Annemarie, ich bin zuhause los, empfange mich mit Applaus!
W-Wolfgang?! Was machst du denn so früh hier? Du wolltest doch erst in drei Tagen zurückkommen…
Eine Frau um die dreißig kam hastig in den Flur, wickelte sich dabei ungeschickt in einen seidigen Morgenmantel und sah ihren Gatten auf der Türschwelle verwirrt an.
Ich wollte dich überraschen, Annemarie. Scheint, es hat geklappt! Oder freust du dich nicht? Wolfgang, ein großer, breitschultriger Bursche, grinste über beide Backen, ganz stolz auf seinen gelungenen Auftritt.
Klar freue ich mich! Geh gleich in die Küche, ich wärme das Essen auf.
Sichtlich zufrieden nickte Wolfgang seiner Frau zu und marschierte in Richtung Küche. Dort erwartete ihn bereits ein gedeckter Tisch: frische Erdbeeren, eine Tafel Lindt-Schokolade, ein Abendessen direkt aus dem Ofen… Fast als hätte Annemarie das alles für ihn vorbereitet.
Na, Annemarie, das nenn ich mal einen Service! Wie hast du bloß geahnt, dass ich heimkomme? Du bist wirklich hellsichtig!
Er häufte sich eine ordentliche Portion auf den Teller und begann, mit Appetit zu essen. Die Frau ließ sich erstmal nicht blicken. “Bestimmt sucht sie im Schrank noch ein Kleid raus für ihren Liebsten!”, dachte Wolfgang, ganz gerührt ob des vermeintlichen Liebesbeweises.
Wolfgang, ich… wir müssen reden…
Annemarie, dein Braten ist sensationell! Und der Salat, die Pfannkuchen… Da leckt man sich die Finger! Und dann stand plötzlich Matthias im Türrahmen.
Wolfgang drehte sich um und sah seine Annemarie, die am Arm seinen eigenen Bruder Matthias festhielt. Matthias trug Shorts und ein altes T-Shirt und rieb sich die Stirn, als hätte man ihn eben aus dem Tiefschlaf gezerrt. Annemarie blickte betreten zu Boden.
Ja, Wolfi, ich halt. Hallo, Bruder…
Guten Tag. So, und jetzt erklärt mir bitte mal jemand, was hier los ist. Wobei… ich kanns mir denken.
Wolfgang, ich… Ich wollte es dir schon lange sagen. Ich liebe deinen Bruder Matthias. Und ich will nur mit ihm zusammen sein. Es tut mir leid. Annemarie sprudelte die Worte in einem Rutsch heraus, Augenkontakt vermied sie taktvoll.
Wolfgang ließ vor Schreck den Teller fallen. Porzellan und der Rest des Essens klapperten auf den Boden und rollten in alle Richtungen.
Heißt das, ihr… grade eben…
Ja. Wir waren tatsächlich eben zusammen.
Wunderbar, einfach traumhaft, Annemarie! Und du, Matthias, bist wohl der Held! Meine liebsten Leute… Jetzt verstehe ich auch, warum das Essen heute so vorzüglich war und SICHER NICHT für mich!
Annemarie wagte es nicht, ihn anzuschauen. Sie hatte das Gefühl, sobald sie ihm ins Gesicht sah, würde all ihr Mut zerbröseln.
Und Laura? Was machen wir mit unserer Tochter? Weiß sies?
Nein, sie… sie weiß nichts.
Und wo ist sie jetzt?
Beim Nachbarn, schaut Bibi Blocksberg.
Kommt das öfter vor dass du sie zum Nachbarn bringst?
Also, seit einem halben Jahr passiert das schon öfter…
Wolfgang gingen die Fragen aus. Auch die Gefühle. Die lange Zugfahrt hatte ihn erschöpft und Lärm schien plötzlich überflüssig. Von Natur aus war Wolfi nämlich eher ein ruhiger, friedlicher Typ, der selten lange auf jemanden böse blieb.
Aber wenns denn mal krachte, sollte man ihm lieber aus dem Weg gehen. Zum Glück kam das selten vor.
Diese Lage mit seinen beiden liebsten Menschen überforderte ihn dann aber doch kurzzeitig. Er blieb jedoch nur einen Moment perplex.
In zehn Minuten will ich hier keinen von euch mehr sehen. Die Uhr läuft. verkündete Wolfgang, den Tee in der Hand. Seinen Bruder würdigte er keines Blickes.
Was Annemarie bloß an dem Kerl findet? Sehen doch gleich aus die gleiche krumme Nase, sogar die Leberflecken am Ohr sind identisch… Arbeiten will er nicht, denken kann er nicht, fürs Leben taugt er nicht. Soll sie halt mit ihm glücklich werden oder auch nicht! dachte Wolfgang und trank weiter.
Ich gehe nicht, bevor ich deine Zustimmung habe, maulte Matthias jetzt.
Und welche Zustimmung willst du?
Deine für die Scheidung… Lass Annemarie gehen, sie liebt dich nicht mehr!
Seh ich ja, wen meine Frau liebt… Wolfgang grinste. Ihr wollt die Scheidung? Die gibt’s aber schön offiziell, vor Gericht! Bin schon gespannt, wie viel ihr für Anwälte raushaut.
Wolfgang… Annemarie setzte mit ihrem süßesten Blick an und legte ihm die Hand ans Handgelenk. Bitte, lass es uns friedlich klären. Sei nicht so, du bist doch sonst immer fair…
Wolfgang zuckte mit den Schultern.
Von mir aus. Aber Bruder bist du mir nicht mehr, Matthias!
Wir… ähm… hätten da noch eine Bitte…
Na, was denn?
Lass mir nach der Scheidung die Wohnung, Wolfgang! Annemarie setzte ihr gewinnendstes Lächeln auf und streichelte weiter seinen Arm.
Die Laura hängt so an diesem Viertel, sie hat all ihre Freunde da… Und wenn wir die Wohnung teilen müssten, könnten wir uns keine andere leisten, müssten zurück aufs Land zu meinen Eltern…
Wolfgang legte das Kinn auf die verschränkten Hände und dachte nach. Annemarie, die seine Nachdenklichkeit bemerkte, legte noch einen drauf:
Wolfgang, mein Sonnenschein… Schenk wenigstens Laura die Wohnung. Du bist eh ein Macher, mit deinem Gehalt kaufst du dir eh locker noch drei andere! Bitte, sie ist deine einzige Tochter, tu das ihr zuliebe…
Ist ja gut, Annemarie, Wolfgang bremste sie ab. Ich hab da eine bessere Idee.
Und was für eine? fragte Annemarie erwartungsvoll. Willst du uns etwa auch den Golf lassen? Laura würde ausflippen vor Glück…
Laura bleibt bei mir wohnen.
Bitte was?! Annemarie glaubte ihren Ohren nicht. Dir ist wohl dein Kaffee auf den Kopf gestiegen? Mit Kindern hast du’s doch gar nicht, immer nur auf Dienstreise… Laura weiß doch gar nicht mehr, wie du heißt!
Das finden wir gleich mal raus, sagte Wolfgang und stampfte zur Tür.
Wenige Minuten später kam er zurück, die zehnjährige Laura an der Hand, die eben in die vierte Klasse gekommen war. Sie klammerte sich an seine Hand und strahlte über das ganze Gesicht.
Und warum bringst du sie her? Willst du, dass sie unsere Streiterei mitkriegt?! fauchte Annemarie.
Wolfgang antwortete nicht. Er setzte sich auf seinen Küchenstuhl, nahm Laura auf den Schoß und fragte:
Lauralein, darf ich dir ein paar Fragen stellen, mein Schatz?
Klaro! freute sich das Mädchen, ganz stolz auf die Aufmerksamkeit vom Papa.
Versprich mir, dass du ehrlich antwortest, ja? Wir quatschen jetzt wie Erwachsene miteinander.
Wie du das sonst mit den Männern im Büro machst?
Ganz genau.
Laura nickte. Sie war begeistert, dass Papa nun ganz ernst mit ihr sprach und war schon gespannt.
Sag mal, war Mama in letzter Zeit gemein zu dir? Hat sie dich diese Woche mal verhauen?
Laura wurde verlegen und schaute auf die Seite. Mit den Fingern zupfte sie an ihrem Kleid herum.
Was fällt dir bitte ein?! schimpfte Annemarie ungehalten. Bist du verrückt geworden? Lass sie zufrieden!
Sei ruhig, Annemarie. Ich rede mit meiner Tochter, schnitt Wolfgang das Wort ab und streichelte Laura über den Kopf. Keine Angst, Liebling. Du hast versprochen, du antwortest ehrlich, ja?
Laura nickte. Tränen traten ihr in die Augen. Sie umarmte ihren Papa fest und flüsterte in sein Hemd:
Ja, sie hat mich dreimal gehauen! Einmal wegen einer Drei in Mathe, dann wegen umgeschütteter Milch. Das dritte Mal, weil ich Onkel Matthias angeschrien hab. Sie hat mit ihm geknutscht, während du auf Geschäftsreise warst.
So, heul nicht, meine Kleine, alles ist gut! Wolfgang strich ihr beruhigend über den Kopf. Ich bin da, dir passiert nichts mehr.
Sie lügt doch! schrie Annemarie. Ich hab sie nie angefasst!
Ach, Annemarie, Wohnung und Auto wolltest du auch wegen “unserer Tochter”, was? fragte Wolfgang mit einem spitzbübischen Grinsen. Lauralein, darf ich dich noch eins fragen?
Ja…
Wenn du wählen könntest würdest du lieber bei mir oder bei Mama wohnen?
Laura schwieg. Sie blickte abwechselnd zu beiden Eltern. Annemarie streckte verzweifelt die Arme nach ihr aus.
Und, bleibst du dann auch wirklich hier, Papa? Fährst du nicht wieder monatelang weg?
Ich schwör’s, Liebling! antwortete Wolfgang prompt.
Dann will ich bei dir wohnen, Papa.
Unverschämtheit! fauchte Annemarie und ging mit erhobenem Arm auf das Kind zu, doch Wolfgang schirmte Laura mit seinem Rücken ab. Matthias stand tatenlos da und schaute betreten in die Ecke.
So, Gespräch beendet. Annemarie, du wirst Laura so schnell nicht wiedersehen, sagte Wolfgang ruhig, packte Laura und ging in ihr Zimmer.
Kurz darauf half er ihr beim Packen. Zum Glück war seine Dienstreisetasche schon fertig. Die beiden fuhren in ein Hotel, das Wolfgang dienstlich kannte, am anderen Ende von München.
… Monate später dann die Gerichtsverhandlung. Da Annemarie und ihr “Neuer” weder festen Job noch Wohnung noch Erziehungskompetenz nachweisen konnten, entschied die Richterin, dass Laura beim Vater bleibt.
Und Laura wollte sowieso nur beim Papa wohnen.
Wolfgang teilte die Wohnung so wie geplant und verkaufte seinen Anteil. Kontakt zu Annemarie gab es nur noch an den Wochenenden, ansonsten lebte Laura bei ihm in der neuen Wohnung.
Wolfgang änderte seinen Arbeitspensum radikal. Keine dreimonatigen Dienstreisen mehr stattdessen Zeit für seine Tochter. Laura lachte wieder öfter, und das war für Wolfgang mehr wert als jede Beförderung oder Gehaltsscheck in Euro.
Und, was haltet ihr davon? Schreibt’s mal in die Kommentare und drückt ‘Gefällt mir’!





