Mit leichtem Gepäck Nachdem Sergej den Eimer mit Werkzeugen an der Schlafzimmertür abgestellt und tief durchgeatmet hatte, knieten seine schmerzenden Beine wie gespanntes Gummi. Eine halbe Stunde hatte er sich mit dem klemmenden Schrankschloss abgeplagt. Er blieb stehen und blickte auf das Treppengeländer, das er vor dreißig Jahren selbst geschnitzt hatte, als das Haus gerade gebaut wurde. Damals zitterten die Hände noch nicht, die Treppe schien bequem und sogar schmuck. Jetzt war sie nur noch ein Hindernis. Unten rief Vera: — Sergej, bist du da? — Ja, — antwortete er. — Gleich komme ich runter. Aber er ging nicht sofort. Er trat ins Schlafzimmer, stellte den Eimer an den Schrank, wischte sich die Hände an der Hose ab. Durch das Fenster sah er den Gemüsegarten: Die Beete sind umgegraben, aber zur Hälfte schon wieder von Unkraut überwuchert. Im Frühjahr konnte er noch drei Stunden mit der Hacke arbeiten, gegen Sommerende merkte er, dass der Garten gewonnen hatte. Vera drängte ihn nicht, sie erntete schweigend Karotten und Rote Bete, wie sie eben wuchsen. — Sergej! Er drehte sich um und stieg langsam hinunter, hielt sich fest am Geländer. Vera stand im Flur, in der Jacke, das Handy in der Hand. — Die Maklerin hat angerufen. Es gibt ein Angebot in der Gartenstraße, Dreizimmer, vierter Stock, mit Aufzug. Wir könnten morgen schauen gehen. Sergej nickte. Seit einem Monat sprachen sie schon darüber, jedes Mal endete das Gespräch abrupt, als hätten beide Angst, die endgültige Entscheidung auszusprechen. — Willst du das wirklich? — fragte er. Vera sah ihn lange an, dann sagte sie: — Ich möchte im Winter nicht mehr Schnee bis zum Tor schippen müssen. Ich will, dass der Arzt zu Fuß in zehn Minuten erreichbar ist, statt eine halbe Stunde auf den Bus zu warten. Ich möchte, dass uns mehr Zeit zum Leben bleibt – nicht nur für Hausarbeit. Sergej nickte langsam. — Dann gehen wir morgen. Die Wohnung in der Gartenstraße war hell, mit großen Fenstern und frisch renoviert. Vera ging durch die Zimmer, schaute in die Küche, öffnete den Schrank im Flur. Die Maklerin erzählte etwas über Nebenkosten und Nachbarn, aber Vera hörte nur halb zu. Sie stellte sich vor, wie ihr alter Sofa hier stehen würde, wie Sergej die Bücherregale bauen würde, wie sie selbst die Vorhänge aufhängen würde. Diese Zimmer würden reichen. Sogar mehr als genug. Draußen sah Vera auf ihr Handy – ein verpasster Anruf von der Tochter. Sie rief zurück. — Mama, ist das wahr? — Aljonas Stimme war angespannt. — Pawel sagte, ihr wollt das Haus verkaufen? Vera blieb am Eingang stehen. Sergej hörte mit, wie sein Gesicht verriet. Vergangene Woche hatte sie Pawel nur flüchtig erzählt, sie dächten über einen Umzug in die Stadt nach, näher zur Praxis. Sie hatte nicht gedacht, dass er es gleich seiner Schwester erzählen würde. — Wir überlegen, — sagte sie vorsichtig. — Es ist einfach schwer… — Wie „schwer“? Ihr habt dort euer Leben verbracht! Das ist unser Haus, wir sind dort aufgewachsen, die Enkel besuchen euch… — Aljona, hör zu… — Nein, Mama, das könnt ihr doch nicht machen! Ihr gebt auf! Vera hielt das Handy fest. — Wir geben nicht auf. Wir entscheiden, wie unser Leben weitergeht. Aljona schwieg, dann sagte sie leise: — Ich komme am Samstag vorbei. Wir reden. Vera steckte das Handy weg und sah Sergej an. Er schwieg, aber er hatte alles gehört. Abends saßen sie in der Küche. Sergej kochte Tee, Vera schnitt Brot, doch keiner aß. — Vielleicht hat sie recht? — sagte Vera leise. — Vielleicht sind wir wirklich zu voreilig? Sergej schüttelte den Kopf. — Wir sind nicht voreilig. Wir haben entschieden, dass es Zeit ist. Ich kann keine Holzscheite mehr schleppen, kein Dach mehr flicken, und ich will im Winter nicht ständig Angst haben, eingeschneit zu werden. Ich möchte noch Kraft haben, mal verreisen, ins Theater gehen, spazieren. Nicht nur Löcher flicken und Haus in Schuss halten. Vera biss sich auf die Lippen. — Aber die Kinder… — Die Kinder sind erwachsen. Sie haben ihr eigenes Leben. Sie kommen zweimal im Jahr zu Besuch, wenn überhaupt. Aber wir sind jeden Tag hier. Vera nickte, war aber innerlich besorgt. Am Samstag kamen beide: Aljona und Pawel. Sergej deckte den Tisch, Vera hatte Kuchen gebacken. Alle saßen beisammen, doch die Stimmung war gedrückt. Aljona war angespannt, Pawel wirkte grimmig. Schließlich legte Aljona die Gabel beiseite: — Mama, Papa, erklärt mir bitte: Wollt ihr wirklich aus diesem Haus weg? Aus dem Haus, das ihr selbst gebaut habt und wo wir alle gelebt haben? Vera atmete durch. — Aljona, ich verstehe, dass es dir weh tut. — Sie schwieg. — Aber wir geben das Haus nicht auf. Wir wählen, wie wir weiterleben wollen. Wir sind beide über sechzig. Die Treppen fallen mir schwer, Sergej hat Schmerzen in den Knien. Im Winter brauchen wir einen halben Tag fürs Schneeschippen. Der Arzt ist weit weg, die Einkäufe auch. — Sie schaute Aljona in die Augen. — Wir möchten, dass das Alter Leben bleibt. Und nicht jeden Tag ein kleiner Kraftakt. Pawel mischte sich ein: — Aber das Haus ist unser Nest! Die Enkel kommen hierher… — Und das für eine Woche im Jahr, — entgegnete Sergej. — Und selbst dann ist es umständlich: kein Internet, die Dusche alt, eine Stunde bis in die Stadt. Wir halten das hier nicht für sie, sondern weil wir glauben, das Haus steht für etwas Wichtiges. Aber jetzt ist unser Leben dran, Pawel, nicht das Symbol. Aljona wurde blass. — Ihr habt euch also endgültig entschieden? Vera sah zu Sergej, der kurz nickte. — Ja, — sagte Vera. — Wir haben uns entschieden. Aljona stand auf. — Dann macht, was ihr wollt. Aber ich verstehe es nicht. Sie verließ die Küche. Pawel blieb noch eine Minute sitzen, murmelte: — Ich muss nachdenken, — und ging ebenfalls. Vera und Sergej blieben allein. Die Kuchen auf dem Tisch wurden kalt. Zwei Wochen dauerte die Bürokratie. Das Haus kaufte eine junge Familie aus der Stadt – genauso verliebt in den Garten und die Beete wie sie und Sergej damals. Vera übergab die Schlüssel und drehte sich weg. Der Umzug war im Oktober. Die Möbelpacker trugen Möbel, Kisten, Sachen hinaus. Sergej lief durch die leeren Räume, sah die blanken Wände, die Spuren der Bilder, die Kratzer auf dem Boden. Vera stand im Flur, den Schlüssel für die neue Wohnung in der Hand. — Es ist Zeit, — sagte sie leise. Sergej nickte, schloss die Tür ab und steckte den alten Schlüssel ein. In der ersten Woche in der neuen Wohnung wachte Sergej nachts auf und wusste nicht, wo er war. Die Stille war ungewohnt: keine knarrenden Bretter, kein Wind im Garten. Er stand auf, ging durch die Zimmer und schaute auf die Lichter der Stadt. Vera vermisste auch. Sie dachte an den Garten, an die Apfelbäume, daran, wie sie morgens das Fenster öffnete und Vogelgezwitscher hörte. Hier gab es einen Hof, Autos, Nachbarn. Aber langsam wurde das Neue zur Gewohnheit. Sergej entdeckte, dass die Arztpraxis fünf Minuten entfernt war – und keine Warteschlange. Vera fand in der Nähe eine Bibliothek mit Lesesaal und schaute regelmäßig dort vorbei. Abends spazierten sie im Park – jetzt war es ja nicht mehr weit. Eines Tages rief Pawel an und sagte knapp: — Papa, na schön. Vielleicht habt ihr recht. Meldet euch, ja? Sergej lächelte. — Natürlich. An einem Morgen Ende November schenkte Vera Tee ein, Sergej legte Kekse auf den Tisch. Auf dem Regal stand ein eingerahmtes Foto vom alten Haus: Zweistöckig, mit Dachgiebel, dem von Wein bewachsenen Eingang. — Schön war’s, — sagte Vera. — Ja, — stimmte Sergej ihr zu. Sie schwiegen einen Moment. — Weißt du, ich glaube, im Frühjahr könnten wir mal in den Süden fahren, — sagte Sergej. — Das wollten wir schon lange. Vera nickte. — Und ich habe gesehen: Dienstags gibt es einen Literaturkreis in der Bibliothek. Vielleicht gehen wir mal hin? — Lass uns das machen. Es klingelte. Vera öffnete: Aljona stand mit Sohn und Tochter vor der Tür, den Kuchen in einer Tüte. — Dürfen wir rein? — fragte Aljona leise. — Natürlich, — sagte Vera und machte Platz. Die Kinder zogen die Jacken aus. Aljona stellte den Kuchen auf den Tisch, blickte sich um. — Es ist gemütlich bei euch, — sagte sie. Vera lächelte. — Ja. Uns gefällt es. Sergej holte noch Stühle, Vera kochte frischen Tee. Die Enkel setzten sich aufs Sofa, Aljona zu ihrer Mutter. — Mama, Entschuldigung, — sagte sie leise. — Ich habe es einfach nicht gleich verstanden. Vera legte den Arm um ihre Schulter. — Das macht nichts. Wichtig ist, dass wir zusammen sind. Sie tranken Tee, sprachen über die Schule der Enkel, Aljonas Arbeit, und über ihre Pläne, im Frühjahr in den Süden zu reisen. Draußen regnete es. Vera nahm das Foto vom alten Haus aus dem Regal, betrachtete es und stellte es wieder zurück. Sergej schenkte ihr Tee nach. Aljona legte den Arm um ihre Mutter. — Mama, können wir Weihnachten bei euch feiern? — Natürlich, — sagte Vera.

Mit leichtem Gepäck

Klaus stellt den Eimer mit Werkzeug an die Schlafzimmertür und atmet tief durch. Eine halbe Stunde hat er sich mit dem klemmenden Schrankschloss herumgeschlagen, jetzt schmerzen die Knie, als wären stramme Gummibänder darin gespannt. Für einen Moment bleibt er stehen und blickt auf das Geländer, das er vor dreißig Jahren selbst gezimmert hat damals, als das Haus gerade gebaut wurde. Damals zitterten die Hände noch nicht, die Treppe erschien bequem, fast festlich.

Heute ist sie nur noch ein Hindernis.

Unten ruft Helga:

Klaus, bist du da?

Ja, ruft er zurück. Bin gleich unten.

Doch er geht nicht sofort. Er tritt ins Schlafzimmer, stellt den Eimer an den Schrank, wischt die Hände an der Hose ab. Durch das Fenster sieht man den Garten: die Beete sind umgegraben, aber inzwischen auch halb von Unkraut überwuchert. Im Frühling konnte er noch drei Stunden mit der Hacke arbeiten, doch am Ende des Sommers musste er feststellen, dass der Garten ihn besiegt hat. Helga besteht auch nicht darauf, sie sammelt einfach wortlos die Möhren und die Rote Bete ein, die gewachsen sind.

Klaus!

Er dreht sich um und macht sich auf den Weg nach unten, klammert sich mit beiden Händen an das Geländer.

Helga steht im Flur, in Jacke, mit dem Handy in der Hand.

Die Maklerin hat angerufen. Sie meint, es gibt ein Angebot in der Lindenstraße. Dreizimmerwohnung, vierter Stock, mit Aufzug. Wir können morgen besichtigen.

Klaus nickt. Die beiden sprechen schon seit Wochen darüber, aber jedes Mal bleibt das Gespräch im Ansatz stecken, als würde man sich vor der endgültigen Entscheidung scheuen.

Willst du wirklich? fragt er.

Helga sieht ihn lange an, dann sagt sie:

Ich möchte keinen Winter mehr Schnee bis zum Tor schippen müssen. Ich will den Arzt in zehn Minuten zu Fuß erreichen können, nicht ewig auf den Bus warten. Ich möchte, dass wir Zeit haben, einfach zu leben und nicht nur das Haus in Schuss zu halten.

Klaus nickt langsam.

Dann sehen wir uns die Wohnung an.

Die Wohnung in der Lindenstraße ist hell, hat große Fenster und einen frischen Anstrich. Helga geht von Raum zu Raum, wirft einen Blick in die Küche, öffnet den Garderobenschrank. Die Maklerin erzählt etwas über Nebenkosten und Nachbarn, aber Helga hört nur halb zu. Sie stellt sich vor, wo das alte Sofa stehen wird, wie Klaus Bücherregale anbringt, wie sie selbst die Gardinen auswählt.

Das würde genügen. Mehr als genug.

Als sie hinausgehen, sieht Helga auf ihr Handy und bemerkt eine verpasste Nachricht von ihrer Tochter. Sie ruft zurück.

Mama, stimmt das? Alinas Stimme klingt angespannt. Julian sagt, ihr wollt das Haus verkaufen?

Helga bleibt auf der Treppe stehen. Klaus kommt dazu. Letzte Woche hatte sie Julian nur beiläufig erwähnt, dass sie einen Umzug in die Stadt erwägen, näher an die Arztpraxis. Sie dachte nicht, dass er es direkt Alina erzählen würde.

Wir denken darüber nach, sagt sie vorsichtig. Uns fällt es zunehmend schwer

Wie, schwer? Ihr habt euer ganzes Leben dort verbracht! Das ist unser Zuhause, wir sind dort aufgewachsen, die Enkel kommen zu Besuch

Alina, hör zu

Nein, Mama, wie könnt ihr das tun? Ihr gebt auf!

Helga drückt das Handy fester.

Wir geben nicht auf. Wir entscheiden, wie wir weiterleben wollen.

Alina schweigt, dann sagt sie leise:

Ich komme am Samstag vorbei. Dann reden wir.

Helga legt das Handy weg und sieht zu Klaus hinüber. Er schweigt, doch sein Gesicht zeigt, dass er alles mitgehört hat.

Am Abend sitzen sie in der Küche. Klaus kocht Tee, Helga schneidet Brot, aber keiner von ihnen greift zu.

Vielleicht hat sie Recht? sagt Helga leise. Vielleicht überstürzen wir das?

Klaus schüttelt den Kopf.

Wir überstürzen nichts. Wir haben einfach entschieden, dass es Zeit ist. Ich bin müde vom Holz schleppen, vom Dach reparieren, von der Angst, im Winter nicht mehr rauszukommen. Ich möchte noch Kraft für Ausflüge haben, für einen Theaterbesuch, für Spaziergänge. Nicht nur Löcher stopfen und fit bleiben fürs Haus.

Helga hört ihm zu und beißt sich auf die Lippe.

Aber die Kinder

Die Kinder sind erwachsen. Sie haben ihr eigenes Leben. Sie kommen zwei Mal pro Jahr, wenn überhaupt. Aber wir sind jeden Tag hier.

Helga nickt, bleibt aber innerlich unruhig.

Am Samstag kommen beide: Alina und Julian. Klaus deckt den Tisch, Helga hat Streuselkuchen gebacken. Alle setzen sich, aber das Essen schmeckt keinem. Alina bleibt angespannt, Julian ist wortkarg.

Schließlich legt Alina die Gabel hin und fragt:

Mama, Papa, erklärt mir das. Ihr wollt wirklich das Haus verlassen? Das Haus, das ihr gebaut habt, in dem wir alle gelebt haben?

Helga atmet aus.

Alina, ich weiß, dass es für dich schwer ist. Sie schweigt kurz. Aber wir lassen das Haus nicht einfach zurück. Wir entscheiden, wie unser Leben weitergeht. Wir sind beide über sechzig. Mir fällt das Treppensteigen schwer, bei deinem Vater tun die Knie weh. Im Winter verbringen wir halbe Tage nur mit Schnee räumen. Arzt und Einkauf liegen weit weg. Sie sieht ihrer Tochter in die Augen. Wir möchten, dass das Alter einfach Leben bleibt. Nicht ein täglicher Kraftakt.

Julian mischt sich ein:

Aber das ist doch unser Familiennest! Die Enkel kommen hierher

Die Enkel sind einmal im Jahr für ein paar Tage da, sagt Klaus. Und auch sie finden es unbequem: Kein gutes WLAN, keine moderne Dusche, die Stadt ist eine Stunde mit dem Bus entfernt. Wir halten das Haus nicht für sie, sondern weil wir es als etwas Symbolisches sehen. Aber wir müssen leben, Julian nicht nur ein Symbol erhalten.

Alina wird blass.

Also steht euer Entschluss fest?

Helga schaut Klaus an, er nickt.

Ja, sagt sie. Er steht fest.

Alina erhebt sich vom Tisch.

Dann macht, was ihr wollt. Ich verstehs nicht.

Sie verlässt die Küche. Julian bleibt noch kurz sitzen, murmelt dann:

Ich muss nachdenken, und geht ebenfalls.

Helga und Klaus sitzen allein da. Der Kuchen wird kalt.

Zwei Wochen dauert die Abwicklung. Das Haus kaufen ein junges Paar aus der Stadt so jung wie sie und Klaus damals waren. Mit leuchtenden Augen schauen sie auf den Garten, sprechen über Beete und Gewächshaus. Helga übergibt die Schlüssel und dreht sich weg.

Der Umzug ist im Oktober. Möbelpacker tragen alles hinaus: Möbel, Kisten, Sachen. Klaus geht durch die leeren Zimmer, sieht die nackten Wände, die Spuren der Bilder, die Kratzer auf dem Boden. Helga steht im Flur und hält die Schlüssel für die neue Wohnung in der Hand.

Es wird Zeit, sagt sie leise.

Klaus nickt, schließt ab und steckt die alten Schlüssel in die Tasche.

Die erste Woche im neuen Zuhause wacht Klaus nachts auf, weiß nicht, wo er ist. Die Stille ist ungewohnt: keine knarrenden Dielen, kein Wind im Garten. Er läuft durch die Räume, blickt aus dem Fenster auf die Lichter der Stadt.

Helga vermisst auch den Garten, die Apfelbäume, das morgendliche Vogelzwitschern beim Fenster öffnen. Hier sieht sie den Hinterhof, Autos, Stimmen der Nachbarn.

Doch allmählich werden die neuen Dinge zur Routine. Klaus stellt fest, dass er in fünf Minuten zu Fuß beim Arzt ist, ohne Wartezeit. Helga entdeckt die nahe Stadtbibliothek mit Lesezimmer und geht jetzt regelmäßig dorthin. Abends spazieren sie gemeinsam durch den Park, denn der ist nun ganz in der Nähe.

Einmal ruft Julian an und sagt knapp:

Papa, ist schon gut. Vielleicht habt ihr recht. Aber verschwindet uns nicht, ja?

Klaus lächelt.

Wir verschwinden sicher nicht.

Morgen Ende November. Helga gießt Tee ein, Klaus stellt Gebäck auf den Tisch. Im Bücherregal steht ein gerahmtes Foto vom alten Haus: zweistöckig, mit Dachausbau, von wildem Wein umranken.

Es war schön, sagt Helga.

Es war, bestätigt Klaus.

Sie schweigen.

Weißt du, vielleicht könnten wir im Frühjahr mal an die Ostsee fahren, sagt Klaus. Das wollten wir schon lange.

Helga nickt.

Und ich habe eine Anzeige gesehen: In der Bibliothek ist dienstags ein Literaturkreis. Wollen wir mal hingehen?

Gerne.

Es klingelt an der Tür. Helga öffnet vor ihr steht Alina mit ihrem Sohn und ihrer Tochter. In den Händen hält sie einen Beutel mit Apfelstrudel.

Dürfen wir rein? fragt Alina leise.

Natürlich, sagt Helga und tritt zur Seite.

Die Kinder ziehen die Jacken aus. Alina stellt den Kuchen auf den Tisch, schaut sich die Wohnung um.

Es ist wirklich gemütlich bei euch, sagt sie.

Helga lächelt.

Ja. Es gefällt uns.

Klaus holt noch Stühle, Helga macht frischen Tee. Die Enkel kuscheln sich aufs Sofa, Alina setzt sich zu ihrer Mutter.

Mama, es tut mir leid, sagt sie leise. Ich habe das zuerst nicht verstanden.

Helga legt den Arm um ihre Schulter.

Ist nicht schlimm. Wichtig ist, dass wir zusammen sind.

Sie trinken Tee, sprechen über die Schule der Enkel, Alinas Arbeit, über Pläne für den Frühling an der Ostsee. Draußen regnet es leise. Helga steht auf, nimmt das Foto vom alten Haus aus dem Regal, betrachtet es und stellt es wieder zurück. Klaus schenkt ihr Tee nach. Alina legt ein weiteres Mal den Arm um ihre Mutter.

Mama, dürfen wir Weihnachten bei euch feiern?

Natürlich, sagt Helga.

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Homy
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Mit leichtem Gepäck Nachdem Sergej den Eimer mit Werkzeugen an der Schlafzimmertür abgestellt und tief durchgeatmet hatte, knieten seine schmerzenden Beine wie gespanntes Gummi. Eine halbe Stunde hatte er sich mit dem klemmenden Schrankschloss abgeplagt. Er blieb stehen und blickte auf das Treppengeländer, das er vor dreißig Jahren selbst geschnitzt hatte, als das Haus gerade gebaut wurde. Damals zitterten die Hände noch nicht, die Treppe schien bequem und sogar schmuck. Jetzt war sie nur noch ein Hindernis. Unten rief Vera: — Sergej, bist du da? — Ja, — antwortete er. — Gleich komme ich runter. Aber er ging nicht sofort. Er trat ins Schlafzimmer, stellte den Eimer an den Schrank, wischte sich die Hände an der Hose ab. Durch das Fenster sah er den Gemüsegarten: Die Beete sind umgegraben, aber zur Hälfte schon wieder von Unkraut überwuchert. Im Frühjahr konnte er noch drei Stunden mit der Hacke arbeiten, gegen Sommerende merkte er, dass der Garten gewonnen hatte. Vera drängte ihn nicht, sie erntete schweigend Karotten und Rote Bete, wie sie eben wuchsen. — Sergej! Er drehte sich um und stieg langsam hinunter, hielt sich fest am Geländer. Vera stand im Flur, in der Jacke, das Handy in der Hand. — Die Maklerin hat angerufen. Es gibt ein Angebot in der Gartenstraße, Dreizimmer, vierter Stock, mit Aufzug. Wir könnten morgen schauen gehen. Sergej nickte. Seit einem Monat sprachen sie schon darüber, jedes Mal endete das Gespräch abrupt, als hätten beide Angst, die endgültige Entscheidung auszusprechen. — Willst du das wirklich? — fragte er. Vera sah ihn lange an, dann sagte sie: — Ich möchte im Winter nicht mehr Schnee bis zum Tor schippen müssen. Ich will, dass der Arzt zu Fuß in zehn Minuten erreichbar ist, statt eine halbe Stunde auf den Bus zu warten. Ich möchte, dass uns mehr Zeit zum Leben bleibt – nicht nur für Hausarbeit. Sergej nickte langsam. — Dann gehen wir morgen. Die Wohnung in der Gartenstraße war hell, mit großen Fenstern und frisch renoviert. Vera ging durch die Zimmer, schaute in die Küche, öffnete den Schrank im Flur. Die Maklerin erzählte etwas über Nebenkosten und Nachbarn, aber Vera hörte nur halb zu. Sie stellte sich vor, wie ihr alter Sofa hier stehen würde, wie Sergej die Bücherregale bauen würde, wie sie selbst die Vorhänge aufhängen würde. Diese Zimmer würden reichen. Sogar mehr als genug. Draußen sah Vera auf ihr Handy – ein verpasster Anruf von der Tochter. Sie rief zurück. — Mama, ist das wahr? — Aljonas Stimme war angespannt. — Pawel sagte, ihr wollt das Haus verkaufen? Vera blieb am Eingang stehen. Sergej hörte mit, wie sein Gesicht verriet. Vergangene Woche hatte sie Pawel nur flüchtig erzählt, sie dächten über einen Umzug in die Stadt nach, näher zur Praxis. Sie hatte nicht gedacht, dass er es gleich seiner Schwester erzählen würde. — Wir überlegen, — sagte sie vorsichtig. — Es ist einfach schwer… — Wie „schwer“? Ihr habt dort euer Leben verbracht! Das ist unser Haus, wir sind dort aufgewachsen, die Enkel besuchen euch… — Aljona, hör zu… — Nein, Mama, das könnt ihr doch nicht machen! Ihr gebt auf! Vera hielt das Handy fest. — Wir geben nicht auf. Wir entscheiden, wie unser Leben weitergeht. Aljona schwieg, dann sagte sie leise: — Ich komme am Samstag vorbei. Wir reden. Vera steckte das Handy weg und sah Sergej an. Er schwieg, aber er hatte alles gehört. Abends saßen sie in der Küche. Sergej kochte Tee, Vera schnitt Brot, doch keiner aß. — Vielleicht hat sie recht? — sagte Vera leise. — Vielleicht sind wir wirklich zu voreilig? Sergej schüttelte den Kopf. — Wir sind nicht voreilig. Wir haben entschieden, dass es Zeit ist. Ich kann keine Holzscheite mehr schleppen, kein Dach mehr flicken, und ich will im Winter nicht ständig Angst haben, eingeschneit zu werden. Ich möchte noch Kraft haben, mal verreisen, ins Theater gehen, spazieren. Nicht nur Löcher flicken und Haus in Schuss halten. Vera biss sich auf die Lippen. — Aber die Kinder… — Die Kinder sind erwachsen. Sie haben ihr eigenes Leben. Sie kommen zweimal im Jahr zu Besuch, wenn überhaupt. Aber wir sind jeden Tag hier. Vera nickte, war aber innerlich besorgt. Am Samstag kamen beide: Aljona und Pawel. Sergej deckte den Tisch, Vera hatte Kuchen gebacken. Alle saßen beisammen, doch die Stimmung war gedrückt. Aljona war angespannt, Pawel wirkte grimmig. Schließlich legte Aljona die Gabel beiseite: — Mama, Papa, erklärt mir bitte: Wollt ihr wirklich aus diesem Haus weg? Aus dem Haus, das ihr selbst gebaut habt und wo wir alle gelebt haben? Vera atmete durch. — Aljona, ich verstehe, dass es dir weh tut. — Sie schwieg. — Aber wir geben das Haus nicht auf. Wir wählen, wie wir weiterleben wollen. Wir sind beide über sechzig. Die Treppen fallen mir schwer, Sergej hat Schmerzen in den Knien. Im Winter brauchen wir einen halben Tag fürs Schneeschippen. Der Arzt ist weit weg, die Einkäufe auch. — Sie schaute Aljona in die Augen. — Wir möchten, dass das Alter Leben bleibt. Und nicht jeden Tag ein kleiner Kraftakt. Pawel mischte sich ein: — Aber das Haus ist unser Nest! Die Enkel kommen hierher… — Und das für eine Woche im Jahr, — entgegnete Sergej. — Und selbst dann ist es umständlich: kein Internet, die Dusche alt, eine Stunde bis in die Stadt. Wir halten das hier nicht für sie, sondern weil wir glauben, das Haus steht für etwas Wichtiges. Aber jetzt ist unser Leben dran, Pawel, nicht das Symbol. Aljona wurde blass. — Ihr habt euch also endgültig entschieden? Vera sah zu Sergej, der kurz nickte. — Ja, — sagte Vera. — Wir haben uns entschieden. Aljona stand auf. — Dann macht, was ihr wollt. Aber ich verstehe es nicht. Sie verließ die Küche. Pawel blieb noch eine Minute sitzen, murmelte: — Ich muss nachdenken, — und ging ebenfalls. Vera und Sergej blieben allein. Die Kuchen auf dem Tisch wurden kalt. Zwei Wochen dauerte die Bürokratie. Das Haus kaufte eine junge Familie aus der Stadt – genauso verliebt in den Garten und die Beete wie sie und Sergej damals. Vera übergab die Schlüssel und drehte sich weg. Der Umzug war im Oktober. Die Möbelpacker trugen Möbel, Kisten, Sachen hinaus. Sergej lief durch die leeren Räume, sah die blanken Wände, die Spuren der Bilder, die Kratzer auf dem Boden. Vera stand im Flur, den Schlüssel für die neue Wohnung in der Hand. — Es ist Zeit, — sagte sie leise. Sergej nickte, schloss die Tür ab und steckte den alten Schlüssel ein. In der ersten Woche in der neuen Wohnung wachte Sergej nachts auf und wusste nicht, wo er war. Die Stille war ungewohnt: keine knarrenden Bretter, kein Wind im Garten. Er stand auf, ging durch die Zimmer und schaute auf die Lichter der Stadt. Vera vermisste auch. Sie dachte an den Garten, an die Apfelbäume, daran, wie sie morgens das Fenster öffnete und Vogelgezwitscher hörte. Hier gab es einen Hof, Autos, Nachbarn. Aber langsam wurde das Neue zur Gewohnheit. Sergej entdeckte, dass die Arztpraxis fünf Minuten entfernt war – und keine Warteschlange. Vera fand in der Nähe eine Bibliothek mit Lesesaal und schaute regelmäßig dort vorbei. Abends spazierten sie im Park – jetzt war es ja nicht mehr weit. Eines Tages rief Pawel an und sagte knapp: — Papa, na schön. Vielleicht habt ihr recht. Meldet euch, ja? Sergej lächelte. — Natürlich. An einem Morgen Ende November schenkte Vera Tee ein, Sergej legte Kekse auf den Tisch. Auf dem Regal stand ein eingerahmtes Foto vom alten Haus: Zweistöckig, mit Dachgiebel, dem von Wein bewachsenen Eingang. — Schön war’s, — sagte Vera. — Ja, — stimmte Sergej ihr zu. Sie schwiegen einen Moment. — Weißt du, ich glaube, im Frühjahr könnten wir mal in den Süden fahren, — sagte Sergej. — Das wollten wir schon lange. Vera nickte. — Und ich habe gesehen: Dienstags gibt es einen Literaturkreis in der Bibliothek. Vielleicht gehen wir mal hin? — Lass uns das machen. Es klingelte. Vera öffnete: Aljona stand mit Sohn und Tochter vor der Tür, den Kuchen in einer Tüte. — Dürfen wir rein? — fragte Aljona leise. — Natürlich, — sagte Vera und machte Platz. Die Kinder zogen die Jacken aus. Aljona stellte den Kuchen auf den Tisch, blickte sich um. — Es ist gemütlich bei euch, — sagte sie. Vera lächelte. — Ja. Uns gefällt es. Sergej holte noch Stühle, Vera kochte frischen Tee. Die Enkel setzten sich aufs Sofa, Aljona zu ihrer Mutter. — Mama, Entschuldigung, — sagte sie leise. — Ich habe es einfach nicht gleich verstanden. Vera legte den Arm um ihre Schulter. — Das macht nichts. Wichtig ist, dass wir zusammen sind. Sie tranken Tee, sprachen über die Schule der Enkel, Aljonas Arbeit, und über ihre Pläne, im Frühjahr in den Süden zu reisen. Draußen regnete es. Vera nahm das Foto vom alten Haus aus dem Regal, betrachtete es und stellte es wieder zurück. Sergej schenkte ihr Tee nach. Aljona legte den Arm um ihre Mutter. — Mama, können wir Weihnachten bei euch feiern? — Natürlich, — sagte Vera.
Verrat: Wenn das Misstrauen zwischen Ehepartnern eine Familie zu zerstören droht