Gebt mir euren Mann!
Heute war wieder einer dieser Tage, an denen das Leben mich mit unerwarteten Besuchern überraschte. Ich, Irmgard Fischer, stand in meiner kleinen Frankfurter Küche und buk frische Kartoffelpuffer goldgelb, mit zartem Kartoffelteig, der beim Braten aufquillte und kleine runde Küchlein formte. Vorsichtig wendete ich sie und legte sie auf meinen alten, aber geliebten Porzellanteller, während der Duft durch das Treppenhaus zog, bis auf die Straße hinaus. Ich hörte, wie unten Kira das mager gebaute, immer etwas unstet wirkende Fräulein innehielt, als würde sie dem Geruch folgen, und mit ihrem moosgrünen Mantel, den übergroßen Brillen und einem knallroten Filzhut fast stolperte. Ihre kurzen Gummistiefel zeigten kleine rote Johannisbeeren ein hübsches Detail.
Die Klingel schallte genau in dem Moment, als ich den letzten Stapel Kartoffelpuffer aus der Pfanne holte diesmal mit Kraut gefüllt. Paulchen, da klingelt es, rief ich, während mein Mann völlig vertieft im Fußball-Halbfinale seines Lieblingsvereins im Wohnzimmer saß, Puffer in einer Hand, den Blick fest aufs Fernsehgerät gerichtet. Er suchte nach einem weiteren, griff jedoch ins Leere… und zwickte sich stattdessen in die eigenen Finger. Irmaaa, Irmaaa…, rief er, ungeduldig wie eh und je.
Ich öffnete die Tür, einen Moment später, und vor mir stand Kira, das wandelnde Unikat. Ohne eine Einladung trat sie in den Flur, putzte ihre Brille, inspizierte mich und fragte: Grüß Gott… Ihr Tonfall war freundlich, aber bestimmt, als sei sie auf einer Mission.
Grüß Gott… und Sie sind…? Was führt Sie zu uns? fragte ich höflich, wenn auch etwas verwundert.
Ich? Ich komme zu Ihnen. Geben Sie mir Ihren Mann.
Verzeihung?
Ihren Paul. Sie sollen ihn mir geben.
Und warum? fragte ich, fassungslos und zugleich belustigt.
Er ist bei Ihnen so unglücklich, so gelangweilt. Ich schenke ihm Glück und Entzückung, wie er es verdient.
Reden wir etwa von meinem Paul? entgegnete ich und musste fast lachen.
Kira nickte energisch. Paul, Paulchen…
Aus dem Wohnzimmer hörte ich wildes Jubeln: Toooooor, Tooooooor…!
Paulchen, Herzblatt, du hast Besuch, rief ich, und wenig später erschien mein Mann im abgetragenen FC Bayern-Trikot und schwarzen Baumwollshorts, die meine Mutter ihm vor Jahren für den Garten genäht hatte. Die Hände und das Kinn fettig vom Essen, schaute er vorsichtig aus der Tür. Seine Augen wurden groß wie damals, als ein Schulkamerad überraschend bei uns vorbeikam. Kira? Was… was macht sie hier? dachte Paul, und plötzliche Unruhe machte sich in ihm breit.
Kira war unsere neue Kollegin in der Bank, erst vor wenigen Wochen hatte sie angefangen und seitdem war Paul seltsam benommen. Ein leises Ziehen nach Veränderung, ein Wunsch nach Aufregung, war in ihm erwacht. Er sah die jungen Leute auf der Zeil vorbeirennen, Mädchen in kurzen Röcken und engen Jeans, alle lachend und unbeschwert. Sie hatten ihr Leben noch vor sich, während er, Paul Fischer, inzwischen wie aus einem anderen Jahrhundert wirkte.
Meine einst schlanke Irmgard war nach zwei Kindern fülliger geworden, die Konturen von früher waren jetzt großzügiger und die dreißig Jahre Ehe fühlten sich manchmal wie ein einziger langer Tag an. Paul war nicht mehr Paulchen, sondern Opa Paul für unseren dreijährigen Enkel Emil.
Doch die Seele bleibt jung, sie sehnt sich nach Leben, nach frecher Freude, nach etwas wie frische Luft nach langer Krankheit. Kira mochte Brodsky, Kandinsky all das, wofür ich wenig Sinn hatte. Paul wollte nicht mit mir und meine Mutter aufs Land fahren und Tomaten pflanzen; er wollte Spaß, Liebe, Leichtigkeit. In Kiras Gegenwart roch alles nach Jugend, während meine Mutter nach Alter roch.
Paul stand im Flur, das Herz schlug ihm bis zum Hals, unsicher wie ein Teenager, wenn die Freundin vor der Tür steht und die strenge Mutter fragt, woher sie sei und wohin sie gehen.
Paulchen, komm heraus, versteck dich nicht da will dich jemand abholen, sagte ich voller Ironie, zeigte auf Kira.
Schüchtern, den leeren Puffer-Teller als Schutzschild, lugte er ins Vorzimmer: Guten Tag, Kira Sperling. Jetzt zeigte Kira plötzlich Tränenspuren sie errötete, senkte den Blick. Verzeihung, Paul Fischer… dass ich so überfalle…
Ach was, sagte ich, ganz mutig von Ihnen!
Anstatt einer Szene, statt Geschrei und Vorwürfen, alles ganz ruhig. Ich rechnete mit allem, sogar damit, dass meine Mutter gleich polternd die Tür aufreißt und mich samt Paul verflucht. Aber das passierte nicht…
Paul überlegte fieberhaft. Günther muss ich anrufen… der meinte das doch schon, dass Kira mich so ansieht, immer und immer wieder… Was jetzt? Wenn das herauskommt, wird mich meine Mutter nie wieder in Ruhe lassen! Und die Kinder… wie peinlich. Peinlich und… aufregend?
Paul, zieh dir was Anständiges an! Nicht wieder diese Trainingshose mit den ausgebeulten Knien… rief ich, und Paul verschwand, kam Minuten später im Sonntagsanzug und Hemd zurück.
Da saßen wir, Kira und ich, und redeten über das perfekte Kartoffelpuffer-Rezept, als Paul wie ein aufgesetzter Marlon Brando im Türrahmen stand, das Bäuchlein eingezogen, der Ellbogen streifte den alten Lack, der dringend erneuert gehört…
Renovieren muss ich… Günther hat auch alle Türen neu… und meine Mutter sagt ja immer, ich mache nichts. Aber wer hat denn letztes Jahr die Tomaten… Ach, Unsinn… was für Tomaten!
Ich musterte Paul anerkennend endlich mal richtig angezogen.
So, Kinder, rief ich plötzlich, statt hier rumzusitzen, spaziert doch durch die Stadt! Paulchen, ins Kino, auf den Main, ins Palmengarten vielleicht? Paul blickte unsicher zu Kira, wusste nicht, wie er reagieren sollte.
Gerne… Ich war lange nicht mehr im Park, flüsterte Kira.
Paul, Moment mal… hast du genug Bargeld? Sonst kann man im Park nicht mal ein Eis kaufen.
Paul zeigte stolz seine Geldbörse. Gut, hier, kauf ihr ein Eis oder Zuckerwatte… Geht schon, ihr habt meinen Segen.
Draußen, auf der Straße, sah ich im Augenwinkel meine Mutter die schlanke Erscheinung mit zusammengekniffenen Augen, die uns misstrauisch begleitete.
Mutter!
Aber diesmal war es mir egal mein Paul ging wie ein Jüngling zum Date.
Wohin marschiert der Lümmel wieder? Und was ist das für eine Frau an seiner Seite? hörte ich meine Mutter schnauben.
Ach Mama, frag nicht… neuer Anzug, läuft wie am Schnürchen dabei kennt ihn hier jeder! Wärst mit Günther besser dran gewesen, statt mit deiner Pfeife von Paul. Günther hält wenigstens die Bude in Schuss…
Mama, Günther ist nun zum dritten Mal verheiratet auch nicht besser!
Und dein Paul? Ich darf mal fragen… was will die Fremde von ihm?
Oh, Mama…
Damit vertieften sich die Frauen ins Gezischel.
Irmi, ich sags ehrlich: Dein Paul ist zwar ein Dussel, aber mein Herz hängt an ihm…
Ich habe Hoffnung, Mama alles wird gut, siehs mal locker.
Du wirst sehen, sagte meine Mutter und brummte, und wer trägt diesmal die Tomaten auf den Hof, wenn er nicht da ist? Aber ich krieg ihn noch!
Währenddessen schlenderten Paul und Kira durch den Park. Paul war überzeugt, alle blickten ihnen neidisch hinterher so als hätte er einen Schatz gewonnen. Doch Kira schwieg lange und fing irgendwann an, ihre Pläne zu entwerfen: Ein Wochenendhaus am Rhein, Tomaten und Gurken aus eigenem Anbau, ein Baby das wär’ jetzt Zeit, sie sei schon 33. Nach drei Jahren Kinderstube, Urlaub in Rügen, mit dem Zug. Mit gekochten Eiern und einer Bratpfanne im Gepäck und bloß den Nachttopf nicht vergessen!
Mit Deckel? fragte Paul verdutzt.
Natürlich wie sollst du sonst durch den ganzen Zug stolpern mit… na du weißt schon, schwärmte Kira.
Paul wurde melancholisch. Wieder Wochenendhaus? Wieder Tomaten? Wieder Urlaub mit dem Zug alle drei Jahre? Aber Brodsky, Kandinsky, Nächte am Main mit Gedichten und Sternen? Alles schon vor dreißig Jahren erlebt…
Paul! Du hörst mir gar nicht richtig zu! Was ist denn los? mahnte Kira.
Paul verlor alle Selbstsicherheit, ihm schien, als lachten nun alle. Der alte Depp, hat sich aufgebrezelt wie zum Hochzeitstag!
Ihm wurde nach Hause, nach Irmgard, zumute. Mist, die Tomaten sollte ich ja heute noch zu meiner Mutter bringen… Zeit wirds!
Kira, hören Sie bitte…, begann er stockend und unbeholfen, Sie sind eine feine Frau, ganz sicher finden Sie Ihr Glück. Ich danke Ihnen Sie haben mich ein Stück jünger fühlen lassen und Freude geschenkt…
Aber Paul! Und unser Garten, Rügen, das Kind? rief Kira bestürzt.
Nicht mit mir, Kira… ich bin nicht der Richtige, antwortete Paul und eilte davon.
Inzwischen klingelte das Telefon bei mir daheim. Ich traute mich kaum, abzunehmen.
Hallo? fragte ich zögernd.
Er kommt heim, flüsterte mir eine Stimme.
Ja? hauchte ich erleichtert.
Ja.
Danke…
Kira war nicht mehr bei uns auf der Arbeit, Paul vermied jede Begegnung. Man sagte, sie sei plötzlich gekündigt worden. Die Sehnsucht in seiner Brust war wie weggeblasen, stattdessen trug er die Tomaten nun mit dreifacher Energie auf den Hof. Das Leben lief wieder normal.
Ich habe mich für eine Pilates-Stunde angemeldet im Herbst wollen wir nach Spanien fahren, also wirds Zeit, sich ein bisschen zu pflegen. Nagellack, neue Frisur, frisches Lächeln…
Irmgard sieht wieder super aus!
Am Küchentisch saßen wir ich und meine Freundin Olga. Sie klagte über ihren Vitya, der immer so trüb ist. Nun erwischte sie ihn beim Kommentieren alter Klassenfotos auf Facebook.
Nicht wie dein Paul, der hängt an dir, ist voller Energie. Mein Vitya…
Es gibt einen Trick, Olga der weckt deinen Vitya ordentlich auf. Aber musst du genau überlegen… Und ich flüsterte ihr meinen Rat zu.
Echt jetzt? Hat’s tatsächlich geholfen?
Siehst ja… Hier, das ist die Nummer, sie ist leidenschaftliche Schauspielerin kostet was, aber bringt’s wirklich. Ihr trefft euch, besprecht alles… Ich gab Olga die Nummer weiter, wie einst meine Mutter sie mir gegeben hatte.
Und draußen im Schrebergarten war Paul wieder voller Lebensfreude, schleppte Kisten mit Tomaten und zwinkerte seiner schönen, vertrauten Irmgard frech zu.





