„Ohne mich gehst du unter! Du schaffst das nie allein!“ – Das brüllte ihr Mann, während er seine Hem…

Ohne mich bist du verloren! Du schaffst das nie allein! schrie ihr Mann, während er hektisch seine Hemden in eine große Reisetasche stopfte.

Aber sie schaffte es. Sie ging nicht zugrunde. Vielleicht hätte sie sich all die Schrecken ausgemalt, die auf sie und die beiden Kinder warteten, und ihm am Ende sogar den Seitensprung verziehen, wenn sie nur ein wenig Zeit zum Nachdenken gehabt hätte. Doch diese Zeit blieb ihr nicht. Sie musste die Zwillinge in den Kindergarten bringen und rechtzeitig zur Arbeit als Sprechstundenhilfe. Ihr Mann war erst eine halbe Stunde zuvor nach Hause gekommen, strahlte vor Selbstvertrauen dank seiner neuen Flamme.

So gab Annemarie, schon im Mantel, kurz und bündig Anweisungen:
Katja, hilf bitte Lena beim Jackeanziehen und achte im Kindergarten darauf, dass sie ihr Frühstück isst. Die Erzieherin meint, sie weigert sich öfter, den Grießbrei zu essen.
Lukas, bitte nimm gleich alles mit, was dir gehört. Zieh das Ganze nicht unnötig in die Länge. Und den Wohnungsschlüssel wirf einfach in den Briefkasten. Tschüss.

Katja war genau dreißig Minuten älter als Lena und wurde als die Große angesehen. Jetzt waren beide vier. Die Mädchen waren selbstständig, jede mit ihrem eigenen Kopf. Wenn Katja den ungeliebten Grießbrei einfach isst, weil es sein muss, wehrt sich Lena bestimmt: Da sind Klümpchen drin, das ess ich nicht.

Glücklicherweise lag der Kindergarten direkt um die Ecke. Die Töchter plapperten unterwegs und lenkten Annemarie von den Zukunftssorgen ab. Und auch bei der Arbeit blieb keine Zeit für Grübeleien Patienten saßen im Minutentakt im Wartezimmer, Notfälle mussten behandelt werden. Erst abends, als sie die leeren Bügel im Flur sah, an denen sonst die Jacken ihres Mannes hingen, begriff Annemarie: Ab jetzt ist sie allein. Aber sich hängen lassen und jammern das lag nicht in ihrem Wesen. Alles sollte laufen wie immer. Nein, besser als vorher. Man kann die Hände in den Schoß legen und trauern, oder das Beste aus der Situation machen und vielleicht sogar einen Funken Positives finden.

Beispielsweise: erst mal das Abendessen, dachte sie, während sie Gemüse für den Salat schnitt.
Was hat sich eigentlich für uns geändert? überlegte Annemarie. Der Mann ist weg. Was hat er überhaupt beigetragen? Was kommt jetzt auf meine Schultern zu? Nichts, was ich nicht schaffen könnte. Ich muss nur den Tagesablauf anpassen. Ich pack das. Alles wird gut. Nein, besser. Ich will nicht den ganzen Tag darüber grübeln, ob er jetzt wieder bei der Freundin ist. Lieber allein. Schwerer, aber friedlicher.

Nach der Gute-Nacht-Geschichte aus den Abenteuern von Max und Moritz und einem Kuss für die einschlafenden Zwillinge eilte Annemarie ins Bad, um die Waschmaschine auszuräumen und Wäsche aufzuhängen.

Vor dem Schlafengehen kochte sie sich eine Tasse Tee, um ihre Gedanken zu sortieren und den kommenden Tag zu planen. Die Mädchen waren sich zum Verwechseln ähnlich Zwillinge eben. Zwei Kinder sicher anspruchsvoller als eins, aber Annemarie nahm das nie als Last wahr. Sie war immer überrascht, wenn andere ihr mitleidig begegneten.

Uns gehts gut, pflegte sie zu antworten. Niemand kämpft hier bis zum Umfallen. Ich komm klar.

Der Wasserkessel pfiff. Sie brühte sich Tee mit Melisse auf, schaltete das gedämpfte Licht der Stehlampe ein. Draußen regnete und schneite es, doch in der Wohnung war es behaglich. Nur die Uhr tickte leise an der Wand.

Plötzlich klingelte es. Annemarie war überrascht, als sie Frau Hildegard von nebenan erblickte eine ältere Dame, zu der sie bisher kaum Sympathie empfand. Frau Hildegard, alleinstehende Rentnerin, ging jeden Morgen mit ihrem klapprigen Hund spazieren, grüßte Annemarie stets lediglich knapp die Lippen fest zusammengepresst. Den Hund, einen zotteligen Mischling, hatte Annemarie schon oft an der Mülltonne gesehen, immer leise und abwartend.

Entschuldigen Sie die Störung, begann Frau Hildegard und wickelte sich tiefer in ihren Wollschal, aber ich sah, wie Ihr Mann heute seine Sachen ins Auto geladen hat. Hat er Sie verlassen?

Das ist nicht Ihr Anliegen! erwiderte Annemarie scharf.

Ihr Mann geht mich nichts an. Ich wollte nur sagen: Wenn Sie mal Hilfe brauchen sollten ich bin hier. Mit den Kindern, oder wenn Sie Unterstützung brauchen.

Kommen Sie doch herein, sagte Annemarie schließlich, und wie heißen Sie nochmal? fragte sie, während sie Tee einschenkte und einen Teller Buttergebäck auf den Tisch stellte. Bitte, bedienen Sie sich.

Hildegard Müller. Aber alle nennen mich Hilda. Und Sie sind Annemarie, ich weiß. Also, Annemarie, sagte sie, als sie sich ein Stück Gebäck abbrach, ich dränge mich nicht auf. Sie sollen nur wissen: Wenn was ist, helfe ich gern. Nicht für Geld, das käme mir nie in den Sinn. Einfach so. Es macht mir Freude.

Hilda nahm einen vorsichtigen Schluck Tee, nickte anerkennend.
Sehr lecker. Mit Melisse? Ich habe auf meinem Schrebergarten so viele Kräuter, auch Melisse. Kommen Sie doch gern im Sommer mal vorbei. Ich habe eine Apfelbaumwiese. Herrliche Äpfel…

Annemarie betrachtete sie und fragte sich: Warum fand sie Hilda unsympathisch? Vielleicht, weil sie nie aufgesetzt freundlich war, sondern schlicht und unaufdringlich blieb? Sie fragte nicht nach dem Ehemann, bohrte nicht nach. Sie bot einfach Hilfe an, ohne Bedingungen.

Zum ersten Mal sah Annemarie ihre Nachbarin mit anderen Augen: sauber gekleidet, neue Filzpantoffeln, das Haar zu einem ordentlichen Dutt gebunden, ein Kleid mit gehäkeltem Kragen. Ein feiner Duft umgab sie.

Annemarie hörte Hildas Geschichten über den Garten, die Äpfel, die kleine Holzsauna und den See, in dem die Enten im Sommer ihr Unwesen trieben. Die Sorgen traten in den Hintergrund, und die warmen Worte erfüllten die Küche.

Fünf Jahre sind seither vergangen. Annemarie erinnert sich noch genau, wie ihr Mann ihr ins Gesicht schrie: Du schaffst das nicht!. Aber das ist Vergangenheit.

Hilda schneidet flink Äpfel, belegt damit den Teig, schiebt das Blech in den Ofen. Die Salate stehen bereit, der Braten schmort. Heute ist Hildas Geburtstag. Es ist August. Die Türen und Fenster des kleinen Gartenhauses stehen auf. Der süße Duft des Apfelkuchens durchzieht die Küche.

Was hätte ich nur ohne sie getan? denkt Annemarie und sieht zu, wie Hilda lachend am Herd steht. Ihre Töchter, inzwischen neun, schwärmen für Oma Hilda. Jeden Sommer verbringen sie hier am See, mit Freunden und mit der geliebten Nachbarin, die längst wie Familie ist.

Ich gehe noch schnell Äpfel holen für Kompott, ruft Annemarie und tritt mit dem Korb in den Garten.

Unter dem Apfelbaum, im Schatten, liegt Alva, der Labrador. Wer hätte gedacht, dass der ehemalige traurige Streuner von der Mülltonne sich in diese prächtige Hündin verwandeln würde?

Nur die Liebe nur sie macht uns stark, denkt Annemarie, streichelt Alva und gibt ihr eine Keksschnitte.

Manchmal kommt das Glück von dort, wo wir es gar nicht erwarten. Wer anderen hilft, schenkt nicht nur Trost, sondern findet selbst Geborgenheit und Neues im Leben.

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Homy
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„Ohne mich gehst du unter! Du schaffst das nie allein!“ – Das brüllte ihr Mann, während er seine Hem…
Meine Schwägerin war im Urlaub in einem Ferienort, während wir renovierten – jetzt will sie im Komfort wohnen, den wir geschaffen haben Ich habe vorgeschlagen, dass wir beide, also meine Schwägerin und ich, Geld für die Renovierung des Hauses zusammenlegen. Doch sie lehnte sofort ab: Sie brauche das nicht. Nun verlangt sie, bei uns einzuziehen, weil ihre eigene Haushälfte keine Annehmlichkeiten bietet. Also ist es ihr eigenes Verschulden! Das Haus gehörte früher der Großmutter meines Mannes. Nach ihrem Tod haben mein Mann und seine Schwester es geerbt. Es war zwar alt, aber wir entschieden uns, es zu renovieren und selbst dort einzuziehen. Das Haus hatte zwei Eingänge, sodass problemlos zwei Familien dort leben konnten, ohne sich groß in die Quere zu kommen. Hof und Garten waren gemeinschaftlich, die Zimmerzahl auf beiden Seiten gleich. Die Vererbung fand statt, als wir bereits verheiratet waren. Alles lief ruhig und harmonisch ab. Meine Schwiegermutter verzichtete sofort, denn das Landleben lag ihr nicht. Sie sagte nur zu ihren Kindern: Macht, was ihr wollt. Mein Mann und der Mann meiner Schwägerin investierten gemeinsam Geld, um das Dach zu reparieren und das Fundament zu verstärken. Wir wollten weiter renovieren, doch meine Schwägerin schimpfte. Sie wollte keinen Cent in dieses “Häuschen auf wackligen Beinen” stecken. Ihr Mann schwieg, da er sich gewöhnlich nie mit seiner Frau anlegte. Mein Mann und ich planten, zu zweit in diesem Haus zu leben. Das Dorf war nicht weit von der Stadt entfernt und wir hatten ein Auto, also war Pendeln kein Problem. Zudem hatten wir die Enge unserer Einzimmerwohnung satt und träumten schon ewig von einem eigenen Haus, das wir uns sonst nie hätten leisten können. Für meine Schwägerin war das Haus immer nur wie eine Ferienwohnung – ein Ort, um im Sommer zu grillen oder zu entspannen. Sie machte uns klar, dass wir darauf nicht bauen sollten. Nach vier Jahren hatten wir unsere Hälfte komplett renoviert. Klar, wir haben einen Kredit aufgenommen, aber das war nebensächlich. Wir bauten ein Bad, installierten eine Heizung, erneuerten Strom und Fenster und strichen die Loggia. Es war ein Kraftakt, aber wir hielten an unserem Traum fest. Meine Schwägerin war fast nur im Urlaub, kümmerte sich nicht um unseren Fortschritt oder ihre Haushälfte. Sie lebte für ihr eigenes Vergnügen. Doch als sie Mutter wurde und in Elternzeit ging, änderte sich das: Die Urlaube blieben aus, das Geld wurde knapp, und ihr fiel wieder ihre Haushälfte ein. Mit Baby daheim wollte sie mehr Freiraum – und auf dem Land hätte das Kind Platz zum Spielen. Zu dem Zeitpunkt waren wir längst eingezogen und hatten unsere Wohnung vermietet. Ihre Haushälfte hatten wir nicht angerührt, aber nach all den Jahren war sie praktisch baufällig. Ich wusste nicht, wie sie dort ohne Heizung wohnen wollte, denn sie kam schließlich mit Koffer für einen Monat. Sie bat, eine Woche bei uns zu bleiben – ich ließ sie rein. Ihr Sohn war laut, ebenso wie sie, die immer tat, was sie wollte – ohne Rücksicht auf andere. Als ich, im Homeoffice, meine Ruhe brauchte, zog ich vorübergehend zu einer Freundin. Genau da passte es ihr gut, dass jemand auf die Häuser aufpasste. Schicksal wollte, dass ich nach etwa einem Monat zurückkehrte. Nach einer Woche bei meiner Freundin und wegen der Krankheit meiner Mutter hatte ich meine Schwägerin völlig vergessen – sicher, dass sie längst weg sei. Doch Überraschung: Sie war noch da und fühlte sich so, als gehöre alles ihr. Ich fragte, wann sie ausziehen wolle. – Wohin sollte ich? Ich habe ein kleines Kind, uns geht’s hier gut, antwortete sie. – Wir bringen dich morgen in die Stadt, sagte ich. – Ich will aber nicht in die Stadt zurück. – Wenn du nicht einmal die Wohnung in Ordnung hältst, ist das hier auch kein Hotel. Geh auf deine eigene Seite. – Mit welchem Recht wirfst du mich raus? Das ist auch mein Haus! – Dein Haus ist auf der anderen Seite, also geh dorthin. Sie versuchte, ihren Mann gegen mich aufzuhetzen, doch auch er meinte, sie sei lang genug dageblieben. Beleidigt zog sie ab. Wenig später rief meine Schwiegermutter empört an: – Du hattest kein Recht, sie rauszuwerfen, das ist ihr Eigentum. – Sie kann auf ihrer Hälfte bleiben, da ist sie Hausherrin, antwortete mein Mann. – Und wie soll sie da mit einem kleinen Kind wohnen? Keine Heizung, Toilette draußen – du hättest dich um deine Schwester kümmern können! Mein Mann platzte der Kragen und er erklärte seiner Mutter alles: Dass wir eine gemeinsame Renovierung angeboten hatten, was günstiger gewesen wäre. Sie hat abgelehnt – warum dann jetzt die Vorwürfe an uns? Wir schlugen seiner Schwester einen Verkauf ihrer Haushälfte an meine Mutter vor. Sie war einverstanden, verlangte aber einen Preis, von dem wir ein ganzes, saniertes Haus hätten kaufen können. Damit waren wir nicht einverstanden. Jetzt gibt es Streit. Meine Schwiegermutter ist durchweg beleidigt, Alina ist eine Plage. Sie kommen selten, aber wenn, gibt es Lärm, kleine Gemeinheiten und sie beschädigen den Garten. Wir bauen nun einen Zaun, um den Bereich komplett zu trennen. Kompromisse gibt es keine mehr – genau das wollte meine Schwägerin.