Der alte Herr mühte sich aus dem Bett und stützte sich an der Wand entlang, um ins Nebenzimmer zu gelangen. Im schummrigen Licht der Nachttischlampe blickte er mit seinen trüben Augen auf seine schlafende Ehefrau:
Sie bewegt sich nicht! Ist sie etwa gestorben?, sank er auf die Knie. Nun, sie atmet wohl noch.
Langsam stand er auf und schlurfte in die Küche. Er trank etwas Kefir, ging auf die Toilette und kehrte dann in sein eigenes Zimmer zurück.
Er legte sich hin, konnte jedoch nicht schlafen:
Lena und ich sind jetzt beide neunzig. Was wir alles erlebt haben! Bald wirds auch Zeit zu sterben, und niemand ist mehr bei uns. Unsere Tochter Heike ist gestorben, sie war noch nicht einmal sechzig. Michael ist im Gefängnis umgekommen. Die Enkelin, Annemarie, lebt seit zwanzig Jahren in München. Denkt sie überhaupt an uns? Sie hat bestimmt schon große Kinder.
Unbemerkt schlief er ein.
Vom leichten Druck einer Hand wurde er wach:
Konrad, bist du wach? flüsterte eine Stimme.
Er öffnete die Augen. Über ihm beugte sich seine Frau.
Was denn, Lena?
Ich sah, wie du dich nicht bewegt hast. Ich hatte Angst, du wärst gestorben.
Ich lebe noch! Geh zurück ins Bett!
Ihre schlurfenden Schritte waren zu hören, der Lichtschalter in der Küche klickte.
Helena trank etwas Wasser, ging ebenfalls zur Toilette und ging dann in ihr Schlafzimmer. Sie legte sich auf das Bett:
Eines Morgens wache ich auf, und er ist tot. Was mache ich dann? Vielleicht sterbe ich auch vorher. Konrad hat sogar schon unsere eigenen Beerdigungen organisiert. Wer hätte gedacht, dass man so etwas vorbereiten kann? Andererseits, wer würde sich sonst darum kümmern? Annemarie hat uns vergessen. Nur unsere Nachbarin Pauline kommt vorbei. Sie hat einen Schlüssel von unserer Wohnung. Konrad gibt ihr jeden Monat hundert Euro von unserer Rente. Sie besorgt uns Lebensmittel und bringt die Medikamente aus der Apotheke. Wohin sollten wir auch mit unserem Geld? Vom vierten Stock kommen wir allein sowieso nicht mehr runter.
Konrad öffnete am Morgen die Augen. Sonnenstrahlen drangen durch das Fenster. Er ging auf den Balkon und sah die grünen Blätter des Flieders. Da huschte ein Lächeln über sein Gesicht:
Wir haben es bis zum Sommer geschafft!
Er ging nach seiner Frau sehen. Diese saß nachdenklich auf dem Bett.
Lena, hör auf zu trübsinnig zu sein! Komm, ich möchte dir was zeigen.
Ach, ich habe kaum Kraft mehr! seufzte Helena und stand mühsam auf. Was hast du nun vor?
Komm schon!
Er führte sie am Arm zum Balkon.
Sieh nur, der Flieder ist schon ganz grün! Und du hast gesagt, wir hätten den Sommer nicht mehr erlebt. Aber sieh doch!
Du hast recht! Und die Sonne scheint so schön.
Beide setzten sich auf die kleine Bank auf dem Balkon.
Erinnerst du dich, als ich dich das allererste Mal ins Kino eingeladen habe? Damals in der Schule, überall blühte der Flieder.
Wer vergisst sowas? Wie viele Jahre ist das jetzt her?
Über siebzig fünfundsiebzig Jahre mittlerweile.
Sie saßen lange da und erinnerten sich an ihre Jugend. Im Alter vergisst man vieles, sogar, was gestern war, aber Jugendjahre verblassen niemals.
Jetzt wirds aber Zeit zu frühstücken! rief Helena schließlich.
Lena, mach doch mal guten Tee! Dieser Kräutertee hängt mir zum Hals raus.
Wir sollen das doch nicht trinken.
Na wenigstens ein ganz leichter. Und ein bisschen Zucker, bitte!
Konrad trank den dünnen Tee und aß ein kleines Brötchen mit Käse, während er in Erinnerungen an frühere Zeiten schwelgte, als der Tee noch stark und süß war, dazu frische Brötchen oder Streuselschnecken.
Die Nachbarin kam herein und lächelte freundlich:
Wie gehts euch heute?
Was kann bei Neunzigjährigen schon los sein? witzelte Konrad.
Na, wer noch Witze macht, dem gehts gut. Was soll ich euch mitbringen?
Pauline, bring bitte etwas Fleisch, bat er.
Aber das dürft ihr doch eigentlich nicht.
Hühnerfleisch ist erlaubt.
Na gut, ich koche euch eine Hühnersuppe!
Pauline, bring bitte noch etwas fürs Herz, bat Helena.
Frau Helena, ich habe das erst kürzlich gebracht.
Ist schon wieder alle.
Soll ich mal den Arzt anrufen?
Nein, danke.
Pauline räumte den Tisch ab, spülte das Geschirr und verabschiedete sich.
Lena, komm, lass uns auf den Balkon gehen und noch ein bisschen Sonne tanken, schlug Konrad vor.
Lieber das als hier in der stickigen Wohnung zu sitzen.
Später kam Pauline wieder herein, trat auf den Balkon:
Was, genug von der Sonne bekommen?
Hier draußen ist es herrlich, Pauline! freute sich Helena.
Ich bringe euch jetzt gleich Hirsebrei und fange an, die Suppe fürs Mittagessen zu kochen.
Eine gute Frau, sagte Konrad leise. Was würden wir bloß ohne sie machen?
Und du gibst ihr nur hundert Euro im Monat.
Lena, wir haben doch sogar die Wohnung auf sie überschrieben, mit notariellem Vertrag.
Davon weiß sie aber nichts.
Sie blieben bis zum Mittagessen auf dem Balkon. Zum Essen gab es Hühnersuppe, fein geschnittenes Fleisch, zerdrückte Kartoffeln:
Die Suppe habe ich früher immer für Heike und Michael gekocht, als sie noch Kinder waren, erinnerte sich Helena.
Und im Alter kochen uns fremde Menschen, seufzte Konrad.
So ist unser Schicksal, Konrad. Wenn wir sterben, wird wohl niemand um uns weinen.
Genug jetzt, Lena, lass uns ein bisschen schlafen gehen!
Konrad, siehste, sie sagen nicht umsonst: Alte Leute sind wie kleine Kinder. Alles wie im Kindergarten: pürierte Suppe, Mittagsschlaf, und eine Kleinigkeit am Nachmittag.
Konrad schlief nur kurz, wälzte sich im Bett, die Wetterlage wechselte wohl. In der Küche standen zwei Gläser Fruchtsaft, liebevoll von Pauline hingestellt.
Er nahm sie und ging behutsam ins Zimmer seiner Frau. Helena saß auf dem Bett und schaute nachdenklich aus dem Fenster:
Warum bist du so traurig, Lena? lächelte er. Trink doch einen Schluck Saft!
Sie nahm einen Schluck.
Du kannst auch nicht schlafen?
Das Wetter macht mir zu schaffen, der Kreislauf spielt verrückt.
Mir gehts heute auch nicht gut, ihr Blick war traurig, Ich glaube, ich lebe nicht mehr lange. Du musst dich um meine Beerdigung kümmern.
Ach Lena, red doch keinen Unsinn. Was soll ich ohne dich?
Einer von uns geht eben zuerst.
Schluss jetzt! Komm, gehen wir auf den Balkon!
Sie saßen bis zum Abend draußen. Pauline machte Quarktaschen. Sie aßen, dann schauten sie wie jeden Abend fern. Neue Filme verstanden sie kaum, deshalb schauten sie alte Komödien und Märchenfilme.
An diesem Abend wurde es nur ein Märchenfilm. Danach stand Helena auf:
Ich gehe ins Bett. Bin ganz müde.
Dann gehe ich auch.
Lass mich dich noch einmal richtig anschauen, bat sie.
Wozu?
Einfach nur so.
Sie schauten einander lange an vielleicht dachten beide an die Jugend, an die Hoffnung von damals, als alles noch vor ihnen lag.
Ich bring dich bis ins Schlafzimmer.
Helena nahm seinen Arm, gemeinsam gingen sie langsam durch die Wohnung.
Sorgfältig deckte er sie zu, dann ging er in sein Zimmer.
Etwas zerrte schwer an seinem Herzen, Schlaf wollte ihm nicht kommen.
Ihm schien, als hätte er gar nicht geschlafen, aber der Wecker zeigte zwei Uhr morgens. Er stand auf und ging ins Zimmer seiner Frau.
Sie lag da, die Augen weit offen und starrte an die Decke:
Lena!
Er nahm ihre Hand, doch sie war kalt.
Lena! Was Le-na!
Plötzlich bekam auch er schlecht Luft, schaffte es noch in sein eigenes Zimmer. Er legte vorbereitete Papiere auf den Tisch, kehrte zurück zu seiner Frau. Lange betrachtete er ihr Gesicht, dann legte er sich zu ihr. Als er die Augen schloss, sah er seine Lena so jung und schön wie vor fünfundsiebzig Jahren. Sie ging irgendwo auf ein helles Licht zu. Er lief ihr nach, holte sie ein, ergriff ihre Hand
Am Morgen trat Pauline ein. Die beiden lagen nebeneinander, mit gleichsam glücklichen Gesichtern.
Pauline rief den Notarzt.
Der Arzt betrachtete sie und schüttelte verwundert den Kopf:
Gemeinsam gestorben. Sie müssen sich sehr geliebt haben.
Man brachte die beiden fort. Pauline setzte sich erschöpft auf einen Stuhl. Plötzlich fiel ihr Blick auf den Begräbnisvertrag und ein Testament, das auf ihren Namen ausgestellt war.
Sie vergrub das Gesicht in den Händen und weinte.
In diesem Augenblick, am Ende ihres Weges, wurde klar: Das Leben ist nicht endlos, aber die Liebe und Freundlichkeit, die wir geben, bleiben bestehen selbst wenn wir längst gegangen sind.





