Guten Morgen, meine Liebste Wie immer war er schon eine Minute vor dem Wecker wach – eine Angewohnheit aus der Bundeswehrzeit. Schwungvoll rollte er sich aus dem Bett auf den Boden und drückte sich, ohne die Augen zu öffnen, ein paar Mal ab. Das Blut begann angenehm zu rauschen, die letzten Reste des Schlafs verflogen langsam. „Ich wecke jetzt die Jungs, Lena.“ Damit meinte er die beiden zehnjährigen Zwillingssöhne, die im Nachbarzimmer schliefen: zwei kleine Abbilder ihres Vaters mit denselben halb geöffneten Mündern, als würden sie denselben Traum teilen. In der Nacht hatte die Heizung wieder gestreikt, deshalb wollte er das morgendliche Joggen nicht riskieren und ließ sie etwas länger schlafen – er betrachtete ihre erstarkten kleinen Körper voller Stolz. In ihrem Alter war er das genaue Gegenteil gewesen: schmächtig, unbeholfen, gebeugt. Schüchtern – etwas, das seine Mitschüler stets für Feigheit hielten. In der Schule fiel ihm das Lernen leicht, aber die Sticheleien steckten ihm schwer in den Knochen. Er konnte sich nicht wehren und wusste, dass er schwächer war. Im Sportunterricht gab er alles, aber die Spötteleien des Sportlehrers nahmen ihm jede Motivation. An Sportvereine war bei seiner Mutter sowieso nicht zu denken: „Ich habe doch keinen intelligenten jüdischen Jungen zur Welt gebracht, damit er sich Nasen brechen lernt.“ Seine Schüchternheit machte es ihm nicht leicht, und so verlor der Traum, stark zu werden, wieder einmal. Seine Mutter zeigte selten Härte, umgab ihn meist mit Fürsorge, Zärtlichkeit und Wärme… Genau davon lief er nach dem Abi weg – direkt zur Bundeswehr. Zwei Jahre später kam er gestählt als angehender Boxer zurück. Aus dem sensiblen, zurückhaltenden jüdischen Jungen war plötzlich ein kräftiger Kandidat für den Meistertitel geworden – was die Mutter sorgte und die Hochschule für Sport begeisterte. Das Studentenleben war ein kompletter Neuanfang: Wettbewerbe, WG, neue Freunde. Aber es kam ein neues Problem – Mädchen. Trotz seiner sportlichen Erfolge blieb die Schüchternheit. Flirten, einladen, ansprechen, das war mit 20 nicht leichter als mit 10. Bis sie auftauchte. Elena war der aufgehende Stern des Instituts: Meisterin im Wasserspringen, eine schlanke, blonde Schönheit mit grünen Augen. Klug, freundlich, aber zurückhaltend – irgendwie nicht von dieser Welt. Daher nannten sie alle liebevoll „Astro-Girl“. Sie freundeten sich sofort an. Sie verstanden sich wortlos, spazierten stundenlang, feuerten sich gegenseitig bei Wettkämpfen an. Nach dem ersten Kuss machte er ihr direkt einen Antrag. Die „Marsianerhochzeit“ wurde von allen gefeiert – sie waren beliebt für ihre Offenheit und Herzlichkeit. Schon nach einem Jahr nahm Lena eine Auszeit fürs Studium – sie war schwanger. Er fuhr abends zum Hamburger Hauptbahnhof, arbeitete als Gepäckträger. Seltsamerweise fühlte er sich in dieser Zeit zum ersten Mal wirklich stark – nicht wegen der schweren Säcke, sondern weil er wusste: Er wird es schaffen, seine Familie ernähren, die Kinder aufziehen. Er ist stark, und er hat sie. Lena machte sich große Sorgen, aber der Arzt beruhigte: „Nur das sollten Sie wissen: Wenn Sie keine Kinder mögen, wird’s jetzt doppelt schwer – Sie erwarten Zwillinge.“ Nachts träumten sie gemeinsam von der Zukunft, stellten sich vor wie die Kinder einmal sein würden, wie sie selbst sich entwickeln, ein Haus am See kaufen … Aber nachts darf man ja träumen. Vor der Geburt drückte sie seine Hand, sah ihm in die Augen und sagte: „Versprich mir, egal was passiert, du lässt sie nie allein…“ Zuerst war er beleidigt, aber dann nickte er nur. Am nächsten Tag setzten die Wehen ein. Die Geburt war lang und schwierig – fast ein Tag lag sie bewusstlos, niemand erkannte das Problem, und als sie es feststellten, war es zu spät. Was mit ihm in jener Nacht passierte, weiß er nicht mehr. Alles war wie im Nebel. Am Morgen fand er sich auf dem Hamburger Hauptbahnhof wieder, in einer Pfütze liegend. Übelkeit, Kopfschmerzen, der Alkohol noch im Blut – doch ein Gedanke ließ ihn sofort klar werden: Zwei Menschen warten auf ihn. Er schloss sein Studium mit Bravour ab, fuhr aber nicht mehr zu Wettkämpfen. Der Sportverein gab ihm eine Wohnung, in die er mit seinen Jungs zog. Zunächst half die Mutter, dann wurden die Kinder größer, und sie lebten zu dritt. Er leitete einige Sportgruppen beim HSV, wechselte aber aufs Gymnasium seiner Söhne, als sie in die erste Klasse kamen – Fahrten zum Bahnhof blieben, denn vom Sportlehrerlohn allein lebte es sich nicht. Säcke trug er nun keine mehr, er war mittlerweile Schichtleiter. Langsam wurde alles besser, aber im Inneren blieb es schwer – er wollte sich so gerne aussprechen, aber ohne Lena fühlte er sich stumm. Zwischendurch versuchten Freunde, ihn zu verkuppeln. Doch er verließ jedes Date nach spätestens einer Stunde; eine erinnerte ihn durch einen Blick an Lena, eine andere warf das Haar wie sie … So begann er, nachts mit ihr zu sprechen. Anfangs ärgerte er sich darüber, dass er so sehr mit ihr sprach und sie doch nicht spürte. Später wurde es zur Gewohnheit – er erzählte, fragte um Rat. Gestern etwa, nachdem die Jungs stolz erzählten, die Mathearbeit am besten geschrieben zu haben: „Ich sagte ihnen, ein echter Mann prahlt nicht, und gute Noten sind nichts Besonderes. Aber eigentlich bin ich richtig stolz. Unsere Jungs, Lena – klug und stark und ehrlich werden sie … Und weißt du noch, mein Ausbilder sagte immer: ‘Mut heißt, die Angst zu verbergen.’ Ich habe manchmal Angst, sie zu viel zu loben, Schwäche zu zeigen. Sogar, dass ich sie liebe, habe ich ihnen nie gesagt … Aber sie wissen’s ja eh, oder Lena?“ Da tat es ihm fast weh vor Rührung – die Tränen standen ihm in den Augen. Fast wäre er aufgestanden, hätte sie umarmt und gesagt, wie lieb er sie hat – aber er tat’s nicht, es war Nacht und er wollte sie nicht wecken. In der Küche ist es noch frisch. Draußen zeigt das Thermometer minus fünf Grad – ein guter Winter, trocken, nur der Schnee fehlt. Eine ältere Nachbarin fegt vor dem Haus, spricht sie mit sich selbst? Die „Jungs“ stürmen ins Zimmer. Der ältere, nur fünf Minuten vor seinem Bruder geboren, macht Tee. Der Jüngere stellt die Pfanne hin – heute ist er mit Frühstück dran. Plötzlich stößt einer den anderen an. Sie treten schüchtern an den Vater, umarmen ihn und sagen: „Papa, wir wissen, dass du manchmal mit Mama sprichst … Sag ihr bitte, wir können uns zwar kaum an sie erinnern, aber wir lieben sie ganz, ganz doll. Und dich auch, Papa…“

Guten Morgen, meine Liebe.
Guten Morgen, meine Liebe.
Wie immer wacht er eine Minute vor dem Klingeln des Weckers auf. Eine Angewohnheit, die aus seiner Zeit bei der Bundeswehr geblieben ist. Geschmeidig rollt er vom Bett auf den Boden und macht mit geschlossenen Augen ein paar Liegestütze. Das Blut rauscht angenehm durch seinen Körper, vertreibt die letzten Reste des Schlafs.
Ich geh die Jungs wecken, Annegret.
Mit Jungs meint er die zehnjährigen Zwillingssöhne, die im Nachbarzimmer schlafen. Zwei kleine Ebenbilder ihres Vaters, mit halb geöffneten Mündern, als ob sie denselben Traum träumen.
Die Heizung macht mal wieder Probleme, also lässt er das morgendliche Joggen diesmal ausfallen, damit sie nicht frieren, und lässt sie ausschlafen. Einen Moment bleibt er stehen und bewundert die kräftigen Silhouetten seiner Jungs.
Er selbst war in ihrem Alter das krasse Gegenteil: schmächtig, unbeholfen, mit krummen Schultern. Eher still, was die anderen oft als Schwäche und Angst auslegten. In der Schule hatte er keine großen Schwierigkeiten, nur die ständigen Sticheleien der Mitschüler setzten ihm zu. Kontern lag ihm nicht, er wusste um seine Schwäche. Im Sportunterricht strengte er sich an, doch die Spötteleien des Lehrers raubten jede Motivation. Sportvereine waren überhaupt kein Thema, die Mutter sagte immer:
Ich habe keinen intelligenten jüdischen Jungen auf die Welt gebracht, damit er sich die Nase einhauen lässt.
Seine Zurückhaltung machte ihm zu schaffen. Der Traum, stark zu werden, verlor wieder einmal. Seine Mutter zeigte selten Strenge, meistens umgab sie ihn mit Fürsorge und Zärtlichkeit Doch gerade wegen dieser Überfürsorglichkeit zog er nach dem Abitur direkt zur Bundeswehr. Nach zwei Jahren kehrte er als austrainierter und vielversprechender Sportler zurück. Aus dem schüchternen, feinfühligen jüdischen Jungen war ein kräftiger Kandidat für den Titel des Meisters im Boxen geworden. Sehr zum Missfallen seiner Mutter, aber zur Freude des Trainers der Deutschen Sporthochschule, wo er seine Karriere fortsetzen wollte.
Das Studium eröffnete ihm eine neue Welt: häufige Wettkämpfe, das Leben im Studentenwohnheim, viele neue Freunde. Plötzlich ein neues Problem die Mädchen. Trotz der Erfolge im Boxring war seine natürliche Unsicherheit wie weggeblasen. Flirten, einladen, ja überhaupt ein Gespräch mit einer Frau anzufangen, fiel ihm mit zwanzig ebenso schwer wie als Kind. Bis sie auftauchte.
Annalena, aufstrebender Stern der Hochschule. Meisterin im Wasserspringen, eine schlanke, blonde Schönheit mit grünen Augen. Nicht auf den Kopf gefallen, herzlich, aber manchmal entrückt daher ihr Spitzname: Die Außerirdische. Schnell wurden sie Freunde.
Sie verstanden sich auf Anhieb. Stundenlang spazierten sie schweigend durch das nächtliche Köln. Sie fieberten gemeinsam bei Wettkämpfen mit. Nach dem ersten Kuss machte er ihr sofort einen Heiratsantrag.
Die Hochzeit der Marsmenschen wurde vom gesamten Semester gefeiert. Sie waren beliebt, weil sie so offen und herzlich waren.
Ein Jahr später nahm Annalena eine Beurlaubung vom Studium, wegen der Schwangerschaft. Abends arbeitete er am Kölner Hauptbahnhof als Lagerarbeiter. Seltsam, aber gerade damals spürte er zum ersten Mal, dass er wirklich stark war. Nicht wegen der schweren Säcke, sondern weil er begriff: Er schafft das, er sorgt für seine Familie, und wird die Kinder großziehen. Er ist stark, und sie ist an seiner Seite.
Annalena machte sich große Sorgen, aber der Arzt beruhigte sie, die Schwangerschaft verlaufe hervorragend, und witzelte:
Ich kann Sie nur damit enttäuschen: Falls Sie keine Kinder mögen, wird alles doppelt so schlimm Sie bekommen Zwillinge.
Nachts träumten sie gemeinsam, überlegten, wie ihre Kinder wohl werden würden, wie sie selbst sich verändern würden, welches Haus sie einmal an der Ostsee kaufen würden Aber dafür sind Nächte schließlich da zum Träumen.
Am Tag vor der Geburt nimmt sie ihn an der Hand, schaut ihm in die Augen und bittet:
Versprich mir, ganz gleich was passiert, du wirst sie niemals allein lassen!
Er war verdutzt, wollte erst beleidigt sein. Doch als er in ihre Augen blickte, nickte er nur. Am nächsten Tag setzten die Wehen ein. Die Geburt war lang und schwer. Fast 24 Stunden war Annalena ohne Bewusstsein, die Ärzte fanden die Ursache der Blutungen nicht. Als es klar wurde, war es zu spät.
Was in jener Nacht mit ihm geschah, erinnert er nicht mehr. Alles lag wie im Nebel. Er fand sich am nächsten Morgen am Kölner Hauptbahnhof wieder, in einer Pfütze. Übelkeit, Kopfschmerzen, der Alkohol noch im Blut aber das Gefühl der Verantwortung war plötzlich übermächtig: Zwei warten auf ihn.
Er schloss das Studium erfolgreich ab, doch Wettkämpfe bestritt er keine mehr. Der Sportverein stellte ihm eine Wohnung, in die er mit den Jungs zog. Zunächst half die Mutter, später wuchsen die Söhne heran und sie lebten zu dritt allein. Er trainierte Sportgruppen beim FC Köln, doch als die Jungs eingeschult wurden, wechselte er als Sportlehrer an ihre Schule. Die Nachtschichten am Bahnhof gab er nie ganz auf so ist das eben mit dem Gehalt eines Sportlehrers. Die Säcke trägt er inzwischen nicht mehr, die letzten Jahre ist er Schichtleiter.
Langsam kam wieder Ordnung ins Leben, aber in seiner Seele blieb es leer als wäre er seit Annalenas Tod stumm geworden.
Seine Freunde versuchten, ihn mit anderen Frauen zu verkuppeln. Doch er hielt es auf keinem Date aus, keine Stunde. Die eine erinnerte ihn mit einem Blick an Annalena, die andere strich sich die Haare wie sie
So sprach er nach und nach nachts mit ihr allein. Erst ärgerte es ihn, dass er mit ihr sprach, fühlte aber ihre Nähe nicht. Dann wurde es Gewohnheit, er erzählte, beriet sich. Gestern zum Beispiel haben die Jungs stolz ihre gute Deutscharbeit gezeigt, beide die besten Noten des Jahrgangs:
Weißt du, Annegret, ich hab ihnen gesagt, dass ein Mann nicht prahlen sollte. Und dass es peinlich ist, keine guten Noten zu schreiben. Aber innerlich bin ich unglaublich stolz. Siehst du, wir machen das gut. Klug, stark und ehrlich wachsen sie auf Weißt du, mein Ausbilder bei der Bundeswehr hat immer gesagt: Mut ist die Kunst, Angst zu haben, ohne dass man es zeigt. Ich hab Angst, sie zu sehr zu loben, Schwäche zu zeigen. Nicht einmal, dass ich sie liebe, hab ich je gesagt Aber sie wissen es, oder, Annegret?
Da wurde er ganz weich, fast hätte er geweint. Er wollte aufstehen, sie umarmen, ihnen sagen, wie sehr er sie liebt und wie viel sie ihm bedeuten Aber es war Nacht, und er hatte Angst, sie zu wecken.
In der Küche ist es morgens frisch. Er wirft einen Blick aufs Thermometer: minus fünf Grad. Ein guter, trockener Winter, nur der Schnee fehlt. Draußen fegt eine ältere Nachbarin vom zweiten Stock den Hof. Hat sie gerade mit sich selbst gesprochen, oder kommt es ihm nur so vor? Die Jungs stürmen in die Küche. Der ältere, fünf Minuten früher geboren, setzt Wasser für Tee auf. Der jüngere stellt die Pfanne auf den Herd heute ist er mit Frühstück machen dran.
Plötzlich gibt der eine dem anderen einen Schubs. Sie treten ungeschickt an den Vater heran, umarmen ihn und sagen:
Papa, wir wissen, dass du manchmal mit Mama sprichst Sag ihr bitte, wir erinnern uns nicht gut an sie, aber wir haben sie ganz, ganz doll lieb. Dich auch, PapaEr legt jedem sanft eine Hand auf die Schulter, schaut in ihre blauen Augen, in denen etwas von Annalena schimmert. Einen Moment ringen die Worte in ihm wie damals, als er ihr zum ersten Mal Ich liebe dich sagen wollte. Dann zieht er beide fest in seine Arme und flüstert:
Ich richte es ihr aus, Jungs. Und wisst ihr was? Ich glaube, sie hört längst jedes Wort. Genau wie jetzt.
Im Fenster spiegelt sich ihr Lachen, auf einmal ganz leicht fast als hätte der Winter selbst einen Hauch von Wärme bekommen. Draußen blitzt ein Sonnenstrahl auf den weißen Gehweg, und in der Küche, zwischen Tee, Pfannkuchen und kleinen Händen, füllt sich die Stille mit einem glücklichen Klang: dem Leben, so wie es weitergeht.

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Homy
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Guten Morgen, meine Liebste Wie immer war er schon eine Minute vor dem Wecker wach – eine Angewohnheit aus der Bundeswehrzeit. Schwungvoll rollte er sich aus dem Bett auf den Boden und drückte sich, ohne die Augen zu öffnen, ein paar Mal ab. Das Blut begann angenehm zu rauschen, die letzten Reste des Schlafs verflogen langsam. „Ich wecke jetzt die Jungs, Lena.“ Damit meinte er die beiden zehnjährigen Zwillingssöhne, die im Nachbarzimmer schliefen: zwei kleine Abbilder ihres Vaters mit denselben halb geöffneten Mündern, als würden sie denselben Traum teilen. In der Nacht hatte die Heizung wieder gestreikt, deshalb wollte er das morgendliche Joggen nicht riskieren und ließ sie etwas länger schlafen – er betrachtete ihre erstarkten kleinen Körper voller Stolz. In ihrem Alter war er das genaue Gegenteil gewesen: schmächtig, unbeholfen, gebeugt. Schüchtern – etwas, das seine Mitschüler stets für Feigheit hielten. In der Schule fiel ihm das Lernen leicht, aber die Sticheleien steckten ihm schwer in den Knochen. Er konnte sich nicht wehren und wusste, dass er schwächer war. Im Sportunterricht gab er alles, aber die Spötteleien des Sportlehrers nahmen ihm jede Motivation. An Sportvereine war bei seiner Mutter sowieso nicht zu denken: „Ich habe doch keinen intelligenten jüdischen Jungen zur Welt gebracht, damit er sich Nasen brechen lernt.“ Seine Schüchternheit machte es ihm nicht leicht, und so verlor der Traum, stark zu werden, wieder einmal. Seine Mutter zeigte selten Härte, umgab ihn meist mit Fürsorge, Zärtlichkeit und Wärme… Genau davon lief er nach dem Abi weg – direkt zur Bundeswehr. Zwei Jahre später kam er gestählt als angehender Boxer zurück. Aus dem sensiblen, zurückhaltenden jüdischen Jungen war plötzlich ein kräftiger Kandidat für den Meistertitel geworden – was die Mutter sorgte und die Hochschule für Sport begeisterte. Das Studentenleben war ein kompletter Neuanfang: Wettbewerbe, WG, neue Freunde. Aber es kam ein neues Problem – Mädchen. Trotz seiner sportlichen Erfolge blieb die Schüchternheit. Flirten, einladen, ansprechen, das war mit 20 nicht leichter als mit 10. Bis sie auftauchte. Elena war der aufgehende Stern des Instituts: Meisterin im Wasserspringen, eine schlanke, blonde Schönheit mit grünen Augen. Klug, freundlich, aber zurückhaltend – irgendwie nicht von dieser Welt. Daher nannten sie alle liebevoll „Astro-Girl“. Sie freundeten sich sofort an. Sie verstanden sich wortlos, spazierten stundenlang, feuerten sich gegenseitig bei Wettkämpfen an. Nach dem ersten Kuss machte er ihr direkt einen Antrag. Die „Marsianerhochzeit“ wurde von allen gefeiert – sie waren beliebt für ihre Offenheit und Herzlichkeit. Schon nach einem Jahr nahm Lena eine Auszeit fürs Studium – sie war schwanger. Er fuhr abends zum Hamburger Hauptbahnhof, arbeitete als Gepäckträger. Seltsamerweise fühlte er sich in dieser Zeit zum ersten Mal wirklich stark – nicht wegen der schweren Säcke, sondern weil er wusste: Er wird es schaffen, seine Familie ernähren, die Kinder aufziehen. Er ist stark, und er hat sie. Lena machte sich große Sorgen, aber der Arzt beruhigte: „Nur das sollten Sie wissen: Wenn Sie keine Kinder mögen, wird’s jetzt doppelt schwer – Sie erwarten Zwillinge.“ Nachts träumten sie gemeinsam von der Zukunft, stellten sich vor wie die Kinder einmal sein würden, wie sie selbst sich entwickeln, ein Haus am See kaufen … Aber nachts darf man ja träumen. Vor der Geburt drückte sie seine Hand, sah ihm in die Augen und sagte: „Versprich mir, egal was passiert, du lässt sie nie allein…“ Zuerst war er beleidigt, aber dann nickte er nur. Am nächsten Tag setzten die Wehen ein. Die Geburt war lang und schwierig – fast ein Tag lag sie bewusstlos, niemand erkannte das Problem, und als sie es feststellten, war es zu spät. Was mit ihm in jener Nacht passierte, weiß er nicht mehr. Alles war wie im Nebel. Am Morgen fand er sich auf dem Hamburger Hauptbahnhof wieder, in einer Pfütze liegend. Übelkeit, Kopfschmerzen, der Alkohol noch im Blut – doch ein Gedanke ließ ihn sofort klar werden: Zwei Menschen warten auf ihn. Er schloss sein Studium mit Bravour ab, fuhr aber nicht mehr zu Wettkämpfen. Der Sportverein gab ihm eine Wohnung, in die er mit seinen Jungs zog. Zunächst half die Mutter, dann wurden die Kinder größer, und sie lebten zu dritt. Er leitete einige Sportgruppen beim HSV, wechselte aber aufs Gymnasium seiner Söhne, als sie in die erste Klasse kamen – Fahrten zum Bahnhof blieben, denn vom Sportlehrerlohn allein lebte es sich nicht. Säcke trug er nun keine mehr, er war mittlerweile Schichtleiter. Langsam wurde alles besser, aber im Inneren blieb es schwer – er wollte sich so gerne aussprechen, aber ohne Lena fühlte er sich stumm. Zwischendurch versuchten Freunde, ihn zu verkuppeln. Doch er verließ jedes Date nach spätestens einer Stunde; eine erinnerte ihn durch einen Blick an Lena, eine andere warf das Haar wie sie … So begann er, nachts mit ihr zu sprechen. Anfangs ärgerte er sich darüber, dass er so sehr mit ihr sprach und sie doch nicht spürte. Später wurde es zur Gewohnheit – er erzählte, fragte um Rat. Gestern etwa, nachdem die Jungs stolz erzählten, die Mathearbeit am besten geschrieben zu haben: „Ich sagte ihnen, ein echter Mann prahlt nicht, und gute Noten sind nichts Besonderes. Aber eigentlich bin ich richtig stolz. Unsere Jungs, Lena – klug und stark und ehrlich werden sie … Und weißt du noch, mein Ausbilder sagte immer: ‘Mut heißt, die Angst zu verbergen.’ Ich habe manchmal Angst, sie zu viel zu loben, Schwäche zu zeigen. Sogar, dass ich sie liebe, habe ich ihnen nie gesagt … Aber sie wissen’s ja eh, oder Lena?“ Da tat es ihm fast weh vor Rührung – die Tränen standen ihm in den Augen. Fast wäre er aufgestanden, hätte sie umarmt und gesagt, wie lieb er sie hat – aber er tat’s nicht, es war Nacht und er wollte sie nicht wecken. In der Küche ist es noch frisch. Draußen zeigt das Thermometer minus fünf Grad – ein guter Winter, trocken, nur der Schnee fehlt. Eine ältere Nachbarin fegt vor dem Haus, spricht sie mit sich selbst? Die „Jungs“ stürmen ins Zimmer. Der ältere, nur fünf Minuten vor seinem Bruder geboren, macht Tee. Der Jüngere stellt die Pfanne hin – heute ist er mit Frühstück dran. Plötzlich stößt einer den anderen an. Sie treten schüchtern an den Vater, umarmen ihn und sagen: „Papa, wir wissen, dass du manchmal mit Mama sprichst … Sag ihr bitte, wir können uns zwar kaum an sie erinnern, aber wir lieben sie ganz, ganz doll. Und dich auch, Papa…“
Wir haben ein Haus im Dorf gekauft.