Schon ein anderer? Gerlinde könnte denken, was die Leute sagen – flüsterten die Nachbarn, die den Mann der Witwe auf dem Hof sahen. Im Dorf, wo jeder jeden kennt: wer wessen Patener ist, wer wann Kartoffeln grub und wer wie oft geschieden war, lässt sich nichts verbergen. Deshalb, als die Witwe Gerlinde zwei Jahre nach dem Tod ihres Mannes einen neuen Mann ins Haus brachte, flüsterten alle leise: „Da hat sie es nicht zurückgehalten.“ Doch laut sagte niemand etwas – denn Gerlinde war fleißig, anständig und zog allein zwei Kinder groß.

12.Mai2026 Tagebuch

Heute war ich wieder im kleinen Dorf Kleinbach, wo jeder den anderen kennt: wer wessen Pate ist, wer im letzten Jahr die Kartoffeln umgegraben hat und wer schon mehrfach die Ehe scheitern ließ. In so einem Ort bleibt nichts verborgen. Deshalb flüsterten die Nachbarn sofort, sobald Gerlinde, die Witwe, plötzlich einen Mann mit nach Hause brachte: Da hat sie ja doch nicht lange gezögert. Keiner sagte es laut, denn Gerlinde ist fleißig, ehrbar und zieht allein zwei Kinder groß.

Andreas trat im Herbst in unser Haus. Ein schweigsamer Mann mit kräftigen Händen, die den Hammer und die Säge kannten, und ruhigen Augen, die die Kinder nicht von oben, sondern mit dem leisen Versprechen betrachteten, dass alles gut werden würde. Liselotte war bereits neun, Fritz zwölf; ihr leiblicher Vater war gestorben, als sie noch die erste Klasse besuchten, und sie erinnerte sich kaum an ihn.

In den ersten Wochen sah Liselotte ihren Stiefvater misstrauisch an.

Mama, bleibt er lange bei uns? fragte sie leise.

Wie Gott will, meine Kleine. Er ist ein guter Mann, antwortete Gerlinde, dann fügte sie flüsternd hinzu: Ich bin so müde, alles allein zu schaffen.

Wir haben dir doch geholfen, protestierte Fritz.

Ihr habt geholfen, ja aber ihr seid noch Kinder. Ein Leben besteht nicht nur aus Mühsal, sondern auch aus Wärme.

Andreas sagte kaum etwas; er wartete, bis wir ihn akzeptierten. Jeden Morgen hackte er Holz, reparierte den Lattenzaun und brachte abends junge Hühner in den Korb.

Der Hof muss wieder laufen, und die Kinder bekommen frische Eier, meinte er.

Warum machst du das alles? fragte Liselotte neugierig, doch die Küken gefielen ihr.

Weil ich jetzt zu euch gehöre. Auch wenn ich nicht verwandt bin, bedeutet zusammenleben, Arbeit und Gutes zu teilen.

Hatte mein Vater auch Hühner?

Andreas blickte nachdenklich, dann sagte er:

Dein Vater war ein guter Mann. Wir arbeiteten zusammen in der Getreidemühle. Er sprach oft von dir du bist seine Kopie.

Liselotte setzte sich schweigend auf die Stufen und sah zu, wie Andreas den Hühnern Wasser gab. Zum ersten Mal dachte sie: Er will nicht den Vater ersetzen, er will einfach da sein.

Im Winter zeigte Andreas Fritz das Schnitzen.

Das ist ein Hobel, kein Spielzeug für das Handy die Hände müssen wissen, was sie tun.

Ich spiele nicht!, murmelte Fritz.

Ich ärgere mich nicht. Durch das Arbeiten formen sich Hände und Geist zu einem Mann.

Warum schimpfst du nie?

Andreas lächelte.

Weil Schimpfen nichts bringt. Einmal deutlich erklären ist besser, als hundertmal laut werden.

Im Frühling fand in unserem Dorf eine DorfSäuberungsaktion am Waldsee statt. Fritz und Liselotte wollten nicht mitmachen.

Lasst die Jungen das tun!, knurrte Fritz.

Und wir, die Alten?, spottete Andreas. Geht hin, sonst wartet ihr ewig darauf, dass jemand anderes die Arbeit macht. Ein starker Mensch schnappt sich die Schaufel, auch wenn niemand ihn dazu zwingt.

Bei der Arbeit hörten die Kinder, wie die Männer zu Andreas riefen: Ist das dein Sohn, dein Mädchen? Und er antwortete nur: Ja, meine eigenen.

Liselotte stupste Fritz leise.

Hast du gehört?

Ja.

Und?

Ein bisschen Wärme. Er wirkt, als wäre alles in Ordnung.

Eines Tages kam Fritz nach der Schule verzweifelt nach Hause. Gerlinde fragte, was geschehen sei.

Ich habe mich mit den anderen Jungen gestritten.

Weshalb?

Ich sagte, Andreas ist für mich wie ein Vater. Und die anderen erwiderten: Du bist ein Aufreißer, ein fremder Mann erzieht dich. Ich sagte, ein fremder, der gut ist, ist besser als ein leiblicher Vater, der nicht mehr da ist.

Andreas schwieg, setzte sich gegenüber von Fritz.

Ich erwarte nicht, dass du mich Vater nennst, aber wisse, mein Junge: Ich werde dich nie im Stich lassen, egal was andere sagen.

Ich habe nichts dagegen, es fällt nur schwer, Vater zu sagen, weil ich das noch nicht gewöhnt bin.

Eile nicht. Das Wort Vater ist wie Brot: man soll es nicht achtlos essen, es muss reifen.

Zwei Jahre vergingen. Fritz schloss die neunte Klasse ab; man meinte, er würde zur Berufsschule für Mechanik gehen. Eines Abends saßen wir im Hof, Sterne funkelten, Frösche quakten, Thymianduft wehte.

Andreas, begann Fritz plötzlich, ich bereite eine Rede für den Auftritt vor, über jemanden, der mir ein Vorbild ist. Darf ich über dich sprechen?

Andreas räusperte sich und nickte.

Bitte übertreibe nicht, hauchte er.

Ich kann nicht übertreiben, wenn ich von Herzen spreche.

Bei der Abschlussfeier erzählte Fritz von dem Mann, der nicht von Anfang an da war, aber für mich wie ein richtiger Vater wurde. Gerlinde weinte. Unter den Dorfbewohnerinnen flüsterte jemand:

Man sagt ja, ein Stiefvater ist ein Fremder, doch wenn die Seele nah ist, ist er wie ein leiblicher.

Zum fünfzigsten Geburtstag von Andreas schenkte Liselotte ihm ein besticktes Hemd und einen Brief:

Vater, danke für das Holz, die Hühner, deine Geduld und dafür, dass du uns lehrt, das Gute nicht zu erwarten, sondern selbst zu schaffen. Du bist unser Vater, nicht weil du musst, sondern weil du willst. Dafür lieben wir dich noch mehr.

Andreas saß lange mit dem Brief, schweigend. Dann wandte er sich zu Gerlinde und sagte:

Sie sind groß geworden. Nicht fremd.

Gerlinde lächelte:

Weil du sie nie als Fremde betrachtet hast.

**Persönliche Erkenntnis:** Ein Vater zu sein bedeutet nicht, das Erbbaurecht zu besitzen, sondern das Herz zu geben; Liebe, Güte und tägliche Taten zählen mehr als blutige Verwandtschaft. Die Familie ist das, was wir gemeinsam erschaffen.

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Homy
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Schon ein anderer? Gerlinde könnte denken, was die Leute sagen – flüsterten die Nachbarn, die den Mann der Witwe auf dem Hof sahen. Im Dorf, wo jeder jeden kennt: wer wessen Patener ist, wer wann Kartoffeln grub und wer wie oft geschieden war, lässt sich nichts verbergen. Deshalb, als die Witwe Gerlinde zwei Jahre nach dem Tod ihres Mannes einen neuen Mann ins Haus brachte, flüsterten alle leise: „Da hat sie es nicht zurückgehalten.“ Doch laut sagte niemand etwas – denn Gerlinde war fleißig, anständig und zog allein zwei Kinder groß.
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