Verrat
Stefan hob die Hand zum Abschied:
Na dann, Gudrun, ich mach mich jetzt auf den Weg! Ich werde das Geld an meine Mutter überweisen, mach dir keine Sorgen.
Die Tür fiel hinter meinem Mann zu, und Gudrun ließ sich schwer auf den Hocker sinken und begann unvermittelt zu weinen.
Mama, was ist los? Unser Sohn tauchte in der Küche auf, Ist etwas passiert?
Ach, nichts, Gudrun war es peinlich, so schwach zu wirken, Nichts Schlimmes, mein Junge, ich bin nur ein bisschen niedergeschlagen und habe die Jungs satt. Johannes und Katja sind doch bei Oma in den Ferien.
Nein, meinte Dominik überzeugt, wegen schlechter Laune weint man doch nicht so bittere Tränen. Und mit den Geschwistern telefonierst du doch fast jeden Tag. Ich bin doch kein kleines Kind mehr, Mama, ich verstehe längst einiges.
Gudrun sah ihren sechzehnjährigen Sohn an, der mittlerweile größer war als sie, und sagte plötzlich das aus, wovor sie sich sogar selbst zugeben fürchtete:
Ich glaube, Papa wird uns bald verlassen, erklärte sie, als sie den fragenden Blick ihres Sohnes sah, Er hintergeht mich. Das geht schon seit fast einem halben Jahr
Dominik wusste nicht, wie er reagieren sollte. Er hatte gedacht, Mama hätte sich vielleicht mit jemandem auf der Arbeit zerstritten oder auf der Straße, oder vielleicht mit einer Freundin. Aber jetzt und ausgerechnet Papa?! Wie konnte so etwas passieren?! Zorn stieg in ihm auf, und seine Mutter bemerkte das sofort:
Dominik, lass gut sein. Solche Dinge spielen sich unter Erwachsenen ab, später wirst du es verstehen. Dein Vater ist im Grunde ein guter Mensch, aber man kann das Herz eben nicht zwingen.
Auch wenn sie das sagte, so glaubte Gudrun ihren eigenen Worten nicht. Am liebsten hätte sie geschrien, geheult, mit Gegenständen geworfen, doch stattdessen versuchte sie gerade ihrem ältesten Sohn einzureden, dem Vater zu vergeben und ihn zu verstehen! Dennoch ballte der Junge die Fäuste:
Soll er doch gehen, wir kommen auch ohne ihn klar! Was nützt ein leeres Versprechen, Treue zu halten?
Ach, mein Sohn, du sagst, du bist kein Kind mehr, aber jetzt benimmst du dich wie eines. Jeder Mensch kann Fehler machen, oder nicht? Dein Vater hofft bestimmt, es ist nur eine vorübergehende Schwärmerei, aber die Familie war und ist immer das Wichtigste für ihn
Mama, der reife Dominik wurde plötzlich ganz weich, Warum hat er das nur getan? Ich kann ihn nie wieder so respektieren wie früher!
Es wird schon alles wieder gut, mein Sohn, Gudrun strich ihm sanft über die Hand, Aber bitte sag deinen Geschwistern nichts, ja?
Und du auch nicht, bitte, Dominik wischte sich die Tränen ab, Die beiden sollen weiterhin an ihren starken und allwissenden großen Bruder glauben.
Gudrun warf einen Blick auf die Uhr:
Musst du nicht eigentlich zum Training?
Dominik sprang auf:
Mist, ich bin spät dran! Verdammt!
Gudrun, jetzt allein, fiel in Nachdenklichkeit. Im Gespräch mit ihrem Sohn hatte sie sich noch halbwegs gefasst, aber jetzt überwältigte sie der Schmerz und die Tränen kamen erneut:
Wie konntest du nur alles verraten, was wir aufgebaut haben?
Als sie Stefan kennenlernte, war er völlig ungebunden, immer umgeben von Frauen, die er scherzhaft seine Vögelchen nannte. Gudrun hatte klargestellt, nicht einfach ein weiteres Vögelchen sein zu wollen, da antwortete Stefan völlig ernst:
Warum noch eins? Es gibt nur das eine fürs Leben dich.
Und sie glaubte ihm, die Närrin Ganze 17 Jahre lang dachte sie, sie hätte das große Los gezogen! Drei Kinder, gemeinsam alles durchgestanden, in guten wie in schlechten Zeiten und doch hat er sie betrogen.
Alles fing vor einem halben Jahr an. Vielleicht sogar früher, aber es war ihr nicht aufgefallen? Nein, vermutlich Vor etwa sechs Monaten wurden sie zu einer Hochzeit eingeladen, Stefans Lieblingsneffe, Jürgen, heiratete. Gudrun konnte nicht mitkommen, schickte ihren Mann aber los, weil es nicht zu vermeiden war, er die Familie nicht enttäuschen durfte. Stefan wehrte sich pro forma, aber sie wusste, wie wichtig solche Anlässe der Familie waren. Später sah Gudrun sich Fotos der Feier im Netz an und bemerkte, dass sich eine junge Frau ständig an Stefan klammerte! Da empfand sie schon ein komisches Gefühl, sprach ihn sogar darauf an. Ihr Mann aber antwortete zerstreut:
Was? Welche Frau? Ach so, wahrscheinlich eine Freundin der Braut. Ich weiß auch nicht, wieso die immer neben mir steht. Du bist wohl eifersüchtig, Gudrun? Stefan lachte, Aber ehrlich, die ist nicht mein Typ!
Sie glaubte ihm, weil die Frau wirklich nicht nach dessen Geschmack aussah, das wusste sie immerhin genau! Aber schon eine Woche später kamen seltsame Anrufe zuhause, es wurde einfach geschwiegen. Gudrun erzählte das ihrem Mann:
Weißt du, es rufen Leute an, schweigen und seufzen. Jetzt wollen sich wohl auch schon Dominiks Vögelchen bei uns einmischen!
Nach dieser Beschwerde hörten die Anrufe auf, aber Gudrun brachte das damals nicht mit Stefans Reaktion in Zusammenhang. Viel später fiel ihr das auf als er, der sonst Jeans und Pullover trug, plötzlich im Anzug, Hemd und mit Krawatte erschien, ganz zu schweigen davon, dass er jetzt teure Parfums nutzte statt dem Billigwasser aus alten Zeiten. Und dazu kamen regelmäßige Überstunden im Büro Als Gudrun nachfragte, erklärte Stefan ganz selbstverständlich:
Wir haben, Gudrun, gerade ein strategisch wichtiges Projekt laufen! Keine Ahnung, wie lange das dauert, aber danach! Stefan schloss die Augen, als würde er träumen, Danach gönnen wir uns alles Mögliche, machen einen tollen Urlaub, kaufen dir den Mantel, den du dir gewünscht hast, und Dominik bekommt ein Hoverboard oder vielleicht sogar ein Quad. Ich halte das durch, okay?
Ab da kam Stefan nicht nur immer später nach Hause, sondern war auch am Wochenende oft nicht aufzufinden. Kaum hatte man irgendetwas als Familie geplant, kam ein Anruf und ein schuldiger Blick:
Gudrun, ich muss noch mal ins Büro. Dringend, tut mir leid
Gudrun wollte damals die Frau aus den Hochzeitsfotos finden, ihr die Meinung geigen, sie am liebsten ohrfeigen oder beschimpfen, aber aus Angst vor Versuchungen verzichtete sie darauf, überhaupt deren Namen oder Adresse zu ermitteln.
Nach einem halben Jahr solchen Lebens wurde Gudrun fast zur Neurotikerin. Unter Menschen oder mit den Kindern zog sie tapfer durch, aber allein ließ sie ihrem Kummer freien Lauf. Nach dem Gespräch mit ihrem ältesten Sohn war ihr klar:
Ich muss reden. Irgendetwas tun, damit Dominik nicht anfängt, seinen Vater zu hassen!
Doch Stefan kam ihr zuvor. Er rief an und schlug ein Essen im Restaurant vor:
Gudrun, wir müssen reden. Am besten ohne die Kinder.
Gudrun lächelte traurig: Kein Skandal in der Öffentlichkeit, er weiß ganz genau, dass ich mir das nicht erlauben würde.
Erst wollte sie ganz gewöhnliche Sachen anziehen, warum sich noch extra schick machen? Dann überlegte sie, direkt aus dem Garten zu kommen, damit er sich schämt! Doch eine gute Stunde vor dem Termin überlegte sie es sich plötzlich:
Ich muss heute besser aussehen als je zuvor! Soll er ruhig sehen, was er aufs Spiel setzt!
Der Taxifahrer betrachtete sie im Rückspiegel. Beim Bezahlen sagte er unvermittelt:
So eine hübsche Frau und so traurig? Machen Sie sich keine Sorgen, es wird alles gut!
Dieser kleine unerwartete Zuspruch hob kurz ihre Stimmung, und Gudrun betrat das Restaurant mit einem Lächeln. Stefan wartete mit einer Rose das überraschte sie: Will er sich trennen, wozu dann Blumen? Oder ist das das Symbol Blumen aufs Grab ihrer Liebe? Gudrun musste lächeln bei so eigenartigen Gedanken das ist sonst gar nicht ihre Art!
Sie aßen miteinander, sprachen belangloses Zeug. In Gudruns Inneren spannte sich etwas bereit, jeden Moment zu reißen. Schließlich konnte sie nicht mehr an sich halten:
Stefan, du wolltest doch über etwas sprechen
Er nickte:
Richtig. Also Gudrun, ich komme gleich zur Sache, er stockte, als sammle er Mut, Ich habe überlegt Wärst du sehr dagegen, wenn wir dieses Jahr doch keinen Urlaub machen, keinen neuen Mantel kaufen und auch kein Quad für Dominik?
Die innere Spannung in Gudrun war kurz vor dem Ausbruch, doch Stefan fuhr fort:
Wir haben heute das Gehalt bekommen, mit Bonus, fast das Doppelte wie sonst. Da dachte ich, Dominik ist schon sechzehn, bald steht er auf eigenen Beinen. Vielleicht sollten wir das Geld lieber in eine Wohnung für ihn investieren? Wenn wir jetzt was Gutes anlegen, ist das eine tolle Überraschung zum 18. Geburtstag, was meinst du?
Ich verstehe, Stefan, wollte Gudrun ruhig sagen, doch dann stockte sie, Was?! Eine Wohnung? Für wen?
Hast du das gar nicht mitbekommen? Und überhaupt, in den letzten Monaten bist du total zerstreut. Was ist eigentlich los, Gudrun?
Danach wurde Stefan laut. Im Restaurant hielt er sich noch zurück, doch draußen ließ er seiner Wut freien Lauf:
Bist du noch ganz bei Sinnen?! Welche Affäre, was für Untreue? Ich habe dir doch genau erklärt, ein wichtiges Projekt, da muss ich flexibel sein! Du hast nie etwas dagegen gesagt, ich hab dich überall für deine Coolness gelobt! Und dann kommst du mit so einem Unsinn!
Sie gingen zu Fuß nach Hause, während Gudrun ihrem aufgebrachten Mann lächelnd zuhörte. Jetzt empfand sie seine Vorhaltungen und das Schimpfen wie eine wunderbare Melodie. Vor der Haustür beruhigte sich Stefan schließlich. Er blieb stehen und sagte:
Habe ich dir nicht einmal gesagt, dass ich meine Eine gefunden habe? Habe ich dich je angelogen?!
Dominik hatte keinen guten Tag, Mamas Geständnis am Morgen hatte ihn völlig durcheinandergebracht. Erst kam er zu spät zum Training und bekam Ärger vom Coach, dann lief alles im Training schief, weil er mit dem Kopf woanders war. Mit seinem Kumpel zankte er sich über eine Kleinigkeit, dann streifte er lange ziellos durch die Stadt, auf der Suche nach Problemen. Er hoffte sogar, dass ihn jemand provozieren oder angreifen würde, damit er seinen unterdrückten Zorn rauslassen konnte. Selbst anfingen konnte er nicht, sein Gewissen verbot es ihm. Doch es fanden sich keine Halbstarken, niemand forderte ihn heraus, und so kehrte er spätabends heim und sah vorm Haus ein Paar, das sich küsste. Den Mantel seiner Mutter erkannte er sofort sein Herz krampfte sich zusammen. Während er den Vater des Verrats bezichtigt hatte, war die Wahrheit doch ganz woanders! Mit geballten Fäusten stürmte er los
Ach, Sohnemann, Stefan lächelte ein wenig verlegen, wir sind gerade nach Hause gekommen
Schön, wenn alles am Ende doch noch gut ausgeht, oder?




