Sabine war schlecht.
Wirklich schlecht, fast schon bemitleidenswert, so schlecht war diese Sabine.
Jeder versuchte der Mutter klarzumachen, dass ihre Tochter schlecht sei.
Schlecht und auch noch unglücklich.
Klar, sie hat keinen Mann, ihr Sohn ist längst erwachsen und wohnt alleine.
Sabine ist alleine, niemand braucht sie.
Montagmorgen kommt sie zur Arbeit, alle Kolleginnen überbieten sich mit Geschichten, wer das Haus am Wochenende wie geputzt, wer den Garten umgegraben, und wer Marmelade eingekocht hat.
Sabine bleibt still was sollte sie auch erzählen? Sie hat keinen Mann, das Kind wohnt längst nicht mehr zuhause, also sitzt sie schweigend da.
Heute geht sie ein wenig früher wie immer ein- zweimal im Monat alle wissen, sie verschwindet stets vor Feierabend.
Missbilligende Blicke, denn jedem ist klar, wohin sie geht: zu ihren zahllosen Affären treffen.
Die Kolleginnen sind überzeugt, Sabine hat jede Menge Liebhaber so schlecht wie sie ist.
Sabine, wirklich schlecht.
Sie dagegen sind gut, allesamt verheiratete Frauen, immer beschäftigt, ständig im Einsatz, während Sabine schlecht ist.
Sabine, sagt ihre Mutter, warum bist du nur so?
Wie, Mama?
So… so unaufgeräumt, findest du nicht wenigstens einen Mann? Wirklich, meine Tochter, es ist ja noch nicht zu spät, heute bekommen alle Frauen nach vierzig noch Kinder!
Mama, wozu brauche ich einen Mann? Und ein weiteres Kind von irgendwem? Für was? Ich habe Jan, der reicht vollkommen. Und ein Mann, wie du so schön sagst was soll ich denn mit dem? Ich habe Olaf.
Sabine! entfährt es der Mutter empört, Olaf ist doch nicht dein Mann!
Und ob er das ist, lacht Sabine, lädt mich einmal pro Woche ein, macht mir Geschenke, hilft mir beim Urlaub, hält mir kein Theater, schickt mich nicht zur Schwiegermutter zum Fensterputzen oder Sockenwaschen, verlangt kein Abendessen, jammert nicht herum, liegt nicht faul auf dem Sofa. Herrlich.
Ja, herrlich alles kriegt eben seine arme Frau ab.
Möchtest du, dass das alles auf meinen Schultern landet?
Nein danke. Ich bin Anfang vierzig, war zur Erinnerung zweimal verheiratet und ich bin vor lauter Glück gleich zweimal davongelaufen.
Mein erster Mann, der Vater von Jan du wolltest doch unbedingt, dass ich mit knapp 18 heirate, weil er älter, klüger, seriöser ist, mich liebt, dazu auch wohlhabend. Stimmts, Mama?
Fünf Jahre, ganze fünf Jahre saß ich im goldenen Käfig, keine Chance auf Ausbildung, keine Freundinnen treffen, nicht mal um Jan sollte ich mich kümmern: Zu jung, könnte ja was falsch machen. Nur schuften für ihn und seine Mutter.
Aber ich hatte ja Goldschmuck, nicht?
Einmal im Monat führte er mich wie ein Haustier aus, um zu zeigen, was für eine brave junge Frau er hatte, im Gegensatz zu diesen Puppen.
Dabei war er selbst keiner Affäre abgeneigt…
Und als ich endlich weg war, die Scheidung wollte danke an meine liebe Oma, sie half mir da wollte er alles zurück, wirklich alles, sogar die Unterwäsche…
Danach heiratete ich aus Liebe, weißt du noch, Mama? Ich studierte tagsüber wie verrückt, holte nach, was ich verpasst hatte, und abends arbeitete ich, um nicht zur Last zu fallen…
Sabine! Wie kannst du nur? Habe ich dir je vorgeworfen, mich und Opa auszunutzen? Habe ich dir je Suppe verweigert?
Du nicht, Mama… aber du bist eben nicht alleine… Da ist noch der, der befürchtete, ich setze mich auf deine starke Schulter. Und Niklas, mein lieber Bruder, wollte sein Leben auch nicht in den Griff bekommen wozu auch? Es gab ja Mama… Du hast auf zwei Stellen gearbeitet, abends bist du heimgerannt, unterwegs noch schnell eingekauft, denn die Jungs waren ja hungrig… Einer auf dem Sofa, einer am Rechner.
Gekocht, geputzt, gewaschen…
Und aus lauter Liebe habe ich das zweite Mal geheiratet ohne Liebe hatte ich das doch schon ausgehalten.
Was hat sich geändert?
Nichts. Es wurde nur mehr Arbeit: Aus Sabine wurde Sabine-die-für-alle-da-ist.
Mein Liebster lag auf dem Sofa, ich zur Arbeit, dann zum Kindergarten, denn klar mein Kind, der Mann darf nicht belästigt werden, sei es sein Kind oder nicht. Es ist ja kein Männerjob, ein Kind abzuholen, er ist ja erschöpft!
Nach Hause gehastet, unterwegs noch eingekauft, alles getragen, es gab ja kein Auto. Wozu? Klar, der Mann braucht es ja, der kann ja nicht mit der Bahn ins Büro fahren, nein. Alle Frauen leben so, warum bin ich also müde? Wer kocht denn sonst das Abendessen?
Also gekocht, gedeckt, alle bekocht, gewaschen, gebügelt und dann musste man ja auch noch die Frau für den Ehemann spielen, sonst läuft er noch zur nächsten ein Schatz…
Geld fehlt? Tja, dann fehlts nur deinem Kind. Wäre der Kleine sein leiblicher gewesen, der Erbe, dann vielleicht… Such dir einen anderen Dummen, der dich und dein Kind durchfüttert.
Sorry, bin an den Falschen geraten…
Was heißt, ich geb kein Geld für deine Autoreparatur? Und was, wenns meines ist? Wir sind doch eine Familie!
Wenigstens hast du Glück gehabt…
Wie, du gehst weg?
Na dann tschüss mit Kind will dich doch eh niemand, haha.
So, Mama, ich war mal mit einem, der verdiente mehr, mit dem anderen weniger. Unterschied? Keine.
Allen gehts gut nur mir nicht, Mama, mir gings immer schlecht.
Sabine, alle leben so was hast du denn?
Dann sollen sie das doch, Mama! Ich nicht. Ich will das nicht.
Was hast du am Samstag gemacht?
Naja, Niklas und Marie haben mir Olli und Lukas gebracht, ich war spazieren mit ihnen, hab Pfannkuchen gebacken, dann noch bisschen abgestaubt, gesaugt, Boden gewischt, Wäsche gemacht, abends noch die Kinder ins Bett, Opa gefüttert und gebügelt, dann hab ich auf dem Sofa gesessen und war kurz nach Mitternacht im Bett.
Am Sonntag haben die beiden so früh Pfannkuchen gefordert, also hab ich die Bratpfanne geschwungen, später kamen Niklas und Marie, ich hab Hühnchen gebraten, einige Salate gemacht und Pizza gebacken, gemeinsam Abend gegessen, aufgeräumt und war gegen elf fix und fertig im Bett, Opa hat mich noch geweckt, damit ich ins Schlafzimmer geh…
Mama, ich erinnere mich nicht, dass du oft mal auf Jan aufgepasst hast. Und ich habe meinen Sohn nie einfach zu dir abgeschoben und bin feiern gegangen.
Du warst halt immer so selbstständig, aber die… ach, ich kann gar nichts sagen…
Willst du wissen, wie ich letztes Wochenende verbracht habe, Mama? Am Freitag rief Jan an, ob ich Michi übers Wochenende nehme, sie wollten in die Berge fahren.
Natürlich hab ich ihn genommen, warum nicht?
Michi ist der Kater von Jans Freundin Claudia Mama, wenn du dich nicht nur um Niklas und seine Familie kümmern würdest, wüsstest du das vielleicht.
Jedenfalls kam mein Sohn mit Claudia, stellten mir die Pizza hin und lieferten den Kater ab.
Abends aß ich die leckere Pizza und schaute Serien bis spät ich muss ja nicht früh raus.
Morgens fütterte ich Michi, kochte Kaffee, wischte kurz Staub, warf ein paar Sachen in die Waschmaschine und rief dich an, wollte dich ins Museum einladen oder einfach zusammensitzen.
Papa ging ans Telefon, du hattest die Hände im Spülwasser. Er schimpfte, ich sei eine Nichtsnutzige, während du dich um die Enkel kümmerst und ich wie eine Dame durch Museen spaziere.
Wollte mich erst ärgern, habs aber gelassen, Papa hat immer recht.
Bin ins Museum gegangen Ausstellung deines Lieblingskünstlers, weißt du noch, wie du ihn geliebt hast?
Später saß ich im Café, schlenderte durch die Stadt, habe nochmal an Michi gedacht. Zu Hause schlafender Kater, alles entspannt.
Keine Lust mehr rauszugehen, Sofa, Serie, fertig.
Am Sonntag haben wir bis elf Uhr geschlafen, wollte dich zur Dampferfahrt einladen, aber Marie ging ans Telefon, mit vollem Mund, du warst sicher wieder am spülen oder aufräumen.
Abends rief Olaf an, lud mich ins Restaurant ein. Bin mitgegangen warum nicht?
Ich bin frei, frage ihn nicht nach seiner Frau, wir sprechen darüber einfach nicht, jeder lebt sein Leben, wir belasten uns nicht mit Problemen.
Es war ein wunderschöner Abend, am nächsten Morgen ausgeschlafen und fit zur Arbeit.
Ich habe es mit ledigen Männern probiert, Mama.
Ganz schlimm.
Da kleben entweder Jungs, die eine Ersatzmutti suchen, oder schon mehrfach Geschiedene mit Riesenfamilie, alles voller Probleme.
Warum guckst du so, Mama?
Die Welt ist eben anders als früher.
Einer erklärte mir, ich müsse seine Kinder unbedingt akzeptieren, weil ich eine Frau bin und grundsätzlich alle Kinder liebe.
Er zahlt noch Unterhalt für Kinder und Exfrau, ist ja schließlich die Mutter seiner Kinder, sein Hobby Angeln kostet aber auch was, daher müssen wir von meinem Gehalt leben.
Dafür gäbe es immerhin leckeren Fisch.
Ob er Jan helfen würde, habe ich gefragt war empört. Jan hat doch seinen Vater, der kann sich kümmern.
Logisch, oder? Deswegen habe ich ihn weggeschickt. Jan hat ja nicht nur einen Vater, sondern auch eine Mutter mich.
Schon gelte ich als schlecht, geizig, berechnend, hinterlistig. Wäre ja noch schöner, einem armen Mann mein Kind aufzuhalsen…
Darum, Mama, gibt es bei mir Olaf.
Ja, ich bin schlecht in euren Augen, doch ich schäme mich überhaupt nicht dafür, wie ich lebe.
Es tut mir nur weh, wie du dein Leben verschwendest, darum versuche ich dich immer wieder rauszuholen, so wie heute ich habe euch beiden sogar erzählt, ich brauchte Hilfe.
Mama, mir gehts bestens. Und jetzt machen wir endlich mal etwas für uns, du genießt die Zeit, mit mir, deiner Tochter.
Sabine, bist du verrückt, und was ist mit Papa?
Was soll denn mit ihm sein? Ist er krank?
Nein, aber… das Mittagessen…
Willst du mir erzählen, dass nichts vorbereitet ist?
Es muss ja noch aufgewärmt werden und überhaupt, Niklas…
Mama! Pass auf, ich bin gleich beleidigt… Ich weiß, ich bin die Schlechte. Lass mich heute mal die Gute sein komm, lass uns entspannen… bitte!
Im Büro erzählen die Kolleginnen montags wieder, wie anstrengend Erholen sein kann.
Aber Sabine lächelt verschmitzt, jeder weiß: Sabine ist schlecht. Beschwingt geht sie ihren Weg, lächelt über irgendwas, das nur sie versteht.
Ist ja klar, was Sabine denkt lauter schlechte Gedanken.
Lina war schlecht. Richtig schlecht, fast schon bemitleidenswert, wie schlecht diese Lina war. Alle wollten der Frau klarmachen, dass sie schlecht war – schlecht und zudem unglücklich. Natürlich, sie hat keinen Mann, der Sohn ist erwachsen und lebt längst alleine. Lina ist allein, keiner braucht sie. Am Montag kommt sie zur Arbeit, die Kolleginnen prahlen, was sie alles am Wochenende geschafft haben – gereinigt, gewaschen, im Schrebergarten geschuftet, Marmelade eingekocht. Lina schweigt – was soll sie schon sagen? Kein Mann, das Kind ist aus dem Haus, also schweigt sie. Heute geht sie wieder früher, wie ein paar Mal im Monat. Die anderen schütteln missbilligend den Kopf – sie wissen doch alle, wohin Lina geht: sich mit ihren zahlreichen Liebhabern treffen! Alle auf Arbeit sind überzeugt, Lina führt ein ausschweifendes Liebesleben – sie ist eben schlecht. Sehr schlecht. Sie selbst sind die Guten: verheiratete Frauen, immer beschäftigt, während Lina schlecht ist. „Lina“, sagt ihre Mutter, „warum bist du nur so?“ „Wie denn, Mama?“ „So unerledigt, findest wenigstens irgendeinen Mann, es ist doch noch nicht zu spät für ein zweites Kind. Jetzt kriegen doch alle nach vierzig noch Kinder.“ „Mama, wozu brauche ich irgendeinen Mann? Und ein zweites Kind von irgendwem? Ich habe meinen Sohn, das reicht. Und einen Mann… wozu? Ach ja, ich habe ja Oleg.“ „Lina!“ ruft die Mutter. „Oleg ist doch nicht dein Mann!“ „Wie das?“ lacht Lina, „doch, der lädt mich jede Woche ein, bringt Geschenke, hilft mir beim Urlaub, macht keinen Stress, schickt mich nicht zu seiner Mutter Rasenmähen oder Fensterputzen, erwartet nicht, dass ich ihm Socken wasche oder Abendessen koche, nervt nicht mit Problemen, gammelt nicht auf meinem Sofa rum. Ein Segen.“ „Segen? Das alles bleibt an seiner armen Frau hängen.“ „Willst du wirklich, dass das an mir hängen bleibt? Nein danke, ich bin über vierzig, war zwei Mal verheiratet und bin vor so einem Glück schon zweimal schreiend davongelaufen…“ So berichtet Lina ihrer Mutter, warum sie lieber frei ist als wie andere Frauen zu leben – was sie am Wochenende wirklich macht, warum sie nicht ständig putzt und schuftet, warum sie ihr Leben genießt und warum sie für alle, trotz allem, immer die „schlechte“ Lina bleibt. Doch während die anderen vom anstrengenden Wochenende reden, lächelt Lina verschmitzt – sie weiß, was Glück bedeutet. Lina – Die „schlechte“ Frau: Vom schlechten Ruf, Freiheit und dem Glück, nicht wie alle zu leben in Deutschland





