Familiengeheimnisse
Klara war gerade erst von ihrem letzten Flug zurückgekehrt. Sie eilte die Treppe zu ihrer Etage hinauf und blieb vor der Wohnungstür stehen, um kurz durchzuatmen. Bei dem Gedanken, wie sehr ihr Mann sich über ihre Rückkehr freuen würde, musste sie lächeln. Sie drückte auf die Klingel, doch niemand öffnete die Tür. Klara klingelte nochmals, überzeugt davon, dass ihr Mann Thomas fest schlief und nichts hörte. Niemand kam, also kramte sie in ihrer Handtasche nach ihrem Schlüssel und sperrte selbst auf.
Thomas, Liebling, ich bin zu Hause! Wo bist du denn?
Wohin konnte er denn so früh am Morgen gegangen sein? Normalerweise schlief er immer bis sieben, da er erst um neun zur Arbeit musste. Klara sah im Schlafzimmer nach, doch das Bett war gemacht. Auch die Küche glänzte. Im Kühlschrank lag unberührtes Essen, das sie vorbereitet hatte.
Ich versteh das nicht Hat Thomas etwa eine Affäre? Hat er etwa heimlich bei einer anderen übernachtet, während ich nicht in der Stadt war?
Ihr Herz zog sich schmerzhaft zusammen, Tränen schossen ihr in die Augen und es fühlte sich an, als hätte sie plötzlich einen bitteren Kloß im Hals, der ihr die Luft abschnitt. Sie ließ sich auf den Teppich im Wohnzimmer sinken und blickte traurig auf ihren Koffer. Darin lagen, gut verstaut, die Geschenke, die sie immer von ihren Reisen mitbrachte. Dieses Mal hatte sie ihm Rieslingschnaps aus der Pfalz besorgt und wie sie das nur durch die Kontrollen bekommen hatte, wusste wohl nur der liebe Gott. Plötzlich rappelte sie sich auf, wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und wählte Thomas Nummer. Sie war so aufgewühlt, dass sie ihm am liebsten alles an den Kopf geworfen hätte, doch das Handy war ausgeschaltet. Nur die Stimme des Anbieters wiederholte: Der Teilnehmer ist vorübergehend nicht erreichbar, bitte versuchen Sie es später noch einmal.
So habe ich dich nicht eingeschätzt. Selbst dein Handy hast du extra ausgeschaltet, damit dir bloß niemand dazwischenfunkten kann, murmelte sie.
Klara tigerte von Zimmer zu Zimmer, sprach mit sich selbst, wie sie es immer tat, wenn sie nervös oder wütend war. Nach dem langen Flug und der Unsicherheit war sie erschöpft. Sie setzte sich eine Tasse starken Kaffee auf, zündete sich eine Zigarette an die Gedanken rasten nur so. Immer wieder fragte sie sich: Wo habe ich den Fehler gemacht, dass Thomas so weit gehen konnte? In ihrem Kopf tauchten Erinnerungen auf: Das erste Kennenlernen, damals in der Werkstatt, als sie einen Ölwechsel bei ihrem Golf machen ließ. Thomas war verschmiert von der Arbeit, aber irgendetwas an ihm hatte die damals noch recht junge Stewardess direkt fasziniert und sie hatte ihm spontan ihre Visitenkarte gegeben. Am nächsten Abend rief Thomas tatsächlich an, und sie quatschten die ganze Nacht. Später erfuhr sie, dass Thomas als Heimkind im Berliner Umland aufgewachsen war und nach seiner Ausbildung direkt in der Autowerkstatt begann inzwischen war er seit zehn Jahren dort.
Auch sie selbst war in einem Kinderheim in Mecklenburg-Vorpommern groß geworden, kannte die Schattenseiten nur zu gut. Sie musste daran denken, wie der damalige Heimleiter sie als Vierzehnjährige missbrauchte, wie man ihn anzeigte und vor Gericht brachte. Sie wurde schwanger ein Kind von diesem Schwein und musste eine Abtreibung erleiden. Danach mied sie ältere Männer, fasste über Jahre kein Vertrauen mehr. Erst als die neue Heimleiterin kam, verbesserte sich alles: Sie schleppte Klara zu Psychologen, sprach mit ihr und verschaffte ihr nach dem Abschluss einen Platz an der Hochschule für Luftfahrt in Bremen. Heute war Klara Flugbegleiterin, hatte eine schicke Dreizimmerwohnung, einen neuen Audi alles, wovon sie nur hatte träumen können; aber privat war irgendwie alles kompliziert.
Mit ihrem ersten Freund war sie drei Jahre zusammen, doch als sie erfuhr, dass sie nach dem erzwungenen Abbruch keine Kinder mehr haben konnte, zerbrach die Beziehung. Sie brauchte lange, um wieder auf die Beine zu kommen, lernte schließlich Sebastian kennen, der sie auf Händen trug, aber dann stellte sich heraus, er war schon lange verheiratet. Also zog Klara selbst den Schlussstrich.
Sie schwor sich, nie wieder einen Mann an sich heranzulassen aber Thomas war irgendwie anders. Sie wagte den ersten Schritt, und sie wurden schnell ein Paar. Bereits nach einem Monat zogen sie zusammen. Vor einem Jahr heirateten sie standesamtlich in Potsdam ohne große Feier, aber Klara war glücklich, jetzt Frau eines bodenständigen, einfachen Mannes zu sein, der Familie und Geborgenheit zu schätzen wusste. Thomas musste man nichts zweimal sagen, er warf den Müll raus, putzte schon mal die Wohnung vor ihrer Rückkehr, organisierte das Abendessen, renovierte neulich sogar das Bad. An ihren freien Tagen spazierten sie viel gemeinsam durch den Tiergarten, und alles wirkte so, als könnten sie sich niemals gegenseitig überdrüssig werden. Doch jetzt war ihr Mann tatsächlich so weit gegangen, sie zu betrügen?
Klara stellte sich vor den Spiegel und betrachtete sich. Die Uniform saß wie angegossen, die langen braunen Haare ordentlich zurückgebunden, die großen blauen Augen machten sie fast schon puppenhaft hübsch. Nachdem sie sich umgezogen und die Uniform aufgehängt hatte, zog sie den Trainingsanzug an und ging hinaus. Irgendetwas brachte sie dazu, ins Auto zu steigen und zur Werkstatt zu fahren. Dort war Thomas aber nicht; die Kollegen sagten, er habe sich zwei Tage freigenommen, um Familienangelegenheiten zu regeln.
Solche Probleme hatte es bei ihnen nie gegeben, und Klara ahnte, dass irgendetwas im Busch war. Nach einer Runde durch die Stadt kehrte sie in die Wohnung zurück. Doch auch am Abend war Thomas wie vom Erdboden verschluckt. In der Nacht brachte sie kein Auge zu. Frühmorgens fuhr sie, ohne zu frühstücken, direkt zur Polizei und meldete Thomas als vermisst. Nach nur einem Tag kam die Nachricht: Thomas war in einen Verkehrsunfall verwickelt gewesen und lag jetzt im Kreiskrankenhaus.
Warum im Kreiskrankenhaus und nicht hier in Berlin? Die Ärztin erklärte ihr, der Unfall hätte direkt in der Nähe ihres kleinen Vorortes stattgefunden, daher wurden die Verletzten gleich dorthin gebracht. Während Klara noch über das Gesagte nachdachte, kam eine junge Frau auf sie zu, sichtlich gezeichnet vom Alkohol.
Bist du die Frau von Thommy?
Ja, und wer sind Sie?
Ich bin na ja, die Mutter seiner Tochter.
Das kann nicht sein!
Doch, klar kann das sein. Wir waren einmal verheiratet, bevor ich den Alkohol für mich entdeckte. Thommy mochte das nie, deswegen sind wir auseinander. Unsere Kleine lebt bei meiner Mutter beziehungsweise lebte. Thommy hat immer Geld geschickt, was er gerade beitragen konnte, aber jetzt ist meine Mutter gestorben. Niemand passt auf Marie auf. Und ich na ja Ich kann nicht, und mein neuer Freund will kein Kind, das nicht von ihm ist. Ich wollte Marie ins Heim geben, aber Thomas sagte: Nein, ich hole sie. Doch dann kam der Unfall Was soll ich jetzt machen? Wahrscheinlich bleibt mir nichts anderes als das Heim
Warten Sie! Bringen Sie das Mädchen bitte her. Wenn Thomas sie holen wollte, dann nehmen auch wir sie auf.
Wirklich? Bist du sicher, du ziehst das durch?
Ja, ich meine es ernst.
Die Frau eilte davon, und Klara ließ sich erschöpft auf den Stuhl im Flur sinken. So spielt das Schicksal: Sie selbst konnte keine Kinder haben, während andere nicht wussten, wie sie ein Kind loswerden könnten. Und Thomas? Ihn hatte sie zu Unrecht beschuldigt. Er hatte ihr nicht betrogen aber warum hatte er ihr nie von seiner ersten Ehe und von seiner Tochter erzählt? Klara wusste: Es würde nun viel zu tun geben, sie musste das fremde, ungewollte Kind kennenlernen, Thomas würde eine lange Reha brauchen. Doch sie glaubte fest daran, dass sie es schaffen würden. Das Mädchen würde sie wie eine eigene Tochter großziehen, und Thomas würde sie wieder auf die Beine bringen. Es würde alles gut werden, Hauptsache, ab jetzt gibt es keine Geheimnisse mehr in ihrer Familie.





