Ich weiß von deinen Eskapaden, sagte seine Frau. Dieter wurde schlagartig eiskalt.
Er zuckte nicht zusammen. Er wurde nicht bleich zumindest wirkte es so, obwohl sich in seinem Inneren alles zusammenknotete wie ein zerknüllter Zettel, den man ins Altpapier wirft. Er fror einfach ein.
Annegret stand am Herd, rührte in einem Topf. Ganz alltäglich Rücken zum Mann, Schürze mit kleinen Punkten, der Duft von gedünsteten Zwiebeln. Ein Stück heile Welt. Gemütlichkeit pur. Nur die Stimme, die klang wie eine Nachrichtensprecherin am Abend.
Dieter dachte kurz: Vielleicht hab ich mich verhört? Ging es vielleicht um Gurken vielleicht weiß sie ganz genau, wos die knackigsten gibt? Oder redet sie vom Nachbarn zwei Stockwerke über uns, der sein Auto verkauft?
Aber nein.
Von allen Eskapaden, wiederholte Annegret, ohne sich umzudrehen.
Jetzt wurde ihm wirklich kalt. Denn in ihrer Stimme war weder Hysterie noch Groll. Nichts von dem, was er immer gefürchtet hatte: Tränen, Vorwürfe, klirrendes Geschirr. Es war eine bloße Feststellung. So als hätte sie gesagt, die Milch sei alle.
Zweiundfünfzig Jahre hatte Dieter auf dem Buckel. Achtundzwanzig davon mit dieser Frau. Er kannte sie wie seinen Westentasche: das Muttermal auf ihrer linken Schulter, das Näschen, das sie rümpft, wenn sie die Suppe probiert, das tiefe Seufzen am frühen Morgen. Aber diesen Tonfall hatte er von ihr noch nie gehört.
Anni, hob er an, aber seine Stimme versagte.
Er räusperte sich, versuchte es noch mal.
Annegret, was meinst du damit?
Sie drehte sich um. Blickte ihn an lange, ruhig, als würde sie ihn zum allerersten Mal sehen. Oder vielleicht eher wie ein altes Familienfoto, auf dem man nichts mehr erkennen kann.
Sagen wir: von Heike. Deiner Buchhalterin. Das war 2018, wenn ich mich recht erinnere.
Dieter spürte, wie ihm der Boden unter den Füßen wegbrach. Jetzt wirklich und nicht bloß als Floskel: Er hing regelrecht in der Luft.
Gott. Heike?!
Das Gesicht fiel ihm kaum noch ein. Da war irgendwas gewesen bei der Weihnachtsfeier vielleicht? Oder nachher? Eine kurze Geschichte. Nichts Ernsthaftes. Er hatte sich damals fest vorgenommen: Nie wieder.
Und die Julia, fuhr Annegret unbeirrt fort. Die dich im Fitnessstudio angelächelt hat. Das war vor zwei Jahren.
Er öffnete den Mund. Schloß ihn wieder.
Woher wusste sie von Julia?!
Annegret schaltete den Herd aus. Zog die Schürze aus sorgfältig, ganz ruhig, faltete sie zusammen. Setzte sich an den Tisch.
Willst du wissen, wie ich es rausgefunden habe? fragte sie, oder ist dir wichtiger, warum ich so lange geschwiegen habe?
Dieter schwieg. Nicht, weil er nicht wollte er konnte schlichtweg nicht.
Das erste Mal, begann Annegret, ist mir das vor zehn Jahren aufgefallen. Du kamst häufiger später von der Arbeit. Besonders an Freitagen. Und dann warst du so heiter, federnd, und hast nach fremdem Parfüm gerochen.
Sie schmunzelte bitter, ohne Freude.
Erst dachte ich, ich bilde es mir ein. Vielleicht benutzt ja deine Kollegin im Büro ein neues Parfüm? Ich redete mir das einen Monat lang schön. Und dann hab ich einen Restaurantbeleg in deiner Jacke gefunden. Abendessen für zwei. Wein. Dessert. Du und ich waren da nie.
Dieter wollte was sagen sich rausreden, lügen, wie immer. Aber die Worte blieben irgendwo zwischen Magen und Hals stecken.
Weißt du, was ich gemacht hab? Annegret sah ihm in die Augen. Ich hab im Bad geheult. Dann das Gesicht gewaschen. Abendessen gekocht. Dich angelächelt, als du heimkamst. Unserer Tochter hab ich nichts erzählt. Sie war damals fünfzehn. Klausurenphase. Erste große Liebe. Warum sollte sie wissen, dass ihr Vater…
Sie brach ab. Wischte über den Tisch, als würde sie unsichtbaren Staub entfernen.
Ich dachte: Das steh ich durch. Das vergeht wieder. Männer eben Midlife-Crisis, Hormone, Dummheiten. Er kommt schon wieder zurück. Hauptsache die Familie bleibt.
Anni, würgte Dieter hervor.
Lass mich, schnitt sie ab. Ich möchte zu Ende reden.
Er schwieg.
Und dann kam Nummer zwei. Nummer drei. Nummer vier. Ich hab irgendwann aufgehört zu zählen. Dein Handy nie ein Passwort. Dachtest du, ich schau da nie rein? Ich hab die Nachrichten gelesen. Diese albernen SMS: Vermisse dich, Hasi, Du bist der Beste. Die Fotos gesehen, wie du lachst und sie im Arm hältst. Zum ersten Mal bebte ihre Stimme. Dann fasste sie sich wieder. Atmete tief durch.
Und immer hab ich mich gefragt: Warum tu ich mir das eigentlich an? Warum bleib ich bei einem Mann, der mich nicht liebt?
Ich liebe dich! platzte es aus Dieter heraus. Annegret, ich…
Nein, sagte sie entschlossen. Du liebst den Komfort. Die saubere Wohnung. Warmes Abendessen. Gebügelte Hemden. Eine Frau, die keine blöden Fragen stellt.
Sie stand auf. Ging ans Fenster. Schaute in die Dunkelheit.
Weißt du, wann ich mich entschieden hab? fragte sie, ohne sich umzudrehen. Letzten Monat. Unsere Tochter war übers Wochenende hier. Wir saßen in der Küche, tranken Tee. Da meint sie: Mama, du bist irgendwie anders. So ruhig. Wie neben dir. Und ich dachte: Mein Gott, sie hat recht. Ich bin tatsächlich nicht mehr ich. Ich lebe seit Jahren nicht mehr für mich.
Dieter betrachtete ihren Rücken aufrecht, angespannt und plötzlich dämmerte ihm: Er verliert sie. Nicht vielleicht. Wirklich. In diesem Moment.
Ich will mich nicht scheiden lassen, krächzte er. Annegret, bitte.
Doch, ich will. Die Papiere sind schon beim Amtsgericht. In einem Monat die Anhörung.
Aber warum? rief Dieter verzweifelt. Warum gerade jetzt?!
Annegret drehte sich um. Schaute ihn lange, ernst an. Und lächelte. Traurig.
Weil ich begriffen habe: Du hast mich nie betrogen, Dieter. Um jemanden zu betrügen, muss der dir wichtig sein. Ich war für dich einfach immer nur da. Wie die Luft.
Und das war die Wahrheit.
Dieter saß auf dem Sofa gekrümmt, in einem Rutsch um zehn Jahre gealtert. Annegret stand im Flur an der Tür. Dazwischen lagen achtundzwanzig Jahre Ehe, eine gemeinsame Tochter, eine Wohnung voller Erinnerungen. Und ein Abgrund. Riesig, unüberwindlich.
Du weißt schon, sagte er leise, dass ich ohne dich verloren bin.
Ach was, du wirst schon durchkommen, knurrte sie. Irgendwie.
Nein! Er sprang auf, ging zu ihr. Annegret, ich ändere mich! Ehrlich! Nie wieder…
Dieter, sie hob die Hand. Es geht nicht um die Affären. Wirklich nicht.
Um was dann?!
Sie schwieg eine Weile. Suchte Worte jene, die sie jahrelang nicht sagen konnte, aus Angst, zu wenig Mut oder weil sie nicht glaubte, ein Recht darauf zu haben.
Weißt du, wie es sich anfühlt? Jedes Mal, wenn du nach deinem nächten Abenteuer nach Hause kamst ich lag neben dir und fühlte mich wie Luft. Du hast dich nicht einmal Mühe gegeben, es zu verheimlichen! Handy offen liegen lassen, Hemden mit Lippenstiftkragen in die Wäsche. Du dachtest wohl, ich bin blöd. Oder blind.
Dieter zuckte, als hätte man ihn geohrfeigt.
Das wollte ich nie.
Nicht? Sie trat dicht zu ihm. Ihre Augen funkelten aber nicht vor Tränen. Vor Wut. Jahrelang aufgestaut und nun endlich draußen. Du hast schlicht nie an mich gedacht. Was dachtest du denn, wenn du eine andere geküsst hast? Wird schon keiner merken? Oder Ist doch egal?
Er schwieg.
Denn die Wahrheit war schlimmer.
Er hatte tatsächlich nie an sie gedacht. Überhaupt nicht. Annegret war einfach Teil seines Lebens. Er war überzeugt: Sie bleibt eh. Immer.
Du kamst heim von deinen Eskapaden und alles war normal. Schließlich war für dich die Welt in Ordnung. Frau da. Familie da. Alles beim Alten.
Sie drehte sich weg.
Nur ich war nicht da. In deiner Welt nicht.
Dieter ging einen Schritt auf sie zu, wollte sie am Arm berühren, festhalten.
Annegret wich zurück.
Lass, sagte sie erschöpft. Es ist zu spät.
Er griff nach ihren Händen.
Annegret, bitte! Gib mir noch eine Chance! Ich ändere mich! Versprochen!
Sie sah auf ihre verschränkten Finger. Auf sein Gesicht gequält, panisch. Und plötzlich begriff sie: Er hatte wirklich Angst. Aber nicht sie zu verlieren.
Er hatte Angst, alleine zu sein.
Weißt du, sagte sie leise, zog ihre Hände weg, ich hatte auch Angst. Allein zu sein. Ohne dich. Ohne das, was wir Familie nannten. Aber weißt du, was ich gemerkt habe?
Sie nahm Tasche und Schlüssel vom Tisch.
Ich bin längst allein. Schon lange. Neben dir aber allein.
Und sie ging zur Tür.
Drei Wochen später.
Dieter saß in der leeren Wohnung, seit Annegret sofort nach dem Gespräch zur Tochter gezogen war, und scrollte durch sein Handy. Heike aus der Buchhaltung. Julia vom Fitnessstudio. Zwei, drei weitere Namen, die mal was bedeuteten.
Er rief Julia an.
Aufgelegt.
Heike schrieb er gelesen, keine Antwort.
Die anderen waren noch nicht mal neugierig.
Verrückt solange er ein Mann mit Familie war, rannten sie ihm nach. Jetzt, wo er auf dem Papier frei war…
Will ihn keiner mehr.
Er saß da, auf diesem Sofa, in dieser plötzlich riesigen, fremden Wohnung, und fühlte sich mit zweiundfünfzig zum ersten Mal in seinem Leben wirklich einsam.
Er griff wieder zum Handy. Suchte Annegret. Starrte ewig auf das Display. Finger zitterten.
Tippte eine Nachricht. Löschte. Tippte wieder. Löschte.
Dann schrieb er einfach: Dürfte ich dich sehen?
Die Antwort kam nach einer Stunde: Warum?
Dieter überlegte. Was jetzt? Es tut mir leid? Zu spät. Komm zurück? Lächerlich. Ich habe mich verändert? Gelogen.
Er schrieb die Wahrheit:
Ich möchte alles von vorn beginnen. Dürfen wir das versuchen?
Drei wackelnde Punkte erschienen. Verschwanden. Tauchten wieder auf.
Dann kam die Antwort:
Komm am Samstag. Zur Tochter. Um zwei. Dann reden wir.
Dieter atmete auf.
Er wusste nicht, wie es weitergeht. Ob sie ihm vergibt. Ob sie je zurückkommt. Ob er diesen zweiten Versuch verdient hat.
Er blickte auf seinen Ehering.
Und zum ersten Mal seit Ewigkeiten war er bereit, ganz neu anzufangen.
Falls sie es zulässt.
Hätte Annegret ihre Augen vor Dieters Affären verschließen sollen? Hätte sie besser schon beim ersten Mal die Tür knallen sollen? Was meint ihr dazu?




