Mein Haus, meine Küche, – stellte Schwiegermutter klar — Danke dafür, dass Sie mir nicht einmal das Recht auf einen Fehler lassen? In meinem eigenen Zuhause… — In MEINEM Haus, – korrigierte Rima Markwitz leise, aber mit Nachdruck. – Das ist mein Haus, Julia. Und in meiner Küche haben ungenießbare Dinge keinen Platz. Es breitete sich Stille in der Küche aus. — Julchen, du verstehst doch selbst, das konnte man wirklich nicht auf den Tisch bringen. Deine Eltern sind anständige Leute, ich konnte nicht zulassen, dass sie auf dieser Schuhsohle herumkauen, – Rima Markwitz goss mit unbewegtem Gesicht Tee in hauchdünne Porzellantassen. Julia stand am Tischrand und spürte, wie in ihrem Inneren alles zu einem dicken, heißen Knoten wurde. Es rauschte in ihren Ohren. Auf den Tellern ihrer Eltern, die gerade mit Kirill ins Wohnzimmer gegangen waren, lagen die Reste eben dieser „Schuhsohle“ – saftige Entenbrust mit Preiselbeer-Soße, die Julia vier Stunden lang gekocht hatte. Zumindest dachte sie das. — Das ist keine Schuhsohle, – Julias Stimme zitterte, aber sie zwang sich, der Schwiegermutter in die Augen zu sehen. – Ich habe sie nach Mamas Rezept mariniert. Extra eine Freilandente gekauft. Wo ist sie denn, Frau Markwitz? Die Schwiegermutter stellte die Teekanne elegant beiseite und wischte sich die Hände an ihrem makellos weißen Handtuch ab, das über der Schulter lag. Ihr Gesicht zeigte keine Spur von Reue – nur gönnerhaftes Mitleid, wie bei einem welpenhaften Tollpatsch. — Im Müllschlucker, mein Kind. Deine Marinade… Wie soll ich sagen… die roch so nach Essig, dass einem die Tränen kamen. Ich habe ein anständiges Confit gemacht. Mit Thymian, ganz langsam gegart. Hast du gesehen, wie dein Papa Nachschlag wollte? DAS ist Niveau. Was du da zusammengekleckert hast, taugt für eine Imbissbude, nicht mehr. — Sie hatten kein Recht, – flüsterte Julia. – Das war mein Abendessen. Mein Geschenk an meine Eltern zur Hochzeitstag. Sie haben mich nicht einmal gefragt! — Wozu fragen? – Rima Markwitz hob die Augenbraue, in ihrem Blick blitzte die Autorität einer Chefköchin, die gewohnt ist, das Regiment zu führen. – Wenn es brennt, fragt auch keiner, ob er löschen darf. Ich habe die Familienehre gerettet. Kirill hätte sich auch geärgert, wenn die Gäste sich übergeben müssten. Los, bring’ den Kuchen. Den habe ich übrigens auch ein wenig verbessert – die Creme war zu flüssig, ich habe sie angedickt und etwas Zitronenschale reingetan. Julia sah auf ihre Hände. Sie zitterten leicht. Den ganzen Tag hatte sie in der Küche gewirbelt, während Rima Markwitz angeblich „in ihrem Zimmer ausruhte“. Mit Akribie wog Julia jedes Gramm ab, strich die Sauce durch ein Sieb, dekorierte die Teller. Sie wollte beweisen, dass sie nicht nur eine Mitbewohnerin auf Zeit, nicht nur „Kirills Mädchen“ war, sondern eine Gastgeberin, die den Tisch decken kann. Doch kaum war sie eine halbe Stunde im Bad, um sich für die Gäste frisch zu machen, übernahm „der Profi“ die Küche. — Julia, was ist los, kommst du? – Kirill erschien in der Küchentür. Zufrieden, ein wenig beschwingt vom Wein. – Mama, die Ente war der Hammer! Julia, du hast dich echt selbst übertroffen, ehrlich. Ich wusste gar nicht, dass du das kannst. Julia drehte sich langsam zu ihrem Mann. — Das war nicht ich, Kirill. — Wie meinst du das? – Er blinzelte verwundert. — Genau so. Deine Mutter hat mein Essen weggeworfen und ihres gekocht. Alles, was ihr gerade hattet – vom Salat bis zum Hauptgang – war ihr Werk. Kirill erstarrte für einen Moment, schaute von seiner Frau zur Mutter. Rima Markwitz begann just in diesem Moment, die blitzblanke Arbeitsplatte abzuwischen. — Ach Julia… – Kirill trat an sie heran und wollte sie umarmen, aber sie wich ihm aus. – Mama wollte nur helfen. Wenn sie einen Fehler sieht… sie ist halt Profi. Und beim Geschmack hat sie halt ihre Prinzipien. Aber dafür war es super lecker! Deine Eltern sind begeistert. Ist doch egal, wer am Herd stand, Hauptsache der Abend war schön. — Egal? – Julia spürte, wie ihr Tränen der Bitterkeit in die Augen stiegen. – Der Unterschied ist, dass ich hier nichts bin. Möbel. Deko. Drei Tage habe ich das Menü geplant! Wollte MEINE Eltern mit dem eigenen Essen erfreuen! Und deine Mutter hat mich wieder mal als unfähigen Tollpatsch hingestellt, der nicht mal Sauce aufschlagen kann. — Dich hat niemand bloßgestellt, – mischte sich Rima Markwitz ruhig ein, faltete das Handtuch sorgfältig zusammen. – Wir haben nichts gesagt. Sie denken, alles ist dein Werk. Ich habe dir dein Gesicht gewahrt, Julia. Da könntest du statt dieser dramatischen Szene auch mal Danke sagen. — Danke? – Julia lachte bitter auf. – Danke dafür, dass Sie mir nicht mal das Recht auf einen Fehler lassen? In meinem eigenen Zuhause… — In MEINEM Haus, – stellte Rima Markwitz noch leiser, aber sehr bestimmt klar. – Das ist mein Haus, Julia. Und auf meiner Küche ist kein Platz für Essbares unter Standard. Stille. Im Hintergrund dudelte leise der Fernseher, Julias Vater erzählte ihrer Mutter, begleitet von Gelächter, etwas. Denen geht es gut. Sie denken, ihre Tochter hat geglänzt. Dabei fühlt sie sich, als hätte man ihr öffentlich eine Ohrfeige verpasst und die Schramme dann mit Salz bestreut. Julia verließ wortlos die Küche. Sie ging an ihren Eltern vorbei. — Mama, Papa, entschuldigt, mir geht es nicht so gut. Kopfschmerzen. Kirill bringt euch raus, ja? — Julchen, was ist denn? – die Mutter sprang auf. – Die Ente war göttlich, vielleicht hast du dich beim Kochen übernommen? So viel Mühe! — Ja, – Julia nickte, den Blick irgendwo über Mamas Schulter. – Sehr überarbeitet. Mache ich nie wieder. Sie schloss sich im Schlafzimmer ein, setzte sich aufs Bett. In ihrem Kopf kreiste nur ein Gedanke: „So geht’s nicht weiter.“ Das ging nun ein halbes Jahr so – seit sie mit Kirill gemeinsam beschlossen hatten, „vorübergehend“ zu Rima Markwitz zu ziehen, um für die Eigentumswohnung zu sparen. Wenn sie einkaufte, sortierte Rima Markwitz mit angewiderter Miene die Tüten: — Wo hast du diese Tomaten her? Die sind wie Plastik. Kann man höchstens im Film nehmen, aber nicht für Salat. Versuchte Julia Kartoffeln zu braten, stand die Schwiegermutter seufzend hinter ihr, als würde sie Zeugin eines Verbrechens. Am Ende mied Julia die Küche, wenn Rima da war. Doch der Abend, der ihr Triumph werden sollte, geriet zur Kapitulation. Die Tür quietschte leise. Kirill trat ein. — Die sind jetzt weg. War doch alles in allem ein guter Abend, mal abgesehen von deinem Gefühlsausbruch. Mama ist übers Ziel hinausgeschossen, ich rede mit ihr, aber… — Musst du nicht, – unterbrach Julia. Sie begann, den Reiserucksack aus dem Schrank zu ziehen. — Was machst du da? – Kirill blieb stehen. — Packe meine Sachen. Ich fahre zu meinen Eltern. Jetzt gleich. — Julia, bitte nicht. Wegen der Ente? Ehrlich? Es ist doch nur Essen! — Nein, Kirill! – Sie drehte sich ruckartig zu ihm, knüllte dabei ihren Lieblingspulli. – Es geht nicht um Essen! Es geht um Respekt. Deine Mutter sieht mich als störende Beilage in ihrer perfekten Welt. Und du lässt es zu: „Mama will nur helfen“, „Mama ist Profi“… Und ich? Bin ich nur Praktikantin in ihrer Küche? — Sie wollte dich nicht kränken, sie ist nun mal so. Ihr Leben ist Restaurant. Da muss alles tadellos sein. — Dann soll sie in ihrer perfekten Welt bleiben. Allein. Oder mit dir. Ich will in meinem eigenen Zuhause auch mal eine versalzene Suppe und ein angebranntes Ei machen dürfen, ohne dass jemand meine Mühe in den Müll wirft, während ich dusche. — Wohin willst du denn? – Kirill versuchte, ihr die Hand zu nehmen. – Es ist mitten in der Nacht. Lass uns morgen in Ruhe reden. — Nein. Wenn ich bis morgen bleibe, höre ich beim Frühstück wieder, dass ich den Kaffee falsch aufgebrüht habe. Ich kann so nicht mehr, Kir. Entweder suchen wir uns sofort eine Wohnung, notfalls ein Zimmer, oder… keine Ahnung. — Du weißt doch, dass wir gerade kein Geld übrig haben, – Kirill wurde ernst, leicht gereizt. – Wir sparen doch. Noch ein halbes Jahr, dann haben wir genug. Müssen wir jetzt wirklich Miete raushauen? Halte es einfach aus. Julia schaute ihn an, als sähe sie ihn zum ersten Mal. In seinen Augen lag keine Empathie für ihren Schmerz – nur Kalkulation und die Hoffnung, dass der Streit sich von selbst erledigt. — Ein halbes Jahr? – Sie lachte bitter. – In einem halben Jahr bin ich hier ein Geist. Schnell stopfte sie das Nötigste in die Tasche: Kulturbeutel, Wäsche, T-Shirts. Der Reißverschluss schloss sich nur schwer und ächzte. Im Flur stand Rima Markwitz mit verschränkten Armen. Defensive Kälte im Blick. — Das ist jetzt eine große Abschiedsszene, ja? – fragte die Schwiegermutter. – Dritter Akt: „Das verkannte Genie verlässt die Bühne“? — Nein, Frau Markwitz, – sagte Julia beim Schuheanziehen. – Das ist der Schlussakt. Sie haben gewonnen. Die Küche gehört Ihnen. Werfen Sie ruhig auch meine Gewürze weg, die sind bestimmt auch nicht „gut genug“. — Julia, jetzt hör auf! – Kirill eilte ihr hinterher. – Mama, sag du doch was! — Was soll ich sagen? – Rima Markwitz zuckte mit den Schultern. – Wer wegen einem Kochtopf die Familie sprengt, da war nie eine Familie. In meinem Alter konnte man noch Fehler zugeben und von den Älteren lernen. Heute sind alle stolz, alle Individualisten… Julia hörte nicht länger zu, griff ihren Koffer und trat hinaus auf den Flur. Die kühle Nachtluft schmeckte ihr nach all dem Küchendunst fast süß. Sie ging zum Aufzug, hinter ihr die gedämpften Stimmen – Kirill stritt mit seiner Mutter, sie konterte ruhig, streng „pädagogisch“. *** Eine Woche wohnte Julia bei ihren Eltern. Die ahnten eh alles, mischten sich aber nicht ein. Die Mutter seufzte nur und schob ihr Pfannkuchen auf den Teller – ganz normale, keine „Confits“, kein „Demiglace“, einfach leckere Pfannkuchen. Kirill rief jeden Tag an, erst beleidigt, dann bittend, dann gelobte er, ernst mit seiner Mutter zu reden. Am fünften Tag tauchte er auf. — Julia, komm zurück, – er sah elend aus, mit dunklen Ringen, die Hemdtaschen zerknittert. – Mama… sie ist krank geworden. Julia erstarrte mit der Teetasse. — Wieder der Blutdruck? — Nein, – Kirill setzte sich, verbarg das Gesicht in den Händen. – Sie hat wohl so einen schlimmen Virus erwischt. Drei Tage lang fast vierzig Fieber. Jetzt schläft sie, aber… sie ist apathisch. Sie isst nichts. Sagt, sie schmeckt gar nichts mehr. — Wie, schmeckt nichts mehr? — Nichts. Sie sagt, alles schmeckt wie Papier. Kein Geruchssinn mehr, nichts. Für sie ist das… Du weißt schon. Gestern hat sie ein Glas mit ihren Lieblingsgewürzen kaputtgemacht, weil sie den Duft nicht erkannt hat. Saß am Boden und hat zum ersten Mal geweint. Ich hab sie noch nie weinen sehen. Julia spürte, wie die sorgsam gepflegte Wut in ihr zu tauen begann. Sie wusste ja, wie Rima Markwitz jeden Tag mit ihrem „Ritual“ begann: Kaffee mahlen, daran riechen, als wäre es Lebenselixier – erst dann begann der Tag. Für jemanden, dessen Leben aus Geschmack und Geruch besteht, ist der Verlust all dessen, als würde man einem Maler das Augenlicht nehmen. — Hat sie einen Arzt gerufen? — Ja. Die meinten, Komplikation. Vielleicht kommt’s zurück – vielleicht nie. Jetzt schließt sie sich nur noch ein. Sagt, ohne Geschmack gibt es sie nicht mehr. Julia starrte aus dem Fenster in den vom Laternenlicht beleuchteten Schnee. Sie stellte sich Rima Markwitz vor – die eiserne Herrscherin der Küche – jetzt allein mit ihrem schönen Herd und ohne einen Hauch von Aroma. Es war unheimlich. — Julia, ich bitte dich nicht zurück wegen mir, – Kirill sah sie an. – Aber hilf ihr. Sie kann nicht mal mehr kochen wagen. Neulich versuchte sie Suppe zu machen, so versalzen, dass ich’s nicht essen konnte – sie hat’s nicht mal bemerkt, bis sie’s mir vorsetzen wollte. Sie ist völlig verzweifelt. — Ja und? – Julia verzog schmerzlich das Gesicht. – Ich bin doch der Tollpatsch. Sie ließ mich ja nie an den Herd! — Du bist ihre letzte Hoffnung. Sagen würde sie das nie, der Stolz… Aber ich hab gesehen, wie sie auf deine leere Kühlschrank-Etage geschaut hat. Am nächsten Tag kam Julia zurück. Nicht, weil sie vergeben hatte, sondern aus einer fast familiären Verantwortung. Rima Markwitz gehörte halt doch zu ihrem Leben, auch wenn sie stach wie ein Kaktus. Die Wohnung roch anders. Keine Gebäck-, keine Brataromen. Staub. Und Traurigkeit. In der Küche saß Rima Markwitz am Tisch, plötzlich zehn Jahre gealtert. Die Haare, sonst sorgfältig frisiert, jetzt schnoddrig zusammengebunden. Vor sich eine Teetasse, an der sie nicht nippte. — Hallo, Frau Markwitz, – sagte Julia leise. Die Schwiegermutter zuckte zusammen, hob langsam den Kopf. — Kommst du, um dich zu amüsieren? – ihre Stimme klang dumpf. – Los, brate deine Schuhsohle, ich merke den Unterschied zu Filet Mignon eh nicht. Julia stellte ihren Koffer ab, trat näher. Sie sah, dass die Hände der Schwiegermutter zitterten – die Meisterhände, die sonst selbst Fische chirurgisch zerlegten. — Ich bin nicht zum Amüsieren da. Ich will kochen. — Wozu? – Rima Markwitz wandte sich ans Fenster. – Ich schmecke nichts. Die Welt ist grau, Julia. Wie ohne Ton und Farbe. Brot ist Watte. Kaffee heißes Wasser. Wozu Zutaten verschwenden? Julia atmete tief durch, zog den Mantel aus. — Weil ich dann Ihr Mund und Ihre Nase bin. Sie sagen, was ich tun soll, ich koste. Rima Markwitz lachte bitter. — Du? Du schmeckst doch Thymin nicht mal von Majoran. — Dann lernen Sie es mir. Sie sind doch Profi. Oder geben Sie schon auf? Die Schwiegermutter schwieg lange. Schaute auf ihre Hände, dann auf Julia. In ihren Augen flackerte einen kurzen Moment wieder Leben auf. — Du kannst nicht mal ein Messer anständig halten, – brummte sie. – Schneidest dich nach einer Minute. — Dann werden Sie halt Pflaster kleben, – Julia nahm das Fleisch aus dem Kühlschrank. – Was machen wir? Bœuf Bourguignon? Rima Markwitz stand langsam auf, legte die Hand auf die kalte Herdplatte. — Für Bourgignon muss das Fleisch richtig gebräunt werden. Kruste, keine Kohle. Aber du… du wässerst das sicher. — Dann passen Sie auf, – Julia packte das Fleisch und das Brett. – Setzen Sie sich hier. Und geben Sie mir Anweisungen. Aber keine Beleidigungen mehr. Ich bin Praktikantin, kein Boxsack. Rima Markwitz setzte sich schwer an den Schneidetisch, sah Julia beim etwas unbeholfenen Schneiden zu. — Halte das Messer anders, – sagte sie plötzlich scharf. – Daumen auf den Klingenrücken, Zeigefinger an die Seite. Nicht drücken, mit dem Handgelenk arbeiten. Fleisch muss das Metall spüren, nicht deine Kraft. Julia korrigierte den Griff. — So? — Besser. In drei-Zentimeter-Stücke. Größere werden nicht gleichmäßig gar. Das ist Grundwissen, Julia. So begann ihre erste merkwürdige Kochlektion. Julia schnitt, briet, rührte. Rima Markwitz saß daneben, ihre Nasenflügel zuckten manchmal vor Reflex, dann verzog sich ihr Gesicht vor Schmerz – es roch nach nichts. — Jetzt Wein, – wies sie an. – Gieß etwas in den Bräter, koch den Alkohol ab. Julia goss ein. Es zischte, dicker aromatischer Duft von Trauben und Wärme lag in der Luft. — Wie riecht’s? – flüsterte Rima. Julia atmete ein. — Nach Spätsommer, nach Regen im Wald. Ein bisschen sauer, aber irgendwie auch süß. Die Schwiegermutter schloss die Augen. Lippen bewegten sich, als wollte sie sich die Worte einprägen. — Tannine, – flüsterte sie. – Gut. Gib einen Tick Zucker dazu für die Harmonie. — Und jetzt? – Julia probierte die Sauce. – Schmeckt… lecker, aber irgendwas fehlt. So ein Hauch Schärfe… — Senf. Aber Dijon. Nur eine Messerspitze. Das gibt Tiefe. Julia rührte Dijon-Senf unter, probierte erneut. Die Augen wurden groß. — Wow… Jetzt ist es ganz anders! Wie machen Sie das? Sie schmecken ja nicht mal! Rima Markwitz lächelte zum ersten Mal, kaum sichtbar. — Erinnerung, Kindchen. Geschmack ist nicht nur am Gaumen. Ich hab Tausende Seiten Kochbuch im Kopf. Den ganzen Abend verbrachten sie in der Küche. Als Kirill heimkam, stand deutlich duftendes Fleisch auf dem Herd. — Mann, was für Düfte! Mama, bist du wieder gesund? Rima Markwitz saß im Sessel, erschöpft, aber ruhiger als jemals. — Nein, Kirill. Julia hat gekocht. Ich habe sie nur genervt. Kirill sah die Frau erstaunt an. Julia zwinkerte beim Händeabtrocknen. — Setz dich und iss, – sagte sie. – Kein Wort über Salz. Jedes Körnchen wurde diskutiert. Als Kirill schon die zweite Portion verdrückte, sagte Rima Markwitz leise ins Nichts: — Weißt du, Julia… Warum ich damals deine Ente weggeschmissen habe? Julia sah auf. — Warum? Rima Markwitz hob den Blick und Julia sah darin etwas, das sie nie erwartet hätte – Angst. Menschliche, echte Angst. — Weil ich nicht wollte, dass du sie perfekt zubereitest. Dann wäre ich überflüssig. Ganz. Mein Sohn ist erwachsen, hat sein eigenes Leben, seine Frau. Doch ich… ich bin Köchin. Wenn ich niemanden mehr bekoche, existiere ich nicht mehr. Ich wäre einfach nur… eine alte Frau, die einer zu viel ist. Ich wollte zeigen, dass es ohne mich nicht geht. Dass ich die Herrin hier bin. Julia stellte die Gabel langsam ab. Nie hatte sie die Schwiegermutter aus dieser Perspektive gesehen. Für sie war Rima Markwitz ein unerschütterlicher Felsen gewesen, eine Diktatorin mit Prinzipien. Nun sah sie eine verängstigte Frau, die sich an ihre Küche klammerte wie an einen Rettungsring. — Sie werden nie unwichtig sein, Frau Markwitz, – sagte Julia leise und trat zu ihr. – Wer bringt mir sonst bei, ein Messer zu halten? Ich habe heute gemerkt, wie wenig ich über Essen weiß. Rima Markwitz schniefte und richtete sich plötzlich auf, wieder streng. — Allerdings. Deine Finger sind krumm wie Haken. Morgen lernen wir Vanillecreme machen. Und wehe, du haust wieder Bindemittel rein – dann fliegst du raus! Julia lachte. — Abgemacht. Und wenn ich es schaffe: Ihr Rezept für Bienenstich ist dann aber fällig. — Das sehe ich dann noch, – brummte die Schwiegermutter, aber ihre Hand legte sich für einen Moment auf Julias Hand auf dem Tisch.

Mein Haus, meine Küche, sagte meine Schwiegermutter

Danke, dass Sie mir das Recht auf einen Fehler genommen haben? In meinem eigenen Zuhause…
In meinem Haus, lenkte mich Hannelore Becker leise, aber sehr bestimmt ab. Das ist mein Haus, Klara. Und in meiner Küche haben ungenießbare Dinge keinen Platz.

In der Küche herrschte Stille.

Klärchen, du verstehst sicherlich selbst, das konnte man wirklich niemandem vorsetzen.

Deine Eltern sind anständige Leute. Ich konnte doch nicht zulassen, dass sie auf dieser Schuhsohle herumkauten, ganz gelassen schenkte Hannelore Tee in dünne Porzellantassen ein.

Ich stand am Rand des Tisches und spürte, wie sich in mir alles zu einem heißen, festen Knoten zusammenzog. In meinen Ohren rauschte es.

Auf den Tellern meiner Eltern, die gerade mit Moritz ins Wohnzimmer gegangen waren, lag der traurige Rest dieser besagten Sohle saftige Entenbrust an Preiselbeersoße, die ich vier Stunden lang vorbereitet hatte. Dachte ich zumindest.

Das ist keine Sohle, meine Stimme zitterte, doch ich zwang mich, Hannelore Becker direkt in die Augen zu sehen. Ich habe sie genau nach Mamas Rezept mariniert. Ich habe die Ente extra auf dem Bauernhof gekauft. Wo ist sie, Frau Becker?

Sie schob lässig die Teekanne beiseite und wischte sich die Hände an einem schneeweißen Geschirrtuch ab, das sie über die Schulter gelegt hatte.

Nicht ein Hauch von Reue stand in ihrem Gesicht nur dieses gönnerhafte Mitleid, wie man es einem tollpatschigen Welpen entgegenbringt.

Im Müllschlucker, mein Kind. Deine Marinade … wie soll ich sagen … der Essiggeruch hat mir fast die Tränen in die Augen getrieben.

Ich habe ein ordentliches Confit gemacht. Mit Thymian, langsam geschmort. Hast du gesehen, wie dein Vater Nachschlag wollte? Das ist Niveau.

Was du da zusammengebastelt hast, ja … das reicht bestenfalls für eine Raststätten-Bude.

Sie hatten kein Recht dazu, flüsterte ich. Das war mein Abendessen. Mein Geschenk an meine Eltern zum Hochzeitstag. Sie haben mich nicht mal gefragt!

Was gibt es da zu fragen? Hannelore zog die Augenbrauen hoch, und ihr Blick hatte diesen stählernen Glanz einer Küchenchefin, die in einem Feinschmeckerrestaurant Ordnung hält. Bei einem Brand fragt man auch nicht nach Erlaubnis, bevor man löscht.

Ich rette den Familienruf. Auch Moritz wäre enttäuscht gewesen, wenn die Gäste sich den Magen verdorben hätten.

Hol jetzt lieber mal den Kuchen. Ich habe ihn übrigens auch etwas aufgepeppt die Creme war zu dünn, da musste etwas Verdickungsmittel und Zitronenschale rein.

Meine Hände zitterten. Den ganzen Tag war ich in der Küche herumgesprungen, während Hannelore angeblich in ihrem Zimmer ruhte.

Ich wog jedes Gramm ab, strich die Soße durch ein Sieb, drapierte alles liebevoll. Ich wollte beweisen, dass ich mehr bin als bloß ein Mitbewohner auf Zeit oder Moritz Mädchen, sondern eine Gastgeberin mit Können.

Aber kaum war ich eine halbe Stunde im Bad, um mich für die Gäste frisch zu machen, zog die Fachfrau ein.

Clara, alles in Ordnung? Moritz stand in der Küchentür, rundum zufrieden, etwas angeheitert vom Wein. Mama, die Ente war der Hammer! Klara, du hast dich echt selbst übertroffen, ehrlich. Ich hätte nie gedacht, dass du das kannst.

Ich drehte mich langsam zu ihm.

Das war nicht ich, Moritz.

Wie meinst du das? Er blinzelte verständnislos.

Genau so. Deine Mutter hat mein Essen entsorgt und ihres gekocht. Von Vorspeise bis Hauptgang alles ihr Werk.

Moritz starrte einen Moment lang zwischen uns hin und her. Hannelore putzte äußerst gewissenhaft und unbeteiligt die ohnehin saubere Arbeitsfläche.

Ach komm, Klara … Moritz wollte mich an der Schulter umarmen, aber ich wich aus. Mama wollte doch nur helfen.

Wenn sie merkt, dass etwas schief läuft … sie ist halt Profi. Sie hat hohe Ansprüche, das weißt du doch.

Aber Hauptsache es hat allen geschmeckt! Die Eltern waren begeistert. Was spielt es für eine Rolle, wer am Herd stand, wenn der Abend gelungen war?

Was spielt es für eine Rolle? Ich spürte Tränen der Kränkung aufsteigen. Die Rolle ist, Moritz, dass ich nichts bin in diesem Haus. Deko, Möbelstück.

Drei Tage lang habe ich das Menü geplant! Ich wollte meine Mama und meinen Papa selbst bekochen! Und deiner Mutter gelingt es immer wieder, mich zur unfähigen Amateurin zu machen.

Niemand hat dich vorgeführt, warf Hannelore ein, das Handtuch ordentlich zusammenfaltend. Wir haben ja nichts gesagt. Sie denken, das warst du.

Ich habe dir das Gesicht gewahrt, Klärchen. Ein Dankeschön wäre angebrachter als dieses Theaterspiel.

Danke also? Ich lachte bitter. Danke dafür, dass ich nicht einmal das Recht auf einen Fehler habe? In meinem eigenen Haus…

In meinem Haus, wiederholte Hannelore ruhig und mit Nachdruck. Das ist mein Haus, Klara. Und in meiner Küche dulde ich keine Missgeschicke.

Wieder war es still. Im Wohnzimmer murmelte das Fernsehen, mein Vater lachte über eine Geschichte meiner Mutter.

Die beiden waren zufrieden, dachten, ihre Tochter hätte alles wunderbar gemeistert. Und ich fühlte mich, als hätte man mir schallend eine Ohrfeige gegeben und Salz in die Wunde gestreut.

Ich verließ die Küche. An meinen Eltern vorbei.

Mama, Papa, entschuldigt bitte, ich fühle mich nicht wohl. Mein Kopf … Moritz bringt euch raus, ja?

Klärchen, was ist denn? Mama sprang aufs Sofa, kam zu mir. Die Ente war traumhaft! Du hast dich bestimmt übernommen heute, oder?

Ja, ich sah irgendwo ins Leere über Mamas Schulter. Ich bin sehr erschöpft. Ich mache das nicht nochmal.

Ich schloss mich in unser Schlafzimmer ein, setzte mich auf die Bettkante. So kann es nicht weitergehen, pochte es in meinem Kopf.

Sechs Monate ging das jetzt schon, seit wir vorübergehend bei Hannelore Becker wohnten, um für die Immobilien-Anzahlung zu sparen.

Wenn ich einkaufte, musterte Hannelore das Gemüse mit spitzen Blick:

Wo hast du denn diese Tomate her? Die ist ja wie aus Plastik. Die kannst du höchstens ins Schaufenster legen, nicht in den Salat schneiden.

Brat ich Kartoffeln, steht sie seufzend hinter mir. Ich fühlte mich bei jedem Handgriff beobachtet.

Am Ende hielt ich mich aus der Küche fern, wenn Hannelore da war.

Doch heute Abend sollte mein Triumph, nicht meine Niederlage werden.

Leise öffnete sich die Tür. Moritz kam herein.

Hör mal, die Eltern sind weg. Eigentlich war es doch schön, abgesehen von deinem Ausbruch. Mama war diesmal drüber, ich spreche mit ihr, aber …

Sprich nicht mit ihr, unterbrach ich ihn und begann, meine Reisetasche aus dem Schrank zu ziehen.

Was machst du da? Moritz blieb im Türrahmen stehen.

Ich packe. Ich gehe zu meinen Eltern. Jetzt sofort.

Wegen dieser Ente? Ernsthaft? Es ist doch nur ein Abendessen!

Es ist nicht das Essen, Moritz! Ich drehte mich zu ihm, krallte meinen Lieblingspullover in die Hände. Es geht darum, dass deine Mutter mich für einen Störfaktor hält, der ihr perfektes Universum stört.

Und du lässt es zu: Mama meint es nur gut, Mama ist die Fachfrau … Und wer bin ich? Deine Frau? Oder Praktikantin in ihrer Küche?

Sie wollte dich nicht verletzen, sie ist eben so … das ist ihre Berufskrankheit. Alles muss stimmen.

Dann lebe sie in ihrem perfekten Reich weiter ohne mich. Ich will auch mal versalzenen Eintopf und angebranntes Spiegelei machen dürfen, in meinem eigenen Zuhause, wo niemand meine Mühe in den Müll wirft, wenn ich nur kurz duschen gehe.

Wo willst du denn hin? Moritz griff nach meinen Händen. Es ist doch mitten in der Nacht. Lass uns morgen früh reden.

Nein. Wenn ich bis morgen bleibe, höre ich wieder, dass mein Kaffee falsch gekocht ist.

Ich kann nicht mehr, Moritz. Entweder wir suchen sofort eine Mietwohnung, notfalls eine WG, oder … ich weiß es nicht.

Du weißt, dass wir im Moment gar kein Geld übrig haben, runzelte er die Stirn, hörbar genervt. Wir sparen. In sechs Monaten können wir die Anzahlung leisten.

Warum jetzt für Miete das Geld aus dem Fenster werfen? Halte einfach durch.

Ich sah ihn an, als würde ich ihn zum ersten Mal sehen. In seinem Blick kein Mitleid, sondern Kalkül, das Problem soll sich von selbst erledigen.

Noch sechs Monate? Ich lächelte traurig. In sechs Monaten bleibt von mir nichts übrig. Hier werde ich zum Schatten meiner selbst.

Ich packte schnell das Nötigste ein. Kulturbeutel, Wäsche, T-Shirts. Der Reißverschluss meiner Tasche quietschte empört.

Im Flur stand Hannelore, Arme verschränkt, die Miene eisern zum Kampf bereit.

Demonstrativer Abgang? erkundigte sie sich. Dritter Akt: Das verkannte Küchen-Genie?

Nein, Frau Becker, entgegnete ich beim Schuheanziehen. Das ist das Finale. Sie haben gewonnen. Die Küche ist ganz Ihre. Sie dürfen auch meine Gewürze entsorgen, die sind bestimmt auch unter Ihrem Niveau.

Klara, hör auf! Moritz sprang hinterher. Mama, sag doch was!

Was soll ich sagen? Hannelore zuckte mit den Schultern. Wenn ein Mädchen wegen eines Kochtopfs die Familie sprengt, wars sowieso keine Familie.

In meinem Alter konnte man noch Fehler eingestehen und von Älteren lernen. Heute sind alle nur stolz, alle Individualisten…

Ich hörte nicht zu. Tasche geschultert, trat ich auf den Hausflur.

Die kühle Nachtluft nach dem Küchendunst schmeckte herrlich.

Im Hintergrund hörte ich ihre Stimmen Moritz stritt sich mit seiner Mutter, ihr Pädagogenton antwortete geduldig.

***

Eine Woche wohnte ich bei meinen Eltern. Sie verstanden sofort, hakten aber nicht nach.

Mama seufzte, während sie mir ganz normale Pfannkuchen auftischte nicht Confit, kein Demi-Glace, sondern einfach lecker.

Moritz rief jeden Tag an. Erst war er wütend, dann bettelte er, am Schluss versprach er ein ernstes Gespräch mit seiner Mutter. Am fünften Tag kam er vorbei.

Klara, komm zurück, er sah absolut fertig aus. Augenringe, zerknittertes Hemd. Mama … sie liegt flach.

Ich hielt die Teetasse fest.

Was hat sie? Schon wieder der Blutdruck?

Nein, Moritz setzte sich an den Tisch und vergrub das Gesicht in den Händen. Es scheint ein heftiges Virus zu sein. Drei Tage Fieber, fast vierzig Grad.

Jetzt schläft sie viel … sie ist apathisch. Sie isst nicht. Sie sagt, sie schmeckt nichts mehr. Gar nichts.

Wie meinst du das? Nachgeschmack weg?

Nein, alles weg. Sie sagt, es ist wie Papier kauen. Sie riecht auch nichts mehr. Für sie … du verstehst schon.

Gestern hat sie ein Glas ihrer geliebten Gewürze fallen lassen, weil sie den Geruch nicht wahrgenommen hat. Dann saß sie auf dem Boden und hat geweint. Ich habe noch nie gesehen, dass sie weint, Klara.

Mir wurde anders. Mein angestauter Ärger verflog mit einem Mal.

Ich erinnerte mich: Jeden Morgen mahlte Hannelore ihren Kaffee und inhalierte das Aroma, als wäre es Sauerstoff, bevor sie überhaupt an den Tag dachte.

Für jemanden, dessen Leben sich um den feinen Geschmackssinn dreht, ist so ein Verlust wie Blindheit für einen Maler.

Hat sie einen Arzt gerufen? fragte ich leise.

Hat sie. Die meinten, das ist eine Komplikation. Irgendwas Neurologisches. Kann in einer Woche wieder da sein … oder in einem Jahr. Oder nie.

Sie schließt sich ein und kommt nicht mehr raus. Sie meint, wenn sie nichts mehr schmeckt, existiert sie nicht mehr.

Ich starrte aus dem Fenster. Draußen tanzte der Schnee im Licht der Straßenlaternen. Ich stellte mir Hannelore vor diese eiserne Frontfrau der Küche, die jetzt zwischen Töpfen sitzt und nicht zwischen Vanille und Zwiebeln unterscheiden kann. Das war … beängstigend. Richtig beängstigend.

Klara, ich verlange nicht, dass du nur für mich zurückkommst, Moritz sah mich an. Aber hilf ihr. Sie traut sich nicht mehr an den Herd.

Sie hat neulich Suppe gemacht, total versalzen, und hat es nicht einmal gemerkt, bis ich probiert habe. Sie ist fertig.

Und wie soll ich helfen? Ich lachte verbittert. Ich war doch immer die Talentfreie. Sie hat mich nie lang an den Herd gelassen.

Du bist ihre einzige Hoffnung. Sie wird es nicht zugeben, der Stolz … aber ich habe gesehen, wie sie zu deiner leeren Kühlschrankseite gesehen hat.

Am nächsten Tag kehrte ich zurück. Nicht, weil ich verziehen hätte, sondern aus seltsam familiärer Pflicht. Schließlich war Hannelore Becker Teil meines Lebens auch wenn sie pieksig war wie ein Kaktus.

Die Wohnung roch komisch. Kein Duft von Gebäck, keine Schmorgerichte. Es roch nach Staub und … Kälte.

Ich ging in die Küche. Da saß Hannelore. Sie war sichtlich gealtert; das Haar wirr zusammengesteckt, vor ihr eine Tasse Tee, in die sie apathisch starrte.

Guten Tag, Frau Becker, sagte ich leise.

Hannelore zuckte, hob müde den Kopf.

Kommst du, um dich zu amüsieren? ihre Stimme war langweilig. Mach ruhig deine Schuhsohle, ich merke sowieso keinen Unterschied zu Filetsteak.

Ich stellte meine Tasche ab und trat näher. Ihre Hände, die früher Fisch mit Präzision filetieren konnten, zitterten leicht.

Ich bin nicht zum Spott gekommen. Ich bin gekommen, um zu kochen.

Wozu? Sie drehte sich zum Fenster. Ich schmecke nichts. Die Welt ist grau, Klara. Als hätte jemand Farbe und Ton abgedreht.

Brot schmeckt nach Watte. Kaffee nach heißem Wasser. Warum also Lebensmittel verschwenden?

Ich atmete tief durch, zog den Mantel aus.

Weil ich Ihr Gaumen und Ihr Geruchssinn sein werde. Sie sagen, was ich tun soll, ich probiere.

Hannelore lachte resigniert.

Du? Du unterscheidest nicht mal Thymian von Bohnenkraut im getrockneten Zustand.

Dann bringen Sie es mir bei. Sie sind die Meisterin oder haben Sie aufgegeben?

Sie schwieg eine Weile, blickte auf ihre Hände, dann auf mich. Für einen Moment blitzte in ihren Augen die alte, kratzbürstige Energie auf.

Du hältst das Messer falsch, knurrte sie. Schneidest dich sicher gleich in den Finger.

Dann kleben Sie halt ein Pflaster. Ich öffnete den Kühlschrank. Wir haben noch Rindfleisch vergessen. Was machen wir, Bœuf bourguignon?

Langsam stand Hannelore auf, ging zum Herd, berührte beinahe liebevoll die kalte Platte.

Für Bœuf bourguignon musst du scharf anbraten. Schöne Farbe, keine Kohle. Du … du wirst es im eigenen Saft verkochen.

Dafür sind Sie ja da! Ich griff zum Messer. Setzen Sie sich hier hin und geben Sie Anweisung. Nur ohne Beleidigungen, okay? Ich bin Lehrling, keine Zielscheibe.

Hannelore ließ sich schwer auf den Stuhl sinken, beobachtete mein unbeholfenes Schneiden.

Halt anders, wies sie plötzlich an. Daumen oben auf den Klingenrücken, Zeigefinger an die Kante. Nicht drücken, schwingen. Das Fleisch soll das Metall spüren, nicht deine Kraft.

Ich korrigierte meinen Griff.

So?

Besser. Würfel in drei Zentimeter. Nicht mehr, nicht weniger. Sonst garen sie ungleichmäßig. Das ist die Basis, Klara.

So begann unsere seltsame erste Stunde. Ich schnitt, aus, briet an. Hannelore bemerkte jede Bewegung, doch immer wieder verzog sich ihr Gesicht schmerzhaft kein Geruch, kein Geschmack.

Jetzt Wein, befahl sie. In den Bräter, Alkohol ausdampfen lassen.

Als der Wein zischte, füllte sich die Küche mit dem schweren, fruchtigen Aroma.

Wie riecht es? Hannelore flüsterte.

Ich blieb stehen, schloss die Augen.

Wie … Spätsommer, Regen im Wald. Etwas säuerlich, aber auch süß.

Hannelore schloss die Augen, murmelte meine Worte nach, als wollte sie Erinnerungsfetzen heraufbeschwören.

Das sind die Tannine. Gut. Jetzt eine Prise Zucker zum Ausgleich.

Ich probierte, grübelte. Irgendwas fehlt … so ein bisschen Schärfe vielleicht.

Senf, antwortete sie, ohne hinzusehen. Französischer, einen Hauch. Sorgt für die Tiefe.

Ich gab Dijon-Senf hinzu, probierte erneut, staunte.

Wow … ganz anders! Wie machen Sie das? Sie probieren doch gar nicht!

Hannelore lächelte kaum merklich.

Gedächtnis, mein Kind. Geschmack ist nicht nur Zunge. Im Kopf gibt es tausend Bände Kochbuch.

Den ganzen Abend werkelten wir zusammen. Als Moritz nach Hause kam, duftete es bis in den Flur.

Wahnsinn, was für Düfte! Mama, bist du wieder fit?

Hannelore saß erschöpft im Sessel, aber irgendwie friedlich.

Nein, Moritz. Klara hat gekocht. Ich habe nur gestört mit meinen Kommentaren.

Moritz sah verwundert zu mir. Ich grinste, wischte mir die Hände am Schürzenband ab.

Setz dich, erklärte ich. Und wag es nicht zu sagen, es sei versalzen. Frau Becker und ich haben jedes Korn abgewogen.

Bei der zweiten Portion fragte Hannelore plötzlich in die Stille:

Weißt du, Klara … warum ich damals deine Ente weggeschmissen habe?

Ich erstarrte mit dem Teller in der Hand.

Warum?

Sie sah mich an und ich entdeckte darin etwas, das ich nie erwartet hätte Angst. Menschliche Angst.

Weil, wenn du sie perfekt hinbekommst, dann brauche ich niemanden mehr. Mein Sohn ist erwachsen, hat sein eigenes Leben, eine eigene Frau. Und ich … ich bin Köchin. Wenn ich niemanden bekochen kann, bin ich … nichts.

Nur noch eine alte Frau, die ein Zimmer belegt.

Ich wollte zeigen, dass ohne mich nichts geht. Dass ich Chefin im Revier bin.

Langsam legte ich den Teller auf den Tisch. Ich hatte nie so über Hannelore nachgedacht.

Für mich war sie immer der Fels, der unerschütterliche Diktator ihrer Küche.

Und doch sie war einfach eine verängstigte Frau, die sich an Kochlöffel und Topf klammerte wie an einen Rettungsring.

Sie werden immer gebraucht, Frau Becker, sagte ich leise. Wer bringt mir sonst das richtige Messerhalten bei? Heute habe ich gemerkt, dass ich von Essen noch fast nichts verstehe.

Hannelore schniefte und richtete sich plötzlich energisch auf, ihre gewohnte Strenge wieder in den Zügen.

Stimmt. Deine Hände sind wie Haken. Morgen lernen wir Vanillecreme. Und wehe, du rührst Verdickungsmittel rein dann fliegst du aus der Küche.

Ich lachte herzlich.

Abgemacht. Und wenn ichs hinkriege, möchte ich Ihr Rezept vom Bienenstich.

Das sehen wir, brummelte sie, aber ihre Hand lag einen kurzen Augenblick auf meiner.

An diesem Abend wurde mir bewusst, wie wichtig es ist, um seinen Platz im Leben zu kämpfen aber auch, wie sehr uns der Wunsch nach Unersetzlichkeit manchmal voneinander trennt. Heute hab ich begriffen, dass Fehler, Nachsicht und das gemeinsame Lernen einen näher bringen können als jeder Geniestreich.

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Homy
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Mein Haus, meine Küche, – stellte Schwiegermutter klar — Danke dafür, dass Sie mir nicht einmal das Recht auf einen Fehler lassen? In meinem eigenen Zuhause… — In MEINEM Haus, – korrigierte Rima Markwitz leise, aber mit Nachdruck. – Das ist mein Haus, Julia. Und in meiner Küche haben ungenießbare Dinge keinen Platz. Es breitete sich Stille in der Küche aus. — Julchen, du verstehst doch selbst, das konnte man wirklich nicht auf den Tisch bringen. Deine Eltern sind anständige Leute, ich konnte nicht zulassen, dass sie auf dieser Schuhsohle herumkauen, – Rima Markwitz goss mit unbewegtem Gesicht Tee in hauchdünne Porzellantassen. Julia stand am Tischrand und spürte, wie in ihrem Inneren alles zu einem dicken, heißen Knoten wurde. Es rauschte in ihren Ohren. Auf den Tellern ihrer Eltern, die gerade mit Kirill ins Wohnzimmer gegangen waren, lagen die Reste eben dieser „Schuhsohle“ – saftige Entenbrust mit Preiselbeer-Soße, die Julia vier Stunden lang gekocht hatte. Zumindest dachte sie das. — Das ist keine Schuhsohle, – Julias Stimme zitterte, aber sie zwang sich, der Schwiegermutter in die Augen zu sehen. – Ich habe sie nach Mamas Rezept mariniert. Extra eine Freilandente gekauft. Wo ist sie denn, Frau Markwitz? Die Schwiegermutter stellte die Teekanne elegant beiseite und wischte sich die Hände an ihrem makellos weißen Handtuch ab, das über der Schulter lag. Ihr Gesicht zeigte keine Spur von Reue – nur gönnerhaftes Mitleid, wie bei einem welpenhaften Tollpatsch. — Im Müllschlucker, mein Kind. Deine Marinade… Wie soll ich sagen… die roch so nach Essig, dass einem die Tränen kamen. Ich habe ein anständiges Confit gemacht. Mit Thymian, ganz langsam gegart. Hast du gesehen, wie dein Papa Nachschlag wollte? DAS ist Niveau. Was du da zusammengekleckert hast, taugt für eine Imbissbude, nicht mehr. — Sie hatten kein Recht, – flüsterte Julia. – Das war mein Abendessen. Mein Geschenk an meine Eltern zur Hochzeitstag. Sie haben mich nicht einmal gefragt! — Wozu fragen? – Rima Markwitz hob die Augenbraue, in ihrem Blick blitzte die Autorität einer Chefköchin, die gewohnt ist, das Regiment zu führen. – Wenn es brennt, fragt auch keiner, ob er löschen darf. Ich habe die Familienehre gerettet. Kirill hätte sich auch geärgert, wenn die Gäste sich übergeben müssten. Los, bring’ den Kuchen. Den habe ich übrigens auch ein wenig verbessert – die Creme war zu flüssig, ich habe sie angedickt und etwas Zitronenschale reingetan. Julia sah auf ihre Hände. Sie zitterten leicht. Den ganzen Tag hatte sie in der Küche gewirbelt, während Rima Markwitz angeblich „in ihrem Zimmer ausruhte“. Mit Akribie wog Julia jedes Gramm ab, strich die Sauce durch ein Sieb, dekorierte die Teller. Sie wollte beweisen, dass sie nicht nur eine Mitbewohnerin auf Zeit, nicht nur „Kirills Mädchen“ war, sondern eine Gastgeberin, die den Tisch decken kann. Doch kaum war sie eine halbe Stunde im Bad, um sich für die Gäste frisch zu machen, übernahm „der Profi“ die Küche. — Julia, was ist los, kommst du? – Kirill erschien in der Küchentür. Zufrieden, ein wenig beschwingt vom Wein. – Mama, die Ente war der Hammer! Julia, du hast dich echt selbst übertroffen, ehrlich. Ich wusste gar nicht, dass du das kannst. Julia drehte sich langsam zu ihrem Mann. — Das war nicht ich, Kirill. — Wie meinst du das? – Er blinzelte verwundert. — Genau so. Deine Mutter hat mein Essen weggeworfen und ihres gekocht. Alles, was ihr gerade hattet – vom Salat bis zum Hauptgang – war ihr Werk. Kirill erstarrte für einen Moment, schaute von seiner Frau zur Mutter. Rima Markwitz begann just in diesem Moment, die blitzblanke Arbeitsplatte abzuwischen. — Ach Julia… – Kirill trat an sie heran und wollte sie umarmen, aber sie wich ihm aus. – Mama wollte nur helfen. Wenn sie einen Fehler sieht… sie ist halt Profi. Und beim Geschmack hat sie halt ihre Prinzipien. Aber dafür war es super lecker! Deine Eltern sind begeistert. Ist doch egal, wer am Herd stand, Hauptsache der Abend war schön. — Egal? – Julia spürte, wie ihr Tränen der Bitterkeit in die Augen stiegen. – Der Unterschied ist, dass ich hier nichts bin. Möbel. Deko. Drei Tage habe ich das Menü geplant! Wollte MEINE Eltern mit dem eigenen Essen erfreuen! Und deine Mutter hat mich wieder mal als unfähigen Tollpatsch hingestellt, der nicht mal Sauce aufschlagen kann. — Dich hat niemand bloßgestellt, – mischte sich Rima Markwitz ruhig ein, faltete das Handtuch sorgfältig zusammen. – Wir haben nichts gesagt. Sie denken, alles ist dein Werk. Ich habe dir dein Gesicht gewahrt, Julia. Da könntest du statt dieser dramatischen Szene auch mal Danke sagen. — Danke? – Julia lachte bitter auf. – Danke dafür, dass Sie mir nicht mal das Recht auf einen Fehler lassen? In meinem eigenen Zuhause… — In MEINEM Haus, – stellte Rima Markwitz noch leiser, aber sehr bestimmt klar. – Das ist mein Haus, Julia. Und auf meiner Küche ist kein Platz für Essbares unter Standard. Stille. Im Hintergrund dudelte leise der Fernseher, Julias Vater erzählte ihrer Mutter, begleitet von Gelächter, etwas. Denen geht es gut. Sie denken, ihre Tochter hat geglänzt. Dabei fühlt sie sich, als hätte man ihr öffentlich eine Ohrfeige verpasst und die Schramme dann mit Salz bestreut. Julia verließ wortlos die Küche. Sie ging an ihren Eltern vorbei. — Mama, Papa, entschuldigt, mir geht es nicht so gut. Kopfschmerzen. Kirill bringt euch raus, ja? — Julchen, was ist denn? – die Mutter sprang auf. – Die Ente war göttlich, vielleicht hast du dich beim Kochen übernommen? So viel Mühe! — Ja, – Julia nickte, den Blick irgendwo über Mamas Schulter. – Sehr überarbeitet. Mache ich nie wieder. Sie schloss sich im Schlafzimmer ein, setzte sich aufs Bett. In ihrem Kopf kreiste nur ein Gedanke: „So geht’s nicht weiter.“ Das ging nun ein halbes Jahr so – seit sie mit Kirill gemeinsam beschlossen hatten, „vorübergehend“ zu Rima Markwitz zu ziehen, um für die Eigentumswohnung zu sparen. Wenn sie einkaufte, sortierte Rima Markwitz mit angewiderter Miene die Tüten: — Wo hast du diese Tomaten her? Die sind wie Plastik. Kann man höchstens im Film nehmen, aber nicht für Salat. Versuchte Julia Kartoffeln zu braten, stand die Schwiegermutter seufzend hinter ihr, als würde sie Zeugin eines Verbrechens. Am Ende mied Julia die Küche, wenn Rima da war. Doch der Abend, der ihr Triumph werden sollte, geriet zur Kapitulation. Die Tür quietschte leise. Kirill trat ein. — Die sind jetzt weg. War doch alles in allem ein guter Abend, mal abgesehen von deinem Gefühlsausbruch. Mama ist übers Ziel hinausgeschossen, ich rede mit ihr, aber… — Musst du nicht, – unterbrach Julia. Sie begann, den Reiserucksack aus dem Schrank zu ziehen. — Was machst du da? – Kirill blieb stehen. — Packe meine Sachen. Ich fahre zu meinen Eltern. Jetzt gleich. — Julia, bitte nicht. Wegen der Ente? Ehrlich? Es ist doch nur Essen! — Nein, Kirill! – Sie drehte sich ruckartig zu ihm, knüllte dabei ihren Lieblingspulli. – Es geht nicht um Essen! Es geht um Respekt. Deine Mutter sieht mich als störende Beilage in ihrer perfekten Welt. Und du lässt es zu: „Mama will nur helfen“, „Mama ist Profi“… Und ich? Bin ich nur Praktikantin in ihrer Küche? — Sie wollte dich nicht kränken, sie ist nun mal so. Ihr Leben ist Restaurant. Da muss alles tadellos sein. — Dann soll sie in ihrer perfekten Welt bleiben. Allein. Oder mit dir. Ich will in meinem eigenen Zuhause auch mal eine versalzene Suppe und ein angebranntes Ei machen dürfen, ohne dass jemand meine Mühe in den Müll wirft, während ich dusche. — Wohin willst du denn? – Kirill versuchte, ihr die Hand zu nehmen. – Es ist mitten in der Nacht. Lass uns morgen in Ruhe reden. — Nein. Wenn ich bis morgen bleibe, höre ich beim Frühstück wieder, dass ich den Kaffee falsch aufgebrüht habe. Ich kann so nicht mehr, Kir. Entweder suchen wir uns sofort eine Wohnung, notfalls ein Zimmer, oder… keine Ahnung. — Du weißt doch, dass wir gerade kein Geld übrig haben, – Kirill wurde ernst, leicht gereizt. – Wir sparen doch. Noch ein halbes Jahr, dann haben wir genug. Müssen wir jetzt wirklich Miete raushauen? Halte es einfach aus. Julia schaute ihn an, als sähe sie ihn zum ersten Mal. In seinen Augen lag keine Empathie für ihren Schmerz – nur Kalkulation und die Hoffnung, dass der Streit sich von selbst erledigt. — Ein halbes Jahr? – Sie lachte bitter. – In einem halben Jahr bin ich hier ein Geist. Schnell stopfte sie das Nötigste in die Tasche: Kulturbeutel, Wäsche, T-Shirts. Der Reißverschluss schloss sich nur schwer und ächzte. Im Flur stand Rima Markwitz mit verschränkten Armen. Defensive Kälte im Blick. — Das ist jetzt eine große Abschiedsszene, ja? – fragte die Schwiegermutter. – Dritter Akt: „Das verkannte Genie verlässt die Bühne“? — Nein, Frau Markwitz, – sagte Julia beim Schuheanziehen. – Das ist der Schlussakt. Sie haben gewonnen. Die Küche gehört Ihnen. Werfen Sie ruhig auch meine Gewürze weg, die sind bestimmt auch nicht „gut genug“. — Julia, jetzt hör auf! – Kirill eilte ihr hinterher. – Mama, sag du doch was! — Was soll ich sagen? – Rima Markwitz zuckte mit den Schultern. – Wer wegen einem Kochtopf die Familie sprengt, da war nie eine Familie. In meinem Alter konnte man noch Fehler zugeben und von den Älteren lernen. Heute sind alle stolz, alle Individualisten… Julia hörte nicht länger zu, griff ihren Koffer und trat hinaus auf den Flur. Die kühle Nachtluft schmeckte ihr nach all dem Küchendunst fast süß. Sie ging zum Aufzug, hinter ihr die gedämpften Stimmen – Kirill stritt mit seiner Mutter, sie konterte ruhig, streng „pädagogisch“. *** Eine Woche wohnte Julia bei ihren Eltern. Die ahnten eh alles, mischten sich aber nicht ein. Die Mutter seufzte nur und schob ihr Pfannkuchen auf den Teller – ganz normale, keine „Confits“, kein „Demiglace“, einfach leckere Pfannkuchen. Kirill rief jeden Tag an, erst beleidigt, dann bittend, dann gelobte er, ernst mit seiner Mutter zu reden. Am fünften Tag tauchte er auf. — Julia, komm zurück, – er sah elend aus, mit dunklen Ringen, die Hemdtaschen zerknittert. – Mama… sie ist krank geworden. Julia erstarrte mit der Teetasse. — Wieder der Blutdruck? — Nein, – Kirill setzte sich, verbarg das Gesicht in den Händen. – Sie hat wohl so einen schlimmen Virus erwischt. Drei Tage lang fast vierzig Fieber. Jetzt schläft sie, aber… sie ist apathisch. Sie isst nichts. Sagt, sie schmeckt gar nichts mehr. — Wie, schmeckt nichts mehr? — Nichts. Sie sagt, alles schmeckt wie Papier. Kein Geruchssinn mehr, nichts. Für sie ist das… Du weißt schon. Gestern hat sie ein Glas mit ihren Lieblingsgewürzen kaputtgemacht, weil sie den Duft nicht erkannt hat. Saß am Boden und hat zum ersten Mal geweint. Ich hab sie noch nie weinen sehen. Julia spürte, wie die sorgsam gepflegte Wut in ihr zu tauen begann. Sie wusste ja, wie Rima Markwitz jeden Tag mit ihrem „Ritual“ begann: Kaffee mahlen, daran riechen, als wäre es Lebenselixier – erst dann begann der Tag. Für jemanden, dessen Leben aus Geschmack und Geruch besteht, ist der Verlust all dessen, als würde man einem Maler das Augenlicht nehmen. — Hat sie einen Arzt gerufen? — Ja. Die meinten, Komplikation. Vielleicht kommt’s zurück – vielleicht nie. Jetzt schließt sie sich nur noch ein. Sagt, ohne Geschmack gibt es sie nicht mehr. Julia starrte aus dem Fenster in den vom Laternenlicht beleuchteten Schnee. Sie stellte sich Rima Markwitz vor – die eiserne Herrscherin der Küche – jetzt allein mit ihrem schönen Herd und ohne einen Hauch von Aroma. Es war unheimlich. — Julia, ich bitte dich nicht zurück wegen mir, – Kirill sah sie an. – Aber hilf ihr. Sie kann nicht mal mehr kochen wagen. Neulich versuchte sie Suppe zu machen, so versalzen, dass ich’s nicht essen konnte – sie hat’s nicht mal bemerkt, bis sie’s mir vorsetzen wollte. Sie ist völlig verzweifelt. — Ja und? – Julia verzog schmerzlich das Gesicht. – Ich bin doch der Tollpatsch. Sie ließ mich ja nie an den Herd! — Du bist ihre letzte Hoffnung. Sagen würde sie das nie, der Stolz… Aber ich hab gesehen, wie sie auf deine leere Kühlschrank-Etage geschaut hat. Am nächsten Tag kam Julia zurück. Nicht, weil sie vergeben hatte, sondern aus einer fast familiären Verantwortung. Rima Markwitz gehörte halt doch zu ihrem Leben, auch wenn sie stach wie ein Kaktus. Die Wohnung roch anders. Keine Gebäck-, keine Brataromen. Staub. Und Traurigkeit. In der Küche saß Rima Markwitz am Tisch, plötzlich zehn Jahre gealtert. Die Haare, sonst sorgfältig frisiert, jetzt schnoddrig zusammengebunden. Vor sich eine Teetasse, an der sie nicht nippte. — Hallo, Frau Markwitz, – sagte Julia leise. Die Schwiegermutter zuckte zusammen, hob langsam den Kopf. — Kommst du, um dich zu amüsieren? – ihre Stimme klang dumpf. – Los, brate deine Schuhsohle, ich merke den Unterschied zu Filet Mignon eh nicht. Julia stellte ihren Koffer ab, trat näher. Sie sah, dass die Hände der Schwiegermutter zitterten – die Meisterhände, die sonst selbst Fische chirurgisch zerlegten. — Ich bin nicht zum Amüsieren da. Ich will kochen. — Wozu? – Rima Markwitz wandte sich ans Fenster. – Ich schmecke nichts. Die Welt ist grau, Julia. Wie ohne Ton und Farbe. Brot ist Watte. Kaffee heißes Wasser. Wozu Zutaten verschwenden? Julia atmete tief durch, zog den Mantel aus. — Weil ich dann Ihr Mund und Ihre Nase bin. Sie sagen, was ich tun soll, ich koste. Rima Markwitz lachte bitter. — Du? Du schmeckst doch Thymin nicht mal von Majoran. — Dann lernen Sie es mir. Sie sind doch Profi. Oder geben Sie schon auf? Die Schwiegermutter schwieg lange. Schaute auf ihre Hände, dann auf Julia. In ihren Augen flackerte einen kurzen Moment wieder Leben auf. — Du kannst nicht mal ein Messer anständig halten, – brummte sie. – Schneidest dich nach einer Minute. — Dann werden Sie halt Pflaster kleben, – Julia nahm das Fleisch aus dem Kühlschrank. – Was machen wir? Bœuf Bourguignon? Rima Markwitz stand langsam auf, legte die Hand auf die kalte Herdplatte. — Für Bourgignon muss das Fleisch richtig gebräunt werden. Kruste, keine Kohle. Aber du… du wässerst das sicher. — Dann passen Sie auf, – Julia packte das Fleisch und das Brett. – Setzen Sie sich hier. Und geben Sie mir Anweisungen. Aber keine Beleidigungen mehr. Ich bin Praktikantin, kein Boxsack. Rima Markwitz setzte sich schwer an den Schneidetisch, sah Julia beim etwas unbeholfenen Schneiden zu. — Halte das Messer anders, – sagte sie plötzlich scharf. – Daumen auf den Klingenrücken, Zeigefinger an die Seite. Nicht drücken, mit dem Handgelenk arbeiten. Fleisch muss das Metall spüren, nicht deine Kraft. Julia korrigierte den Griff. — So? — Besser. In drei-Zentimeter-Stücke. Größere werden nicht gleichmäßig gar. Das ist Grundwissen, Julia. So begann ihre erste merkwürdige Kochlektion. Julia schnitt, briet, rührte. Rima Markwitz saß daneben, ihre Nasenflügel zuckten manchmal vor Reflex, dann verzog sich ihr Gesicht vor Schmerz – es roch nach nichts. — Jetzt Wein, – wies sie an. – Gieß etwas in den Bräter, koch den Alkohol ab. Julia goss ein. Es zischte, dicker aromatischer Duft von Trauben und Wärme lag in der Luft. — Wie riecht’s? – flüsterte Rima. Julia atmete ein. — Nach Spätsommer, nach Regen im Wald. Ein bisschen sauer, aber irgendwie auch süß. Die Schwiegermutter schloss die Augen. Lippen bewegten sich, als wollte sie sich die Worte einprägen. — Tannine, – flüsterte sie. – Gut. Gib einen Tick Zucker dazu für die Harmonie. — Und jetzt? – Julia probierte die Sauce. – Schmeckt… lecker, aber irgendwas fehlt. So ein Hauch Schärfe… — Senf. Aber Dijon. Nur eine Messerspitze. Das gibt Tiefe. Julia rührte Dijon-Senf unter, probierte erneut. Die Augen wurden groß. — Wow… Jetzt ist es ganz anders! Wie machen Sie das? Sie schmecken ja nicht mal! Rima Markwitz lächelte zum ersten Mal, kaum sichtbar. — Erinnerung, Kindchen. Geschmack ist nicht nur am Gaumen. Ich hab Tausende Seiten Kochbuch im Kopf. Den ganzen Abend verbrachten sie in der Küche. Als Kirill heimkam, stand deutlich duftendes Fleisch auf dem Herd. — Mann, was für Düfte! Mama, bist du wieder gesund? Rima Markwitz saß im Sessel, erschöpft, aber ruhiger als jemals. — Nein, Kirill. Julia hat gekocht. Ich habe sie nur genervt. Kirill sah die Frau erstaunt an. Julia zwinkerte beim Händeabtrocknen. — Setz dich und iss, – sagte sie. – Kein Wort über Salz. Jedes Körnchen wurde diskutiert. Als Kirill schon die zweite Portion verdrückte, sagte Rima Markwitz leise ins Nichts: — Weißt du, Julia… Warum ich damals deine Ente weggeschmissen habe? Julia sah auf. — Warum? Rima Markwitz hob den Blick und Julia sah darin etwas, das sie nie erwartet hätte – Angst. Menschliche, echte Angst. — Weil ich nicht wollte, dass du sie perfekt zubereitest. Dann wäre ich überflüssig. Ganz. Mein Sohn ist erwachsen, hat sein eigenes Leben, seine Frau. Doch ich… ich bin Köchin. Wenn ich niemanden mehr bekoche, existiere ich nicht mehr. Ich wäre einfach nur… eine alte Frau, die einer zu viel ist. Ich wollte zeigen, dass es ohne mich nicht geht. Dass ich die Herrin hier bin. Julia stellte die Gabel langsam ab. Nie hatte sie die Schwiegermutter aus dieser Perspektive gesehen. Für sie war Rima Markwitz ein unerschütterlicher Felsen gewesen, eine Diktatorin mit Prinzipien. Nun sah sie eine verängstigte Frau, die sich an ihre Küche klammerte wie an einen Rettungsring. — Sie werden nie unwichtig sein, Frau Markwitz, – sagte Julia leise und trat zu ihr. – Wer bringt mir sonst bei, ein Messer zu halten? Ich habe heute gemerkt, wie wenig ich über Essen weiß. Rima Markwitz schniefte und richtete sich plötzlich auf, wieder streng. — Allerdings. Deine Finger sind krumm wie Haken. Morgen lernen wir Vanillecreme machen. Und wehe, du haust wieder Bindemittel rein – dann fliegst du raus! Julia lachte. — Abgemacht. Und wenn ich es schaffe: Ihr Rezept für Bienenstich ist dann aber fällig. — Das sehe ich dann noch, – brummte die Schwiegermutter, aber ihre Hand legte sich für einen Moment auf Julias Hand auf dem Tisch.
Guten Morgen, meine Liebste Wie immer war er schon eine Minute vor dem Wecker wach – eine Angewohnheit aus der Bundeswehrzeit. Schwungvoll rollte er sich aus dem Bett auf den Boden und drückte sich, ohne die Augen zu öffnen, ein paar Mal ab. Das Blut begann angenehm zu rauschen, die letzten Reste des Schlafs verflogen langsam. „Ich wecke jetzt die Jungs, Lena.“ Damit meinte er die beiden zehnjährigen Zwillingssöhne, die im Nachbarzimmer schliefen: zwei kleine Abbilder ihres Vaters mit denselben halb geöffneten Mündern, als würden sie denselben Traum teilen. In der Nacht hatte die Heizung wieder gestreikt, deshalb wollte er das morgendliche Joggen nicht riskieren und ließ sie etwas länger schlafen – er betrachtete ihre erstarkten kleinen Körper voller Stolz. In ihrem Alter war er das genaue Gegenteil gewesen: schmächtig, unbeholfen, gebeugt. Schüchtern – etwas, das seine Mitschüler stets für Feigheit hielten. In der Schule fiel ihm das Lernen leicht, aber die Sticheleien steckten ihm schwer in den Knochen. Er konnte sich nicht wehren und wusste, dass er schwächer war. Im Sportunterricht gab er alles, aber die Spötteleien des Sportlehrers nahmen ihm jede Motivation. An Sportvereine war bei seiner Mutter sowieso nicht zu denken: „Ich habe doch keinen intelligenten jüdischen Jungen zur Welt gebracht, damit er sich Nasen brechen lernt.“ Seine Schüchternheit machte es ihm nicht leicht, und so verlor der Traum, stark zu werden, wieder einmal. Seine Mutter zeigte selten Härte, umgab ihn meist mit Fürsorge, Zärtlichkeit und Wärme… Genau davon lief er nach dem Abi weg – direkt zur Bundeswehr. Zwei Jahre später kam er gestählt als angehender Boxer zurück. Aus dem sensiblen, zurückhaltenden jüdischen Jungen war plötzlich ein kräftiger Kandidat für den Meistertitel geworden – was die Mutter sorgte und die Hochschule für Sport begeisterte. Das Studentenleben war ein kompletter Neuanfang: Wettbewerbe, WG, neue Freunde. Aber es kam ein neues Problem – Mädchen. Trotz seiner sportlichen Erfolge blieb die Schüchternheit. Flirten, einladen, ansprechen, das war mit 20 nicht leichter als mit 10. Bis sie auftauchte. Elena war der aufgehende Stern des Instituts: Meisterin im Wasserspringen, eine schlanke, blonde Schönheit mit grünen Augen. Klug, freundlich, aber zurückhaltend – irgendwie nicht von dieser Welt. Daher nannten sie alle liebevoll „Astro-Girl“. Sie freundeten sich sofort an. Sie verstanden sich wortlos, spazierten stundenlang, feuerten sich gegenseitig bei Wettkämpfen an. Nach dem ersten Kuss machte er ihr direkt einen Antrag. Die „Marsianerhochzeit“ wurde von allen gefeiert – sie waren beliebt für ihre Offenheit und Herzlichkeit. Schon nach einem Jahr nahm Lena eine Auszeit fürs Studium – sie war schwanger. Er fuhr abends zum Hamburger Hauptbahnhof, arbeitete als Gepäckträger. Seltsamerweise fühlte er sich in dieser Zeit zum ersten Mal wirklich stark – nicht wegen der schweren Säcke, sondern weil er wusste: Er wird es schaffen, seine Familie ernähren, die Kinder aufziehen. Er ist stark, und er hat sie. Lena machte sich große Sorgen, aber der Arzt beruhigte: „Nur das sollten Sie wissen: Wenn Sie keine Kinder mögen, wird’s jetzt doppelt schwer – Sie erwarten Zwillinge.“ Nachts träumten sie gemeinsam von der Zukunft, stellten sich vor wie die Kinder einmal sein würden, wie sie selbst sich entwickeln, ein Haus am See kaufen … Aber nachts darf man ja träumen. Vor der Geburt drückte sie seine Hand, sah ihm in die Augen und sagte: „Versprich mir, egal was passiert, du lässt sie nie allein…“ Zuerst war er beleidigt, aber dann nickte er nur. Am nächsten Tag setzten die Wehen ein. Die Geburt war lang und schwierig – fast ein Tag lag sie bewusstlos, niemand erkannte das Problem, und als sie es feststellten, war es zu spät. Was mit ihm in jener Nacht passierte, weiß er nicht mehr. Alles war wie im Nebel. Am Morgen fand er sich auf dem Hamburger Hauptbahnhof wieder, in einer Pfütze liegend. Übelkeit, Kopfschmerzen, der Alkohol noch im Blut – doch ein Gedanke ließ ihn sofort klar werden: Zwei Menschen warten auf ihn. Er schloss sein Studium mit Bravour ab, fuhr aber nicht mehr zu Wettkämpfen. Der Sportverein gab ihm eine Wohnung, in die er mit seinen Jungs zog. Zunächst half die Mutter, dann wurden die Kinder größer, und sie lebten zu dritt. Er leitete einige Sportgruppen beim HSV, wechselte aber aufs Gymnasium seiner Söhne, als sie in die erste Klasse kamen – Fahrten zum Bahnhof blieben, denn vom Sportlehrerlohn allein lebte es sich nicht. Säcke trug er nun keine mehr, er war mittlerweile Schichtleiter. Langsam wurde alles besser, aber im Inneren blieb es schwer – er wollte sich so gerne aussprechen, aber ohne Lena fühlte er sich stumm. Zwischendurch versuchten Freunde, ihn zu verkuppeln. Doch er verließ jedes Date nach spätestens einer Stunde; eine erinnerte ihn durch einen Blick an Lena, eine andere warf das Haar wie sie … So begann er, nachts mit ihr zu sprechen. Anfangs ärgerte er sich darüber, dass er so sehr mit ihr sprach und sie doch nicht spürte. Später wurde es zur Gewohnheit – er erzählte, fragte um Rat. Gestern etwa, nachdem die Jungs stolz erzählten, die Mathearbeit am besten geschrieben zu haben: „Ich sagte ihnen, ein echter Mann prahlt nicht, und gute Noten sind nichts Besonderes. Aber eigentlich bin ich richtig stolz. Unsere Jungs, Lena – klug und stark und ehrlich werden sie … Und weißt du noch, mein Ausbilder sagte immer: ‘Mut heißt, die Angst zu verbergen.’ Ich habe manchmal Angst, sie zu viel zu loben, Schwäche zu zeigen. Sogar, dass ich sie liebe, habe ich ihnen nie gesagt … Aber sie wissen’s ja eh, oder Lena?“ Da tat es ihm fast weh vor Rührung – die Tränen standen ihm in den Augen. Fast wäre er aufgestanden, hätte sie umarmt und gesagt, wie lieb er sie hat – aber er tat’s nicht, es war Nacht und er wollte sie nicht wecken. In der Küche ist es noch frisch. Draußen zeigt das Thermometer minus fünf Grad – ein guter Winter, trocken, nur der Schnee fehlt. Eine ältere Nachbarin fegt vor dem Haus, spricht sie mit sich selbst? Die „Jungs“ stürmen ins Zimmer. Der ältere, nur fünf Minuten vor seinem Bruder geboren, macht Tee. Der Jüngere stellt die Pfanne hin – heute ist er mit Frühstück dran. Plötzlich stößt einer den anderen an. Sie treten schüchtern an den Vater, umarmen ihn und sagen: „Papa, wir wissen, dass du manchmal mit Mama sprichst … Sag ihr bitte, wir können uns zwar kaum an sie erinnern, aber wir lieben sie ganz, ganz doll. Und dich auch, Papa…“