Familiäre Geheimnisse Als Alisa nach einem weiteren Flug zurückkehrte, eilte sie schnell in ihre Wohnung im Münchner Stadtteil Schwabing. Vor der Tür hielt sie einen Moment inne, holte tief Luft und stellte sich vor, wie sehr sich ihr Mann freuen würde. Doch als sie klingelte, blieb die Tür verschlossen – keine Reaktion. Wieder und wieder drückte sie auf die Klingel, überzeugt davon, dass Nikolai tief und fest schlief, so wie stets vor seinem Arbeitsbeginn um neun. Doch niemand öffnete. Nach einigem Suchen fand sie ihren Schlüssel ganz unten in ihrer schicken Handtasche und schloss selbst auf. „Niko, ich bin zuhause! Wo bist du, Liebling?“ Wo konnte er nur so früh am Morgen sein? Normalerweise schlief er bis sieben Uhr, die Küche war blitzblank, und auch das von ihr vorbereitete Essen lag unberührt im Kühlschrank. „Ich verstehe gar nichts mehr… Betrügt Niko mich etwa? Hat er vielleicht, während ich dienstlich unterwegs war, bei einer anderen Frau gewohnt?“ Alisas Herz schnürte sich bei diesen Gedanken schmerzhaft zusammen. Tränen traten ihr in die Augen, ein bitterer Kloß lag ihr im Hals. Sie ließ sich erschöpft aufs Parkett im Wohnzimmer sinken und betrachtete ihren Koffer. Darin, irgendwo zwischen Sommerkleidern und Kosmetika, verbargen sich kleine Mitbringsel für Niko – wie jedes Mal, wenn sie ihn nach einem Flug überraschte. Diesmal hatte sie sogar Sake besorgt, der unter Stewardessen als „Einfuhrkunststück“ galt. Plötzlich sprang sie auf, wischte sich mit einer Hand die Tränen ab und rief ihren Mann an, fest entschlossen, ihm endlich alles zu sagen, was sie über ihn dachte. Aber das Handy-Display blieb stumm – die automatische Ansage der Telekom wiederholte monoton: „Der Teilnehmer ist vorübergehend nicht erreichbar. Bitte versuchen Sie es später erneut.“ „Aha… Damit hatte ich wirklich nicht gerechnet. Du hast sogar dein Handy ausgeschaltet, damit dich bloß niemand stören kann…“ Wütend tigerte Alisa durch die Dreizimmerwohnung, schimpfte halblaut vor sich hin – eine Angewohnheit, wenn sie überfordert oder aufgebracht war. Müde vom Langstreckenflug, machte sie sich einen starken Kaffee, zündete sich eine Zigarette an und ließ die Gedanken kreisen. Was war bloß schiefgelaufen? Wo hatte sie einen Fehler gemacht? Vor ihrem inneren Auge tauchten Szenen aus ihrer gemeinsamen Münchner Zeit auf: Ihr erster Besuch in der Kfz-Werkstatt, wo Nikolai – damals noch Automechaniker im Blaumann – ihr gleich auffiel. Trotz Ölflecken und ruppigem Charme hatte irgendetwas die junge Lufthansa-Stewardess verzaubert, sie reichte ihm spontan ihre Visitenkarte. Nikolai – ein Waisenjunge, wie sie selbst. Nach Abschluss der Berufsschule steckte er all seine Kraft in den Job in Schwabing, hielt sich über Wasser und arbeitete schon fast ein Jahrzehnt im gleichen Betrieb. Alisa konnte das Leben im Heim nachempfinden; ihre eigene Kindheit – geprägt von schweren Missbrauchserfahrungen durch den Heimbetreiber – lag ihr noch immer schwer auf der Seele. Mit vierzehn hatte sie eine Abtreibung machen müssen; der Heimleiter kam vor Gericht. Die neue Heimleiterin kümmerte sich um das Mädchen, schickte sie zu Psychologen und unterstützte sie nach dem Jugendheim bei der Bewerbung für die Hochschule für Luftfahrt in Hamburg. Heute, als Stewardess mit Altbauwohnung, schickem Audi und scheinbar erfülltem Leben, fühlte sich Alisa nur in Liebesdingen orientierungslos. Dreieinhalb Jahre lebte sie mit ihrer ersten großen Liebe zusammen, doch nach dem erfahrenen Trauma lautete die Diagnose: Sie würde ihren Kinderwunsch begraben müssen. Später begegnete ihr Pavel, ein charmanter, fürsorglicher Mann – bis sie herausfand, dass er längst verheiratet war. Alisa schwor sich, allen Männern künftig zu widerstehen. Wäre da nur nicht Nikolai gewesen, zu dem sie erstmals von sich aus Kontakt suchte. Nach einem Monat waren sie ein Paar, nach einem weiteren zogen sie zusammen; ein halbes Jahr später meldeten sie sich auf dem Standesamt in München an. Die Hochzeit war klein, aber Alisa glücklich: Endlich ein verlässlicher, bodenständiger Mann, der Wert auf Zuhause und Familie legte, ihr das Leben angenehm machte, sogar den Müll rausbrachte und neulich das Badezimmer eigenhändig renoviert hatte. An freien Tagen schlenderten sie gemeinsam durchs Univiertel oder machten Ausflüge in den Englischen Garten. Sie waren ein Herz und eine Seele – bis Alisa an dem Morgen nach dem Flug die Welt nicht mehr verstand und Schlimmes befürchtete. Sie musterte ihr Spiegelbild: Die makellos sitzende Uniform, die langen, kastanienbraunen Haare, die azurblauen Augen – nach außen schien alles perfekt. Sie wechselte in einen sportlichen Freizeit-Look und fuhr, scheinbar ziellos, zur Werkstatt in Schwabing. Dort war Niko nicht, aber seine Kollegen erklärten, dass er spontan zwei Tage freigenommen hatte, „wegen Familienangelegenheiten“. „Familienangelegenheiten?“ – In ihrer Ehe gab es nie solche Probleme! Alisa fuhr noch ein wenig durch die Stadt, kehrte aber schließlich ratlos heim. Kein Anruf, keine Nachricht – selbst gegen Abend blieb Nikos Platz leer. Alisa wurde panisch. Nach einer schlaflosen Nacht ging sie direkt zur Polizei in der Maxvorstadt und meldete ihren Mann als vermisst. Schon nach einem Tag fand man ihn – doch von da an nahm alles eine Wendung, die Alisa wie einen Albtraum erlebte. Nikolai war in einen Autounfall geraten und lag im Krankenhaus in Haar. Warum hatte man ihn nicht in die Klinik Innenstadt gebracht? Die Ärztin erklärte ihr, der Unfall habe sich in der Nähe des Münchner Stadtrands ereignet – deshalb sei er nach Haar gebracht worden. Erschöpft ließ sich Alisa im Flur nieder – da trat eine junge Frau auf sie zu, leicht verwahrlost und mit rauer Stimme. „Bist du die Frau von Niko?“ „Ja. Und Sie sind…?“ „Ich… Ich bin die Mutter seiner Tochter.“ „Das kann doch nicht sein!“ „Und ob. Wir waren verheiratet, aber er kam mit meiner Alkoholkrankheit nicht klar. Die Kleine habe ich damals meiner Mutter gelassen und bin nach Berlin gegangen. Mein neuer Freund will das Kind nicht aufziehen, Nikos Mutter ist tot, und Niko hat mir das Versprechen abgenommen, die Kleine nicht ins Kinderheim zu geben. Jetzt ist er im Krankenhaus… Ich sehe keine andere Lösung als das Jugendamt.“ „Warten Sie, holen Sie das Mädchen! Wenn Niko die Kleine zu sich nehmen wollte, dann machen wir das auch.“ „Wirklich? Du wirst es nicht bereuen?“ „Ich werde es nicht bereuen.“ Die Frau rannte los, und Alisa sackte auf dem Stuhl zusammen. So konnte es also laufen: Sie selbst konnte keine Kinder bekommen, während andere ihre Kinder loswerden wollten. Zu Unrecht hatte sie Niko Untreue vorgeworfen – doch warum hatte er ihr nicht gleich von seiner ersten Ehe und dem Kind erzählt? Jetzt warteten große Aufgaben auf Alisa: Das erste Kennenlernen mit dem Mädchen, das in seinem kurzen Leben schon so viel Zurückweisung erfahren hatte, und eine lange Reha-Zeit für ihren Mann. Aber Alisa glaubte fest daran, dass sie es schaffen würde. Das Mädchen würde sie lieben wie ihr eigenes Kind, ihrem Mann würde sie beistehen. Hauptsache, es gab fortan keine weiteren Geheimnisse in ihrer Familie.

Familiengeheimnisse

Klara war gerade erst von ihrem letzten Flug zurückgekehrt. Sie eilte die Treppe zu ihrer Etage hinauf und blieb vor der Wohnungstür stehen, um kurz durchzuatmen. Bei dem Gedanken, wie sehr ihr Mann sich über ihre Rückkehr freuen würde, musste sie lächeln. Sie drückte auf die Klingel, doch niemand öffnete die Tür. Klara klingelte nochmals, überzeugt davon, dass ihr Mann Thomas fest schlief und nichts hörte. Niemand kam, also kramte sie in ihrer Handtasche nach ihrem Schlüssel und sperrte selbst auf.

Thomas, Liebling, ich bin zu Hause! Wo bist du denn?

Wohin konnte er denn so früh am Morgen gegangen sein? Normalerweise schlief er immer bis sieben, da er erst um neun zur Arbeit musste. Klara sah im Schlafzimmer nach, doch das Bett war gemacht. Auch die Küche glänzte. Im Kühlschrank lag unberührtes Essen, das sie vorbereitet hatte.

Ich versteh das nicht Hat Thomas etwa eine Affäre? Hat er etwa heimlich bei einer anderen übernachtet, während ich nicht in der Stadt war?

Ihr Herz zog sich schmerzhaft zusammen, Tränen schossen ihr in die Augen und es fühlte sich an, als hätte sie plötzlich einen bitteren Kloß im Hals, der ihr die Luft abschnitt. Sie ließ sich auf den Teppich im Wohnzimmer sinken und blickte traurig auf ihren Koffer. Darin lagen, gut verstaut, die Geschenke, die sie immer von ihren Reisen mitbrachte. Dieses Mal hatte sie ihm Rieslingschnaps aus der Pfalz besorgt und wie sie das nur durch die Kontrollen bekommen hatte, wusste wohl nur der liebe Gott. Plötzlich rappelte sie sich auf, wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und wählte Thomas Nummer. Sie war so aufgewühlt, dass sie ihm am liebsten alles an den Kopf geworfen hätte, doch das Handy war ausgeschaltet. Nur die Stimme des Anbieters wiederholte: Der Teilnehmer ist vorübergehend nicht erreichbar, bitte versuchen Sie es später noch einmal.

So habe ich dich nicht eingeschätzt. Selbst dein Handy hast du extra ausgeschaltet, damit dir bloß niemand dazwischenfunkten kann, murmelte sie.

Klara tigerte von Zimmer zu Zimmer, sprach mit sich selbst, wie sie es immer tat, wenn sie nervös oder wütend war. Nach dem langen Flug und der Unsicherheit war sie erschöpft. Sie setzte sich eine Tasse starken Kaffee auf, zündete sich eine Zigarette an die Gedanken rasten nur so. Immer wieder fragte sie sich: Wo habe ich den Fehler gemacht, dass Thomas so weit gehen konnte? In ihrem Kopf tauchten Erinnerungen auf: Das erste Kennenlernen, damals in der Werkstatt, als sie einen Ölwechsel bei ihrem Golf machen ließ. Thomas war verschmiert von der Arbeit, aber irgendetwas an ihm hatte die damals noch recht junge Stewardess direkt fasziniert und sie hatte ihm spontan ihre Visitenkarte gegeben. Am nächsten Abend rief Thomas tatsächlich an, und sie quatschten die ganze Nacht. Später erfuhr sie, dass Thomas als Heimkind im Berliner Umland aufgewachsen war und nach seiner Ausbildung direkt in der Autowerkstatt begann inzwischen war er seit zehn Jahren dort.

Auch sie selbst war in einem Kinderheim in Mecklenburg-Vorpommern groß geworden, kannte die Schattenseiten nur zu gut. Sie musste daran denken, wie der damalige Heimleiter sie als Vierzehnjährige missbrauchte, wie man ihn anzeigte und vor Gericht brachte. Sie wurde schwanger ein Kind von diesem Schwein und musste eine Abtreibung erleiden. Danach mied sie ältere Männer, fasste über Jahre kein Vertrauen mehr. Erst als die neue Heimleiterin kam, verbesserte sich alles: Sie schleppte Klara zu Psychologen, sprach mit ihr und verschaffte ihr nach dem Abschluss einen Platz an der Hochschule für Luftfahrt in Bremen. Heute war Klara Flugbegleiterin, hatte eine schicke Dreizimmerwohnung, einen neuen Audi alles, wovon sie nur hatte träumen können; aber privat war irgendwie alles kompliziert.

Mit ihrem ersten Freund war sie drei Jahre zusammen, doch als sie erfuhr, dass sie nach dem erzwungenen Abbruch keine Kinder mehr haben konnte, zerbrach die Beziehung. Sie brauchte lange, um wieder auf die Beine zu kommen, lernte schließlich Sebastian kennen, der sie auf Händen trug, aber dann stellte sich heraus, er war schon lange verheiratet. Also zog Klara selbst den Schlussstrich.

Sie schwor sich, nie wieder einen Mann an sich heranzulassen aber Thomas war irgendwie anders. Sie wagte den ersten Schritt, und sie wurden schnell ein Paar. Bereits nach einem Monat zogen sie zusammen. Vor einem Jahr heirateten sie standesamtlich in Potsdam ohne große Feier, aber Klara war glücklich, jetzt Frau eines bodenständigen, einfachen Mannes zu sein, der Familie und Geborgenheit zu schätzen wusste. Thomas musste man nichts zweimal sagen, er warf den Müll raus, putzte schon mal die Wohnung vor ihrer Rückkehr, organisierte das Abendessen, renovierte neulich sogar das Bad. An ihren freien Tagen spazierten sie viel gemeinsam durch den Tiergarten, und alles wirkte so, als könnten sie sich niemals gegenseitig überdrüssig werden. Doch jetzt war ihr Mann tatsächlich so weit gegangen, sie zu betrügen?

Klara stellte sich vor den Spiegel und betrachtete sich. Die Uniform saß wie angegossen, die langen braunen Haare ordentlich zurückgebunden, die großen blauen Augen machten sie fast schon puppenhaft hübsch. Nachdem sie sich umgezogen und die Uniform aufgehängt hatte, zog sie den Trainingsanzug an und ging hinaus. Irgendetwas brachte sie dazu, ins Auto zu steigen und zur Werkstatt zu fahren. Dort war Thomas aber nicht; die Kollegen sagten, er habe sich zwei Tage freigenommen, um Familienangelegenheiten zu regeln.

Solche Probleme hatte es bei ihnen nie gegeben, und Klara ahnte, dass irgendetwas im Busch war. Nach einer Runde durch die Stadt kehrte sie in die Wohnung zurück. Doch auch am Abend war Thomas wie vom Erdboden verschluckt. In der Nacht brachte sie kein Auge zu. Frühmorgens fuhr sie, ohne zu frühstücken, direkt zur Polizei und meldete Thomas als vermisst. Nach nur einem Tag kam die Nachricht: Thomas war in einen Verkehrsunfall verwickelt gewesen und lag jetzt im Kreiskrankenhaus.

Warum im Kreiskrankenhaus und nicht hier in Berlin? Die Ärztin erklärte ihr, der Unfall hätte direkt in der Nähe ihres kleinen Vorortes stattgefunden, daher wurden die Verletzten gleich dorthin gebracht. Während Klara noch über das Gesagte nachdachte, kam eine junge Frau auf sie zu, sichtlich gezeichnet vom Alkohol.

Bist du die Frau von Thommy?

Ja, und wer sind Sie?

Ich bin na ja, die Mutter seiner Tochter.

Das kann nicht sein!

Doch, klar kann das sein. Wir waren einmal verheiratet, bevor ich den Alkohol für mich entdeckte. Thommy mochte das nie, deswegen sind wir auseinander. Unsere Kleine lebt bei meiner Mutter beziehungsweise lebte. Thommy hat immer Geld geschickt, was er gerade beitragen konnte, aber jetzt ist meine Mutter gestorben. Niemand passt auf Marie auf. Und ich na ja Ich kann nicht, und mein neuer Freund will kein Kind, das nicht von ihm ist. Ich wollte Marie ins Heim geben, aber Thomas sagte: Nein, ich hole sie. Doch dann kam der Unfall Was soll ich jetzt machen? Wahrscheinlich bleibt mir nichts anderes als das Heim

Warten Sie! Bringen Sie das Mädchen bitte her. Wenn Thomas sie holen wollte, dann nehmen auch wir sie auf.

Wirklich? Bist du sicher, du ziehst das durch?

Ja, ich meine es ernst.

Die Frau eilte davon, und Klara ließ sich erschöpft auf den Stuhl im Flur sinken. So spielt das Schicksal: Sie selbst konnte keine Kinder haben, während andere nicht wussten, wie sie ein Kind loswerden könnten. Und Thomas? Ihn hatte sie zu Unrecht beschuldigt. Er hatte ihr nicht betrogen aber warum hatte er ihr nie von seiner ersten Ehe und von seiner Tochter erzählt? Klara wusste: Es würde nun viel zu tun geben, sie musste das fremde, ungewollte Kind kennenlernen, Thomas würde eine lange Reha brauchen. Doch sie glaubte fest daran, dass sie es schaffen würden. Das Mädchen würde sie wie eine eigene Tochter großziehen, und Thomas würde sie wieder auf die Beine bringen. Es würde alles gut werden, Hauptsache, ab jetzt gibt es keine Geheimnisse mehr in ihrer Familie.

Rate article
Homy
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!:

Familiäre Geheimnisse Als Alisa nach einem weiteren Flug zurückkehrte, eilte sie schnell in ihre Wohnung im Münchner Stadtteil Schwabing. Vor der Tür hielt sie einen Moment inne, holte tief Luft und stellte sich vor, wie sehr sich ihr Mann freuen würde. Doch als sie klingelte, blieb die Tür verschlossen – keine Reaktion. Wieder und wieder drückte sie auf die Klingel, überzeugt davon, dass Nikolai tief und fest schlief, so wie stets vor seinem Arbeitsbeginn um neun. Doch niemand öffnete. Nach einigem Suchen fand sie ihren Schlüssel ganz unten in ihrer schicken Handtasche und schloss selbst auf. „Niko, ich bin zuhause! Wo bist du, Liebling?“ Wo konnte er nur so früh am Morgen sein? Normalerweise schlief er bis sieben Uhr, die Küche war blitzblank, und auch das von ihr vorbereitete Essen lag unberührt im Kühlschrank. „Ich verstehe gar nichts mehr… Betrügt Niko mich etwa? Hat er vielleicht, während ich dienstlich unterwegs war, bei einer anderen Frau gewohnt?“ Alisas Herz schnürte sich bei diesen Gedanken schmerzhaft zusammen. Tränen traten ihr in die Augen, ein bitterer Kloß lag ihr im Hals. Sie ließ sich erschöpft aufs Parkett im Wohnzimmer sinken und betrachtete ihren Koffer. Darin, irgendwo zwischen Sommerkleidern und Kosmetika, verbargen sich kleine Mitbringsel für Niko – wie jedes Mal, wenn sie ihn nach einem Flug überraschte. Diesmal hatte sie sogar Sake besorgt, der unter Stewardessen als „Einfuhrkunststück“ galt. Plötzlich sprang sie auf, wischte sich mit einer Hand die Tränen ab und rief ihren Mann an, fest entschlossen, ihm endlich alles zu sagen, was sie über ihn dachte. Aber das Handy-Display blieb stumm – die automatische Ansage der Telekom wiederholte monoton: „Der Teilnehmer ist vorübergehend nicht erreichbar. Bitte versuchen Sie es später erneut.“ „Aha… Damit hatte ich wirklich nicht gerechnet. Du hast sogar dein Handy ausgeschaltet, damit dich bloß niemand stören kann…“ Wütend tigerte Alisa durch die Dreizimmerwohnung, schimpfte halblaut vor sich hin – eine Angewohnheit, wenn sie überfordert oder aufgebracht war. Müde vom Langstreckenflug, machte sie sich einen starken Kaffee, zündete sich eine Zigarette an und ließ die Gedanken kreisen. Was war bloß schiefgelaufen? Wo hatte sie einen Fehler gemacht? Vor ihrem inneren Auge tauchten Szenen aus ihrer gemeinsamen Münchner Zeit auf: Ihr erster Besuch in der Kfz-Werkstatt, wo Nikolai – damals noch Automechaniker im Blaumann – ihr gleich auffiel. Trotz Ölflecken und ruppigem Charme hatte irgendetwas die junge Lufthansa-Stewardess verzaubert, sie reichte ihm spontan ihre Visitenkarte. Nikolai – ein Waisenjunge, wie sie selbst. Nach Abschluss der Berufsschule steckte er all seine Kraft in den Job in Schwabing, hielt sich über Wasser und arbeitete schon fast ein Jahrzehnt im gleichen Betrieb. Alisa konnte das Leben im Heim nachempfinden; ihre eigene Kindheit – geprägt von schweren Missbrauchserfahrungen durch den Heimbetreiber – lag ihr noch immer schwer auf der Seele. Mit vierzehn hatte sie eine Abtreibung machen müssen; der Heimleiter kam vor Gericht. Die neue Heimleiterin kümmerte sich um das Mädchen, schickte sie zu Psychologen und unterstützte sie nach dem Jugendheim bei der Bewerbung für die Hochschule für Luftfahrt in Hamburg. Heute, als Stewardess mit Altbauwohnung, schickem Audi und scheinbar erfülltem Leben, fühlte sich Alisa nur in Liebesdingen orientierungslos. Dreieinhalb Jahre lebte sie mit ihrer ersten großen Liebe zusammen, doch nach dem erfahrenen Trauma lautete die Diagnose: Sie würde ihren Kinderwunsch begraben müssen. Später begegnete ihr Pavel, ein charmanter, fürsorglicher Mann – bis sie herausfand, dass er längst verheiratet war. Alisa schwor sich, allen Männern künftig zu widerstehen. Wäre da nur nicht Nikolai gewesen, zu dem sie erstmals von sich aus Kontakt suchte. Nach einem Monat waren sie ein Paar, nach einem weiteren zogen sie zusammen; ein halbes Jahr später meldeten sie sich auf dem Standesamt in München an. Die Hochzeit war klein, aber Alisa glücklich: Endlich ein verlässlicher, bodenständiger Mann, der Wert auf Zuhause und Familie legte, ihr das Leben angenehm machte, sogar den Müll rausbrachte und neulich das Badezimmer eigenhändig renoviert hatte. An freien Tagen schlenderten sie gemeinsam durchs Univiertel oder machten Ausflüge in den Englischen Garten. Sie waren ein Herz und eine Seele – bis Alisa an dem Morgen nach dem Flug die Welt nicht mehr verstand und Schlimmes befürchtete. Sie musterte ihr Spiegelbild: Die makellos sitzende Uniform, die langen, kastanienbraunen Haare, die azurblauen Augen – nach außen schien alles perfekt. Sie wechselte in einen sportlichen Freizeit-Look und fuhr, scheinbar ziellos, zur Werkstatt in Schwabing. Dort war Niko nicht, aber seine Kollegen erklärten, dass er spontan zwei Tage freigenommen hatte, „wegen Familienangelegenheiten“. „Familienangelegenheiten?“ – In ihrer Ehe gab es nie solche Probleme! Alisa fuhr noch ein wenig durch die Stadt, kehrte aber schließlich ratlos heim. Kein Anruf, keine Nachricht – selbst gegen Abend blieb Nikos Platz leer. Alisa wurde panisch. Nach einer schlaflosen Nacht ging sie direkt zur Polizei in der Maxvorstadt und meldete ihren Mann als vermisst. Schon nach einem Tag fand man ihn – doch von da an nahm alles eine Wendung, die Alisa wie einen Albtraum erlebte. Nikolai war in einen Autounfall geraten und lag im Krankenhaus in Haar. Warum hatte man ihn nicht in die Klinik Innenstadt gebracht? Die Ärztin erklärte ihr, der Unfall habe sich in der Nähe des Münchner Stadtrands ereignet – deshalb sei er nach Haar gebracht worden. Erschöpft ließ sich Alisa im Flur nieder – da trat eine junge Frau auf sie zu, leicht verwahrlost und mit rauer Stimme. „Bist du die Frau von Niko?“ „Ja. Und Sie sind…?“ „Ich… Ich bin die Mutter seiner Tochter.“ „Das kann doch nicht sein!“ „Und ob. Wir waren verheiratet, aber er kam mit meiner Alkoholkrankheit nicht klar. Die Kleine habe ich damals meiner Mutter gelassen und bin nach Berlin gegangen. Mein neuer Freund will das Kind nicht aufziehen, Nikos Mutter ist tot, und Niko hat mir das Versprechen abgenommen, die Kleine nicht ins Kinderheim zu geben. Jetzt ist er im Krankenhaus… Ich sehe keine andere Lösung als das Jugendamt.“ „Warten Sie, holen Sie das Mädchen! Wenn Niko die Kleine zu sich nehmen wollte, dann machen wir das auch.“ „Wirklich? Du wirst es nicht bereuen?“ „Ich werde es nicht bereuen.“ Die Frau rannte los, und Alisa sackte auf dem Stuhl zusammen. So konnte es also laufen: Sie selbst konnte keine Kinder bekommen, während andere ihre Kinder loswerden wollten. Zu Unrecht hatte sie Niko Untreue vorgeworfen – doch warum hatte er ihr nicht gleich von seiner ersten Ehe und dem Kind erzählt? Jetzt warteten große Aufgaben auf Alisa: Das erste Kennenlernen mit dem Mädchen, das in seinem kurzen Leben schon so viel Zurückweisung erfahren hatte, und eine lange Reha-Zeit für ihren Mann. Aber Alisa glaubte fest daran, dass sie es schaffen würde. Das Mädchen würde sie lieben wie ihr eigenes Kind, ihrem Mann würde sie beistehen. Hauptsache, es gab fortan keine weiteren Geheimnisse in ihrer Familie.
Der Weg zu einem neuen Leben nach schweren Prüfungen