Scherben

Scherben

Herr Lazar, ich werde mit meinem Sohn sprechen. So etwas passiert nicht nochmal!

Ich hoffe es, Frau Schröder. Lukas ist wirklich ein guter Junge! Intelligent, begabt, liebt Mathe und auch Sport. Vielleicht könnten Sie seine Talente fördern? Vielleicht ein Sportverein oder so. Seine Energie muss irgendwohin, und so turnt er halt auf den Tischen rum. Eigentlich ja nicht schlimm, aber auch nicht ungefährlich! Ach, was erzähle ich Ihnen? Sie wissen das selbst! Danke nochmal, dass Sie geholfen haben, die kaputte Bank zu reparieren. Wir halten es so: Ich sage nichts weiter, Sie überlegen, was Lukas stattdessen machen könnte.

In Ordnung! Ich habe verstanden.

Danja nickte zum Abschied der Familie Lazar zu und lächelte, als sie sich zum Fenster drehte. Der Vater von Lukas wirkte selbst wie ein ertappter Schüler, wie er da stand und verlegen von einem Bein aufs andere trat. Für Danja, noch fast eine Studentin, fühlte sich das Ermahnen eines erwachsenen Mannes irgendwie merkwürdig an.

Aber er war wirklich ein toller Vater. Er liebte seinen Jungen, das sah man sofort. Und aus Lukas würde definitiv ein guter Mensch werden. Auch wenn Danja von Menschen nicht viel verstand, in diesem Fall glaubte sie, richtig zu liegen. Irgendetwas lag in der Art, wie Vater und Sohn vor ihr die Blicke senkten, ganz ähnlich. Und wie Lukas beim Rausgehen nach der Hand seines Vaters griff. So viel Vertrauen in einer kleinen Geste Danja war fast ein bisschen neidisch. Einen Vater, und dazu noch so ein Verhältnis zu haben, das kannte sie nicht.

Ihre Mutter hatte lange herumgedruckst, wenn es um ihren Vater ging. Erst zu Danjas achtzehntem Geburtstag rückte sie endlich mit der Sprache raus.

Danja, du bist jetzt groß genug. Du hast ein Recht zu wissen, wer dein Vater ist. Du hast oft gefragt, und ich schwieg. Nicht weil es nichts zu sagen gab. Sondern weil ich dich nicht verletzen wollte.

Und jetzt erzählst du’s?

Ja. Es ist an der Zeit. Du wirst bald erwachsen da solltest du deine Wurzeln kennen, bevor du selbst wichtige Entscheidungen triffst.

Mama, du machst mir Angst!

Ach Quatsch, Liebling, du musst keine Angst haben! Dein Vater ist ein wunderbarer Mensch klug, talentiert, herzlich…

Und wo ist er dann? Warum kenne ich ihn nicht? War er freundlich zu allen außer zu seiner Tochter? Mama, widersprichst du dir nicht gerade selbst?

Danja… Ach Mensch, das ist wirklich schwer. Wahrscheinlich wäre es leichter, einen Umzug zu stemmen, als das eigene Leben zu erklären…

Sag jetzt endlich mal klar, warum ich meinen Vater nie gesehen hab! Wollte er nicht?

Nicht ganz, Danja. Ich wollte nicht…

Das ist maln Ding! Wieso denn bitte? Ich hab doch in jedem Mann, der am Kindergarten stand, meinen Papa gesucht! Ich war immer neidisch, wenn bei meinen Freundinnen der Vater kam. Da sitzt die Jana stolz auf Papas Schultern, winkt mit der Zunge und lässt dich spüren, dass du das nie haben wirst! Weißt du ich hab Jana sogar einmal aus lauter Neid verkloppt…

Weil sie dir die Zunge rausgestreckt hat?

Nein. Wegen ihrem Papa…

Oh Gott… Es tut mir leid, mein Schatz! Es war meine Schuld, dass du keinen Kontakt zu deinem Vater hattest all die Jahre…

Kannst du mir jetzt mal verständlich machen, was zwischen euch war?

Ich versuch’s. Auch wenn ich weiß, du wirst mich nicht verstehen und vielleicht nie verzeihen. Aber ich habs so lang mit mir rumgetragen… Also hör zu: Deinen Nachnamen hast du nicht von deinem Vater, sondern von meinem ersten Mann. Aber dein zweiter Vorname, ist der Name deines Vaters. Geändert hab ichs, als du fünf warst. Warum? Keine Ahnung, es fühlte sich richtig an. Aber eins nach dem anderen…

Mein erster Mann war… naja, wie sagt man… arrangiert. Unsere Eltern haben beschlossen, wir sollen heiraten noch bevor wir wussten, wie man Windeln richtig anlegt. Unsere Familien waren sehr eng verbunden, das stand einfach fest. Dass wir uns voneinander entfernen könnten, kam uns gar nicht in den Sinn. Für uns war klar: Wir gehören zusammen. Wir sind sozusagen damit aufgewachsen. Und ich dachte lange, das sei Liebe.

War es das nicht?

Nein, meine Liebe. Es war Freundschaft, Seelenverwandtschaft… alles, nur nicht Liebe zwischen Mann und Frau.

Und wann hast du das gemerkt?

Zu spät, wie du dir denken kannst. Wir waren schon ein Jahr verheiratet, als ich Johannes kennenlernte. Da hat es mich voll erwischt… Ich war völlig von der Rolle! Es war nicht nur Leidenschaft, wobei davon genug da war die kam wie eine Lawine über uns. Aber das Entscheidende war: Ich wachte plötzlich auf aus einem Leben, das komplett vorgeplant war. Die Eltern hatten alles geregelt: Wohnung gekauft, möbliert. Opa schenkte Papa ein Auto und organisierte das Wochenendhaus. Keine Sorgen, alles vorherbestimmt Ausbildung, Job, Karriere. Bloß nichts selbst entscheiden, nur das leben, was für richtig gehalten wurde. Und das haben wir auch gemacht… bis Johannes auftauchte.

So hieß mein Vater?

Ja. Johannes Kessler. Sportler, Künstler, Dichter ein Herzensmensch, der mein Leben für immer verändert hat. Ach, was für Gedichte er mir geschrieben hat! Ich kenn sie immer noch alle…

Mama, bitte weniger Poesie, mehr Fakten. Wo ist dein Dichter jetzt?

In Hamburg. Seine eigene Familie, Kinder… Gedichte schreibt er jetzt für seine Frau, nicht mehr für mich…

Oha, du liebst ihn immer noch?!

Das hat nie aufgehört…

Aber warum seid ihr nicht zusammen? Wars wegen deines Mannes?

Nein. Genau das war es eben nicht. Ich war schuld!

Das hab ich jetzt oft gehört aber woran genau?

Daran, dass ich dich bekommen habe.

Aha! Und jetzt kommt: Ich hab dir das Leben versaut, weil ich geboren wurde?

Quatsch! Entschuldige! Das sollte nicht so klingen.

Schon gut. Aber erklär!

Ich war völlig verwirrt damals, Tochter. Auf der einen Seite gab es meinen Mann und die Eltern zwei untrennbare Familien-Clans. Auf der anderen, Johannes und meine Liebe zu ihm.

Und du hast…?

Gar nichts davon. Ich bin weggerannt.

Wieso?

Ich konnte nicht machen, was man von mir verlangte. Mein Mann hat mich verstanden und war bereit, mich gehen zu lassen aber meine Familie hat einen Aufstand gemacht. Sie bestanden auf Reue und drohten mit allen Konsequenzen, irdisch wie himmlisch. Und als sie erfuhren, dass ich ein Kind erwartete, war der Teufel los. Sie sperrten mich bei Oma ein, sprachen davon, die Schwangerschaft abzubrechen. Mich hat niemand gefragt, was ich eigentlich will. Plötzlich war ich wie eine Aussätzige unerwünscht, schädlich, aber wegwerfen ging dann doch nicht.

Das ist echt… bizarr.

Ja, aber für sie war das das einzig Richtige. Diese kleine, heile Welt sollte nicht zerstört werden, koste es, was es wolle.

Aber ich bin da sie haben es also nicht geschafft.

Nein. Dank meines Mannes. Ich hätte nie gedacht, dass mein ruhiger, biederer Mann so viel Mut hat! Er hat mich praktisch entführt gegen seine Familie und meine. Der liebte seine Eltern sehr, das war alles andere als einfach! Und als klar war, dass ich mit Johannes Schluss hatte, war er bereit, dich zu akzeptieren.

Warum denn das? Du warst doch schwanger von einem anderen!

Ich hab damals auch nichts verstanden. Ich dachte, er tut es aus alter Freundschaft. Er hat mich immer beschützt, schon als Kind. Später hab ich begriffen: Er liebte mich. So wie ich Johannes geliebt habe.

Traurig…

Ziemlich. Und dumm, dass ich es nicht früher begreifen konnte. Mein Mann half mir, als ich gehen wollte; organisierte mit Freunden, dass ich tief nach Bayern zog. Weit weg, wo mich weder Eltern noch Johannes finden konnten. Ich wohnte über zwei Jahre bei einer Familie zur Untermiete, bis ich auf eigenen Beinen stand. Sie haben mir sehr geholfen übrigens: das waren Oma Lisbeth und Opa Paul.

Ich hab immer geglaubt, die beiden seien meine richtigen Großeltern. Bis du mir die Wahrheit gesagt hast. Ich war richtig wütend und hab beschlossen, trotzdem dran zu glauben. Aber Mama, ich kapier dich nicht! Du redest von dieser großen Liebe, und dann lässt du alles hinter dir, schwanger und ganz allein, und gehst zu fremden Leuten in ein anderes Bundesland!

Was hätte ich tun sollen? Es war alles vorbei an dem Tag, als mein Mann mich zu Johannes brachte und ich ihm sagte, dass ich schwanger bin.

Und dann?

Es war… nichts. Nur eine Pause. Eine winzige, vielleicht eine Minute, vielleicht weniger. Ein Blick meines Liebsten, und alles war klar: Er glaubte mir nicht. Glaubte, das Kind sei nicht von ihm.

Und das hat gereicht, damit du weggehst?

Ja, das hat gereicht. Für mich war es untragbar. Mein Inneres war ein Scherbenhaufen, ein falsches Wort genügte schon, und ich bin abgehauen. Klar, mit mehr Ruhe hätte ich es besser geklärt. Später habe ich erfahren, meine Mutter war bei Johannes. Sie erzählte, das Kind sei nicht seines und er sei nur ein Abenteuer für mich gewesen. Und Johannes glaubte das alles… Vieles wurde gesagt, was nicht stimmte.

Ach, man lässt sich gern betrügen…

Genau das, Danja! Hätte Johannes gewollt, mir zu glauben, hätte er auf alles andere gepfiffen. Ich dachte, er liebt mich grenzenlos aber das tat er offensichtlich nicht.

Hast du ihm das verziehen?

Irgendwann schon. Später haben wir uns nochmal gesehen, als du drei warst. Ich war in München wegen der Scheidung; Johannes flog kurz vorbei, um wirklich alles zu klären.

Ihr seid nicht wieder zusammen gekommen?

Wie du siehst: nein. Ich ließ ihn los. Damals war der Schmerz nicht mehr so groß. Ich konnte seine Beweggründe annehmen. Und ich war inzwischen erwachsen. Nicht mehr das naive Mädchen, das nicht wusste, was Liebe ist.

Habt ihr euch nochmal getroffen?

Nein. Beim letzten Treffen habe ich genau hingesehen: Hätte er zu dir hingefunden, versucht, dich kennenzulernen, hätte ich vielleicht alles anders überlegt. Aber er schaute an dir vorbei auf mich vielleicht, aber nicht auf dich. Seine Güte, in der ich mir sicher bin, reichte nicht für das eigene Kind. Was bin ich dann ohne dich? Nichts. Du warst und bist der Sinn meines Lebens. Ein vollkommen unverdientes Geschenk trotz allem. Trotz meiner Fehler und Verrücktheiten. Du bist mein Anker. Bleibst es immer.

Ich liebe dich auch, Mama… Darf ich was fragen?

Immer doch!

Warum bist du nicht bei deinem Mann geblieben? Ich meine, ein bisschen hast du ihn doch auch geliebt. Du redest so herzlich von ihm.

Ja, ich mochte ihn. Und genau deshalb bin ich nicht geblieben. Ich habe nach dem Neustart komplett mit ihm gebrochen. Er besuchte mich, wollte reden aber ich sagte Nein.

Warum?

Du verstehst das nicht? Ich war ihm viel zu viel schuldig und habe genau gewusst: Ich kann ihn niemals so lieben, wie er mich. Es wäre nur ein Schatten der Gefühle, die er für mich empfand.

Und außerdem wolltest du ihm kein Kind unterschieben, das nicht seins ist…

Auch. Ja, du hast recht, wenn auch harsch gesagt. Er sollte eine Familie finden, die wirklich zu ihm passt. Mit einer Frau, die ihn liebt und seine Kinder bekommt. Seine Kinder!

Vermisst du ihn?

Sehr. Er war mein bester Freund.

Willst du ihn nicht mal wiedersehen?

Nein, Liebes. Lass die Vergangenheit ruhen. Wir gehen jetzt unsere eigenen Wege, die sich nie wieder kreuzen. Es ist gut, wie es ist. Wir haben eine dringlichere Frage.

Welche?

Willst du deinen Vater treffen?

Danja war baff. Eigentlich wusste sie die Antwort längst, aber sie auszusprechen, war schwer. Egal, wie Mama über ihre Liebe dachte: Vielleicht rechnete sie doch insgeheim damit, dass Danja Ja sagt und damit vielleicht sogar eine neue Annäherung einleitet… Wer weiß.

Kann ich’s mir überlegen, Mama? Ich will nachdenken.

Klar. Ich habe seine Kontaktdaten. Wenn du entscheidest, dass du ihn sehen willst, kaufe ich dir ein Zugticket, buche ein Hotel.

Und du?

Was?

Kommst du mit?

Das zarte Lächeln der Mutter war Antwort genug: Nein. Das Kapitel war abgeschlossen. Sie war dankbar, Johannes begegnet zu sein denn jetzt wusste sie, was es heißt, wirklich zu lieben. Seelenglut, Herzrasen bei jedem Wort, jedes Streicheln. Aber das war vorbei und kommt nicht zurück. Geblieben sind nur die Scherben.

Mama, ich will das auch mal erleben… So zu lieben…

Nein! Bitte, wünsch dir nicht so ein Schicksal! Tu’s nicht! sagte Mama erschrocken und zog Danja fest an sich.

Was soll ich mir denn dann wünschen? Frieden wie zwischen dir und deinem Mann?

Nein, auch nicht…

Was dann?

Licht. Wünsch dir Licht und Wärme im Leben, Schatz! Dass jemand in dein Leben tritt, der dir das gibt. Dafür bete ich jeden Tag.

Wofür eigentlich, Mama? Du weißt doch gar nicht, wie er sein wird!

Das weiß ich nicht, aber ich glaube daran. Und irgendwann wird es passieren und du triffst die richtige Entscheidung.

Wer hört deine Gebete, Mama?

Sie antwortete nicht direkt, lächelte, küsste sie und wechselte das Thema. Aber Danja hat sich die Worte gemerkt. Und ab da flüsterte sie abends, bevor sie die Decke hochzog, ihr ganz eigenes kleines Gebet:

Bitte, schenk mir jemanden, dem ich mein Licht und meine Wärme geben kann und der es braucht.

Warum ihr Gebet so und nicht anders klang? Warum kein einziger Wunsch, selbst geliebt zu werden? Danja wusste es nicht. Für sie war es richtig. Nehmen ist einfach, aber Geben ist schwer und sie kannte sich: Nur nehmen, das hätte sie nie gekonnt, nicht mal im Traum. Denn Liebe lebt davon, dass zwei geben. Wenn eine nur liebt und der andere sich nur lieben lässt funktionieren tut das selten.

Ihren Vater hat Danja nie getroffen. Sie entschied, dass sie diese Achterbahn keinem antun muss auch sich nicht.

Ihre Großeltern mütterlicherseits aber traf sie doch einmal, aus Neugier. Sie wollte wissen: Was brachte sie dazu, eigene Tochter und Enkelin einfach auszuschließen?

Es war ein Treffen in einem Café, in einem Vorort von Frankfurt, unweit vom Haus der Großeltern. Danja wartete dort über eine Stunde kamen sie oder doch nicht? Vielleicht entschieden sie, lieber keinen Kontakt zu der Unbekannten”, die sich als ihre Enkelin ausgab.

Sie kamen… Unterstützung suchend, ihre Hände verkrampft miteinander verbunden, mit ängstlichem Blick. Ihre Unsicherheit war so greifbar, dass Danja fast laut lachen musste, als Opa Osthoff sich mit dem Rücken ans Fenster setzte als wollte er sich vor den Blicken der Welt verstecken.

Haben Sie Angst, dass jemand Sie mit mir sieht?

Die Wirkung dieser Frage fast hätte Danja sich erschrocken. Oma wurde blass, Opa zuckte, als wolle er einen schweren Rucksack abschütteln.

Nein…

Keine Sorge! Das Treffen ist kurz. Ich wollte Sie lediglich fragen: Bereuen Sie, Ihr Kind verloren zu haben?

Damit war das Gespräch beendet. Oma presste die Lippen zusammen und schüttelte den Kopf, Opa versuchte, sie zu beruhigen. Sie merkten nicht mal, dass Danja aufstand und ohne einen Blick zurück das Café verließ.

Sie ging zur Haltestelle und weinte. Wütende Tränen, ohne zu begreifen, wie man so leben kann voller Stolz, ohne Liebe. Das Treffen nahm sie mit, lange noch, als sie auf der Bank am Brunnen saß und zusah, wie Kinder Tauben hinterherliefen.

Der Anruf der Mutter traf sie völlig unvorbereitet; sie kramte ewig nach dem Handy.

Danja, wo bist du?

Auf dem Heimweg! Warum bist du so gut gelaunt? Was gibt’s?

Was passiert ist?! Oma Lisbeth und Opa Paul sind spontan da! Ohne Ankündigung, einfach so sind zu Besuch in Berlin, bleiben zwei Tage! Komm schnell heim, Danja!

Juhu! Bin schon unterwegs! Sie packte das Handy weg und wischte sich die Tränen ab.

Weinen wollte sie nicht mehr. Egal, ob Zufall oder nicht ihre stille Bitte hatte prompt eine Antwort bekommen. Für Traurigkeit war also kein Platz mehr.

Jeder kann sich seine Familie aussuchen. Es gibt die, die dich ablehnen und andere, die dich mit offenen Armen empfangen. Oma Lisbeth und Opa Paul, dazu Onkel Philipp und Tante Vanessa, die zwar weit weg leben, aber nie einen Geburtstag vergessen und bei Besuchen immer noch Lieblingsschokolade und Kuscheltiere mitbringen. Ihre Bärensammlung brachte Danjas Mutter regelmäßig zur Verzweiflung bald, drohte sie, brauche man ein eigenes Zimmer für die ganze Bande.

Danja zückte ihr kleines Spiegelchen.

Da war sie ganz sie selbst. Sie würde wachsen, sich verändern, aber sie blieb die, die sie war geschaffen aus der Liebe jener zwei, die nicht verstanden hatten, welches Geschenk sie vom Schicksal erhalten und wieder verloren haben. Gut, dass Mama alles erzählt hatte. Jetzt wusste Danja: Verlieren geht schnell, bewahren ist die Kunst. Wenn das Leben ihr nochmal die Gelegenheit schenkt sie wird sie nicht verpassen!

Auf der Bank beim kleinen Brunnen, mit Kindergeschrei und Taubengegurre um sich, begriff Danja eines: Dass man so leben muss, dass man später nichts bereut. Obs gelingt? Die Zeit wirds zeigen. Aber probieren sollte man es in jedem Fall.

Selbst als Scherbe, übrig von irgendwas einst Ganzem, kann man was bedeuten. Auch kleine Splitter reflektieren das Licht der Welt vor allem, wenn die Richtigen in der Nähe sind. Gehören Herz und Geben zusammen, kann man sich sicher sein, dass man selbst Liebe begreift und weitergeben wird.

Da bimmelte der Schulgong, etwas heiser und vor allem langgezogen, exakt wie damals in ihrer Kindheit. Danja erschrak der Unterricht war vorbei.

Ohje! Felix wartet bestimmt schon im Auto, hört Radio und summt mit.

Danja musste lachen: Ihr Mann hat so gar kein Gehör, aber Singen liebt er. Sie selbst hat Musikschule und absolutes Gehör umso lustiger, wenn Felix 99 Luftballons falsch anstimmt, und sie klatscht und ruft:

Nena, zieh dich warm an! Bravo!

Felix wird rot, schweigt, fängt aber nach zwei Minuten wieder von vorne an.

Danja sammelte die Hefte auf, die noch zu korrigieren waren, und knippste das Licht aus.

Wie Felix singt, ist wirklich egal. Hauptsache, sie atmen im Takt. Und seit Pauline da ist, wachen sie nachts eh immer gleichzeitig auf. Das Kind schläft längst im Kinderzimmer, aber wehe, es niest oder ruft nachts:

Mapu…

Pauline ist ja schon groß wurde letzte Woche sechs aber für sie sind Mama und Papa immer noch Mapu. Ein eigenes Wort für das, was sie weiß: Mama und Papa sind eins.

Egal, wen sie ruft es kommen immer beide.

Und das ist das wahre Glück.

Denn dann kann man sich in die Mitte kuscheln, Papas Unterarm als Kissen, Mamas Hände zur Decke und endlich einschlafen tief und fest, ohne Angst vor Albträumen. Und man hört, wie die Eltern immer noch leise tuscheln:

Ich bring sie ins Bett, du musst morgen früh raus. Du sagtest, du bist mit Korrekturen noch nicht durch.

Ach was, ich mach das. Du hast doch morgen ein Kollegiumstreffen! Da solltest du lieber fit sein, sonst schläfst du noch währenddessen ein und sägst am Tisch!

Na gut, dann machen wirs zusammen.

Gern… ©Und so schob sich mitten ins wohlig-verschlafene Halbdunkel ein leises Lachen, Pauline kicherte im Traum und Felix räusperte sich, ehe er wie immer flüsterte:

Mapu, das stärkste Wort der Welt.

Danja spürte, wie Frieden durch das Zimmer zog. Kein Glanz vergangener Tage, sondern die leise, ehrliche Wärme des Jetzt. Sie wusste: Ihre Geschichte war eine von Umwegen, von Erwartungen, die sie hinter sich gelassen hatte, von Scherben, die irgendwann zu einem neuen Mosaik geworden waren.

Draußen verblasste der Tag, Schatten krochen über die Wände, während im Flur das Licht der Küche einen goldenen Streifen auf den Boden malte. Danja sog die Luft ein, roch Spülmittel und Regen, hörte Felix leises Summen falsch und wundervoll , das von Zimmer zu Zimmer trug. Sie schloss die Augen, hielt den Moment fest, als wüsste sie, dass nur dieser Augenblick zählt.

Vielleicht war Leben genau das: mutig und zärtlich zugleich. Schmerz war der Preis für Licht, und jede Narbe, jedes Glasstück hatte seine Schönheit man musste sie nur richtig drehen, damit sie leuchten.

Paulines Atem ging ruhig. Felix flüsterte noch ein letztes Mal Gute Nacht. Danja lächelte, stellte sich vor, wie irgendwo, irgendwann jemand ein Licht weitergibt, das sie selbst einmal in Händen hielt vielleicht ganz klein, vielleicht riesengroß.

Sie wusste jetzt, was ihre Mutter gemeint hatte: Es zählt nicht, ob alles heil bleibt. Hauptsache, man hat genug Licht gesammelt, um es weiterzugeben.

Und als die Tür zum Kinderzimmer hinter ihr ins Schloss fiel, war in Danja kein Platz mehr für Reue. Nur noch für Liebe.

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Homy
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