Zwei Wochen vor der Hochzeit

Zwei Wochen vor der Hochzeit

Anne, weinst du schon wieder? Rita drückte die Tür mit der Schulter auf, weil sie beide Hände voll hatte: aus der Einkaufstüte ragten ein Bauernbrot und ein Tetrapak Frischmilch. Ich hab doch gesagt: wags ja nicht, ohne mich zu heulen.

Ich weine nicht. Anne wandte sich zum Fenster, aber ihre Stimme klang brüchig und rau, als käme sie von ganz weit weg.

Klar, und deine roten Augen sind bestimmt vom Lachen. Rita stellte die Tüte demonstrativ in die Küche, schlüpfte aus der Jacke und umarmte ihre Freundin sofort von hinten. Jetzt sag schon. Mir hat Sabine von der Arbeit geschrieben, hab fast nix kapiert.

Paul hat heute Morgen angerufen. Anne sprach, als würde sie einen fremden Text vorlesen. Er meint… die Hochzeit fällt aus. Er habe… andere Pläne.

Andere Pläne? Zwei Wochen vor der Hochzeit? Rita löste sich von ihr, trat ihr gegenüber und stemmte die Hände in die Hüften.

Er ist zu Frau Dr. Vogt gegangen. Nun drehte Anne sich doch um, und Rita sah die dunklen Ringe unter Annes tränennassen Augen, wie nach zwei durchwachten Nächten. Sie will ihm ein Auto kaufen. Und ihm eine Stelle vermitteln. Und Kontakte. Und er sagt, mit ihr hätte er eine Zukunft, und mit mir… mit mir würde er eben stehen bleiben.

Rita schwieg ein paar Sekunden, dann ließ sie sich langsam auf einen Küchenstuhl fallen.

Frau Dr. Vogt wiederholte sie leise. Deine Chefin. Die schon fünfzig ist.

Achtundvierzig.

Ach so, na dann. Rita schüttelte den Kopf. Anne, lass mich mal ehrlich sein, ohne dass du dich auf mich einlässt. Paul ist ein Depp. Ein richtiger, klassischer Depp, der gedacht hat, man könnte sich teurer verkaufen. Sei froh, dass du es jetzt weißt, nicht erst in einem Jahr, wenn du schwanger und bei seiner Mutter angemeldet wärst.

Anne schwieg. Durch das Fenster sah sie hinaus auf den grauen Oktoberhof, auf kahle Kastanienbäume, auf die Pfütze neben dem Kinderspielplatz, in der sich der schwere Himmel spiegelte. Noch gestern hatten sie und Paul Stoff für die Tischdecken ausgesucht er wollte weiß mit Gold, sie lieber schlicht. Sie stritten ein bisschen, lachten, er küsste sie auf die Schläfe. Und heute früh rief er an und hat mit wenigen Sätzen alles ausgelöscht, als hätte es nie eine Tischdecke gegeben, keinen Kuss, keine zwei Jahre Leben.

Ich muss die Wohnung kündigen sagte Anne irgendwann. Wir haben sie ja zusammen gemietet. Allein schaffe ich das nicht.

Komm zu mir, sagte Rita sofort. So lange du willst. Mein Sofa ist super.

Rita, du hast doch nur ein Zimmer.

Na und? Wir sind keine Fürsten.

Anne lächelte matt so erschöpft, dass Rita ein Stich durchs Herz ging.

Die nächsten Tage zog Anne durch das Leben, als liefe sie durch dichten Nebel. Ging morgens kalt duschen, warf irgendwas Übergezogenes über und fuhr zur Arbeit. Dort war es am schlimmsten. In so einer kleinen Firma wie “Garant-Service”, da wusste eh schon jeder Bescheid, und die Blicke waren umso mitleidiger. Frau Müller, die langjährige Kollegin, seufzte jedes Mal, als sähe sie Anne am offenen Grab. Der junge Kollege Matze sah immer betreten zur Seite.

Und Frau Dr. Vogt stolzierte in ihrem neuen ziegelroten Kostüm durchs Büro, als wäre nichts gewesen. Sie sprach nie über Privates. Einmal rief sie Anne ins Büro, sagte nüchtern, sie erwarte Professionalität, Privates bliebe Privatsache. Anne saß mit geradem Rücken der Frau gegenüber, die ihr den Verlobten ausgespannt hatte, als wäre es nichts weiter als ein ausgeliehener Löffel vom Kaffeetisch, und spürte nicht einmal Wut eher Leere. Wie in einer Wohnung nach dem Auszug.

Verstanden, Frau Dr. Vogt, sagte sie und ging.

Abends, auf Ritas Sofa, schlief Anne schlecht. Starrte die Decke an, grübelte in Endlosschleife. Wie sie Paul kennenlernte auf einem gemeinsamen Geburtstag, wie er sie zum Eislaufen einlud, obwohl er kaum auf den Kufen stehen konnte und dauernd hinfiel. Nach einem halben Jahr kam er mit Rosen und sagte, er wolle was festes. Sie dachte damals, sie hätte das Glück gefunden. Sah schon Spitzengardinen an den Fenstern ihrer gemeinsamen Zukunft.

Wie sehr sie sich getäuscht hatte.

Was sie nicht erwartet hatte: Eines Abends Anfang November, als sie nach einem langen Tag zu ihrer noch leerstehenden alten Wohnung zurückkehrte, klingelte ihr Handy. Unbekannte Nummer, mit Vorwahl aus Süddeutschland.

Hallo? sagte Anne ohne jede Lust.

Anne? Hier ist dein Opa. Wilhelm Becker. Erinnerst du dich?

Natürlich erinnerte sie sich. Opa Wilhelm wohnte in Biberach, vier Stunden entfernt. Sie hatte ihn sechs oder sieben Jahre nicht gesehen, seit Oma Elisabeth gestorben war. Danach ein paar Briefe, seltene Anrufe. Opa war immer so ein bisschen außerhalb ihres eigentlichen Lebens gewesen: ruhig, kräftig, mit rauen Händen. Mutter hatte mal gesagt, er habe sein eigenes Ding, sie hatte nie viele Details erfahren.

Opa, klar erinnere ich mich! Wo steckst du?

Am Bahnhof hier in deiner Stadt meldete er sich ruhig. Ich bin da. Wo bist du?

Anne war baff.

Du bist hier? In Ulm?

Ich bin mit dem Zug gekommen. Deine Mutter hat mir die alte Adresse gegeben. Holst du mich ab?

Sie trafen sich vorm Edeka an der Ecke. Opa stand mit kleinem Rollkoffer, im altmodisch-dunklen Mantel, mit seiner bekannten Fellmütze. Er wirkte kaum älter als früher, grauere Haare, ein paar Falten mehr, aber gerader Schritt, wacher Blick.

Bist groß geworden sagte er herzlich, als Anne ankam und drückte sie fest. So, wohin gehen wir? Gibt es einen Ort zum Reden?

Sie gingen zu Anne in die Wohnung, halb schon ausgeräumt, stellte Wasser auf, holte ein paar Butterkekse, Opa ließ sich am Küchentisch nieder und musterte alles unbeeindruckt.

Erzähl mal. Deine Mutter hat letzte Woche angerufen. Sie sagt, Katastrophe bei euch. Verlobung geplatzt, Junge weg, du ganz von der Rolle. Stimmt das?

Anne setzte sich. Ja, Opa, alles stimmt.

Erzähl genau, ich hab Zeit.

Sie erzählte. Von Paul, Frau Dr. Vogt, der Wohnung, dem täglichen Bürokrampf, den schlaflosen Nächten. Opa hörte zu, so, wie sonst niemand zuhörte geduldig, still, das Wasser kochte, niemand unterbrach. Als Anne fertig war, nickte er nur.

Du hast nichts falsch gemacht, sagte er dann einfach.

Ach Opa, wie denn nicht…

Doch. Er hat sich für Geld und Karriere entschieden, weil er so ein Mensch ist. Das ist seine Wahl, nicht deine Schuld. Du hättest noch schöner, klüger oder sonst was sein können, er hätte trotzdem einen Grund gefunden. Es lag nicht an dir.

Anne sah ihn an und plötzlich war es, als hätte endlich jemand die Wahrheit ausgesprochen. Ohne Mitleid, einfach ehrlich.

Willst du da bleiben im Job? fragte Opa.

Ich glaub nicht. Ist zu hart.

Richtige Entscheidung, sagte er leise. Und hör zu, ich bin nicht nur zum Kaffee trinken gekommen. Ich möchte mit dir reden. Erst trinken wir Tee, dann sag ichs.

Er trank seinen Tee langsam aus, blickte sie direkt an.

Ich lebe in Biberach, das weißt du. Habe dort vor zwanzig Jahren eine kleine Bäckerei gegründet Backstube, erst sechs Leute, Brot, Brötchen, Streuselkuchen. Dann Konditorei, jetzt sind es 42 Angestellte, drei Läden, Vertrag mit zwei Supermarktketten. Ich habe das alles allein aufgebaut. Aber ich bin zweiundsiebzig. Ich will noch was vom Leben haben.

Versteh ich, sagte Anne leise, ohne zu wissen warum.

Ich hab hier in Ulm eine Eigentumswohnung. Nicht riesig, aber schön, zwei Zimmer. Deine Oma und ich wollten mal herziehen, ist nie passiert. Ich will dir die Wohnung geben. Nicht endgültig, aber damit du nicht weiter auf fremden Sofas schlafen musst. Er lächelte schief. Und das zweite: die Bäckerei. Ich will dich einarbeiten. Nicht alles auf einmal Stück für Stück. Du bist Buchhalterin? Perfekt. Das andere bring ich dir bei.

Anne glotzte. Opa, das meinst du jetzt wirklich ernst?

Wann hab ich je gescherzt?

Aber ich hab noch nie eine Firma geführt, ich war immer nur Buchhalterin!

Ich hab auch mal nur Brot gebacken und keine Ahnung von Rechnungen gehabt. Geht alles. Opa stand auf, straffte sein altes Jackett. Es wird anstrengend, aber es wird deins. Das ist was anderes.

Die zwei nächsten Wochen wurden komisch. Anne reichte die Kündigung bei “Garant-Service” ein. Frau Dr. Vogt unterschrieb schweigend. Anne räumte den Schreibtisch, Frau Müller umarmte sie wortlos im Flur, Matze murmelte: Alles Gute, Anne ehrlich gemeint.

Opa blieb noch eine Woche, zeigte ihr die Ulmer Wohnung, eine ruhige Seitenstraße, dritter Stock, große Fenster, Blick auf Lindenbäume. Ein kaum benutztes Parkett, ein Hauch von Altbau. Ich mach alles schön, sagte Anne. Machst du, sagte Opa. Streichen, Gardinen dran wird was.

Warum ich, Opa? Du hast doch Söhne. Papa, Onkel Holger.

Opa schaute schweigend aus dem Fenster. Ja, Söhne habe ich. Aber dein Vater wohnt in München, hat seinen Weg. Holger ist ein Netter, ist aber kein Geschäftsmann, sagt er auch selbst. Aber du, Anne, ich sehe es in den Augen: Du bist fleißig und willst du brauchst nur den Platz dafür. Ich geb dir den Platz.

Ende November fuhr Anne nach Biberach, als der erste Frost kam. Opa holte sie mit dem alten VW-Bus ab, fuhr sicher und gelassen. Die Bäckerei war ein unscheinbarer Flachbau am Stadtrand aber drinnen warm und voller Hefe-Kardamom-Gebäck-Duft.

Das ist mein Leben, sagte Opa leise. Schaus dir an.

Der erste Monat war Anne stille Beobachterin. Opa zeigte ihr alles: Lieferanten, Abrechnung, Verträge, Mitarbeitereinweisung. Sie machte sich Notizen, fragte abends nach. Die Angestellten waren anfangs skeptisch. Bäckermeisterin Gerda, seit zwanzig Jahren dabei, war erst reserviert, schwieg tagelang. Aber als Anne um sechs schon vor Opa in der Backstube stand, Sack Mehl schleppte und nicht zurückzuckte, taute selbst Gerda auf.

Du bist echt, sagte sie eines Morgens. Das ist gut.

Der Nebel in Annes Kopf lichtete sich allmählich. Der Schmerz war nicht weg, aber tief nach innen verdrängt, machte Platz für Anderes: neue Verträge, Verpackungsideen, Weihnachtsvorbestellungen.

Für Trockenfrüchte-Lieferungen fuhr sie im Dezember zum Großhändler. Markus Johannsen, ein etwas breitschultriger Mann Mitte 30 mit kurzem Bart, ließ sie in sein kleines Büro, das nach Nüssen und getrockneten Preiselbeeren roch, hörte zu, stellte klare Fragen und bot gleich bessere Konditionen an als der alte Lieferant.

Moment sagte Anne und blätterte in ihrem Notizbuch Sie machens billiger?

Klar. Sie nehmen regelmäßig ab, da lohnt es sich.

Und Opa hat nie versucht, nachzuverhandeln?

Markus grinste. Ihr Opa ist top, aber Handeln ist nicht sein Ding. Sagt, Zeit wäre zu wertvoll.

Hat er recht, gab Anne zu. Aber ein bisschen sparen schadet nie.

Sie reichten sich die Hand, Anne wollte schon gehen, da fragte er noch: Bleiben Sie länger in Biberach?

Weiß ich noch nicht, antwortete sie ehrlich. Ich lerne noch. Vielleicht für immer.

Ist gut, sagte er ruhig. Die Stadt ist klein, aber hat Herz.

Sie trafen sich regelmäßig geschäftlich, dann kam Markus selbst in die Bäckerei, prüfte die Lagerung und trank mit Gerda Tee. Später ertappte sich Anne dabei, dass sie seinen Besuch schon erwartete nicht geschäftlich. Dann gingen sie eines Abends spazieren an der Riß entlang; es war einfach und irgendwie richtig.

Markus erzählte von seiner Frau, ohne Drama. Krebs, vor drei Jahren. Damals war Sohn Linus fünf, jetzt acht. Wohnt mit dem Vater, Oma hilft manchmal.

Frierts dich? fragte er an der Brücke.

Nein, zog Anne den Kragen hoch. Markus, hattest du Angst? Nach allem?

Er dachte nach. Klar. Lange sogar. Dann irgendwann nicht mehr. Nicht, weil ich vergessen habe sondern weil das Leben weitergeht, ob man will oder nicht. Lieber mitgehen.

Anne schaute aufs dunkle Wasser und dachte: Dieser Mensch hat schon etwas verstanden, wofür sie noch wachsen musste. Es tat nicht weh es war ruhig.

Opa fuhr im Februar zurück, als er merkte, dass Anne auf den eigenen Füßen stand. Beim Tee am Abend:

Hast du Angst? fragte er.

Nein, und sie staunte selbst, aber es stimmte.

Sehr gut. Er legte seine große, raue Hand auf ihre. Meld dich. Und mit dem Heiraten lass dir Zeit, aber halt nicht zu lang. Wenn du vertrauen kannst, leg los.

Opa, lachte sie.

Was denn. Ich hab in deinem Alter schon drei Kühe gehalten und ein Kind aufgezogen, sagte er ohne Miene, aber die Augen lachten.

Im Frühling fuhren sie mit Markus und Linus am Sonntag auf den Wochenmarkt. Linus war ernst wie sein Vater, aber als Anne ihm ein Tütchen Sonnenblumenkerne kaufte, blickte er sie an: Danke, Anne. Und: Komm mal wieder zu uns.

Markus hörte es, sagte nichts, nahm Annes Hand.

Sie heirateten im Juni, ohne viel Tamtam. Zeugen waren Rita, die extra kam, und Markus Cousin. Gerda buk so viel, dass der Tisch platzte. Opa brachte eine gute Flasche Wein mit, für den richtigen Moment, sagte er.

Richtiger Moment mehr gibts nicht zu sagen.

Das Leben lief anders weiter. Nicht wie Anne es sich auf Ritas Sofa im Oktober erträumt hatte besser. Die Wirklichkeit ist selten wie im Kopf, und das ist oft das Beste daran.

Die Bäckerei wuchs; nach einem Jahr eröffneten sie den vierten Laden, nahmen zwei Bäcker dazu. Wieder ein Jahr später schlug Markus vor, ein zusätzliches Lager zu bauen und Halbfertigprodukte für Restaurants anzubieten. Sie diskutierten oft am Esstisch, nachdem Linus im Bett war. Am Ende wagten sie’s und es gelang.

Anne arbeitete viel, aber nicht mehr bis zum Zusammenbruch, sondern mit Sinn. Morgens ging sie als Erste in die Bäckerei, checkte die Nachtschicht, trank Kaffee mit Gerda, die mehr und mehr zur Vertrauten wurde. Abends zu Hause hörte sie Linus und Markus über den Tag reden und es war so schlicht und schön, dass Anne manchmal an der Tür stehen blieb, einfach zum Zuhören.

Dann kam Tochter Mia. Später Sohn Tom, von Anfang an so selbstbewusst, dass Gerda meinte: Der wird mal dein Chef, pass auf.

Sie bauten ihr Haus draußen vor der Stadt, langsam, durchdacht. Markus kontrollierte jeden Bauabschnitt, Anne plante Küche und Böden, damits praktisch und gemütlich wurde. Im Mai ihres Einzugs machten sie ein großes Fest. Opa blieb zwei Wochen, las morgens die Zeitung auf der Veranda, trank Tee. Mia kletterte ihm auf den Schoß, Tom schleppte ihm Frösche an. Linus, inzwischen vierzehn, fragte ihn aus über das Bäckerhandwerk Opa erklärte alles, als wäre er ein Kollege.

Das war sechs Jahre nach jenem Oktobernebel mit Ritas Schlafsofa.

An Paul dachte Anne fast nie mehr. Nicht aus Absicht er war einfach Vergangenheit, die nicht mehr schmerzte, wie eine alte Narbe, die man nur noch selten spürt.

Eines Tages im September, sie verließ gerade mit zwei Tüten den Rewe, stand er vor der Tür Paul.

Sie erkannte ihn sofort, obwohl er sich verändert hatte: schütteres, mattes Haar, tiefe Augenringe, billige Jacke, zu weit. Er wirkte zehn Jahre älter.

Anne, sagte er.

Sie blieb stehen. Es rührte sich nichts in ihr, kein Stechen, kein Bedauern. Da steht bloß einer aus der Vergangenheit.

Hallo, Paul.

Du siehst gut aus, murmelte er. Es klang, als sei es ihm unangenehm für ihn, nicht für sie.

Danke. Und du?

Ach, er zuckte die Schultern. Ganz ehrlich: nicht so toll. Hab gehört, du bist jetzt in Biberach? Machst das Geschäft?

Ja, antwortete sie neutral.

Respekt. Er schwieg. Anne, ich weiß, es ist komisch zu fragen, aber… könntest du mir vielleicht was leihen? Nur bis zum nächsten Gehalt, ist nicht viel. Ich zahls zurück.

Kein Zorn, keine Mitleid. Einfach Ruhe. Anne antwortete:

Nein, Paul. Das kann ich nicht.

Anne, bitte…

Lass mich ausreden. Ich bin dir nicht böse. Echt nicht. Das ist lange vorbei. Aber mein Leben gehört jetzt anderen Menschen. Meinem Mann, den Kindern, dem Betrieb, Opa. Ich kann nichts davon abzweigen, das wäre nicht fair ihnen gegenüber.

Er sah sie an überrascht, wie, als hätte er mit allem gerechnet, bloß nicht mit Ehrlichkeit ohne Drama.

Schon gut, sagte er leise. Ich verstehs.

Machs gut, Paul, sagte Anne. Ich meine es ernst.

Sie sortierte die Tüten, ging zum Auto, schaute sich nicht um nicht als Zeichen, sondern weil es nichts mehr zu sehen gab.

Heimweg: zwanzig Minuten. Draußen war jetzt richtiger September goldene Blätter im letzten Licht, als wolle der Herbst noch einmal alles zeigen. Anne dachte daran, Markus zu bitten, noch Holz für den Kamin zu holen, daran, dass Tom am Wochenende die Bäckerei sehen wollte, und dass Opa über Rückenschmerzen klagte Salbe besorgen nicht vergessen.

Zu Hause fuhr Tom mit dem Fahrrad um die Ecke: Mama ist da! Papa, Mama ist da!

Markus kam auf die Terrasse, trocknete sich die Hände am Küchentuch. Im Haus roch es nach Angebratenem. Mia hing im Fenster.

Mamaaa, hast du Milch geholt?

Klar, sagte Anne.

Opa Wilhelm saß in seinem Lieblingsstuhl, Zeitung auf den Knien.

Warum warst du so lange weg?

Ach, sagte sie und ließ sich auf die Stufen fallen. Hab einen alten Bekannten getroffen.

Markus nahm ihr die Tüten ab, schaute fragend.

Wen?

Paul.

Er schwieg einen Moment.

Und?

Nichts, sagte Anne, ging in die Küche.

Opa legte die Zeitung weg, kam hinterher. Sie setzten sich zum Tee, Mia auf dem Fensterbrett, Tom neben Opa, erzählte enthusiastisch von einem Frosch, den er gefunden hatte.

Ruhig, du stoppte Opa grinsend. Lass mal Mama reden.

Anne schenkte Tee ein, umklammerte die Tasse, spürte die Wärme. Draußen zog Apfelduft ins Haus, auf dem Blech lagen noch Piroggen, die Markus nach Gerdas Rezept gebacken hatte.

Paul sieht schlecht aus sagte Anne. Wollte Geld.

Hast du ihm was gegeben? fragte Opa.

Nein.

Opa nickte, griff nach einer Pirogge.

Markus setzte sich dazu, Hände auf den Tisch.

Und du?

Mir gehts gut, sagte Anne nach ein paar Sekunden. Weißt du, ich dachte, es wäre schlimm. Oder traurig. War es aber nicht. Es war einfach … vorbei. Gar nicht mehr meins.

Ist es ja auch nicht mehr, sagte Markus. Das ist lange schon eine andere Geschichte.

Ja, sagte sie.

Opa nahm noch eine Pirogge.

Ich sag dir was, Anne. Ich hab selbst mal alles verloren die erste Backstube abgebrannt, keinen Cent mehr, alle abgehauen. Da hab ich was verstanden.

Was denn? fragte Tom mit vollem Mund.

Erst runterschlucken, dann zuhören! rügte Opa streng. Tom schluckte. Opa: Das Leben macht nicht, was man verdient. Es macht mit dir, was du zulässt. Wenn du wieder aufstehst, gehts weiter. Wenn du liegenbleibst, geht’s ohne dich weiter.

Und du bist aufgestanden? fragte Anne leise.

Ja. Und du auch. Darum sitzen wir heute hier.

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Homy
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