Mit leichtem Gepäck
Klaus stellt den Eimer mit Werkzeug an die Schlafzimmertür und atmet tief durch. Eine halbe Stunde hat er sich mit dem klemmenden Schrankschloss herumgeschlagen, jetzt schmerzen die Knie, als wären stramme Gummibänder darin gespannt. Für einen Moment bleibt er stehen und blickt auf das Geländer, das er vor dreißig Jahren selbst gezimmert hat damals, als das Haus gerade gebaut wurde. Damals zitterten die Hände noch nicht, die Treppe erschien bequem, fast festlich.
Heute ist sie nur noch ein Hindernis.
Unten ruft Helga:
Klaus, bist du da?
Ja, ruft er zurück. Bin gleich unten.
Doch er geht nicht sofort. Er tritt ins Schlafzimmer, stellt den Eimer an den Schrank, wischt die Hände an der Hose ab. Durch das Fenster sieht man den Garten: die Beete sind umgegraben, aber inzwischen auch halb von Unkraut überwuchert. Im Frühling konnte er noch drei Stunden mit der Hacke arbeiten, doch am Ende des Sommers musste er feststellen, dass der Garten ihn besiegt hat. Helga besteht auch nicht darauf, sie sammelt einfach wortlos die Möhren und die Rote Bete ein, die gewachsen sind.
Klaus!
Er dreht sich um und macht sich auf den Weg nach unten, klammert sich mit beiden Händen an das Geländer.
Helga steht im Flur, in Jacke, mit dem Handy in der Hand.
Die Maklerin hat angerufen. Sie meint, es gibt ein Angebot in der Lindenstraße. Dreizimmerwohnung, vierter Stock, mit Aufzug. Wir können morgen besichtigen.
Klaus nickt. Die beiden sprechen schon seit Wochen darüber, aber jedes Mal bleibt das Gespräch im Ansatz stecken, als würde man sich vor der endgültigen Entscheidung scheuen.
Willst du wirklich? fragt er.
Helga sieht ihn lange an, dann sagt sie:
Ich möchte keinen Winter mehr Schnee bis zum Tor schippen müssen. Ich will den Arzt in zehn Minuten zu Fuß erreichen können, nicht ewig auf den Bus warten. Ich möchte, dass wir Zeit haben, einfach zu leben und nicht nur das Haus in Schuss zu halten.
Klaus nickt langsam.
Dann sehen wir uns die Wohnung an.
Die Wohnung in der Lindenstraße ist hell, hat große Fenster und einen frischen Anstrich. Helga geht von Raum zu Raum, wirft einen Blick in die Küche, öffnet den Garderobenschrank. Die Maklerin erzählt etwas über Nebenkosten und Nachbarn, aber Helga hört nur halb zu. Sie stellt sich vor, wo das alte Sofa stehen wird, wie Klaus Bücherregale anbringt, wie sie selbst die Gardinen auswählt.
Das würde genügen. Mehr als genug.
Als sie hinausgehen, sieht Helga auf ihr Handy und bemerkt eine verpasste Nachricht von ihrer Tochter. Sie ruft zurück.
Mama, stimmt das? Alinas Stimme klingt angespannt. Julian sagt, ihr wollt das Haus verkaufen?
Helga bleibt auf der Treppe stehen. Klaus kommt dazu. Letzte Woche hatte sie Julian nur beiläufig erwähnt, dass sie einen Umzug in die Stadt erwägen, näher an die Arztpraxis. Sie dachte nicht, dass er es direkt Alina erzählen würde.
Wir denken darüber nach, sagt sie vorsichtig. Uns fällt es zunehmend schwer
Wie, schwer? Ihr habt euer ganzes Leben dort verbracht! Das ist unser Zuhause, wir sind dort aufgewachsen, die Enkel kommen zu Besuch
Alina, hör zu
Nein, Mama, wie könnt ihr das tun? Ihr gebt auf!
Helga drückt das Handy fester.
Wir geben nicht auf. Wir entscheiden, wie wir weiterleben wollen.
Alina schweigt, dann sagt sie leise:
Ich komme am Samstag vorbei. Dann reden wir.
Helga legt das Handy weg und sieht zu Klaus hinüber. Er schweigt, doch sein Gesicht zeigt, dass er alles mitgehört hat.
Am Abend sitzen sie in der Küche. Klaus kocht Tee, Helga schneidet Brot, aber keiner von ihnen greift zu.
Vielleicht hat sie Recht? sagt Helga leise. Vielleicht überstürzen wir das?
Klaus schüttelt den Kopf.
Wir überstürzen nichts. Wir haben einfach entschieden, dass es Zeit ist. Ich bin müde vom Holz schleppen, vom Dach reparieren, von der Angst, im Winter nicht mehr rauszukommen. Ich möchte noch Kraft für Ausflüge haben, für einen Theaterbesuch, für Spaziergänge. Nicht nur Löcher stopfen und fit bleiben fürs Haus.
Helga hört ihm zu und beißt sich auf die Lippe.
Aber die Kinder
Die Kinder sind erwachsen. Sie haben ihr eigenes Leben. Sie kommen zwei Mal pro Jahr, wenn überhaupt. Aber wir sind jeden Tag hier.
Helga nickt, bleibt aber innerlich unruhig.
Am Samstag kommen beide: Alina und Julian. Klaus deckt den Tisch, Helga hat Streuselkuchen gebacken. Alle setzen sich, aber das Essen schmeckt keinem. Alina bleibt angespannt, Julian ist wortkarg.
Schließlich legt Alina die Gabel hin und fragt:
Mama, Papa, erklärt mir das. Ihr wollt wirklich das Haus verlassen? Das Haus, das ihr gebaut habt, in dem wir alle gelebt haben?
Helga atmet aus.
Alina, ich weiß, dass es für dich schwer ist. Sie schweigt kurz. Aber wir lassen das Haus nicht einfach zurück. Wir entscheiden, wie unser Leben weitergeht. Wir sind beide über sechzig. Mir fällt das Treppensteigen schwer, bei deinem Vater tun die Knie weh. Im Winter verbringen wir halbe Tage nur mit Schnee räumen. Arzt und Einkauf liegen weit weg. Sie sieht ihrer Tochter in die Augen. Wir möchten, dass das Alter einfach Leben bleibt. Nicht ein täglicher Kraftakt.
Julian mischt sich ein:
Aber das ist doch unser Familiennest! Die Enkel kommen hierher
Die Enkel sind einmal im Jahr für ein paar Tage da, sagt Klaus. Und auch sie finden es unbequem: Kein gutes WLAN, keine moderne Dusche, die Stadt ist eine Stunde mit dem Bus entfernt. Wir halten das Haus nicht für sie, sondern weil wir es als etwas Symbolisches sehen. Aber wir müssen leben, Julian nicht nur ein Symbol erhalten.
Alina wird blass.
Also steht euer Entschluss fest?
Helga schaut Klaus an, er nickt.
Ja, sagt sie. Er steht fest.
Alina erhebt sich vom Tisch.
Dann macht, was ihr wollt. Ich verstehs nicht.
Sie verlässt die Küche. Julian bleibt noch kurz sitzen, murmelt dann:
Ich muss nachdenken, und geht ebenfalls.
Helga und Klaus sitzen allein da. Der Kuchen wird kalt.
Zwei Wochen dauert die Abwicklung. Das Haus kaufen ein junges Paar aus der Stadt so jung wie sie und Klaus damals waren. Mit leuchtenden Augen schauen sie auf den Garten, sprechen über Beete und Gewächshaus. Helga übergibt die Schlüssel und dreht sich weg.
Der Umzug ist im Oktober. Möbelpacker tragen alles hinaus: Möbel, Kisten, Sachen. Klaus geht durch die leeren Zimmer, sieht die nackten Wände, die Spuren der Bilder, die Kratzer auf dem Boden. Helga steht im Flur und hält die Schlüssel für die neue Wohnung in der Hand.
Es wird Zeit, sagt sie leise.
Klaus nickt, schließt ab und steckt die alten Schlüssel in die Tasche.
Die erste Woche im neuen Zuhause wacht Klaus nachts auf, weiß nicht, wo er ist. Die Stille ist ungewohnt: keine knarrenden Dielen, kein Wind im Garten. Er läuft durch die Räume, blickt aus dem Fenster auf die Lichter der Stadt.
Helga vermisst auch den Garten, die Apfelbäume, das morgendliche Vogelzwitschern beim Fenster öffnen. Hier sieht sie den Hinterhof, Autos, Stimmen der Nachbarn.
Doch allmählich werden die neuen Dinge zur Routine. Klaus stellt fest, dass er in fünf Minuten zu Fuß beim Arzt ist, ohne Wartezeit. Helga entdeckt die nahe Stadtbibliothek mit Lesezimmer und geht jetzt regelmäßig dorthin. Abends spazieren sie gemeinsam durch den Park, denn der ist nun ganz in der Nähe.
Einmal ruft Julian an und sagt knapp:
Papa, ist schon gut. Vielleicht habt ihr recht. Aber verschwindet uns nicht, ja?
Klaus lächelt.
Wir verschwinden sicher nicht.
Morgen Ende November. Helga gießt Tee ein, Klaus stellt Gebäck auf den Tisch. Im Bücherregal steht ein gerahmtes Foto vom alten Haus: zweistöckig, mit Dachausbau, von wildem Wein umranken.
Es war schön, sagt Helga.
Es war, bestätigt Klaus.
Sie schweigen.
Weißt du, vielleicht könnten wir im Frühjahr mal an die Ostsee fahren, sagt Klaus. Das wollten wir schon lange.
Helga nickt.
Und ich habe eine Anzeige gesehen: In der Bibliothek ist dienstags ein Literaturkreis. Wollen wir mal hingehen?
Gerne.
Es klingelt an der Tür. Helga öffnet vor ihr steht Alina mit ihrem Sohn und ihrer Tochter. In den Händen hält sie einen Beutel mit Apfelstrudel.
Dürfen wir rein? fragt Alina leise.
Natürlich, sagt Helga und tritt zur Seite.
Die Kinder ziehen die Jacken aus. Alina stellt den Kuchen auf den Tisch, schaut sich die Wohnung um.
Es ist wirklich gemütlich bei euch, sagt sie.
Helga lächelt.
Ja. Es gefällt uns.
Klaus holt noch Stühle, Helga macht frischen Tee. Die Enkel kuscheln sich aufs Sofa, Alina setzt sich zu ihrer Mutter.
Mama, es tut mir leid, sagt sie leise. Ich habe das zuerst nicht verstanden.
Helga legt den Arm um ihre Schulter.
Ist nicht schlimm. Wichtig ist, dass wir zusammen sind.
Sie trinken Tee, sprechen über die Schule der Enkel, Alinas Arbeit, über Pläne für den Frühling an der Ostsee. Draußen regnet es leise. Helga steht auf, nimmt das Foto vom alten Haus aus dem Regal, betrachtet es und stellt es wieder zurück. Klaus schenkt ihr Tee nach. Alina legt ein weiteres Mal den Arm um ihre Mutter.
Mama, dürfen wir Weihnachten bei euch feiern?
Natürlich, sagt Helga.




