Seit zwanzig Jahren lebe ich mit meiner Tochter und ihrem Mann unter einem Dach, doch inzwischen sind meine Kräfte erschöpft ich halte es einfach nicht mehr aus.
Ich bin 65 Jahre alt und Oma von sieben Enkelkindern. Viele glauben, ich könnte mich glücklich schätzen, und ich würde das vielleicht auch sagen wären da nicht der ständige Krach und die endlosen Verpflichtungen, die mit so einer großen Familie kommen. Meine Tochter Annegret scheint dabei gar nicht zu bemerken, wie viele Kinder sie eigentlich hat
Als das sechste Enkelkind zur Welt kam, setzte ich mich mit Annegret an den Küchentisch, um ernsthaft mit ihr zu reden. Niemals hätte ich gedacht, dass ich mit meiner 35-jährigen Tochter ein Gespräch über Verhütung führen müsste. Doch dann entschieden sich Annegret und ihr Mann Florian noch für ein siebtes Kind mir wurde schwindelig. In meinem Haus gibt es gerade einmal fünf Zimmer, jetzt leben dort neun Menschen auf engstem Raum.
Annegret hat einfach Glück: Mein Mann und ich haben unser ganzes Leben gearbeitet, um ein größeres Haus zu bauen und Land zu kaufen. Nun bewirtschaftet Florian dieses Land und nennt sich Landwirt. Meine Tochter hilft ihm dabei in allem, und ich stehe den ganzen Tag in der Küche, um diese Schulklasse satt zu bekommen. Die Kinder werden größer, haben immer mehr Hunger und niemand will das Essen von gestern alles muss frisch auf den Tisch.
Nach der Geburt des sechsten Enkelkindes hatte ich gehofft, dass Annegret mich versteht und ich wenigstens mal zur Ruhe komme mal keinen Lärm von weinenden Kindern und das ständige Wickeln. Aber es kam, wie es kommen musste: Alles lief wieder aus dem Ruder.
In dieser ganzen Zeit hielt ich regelmäßig Kontakt zu meinem Bruder Martin, der allein in Hamburg lebt, weil seine Tochter nach Australien ausgewandert ist.
Eines Abends bat er mich, zu ihm zu kommen er hatte gesundheitliche Probleme. Natürlich machte ich mir Sorgen, aber, ehrlich gesagt, war ich auch erleichtert: Endlich kam ich raus aus meinem Hamsterrad. Jetzt, wo es Martin wieder besser geht, weiß ich nicht, wie ich in dieses Chaos zurückkehren soll, wo wieder das Geschrei der Kinder auf mich wartet. Bei Martin habe ich wieder entdeckt, wie sehr ich das Lesen, Musikhören und Filme schauen liebe. Zum ersten Mal genieße ich mein Älterwerden, statt auf den Tag zu warten, an dem meine Enkel erwachsen sind aber wie kann ich das meiner Familie erklären?
Jetzt ruft mich Annegret ständig an, drängt darauf, dass ich zurückkomme sie wisse nicht mehr weiter ohne mich. Was soll ich nur tun? Mein Herz ist zerrissen zwischen Pflichtgefühl und dem Wunsch, mein eigenes Leben endlich leben zu dürfen.




