Es reicht, ich bin weg! Wie lange soll ich das noch ertragen!

Mir reichts, ich bin raus! Wie lange soll das noch so weitergehen?!

Mir reichts, ich bin raus! Wie lange soll das noch so weitergehen? Das Kind, ihre endlose Müdigkeit, immer dieses Hilf mir, hilf mir aber ich will raus, einfach wie früher spazieren gehen! Ich will Sex! Ich arbeite schließlich! Ich will abends zu meiner geliebten Frau, zu einer Frau kommen Jetzt bleibe ich erst mal bei einem Freund, später finde ich vielleicht eine jüngere Ach Andreas rauchte nervös am Steuer, während er dachte, heute sei wirklich der letzte Tag seiner Ehe mit Maria gewesen.

Ihre Geschichte war so alt wie die Welt. Sie hatten sich kennengelernt, verliebten sich Hals über Kopf, alles voller Leidenschaft, schützten sich nicht, und einige Monate später zeigte sie zwei Streifen.

Natürlich, bekommst das Kind, das schaffen wir schon, sagte Andreas damals noch voller Zuversicht und alle Mutter, Großvater nickten verständnisvoll, Wir helfen dir, Hauptsache, du bekommst das Kind Dann Hochzeit, Geburt, Tränen vor Glück ein Sohn! Und das wars. Das unkomplizierte, glückliche Leben war beendet, Maria wurde zur Glucke, ständig müde, ungepflegt, das ewige Geschrei des Babys, auch nachts, ihr ständiges Hilf mir, hilf mir… Wo war bloß seine Maria geblieben? Die Familie zog sich schnell zurück, am Ende blieben sie alleine mit ihrem Elternsein

Ich bin nicht bereit! Andreas hatte es heute seiner Frau ins Gesicht gesagt und die Tür vor der weinenden Maria mit dem weinenden Baby zugeschlagen.

Quietschende Bremsen Plötzlich tauchte vor dem Wagen eine gebeugte dunkle Gestalt auf.

Willst du etwa sterben?! Andreas sprang aus dem Auto und rannte zu dem Mann.

Der Mann im Mantel richtete sich auf und sah Andreas mit traurigen alten Augen an, flüsterte nur: Ja.

Andreas war überrascht von der Antwort: Vater, brauchst du Hilfe? Kann ich irgendetwas tun?

Ich will nicht mehr leben.

Aber was soll das, komm, ich bring dich nach Hause. Erzähl mir, vielleicht kann ich dir helfen? Andreas nahm den alten Herrn vorsichtig an die Hand und führte ihn zum Wagen.

Na dann, erzähl mal, Opa. Andreas zündete sich eine weitere Zigarette an.

Das dauert lange.

Ich habe Zeit.

Der Alte blickte Andreas genau an, dann wanderte sein Blick zu einem Familienfoto, das an der Sonnenblende hing.

Vor fünfzig Jahren traf ich ein Mädchen, verliebte mich sofort. Alles ging schnell, schon Familie, Kind, ein Sohn unser Erbe Scheint das Glück, oder? Aber ich wollte, dass alles bleibt wie früher, Liebe, Leidenschaft, das frische Leben. Doch meine Frau war müde, das kleine Kind, der Alltag, die Arbeit ich hab ihr alles aufgeladen, nie geholfen Auf der Arbeit lernte ich eine andere Frau kennen, es begann etwas Meine Frau fands raus, Scheidung, alles vorbei. Mit ihr wurde nichts, ich war nicht mal traurig, lebte zügellos weiter. Maria heiratete neu, wurde schöner, der Sohn sagte zum Stiefvater Papa und mir war alles egal.

Und Sie? Andreas zündete nervös die nächste Zigarette an.

Ich? Irgendwann war alles vorbei keine Familie, keine Frau, keine Kinder. Heute wurde mein Sohn fünfzig, ich wollte ihn gratulieren, doch er ließ mich nicht mal rein Der Alte weinte, Hab selbst Schuld. Er sagte, ich sei kein Vater, soll weiterziehen.

Also, Vater, wo darf ich dich absetzen? Andreas trommelte mit den Fingern auf das Lenkrad.

Ich wohne hier, gleich da vorne Fahr ruhig weiter, mach dir keine Sorgen um mich. Der Alte stieg aus, schlurfte zum Neunparteienhaus in der Nähe. Andreas beobachtete, wie der Mann ins Treppenhaus ging, blieb noch einen Moment, dann drehte er den Wagen um. Im Supermarkt kaufte er einen Blumenstrauß.

Verzeih mir, verzeih Andreas kniete, als er zu Hause ankam, vor der weinenden Maria. Du darfst dich jetzt ausruhen, meine Liebe.

Andreas nahm den Sohn aus Marias Armen, ging ins Wohnzimmer und wiegte den Kleinen, während er mit rauer Stimme sang: Die müden kleinen Puppen

Der überraschte Sohn schlief schnell ein, seine kleine Hand lag vertrauensvoll auf dem wild schlagenden Herzen seines Papas. Andreas sah den Jungen liebevoll an: Ich will sehen, wie mein Sohn aufwächst. Ich will Papa hören.

Und wieder hast du einen Ertrinkenden gerettet? mit einem verschmitzten Lächeln begrüßte die ältere Frau ihren Mann an der Tür. Er lächelte, hängte seinen Mantel an den Haken.

Ja, und wieder musste einer die alten Wahrheiten hören.

Wie fühlst du, wem Hilfe nötig ist?

Ich brauchte selbst so dringend Hilfe, als ich jünger war

Komm, wir essen, Retter. Übrigens, vergiss morgen nicht den Geburtstag unseres Sohnes. Kein Ertrinkender morgen Abend! Die alte Dame blickte ihren Mann liebevoll an.

Natürlich nicht, fünfzig Jahre, unser Sohn, unsere Liebe wie könnte ich das vergessen? Er umarmte seine Frau und ging mit ihr lachend in die Küche.

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Homy
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Es reicht, ich bin weg! Wie lange soll ich das noch ertragen!
Der überzählige Stuhl Die Kiste mit Weihnachtsdekoration stand schon den dritten Tag auf dem Tisch. Nadja ging wieder daran vorbei, strich mit der Hand über den Deckel und steuerte zum Wasserkocher. Sie drehte das Gas auf, lehnte sich an die Spüle und ertappte sich dabei, wieder den Impuls zu verspüren, die Kiste zurück in den Hängeschrank zu räumen. Früher hatten sie, sie und Viktor, die Kiste immer Anfang Dezember herausgeholt. Er meckerte, dass es zu früh sei, kletterte aber trotzdem auf den Hocker und nestelte an den staubigen Schnüren. Die Kugel in Zeitungspapier, der Weihnachtsmann mit der abgebrochenen Nase, das Lametta, das am Pulli klebte. Der Hocker stand jetzt leer an der Wand. Im Frühjahr hatte der Sohn die Kiste nach unten geholt, als er zum 40. Tag zu Besuch war. Seitdem blieb sie stehen. Der Wasserkocher blubberte, Nadja drehte das Gas ab. Sie schüttete einen Teebeutel in die Tasse und betätigte den Lichtschalter über dem Herd. Das gelbe Licht blendete und machte die Küche augenblicklich eng. Vier Stühle am Tisch — wie immer. Auf dem am Fenster hing Viktors warme Flanellhemd, immer noch seit April. Nadja wusste nicht, was sie damit machen sollte. Es in den Schrank räumen fühlte sich wie Verrat an. Den Stuhl nackt zu lassen, schien noch schlimmer. Das Handy vibrierte auf der Fensterbank. Nachricht vom Sohn: ein Foto vom Enkelkind im Kindergarten, die Kinder basteln einen Schneemann aus Watte. „Mama, wie geht’s? Wir proben gerade fürs Weihnachtsfest, ruf dich später an.“ Nadja starrte auf den Bildschirm, bis die Buchstaben verschwammen. Sie antwortete knapp, wie sie es in den letzten Monaten gelernt hatte: „Alles gut. Habe zu tun. Mach dir keine Sorgen um mich.“ Die Beschäftigung war einfach. Gestern war das Mädchen von der Hausverwaltung da, brachte die Rechnungen und irgendein Formular. Sie müsste ins Bürgerbüro gehen und den Antrag unterschreiben. Auch die Blutdrucktabletten waren aus. Die Ärztin hatte erklärt, man solle keine Pausen machen. Nadja wusste das alles, aber sich aufzuraffen und rauszugehen war schwerer, als früher die Vorhänge zum Waschen abzuhängen. Es klingelte. Sie erschrak, stellte die Tasse auf den Tisch und öffnete die Tür. Auf der Fußmatte stand die Nachbarin Rita, Wollmütze auf, ein Beutel in der Hand. — Frau Nadja, guten Tag. Ich war eben einkaufen und hab Mandarinen im Angebot gesehen. Habe ein paar mehr genommen, wollte Ihnen welche geben. Sie streckte ihr den Beutel entgegen. Der Duft war säuerlich, süß, winterlich. — Ach Rita, das wäre doch nicht nötig, — seufzte Nadja. — Ich hab selber noch welche. — Ich esse die sowieso nicht alle. Nehmen Sie ruhig. Wie geht es Ihnen so… kommen Sie zurecht? Rita blickte schnell weg, fast so, als erschrecke sie ihre eigene Frage. — Ich lebe, — sagte Nadja. — Danke dir. Willst du hereinkommen? — Nee, ich muss weiter, die Kinder sind zuhause, Hausaufgaben und so. Wenn was ist, rufen Sie mich einfach an, ja? Ich habe die Flurlampe ausgetauscht, jetzt ist es heller auf dem Weg. Damit Sie abends besser rauskommen. Nadja nickte, auch wenn sie abends kaum hinausging. Sie schloss die Tür und lehnte sich dagegen. Der Mandarinenbeutel kühlte die Hand. Zurück in der Küche stellte sie die Mandarinen zur Dekokiste, atmete tief durch, zog Viktors Stuhl heran. Sie setzte sich. Der Stuhl knarrte, der Holzrücken drückte neu gegen ihre Schulterblätter. Früher saß sie immer gegenüber, mit Blick zum Fenster. Jetzt sah sie auf die leere Wand, wo früher die Papiergirlande hing. Der Gedanke, die Girlande wieder aufzuhängen, war unangenehm, fast beschämend. Fast so, als würde sie ein Fest feiern ohne den Menschen, mit dem es Sinn gemacht hatte. Ärzte und Bekannte erzählten, man müsse weitermachen, die Zeit heile alles. Zeit zeigte bisher nur, wie viele Dinge im Haus besser unangetastet blieben. Drei Wochen bis Silvester. Der Schnee im Hof war graue Masse, verqualmt durch Kinder mit Böllern. Nadja blickte morgens hinaus, beobachtete den Hausmeister, wie er schimpfend schaufelte. Dann kochte sie Haferbrei und schaltete den Fernseher ein, damit überhaupt Stimmen durch die Wohnung zogen. Lange hielt sie das nicht aus. Die Moderatoren brüllten nach Rabatten und Wundern — irgendwann wurde ihr übel. Eine Freundin rief an. Swetlana war eine von denen, die nie vorsichtig redeten, dafür nie wegschauten. — Nadja, ich hab Karten für das Silvesterkonzert im Kulturhaus gebucht, am dreißigsten. Komm doch mit. Was willst du allein da sitzen… — Weiß nicht, Sweta. Diese Formulare, die Medikamente… — Die laufen nicht weg. Geh doch wenigstens eine Stunde raus, sieh Leute! Nadja antwortete ausweichend, Sweta versprach, in zwei Tagen „noch mal um Zustimmung zu ringen“. Nach dem Gespräch ging Nadja ins Wohnzimmer. Sie blieb am Tisch stehen, sah auf Viktors Jacke, ordentlich über den Stuhllehnen gehängt. Sie griff in die Tasche, obwohl sie wusste, dass sie leer war. Sie fühlte den Futterstoff und ein zerknülltes Bus-Ticket, das sie im Frühjahr nicht herausgenommen hatte. Abends holte sie doch die Dekokiste hervor. Sie brachte sie ins Wohnzimmer, öffnete den Deckel, roch alten Staub und Glas. Sie holte ein paar Kugeln heraus, strich über die glitzernden Rippen. Erinnerte sich, wie Viktor schimpfte, wenn die Dekoration zu dicht am Fenster hing „– damit’s draußen schön aussieht“. Das stand ihr so deutlich vor Augen, dass sie die Kiste wieder schloss. Sie schob sie mit dem Fuß an die Wand. Soll stehenbleiben. Die Tabletten waren fällig, sie wartete bis zum letzten Blister, bis morgens die Packung leer war. Sie kontrollierte noch zwei Schubladen für Medikamente — falls sich etwas fand. Nichts. Also Mantel, Mütze, Handschuhe. Neben ihrer Jacke hing Viktors Winterjacke. Sie sah beim Zumachen immer noch weg. Der Wind biss sofort in die Wangen. Kalte Luft anders als sonst, als hätte sie sich mit dem Jahr verändert. Nadja ging langsam am Haus entlang, umrundete die Schneeberge, bis zur Bushaltestelle. Zur Apotheke waren es drei Blocks. Sie ging zu Fuß. Der Bus rumpelte vorbei; bei einem Blick in die Fenster erkannte sie bekannte müde Gesichter. In der Apotheke drängten sich die Leute. Vor Silvester dachten alle an ihre Krankheiten. Es roch nach Jod und billigem Parfüm. Nadja stellte sich hinten an, die Tasche fest haltend. Rechts hustete ein Mann, links blätterte eine junge Frau im Handy. — Auch Bluthochdruck? — fragte jemand vorne. Sie blickte auf. Ein kleiner grauhaariger Mann mit grüner Jacke hielt das Rezept. — Ja, — sagte Nadja. — Ich nehme sie schon lange. — Ich fange erst an, — seufzte er. — Mein Arzt sagt, das Alter kommt. Ich frag mich immer, wie das so geht. Eben noch aufm Hof Eishockey gespielt. Sie lächelte, die Augen waren ernst. — Ach, eben noch, — sagte sie, und ihre Mundwinkel zuckten etwas. — Ich bin sechzig. Eben noch den Sohn in den Kindergarten gebracht, jetzt stehe ich jeden Monat hier an der Theke. — Da sehen Sie, wir leben, — meinte er. — Solange wir anstehen. Die Schlange rückte, das Gespräch verebbte. Als sie bezahlte, hörte sie ihn noch: — Sie sind aus unserem Hof, oder? Kenn ich das Gesicht. — Ja, zweiter Eingang. — Ich im ersten. Dann sieht man sich. Sie nickte und ging. Nach Namen fragte keiner, Fortsetzungen waren nicht nötig. Aber der Rückweg fiel ein wenig leichter. Als hätte jemand das Glas zwischen ihr und der Straße geputzt. Die Tage wurden kürzer, Schnee schmolz am Fensterbrett. Ins Bürgerbüro ging sie nicht, das Formular lag im Flur. Sweta rief noch ein paarmal an, lockte sie zum Konzert. Kurz vorher sagte Nadja, sie fühle sich nicht gut. Das war nah an der Wahrheit – die Brust heiß, der Kopf dröhnte wie bei Grippe, nur zeigte das Thermometer normal. Am Silvestertag wachte sie früh auf. Keine besonderen Pläne. Ihr Sohn rief am Vortag an, schlug vor, ein Ticket zu kaufen und sie über die Feiertage zu holen. Aber er hatte genug zu tun, und Nadja sagte ehrlich, die Reise im Winter sei zu schwer, im März käme sie lieber selbst. Ihr war wichtig, nicht zur überbehüteten Kofferware zu werden. Sie kochte Nudeln, schnitt eine halbe Wurst, öffnete eine Dose grüne Erbsen. Salat wurde winzig, in einer Müslischale. Früher war es ein riesiges Becken bis zum 3. Januar. Sie stellte die Schale in den Kühlschrank. Die Mandarinen blieben am Fleck. Leuchtend wie Spielzeug. Mittags rief die Klinik an, erinnerte an den verschobenen Termin beim Hausarzt. Sie schrieb das in den Block für Januar. Dann öffnete sie das Paket mit der neuen Tischdecke, gekauft noch vor dem Frühling, und breitete sie aus. Ihre Finger zitterten, als sie an das Platz kam, an dem immer Viktors Teller gestanden hatte – jetzt leer. Gegen Abend kamen Nachrichten auf dem Messenger. Tante aus einer anderen Stadt, Garten-Nachbarin, Cousine. Glückwunschkarten mit Tannen und Sprüchen. Nadja antwortete kurz: „Danke“, „Ihnen auch“. Einmal wurde ihr bitter, als jemand schrieb: „Das wird Ihr schönstes Jahr!“ Sie stellte den Ton ab und legte das Handy in den Flur. Aus der Nachbarwohnung klangen Lachen, Klirr von Geschirr, Bratengeruch zog in den Flur. Die Hälfte des Hauses hatte den Fernseher an, das war am Brummen zu hören. Nadja lief von Zimmer zur Küche im kleinen Kreis. Sie kontrollierte mehrmals, ob alles aus war, obwohl sie das wusste. Im Wasserkocher war lauwarmes Wasser. Der Hocker, auf dem sonst die Dekokiste stand, hielt einen zusammengerollten Verlängerungskabel. Zehn vor zwölf saß sie auf dem Sofa. Sie stellt den Fernseher ohne Ton an. Tänzer, Moderatoren, winkende Menschen. Das neue Jahr kam näher, ungefragt. Sie sah auf den Stuhl mit Viktors Hemd. Auf die leere Tasse vor sich. Sie schloss die Augen. Ein Gedanke stieg auf: Jetzt Glockenschlag, dann Feuerwerk, dann rufen alle an, gratulieren, so als sei nichts geschehen und man müsse fröhlich tun. Im Flur ging das Licht an, jemand trat auf den Treppenabsatz. Stimmen, die Fahrstuhltür klappte. Nadja stand auf. Sie tastete nach dem Mülleimer, prüfte den verknoteten Beutel. Sie zog die Hausschuhe über, warf sich die Jacke über. Eigentlich sinnlos, aber sie wollte nur aus diesem Kreis zwischen Fernseher und Stuhl raus. Sie öffnete die Tür im Moment, als die ersten Feuerwerkskörper über der Stadt explodierten. Der Lärm fuhr durchs Haus, die Scheiben zitterten. Am Treppenabsatz standen Rita, ihr Mann in Jogginghose und, zur Überraschung, der grauhaarige Mann aus der Apotheke. Sie hingen am Fenster, sahen, wie der Hof in bunten Lichtbögen erstrahlte. — Ach Frau Nadja, — wandte sich Rita um. — Frohes neues Jahr! Wollen Sie zum Müll? Kommen Sie doch zu uns, hier hat man den besten Blick. Sie war unschlüssig, den Müllbeutel in der Hand. — Eigentlich… Ich wollte nur wegwerfen. — Das können Sie später, — sagte der Mann in der grünen Jacke. — So ein Feuerwerk darf man nicht verpassen. Er trat etwas zurück und räumte ihr Platz am Fenster ein. Nadja stellte den Müllbeutel auf den Boden. Draußen krachten die Salven. Unten am Spielplatz jubelte jemand „hurra“, irgendwer pfiff. Handylampen blinkten in der Dunkelheit. — Das ist mein Bruder Sascha, — sagte Rita und deutete auf den Mann. — Er ist zu den Feiertagen da. — Guten Abend, — nickte er. — Sie war’n doch in der Apotheke, ja? — Ich erinnere mich, — sagt Nadja. Sie standen zu fünft, dicht an dicht. Es roch nach Bratengeruch aus Ritas Wohnung, Kälte vom offenen Fenster und Mandarinen aus der Schale auf der Fensterbank. Jemand spielte auf dem Handy die Glockenschläge. Rita schenkte hektisch etwas Sekt in Plastikbecher ein. — Wenigstens ein Schlückchen, — meinte sie. — Nur symbolisch. Nadja wollte ablehnen, aber die Finger nahmen den Becher. Sie trank einen kleinen Schluck. Der Sekt war süß und sehr kalt, machte die Kehle warm. — Also, — sagte Sascha. — Damit wir… leben. Wie wir eben können. Der Satz blieb unklar. Niemand fragte nach. Sie stießen an, einer sagte „Frohes neues Jahr“. Nadja wartete, ob jetzt jemand Viktor erwähnen würde, ihre schwere Zeit. Aber Rita berührte bloß kurz ihren Arm. — Kommen Sie vorbei, — sagte sie leise. — Auf einen Tee. Wir sehen uns abends gerne alte Filme an. — Danke, — nickte Nadja. Nach einer Viertelstunde war sie zurück in ihrer Wohnung. Den Müll warf sie noch weg, unterwegs. Im Flur hängte sie die Jacke auf, zog die Hausschuhe aus. Den Fernseher schaltete sie nicht an. Der Feuerwerkslärm draußen wurde leiser, als ob jemand den Lärm der Welt herunterdrehte. In der Küche holte sie den Salat aus dem Kühlschrank. Sie nahm einen Löffel, probierte. Die Erbsen knackten, der Geschmack war fast wie immer. Sie aß langsam und blickte auf den Stuhl mit dem Hemd. Schließlich stand sie auf, nahm das Hemd ab und faltete es sanft, drückte es an die Brust. Der Stoff roch nach Waschmittel. Sie brachte das Hemd ins Schlafzimmer und hängte es in den Schrank. Nicht zu den selten getragenen Sachen, sondern zwischen ihre Pullover. Zurück in der Küche nahm sie den Stuhl und schob ihn vorsichtig ans Fenster. Die Dielen quietschten. Den Stuhl stellte sie dicht an die Fensterbank. Sie saß kurz Probe, prüfte den neuen Platz. Die Aussicht war etwas anders: der Kindergarten ums Eck, beleuchtete Fremdfenster. Sie stellte sich vor, wie sie hier morgens Tee trinken und die ersten Autos beobachten würde. Der Gedanke, nun auf Viktors Platz zu sitzen, schmerzte und beruhigte zugleich. Der Stuhl war kein Denkmal der Vergangenheit mehr. Er wurde einfach zum Stuhl am Fenster. Nach den Feiertagen wurde die Stadt ruhiger. Die Läden räumten die grellsten Plakate weg, Menschen schlepp­ten keine riesigen Taschen mehr. Nadja schaffte es endlich ins Bürgerbüro, wartete geduldig, unterschrieb das Formular zur Rente. Auf dem Rückweg kaufte sie Vitamine in der Apotheke. Kaum eine Schlange. Hinter der Theke blätterte die Apothekerin im Journal. Bei den Tees stand eine Frau mit Daunenmantel, studierte die Kartons. — Entschuldigung, — wandte sie sich um, — haben Sie den mit Kamille schon probiert? Wie schmeckt der? — Normal, — sagte Nadja, — trinke ich abends. Kein Wundertee, aber man kann ihn trinken. Die Frau schmunzelte. — Heute ist alles ohne Wunder, — sagte sie. — Mein Mann ist letztes Jahr gestorben. Ich hab immer gehofft, etwas zu finden, das es leichter macht. Tut es nicht. Außer dass man morgens aufsteht und Tee kauft. Sie sprach sachlich, nicht traurig. — Bei mir auch, — flüsterte Nadja. — Im Frühling. Sie sahen sich kurz ernst an, dann nur eine Sekunde lang. — Lassen Sie sich doch den Kamillentee auch einpacken, — schlug die Frau vor. — Dann wissen wir, irgendwo trinkt noch jemand das Gleiche. — Gerne. Das Gespräch dauerte eine Minute. Keine Namen, keine Nummern, keine Versprechen. Aber draußen spürte Nadja, dass die Luft weniger scharf war. Sie dachte nicht ans Nachhausekommen und aufs Sofa, sondern daran, dass sie Brot einkaufen und Petersilie für die Suppe holen sollte. Daheim stellte sie die Einkäufe auf den Tisch, blickte automatisch auf den Stuhl am Fenster. Die Wollschal lag da, auf der Fensterbank eine frische Zeitung. Sie setzte sich, räumte die Einkäufe ein, füllte die Mandarinen nach, warf die alten weg. Das Handy piepte. Sweta schrieb: „Na, lebst du noch? Ich schau nächste Woche vorbei, ok?“ Nadja lächelte und tippte zurück: „Bin zuhause. Komm gerne. Ich backe Apfelkuchen.“ Danach schlug sie den Block auf. Bei „Januar“ schrieb sie Arzttermin ein. Darunter: „Tee bei Rita.“ Rita hatte sie gestern im Aufzug wieder eingeladen, Piroggen mitgebracht und gesagt, sie könnten einen Kriegsfilm schauen, der im Fernsehen läuft. Nadja sagte diesmal nicht nein. Die Wohnung war ruhig wie eh und je. Die Stille schreckte nicht mehr so wie damals im April, als sie zum ersten Mal ohne Viktors Schnarchen aufwachte. Jetzt hatte sie Platz für Rascheln von Zeitung, das Klopfen des Messers auf dem Brett, gedämpftes Fernsehrauschen aus Nachbarwohnungen. Sie stand auf, nahm die Zeitung von der Fensterbank, legte sie auf den Stuhl am Fenster. Sie kochte frischen Kamillentee und stellte die Tasse dazu. Sie setzte sich, zog die Hausschuhe über die Füße und blickte hinaus. Der Hof war grau, Schnee lag flach. Zwei Jungen mit bunten Mützen bauten einen krummen Schneemann, einer wollte eine Karotte anbringen und lachte, als sie abfiel. Am anderen Ende des Hofes lief eine Frau mit Hund. Nebenan schüttelte jemand einen Teppich. Nadja trank einen Schluck Tee. Er war schlicht und kräftig. Sie spürte eine müde Ruhe, aber eine, mit der man leben konnte: Aufstehen, zur Apotheke gehen, Gäste empfangen, auf Nachrichten antworten. Viktors Erinnerung blieb. Der freie Platz am Tisch auch. Aber daneben stand jetzt der Stuhl am Fenster, auf dem sie saß. Sie blätterte in der Zeitung, blieb bei den Fernsehprogrammen für den Abend hängen. Dort stand ein alter Film, den sie damals zu zweit gesehen hatten. Nadja dachte, sie könnte ihn einschalten und Rita einladen, wenn sie Zeit hätte. Und wenn nicht, würde sie ihn alleine ansehen, eingewickelt in ihren Schal. Vor ihr lag ein ganzes Jahr. Ohne Garantien, ohne besondere Freude, wie in Glückwunschkarten. Aber mit vielen Tagen, an denen man zum Arzt, zum Einkaufen, zu Besuch gehen oder selbst Gäste empfangen konnte. Und manchmal, wenn sie heimkam, brauchte sie keine Angst zu haben, das Licht anzumachen. Sie stellte die Tasse auf die Fensterbank und schob den Stuhl näher zur Heizung. Die Wärme stieg ihr in die Beine. Nadja spürte, wie irgendwo im Innern der Knoten, mit dem sie all die Monate gelebt hatte, sich etwas lockerte. Nicht verschwand, aber weniger fest wurde. Draußen warf jemand einen Schneeball gegen die Wohnungstür und rannte weg. Im Zimmer tickte leise die Uhr. Nadja strich über die glatte Holzlehne des Stuhls und dachte, dass sie morgen früh in den Hof gehen, sich einen Weg zwischen den Schneebergen suchen und in der Apotheke noch eine Packung Kamillentee holen würde. Für alle Fälle, damit sie nicht einsam blieb. Und dann würde sie hierher zurückkommen, auf diesen Stuhl am Fenster, und weiterleben — so, wie sie es jetzt kann.