, knallte die Tür. Karl war kaum überrascht. Er spürte das schon länger: Es war Zeit, eine Entscheidung zu treffen. Er sprach gedanklich mit Marie sie war ihm oft im Traum erschienen.
Am Morgen rief Anton an. Karl fühlte sich erholt, freute sich auf das Frühstück.
Anton, sagte Karl, könntest du einen Notar finden, der ins Haus kommt?
Klar, aber warum?
Ich muss noch etwas regeln.
Geht klar ich melde mich.
Um drei kam der Notar. Karl erklärte: Das Haus soll Anton bekommen als Hochzeitsgeschenk, wenn er Alena heiratet.
Dann setzte er sich ans Schreiben:
Lieber Anton, wenn du das liest, bin ich wahrscheinlich schon bei Marie. Vergiss den Kummer ich wünsche dir, mit Alena viel Glück. Du bist für mich wie ein Sohn. Das Haus bekommst du von uns als Geschenk zur Hochzeit. Du verdienst es. Du warst immer für uns da, hast mit angepackt. Lehne es nicht ab Marie wollte das auch.
Karl fühlte, die Zeit ist gekommen. Er nahm das Foto, legte den Brief dazu, ruhte sich aus.
Anton und Alena kamen am nächsten Tag. Im Hof war es ruhig, das Tor offen. Im Wohnzimmer lag Karl, das Foto seiner Marie fest umschlungen. Anton fiel die Tüte mit Obst aus der Hand…
Papa Er sank auf die Knie, weinte. Alena ließ ihn gewähren sie wusste um die Verbundenheit.
Später, als Karl fortgebracht war, erschien Josefa mit Magnus. Anton fand den Brief las ihn. Alena deutete auf Josefa:
Dein Vater hat ein Schreiben hinterlassen.
Josefa las, wurde rot und schrie:
Alter Dummkopf! Alles vererbt dem Idioten! Das werde ich nicht hinnehmen!
Sie stürmte aus dem Haus, voller Hass.
Tagebuch, ich frage mich oft was macht eine Familie aus? Das Herz, die Liebe oder am Ende doch nur Geld?





