Ich bin 47 Jahre alt. Seit mittlerweile 15 Jahren habe ich als persönlicher Fahrer eines hochrangigen Managers in einem großen Technologieunternehmen in München gearbeitet. Die ganze Zeit über hat er sich korrekt mir gegenüber verhalten: Gute Bezahlung, sämtliche Zulagen, Sozialleistungen und sogar gelegentliche Sonderprämien landeten zuverlässig auf meinem Konto. Ich habe ihn überall hingefahren zu Meetings, zum Flughafen, zu Geschäftsessen und Familienfeiern.
Dank dieses Jobs lebte meine Familie entspannt. Ich konnte meinen drei Kindern eine solide Ausbildung ermöglichen, ein kleines Häuschen im Münchner Umland auf Kredit kaufen und wir mussten nie auf etwas verzichten.
Letzten Dienstag sollte ich meinen Chef zu einem sehr wichtigen Termin in einem noblen Hotel chauffieren. Wie immer stand ich geschniegelt im Anzug vor dem Haus, das Auto blitzblank, selbstverständlich pünktlich.
Auf dem Weg erzählte er mir, wie unglaublich wichtig dieses Treffen sei internationale Gäste, alles auf dem Spiel. Er bat mich, auf dem Parkplatz zu warten, weil das Gespräch sich ziehen könnte.
Kein Problem, sagte ich, ich würde warten, solange es nötig sei.
Das Meeting begann am frühen Morgen. Ich blieb im Wagen und döste etwas. Der Mittag kam, der Nachmittag verging, mein Chef war weiterhin wie vom Erdboden verschluckt. Ich schickte ihm eine SMS, ob alles in Ordnung sei oder er etwas brauche. Seine Antwort: Alles bestens, noch eine Stunde, bitte.
Bald wurde es Abend. Der Magen knurrte zwar, aber ich blieb standhaft aussteigen wäre riskant, falls mein Chef plötzlich vor der Tür stünde.
Gegen halb neun abends kam er endlich aus dem Hotel nicht allein, sondern in Begleitung der internationalen Gäste. Alle lachten, offensichtlich bestens gelaunt. Ich sprang heraus, öffnete galant die Tür.
Er sagte, ich solle sie noch zum Abendessen fahren. Höflich und routiniert bestätigte ich und brachte die Herren los.
Während der Fahrt unterhielten sich die Gäste auf Englisch. Über die Jahre hatte ich abends nach Dienstschluss Englisch gelernt, der Fortschritt kleiner als mein Bauchumfang, aber immerhin ich verstand jedes Wort.
Irgendwann fragte einer der Gäste, ob der Fahrer also ich tatsächlich den ganzen Tag gewartet hätte, und dass das ja große Loyalität zeige.
Mein Chef lachte, dann folgte der Stich ins Herz: Dafür bezahle ich ihn schließlich. Er ist eben nur Fahrer. Was soll er sonst schon Besseres tun?
Die anderen lachten herzlich.
Mir blieb ein Kloß im Hals, aber ich ließ mir nichts anmerken. Ich fuhr weiter, als hätte ich nichts gehört.
Als wir ankamen, informierte mich mein Chef, das Abendessen könne länger dauern und ich solle mir etwas zu essen suchen und in zwei Stunden wieder da sein. Ich bejahte ruhig.
Ich spazierte zu einem nahegelegenen Imbiss und schob mir eine Currywurst rein, aber in meinem Kopf hallten nur seine Worte: Nur Fahrer.
Fünfzehn Jahre Treue, frühes Aufstehen, endlose Wartezeiten Und das war ich für ihn? Einfach nur Fahrer?
Zwei Stunden später sammelte ich sie wieder ein und brachte mein Chef und seine Gäste zurück. Er war zufrieden das Meeting offenbar ein voller Erfolg.
Am nächsten Morgen wartete ich wie immer auf ihn. Er stieg ein, grüßte freundlich, sagte, ich solle ihn zum Büro bringen.
Auf dem Beifahrersitz lag bereits mein Kündigungsschreiben.
Er sah es, blickte verwirrt und fragte, was das sei.
Ich erklärte ihm, dass ich kündige respektvoll, aber entschlossen.
Er war überrascht, wollte wissen, ob ich mehr Geld wolle, oder ob sonst etwas passiert sei.
Ich entgegnete, es ginge nicht ums Geld, sondern darum, neue Wege zu gehen.
Er bohrte weiter nach. An der roten Ampel sah ich ihn an und sagte offen, dass er mich gestern einen nur Fahrer genannt habe, der eh nichts Besseres zu tun habe. Vielleicht hatte er ja recht jedenfalls für ihn. Aber ich wollte für jemanden arbeiten, der mich respektiert.
Er wurde kreidebleich.
Er versuchte sich rauszureden, unüberlegt, alles nicht so gemeint.
Ich erklärte, ich verstehe das, aber nach 15 Jahren reicht mir das als Klarstellung. Ich habe das Recht, dort zu arbeiten, wo ich als Mensch geschätzt werde.
Vor dem Büro flehte er mich an, meine Entscheidung zu überdenken. Er bot mir eine satte Gehaltserhöhung an. Ich lehnte freundlich ab. Sagte, dass ich selbstverständlich meine Kündigungsfrist einhalten würde.
Mein letzter Tag war schwer. Mehrmals versuchte er, mich doch noch umzustimmen mit noch besseren Konditionen. Aber mein Entschluss stand fest.
Heute arbeite ich an einem neuen Ort. Ich bekam einen Anruf: Man bot mir eine Position als Koordinator an, nicht als Fahrer! Höheres Gehalt, eigenes Büro, feste Arbeitszeiten und der Chef sagte explizit, dass er loyale und fleißige Leute schätze.
Ich sagte sofort zu.
Später bekam ich noch eine Nachricht von meinem alten Chef. Sinngemäß: Er hatte einen Fehler gemacht, ich sei mehr gewesen als einfach nur Fahrer auf mich konnte er sich immer verlassen. Er bat um Verzeihung.
Ich habe bisher nicht geantwortet.
Nun sitze ich im neuen Büro, fühle mich wertgeschätzt aber manchmal frage ich mich: Habe ich richtig gehandelt? Hätte ich einen zweiten Versuch geben sollen?
Manchmal reicht ein einziger Satz für fünf Sekunden, um eine 15 Jahre lang gewachsene Beziehung ins Wanken zu bringen.
Was glaubt ihr habe ich überreagiert, oder war es Zeit zu gehen?




