Ich werde dir keine Mutter sein und ich werde dich nicht lieben können, doch ich werde für dich sorgen, und du sollst mir das nicht übel nehmen. Bei uns hast du es allemal besser als im Heim.
Es war ein schwerer Tag. Johann begrub seine Schwester. Klar, sie war nie ein Vorbild, aber sie war doch sein Fleisch und Blut. Fünf Jahre hatten sie sich nicht gesehen, und nun war das Schicksal so grausam.
Elsa unterstützte ihren Mann, so gut sie konnte, nahm ihm viele Dinge ab, damit er sich nicht alles alleine aufbürden musste.
Doch nach der Beerdigung wartete noch eine wichtige Angelegenheit auf sie. Irina, Johanns Schwester, hinterließ einen kleinen Sohn. Alle Verwandten, die an diesem Tag gekommen waren, um Abschied zu nehmen, übertrugen die Verantwortung wie selbstverständlich auf den jüngeren Bruder Irinas.
Wer sonst sollte sich um den Jungen kümmern, wenn nicht der leibliche Onkel? Das wurde gar nicht diskutiert, sondern ganz selbstverständlich als die einzig richtige Lösung gesehen.
Elsa verstand das und wehrte sich auch nicht besonders dagegen, aber ein Aber gab es doch. Sie hatte nie eigene Kinder gewollt weder eigene noch fremde.
Diese Entscheidung hatte sie schon lange getroffen. Sie hatte Johann vor der Hochzeit ehrlich davon erzählt, aber er nahm das locker. Wer macht sich mit Anfang zwanzig schon Gedanken über Kinder? So hatten sie vor zehn Jahren gemeinsam beschlossen, für sich selbst zu leben.
Und nun sollte sie ein fremdes Kind aufnehmen. Einen anderen Weg gab es nicht. Johann hätte nie zugelassen, dass der Neffe ins Heim kommt, und Elsa hätte dieses Thema nicht einmal ansprechen können.
Sie wusste, dass sie das Kind niemals lieben oder gar ersetzen könnte, und Joachim war für sein Alter schon sehr reif und klug. Elsa beschloss, mit ihm ehrlich zu sprechen.
Joachim, sag mal, wo würdest du lieber leben bei uns oder im Heim?
Ich will zu Hause wohnen, alleine.
Aber das geht nicht. Du bist doch erst sieben. Du musst wählen.
Dann eben bei Onkel Johann.
Gut, du kommst mit uns. Aber eins solltest du wissen: Ich kann dir nicht Mutter sein und ich werde dich nicht lieben. Doch ich werde für dich sorgen, und du sollst mir das nicht übel nehmen. Immerhin ist es bei uns besser für dich als im Kinderheim.
Die Formalitäten wurden zum Teil erledigt und endlich konnten sie nach Hause gehen.
Elsa glaubte, dass sie nach diesem Gespräch dem Jungen gegenüber nicht mehr die fürsorgliche Tante spielen musste. Sie wollte einfach sie selbst sein kochen, waschen und bei den Hausaufgaben helfen fiel ihr leicht, aber ihr Herz wollte sie nicht verschenken.
Der kleine Joachim vergaß seitdem keinen Augenblick, dass er nicht geliebt war, und damit er nicht ins Heim käme, bemühte er sich sehr, brav zu sein.
Jetzt waren sie also zu Hause. Joachim bekam das kleinste Zimmer. Zuerst musste aber alles für das Kind umgestaltet werden.
Farben wählen, Möbel aussuchen, dekorieren das liebte Elsa. Sie stürzte sich mit Begeisterung in die Neugestaltung des Kinderzimmers.
Joachim durfte die Tapeten aussuchen, den Rest übernahm Elsa. Sie gab viel Geld aus das war ihr egal, sie war nicht geizig. Sie mochte nur keine Kinder. So wurde das Zimmer wunderschön.
Joachim war überglücklich! Schade nur, dass seine Mama nicht sehen konnte, wie schön sein Zimmer jetzt war. Ach, wenn Elsa ihn nur lieben könnte! Sie war so gutherzig nur Kinder lagen ihr nicht.
Oft dachte Joachim abends im Bett darüber nach.
Joachim wusste, wie man sich über Kleinigkeiten freut. Zirkus, Zoo, Freizeitpark er zeigte so ehrliche Begeisterung, dass Elsa selbst Freude daran fand, mit ihm Ausflüge zu machen. Sie liebte es, ihn zu überraschen und dann seine Reaktion zu beobachten.
Im August wollten Johann und Elsa ans Meer fliegen, und für die zehn Tage sollte eine nahe Verwandte Joachim aufnehmen.
Aber fast in letzter Minute änderte Elsa alles. Plötzlich wollte sie unbedingt, dass der Junge das Meer sah. Johann war überrascht, aber insgeheim freute er sich sehr. Er hatte den Jungen lieb gewonnen.
Joachim war beinahe glücklich! Wenn man ihn nur lieben würde… Aber immerhin konnte er das Meer sehen!
Die Reise war wunderbar. Das Meer war warm, das Obst frisch und süß, die Stimmung fantastisch. Doch alles Gute nimmt irgendwann ein Ende, auch der Urlaub war plötzlich vorbei.
Der Alltag begann wieder. Arbeit, Haus, Schule. Aber etwas hatte sich verändert. Es herrschte eine fremde, leise Freude, ein Gefühl der Erwartung, als stünde ein Wunder bevor.
Und das Wunder kam. Elsa brachte ein neues Leben vom Meer zurück. Wie das geschehen konnte, war ihr ein Rätsel hatten sie doch jahrelang solche Überraschungen vermieden.
Elsa wusste nicht, was sie tun sollte. Sollte sie es Johann sagen oder alles allein entscheiden? Nach Joachims Einzug war sie nicht sicher, ob ihr Mann wirklich weiterhin kinderlos leben wollte. Er liebte den Jungen, spielte mit ihm, nahm ihn sogar zum Fußball mit.
Elsa hatte schon eine Heldentat vollbracht, und für eine zweite war sie nicht bereit. Sie traf die Entscheidung selbst.
Elsa saß in der Klinik, als das Telefon klingelte: Joachim war mit Verdacht auf Blinddarmentzündung ins Krankenhaus gebracht worden. Alles wurde auf Eis gelegt.
Sie stürmte ins Krankenhaus. Joachim lag blass auf dem Bett, er fror. Als Elsa ins Zimmer kam, brach er in Tränen aus.
Elsa, bitte geh nicht. Ich habe Angst. Sei heute meine Mama. Nur heute, versprochen, ich werde nie, nie wieder darum bitten.
Krampfhaft hielt er ihre Hand, Tränen liefen in Strömen, eine richtige Panik packte ihn. Nur am Tag der Beerdigung hatte Elsa ihn so weinen sehen.
Jetzt brach alles aus ihm heraus. Elsa drückte seine Hand an ihre Wange.
Mein Junge, halte durch. Gleich kommt der Arzt und alles wird gut. Ich bin hier, ich gehe nicht weg.
Gott, wie sehr sie ihn in diesem Moment liebte! Dieser aufgeweckte Junge war ihr Ein und Alles.
Kinderlosigkeit was für ein Unsinn. Heute Abend würde sie Johann von dem kommenden Baby erzählen. Das stand fest, als Joachim ihre Hand vor Schmerz noch fester drückte.
Zehn Jahre sind vergangen.
Heute ist Elsas runder Geburtstag. Sie wird fünfundvierzig. Gäste kommen, Glückwünsche werden ausgesprochen. Doch jetzt, bei einer Tasse Kaffee, wird sie ganz wehmütig.
Wie schnell doch die Zeit verflogen ist. Jugend, junge Jahre alles vorbei. Nun ist sie Frau, glückliche Ehefrau und Mutter von zwei wunderbaren Kindern. Joachim ist fast achtzehn, Sophia zehn. Und Elsa bereut nichts.
Na ja, eine Sache bereut sie doch sehr. Die Worte, dass sie ihn nicht lieben könnte. Sie wünschte, Joachim hätte sie nie gehört, nie behalten, nie erinnert.
Seit jenem Tag im Krankenhaus versucht sie so oft wie möglich ihm ihre Liebe zu zeigen, aber ob er jene ersten Worte noch weiß das hat sie sich nie getraut zu fragen.





