– Nadja, ich bin zu Hause, mach auf! – L-Lenni?! Du bist ja viel zu früh! Du wolltest doch erst in drei Tagen zurückkommen… Eine Frau um die dreißig erschien im Flur, zog sich hastig ihren Seidenmorgenmantel über und blickte verwirrt auf den Mann, der an der Tür stand. – Ich wollte dich überraschen, Nadja. Sieht so aus, als hätte es geklappt! Oder freust du dich nicht? – Ein großer, breitschultriger Mann lächelte zufrieden über den gelungenen Überraschungseffekt. – Doch, ich freue mich riesig! Geh schon mal in die Küche, ich wärme dir gleich das Essen auf. Glücklich nickte Leonhard seiner Frau zu und ging in Richtung Küche. Dort erwartete ihn schon ein reich gedeckter Tisch: frische Erdbeeren, Schokolade, warmes Abendessen direkt aus dem Ofen… Alles wie für ihn allein zubereitet. – Na, Nadja, du hast ja wieder gezaubert! Wie hast du bloß geahnt, dass ich komme? Du bist wirklich umsichtig! Er lud sich den Teller großzügig voll und begann zu essen. Seine Frau ließ sich weiterhin nicht blicken, aber er rief sie nicht – bestimmt zog sie noch ein schönes Kleid an, extra für ihren geliebten Mann. Sie wollte sich Mühe geben… – Leonhard, ich… Wir… – Mensch Nadja, das schmeckt ja wieder mal köstlich! Der Salat, die Pfannkuchen – zum Reinlegen… Andreas?! Leonhard drehte sich um und sah seine Frau Nadja, die sich beim Arm seines leiblichen Bruders Andreas eingehakt hatte. Sie schaute etwas schuldbewusst zu Boden, während Andreas, in Shorts und T-Shirt, sich verschlafen die Nase rieb, als hätte man ihn gerade geweckt. – Ja, Leonhard. Ich bin’s. Hallo, Bruder… – Guten Tag. Na fein, jetzt erklärt mir bitte, was hier los ist – obwohl, eigentlich ist das schon überflüssig… – Leonhard, ich… ich wollte es dir schon lange sagen. Ich liebe deinen Bruder Andreas und ich will nur mit ihm zusammen sein. Es tut mir leid – platzte Nadja heraus und blickte ihrem nun wohl ehemaligen Mann unter ausweichendem Blick entgegen. Beim Hören dieser Worte ließ Leonhard seinen Teller fallen. Das Geschirr samt Resten klirrte über den Boden. – Und ihr habt, wie ich verstehe… Gerade eben… – Ja. Wir waren gerade zusammen. – Na toll, Nadja! Und du, Andreas, auch nicht schlecht! Herrliche Überraschung, wirklich! Jetzt wird mir auch klar, warum du so ein tolles Abendessen gemacht hast… Und vor allem: für wen! Nadja wagte keinen Blick zu ihrem Mann. Sie fürchtete, dass all ihr Mut versiegt, sobald sie ihn ansah. – Und Ira? Was wird jetzt mit unserer Tochter? Weiß sie Bescheid? – Nein, sie… Sie weiß von nichts. – Und wo ist sie jetzt? – Bei der Nachbarin, sie schaut Zeichentrickfilme. – Ist das oft so? Gibst du sie häufig zu den Nachbarn ab? – Seit einem halben Jahr schon… Leonhards Fragen waren erschöpft. Ebenso seine Gefühle. Von der anstrengenden Rückreise müde sah er keinen Sinn, nun noch einen Skandal zu machen. Er war ohnehin ein ruhiger, ausgeglichener Mensch, das lange Schmollen lag ihm nicht. Aber wenn es einmal zu viel war, dann auch richtig – sagten zumindest die Leute. Doch das war mehr die Ausnahme als die Regel. Dass ausgerechnet zwei ihm so nahestehende Menschen ihm das antaten, verwirrte Leonhard zutiefst. Aber nur für einen Moment. – Ich will dich hier in zehn Minuten nicht mehr sehen. Die Zeit läuft – sagte Leonhard, während er an seinem Tee nippte, und würdigte seinen Bruder keines Blickes. – Und was fand Nadja bloß an ihm? Äußerlich sind wir identisch, sogar die Muttermale stimmen… Arbeiten mag er nicht, Grips hat er nicht… Sie wird mit ihm nur verlieren. Aber nun gut, ihre Entscheidung! – dachte Leonhard und trank weiter still seinen Tee. – Ich gehe nicht, solange ich deine Zustimmung nicht habe, – meldete sich plötzlich Andreas. – Und wozu? – Zur Scheidung… Lass Nadja gehen, sie liebt dich nicht mehr! – Das sehe ich, wem meine Frau ihr Herz schenkt… – Leonhard lächelte. – Ihr wollt die Scheidung? Ihr bekommt sie – aber nur über’s Gericht! Mal sehen, wieviel ihr bei den Anwälten lässt. – Leonhard … – Nadja legte ihre Hand auf sein Handgelenk. – Leonhard, bitte, lass uns friedlich auseinandergehen. Du bist kein schlechter Mensch, das weiß ich… Leonhard schüttelte den Kopf. – Gut, meinetwegen. Aber Bruder bist du mir nicht mehr, Andreas Valentinovich! – Wir… wollten dich noch um etwas bitten. – Na, was denn jetzt? – Lass mir nach der Scheidung die Wohnung, Leonhard! – Nadja lächelte betörend und strich weiterhin über sein Handgelenk. – Unsere Ira hängt so an diesem Zuhause, hat viele Freunde in der Schule… Wenn wir teilen müssen, können wir uns keine neue Wohnung leisten, müssten zurück ins Dorf… Leonhard legte sein Kinn auf die verschränkten Hände und dachte nach. Als Nadja seine Zweifel bemerkte, bettelte sie los: – Leonhard, mein Schatz… Schenk doch deiner Tochter die Wohnung. Du bist so fleißig, verdienst doch gutes Geld! Bitte, sie ist dein einziges Kind! Ich tu’s nur für sie… – Beruhige dich, Nadja, – unterbrach er sie. – Ich habe eine bessere Idee. – Und die wäre? – Nadja strahlte. – Möchtest du uns das Auto lassen? Das würde Ira sicher freuen… – Ira wird bei mir wohnen. – Was?! – Nadja traute ihren Ohren nicht. – Hast du was ins Teewasser bekommen? Mit Kindern kannst du doch gar nicht umgehen! Du bist ständig auf Geschäftsreisen… Sie weiß doch kaum, wie du heißt! – Das werden wir gleich prüfen, – meinte Leonhard und ging zur Tür. Wenige Minuten später kam er mit der Tochter an der Hand zurück. Ein zehnjähriges Mädchen, gerade ins vierte Schuljahr gewechselt, wich ihm nicht von der Seite und strahlte ihn freudig an. – Und warum hast du sie hergeholt? Willst du, dass sie Zeugin des Streits wird?! – fauchte Nadja. Doch Leonhard antwortete nicht. Er setzte sich auf denselben Küchenstuhl, nahm Ira auf den Schoß und begann mit ruhiger Stimme: – Ira, mein Schatz, darf ich dir ein paar Fragen stellen? – Klar! – freute sich das Mädchen sichtlich, dass Papa endlich Zeit hatte. – Versprich mir nur, dass du ehrlich antwortest! Ich spreche jetzt mit dir wie mit einer Großen. – So wie mit deinen Kollegen im Büro? – Ganz genau. Sie nickte eifrig. Das ernste Gespräch mit Papa freute sie und sie lauschte gespannt. – Sagt deine Mama dir manchmal, du warst schlimm? Hat sie dich in der letzten Woche geschlagen oder geohrfeigt? Das Mädchen senkte verlegen den Blick, fummelte nervös am Saum ihres Kleides. – Was erlaubst du dir da?! – schrie Nadja. – Bist du völlig verrückt geworden? Lass das Kind aus dem Spiel! – Schweig, Nadja. Ich spreche mit unserer Tochter, – wies Leonhard sie scharf zurück und strich dem Mädchen über den Kopf. – Keine Angst, Ira, versprochen, du antwortest ehrlich? Sie nickte und in ihren Augen standen Tränen. Sie klammerte sich an ihren Vater und flüsterte: – Ja, sie hat mich dreimal geohrfeigt! Für eine Drei, dann für verschüttete Milch. Und das dritte Mal, weil ich Onkel Andreas angeschrien habe. Sie hat ihn geküsst, als du auf Geschäftsreise warst. – Nun, weine nicht, Kindchen. Ich bin jetzt da, ich schütze dich. Mama wird dir jetzt nichts mehr tun. – Sie lügt alles! – rief Nadja. – Ich habe sie nie angerührt… – Also möchtest du Wohnung und Auto angeblich für’s Wohl unserer Tochter? – fragte Leonhard listig. – Ira, beantwortest du mir noch eine Frage? – Okay… – Wenn du dir aussuchen könntest, bei wem du wohnen willst – bei mir oder bei Mama – für wen würdest du dich entscheiden? Ira schwieg. Ihre Blicke wanderten zwischen Vater und Mutter. Nadja versuchte mit Streicheln und ausgestreckten Armen, das Kind zu sich zu holen. – Versprichst du, dass du nicht mehr so lange verreist? – Versprochen! – antwortete Leonhard ohne zu zögern. – Dann will ich bei dir bleiben, Papa. – Was?! – schrie Nadja und wollte nach dem Kind schlagen, doch Leonhard zog seine Tochter fest an sich und stellte sich schützend vor sie. Andreas, der die ganze Zeit im Hintergrund gestanden hatte, schwieg. – So, Nadja, das war’s. Du wirst sie nicht wiedersehen, – sagte Leonhard ruhig und ging mit seiner Tochter ins Kinderzimmer. Wenig später half er Ira, ihre Sachen zu packen. Zum Glück war seine Dienstreisetasche schon bereit. Leonhard zog mit Ira in ein Hotel auf der anderen Seite der Stadt, das er oft für Geschäftsreisen gebucht hatte. … Einige Monate später fand die Gerichtsverhandlung statt. Da Nadja und ihr neuer Partner weder ein festes Einkommen noch eine eigene Wohnung oder Möglichkeiten zur Kindererziehung hatten, entschied der Richter, dass Ira beim Vater bleiben sollte. Vor allem auch, weil das Mädchen ausdrücklich beim Vater bleiben wollte. Leonhard teilte die Wohnung wie vorgesehen, verkaufte seinen Anteil und ließ seiner Tochter Kontakt zur Mutter an den Wochenenden; wohnen aber tat sie nun bei ihm in einer neuen Wohnung. Leonhard stellte seinen Arbeitsrhythmus komplett um, um mehr Zeit für Ira zu haben. Lange Geschäftsreisen waren nun passé. Ira lächelte wieder häufiger – und das war mehr wert als jedes Geld und jede Karriere… Schreibt in die Kommentare: Was denkt ihr darüber? Gebt ein Like!

Annemarie, ich bin zuhause los, empfange mich mit Applaus!

W-Wolfgang?! Was machst du denn so früh hier? Du wolltest doch erst in drei Tagen zurückkommen…

Eine Frau um die dreißig kam hastig in den Flur, wickelte sich dabei ungeschickt in einen seidigen Morgenmantel und sah ihren Gatten auf der Türschwelle verwirrt an.

Ich wollte dich überraschen, Annemarie. Scheint, es hat geklappt! Oder freust du dich nicht? Wolfgang, ein großer, breitschultriger Bursche, grinste über beide Backen, ganz stolz auf seinen gelungenen Auftritt.

Klar freue ich mich! Geh gleich in die Küche, ich wärme das Essen auf.

Sichtlich zufrieden nickte Wolfgang seiner Frau zu und marschierte in Richtung Küche. Dort erwartete ihn bereits ein gedeckter Tisch: frische Erdbeeren, eine Tafel Lindt-Schokolade, ein Abendessen direkt aus dem Ofen… Fast als hätte Annemarie das alles für ihn vorbereitet.

Na, Annemarie, das nenn ich mal einen Service! Wie hast du bloß geahnt, dass ich heimkomme? Du bist wirklich hellsichtig!

Er häufte sich eine ordentliche Portion auf den Teller und begann, mit Appetit zu essen. Die Frau ließ sich erstmal nicht blicken. “Bestimmt sucht sie im Schrank noch ein Kleid raus für ihren Liebsten!”, dachte Wolfgang, ganz gerührt ob des vermeintlichen Liebesbeweises.

Wolfgang, ich… wir müssen reden…

Annemarie, dein Braten ist sensationell! Und der Salat, die Pfannkuchen… Da leckt man sich die Finger! Und dann stand plötzlich Matthias im Türrahmen.

Wolfgang drehte sich um und sah seine Annemarie, die am Arm seinen eigenen Bruder Matthias festhielt. Matthias trug Shorts und ein altes T-Shirt und rieb sich die Stirn, als hätte man ihn eben aus dem Tiefschlaf gezerrt. Annemarie blickte betreten zu Boden.

Ja, Wolfi, ich halt. Hallo, Bruder…

Guten Tag. So, und jetzt erklärt mir bitte mal jemand, was hier los ist. Wobei… ich kanns mir denken.

Wolfgang, ich… Ich wollte es dir schon lange sagen. Ich liebe deinen Bruder Matthias. Und ich will nur mit ihm zusammen sein. Es tut mir leid. Annemarie sprudelte die Worte in einem Rutsch heraus, Augenkontakt vermied sie taktvoll.

Wolfgang ließ vor Schreck den Teller fallen. Porzellan und der Rest des Essens klapperten auf den Boden und rollten in alle Richtungen.

Heißt das, ihr… grade eben…

Ja. Wir waren tatsächlich eben zusammen.

Wunderbar, einfach traumhaft, Annemarie! Und du, Matthias, bist wohl der Held! Meine liebsten Leute… Jetzt verstehe ich auch, warum das Essen heute so vorzüglich war und SICHER NICHT für mich!

Annemarie wagte es nicht, ihn anzuschauen. Sie hatte das Gefühl, sobald sie ihm ins Gesicht sah, würde all ihr Mut zerbröseln.

Und Laura? Was machen wir mit unserer Tochter? Weiß sies?

Nein, sie… sie weiß nichts.

Und wo ist sie jetzt?

Beim Nachbarn, schaut Bibi Blocksberg.

Kommt das öfter vor dass du sie zum Nachbarn bringst?

Also, seit einem halben Jahr passiert das schon öfter…

Wolfgang gingen die Fragen aus. Auch die Gefühle. Die lange Zugfahrt hatte ihn erschöpft und Lärm schien plötzlich überflüssig. Von Natur aus war Wolfi nämlich eher ein ruhiger, friedlicher Typ, der selten lange auf jemanden böse blieb.

Aber wenns denn mal krachte, sollte man ihm lieber aus dem Weg gehen. Zum Glück kam das selten vor.

Diese Lage mit seinen beiden liebsten Menschen überforderte ihn dann aber doch kurzzeitig. Er blieb jedoch nur einen Moment perplex.

In zehn Minuten will ich hier keinen von euch mehr sehen. Die Uhr läuft. verkündete Wolfgang, den Tee in der Hand. Seinen Bruder würdigte er keines Blickes.

Was Annemarie bloß an dem Kerl findet? Sehen doch gleich aus die gleiche krumme Nase, sogar die Leberflecken am Ohr sind identisch… Arbeiten will er nicht, denken kann er nicht, fürs Leben taugt er nicht. Soll sie halt mit ihm glücklich werden oder auch nicht! dachte Wolfgang und trank weiter.

Ich gehe nicht, bevor ich deine Zustimmung habe, maulte Matthias jetzt.

Und welche Zustimmung willst du?

Deine für die Scheidung… Lass Annemarie gehen, sie liebt dich nicht mehr!

Seh ich ja, wen meine Frau liebt… Wolfgang grinste. Ihr wollt die Scheidung? Die gibt’s aber schön offiziell, vor Gericht! Bin schon gespannt, wie viel ihr für Anwälte raushaut.

Wolfgang… Annemarie setzte mit ihrem süßesten Blick an und legte ihm die Hand ans Handgelenk. Bitte, lass es uns friedlich klären. Sei nicht so, du bist doch sonst immer fair…

Wolfgang zuckte mit den Schultern.

Von mir aus. Aber Bruder bist du mir nicht mehr, Matthias!

Wir… ähm… hätten da noch eine Bitte…

Na, was denn?

Lass mir nach der Scheidung die Wohnung, Wolfgang! Annemarie setzte ihr gewinnendstes Lächeln auf und streichelte weiter seinen Arm.

Die Laura hängt so an diesem Viertel, sie hat all ihre Freunde da… Und wenn wir die Wohnung teilen müssten, könnten wir uns keine andere leisten, müssten zurück aufs Land zu meinen Eltern…

Wolfgang legte das Kinn auf die verschränkten Hände und dachte nach. Annemarie, die seine Nachdenklichkeit bemerkte, legte noch einen drauf:

Wolfgang, mein Sonnenschein… Schenk wenigstens Laura die Wohnung. Du bist eh ein Macher, mit deinem Gehalt kaufst du dir eh locker noch drei andere! Bitte, sie ist deine einzige Tochter, tu das ihr zuliebe…

Ist ja gut, Annemarie, Wolfgang bremste sie ab. Ich hab da eine bessere Idee.

Und was für eine? fragte Annemarie erwartungsvoll. Willst du uns etwa auch den Golf lassen? Laura würde ausflippen vor Glück…

Laura bleibt bei mir wohnen.

Bitte was?! Annemarie glaubte ihren Ohren nicht. Dir ist wohl dein Kaffee auf den Kopf gestiegen? Mit Kindern hast du’s doch gar nicht, immer nur auf Dienstreise… Laura weiß doch gar nicht mehr, wie du heißt!

Das finden wir gleich mal raus, sagte Wolfgang und stampfte zur Tür.

Wenige Minuten später kam er zurück, die zehnjährige Laura an der Hand, die eben in die vierte Klasse gekommen war. Sie klammerte sich an seine Hand und strahlte über das ganze Gesicht.

Und warum bringst du sie her? Willst du, dass sie unsere Streiterei mitkriegt?! fauchte Annemarie.

Wolfgang antwortete nicht. Er setzte sich auf seinen Küchenstuhl, nahm Laura auf den Schoß und fragte:

Lauralein, darf ich dir ein paar Fragen stellen, mein Schatz?

Klaro! freute sich das Mädchen, ganz stolz auf die Aufmerksamkeit vom Papa.

Versprich mir, dass du ehrlich antwortest, ja? Wir quatschen jetzt wie Erwachsene miteinander.

Wie du das sonst mit den Männern im Büro machst?

Ganz genau.

Laura nickte. Sie war begeistert, dass Papa nun ganz ernst mit ihr sprach und war schon gespannt.

Sag mal, war Mama in letzter Zeit gemein zu dir? Hat sie dich diese Woche mal verhauen?

Laura wurde verlegen und schaute auf die Seite. Mit den Fingern zupfte sie an ihrem Kleid herum.

Was fällt dir bitte ein?! schimpfte Annemarie ungehalten. Bist du verrückt geworden? Lass sie zufrieden!

Sei ruhig, Annemarie. Ich rede mit meiner Tochter, schnitt Wolfgang das Wort ab und streichelte Laura über den Kopf. Keine Angst, Liebling. Du hast versprochen, du antwortest ehrlich, ja?

Laura nickte. Tränen traten ihr in die Augen. Sie umarmte ihren Papa fest und flüsterte in sein Hemd:

Ja, sie hat mich dreimal gehauen! Einmal wegen einer Drei in Mathe, dann wegen umgeschütteter Milch. Das dritte Mal, weil ich Onkel Matthias angeschrien hab. Sie hat mit ihm geknutscht, während du auf Geschäftsreise warst.

So, heul nicht, meine Kleine, alles ist gut! Wolfgang strich ihr beruhigend über den Kopf. Ich bin da, dir passiert nichts mehr.

Sie lügt doch! schrie Annemarie. Ich hab sie nie angefasst!

Ach, Annemarie, Wohnung und Auto wolltest du auch wegen “unserer Tochter”, was? fragte Wolfgang mit einem spitzbübischen Grinsen. Lauralein, darf ich dich noch eins fragen?

Ja…

Wenn du wählen könntest würdest du lieber bei mir oder bei Mama wohnen?

Laura schwieg. Sie blickte abwechselnd zu beiden Eltern. Annemarie streckte verzweifelt die Arme nach ihr aus.

Und, bleibst du dann auch wirklich hier, Papa? Fährst du nicht wieder monatelang weg?

Ich schwör’s, Liebling! antwortete Wolfgang prompt.

Dann will ich bei dir wohnen, Papa.

Unverschämtheit! fauchte Annemarie und ging mit erhobenem Arm auf das Kind zu, doch Wolfgang schirmte Laura mit seinem Rücken ab. Matthias stand tatenlos da und schaute betreten in die Ecke.

So, Gespräch beendet. Annemarie, du wirst Laura so schnell nicht wiedersehen, sagte Wolfgang ruhig, packte Laura und ging in ihr Zimmer.

Kurz darauf half er ihr beim Packen. Zum Glück war seine Dienstreisetasche schon fertig. Die beiden fuhren in ein Hotel, das Wolfgang dienstlich kannte, am anderen Ende von München.

… Monate später dann die Gerichtsverhandlung. Da Annemarie und ihr “Neuer” weder festen Job noch Wohnung noch Erziehungskompetenz nachweisen konnten, entschied die Richterin, dass Laura beim Vater bleibt.

Und Laura wollte sowieso nur beim Papa wohnen.

Wolfgang teilte die Wohnung so wie geplant und verkaufte seinen Anteil. Kontakt zu Annemarie gab es nur noch an den Wochenenden, ansonsten lebte Laura bei ihm in der neuen Wohnung.

Wolfgang änderte seinen Arbeitspensum radikal. Keine dreimonatigen Dienstreisen mehr stattdessen Zeit für seine Tochter. Laura lachte wieder öfter, und das war für Wolfgang mehr wert als jede Beförderung oder Gehaltsscheck in Euro.

Und, was haltet ihr davon? Schreibt’s mal in die Kommentare und drückt ‘Gefällt mir’!

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Homy
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– Nadja, ich bin zu Hause, mach auf! – L-Lenni?! Du bist ja viel zu früh! Du wolltest doch erst in drei Tagen zurückkommen… Eine Frau um die dreißig erschien im Flur, zog sich hastig ihren Seidenmorgenmantel über und blickte verwirrt auf den Mann, der an der Tür stand. – Ich wollte dich überraschen, Nadja. Sieht so aus, als hätte es geklappt! Oder freust du dich nicht? – Ein großer, breitschultriger Mann lächelte zufrieden über den gelungenen Überraschungseffekt. – Doch, ich freue mich riesig! Geh schon mal in die Küche, ich wärme dir gleich das Essen auf. Glücklich nickte Leonhard seiner Frau zu und ging in Richtung Küche. Dort erwartete ihn schon ein reich gedeckter Tisch: frische Erdbeeren, Schokolade, warmes Abendessen direkt aus dem Ofen… Alles wie für ihn allein zubereitet. – Na, Nadja, du hast ja wieder gezaubert! Wie hast du bloß geahnt, dass ich komme? Du bist wirklich umsichtig! Er lud sich den Teller großzügig voll und begann zu essen. Seine Frau ließ sich weiterhin nicht blicken, aber er rief sie nicht – bestimmt zog sie noch ein schönes Kleid an, extra für ihren geliebten Mann. Sie wollte sich Mühe geben… – Leonhard, ich… Wir… – Mensch Nadja, das schmeckt ja wieder mal köstlich! Der Salat, die Pfannkuchen – zum Reinlegen… Andreas?! Leonhard drehte sich um und sah seine Frau Nadja, die sich beim Arm seines leiblichen Bruders Andreas eingehakt hatte. Sie schaute etwas schuldbewusst zu Boden, während Andreas, in Shorts und T-Shirt, sich verschlafen die Nase rieb, als hätte man ihn gerade geweckt. – Ja, Leonhard. Ich bin’s. Hallo, Bruder… – Guten Tag. Na fein, jetzt erklärt mir bitte, was hier los ist – obwohl, eigentlich ist das schon überflüssig… – Leonhard, ich… ich wollte es dir schon lange sagen. Ich liebe deinen Bruder Andreas und ich will nur mit ihm zusammen sein. Es tut mir leid – platzte Nadja heraus und blickte ihrem nun wohl ehemaligen Mann unter ausweichendem Blick entgegen. Beim Hören dieser Worte ließ Leonhard seinen Teller fallen. Das Geschirr samt Resten klirrte über den Boden. – Und ihr habt, wie ich verstehe… Gerade eben… – Ja. Wir waren gerade zusammen. – Na toll, Nadja! Und du, Andreas, auch nicht schlecht! Herrliche Überraschung, wirklich! Jetzt wird mir auch klar, warum du so ein tolles Abendessen gemacht hast… Und vor allem: für wen! Nadja wagte keinen Blick zu ihrem Mann. Sie fürchtete, dass all ihr Mut versiegt, sobald sie ihn ansah. – Und Ira? Was wird jetzt mit unserer Tochter? Weiß sie Bescheid? – Nein, sie… Sie weiß von nichts. – Und wo ist sie jetzt? – Bei der Nachbarin, sie schaut Zeichentrickfilme. – Ist das oft so? Gibst du sie häufig zu den Nachbarn ab? – Seit einem halben Jahr schon… Leonhards Fragen waren erschöpft. Ebenso seine Gefühle. Von der anstrengenden Rückreise müde sah er keinen Sinn, nun noch einen Skandal zu machen. Er war ohnehin ein ruhiger, ausgeglichener Mensch, das lange Schmollen lag ihm nicht. Aber wenn es einmal zu viel war, dann auch richtig – sagten zumindest die Leute. Doch das war mehr die Ausnahme als die Regel. Dass ausgerechnet zwei ihm so nahestehende Menschen ihm das antaten, verwirrte Leonhard zutiefst. Aber nur für einen Moment. – Ich will dich hier in zehn Minuten nicht mehr sehen. Die Zeit läuft – sagte Leonhard, während er an seinem Tee nippte, und würdigte seinen Bruder keines Blickes. – Und was fand Nadja bloß an ihm? Äußerlich sind wir identisch, sogar die Muttermale stimmen… Arbeiten mag er nicht, Grips hat er nicht… Sie wird mit ihm nur verlieren. Aber nun gut, ihre Entscheidung! – dachte Leonhard und trank weiter still seinen Tee. – Ich gehe nicht, solange ich deine Zustimmung nicht habe, – meldete sich plötzlich Andreas. – Und wozu? – Zur Scheidung… Lass Nadja gehen, sie liebt dich nicht mehr! – Das sehe ich, wem meine Frau ihr Herz schenkt… – Leonhard lächelte. – Ihr wollt die Scheidung? Ihr bekommt sie – aber nur über’s Gericht! Mal sehen, wieviel ihr bei den Anwälten lässt. – Leonhard … – Nadja legte ihre Hand auf sein Handgelenk. – Leonhard, bitte, lass uns friedlich auseinandergehen. Du bist kein schlechter Mensch, das weiß ich… Leonhard schüttelte den Kopf. – Gut, meinetwegen. Aber Bruder bist du mir nicht mehr, Andreas Valentinovich! – Wir… wollten dich noch um etwas bitten. – Na, was denn jetzt? – Lass mir nach der Scheidung die Wohnung, Leonhard! – Nadja lächelte betörend und strich weiterhin über sein Handgelenk. – Unsere Ira hängt so an diesem Zuhause, hat viele Freunde in der Schule… Wenn wir teilen müssen, können wir uns keine neue Wohnung leisten, müssten zurück ins Dorf… Leonhard legte sein Kinn auf die verschränkten Hände und dachte nach. Als Nadja seine Zweifel bemerkte, bettelte sie los: – Leonhard, mein Schatz… Schenk doch deiner Tochter die Wohnung. Du bist so fleißig, verdienst doch gutes Geld! Bitte, sie ist dein einziges Kind! Ich tu’s nur für sie… – Beruhige dich, Nadja, – unterbrach er sie. – Ich habe eine bessere Idee. – Und die wäre? – Nadja strahlte. – Möchtest du uns das Auto lassen? Das würde Ira sicher freuen… – Ira wird bei mir wohnen. – Was?! – Nadja traute ihren Ohren nicht. – Hast du was ins Teewasser bekommen? Mit Kindern kannst du doch gar nicht umgehen! Du bist ständig auf Geschäftsreisen… Sie weiß doch kaum, wie du heißt! – Das werden wir gleich prüfen, – meinte Leonhard und ging zur Tür. Wenige Minuten später kam er mit der Tochter an der Hand zurück. Ein zehnjähriges Mädchen, gerade ins vierte Schuljahr gewechselt, wich ihm nicht von der Seite und strahlte ihn freudig an. – Und warum hast du sie hergeholt? Willst du, dass sie Zeugin des Streits wird?! – fauchte Nadja. Doch Leonhard antwortete nicht. Er setzte sich auf denselben Küchenstuhl, nahm Ira auf den Schoß und begann mit ruhiger Stimme: – Ira, mein Schatz, darf ich dir ein paar Fragen stellen? – Klar! – freute sich das Mädchen sichtlich, dass Papa endlich Zeit hatte. – Versprich mir nur, dass du ehrlich antwortest! Ich spreche jetzt mit dir wie mit einer Großen. – So wie mit deinen Kollegen im Büro? – Ganz genau. Sie nickte eifrig. Das ernste Gespräch mit Papa freute sie und sie lauschte gespannt. – Sagt deine Mama dir manchmal, du warst schlimm? Hat sie dich in der letzten Woche geschlagen oder geohrfeigt? Das Mädchen senkte verlegen den Blick, fummelte nervös am Saum ihres Kleides. – Was erlaubst du dir da?! – schrie Nadja. – Bist du völlig verrückt geworden? Lass das Kind aus dem Spiel! – Schweig, Nadja. Ich spreche mit unserer Tochter, – wies Leonhard sie scharf zurück und strich dem Mädchen über den Kopf. – Keine Angst, Ira, versprochen, du antwortest ehrlich? Sie nickte und in ihren Augen standen Tränen. Sie klammerte sich an ihren Vater und flüsterte: – Ja, sie hat mich dreimal geohrfeigt! Für eine Drei, dann für verschüttete Milch. Und das dritte Mal, weil ich Onkel Andreas angeschrien habe. Sie hat ihn geküsst, als du auf Geschäftsreise warst. – Nun, weine nicht, Kindchen. Ich bin jetzt da, ich schütze dich. Mama wird dir jetzt nichts mehr tun. – Sie lügt alles! – rief Nadja. – Ich habe sie nie angerührt… – Also möchtest du Wohnung und Auto angeblich für’s Wohl unserer Tochter? – fragte Leonhard listig. – Ira, beantwortest du mir noch eine Frage? – Okay… – Wenn du dir aussuchen könntest, bei wem du wohnen willst – bei mir oder bei Mama – für wen würdest du dich entscheiden? Ira schwieg. Ihre Blicke wanderten zwischen Vater und Mutter. Nadja versuchte mit Streicheln und ausgestreckten Armen, das Kind zu sich zu holen. – Versprichst du, dass du nicht mehr so lange verreist? – Versprochen! – antwortete Leonhard ohne zu zögern. – Dann will ich bei dir bleiben, Papa. – Was?! – schrie Nadja und wollte nach dem Kind schlagen, doch Leonhard zog seine Tochter fest an sich und stellte sich schützend vor sie. Andreas, der die ganze Zeit im Hintergrund gestanden hatte, schwieg. – So, Nadja, das war’s. Du wirst sie nicht wiedersehen, – sagte Leonhard ruhig und ging mit seiner Tochter ins Kinderzimmer. Wenig später half er Ira, ihre Sachen zu packen. Zum Glück war seine Dienstreisetasche schon bereit. Leonhard zog mit Ira in ein Hotel auf der anderen Seite der Stadt, das er oft für Geschäftsreisen gebucht hatte. … Einige Monate später fand die Gerichtsverhandlung statt. Da Nadja und ihr neuer Partner weder ein festes Einkommen noch eine eigene Wohnung oder Möglichkeiten zur Kindererziehung hatten, entschied der Richter, dass Ira beim Vater bleiben sollte. Vor allem auch, weil das Mädchen ausdrücklich beim Vater bleiben wollte. Leonhard teilte die Wohnung wie vorgesehen, verkaufte seinen Anteil und ließ seiner Tochter Kontakt zur Mutter an den Wochenenden; wohnen aber tat sie nun bei ihm in einer neuen Wohnung. Leonhard stellte seinen Arbeitsrhythmus komplett um, um mehr Zeit für Ira zu haben. Lange Geschäftsreisen waren nun passé. Ira lächelte wieder häufiger – und das war mehr wert als jedes Geld und jede Karriere… Schreibt in die Kommentare: Was denkt ihr darüber? Gebt ein Like!
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