Lina war schlecht. Richtig schlecht, fast schon bemitleidenswert, wie schlecht diese Lina war. Alle wollten der Frau klarmachen, dass sie schlecht war – schlecht und zudem unglücklich. Natürlich, sie hat keinen Mann, der Sohn ist erwachsen und lebt längst alleine. Lina ist allein, keiner braucht sie. Am Montag kommt sie zur Arbeit, die Kolleginnen prahlen, was sie alles am Wochenende geschafft haben – gereinigt, gewaschen, im Schrebergarten geschuftet, Marmelade eingekocht. Lina schweigt – was soll sie schon sagen? Kein Mann, das Kind ist aus dem Haus, also schweigt sie. Heute geht sie wieder früher, wie ein paar Mal im Monat. Die anderen schütteln missbilligend den Kopf – sie wissen doch alle, wohin Lina geht: sich mit ihren zahlreichen Liebhabern treffen! Alle auf Arbeit sind überzeugt, Lina führt ein ausschweifendes Liebesleben – sie ist eben schlecht. Sehr schlecht. Sie selbst sind die Guten: verheiratete Frauen, immer beschäftigt, während Lina schlecht ist. „Lina“, sagt ihre Mutter, „warum bist du nur so?“ „Wie denn, Mama?“ „So unerledigt, findest wenigstens irgendeinen Mann, es ist doch noch nicht zu spät für ein zweites Kind. Jetzt kriegen doch alle nach vierzig noch Kinder.“ „Mama, wozu brauche ich irgendeinen Mann? Und ein zweites Kind von irgendwem? Ich habe meinen Sohn, das reicht. Und einen Mann… wozu? Ach ja, ich habe ja Oleg.“ „Lina!“ ruft die Mutter. „Oleg ist doch nicht dein Mann!“ „Wie das?“ lacht Lina, „doch, der lädt mich jede Woche ein, bringt Geschenke, hilft mir beim Urlaub, macht keinen Stress, schickt mich nicht zu seiner Mutter Rasenmähen oder Fensterputzen, erwartet nicht, dass ich ihm Socken wasche oder Abendessen koche, nervt nicht mit Problemen, gammelt nicht auf meinem Sofa rum. Ein Segen.“ „Segen? Das alles bleibt an seiner armen Frau hängen.“ „Willst du wirklich, dass das an mir hängen bleibt? Nein danke, ich bin über vierzig, war zwei Mal verheiratet und bin vor so einem Glück schon zweimal schreiend davongelaufen…“ So berichtet Lina ihrer Mutter, warum sie lieber frei ist als wie andere Frauen zu leben – was sie am Wochenende wirklich macht, warum sie nicht ständig putzt und schuftet, warum sie ihr Leben genießt und warum sie für alle, trotz allem, immer die „schlechte“ Lina bleibt. Doch während die anderen vom anstrengenden Wochenende reden, lächelt Lina verschmitzt – sie weiß, was Glück bedeutet. Lina – Die „schlechte“ Frau: Vom schlechten Ruf, Freiheit und dem Glück, nicht wie alle zu leben in Deutschland

Sabine war schlecht.
Wirklich schlecht, fast schon bemitleidenswert, so schlecht war diese Sabine.
Jeder versuchte der Mutter klarzumachen, dass ihre Tochter schlecht sei.
Schlecht und auch noch unglücklich.
Klar, sie hat keinen Mann, ihr Sohn ist längst erwachsen und wohnt alleine.
Sabine ist alleine, niemand braucht sie.
Montagmorgen kommt sie zur Arbeit, alle Kolleginnen überbieten sich mit Geschichten, wer das Haus am Wochenende wie geputzt, wer den Garten umgegraben, und wer Marmelade eingekocht hat.
Sabine bleibt still was sollte sie auch erzählen? Sie hat keinen Mann, das Kind wohnt längst nicht mehr zuhause, also sitzt sie schweigend da.
Heute geht sie ein wenig früher wie immer ein- zweimal im Monat alle wissen, sie verschwindet stets vor Feierabend.
Missbilligende Blicke, denn jedem ist klar, wohin sie geht: zu ihren zahllosen Affären treffen.
Die Kolleginnen sind überzeugt, Sabine hat jede Menge Liebhaber so schlecht wie sie ist.
Sabine, wirklich schlecht.
Sie dagegen sind gut, allesamt verheiratete Frauen, immer beschäftigt, ständig im Einsatz, während Sabine schlecht ist.
Sabine, sagt ihre Mutter, warum bist du nur so?
Wie, Mama?
So… so unaufgeräumt, findest du nicht wenigstens einen Mann? Wirklich, meine Tochter, es ist ja noch nicht zu spät, heute bekommen alle Frauen nach vierzig noch Kinder!
Mama, wozu brauche ich einen Mann? Und ein weiteres Kind von irgendwem? Für was? Ich habe Jan, der reicht vollkommen. Und ein Mann, wie du so schön sagst was soll ich denn mit dem? Ich habe Olaf.
Sabine! entfährt es der Mutter empört, Olaf ist doch nicht dein Mann!
Und ob er das ist, lacht Sabine, lädt mich einmal pro Woche ein, macht mir Geschenke, hilft mir beim Urlaub, hält mir kein Theater, schickt mich nicht zur Schwiegermutter zum Fensterputzen oder Sockenwaschen, verlangt kein Abendessen, jammert nicht herum, liegt nicht faul auf dem Sofa. Herrlich.
Ja, herrlich alles kriegt eben seine arme Frau ab.
Möchtest du, dass das alles auf meinen Schultern landet?
Nein danke. Ich bin Anfang vierzig, war zur Erinnerung zweimal verheiratet und ich bin vor lauter Glück gleich zweimal davongelaufen.
Mein erster Mann, der Vater von Jan du wolltest doch unbedingt, dass ich mit knapp 18 heirate, weil er älter, klüger, seriöser ist, mich liebt, dazu auch wohlhabend. Stimmts, Mama?
Fünf Jahre, ganze fünf Jahre saß ich im goldenen Käfig, keine Chance auf Ausbildung, keine Freundinnen treffen, nicht mal um Jan sollte ich mich kümmern: Zu jung, könnte ja was falsch machen. Nur schuften für ihn und seine Mutter.
Aber ich hatte ja Goldschmuck, nicht?
Einmal im Monat führte er mich wie ein Haustier aus, um zu zeigen, was für eine brave junge Frau er hatte, im Gegensatz zu diesen Puppen.
Dabei war er selbst keiner Affäre abgeneigt…
Und als ich endlich weg war, die Scheidung wollte danke an meine liebe Oma, sie half mir da wollte er alles zurück, wirklich alles, sogar die Unterwäsche…
Danach heiratete ich aus Liebe, weißt du noch, Mama? Ich studierte tagsüber wie verrückt, holte nach, was ich verpasst hatte, und abends arbeitete ich, um nicht zur Last zu fallen…
Sabine! Wie kannst du nur? Habe ich dir je vorgeworfen, mich und Opa auszunutzen? Habe ich dir je Suppe verweigert?
Du nicht, Mama… aber du bist eben nicht alleine… Da ist noch der, der befürchtete, ich setze mich auf deine starke Schulter. Und Niklas, mein lieber Bruder, wollte sein Leben auch nicht in den Griff bekommen wozu auch? Es gab ja Mama… Du hast auf zwei Stellen gearbeitet, abends bist du heimgerannt, unterwegs noch schnell eingekauft, denn die Jungs waren ja hungrig… Einer auf dem Sofa, einer am Rechner.
Gekocht, geputzt, gewaschen…
Und aus lauter Liebe habe ich das zweite Mal geheiratet ohne Liebe hatte ich das doch schon ausgehalten.
Was hat sich geändert?
Nichts. Es wurde nur mehr Arbeit: Aus Sabine wurde Sabine-die-für-alle-da-ist.
Mein Liebster lag auf dem Sofa, ich zur Arbeit, dann zum Kindergarten, denn klar mein Kind, der Mann darf nicht belästigt werden, sei es sein Kind oder nicht. Es ist ja kein Männerjob, ein Kind abzuholen, er ist ja erschöpft!
Nach Hause gehastet, unterwegs noch eingekauft, alles getragen, es gab ja kein Auto. Wozu? Klar, der Mann braucht es ja, der kann ja nicht mit der Bahn ins Büro fahren, nein. Alle Frauen leben so, warum bin ich also müde? Wer kocht denn sonst das Abendessen?
Also gekocht, gedeckt, alle bekocht, gewaschen, gebügelt und dann musste man ja auch noch die Frau für den Ehemann spielen, sonst läuft er noch zur nächsten ein Schatz…
Geld fehlt? Tja, dann fehlts nur deinem Kind. Wäre der Kleine sein leiblicher gewesen, der Erbe, dann vielleicht… Such dir einen anderen Dummen, der dich und dein Kind durchfüttert.
Sorry, bin an den Falschen geraten…
Was heißt, ich geb kein Geld für deine Autoreparatur? Und was, wenns meines ist? Wir sind doch eine Familie!
Wenigstens hast du Glück gehabt…
Wie, du gehst weg?
Na dann tschüss mit Kind will dich doch eh niemand, haha.
So, Mama, ich war mal mit einem, der verdiente mehr, mit dem anderen weniger. Unterschied? Keine.
Allen gehts gut nur mir nicht, Mama, mir gings immer schlecht.
Sabine, alle leben so was hast du denn?
Dann sollen sie das doch, Mama! Ich nicht. Ich will das nicht.
Was hast du am Samstag gemacht?
Naja, Niklas und Marie haben mir Olli und Lukas gebracht, ich war spazieren mit ihnen, hab Pfannkuchen gebacken, dann noch bisschen abgestaubt, gesaugt, Boden gewischt, Wäsche gemacht, abends noch die Kinder ins Bett, Opa gefüttert und gebügelt, dann hab ich auf dem Sofa gesessen und war kurz nach Mitternacht im Bett.
Am Sonntag haben die beiden so früh Pfannkuchen gefordert, also hab ich die Bratpfanne geschwungen, später kamen Niklas und Marie, ich hab Hühnchen gebraten, einige Salate gemacht und Pizza gebacken, gemeinsam Abend gegessen, aufgeräumt und war gegen elf fix und fertig im Bett, Opa hat mich noch geweckt, damit ich ins Schlafzimmer geh…
Mama, ich erinnere mich nicht, dass du oft mal auf Jan aufgepasst hast. Und ich habe meinen Sohn nie einfach zu dir abgeschoben und bin feiern gegangen.
Du warst halt immer so selbstständig, aber die… ach, ich kann gar nichts sagen…
Willst du wissen, wie ich letztes Wochenende verbracht habe, Mama? Am Freitag rief Jan an, ob ich Michi übers Wochenende nehme, sie wollten in die Berge fahren.
Natürlich hab ich ihn genommen, warum nicht?
Michi ist der Kater von Jans Freundin Claudia Mama, wenn du dich nicht nur um Niklas und seine Familie kümmern würdest, wüsstest du das vielleicht.
Jedenfalls kam mein Sohn mit Claudia, stellten mir die Pizza hin und lieferten den Kater ab.
Abends aß ich die leckere Pizza und schaute Serien bis spät ich muss ja nicht früh raus.
Morgens fütterte ich Michi, kochte Kaffee, wischte kurz Staub, warf ein paar Sachen in die Waschmaschine und rief dich an, wollte dich ins Museum einladen oder einfach zusammensitzen.
Papa ging ans Telefon, du hattest die Hände im Spülwasser. Er schimpfte, ich sei eine Nichtsnutzige, während du dich um die Enkel kümmerst und ich wie eine Dame durch Museen spaziere.
Wollte mich erst ärgern, habs aber gelassen, Papa hat immer recht.
Bin ins Museum gegangen Ausstellung deines Lieblingskünstlers, weißt du noch, wie du ihn geliebt hast?
Später saß ich im Café, schlenderte durch die Stadt, habe nochmal an Michi gedacht. Zu Hause schlafender Kater, alles entspannt.
Keine Lust mehr rauszugehen, Sofa, Serie, fertig.
Am Sonntag haben wir bis elf Uhr geschlafen, wollte dich zur Dampferfahrt einladen, aber Marie ging ans Telefon, mit vollem Mund, du warst sicher wieder am spülen oder aufräumen.
Abends rief Olaf an, lud mich ins Restaurant ein. Bin mitgegangen warum nicht?
Ich bin frei, frage ihn nicht nach seiner Frau, wir sprechen darüber einfach nicht, jeder lebt sein Leben, wir belasten uns nicht mit Problemen.
Es war ein wunderschöner Abend, am nächsten Morgen ausgeschlafen und fit zur Arbeit.
Ich habe es mit ledigen Männern probiert, Mama.
Ganz schlimm.
Da kleben entweder Jungs, die eine Ersatzmutti suchen, oder schon mehrfach Geschiedene mit Riesenfamilie, alles voller Probleme.
Warum guckst du so, Mama?
Die Welt ist eben anders als früher.
Einer erklärte mir, ich müsse seine Kinder unbedingt akzeptieren, weil ich eine Frau bin und grundsätzlich alle Kinder liebe.
Er zahlt noch Unterhalt für Kinder und Exfrau, ist ja schließlich die Mutter seiner Kinder, sein Hobby Angeln kostet aber auch was, daher müssen wir von meinem Gehalt leben.
Dafür gäbe es immerhin leckeren Fisch.
Ob er Jan helfen würde, habe ich gefragt war empört. Jan hat doch seinen Vater, der kann sich kümmern.
Logisch, oder? Deswegen habe ich ihn weggeschickt. Jan hat ja nicht nur einen Vater, sondern auch eine Mutter mich.
Schon gelte ich als schlecht, geizig, berechnend, hinterlistig. Wäre ja noch schöner, einem armen Mann mein Kind aufzuhalsen…
Darum, Mama, gibt es bei mir Olaf.
Ja, ich bin schlecht in euren Augen, doch ich schäme mich überhaupt nicht dafür, wie ich lebe.
Es tut mir nur weh, wie du dein Leben verschwendest, darum versuche ich dich immer wieder rauszuholen, so wie heute ich habe euch beiden sogar erzählt, ich brauchte Hilfe.
Mama, mir gehts bestens. Und jetzt machen wir endlich mal etwas für uns, du genießt die Zeit, mit mir, deiner Tochter.
Sabine, bist du verrückt, und was ist mit Papa?
Was soll denn mit ihm sein? Ist er krank?
Nein, aber… das Mittagessen…
Willst du mir erzählen, dass nichts vorbereitet ist?
Es muss ja noch aufgewärmt werden und überhaupt, Niklas…
Mama! Pass auf, ich bin gleich beleidigt… Ich weiß, ich bin die Schlechte. Lass mich heute mal die Gute sein komm, lass uns entspannen… bitte!
Im Büro erzählen die Kolleginnen montags wieder, wie anstrengend Erholen sein kann.
Aber Sabine lächelt verschmitzt, jeder weiß: Sabine ist schlecht. Beschwingt geht sie ihren Weg, lächelt über irgendwas, das nur sie versteht.
Ist ja klar, was Sabine denkt lauter schlechte Gedanken.

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Homy
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Lina war schlecht. Richtig schlecht, fast schon bemitleidenswert, wie schlecht diese Lina war. Alle wollten der Frau klarmachen, dass sie schlecht war – schlecht und zudem unglücklich. Natürlich, sie hat keinen Mann, der Sohn ist erwachsen und lebt längst alleine. Lina ist allein, keiner braucht sie. Am Montag kommt sie zur Arbeit, die Kolleginnen prahlen, was sie alles am Wochenende geschafft haben – gereinigt, gewaschen, im Schrebergarten geschuftet, Marmelade eingekocht. Lina schweigt – was soll sie schon sagen? Kein Mann, das Kind ist aus dem Haus, also schweigt sie. Heute geht sie wieder früher, wie ein paar Mal im Monat. Die anderen schütteln missbilligend den Kopf – sie wissen doch alle, wohin Lina geht: sich mit ihren zahlreichen Liebhabern treffen! Alle auf Arbeit sind überzeugt, Lina führt ein ausschweifendes Liebesleben – sie ist eben schlecht. Sehr schlecht. Sie selbst sind die Guten: verheiratete Frauen, immer beschäftigt, während Lina schlecht ist. „Lina“, sagt ihre Mutter, „warum bist du nur so?“ „Wie denn, Mama?“ „So unerledigt, findest wenigstens irgendeinen Mann, es ist doch noch nicht zu spät für ein zweites Kind. Jetzt kriegen doch alle nach vierzig noch Kinder.“ „Mama, wozu brauche ich irgendeinen Mann? Und ein zweites Kind von irgendwem? Ich habe meinen Sohn, das reicht. Und einen Mann… wozu? Ach ja, ich habe ja Oleg.“ „Lina!“ ruft die Mutter. „Oleg ist doch nicht dein Mann!“ „Wie das?“ lacht Lina, „doch, der lädt mich jede Woche ein, bringt Geschenke, hilft mir beim Urlaub, macht keinen Stress, schickt mich nicht zu seiner Mutter Rasenmähen oder Fensterputzen, erwartet nicht, dass ich ihm Socken wasche oder Abendessen koche, nervt nicht mit Problemen, gammelt nicht auf meinem Sofa rum. Ein Segen.“ „Segen? Das alles bleibt an seiner armen Frau hängen.“ „Willst du wirklich, dass das an mir hängen bleibt? Nein danke, ich bin über vierzig, war zwei Mal verheiratet und bin vor so einem Glück schon zweimal schreiend davongelaufen…“ So berichtet Lina ihrer Mutter, warum sie lieber frei ist als wie andere Frauen zu leben – was sie am Wochenende wirklich macht, warum sie nicht ständig putzt und schuftet, warum sie ihr Leben genießt und warum sie für alle, trotz allem, immer die „schlechte“ Lina bleibt. Doch während die anderen vom anstrengenden Wochenende reden, lächelt Lina verschmitzt – sie weiß, was Glück bedeutet. Lina – Die „schlechte“ Frau: Vom schlechten Ruf, Freiheit und dem Glück, nicht wie alle zu leben in Deutschland
Ich kann dir keine Mutter sein und werde dich wohl nie lieben, aber ich werde für dich sorgen – bitte sei mir nicht böse. Bei uns wirst du es trotzdem besser haben als im Kinderheim. Ein schwerer Tag: Heute hat Ivan seine Schwester beerdigt – sie war zwar nicht gerade vorbildlich, aber trotzdem seine Familie. Fünf Jahre hatten sie keinen Kontakt, und jetzt diese Tragödie. Vika stand ihrem Mann so gut es ging bei und übernahm die meiste Organisation. Doch nach der Beerdigung wartete noch eine wichtige Aufgabe: Iwanas Schwester Irina hinterließ einen kleinen Sohn. Alle Verwandten, die sich zum Abschied versammelt hatten, sahen sofort Iwan als den Verantwortlichen für den Jungen. Wer, wenn nicht der Onkel, sollte sich kümmern? Das stand gar nicht erst zur Debatte – für alle war klar, das ist richtig so. Vika verstand das, sie war auch nicht wirklich dagegen, aber da war dieser eine Punkt: Sie wollte nie Kinder. Weder eigene, noch fremde. Diese Entscheidung hatte sie schon lange getroffen und Iwan vor der Hochzeit ehrlich davon erzählt – aber er nahm es damals locker. Wer denkt mit zwanzig schon über Kinder nach? „Nein ist nein, wir leben für uns“, hatten sie damals beschlossen – vor zehn Jahren. Jetzt musste sie ein fremdes Kind aufnehmen, ein anderes blieb ihr nicht. Ins Heim abschieben würde Iwan nie erlauben, und Vika wäre auch nie so weit gegangen. Sie wusste, dass sie dieses Kind nie wirklich würde lieben können, schon gar nicht seine Mutter ersetzen. Der Junge war für sein Alter erstaunlich erwachsen und klug, also sprach Vika ehrlich mit ihm. »Wolodya, wo willst du lieber wohnen – bei uns oder im Heim?« »Ich will zuhause wohnen, allein.« »Das geht leider nicht, du bist erst sieben. Du musst dich entscheiden.« »Dann bei Onkel Ivan.« »Okay, dann kommst du mit uns. Aber ich muss dir gleich sagen: Ich kann dir keine Mutter sein und werde dich wohl nie lieben, aber ich werde für dich sorgen – und bitte sei mir nicht böse. Es wird dir trotzdem besser gehen als im Heim.« Formalitäten waren teilweise erledigt, endlich konnten sie nach Hause fahren. Vika war überzeugt, dass sie nach diesem Gespräch nicht mehr die fürsorgliche Tante spielen müsste, sondern einfach sie selbst sein konnte: Essen, Waschen, Hausaufgaben helfen – kein Problem. Aber Liebe und Herzblut investieren – das nicht. Wolodya vergaß jetzt keine Minute, dass er nicht geliebt wurde. Damit er nicht doch ins Heim musste, strengte er sich besonders an. Sie richteten ihm das kleinste Zimmer ein – erst mal alles umbauen. Tapeten, Möbel, Deko – das liebte Vika. Mit Begeisterung gestaltete sie das Kinderzimmer. Wolodya durfte die Tapeten aussuchen, alles andere erledigte Vika. Sie sparte nicht am Geld – sie war nicht geizig, nur einfach kein Fan von Kindern. Das Zimmer wurde richtig schön. Wolodya war glücklich! Schade nur, dass Mama nicht sehen kann, wie schön sein Zimmer jetzt ist. Wenn Vika ihn doch lieben könnte… Sie ist nett, freundlich, nur mag sie eben keine Kinder. Das ging Wolodya oft durch den Kopf, wenn er abends im Bett lag. Er konnte sich an allem freuen. Im Zirkus, Zoo, Freizeitpark – der Junge zeigte sein Staunen so ehrlich, dass Vika selbst anfangen konnte, die Ausflüge zu genießen. Sie mochte es, ihn zu überraschen und seine Begeisterung zu sehen. Im August wollten sie, wie jedes Jahr, mit Ivan ans Meer fliegen; für Wolodya war eine Verwandte eingeplant, die auf ihn aufpassen würde. Doch kurz vorher änderte Vika plötzlich ihre Meinung. Sie wollte, dass der Junge das Meer sieht. Ivan war überrascht, aber auch insgeheim froh – er war sehr an Wolodya gewachsen. Der Junge war überglücklich! Wenn sie ihn doch nur lieben könnten… Aber immerhin sieht er das Meer! Der Urlaub war ein Erfolg: Warmes Wasser, saftiges Obst, gute Laune. Doch irgendwann ging der Alltag wieder los – Arbeit, Haus, Schule. Aber etwas hatte sich verändert, ein ganz neues Gefühl stellte sich ein – vielleicht eine leise Vorahnung von Lebensfreude, von einem kleinen Wunder. Und dann, das Wunder: Vika brachte vom Meer ein neues Leben mit. Wie konnte das passieren – sie hatten doch immer aufgepasst. Was soll sie tun? Ivan alles sagen oder allein entscheiden? Seitdem Wolodya da war, war sie sich nicht mehr sicher, ob ihr Mann wirklich so überzeugter „No-Kids“-Typ war. Er liebte es, mit Wolodya Zeit zu verbringen, ging mit ihm zum Fußball und unternahm viel. Nein, ein großes Opfer hatte Vika gebracht, aber für ein zweites war sie nicht bereit. Sie traf ihre schwere Entscheidung allein. Sie saß in der Klinik, als der Anruf aus der Schule kam: Wolodya kam mit Verdacht auf Blinddarm ins Krankenhaus. Alles wurde verschoben. Im Krankenhaus lag er blass auf der Liege, mit Fieber. Als er Vika sah, flossen Tränen. »Vika, bitte geh nicht, ich habe Angst. Sei heut meine Mama, nur für einen Tag, versprochen – ich werde nie wieder darum bitten.« Er umklammerte ihre Hand, und die Tränen liefen. So traurig hatte Vika ihn nur am Begräbnistag gesehen. Nun brach es aus ihm heraus. Vika presste seine Hand an ihre Wange. »Halte durch, mein Junge. Der Arzt kommt gleich, dann wird alles gut. Ich bin bei dir, ich gehe nirgends hin.« Gott, wie sehr sie ihn in diesem Augenblick liebte! Dieser Junge mit den großen, staunenden Augen war ihr Ein und Alles. Kinderlos? Was für ein Quatsch. Sie beschloss: Heute Abend würde sie Ivan alles über das zweite Kind sagen. Diese Entscheidung fiel in dem Moment, als Wolodya noch fester ihre Hand drückte. Zehn Jahre später. Heute feiert Vika ihren runden Geburtstag: 45 Jahre, Gäste, Glückwünsche. Während sie am Kaffee sitzt, wird sie sentimental. Wie schnell verging die Zeit – vorbei sind Jugend, die jungen Jahre. Sie ist Frau geworden, glückliche Ehefrau und Mutter von zwei wunderbaren Kindern. Wolodya ist fast 18, Sophia 10. Sie bereut nichts. Oder doch. Eine Sache tut ihr immer noch leid: Die Worte über ihre fehlende Liebe. Wie sehr sie sich wünscht, dass Wolodya diese Worte nie erinnert und nie wieder daran denkt. Seit dem Tag im Krankenhaus sagt sie ihm so oft wie möglich, dass sie ihn liebt. Ob er sich noch an ihre ersten Worte erinnert? Sie hat sich nie getraut zu fragen.