So ist das Leben
Die kleine Anneliese war das sehnlichst erwartete Kind ihrer Eltern. Doch die Schwangerschaft verlief schwierig, und das Mädchen kam viel zu früh auf die Welt. Sie lag im Brutkasten. Viele Organsysteme waren unreif. Beatmung. Zwei Operationen. Netzhautablösung.
Zweimal durften die Eltern nur zum Abschied zu ihr. Aber Anneliese hat überlebt.
Schnell aber zeigte sich, dass sie fast nichts sah und kaum hörte. Die motorische Entwicklung kam langsam in Gang Anneliese setzte sich hin, griff nach Spielzeug, lief dann an Möbeln entlang. Aber geistig tat sich wenig.
Anfangs hatten die Eltern noch Hoffnung kämpften gemeinsam. Doch der Vater verschwand irgendwann still und leise, und die Mutter, Frau Müller, kämpfte alleine weiter.
Sie organisierte irgendwann eine Krankenkassenbewilligung, mit dreieinhalb Jahren bekam Anneliese Cochlea-Implantate. Nun schien sie zu hören, aber die geistige Entwicklung blieb aus. Sie machten Übungen bei Logopäden, Heilpädagogen, Psychologen und Spezialisten jeder Art. Frau Müller kam immer wieder mit Anneliese zu mir.
Ich schlug vor: Probieren Sie doch mal das, oder das, oder jenes Frau Müller versuchte alles. Ohne jedes Ergebnis. Die meiste Zeit saß Anneliese ruhig im Laufstall, drehte irgendetwas in der Hand, schlug damit auf den Boden, biss sich selbst oder etwas anderes. Manchmal heulte sie monoton. Manchmal auch unterschiedlich. Die Mutter behauptete, Anneliese erkenne sie, rufe sie mit einem eigenen Gurren und genieße es, wenn ihr der Rücken oder die Beine gekrault wurden.
Schließlich sagte ein älterer Psychiater zu ihr: Was wollen Sie noch an Diagnosen? Das ist ein Pflegefall. Entscheiden Sie sich, was Sie tun wollen, und leben Sie Ihr Leben. Entweder geben Sie sie in ein Heim, oder Sie pflegen sie weiter Sie haben es ja inzwischen gelernt. Ich persönlich sehe keinen Sinn darin, auf eine große Besserung zu hoffen oder sich selbst mit ihr zu begraben. Das war der einzige Mensch im Leben von Frau Müller, der Klartext sprach. Sie gab Anneliese in eine Fördereinrichtung und ging wieder arbeiten.
Einige Zeit später kaufte sie sich ein Motorrad das war schon immer ihr Traum. Sie fuhr durch die Straßen und ins Umland mit Gleichgesinnten wenn der Motor aufheulte, waren die Sorgen vergessen. Der Vater zahlte Unterhalt, sie nutzte das Geld komplett, um am Wochenende eine Betreuung für Anneliese zu bezahlen umfangreiche Pflege war es eigentlich nicht, wenn man sich an ihr Weinen gewöhnte. Später sagte einer ihrer Motorradfreunde, Holger: Weißt du, ich habe mich irgendwie in dich verknallt. Es gibt etwas Tragisches und Faszinierendes an dir.
Komm, ich zeigs dir, sagte Frau Müller.
Holger grinste zufrieden, im Glauben, sie lade ihn nach Hause und ins Bett ein. Doch sie zeigte ihm Anneliese. Diese war gerade munter, jaulte moduliert und gurrte wohl, weil sie die Mutter erkannte oder weil ein Fremder anwesend war.
Ach du liebe Zeit!, rief Holger.
Was hast du denn erwartet?, konterte Frau Müller.
Nach einer Weile lebten sie nicht nur zusammen, sondern wurden ein Paar. Holger hielt sich von Anneliese fern (das war abgesprochen), und Frau Müller war das recht. Dann sagte Holger: Komm, lass uns ein Kind bekommen. Frau Müller antwortete scharf: Und wenn es wieder so wird? Machen wir das dann nochmal? Holger war sprachlos fast ein Jahr sagte er nichts mehr dazu. Dann gab er nicht auf: Nein, ich will trotzdem.
So wurde Frieder geboren. Zum Glück völlig gesund. Holger schlug vor: Vielleicht geben wir Anneliese jetzt doch in eine Einrichtung? Wir haben jetzt einen gesunden Sohn. Frau Müller entgegnete: Dann schiebe ich dich lieber irgendwo hin. Holger zog sofort zurück: Ich habe ja nur gefragt Frieder entdeckte Anneliese, als er ungefähr neun Monate alt war und krabbelte.
Sofort war er sehr neugierig. Holger hatte Angst und wurde wütend: Lass den Kleinen nicht zu ihr, es ist gefährlich, wer weiß, was passiert. Aber er war eh meistens auf der Arbeit oder auf dem Motorrad, und Frau Müller ließ Frieder trotzdem. Wenn Frieder in der Nähe krabbelte, heulte Anneliese nicht. Sie wirkte sogar aufmerksam, als würde sie warten. Frieder brachte Spielzeuge, zeigte ihr, wie man spielt, schloss ihre Finger um Bausteine, ordnete alles an.
Einmal war Holger krank und blieb am Wochenende zuhause. Er sah: Frieder lief noch unsicher durch die Wohnung, murmelte auffordernd und Anneliese folgte ihm wie ein Schatten (bis dahin hatte sie immer nur still in ihrem Eckchen gesessen). Holger machte einen Riesenkrach: Halte meinen Sohn von deiner Behinderten fern oder sieh ständig nach ihm! Frau Müller wies wortlos auf die Tür.
Er bekam Angst. Sie versöhnten sich wieder. Frau Müller kam zu mir:
Er ist ein Holzkopf, aber ich liebe ihn, gestand sie. Schrecklich, oder?
Das ist normal, sagte ich. Sein Kind liebt man immer, ganz egal
Ich meinte eigentlich Holger, klärte sie mich auf. Also ist Anneliese für Frieder gefährlich? Ihre Meinung?
Ich erklärte, Frieder sei eindeutig der Anführer, aber man solle immer ein Auge drauf haben. Darauf einigten wir uns.
Mit eineinhalb Jahren brachte Frieder Anneliese bei, verschieden große Bausteine aufeinanderzustapeln. Er selbst sprach schon in Sätzen, sang einfache Lieder und zeigte Fingerspiele wie Backe, backe Kuchen. Ist er jetzt etwa ein Wunderkind?, fragte Frau Müller. Holger will das wissen. Der platzt fast vor Stolz die Kinder seiner Freunde sagen mit dem Alter gerade mal Mama oder Papa.
Ich glaube, das liegt an Anneliese, meinte ich. Nicht jedes Kind muss im ersten Lebensjahr zum Motor für die Entwicklung eines anderen werden.
Genau!, freute sie sich. Das sage ich dem Holzkopf auch.
Was für eine Familie, dachte ich: ein Pflegefall, ein Holzkopf, eine Motorradfrau und ein Wunderkind. Nachdem Frieder trocken war, übte er ein halbes Jahr, damit auch die Schwester aufs Töpfchen geht. Anneliese das Essen, Trinken und Anziehen oder Ausziehen beibringen das war Frau Müllers neue Aufgabe für Frieder.
Mit dreieinhalb Jahren stellte Frieder die große Frage: Was ist denn eigentlich mit Anneliese?
Sie sieht nichts, erklärte Frau Müller.
Doch!, widersprach Frieder. Sie sieht nur schlecht. Das geht, aber nur, wenn die Lampe im Bad über dem Spiegel an ist. Dann kann sie viel sehen.
Die Augenärztin wunderte sich sehr, als ihr zur Erklärung von Annelieses Sehstörung ein Dreijähriger alles ganz genau schilderte, hörte aber aufmerksam zu, ließ sie weiter untersuchen und verschrieb eine Behandlung und besondere Brillengläser.
Im Kindergarten ging bei Frieder gar nichts. Der müsste eigentlich zur Schule! Zu schlau für unsere Gruppe!, schimpfte die Erzieherin. Mit ihm ist kein Durchkommen, alles weiß er besser.
Ich bestand auf regulärem Schulbeginn: Frieder soll lieber Aktivitäten nachgehen und die Entwicklung von Anneliese weiter fördern. Holger war überraschend einverstanden und sagte zu Frau Müller: Dann bleib eben noch mit ihnen zu Hause, was soll er im dummen Kindergarten? Und hast du gemerkt, dass Anneliese seit fast einem Jahr nicht mehr schreit?
Ein halbes Jahr später sprach Anneliese: Mama, Papa, Frieder, gib, trinken, miau-miau. Die beiden Kinder gingen gemeinsam zur Schule. Frieder war sehr besorgt: Wie kommt sie ohne mich klar? Sind die Lehrer an der Förderschule dort wirklich gut? Werden sie sie verstehen? Bis heute, im fünften Schuljahr, macht Frieder erst mit Anneliese die Hausaufgaben, dann seine eigenen.
Anneliese spricht einfache Sätze. Sie kann lesen, nutzt den Computer. Sie liebt es zu kochen und aufzuräumen Frieder oder ihre Mutter leiten sie an. Sie sitzt gern draußen im Hof auf der Bank, schaut, hört, riecht. Sie kennt alle Nachbarn, grüßt immer freundlich. Kneten und mit Bauklötzen spielen sind ihr Lieblingszeitvertreib.
Aber am liebsten von allem ist ihr, wenn sie alle zusammen mit den Motorrädern über die Landstraße brausen sie mit der Mutter, Frieder mit dem Vater, und alle schreien vor Freude in den WindUnd manchmal, wenn Frau Müller die beiden abends beobachtetewie Frieder Anneliese ein Bild malte oder ihr ein neues Rezept zeigte, wie sie zusammen lachten über den Klang des Weckers oder gemeinsam das Abendbrot decktenkonnte sie nicht anders, als still dankbar zu sein. Für Anneliese, die das Unmögliche möglich gemacht hatte. Für Frieder, der mit einer Geborgenheit groß wurde, die nicht aus Perfektion, sondern aus Liebe gemacht war. Sogar für Holger, der immer noch ein Holzkopf blieb, aber ganz leise zuhörte, wenn Anneliese Holger, Brötchen, bitte! sagte und ihm dann schüchtern ein halbes Croissant reichte.
Eines Abends packte Frieder seine Schwester am Arm und zog sie in den Garten, wo die feuchte Luft nach Regen roch und Glockenblumen im Wind wippten. Hör mal, Anneliese, die Frösche quaken!, sagte Frieder. Und Anneliese lachte. Kein monotones Jammern mehr, sondern echtes Lachen, warm und hell. Die Mutter stand an der Tür, sah ihnen zu und spürte, wie die alten Sorgen ganz leise im Dunkel verschwanden.
So seltsam das Leben manchmal istmanche Wunder brauchen eben einfach ihre Zeit. Und manchmal genügen eine große Portion Geduld, ein bisschen Mut und die Hartnäckigkeit eines kleinen Bruders, um das Unmögliche möglich zu machen.




