Ich bin doch kein kostenloses Restaurant! sagt die Mutter, als sie die Kinder an der Tür empfängt.
Renate Vogelsang hatte für den Samstag endlich mal wieder eine kleine Auszeit geplant. Zum ersten Mal seit zwei Jahren.
Ihre Freundin Brigitte Schuster hatte irgendeine Bustour nach Rothenburg ob der Tauber organisiert, die Fahrkarten besorgten sie schon vor Wochen. Renate hat sich sogar extra eine neue Mütze gekauft blau, mit Bommel, die ihr laut dem Spiegel im Flur ganz ausgezeichnet steht.
Um acht Uhr früh sitzt sie mit einer Tasse Tee am Küchentisch, als es klingelt.
Renate verharrt, die Tasse in der Hand.
Bitte nicht jetzt, denkt sie still. Es klingelt nochmal.
Und dann noch einmal. Dann ertönt die vertraute Stimme:
Mama, mach auf, wir haben die Hände voll!
Vor der Tür steht Thomas, ihr Sohn, mit seiner Frau Anja, ihren zwei Kindern sieben und neun Jahre alt und vier Taschen. So als würden sie nicht nur ein paar Tage bleiben, sondern gleich überwintern.
Mama, bei uns haben sie das Wasser abgestellt, verkündet Thomas mit dem Tonfall staatswichtiger Nachrichten. Wir bleiben nur kurz, ein, zwei Tage ist das okay?
Renate blickt auf die Taschen. Dann auf die Enkel.
Kommt rein, sagt sie.
Was soll sie auch sonst sagen?
Während sich die Kinder im Flur die Jacken ausziehen und die Enkel sofort den Fernseher auf volle Lautstärke stellen, geht Renate in die Küche. Ihre Hände öffnen wie von selbst den Kühlschrank, holen Eier, Sauerrahm, Zwiebeln hervor. Ihr Kopf denkt an den Bus, der um zehn abfährt, an die blaue Bommelmütze, die jetzt ungetragener denn je am Haken hängt.
Um Viertel nach zehn ruft Brigitte Schuster an:
Renate, wo steckst du? Der Bus fährt gleich ab!
Brigitte, es geht nicht. Die Kinder sind gekommen.
Pause.
Wieder?
Wieder.
Brigitte atmet so tief durch, dass man es bis Rothenburg hören kann.
Halb elf klingelt es erneut. Diesmal ist es ihre Tochter Katharina. Siebenunddreißig, geschieden, mit Reisetasche über der Schulter und dem Gesichtsausdruck eines Menschen, der dringend Mamas Essen und Ratschläge braucht, aber nur mal kurz, wirklich.
Komm rein, sagt Renate.
Und beginnt, Frikadellen zu braten.
Es ist nicht das erste Mal. Und auch nicht das zweite. Oder das fünfte.
Renates Kinder kommen regelmäßig. Thomas taucht auf, wenn zuhause irgendwas ausgefallen ist Wasser oder Strom oder wenn es Zoff mit Anja gab und er mal kurz Abstand braucht. Katharina braucht für Ihren Besuch nie einen Grund. Sie setzt sich einfach in die S-Bahn und fährt los.
Renate weiß das. Und steht trotzdem jedes Mal wieder in der Küche.
Es gibt so einen Typ Mensch, die automatisch zur Herdplatte laufen. Renate Vogelsang ist so einer. Vierzig Jahre lang hat sie in der Schulkantine gekocht, da entwickelt man besondere Reflexe schlimmer als Pawlows Hund. Viele Leute da dann muss man kochen. Niemand da kommt schon noch jemand. Die Hände schälen Kartoffeln, noch bevor der Kopf entschieden hat, ob es wirklich sein muss.
Zum Mittag stehen drei Töpfe und eine Pfanne auf dem Herd.
Kartoffeln. Frikadellen. Eine Suppe aus dem, was zu finden war.
Die Enkelkinder haben inzwischen den Bauklotz-Kasten im Wohnzimmer ausgeschüttet. Thomas telefoniert, läuft dabei wichtig von Zimmer zu Zimmer wie ein Minister bei Kabinettspause. Seine Frau Anja liest auf dem Bett ein Buch. Katharina sitzt bei Renate am Küchentisch und erzählt mal wieder von ihrem Ex dem, von dem sie vor zwei Jahren geschieden wurde und über den sie immer noch bei jeder Gelegenheit spricht.
Stell dir vor, Mama, der hat mir gestern geschrieben. Schon wieder. Was will der eigentlich? Schreibt, dass er mich vermisst. Mama, hörst du mir überhaupt zu?
Natürlich, murmelt Renate, rührt derweil in der Suppe.
Sie hört ihr irgendwie zu.
Mama, was sagst du, soll ich antworten oder nicht?
Weiß nicht, Kathi.
Mama! Immer dieses weiß nicht. Immer wenn ich frage.
Renate antwortet nicht. Sie schöpft gerade Schaum von der Suppe. Das verlangt Konzentration.
Um drei ist Thomas mit seinen Telefonaten fertig und schaut in die Küche.
Mama, sind die Frikadellen bald fertig?
Die braten noch.
Wir haben nur Kaffee unterwegs getrunken heute, sonst nichts.
Renate nickt.
Das Mittagessen ist laut. Die Enkel wollen keine Suppe, nur Frikadellen. Aber ohne Zwiebeln. Katharina will kein Brot, Diät mal wieder. Thomas möchte Nachschlag. Anja verlässt trotz angeblicher Appetitlosigkeit für eine Frikadelle das Schlafzimmer.
Nach dem Essen macht Thomas ein Nickerchen auf dem Sofa, Katharina verschwindet zum Haarewaschen ins Bad, und die Enkel verteilen die Bausteine nun im nächsten Zimmer.
Renate spült das Geschirr und blickt aus dem Fenster. Draußen auf der Bank sitzt ihre Nachbarin Sabine Prinz, die mit ihr mittwochs zum Nordic Walking geht. Sabine genießt einfach die Sonne. Still. Ohne Frikadellen, ohne schmutziges Geschirr.
Renate seufzt, greift sich den nächsten Topf.
Erst am Abend, als die Suppe gegessen, das Geschirr gespült, der Boden in der Küche nach den Enkeln gewischt ist, und Renate sich kurz auf einen Hocker setzt, taucht Thomas wieder auf.
Er steht da, satt und entspannt, im verknitterten T-Shirt.
Mama, sind noch Frikadellen da? Ich hätt schon wieder Hunger.
Renate sieht ihren Sohn an.
Es sind noch Frikadellen da. Drei Stück, unter einem Teller. Die hat sie sich selbst zur Seite gelegt sie hat nämlich heute selbst so gut wie nichts gegessen, war ja ständig am Herd.
Aber ihr Sohn sieht sie an. Und da macht es Klick.
Renate Vogelsang schaut ihren Sohn an. Denkt an die blaue Bommelmütze, die sie extra gekauft hat und die immer noch am Haken hängt. An Rothenburg, das sie heute verpasst hat. An den Bus, der um zehn Uhr ohne sie losgefahren ist. An Brigitte, die jetzt vermutlich mit den anderen durch die Gässchen läuft oder sich Kaffee und Kuchen gönnt.
Und an die Frikadellen natürlich.
Mama? fragt Thomas. Hörst du?
Renate stellt ihre Tasse ab.
Nimmt die Schürze ab.
Faltet sie sorgfältig. Legt sie über die Stuhllehne.
Am Tisch tippt Katharina gerade auf ihrem Handy. Im Wohnzimmer dröhnt der Fernseher die Enkel schauen Zeichentrick, ein Comic-Bösewicht lacht so laut, dass die ganze Wohnung wackelt. Anja schlendert Richtung Bad, lässt dabei das Handtuch fallen und hebt es nicht auf.
Das Handtuch bleibt im Flur liegen.
Mama? Thomas tritt von einem Fuß auf den anderen. Was ist?
Und da sagt Renate Vogelsang es.
Mit ruhiger Stimme, die längst weiß, was sie sagen will, aber es immer wieder aufgeschoben hat und jetzt geht es nicht mehr.
Ich bin kein kostenloses Restaurant. Und kein Hotel.
Mit einem Mal ist es still. Sogar der Zeichentrick-Bösewicht scheint zu verstummen.
Katharina schaut auf.
Thomas macht den Mund auf.
Heute Morgen, sagt Renate, wollte ich nach Rothenburg fahren. Mit Brigitte und Vera Böhm. Die Fahrkarten haben wir schon im Februar gekauft. Ich habe eine Mütze gekauft. Blau, mit Bommel. Sie hängt an der Garderobe, schaut selbst nach, wenn ihr nicht glaubt. Der Bus ging um zehn. Um halb neun habt ihr geklingelt, Thomas, mit Familie. Um elf kam Katharina.
Keiner sagt etwas.
Ich bin nicht gefahren, sagt Renate. Ich stand in der Küche. Weil das immer so ist. Weil die Enkel Frikadellen wollen. Weil Anja etwas Leichtes braucht, wegen ihrer Diät. Weil ihr alle essen müsst.
Pause.
Aber ich habe auch ein Leben, sagt Renate Vogelsang. Darüber denkt ihr nicht nach. Ich mache euch keinen Vorwurf. Ihr seid es so gewohnt. Ich habe das selbst so gemacht. Aber heute nicht mehr.
Was nicht mehr? fragt Katharina leise.
Kochen. Hinterherräumen.
Thomas schaut seine Mutter an, als bräche gerade sein Weltbild zusammen. Sehr langsam. Mit viel Knarren, wie ein alter Schrank auf Parkett.
Mama, das ist doch nicht böse gemeint.
Ich weiß, Thomas. Das ist fast schlimmer. Wenn’s böse wäre, wäre es wenigstens bewusst. Bei euch ist es Gewohnheit. Wie der Gang zum Kühlschrank. Aufmachen etwas Leckeres ist drin. Tür zu, weiter gehts.
Im Wohnzimmer schauen die Enkel weiter fern. Irgendwann wird der Bösewicht wohl besiegt, es ist plötzlich ruhiger.
Renate nimmt ihre Tasche die, die sie morgens schon gepackt hatte. Den Mantel vom Garderobenhaken. Die blaue Bommelmütze.
Wohin gehst du? Thomas steht wie angewurzelt.
Zu Brigitte. Sie hat angerufen. Die sind zurück, sitzen bei ihr, trinken Tee, schauen Fotos an. Haben mich eingeladen.
Und Abendessen? fragt Thomas und merkt gleich am eigenen Ton, dass das wohl nicht stimmt, was er da gerade sagt.
Renate schaut ihren Sohn lange an. Mit diesem besonderen Mutterblick, bei dem Männer jenseits der Vierzig sich fühlen wie in der fünften Klasse.
Im Kühlschrank sind Eier, Nudeln, Käse, sagt sie. Brot liegt im Brotkorb. Eure Hände habt ihr ja. Der Herd ist kein Raumschiff, kriegt ihr schon hin.
Sie zieht ihren Mantel an. Knöpft zu. Setzt die Mütze auf.
Rückt den Bommel zurecht. Und geht.
In der Wohnung bleiben vier Erwachsene, zwei Kinder, eine unberührte Pfanne und drei Frikadellen unter dem Teller, die Renate sich zum Mittag aufgehoben hatte.
Das Handtuch liegt immer noch im Flur.
Thomas schaut eine Weile darauf.
Dann beugt er sich und hebt es auf.
Renate Vogelsang kommt kurz vor elf zurück.
Bei Brigitte war es schön. Pfefferminztee, Lebkuchen aus Rothenburg im Papiertütchen, Handyfotos hier das Fachwerk, dort die Stadtmauer, Vera Böhm mit Met in der Hand, tut aber so, als wäre es Apfelsaft. Renate denkt, dass sie bald auch mal mitkommen wird. Brigitte hat schon nach dem nächsten Ausflug gefragt.
Die blaue Mütze liegt auf dem Sofa. Renate hat sie heute immerhin getragen. Nicht in Rothenburg, aber immerhin irgendwohin.
Der Schlüssel dreht sich leicht im Schloss.
Der Flur ist aufgeräumt. Die Stiefel der Enkel, die am Morgen noch überall standen, stehen jetzt ordentlich an der Wand. Das Handtuch ist weg.
Renate hängt ihren Mantel auf und geht in die Küche.
Dort brennt noch Licht.
Sie bleibt in der Tür stehen.
Thomas steht am Waschbecken und schrubbt einen Topf. Sehr konzentriert, als täte er das zum ersten Mal im Leben, aber richtig. Auf dem Herd steht ein kleiner Topf Renate wird später sehen, dass sie Nudeln gekocht haben, leicht verkocht, aber immerhin. Auf dem Tisch, sauber gestapelte Teller.
Katharina sitzt ebenfalls da.
Die Enkel schlafen, so still ist es.
Thomas hört ihre Schritte, schaut auf.
Zögert einen Moment.
Mama, wir haben nie darüber nachgedacht, wie anstrengend das für dich ist, sagt er.
Renate schaut auf den Topf in seinen Händen. Auf die gestapelten Teller. Auf Katharina.
Nichts Besonderes.
Aber Renate Vogelsang, die vierzig Jahre Menschen bekocht hat und nie Dank erwartet hat, spürt plötzlich, wie ihre Augen feucht werden. Schon eigenartig, wegen eines Topfs.
Setz dich, Mama, sagt Katharina. Wir haben dir was aufgehoben.
Am Rand des Tisches steht ein Teller. Zugedeckt. Für sie.
Renate setzt sich.
Nimmt den Deckel ab. Nudeln mit Käse. Ein wenig verklebt, schon etwas abgekühlt. Der Käse ist grob gerieben, in Eile.
Sie greift zur Gabel.
Und ganz ehrlich: Es sind die besten Nudeln, die sie seit Jahren gegessen hat. Wer hätte das gedacht?





